Ophthalmologische Verletzungen , Augenverletzung , Säure im Auge , Lauge im Auge
17 Minuten Lesezeit
Zusammenfassung
Verätzungen am Auge zählen zu den chemischen Verletzungen und können durch Säuren, Laugen oder Mischagentien, wie Reinigungsmittel, verursacht werden. Sie treten häufig im häuslichen Umfeld oder bei Arbeitsunfällen auf.
Klinisch fällt folgendes Bild auf:
Blepharospasmus(krampfartiger Lidschluss)
Epiphora (tränendes Auge)
Visusverschlechterung (kann bei Laugen verspätet auftreten)
Achtung
Schwere Verätzungen können symptomarm sein, wenn Gefäße und Nerven geschädigt sind.
Die präklinische Versorgung umfasst primär den Eigenschutz und die sofortige, möglichst kontinuierliche Spülung des Auges mit neutraler, wässriger Lösung. Dabei ist darauf zu achten, dass das Lid geöffnet bleibt.
In jedem Fall ist ein Transport in die Klinik essenziell und eine augenärztliche Vorstellung unerlässlich, da präklinisch die Schwere der Verätzung nicht eingeschätzt werden kann.
Fallbeispiel
Um den Einstieg in das Thema Verätzungen am Auge etwas zu erleichtern, wird im Folgenden ein Fall beschrieben, wie er sich präklinisch ereignen könnte.
Das Szenario
Einsatzmeldung:
Stichwort: Augenverätzung durch Reinigungsmittel
Ort: Industriegebiet, Lagerhalle
Alarmzeit: 14:35 Uhr
Anrufer:in: Mitarbeiter der selbigen Firma
Anzahl der betroffenen Personen: 1
Zusatzinfo:
Männlich, 40 Jahre alt
Patient hat Reinigungsmittel ins Auge bekommen
Schildert starke Schmerzen und Visusminderung
Es wurde keine Schutzbrille getragen
Lageeinweisung vor Ort:
Beim Eintreffen des Rettungsdienstes ist das Werkstor bereits geöffnet und ein Mitarbeiter weist euch den Weg zur betroffenen Person. Der Patient sitzt in der Nähe eines Waschbeckens auf einem Stuhl und hält sich das rechte Auge zu.
Die Lage ist wie folgt:
Der Patient ist wach und ansprechbar
Eine deutliche Rötung und Schwellung im Bereich des rechten Auges sind sichtbar
Das linke Auge scheint ebenfalls leicht gerötet zu sein
Auf den Rat eines weiteren Mitarbeiters wurden beide Augen sofort mit Leitungswasser ausgespült
Ersteindruck nach xABCDE-Schema
Um sich einen ersten umfassenden Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten in einer Notfallsituation zu verschaffen, bietet sich das xABCDE-Schema an. Um die Arbeit mit dem Schema zu veranschaulichen, ist hier ein xABCDE-Schema abgebildet, wie es im Falle einer Ersteinschätzung bei einer Patientin oder einem Patienten mit Verätzungen am Auge aussehen könnte.
Es handelt sich dabei um die Befunde, die innerhalb der ersten paar Minuten erhoben werden können. Erweiterte Diagnostik und Abfragen sind natürlich von Bedeutung, jedoch würde zum Beispiel die Messung des Blutzuckers in diesem Fall hintangestellt und taucht zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf.
x
Keine kritischen Blutungen
A
Atemwegefrei
Schleimhäute rosig
Pat. spricht selbständig
Kein A-Problem
B
Inspektorisch:
Thoraxexkursion beidseits physiologisch
Keine Halsvenenstauung sichtbar
Regelmäßige Atmung, 20/Minute
Auskultatorisch:
Vesikuläres Atemgeräusch beidseits
Palpatorisch:
Thorax insgesamt stabil
SpO2: 99%
Kein B-Problem
C
Hautkolorit blass
Rekap-Zeit: 2 Sekunden
Große Blutungsräume ohne Zeichen auf akute Blutungen
Palpation des Pulses an der A. radialis:
Rhythmisch
Gut tastbar
Tachykard, 110/Minute
Kein C-Problem
D
Wach, orientiert, ansprechbar
GCS 15
Öffnen der Augen: 4
Beste verbale Reaktion: 5
Beste motorische Reaktion: 6
→ Das rechte Auge lässt sich auf Grund eines Blepharospasmus nicht öffnen und wird deshalb nicht in die Wertung einbezogen. Ein neurologisches Defizit liegt nicht vor
Pupillenkontrolle: Nur im linken Auge möglich
Mittelweit
Lichtreagibel
Kein D-Problem
E
Keine weiteren Verletzungen ersichtlich
Symptome:
Starke Schmerzen besonders im rechten Auge
Blepharospasmus rechts
Rötung und leichte Schwellung im Bereich des rechten Auges
Das linke Auge ist leicht gerötet und schmerzt kaum
Allergien / Infektionen: Keine bekannt
Medikamente: Keine
Patientengeschichte: Keine Augenprobleme bekannt, keine Sehhilfe
Letzte Mahlzeit: Mittagessen vor 2 Stunden
Ereignis:
Patient war mit dem Reinigen von Maschinen in der Lagerhalle beschäftigt
Reinigungsmittel spritzt ihm dabei in die Augen
Beide Augen sind betroffen
Eine Schutzbrille wurde trotz Dienstvorschrift nicht getragen
Risikofaktoren: Arbeiten mit chemischen Reinigungsmitteln ohne Schutzbrille
Akutes E-Problem
Achtung
Das hier gezeigte Assessment vermittelt nur einen exemplarischen ersten Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten. Im Verlauf der Behandlung müssen weitere Maßnahmen ergriffen und Informationen gesammelt werden. Das Schema erhebt daher keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern soll lediglich einen praktischen Einstieg in das Thema ermögliche
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Definition
Defintion
Verätzungen zählen zu den chemischen Verletzungen des Auges. Sie können durch Säuren, Laugen oder Mischagentien,wie beispielsweise Reinigungsmittel, verursacht werden.
Info
Die Kenntnis der Anatomie des Auges ist bei der Beschreibung einer Augenverletzung hilfreich. Zur Hilfestellung ist hier eine grobe Darstellung der Anatomie des Auges und wichtige Vokabeln:
Limbus: Übergang von Hornhaut in Lederhaut
Der Bereich direkt um die Iris herum
Erosion: Oberflächenschädigung
Exsudat: Entzündlich bedingten Austritt von Bestandteilen des Blutes aus den Kapillaren in das umliegende Gewebe
Narbenpterygium (Verwachsungen der Konjungtiva mit der Kornea und / oder Sklera)
Konjungtivalisation (Pathologisches Einwachsen der Konjungtika auf die Kornea)
Ulzerationen
Bildung neuer Gefäße
Narben
IV
Ischämie > ¾
Limbusschaden > ½
Trübung der Kornea
Nekrose der Konjungtiva
Weiße Sklera
Missfärbung der Iris
Fibrinexsudate
Proliferation (Neubildung von Zellen)
Konjunktivalisation (Pathologisches Einwachsen der Konjungtika auf die Kornea)
Schwere Narbenbildung
große Ulzerationen
Einschmelzung
Katarakt (Trübung der Linse)
Glaukom (Schädigung des Sehnervs → Gesichtsfeldausfälle)
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Metallverarbeitende Industrie (Fluss- und Salpetersäure)
Haushalt (z.B. Essigsäure)
Autobatterie (z.B. Schwefelsäure)
Laugen:
Bauindustrie und Landwirtschaft (Verarbeitung von gelöschtem und ungelöschtem Kalk)
Putzmittel (z.B. Abflussreiniger)
Info
Häufig ereignen sich Verätzungen im Rahmen von Arbeitsunfällen oder in häuslicher Umgebung. Sie können aber auch eine Folge von Angriffen sein. Laugenverätzungen sind wegen ihrer hohen Verbreitung häufiger als Säureverätzungen.
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Pathophysiologie
Merke
Reminder: Physiologische Grundlagen
Lid: Durch den Lidschlussreflex (Aktivierung des M. orbicularis oculi und Hemmung des M. levator palpebrae superioris) wird der Augapfel geschützt
Der Lidschlag sorgt für eine gleichmäßige Verteilung der Tränenflüssigkeit, kleinere Fremdkörper werden von der Augenoberfläche weggewischt
Die Wimpern und Augenbrauen schützen das Auge vor Fremdkörpern, Staub und Schweiß
Tränenapparat: Die Sekretion der Tränenflüssigkeit erfolgt überwiegend über den Parasympathikus. Täglich werden etwa 5-10 ml Tränenflüssigkeit gebildet. Die Flüssigkeit besteht aus isotoner Salzlösung und Proteinen mit antibakterieller Wirkung sowie IgA und dem Epidermal Growth Factor (EGF), der dabei hilft, kleine Wunden zu verschließen
Bindehaut (Konjunktiva): Sie befindet sich an der Innenseite des Augenlids und schützt die darunterliegenden, empfindlichen Schichten:
Lederhaut (Sklera) geht in die Hornhaut (Kornea) über
Regenbogenhaut (Iris)
Ziliarkörper (Corpus ciliare)
Aderhaut (Choroidea)
Netzhaut (Retina) und Pigmentepithel (Stratum pigmentosum)
Sehschärfe (Visus): In der Netzhaut (Retina) finden sich Zapfen (sind besonders wichtig für das Erkennen von Farben und das scharfe Sehen) und Stäbchen (sind für das Sehen bei Dunkelheit wichtig)
Limbus: Übergangszone zwischen Hornhaut (Kornea) und Lederhaut (Sklera). In dieser Region finden sich die Stammzellen, die wichtig für die Zellerneuerung sind
Säuren:
Sie schädigen das Auge durch Denaturierung und Ausfällen von Proteinen, das bedeutet, dass sie ihre Struktur verändern
Kurzzeitig können diese koagulierten Proteine eine Barriere bilden und eine weitere Penetration der Säuren verhindern
Laugen:
Sie sind lipolytisch und penetrieren sehr schnell durch das Gewebe
Sie verseifen die Fettsäuren der Zellmembran und durchdringen die Gewebe von Lid-, Bindehaut, Hornhaut und Limbus
Gewebe, das durch Chemikalien geschädigt wurde, setzt proteolytische Enzyme frei. Diese bauen Eiweiße ab, wodurch auch umliegendes, initial gesundes Gewebe betroffen ist.
Milde Verätzungen:
Das Hornhautepithel löst sich ab (Erosion)
Es kommt zur Rötung und Schwellung der Bindehaut
Die Prognose ist gut, mit vollständiger Heilung des Defekts – vorausgesetzt, der Randbereich der Hornhaut, in dem die Stammzellen liegen (Limbus) ist nicht betroffen
Schwere Verätzungen:
Der Hornhautlimbus mit den dort vorhandenen Stammzellen und Bindehautepithel sind betroffen
Die Durchblutung der Gefäße am Limbus ist unterbrochen, die Bindehaut erscheint weißlich und ödematös
Das Auge scheint weniger gerötet
Patient:innen klagen über weniger starke Schmerzen
Nekroseprozesse können das Auge vollständig trüb erscheinen lassen
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Klinischer Eindruck
Typische Zeichen
Blepharospasmus (krampfartiger Lidschluss)
Epiphora (tränendes Auge)
Visusverschlechterung (bei Säureverätzungen sofort, bei Laugenverätzungen hingegen erst nach mehreren Stunden)
Generalisierte Zeichen
Schmerzen
Ggf. Rötung des Auges
In schweren Fällen ist die Hornhaut bereits weißlich-trüb
Achtung
Schwere Verätzungen gehen mit weniger starken Schmerzen einher. Das Auge erscheint weniger gerötet, da die Durchblutung der Gefäße nicht mehr gewährleistet ist.
Info
Vor Ort kann die genaue Schwere einer Verätzung nicht eingeschätzt werden, daher muss immer ein Augenarzt oder eine Augenärztin konsultiert werden.
Figure out: Klaff J, Milner SM, Farris S, Price LA. Chemical burn to the eyes. Eplasty. 2011;11:ic16. Epub 2011 Nov 17. PMID: 22148080; PMCID: PMC3230139.
Alkalische Verätzung des Auges
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Diagnostik
Anamnese
S (Symptome): Beschwerden können unspezifisch und symptomarm sein. Klassische Symptome: Schmerzen, Visusverschlechterung, Rötung, Schwellung, ggf. Hornhauttrübung
A (Allergien, Infektionen)
M (Medikation)
P (Patientengeschichte): Ist eine Sehschwäche bereits bekannt? Wird eine Sehhilfe getragen? Kontaktlinsen noch im Auge? Gab es Voroperationen am Auge?
L (Letzte…): Letzte Mahlzeit (insbesondere im Hinblick auf eine anstehende Operation / Narkose)
E (Ereignis):
Art der Chemikalie (Fachinformation vorhanden?)
Verletzungsmechanismus: Stand die Chemikalie beispielsweise unter hohem Druck?
Wurde eine Schutzbrille getragen?
Erfolgte ein Ausspülen der Chemikalie? Wenn ja: Womit und wie lange?
Ist nur ein Auge betroffen?
R (Risiko): Laugenverätzung, lange Einwirkzeit im Auge
S (Schwangerschaft)
Merke
Die Anamnese sollte parallel zum Spülen des Auges erfolgen, um weitere Schäden möglichst gering zu halten!
Tipp
Nutze Schemata
Um die Anamnese strukturiert durchzuführen, bietet es sich an, Schemata wie das SAMPLERS oderOPQRST-Schema zu nutzen. Am obigen Beispiel haben wir Fragen und Befunde dargestellt, die bei dem Verdacht auf eine Verätzung abgefragt werden sollten und vorliegen können.
Körperliche Untersuchung
Inspektion:
Gerötetes / blasses Auge
Blepharospasmus möglich
Epiphora
Palpitation:
Der Palpitationsbefund sollte physiologisch ausfallen
Vitalparameter:
Blutdruck und Herzfrequenz können erhöht sein
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Therapie
Sofortmaßnahmen
Eigenschutz beachten (Vorsicht bei Hautkontakt)
Lider öffnen: Gegebenenfalls helfen Kompressen dabei, das Lid offenzuhalten. Wenn verfügbar, können lokalanästhetische Augentropfen verwendet werden. Bei starken Schmerzen kann eine systemische Analgesie erfolgen
Gegebenenfalls mechanisches Entfernen des Agens: doppeltes Ektropionieren (Umstülpen des Ober- bzw. Unterlids) zur Entfernung von Partikeln mittels Wattetupfern → Bei Kalkverätzungen besteht die Gefahr, dass beim Spülen Kalkpartikel aufgelöst werden und eine neue Ätzwirkung entsteht
Ausspülen des Auges mit neutraler, wässriger Lösung (beispielsweise - wenn vorhanden - fertige Augenspüllösung, Ringer-Laktat-Infusionen oder NaCl 0,9 %):
Durchführung Augenspülung: Das Auge soll offengehalten werden und der Kopf zur Seite des verletzten Auges gedreht werden → Schutz des gesunden Auges
Von innen (Nase) nach außen (Augenwinkel) spülen
Patient:in auffordern, das Auge in alle Richtungen zu bewegen
Die Spülung sollte mehrere Minuten lang erfolgen, am besten durchgängig (auch während des Transports)
O2-Brille am Ende des Infusionssystems anschließen
Nasenbrille an der Stirn befestigen
Infusion starten
Merke
Ein Augenverband soll nicht angelegt werden, damit Restpartikel mit Tränen- bzw. Spülflüssigkeit frei abfließen können. Wenn eine weitere mechanische Reizung durch erhöhte Augenbewegungen droht, kann ein lockerer Verband jedoch sinnvoll sein. Das Vorgehen ist oft sehr situationsabhängig - insbesondere bei einer Schädigung durch eine unklare Substanz.
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Besondere Situationen
Flusssäure-Verätzung
Flusssäure ist die wässrige Form von Fluorwasserstoff und wird als ätzend und sehr giftig eingestuft. Anwendung findet sie vor allem in Bereichen der Industrie (z.B. Metallverarbeitung). Sie ist jedoch auch in geringen Konzentrationen in manchen Reinigungsmitteln zu finden.
Auf Eigenschutz achten (Vorsicht bei Hautkontakt)
Verlassen des Gefahrenbereichs
Schutzbrille tragen
Entfernen verunreinigter Kleidung
Spülung exponierter Areale mit Wasser
Immer den Giftnotruf konsultieren
Es soll eine Beteiligung von Haut und Inhalationsverätzungenausgeschlossen werden (selbst bei geringen Konzentrationen kann es zum toxischen Lungenödem kommen)
Flusssäure ist lipophil und hydrophob. Das bedeutet, dass sie schnell in tiefere Gewebeschichten penetriert. Dort bindet sie körpereigenes Kalzium und Magnesium → Es kommt zur Hypokalziämie, Hypomagnesiämie und durch Gewebeuntergang zusätzlich zur Hyperkaliämie
Die Therapie erfolgt mittels spezifischer Hexafluorine-Lösung. Wenn diese nicht vorhanden ist, kann Leitungswasser oder Calciumglukonat verwendet werden. Calciumglukonat wirkt, indem es Fluorid-Ionen irreversibel bindet
Es besteht die Gefahr einer systemischen Hypokalziämie, die potenziell lebensbedrohlich sein kann → Internistische Mitbetreuung ist unerlässlich, ggf. erfolgt eine Kalziumsubstitution
Verletzungsmechanismen:
Es lassen sich drei voneinander unabhängige Verletzungsmechanismen unterscheiden:
Direkte Verätzung durch Kontakt mit hoch konzentrierter Flusssäure (Konzentration > 50 %), wobei das korrosive Wasserstoffion zu Gewebeschädigungen führt
Zytotoxische Gewebeschädigung, ausgelöst durch das Fluorid-Ion, das eine Verflüssigungsnekrose verursacht und Nerven, Blutgefäße sowie tiefere Gewebeschichten zerstört
Systemische Elektrolytverschiebungen, insbesondere Hypokalziämie und Hypomagnesiämie, entstehen durch die Bildung von Chelatkomplexen nach Resorption von Fluorid-Ionen. Dies führt zur Hemmung der Natrium-Kalium-ATPase und kann eine Hyperkaliämie nach sich ziehen
Achtung
Wenn auf dem RTW eine 10 %-ige Calciumglukonat-Lösung vorhanden ist, muss diese zur okulären Anwendung auf 1 % verdünnt werden, um brennende Schmerzen, die durch eine zu hohe Konzentration verursacht werden, zu reduzieren. Verdünnt wird mit NaCl 0,9 % als Trägerlösung.
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Weitere Therapie im klinischen Setting
In dieser Notlage kann es helfen, sich mental auf die nächsten Schritte vorzubereiten. Dafür ist es ratsam, schon auf der Fahrt zum Krankenhaus zu erklären, wie das weitere Procedere im Krankenhaus aussieht und worauf die Person sich potenziell einstellen muss.
Achtung
Da die Therapie je nach aufnehmendem Krankenhaus und Behandler:in variieren kann, empfiehlt es sich nicht, einen bestimmten Behandlungsweg detailliert zu beschreiben. Eine grobe Skizzierung des weiteren Behandlungspfades reicht völlig aus, um Unsicherheiten zu minimieren. Die weiteren Informationen dienen ausschließlich eurer Information als Fachpersonal!
Versorgung in einer Fachambulanz
Die Wahl des Krankenhauses ist in diesem Fall essenziell. Es muss ein Krankenhaus mit augenärztlichem Hintergrund, im besten Fall mit einer augenärztlichen Notaufnahme, angefahren werden.
Medikamentöse Therapie:
Ziel der Therapie ist eine möglichst schnelle Heilung mit möglichst wenig Narbenbildung
Augentropfen:
Kortisonhaltige Augentropfen:Sollen eine Entzündungsreaktion reduzieren und weiteren Gewebeverlust verhindern
Topische Antibiotika: Sollen angewendet werden, um eine Superinfektion bei Epitheldefekt zu verhindern
Benetzende Augentropfen
Vitamin-C-Augentropfen und subkonjunktivale NSAR können bei mittelgradigen Verätzungen Anwendung finden
Die weitere medikamentöse Therapie beinhaltet die systemische Gabe von Vitamin C, Kortikosteroiden, NSAR, Acetazolamid (Carboanhydrasehemmer, der den Augeninnendruck senkt)
Gegebenenfalls ist eine Keratoplastik (Hornhauttransplantation) notwendig
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Transport
Die Wahl des Zielkrankenhauses ist abhängig vom individuellen Fall. Das Zielkrankenhaus sollte über eine augenärztliche Abteilung verfügen. Die Wahl des Krankenhauses sollte im Vorfeld abgeklärt werden, um sicherzustellen, dass eine augenärztliche Behandlung sofort möglich ist, auch wenn eine längere Fahrt zu einem solchen Krankenhaus notwendig ist.
Besonderheiten beim Transport:
Spülung des Auges, wenn möglich (und Transportsicherheit für Rettungsdienstpersonal gewährleistet ist) fortführen
Spülung mit der O2-Nasenbrille erwägen
Gabe von Schmerzmitteln erwägen
Merke
Zusammenfassung Transport:
Zielkrankenhaus; augenärztliche Abteilung
Spülung des Auges bis zur Übergabe im Krankenhaus weiterführen
Schmerzmittelgabe erwägen
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Prüfungswissen
Definition:
Definition
Verätzungen am Auge zählen zu den chemischen Verletzungen und können durch Säuren, Laugen oder Mischagentien wie beispielsweise Reinigungsmittel verursacht werden.
Ursachen:
Unfälle im häuslichen Umfeld
Arbeitsunfälle
Laugenverätzungen sind häufiger als Säureverätzungen
Pathophysiologie:
Säuren denaturieren Proteine → Koagulierte Proteine wirken kurzfristig als Barriere und verhindern das weitere Penetrieren von Säuren
Laugen sind lipolytisch und dringen schnell in das Gewebe ein
Durch Chemikalien geschädigtes Gewebe setzt proteolytische Enzyme frei → diese bauen Eiweiße ab, wodurch auch umliegendes, initial gesundes Gewebe betroffen ist
Klinischer Eindruck:
Typische Zeichen:
Blepharospasmus (krampfartiger Lidschluss)
Epiphora (tränendes Auge)
Visusverschlechterung (bei Säureverätzungen sofort, bei Laugenverätzungen hingegen erst nach mehreren Stunden)
Schwere Verätzungen gehen mit weniger starken Schmerzen einher. Das Auge erscheint weniger gerötet
Achtung
Vor Ort kann die Schwere einer Verätzung nicht ausreichend eingeschätzt werden. Eine Versorgung durch augenärztliches Personal ist unerlässlich.
Diagnostik:
Anamnese: Symptomorientierte Abfrage
Wichtige Informationen:
Art der Chemikalie (Fachinformation vorhanden?)
Verletzungsmechanismus: Stand die Chemikalie beispielsweise unter hohem Druck?
Wurde eine Schutzbrille getragen?
Erfolgte ein Ausspülen der Chemikalie? Wenn ja: womit und wie lange?
Ist nur ein Auge betroffen?
Anamnese parallel zur Spülung durchführen, um Schäden zu minimieren
Sofortige, kontinuierliche Spülung des Auges mit neutraler, wässriger Lösung
Bei Bedarf mechanische Entfernung von Partikeln
Lokalanästhetika bei starken Schmerzen
Kein Augenverband anlegen
Flusssäure-Verätzung:
Eigenschutz beachten
Eine Beteiligung von Haut und Inhalationsverletzungen sollen, wenn möglich, ausgeschlossen werden
Flusssäure erfordert sofortige Behandlung mit Hexafluorine-Lösung oder Calciumglukonat
Gefahr einer systemischen Hypokalziämie – internistische Mitbetreuung erforderlich
Weitere Therapie im klinischen Setting:
Zielkrankenhaus mit augenärztlicher Abteilung wählen
Therapieziel: Schnelle Heilung, Minimierung der Narbenbildung.
Medikamentöse Therapie: Kortisonhaltige Augentropfen, Topische Antibiotika zur Infektionsprophylaxe, systemische Medikation
Ggf. Keratoplastik
Transport:
Fortsetzung der Augenspülung, wenn die Sicherheit des Rettungsdienstpersonals gewährleistet ist
Spülung mit der O2-Nasenbrille erwägen
Schmerzmittelgabe in Erwägung ziehen
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Der Notarzt, Ophthalmologische Notfälle. 2021; 37(04): 237 - 242
NOTARZT 01/2024. Okulare Flussäureexposition-Fallbericht einer erfolgreichen gemeinsamen Patientenversorgung durch Telenotarzt und bodengebundenen Notarzt: 2024:40(01): 26-30