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Bolusgeschehen (RD)

Bolus, Verschlucken
26 Minuten Lesezeit

Ein Bolusgeschehen ist eine akute Atemwegsverlegung, die den Atemweg komplett oder teilweise blockiert. Die häufigste Ursache ist das akzidentelle Verschlucken von Fremdkörpern. Durch die Einschränkung des Atemflusses handelt es sich hier um eine lebensbedrohliche Situation, die umgehend behandelt werden sollte. 

Die Leitsymptome sind akut auftretende Dyspnoe in Kombination mit Husten während des Essens. Es kommt infolgedessen auch zu Zyanose, Panik und einem potenziell nur einseitigen Atemgeräusch.

Die Behandlung folgt einem ganz bestimmten Schema. Bei effektivem Husten soll der oder die Betroffene lediglich zu weiterem Husten angeregt werden. Ist oder wird das Husten ineffektiv, sollen zuerst 5 Rückenschläge mit Erfolgskontrolle nach jedem Schlag durchgeführt werden. Besteht die Symptomatik weiterhin, sollen 5 Heimlich-Manöver, ebenfalls mit Erfolgskontrollen, durchgeführt werden. Diese Maßnahmen werden im Wechsel wiederholt, bis eine Besserung oder Bewusstlosigkeit eintritt. Bewusstlosigkeit ist in diesem Fall mit einem Atem-Kreislaufstillstand gleichzustellen.  

Um den Einstieg in das Thema Bolusgeschehen etwas zu erleichtern, wird im Folgenden ein Fall beschrieben, wie er sich präklinisch ereignen könnte.

Das Szenario

Einsatzmeldung:

  • Stichwort: Akute Atemnot, Bolusgeschehen
  • Ort: Mehrparteienhaus
  • Alarmzeit: 16:20 Uhr
  • Anrufer:in: Ehemann
  • Anzahl der betroffenen Personen: 1
  • Zusatzinfo:
    • 74-jährige, weibliche Patientin
    • Akut aufgetretene Atemnot während des Essens

Lageeinweisung vor Ort:

Beim Eintreffen des Rettungsdienstes steht der Ehemann der Patientin vor dem Wohnhaus und weist euch den Weg in die Wohnung. 

Die Lage ist wie folgt:

  • Im Esszimmer stützt sich die Patientin, um Luft ringend, an einer Stuhllehne ab
  • Der Ehemann erzählt, sie habe sich wohl beim Essen verschluckt
  • Zuerst habe sie noch gehustet, doch dann sei sie still geworden und panisch aufgestanden
Fallbeispiel: Bolusgeschehen (RD)

Ersteindruck nach xABCDE-Schema

Um sich einen ersten umfassenden Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten in einer Notfallsituation zu verschaffen, bietet sich das xABCDE-Schema an. Um die Arbeit mit dem Schema zu veranschaulichen, ist hier ein xABCDE-Schema abgebildet, wie es im Falle einer Ersteinschätzung bei einer Patientin oder einem Patienten mit Bolusgeschehen aussehen könnte.

Es handelt sich dabei um die Befunde, die innerhalb der ersten paar Minuten erhoben werden können. Erweiterte Diagnostik und Abfragen sind natürlich von Bedeutung, jedoch würde zum Beispiel die Messung des Blutzuckers (außer bei unklarer Bewusstlosigkeit) in diesem Fall hintangestellt.

x
  • Keine kritischen Blutungen
A
  • Atemwege verlegt
  • Schleimhäute zyanotisch
  • Patientin kann nicht sprechen

Akutes 
A-Problem

B
  • Inspektorisch:
    • Keine Thoraxexkursionen
    • Gestaute Halsvenen sichtbar
  • Auskultatorisch:
    • Keine Atemgeräusche hörbar
  • Palpatorisch:
    • Thorax insgesamt stabil
  • SpO2: 81 %

Akutes 
B-Problem

C
  • Hautkolorit zyanotisch
  • Insgesamt schweißig
  • Recap-Zeit: 3 Sekunden
  • Große Blutungsräume ohne Zeichen auf akute Blutungen
  • Palpation des Pulses an der A. radialis:
    • Rhythmisch
    • Schwach tastbar
    • Tachykard bei 110/Minute
  • Blutdruck: 100/65 mmHg

Mittelbares 
C-Problem

D
  • Wach, panisch
  • GCS 12
    • Öffnen der Augen: 4
    • Beste verbale Reaktion: 2 (aufgrund des Bolusgeschehens)
    • Beste motorische Reaktion: 6
  • Pupillenkontrolle:
    • Isokor
    • Mittelweit
    • Lichtreagibel

Kein 
D-Problem

E
  • Keine Verletzungen ersichtlich
  • Symptome:
    • Akute Atemnot
    • Panik
  • Allergien / Infektionen: keine bekannt
  • Medikamente: Ramipril
  • Patientengeschichte: immer wieder Blutdruckprobleme
  • Letzte Mahlzeit: zu Beginn der Symptomatik vor etwa 8 Minuten
  • Ereignis: akut aufgetretene Atemnot nach Verschlucken
  • Risikofaktoren: keine

Kein 
E-Problem

 Achtung

Das hier gezeigte Assessment vermittelt nur einen exemplarischen ersten Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten. Im Verlauf der Behandlung müssen weitere Maßnahmen ergriffen und Informationen gesammelt werden. Das Schema erhebt daher keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern soll lediglich einen praktischen Einstieg in das Thema ermöglichen.

 Definition
Bolusgeschehen (auch Atemwegsverlegung genannt) bezeichnet eine teilweise oder vollständige Blockade der Atemwege, die den Luftfluss in die Lunge einschränkt oder verhindert. Im Fall des Bolusgeschehen ist die Aspiration eines Fremdkörpers ursächlich für die Verlegung. Eine Atemwegsverlegung kann auch von Schwellungen, Entzündungen oder anatomische Anomalien verursacht werden und zu Atemnot oder Erstickungsgefahr führen.
  • Akzidentielle Aspiration von Fremdkörpern
    • Am häufigsten sind Kinder unter 3 und Menschen über 65 Jahren betroffen
  • Dysphagie (=Schluckstörung)
  • Bewusstseinstrübung
 Info

Auch andere Krankheitsbilder können sekundär zu einer Atemwegsverlegung führen. Dazu gehören zum Beispiel die Anaphylaxie, Infektionen, Trauma, Karzinome und einige weitere.

 Merke
Reminder: Physiologische Grundlagen
  • Der rechte Hauptbronchus weist einen steileren Winkel auf und hat einen größeren Durchmesser als der linke Hauptbronchus
  • Fremdkörper rutschen eher in die rechte Lunge
  • Durch Schleimhautreizung, (zum Beispiel durch einen Fremdkörper) werden Schutzreflexe ausgelöst
  • Niesen (schützt die oberen Atemwege wie Nasenhöhle und Rachen) und Husten schützt die unteren Atemwege (Bronchien) 
Trachea

Aspiration von Fremdkörpern:

  • Fremdkörper wie Nahrung, Erbrochenes oder kleine Gegenstände können beim Verschlucken zu einer Atemwegsverlegung führen
  • Besonders betroffen sind Kinder und ältere Menschen
  • Je nach Größe und Lage kann der Fremdkörper in verschiedenen Abschnitten der Atemwege stecken bleiben und unterschiedlich starke Beschwerden verursachen

Dysphagie:

  • Schluckstörung, häufig infolge neurologischer Erkrankungen
  • Kann zu einer stillen Aspiration führen → kein Husten- oder Würgereflex wird ausgelöst

Bewusstseinstrübung:

Schutzreflexe wie Würgen und Husten eingeschränkt oder ausgefallen

 Achtung

Eine Atemwegsverlegung / Atemwegsobstruktion kann auch die Folge von anderen Krankheitsbildern sein. Dazu gehören zum Beispiel Anaphylaxie, Asthma, COPD, Infektionen, Trauma oder Karzinome.

Mechanismen der Atemwegsverlegung

  • Ventilstenose (partielle Verlegung):
    • Einlass von Luft beim Einatmen, aber eingeschränkter Auslass beim Ausatmen
    • Führt zu Air trapping (Luftfalle) mit Überblähung des betroffenen Lungenabschnitts
  • Komplette Verlegung:
    • Keine Belüftung distal des Fremdkörpers
    • Führt zu Atelektase (Zusammenfallen des betroffenen Lungenareals)
Fremdkörperaspiration
 Merke
Zusammenfassung: Die kritischen Probleme eines Bolusgeschehens
  • Partielle oder vollständige Verlegung der Atemwege → Hypoxie
  • Bei unvollständiger Verlegung → Air Trapping
  • Bewusstseinsverlust → Ausfall der Schutzreflexe

Je nachdem, ob es sich um eine vollständige oder eine partielle Verlegung der Atemwege handelt, äußern sich verschiedene Symptome.

MerkmalPartielle VerlegungVollständige Verlegung
LuftstromNoch vorhandenKein Luftstrom
AtemnotVorhandenVorhanden (schwer ausgeprägt)
GeräuscheStridor (pfeifend/ziehend)Keine Atemgeräusche
HustenMöglichNicht möglich
SprechenEingeschränktNicht möglich
AllgemeinzustandAngst, UnruheStarke Panik
AtmungTachypnoeInverse Atmung möglich
HautfarbeGgf. ZyanoseAusgeprägte Zyanose
BewusstseinMeist erhaltenGefahr der Bewusstlosigkeit
 Info
Einzelne Symptome können sowohl bei partieller als auch bei vollständiger Atemwegsverlegung auftreten und sind daher immer im Gesamtkontext zu beurteilen.
 Merke
Aus einer partiellen Verlegung kann jederzeit eine vollständige Atemwegsverlegung entstehen!
 Achtung

Bewusstlosigkeit infolge einer Atemwegsverlegung stellt eine akute lebensbedrohliche Situation dar und führt unbehandelt rasch zum Kreislaufstillstand.

Aktuelle Anamnese

Eigenanamnese:

Eine Eigenanamnese wird durchgeführt, wenn die betroffene Person in der Lage ist, selbst Auskunft über ihren aktuellen Zustand zu erteilen.

  • S (Symptome): plötzlicher Beginn, akute Atemnot, ggf. Unfähigkeit zu husten, kein Sprechen möglich, Panik, ggf. Stridor hörbar, Unfähigkeit zu sprechen
  • A (Allergien, Infektionen): Für das Akutereignis nicht relevant, im Nachgang normale Anamnese 
  • M (Medikation): Für das Akutereignis nicht relevant, im Nachgang normale Anamnese über Dauer- oder Bedarfsmedikation
  • P (Patientengeschichte):
    • Mögliche Auslöser Essen, körperliche Anstrengung, allergische Reaktionen
    • Erste-Hilfe-Maßnahmen (Heimlich-Manöver) bereits erfolgt?
  • L (Letzte…): Mahlzeit vor einigen Minuten
  • E (Ereignis): Erstickungsunfall, z.B. in Zusammenhang mit Essen/Trinken oder Kleinteilen
  • R (Risiko): Hinweise auf erhöhte Gefahr durch Intoxikation? Schluckstörungen? Atemwegserkrankungen?
  • S (Schwangerschaft): Mögliche Schwangerschaft beachten
 Tipp
Nutze Schemata

Um die Anamnese strukturiert durchzuführen, bietet es sich an Schemata, wie das SAMPLERS oder OPQRST-Schema zu nutzen. Am obigen Beispiel haben wir Fragen und Befunde dargestellt, die bei Verdacht auf ein Bolusgeschehen abgefragt werden sollten und vorliegen könnten. 

Fremdanamnese:

Eine Fremdanamnese wird durchgeführt, wenn die betroffene Person nicht selbst fähig ist, Auskunft über den eigenen Zustand zu erteilen (z.B. Bewusstlosigkeit, vollständige Atemwegsverlegung, Demenz).

  • Genauer Vorfall (z.B. von Insekt gestochen worden, Einsetzen der Beschwerden beim Essen)
  • Zustand vor Bewusstlosigkeit (z.B. Husten, Fieber, Halsschmerzen)
  • Bereits erfolgte Erste-Hilfe-Maßnahmen (Heimlich-Manöver)?
  • Notfallmedikamente (z.B. Epi-Pen, Allergietabletten)
 Info

Nach der Durchführung eines Heimlich-Manövers, muss die betroffene Person hospitalisiert werden, auch wenn sich die Symptomatik gebessert hat. Aufgrund der Krafteinwirkung auf die Bauchorgane kann es zu Verletzungen kommen. 

Klinische Untersuchung

Inspektion:

  • Visuelle Inspektion der Atemwege (Erbrochenes, zurückgefallene Zunge, hochliegender verschluckter Gegenstand, Schwellung, etc.)
  • Beurteilung der Schleimhäute (Zyanose)
  • Thoraxexkursionen (nicht seitengleich, inverse Atmung)
  • Haut (z.B. Blässe, Kaltschweißigkeit, Zyanose, Marmorierung → Schock/Hypoxie)

Palpation:

  • Von außen tastbare Schwellung oder Ausbuchtung der Trachea

Perkussion:

  • Je nach Art und Ausmaß der Atemwegsverlegung kann der Klopfschall hypersonor (=hohl) oder gedämpft sein

Auskultation:

  • Pfeifen, Giemen, Stridor, fehlendes Atemgeräusch
 Achtung

Einseitige Geräusche sind bei Intubation mit gleichzeitiger Atemwegsverlegung normal! In diesem Fall ist eine Lungenhälfte durch den Bolus blockiert und lässt keine Luft hindurch.

 Info

Auf Differenzialdiagnosen wie Anaphylaxie und die dafür typischen Symptome achten!

 Tipp
Perkussion in der Präklinik:

Insbesondere im präklinischen Setting kann es aufgrund der Umgebungsgeräusche schwierig sein, die Auskultation oder Perkussion adäquat interpretieren zu können. Nehmt euch ausreichend Zeit und weist eure Kolleg:innen sowie andere am Einsatz beteiligte Personen darauf hin, leise zu sein, um einen genauen Befund erheben zu können.

Erfahrungsgemäß wird die Perkussion jedoch vor Ort fast gänzlich vernachlässigt, da die fehlende Übung am Einsatz beteiligter Personen die Behandlung unnötig verzögern würde.

Vitalparameter:

Abhängig vom Fortschreiten der Symptomatik

  • Niedrige Sauerstoffsättigung
  • Veränderte Atemfrequenz, kann von Bradypnoe, über Tachypnoe bis Apnoe reichen
  • Zuerst Tachykardie, dann Bradykardie
  • Hypotonie
  • Fieber ist möglich
  • Verlängerte Rekapillarisierungszeit

Weitere Diagnostik:

  • Laryngoskop zur Inspektion der unteren Atemwege und gegebenenfalls Entfernen eines Fremdkörpers mittels Magill-Zange
 Achtung

Bei Verdacht auf eine Schwellung als Ursache für die Atemwegsverlegung sowie bei Kindern, ist besondere Vorsicht geboten. Aufgrund der bereits gereizten Schleimhaut bzw. der empfindlichen Schleimhaut bei Kindern besteht hier ein größeres Risiko für Komplikationen.

 Info

Die dargestellten Maßnahmen orientieren sich an den Empfehlungen des Deutschen Berufsverbands Rettungsdienst (DBRD) und werden durch weitere spezifische, leitliniengerechte Maßnahmen ergänzt, um eine strukturierte und evidenzbasierte Versorgung von Patient:innen sicherzustellen.

 Merke

Beim Bolusgeschehen steht primär das mechanische Freimachen und Sichern der Atemwege im Vordergrund, nicht die Pharmakotherapie. Erst nach erfolgreicher Atemwegssicherung folgen weiterführende Maßnahmen wie Sauerstoffgabe, Beatmung und Monitoring.

Basismaßnahmen

  • Zum Husten auffordern
  • Schweregrad der Fremdkörperaspiration einschätzen
  • Kontinuierliche Beurteilung und Überwachung, besonders der Vigilanz
  • Beruhigung

Maßnahmen nach Altersgruppe:

AltersgruppeBei BewusstseinBewusstlos
Säugling (< 1 Jahr)
  • 5 kräftige Rückenschläge (zwischen die Schulterblätter)
  • Wenn nicht erfolgreich 5 Thoraxkompressionen
  • Anschließend Wechsel zwischen Rückenschlägen und Bruststößen
  • Fortführen bis Fremdkörper entfernt oder Säugling bewusstlos wird
  • Atemwege öffnen
  • 5 Beatmungen 
  • Ggf. Absaugen von Sekreten und kleineren Fremdkörpern
  • CPR 15:2
Kind (> 1 Jahr) und Erwachsene
  • 5 kräftige Schläge zwischen die Schulterblätter
  • Wenn nicht erfolgreich → 5 Oberbauchkompressionen (Heimlich-Manöver) 
  • Anschließend Wechsel zwischen 5 Rückenschlägen und 5 abdominellen Kompressionen
  • Fortführen bis Fremdkörper entfernt oder Patient:in bewusstlos wird
  • CPR 30:2
  • Ggf. Absaugen von Sekreten und kleineren Fremdkörpern
 Tipp
Oberbauchkompressions-Manöver
Heimlich-Manöver:

Das Heimlich-Manöver wird bei einer Fremdkörperverlegung der Atemwege angewendet, wenn der Patient nicht mehr effektiv husten oder sprechen kann.

Zur Durchführung stellt man sich hinter den Patienten, umfasst ihn von hinten und platziert eine Faust zwischen Nabel und Rippenbogen. Die andere Hand greift die Faust. Anschließend werden mehrere kräftige, ruckartige Druckstöße nach innen und oben ausgeführt, um den Fremdkörper zu lösen.

Bei Säuglingen wird das Heimlich-Manöver nicht angewendet. Hier erfolgen stattdessen Rückenstöße und Thoraxkompressionen.

Spezifische Maßnahmen 

Strukturen des Kehlkopfs
Strukturen des Larynx
  • Direkte Laryngoskopie + Versuch der Fremdkörperentfernung mittels Maggil-Zange
  • Sicherung der Atemwege durch:
    • Supraglottische Atemwegshilfe
    • Endotracheale Intubation (durch erfahrene Anwender:in)
  • Ultima Ratio → Notfallkonitomie durchführen
 Info

Bei einer Atemwegsverlegung ist eine medikamentöse Therapie normalerweise nicht erforderlich. Falls andere Krankheitsbilder sekundär eine Atemwegsverlegung verursachen, kann eine Therapie beispielsweise mit Adrenalin oder ß2-Sympathomimetika erforderlich sein. 

DBRD Algorithmus: Fremdkörperentfernung - Erwachsene
DBRD Algorithmus: Fremdkörperentfernung - Kinder

Bolusgeschehen bei Kindern

Bei Kindern sind die Atemwege enger als bei Erwachsenen. Zudem haben sie eine verhältnismäßig große Zunge. Bei Bewusstlosigkeit muss der Kopf weniger überstreckt und bei Säuglingen muss der Kopf  in Neutralposition gebracht werden.

 

Neutralposition bei Säuglingen
Neutralposition (=Schnüffelstellung) Durch den großen Hinterkopf bei Säuglingen kann es zu einem Abknicken der Atemwege in Rückenlage kommen. Um eine Atemkontrolle durchzuführen müssen Mundöffnung und Körperachse in einem rechten Winkel zueinander stehen.

Der Kehlkopf liegt bei Kindern zudem höher und weiter vorn. Des Weiteren ist ihre Atemhilfsmuskulatur weniger gut ausgeprägt und sie ermüden schneller. Man kann man bei Atemnot vorwiegend  juguläre und interkostale Einziehungen beobachten. Durch einen erhöhten Sauerstoffbedarf kommt es schneller zur Dekompensation. Bei Säuglingen darf kein Heimlich-Manöver durchgeführt werden, stattdessen sollen Thoraxkompressionen erfolgen.

Thoraxkompression beim Säugling
Die Daumen werden am unteres Drittel des Sternums nebeneinander gelegt und der Brustkorb des Säuglings mit den Händen umfasst. Die Kompression wird nach dorsal/kranial durchgeführt.
 Achtung
Knopfzellbatterien
Knopfbatterien

Bei Kindern kann es zur Aspiration von Knopf­batterien von Spielzeugen kommen. Sollte der Verdacht bestehen, dass ein Kind eine Knopfbatterie verschluckt haben könnte, muss, auch wenn keine Beschwerden vorliegen, unbedingt ein Krankenhaus aufgesucht werden.  

Knopfbatterien bleiben vorwiegend bei Kindern leicht im Ösophagus stecken. Hier schließt sich möglicherweise ein elektrischer Kreis oder es kommt zu einer chemischen Reaktion. Das kann zu Verätzungen und Blutungen der Schleimhaut führen. 

Honig als präklinische Maßnahme
  • Honig kann das Fortschreiten der Verätzung verlangsamen, aber nicht verhindern 
  • Einsatz wegen fehlender Alternativen und guter Verfügbarkeit in Haushalten

Voraussetzungen:

  • Kind älter als 1 Jahr (CAVE: Botulismusrisiko bei Säuglingen!)
  • Lithium-Batterie oder Typ unbekannt
  • Ingestion < 12 Stunden 
  • Keine Schluckstörung / kein Aspirationsrisiko

Dosierung:

  • 10 ml Honig (≈ 2 Teelöffel) alle 10 Minuten oral verabreichen
  • maximal 5 Gaben
Erste Hilfe bei Verdacht auf Knopfzell-Ingestion

Atemwegsverlegung infolge von Trauma

Weichteilverletzungen, knöcherne Verletzungen, Aspirationsgefahr, Blutungen oder Verletzungen der Atmungsorgane können eine sofortige Intubation erforderlich machen.

 Merke
  • Strangulation oder direkte Krafteinwirkung auf den Kehlkopf sind besonders gefährlich
  • Ausgeschlagene Zähne können aspiriert werden

Anaphylaxie

Eine Anaphylaxie ist eine akut auftretende Entzündungsreaktion auf Allergene. Dabei werden Mediatoren wie Histamin, Leukotriene und Prostaglandine aus Mastzellen und basophilen Granulozyten freigesetzt. Die Gewebepermeabilität ist erhöht und es kommt zu einer Umverteilung des Blutvolumens. Schwellung der Atemwege ist möglich.

Infektionen

Verschiedene Atemwegerkrankungen können durch Schwellung zu Atemwegsverlegungen führen. Eine Epiglottitis (seltenes Krankheitsbild seit der Impfung gegen H. influenzae Typ B, verursacht eine akute Laryngopharyngitis mit Schwellung der Epiglottis) ist besonders gefährlich, da sie abrupt zu einer vollständigen Atemwegsverlegung führen kann. 

Lagerung

  • Bei Bewusstsein
    • Aufrechter Oberkörper (90°)
  • Bei Bewusstlosigkeit
    • Stabile Seitenlage, wenn keine Wirbelsäulenverletzung vorliegt
    • Rückenlage mit Esmarch-Handgriff oder Freihalten der Atemwege mittels Naso- oder Oropharyngealtuben

Überwachung:

  • Kontinuierliche Überwachung, ob Veränderungen im Atemmuster auftreten

Monitoring:

  • Sauerstoffsättigung (SpO2) und gegebenenfalls Kapnographie (EtCO2)
  • Herzfrequenz
 Tipp

Antizipation: Immer auf eine Lageänderung vorbereitet sein! 

Wahl des Zielkrankenhauses

Die Wahl des Zielkrankenhauses ist abhängig vom individuellen Fall. Primär wird eine internistische Notaufnahme benötigt. Das Zielkrankenhaus sollte auch über eine chirurgische Abteilung verfügen, da nach einem Heimlich-Manöver Organschäden auftreten können.

Zur Zusammenfassung hier die Hard Facts, die bei der Examensvorbereitung oder im Einsatz helfen können:

Ursachen:

  • Aspiration von Fremdkörpern

Pathophysiologie:

  • Fremdkörper rutschen häufig in den rechten Hauptbronchus, da dieser steiler verläuft
  • Betroffen sind besonders Kinder und ältere Menschen
  • Potenzielle Lebensgefahr

“Red Flags”-Spezifische Symptome:

  • Plötzliche Atemnot
  • Ineffektives Husten
  • Panik
  • Möglicherweise fehlendes Atemgeräusch rechts

Therapie:

  • Bei effektivem Husten: zu weiterem Husten anregen
  • Bei ineffektivem Husten:
    • Säugling: 5 Rückenschläge ↔ 5 Bruststöße
    • Kind/Erwachsener: 5 Rückenschläge ↔ 5 abdominelle Kompressionen (Heimlich-Manöver)
    • Nach erfolgreichem Heimlich-Manöver → Transport in die Klinik 
  • Bei Bewusstlosigkeit: CPR 30:2, sichtbare Fremdkörper entfernen, Atemweg sichern
  • Ultima Ratio: Koniotomie bei „cannot intubate, cannot ventilate“

Therapieleitfaden:

Therapieleitfaden
 Tipp
Wenn ihr mehr Informationen und weitere therapeutische Maßnahmen erfahren möchtet, empfehlen wir euch die verlinkten Artikel aus dem klinischen Bereich.
  • Fremdkörperaspiration im Kindesalter
  • Fremdkörperingestion im Kindesalter
  • Diagnostik in der Pneumologie
Zuletzt aktualisiert am 31.05.2026
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Epiglottitis vs. Pseudokrupp (RD)
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