Medi Know
Logo Image

Akutes Abdomen (RD)

43 Minuten Lesezeit

Das akute Abdomen stellt einen zeitkritischen medizinischen Notfall dar, der durch plötzlich einsetzende oder rasch zunehmende Bauchschmerzen gekennzeichnet ist und häufig mit Symptomen wie Übelkeit, Erbrechen, Abwehrspannung oder Kreislaufstörungen einhergeht. Da die zugrunde liegenden Ursachen von selbstlimitierenden Erkrankungen bis zu lebensbedrohlichen Zuständen wie Perforation, Sepsis oder Schock reichen, sind eine frühzeitige Diagnosestellung und eine rasche Therapieeinleitung von entscheidender Bedeutung.

Für die präklinische Versorgung sind eine strukturierte Beurteilung nach dem xABCDE-Schema, die Erfassung der Schmerzcharakteristik, die Bewertung der Vitalparameter sowie eine gezielte körperliche Untersuchung essenziell. In den meisten Fällen ist eine zeitnahe Zuführung in eine geeignete Klinik mit chirurgischer Versorgungsmöglichkeit erforderlich.

Ein fundiertes Verständnis der relevanten anatomischen Strukturen, pathophysiologischen Mechanismen und differenzialdiagnostischen Zusammenhänge bildet dabei die Grundlage für eine sichere Einschätzung, Priorisierung und Versorgung im rettungsdienstlichen Einsatz.

Um den Einstieg in das Thema Akutes Abdomen etwas zu erleichtern, wird im Folgenden ein Fall beschrieben, wie er sich präklinisch ereignen könnte.

Das Szenario

Einsatzmeldung: 

  • Stichwort: Akutes Abdomen
  • Ort: Wohnung, Wohnzimmer
  • Alarmzeit: 16:20 Uhr
  • Anrufer: Ehefrau
  • Anzahl der Betroffenen: 1
  • Zusatzinfo:
    • 32-jähriger Patient
    • Rechtsseitige Unterbauchschmerzen und Fieber

Lageeinweisung vor Ort:

Nach Eintreffen an der Einsatzstelle wird die Besatzung von der Ehefrau empfangen und ins Wohnzimmer geführt.

Die Lage ist wie folgt: 

  • Der Patient befindet sich in Schonhaltung auf der Couch
  • Er ist wach, ansprechbar und orientiert, wirkt jedoch blass und kaltschweißig
  • Die Ehefrau berichtet über plötzlich einsetzende Schmerzen im rechten Unterbauch vor etwa sechs Stunden. Seit Beginn haben die Schmerzen kontinuierlich an Intensität zugenommen. Zusätzlich klagt der Patient über Übelkeit und Fieber
  • Die Einsatzstelle ist ruhig und übersichtlich. Der Patient zeigt sich kooperativ, wirkt jedoch deutlich erschöpft und reduziert im Allgemeinzustand
Fallbeispiel: akutes Abdomen

Ersteindruck nach xABCDE-Schema

Um sich einen ersten umfassenden Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten in einer Notfallsituation zu verschaffen, bietet sich das xABCDE-Schema an. Um die Arbeit mit dem Schema zu veranschaulichen, ist hier ein xABCDE-Schema abgebildet, wie es im Falle einer Ersteinschätzung bei einer Patientin oder einem Patienten mit akutem Abdomen aussehen könnte. 

Es handelt sich dabei um die Befunde, die innerhalb der ersten paar Minuten erhoben werden können. Erweiterte Diagnostik und Abfragen sind natürlich von Bedeutung, jedoch würde zum Beispiel die Messung des Blutzuckers in diesem Fall hintangestellt und taucht zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf.

x

  • Keine kritischen Blutungen

 

A

  • Atemwege frei
  • Schleimhäute rosig
  • Pat. spricht selbständig

Kein 
A-Problem

B

  • Inspektorisch:
    • Thoraxexkursion beidseits unauffällig
    • Keine Hämatome, Prellmarken oder Ähnliches
  • Auskultatorisch:
    • Beidseits vesikuläres Atemgeräusch
    • Keine Nebengeräusche
  • Palpatorisch:
    • Thorax insgesamt stabil
  • SpO2: 97%

Kein 
B-Problem

C

  • Hautkolorit blass
  • Rekap-Zeit: 2 Sekunden
  • Große Blutungsräume ohne Zeichen auf akute Blutungen
    • Untersuchung nur eingeschränkt möglich wegen ausgeprägter Abwehrspannung im Abdomen
  • Palpation des Pulses am Handgelenk
    • Rhythmisch
    • Schwach tastbar
    • Tachykard, 110/min
Achtung

Mittelbares 
C-Problem

D

  • Wach, orientiert, ansprechbar
  • GCS 15
    • Öffnen der Augen: 4
    • Beste verbale Reaktion: 5
    • Beste motorische Reaktion: 6
  • Pupillenkontrolle:
    • Isokor
    • Mittelweit
    • Lichtreagibel

Kein 
D-Problem

E

  • Keine Verletzungen ersichtlich
  • Symptome:
    • Plötzliche rechtsseitige, zunehmende Unterbauchschmerzen vor ca. 6 Stunden
    • Abwehrspannung im Abdomen
    • Übelkeit
    • Fieber (38,5 °C)
  • Allergien/Infektionen: Keine bekannt
  • Medikamente: Keine Dauermedikation und keine Akutmedikation genommen
  • Patientengeschichte: keine relevanten Vorerkrankungen
  • Letzte Mahlzeit: Vor 5 Stunden
  • Ereignis: Erst leichtes Unwohlsein, dann Schmerz
  • Risikofaktoren: Keine 

Akutes 
E-Problem

 Achtung

Das hier gezeigte Assessment vermittelt nur einen exemplarischen ersten Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten. Im Verlauf der Behandlung müssen weitere Maßnahmen ergriffen und Informationen gesammelt werden. Das Schema erhebt daher keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern soll lediglich einen praktischen Einstieg in das Thema ermöglichen.

 Definition
Akutes Abdomen

Das akute Abdomen beschreibt einen klinischen Symptomkomplex, der durch akute Bauchschmerzen, Abwehrspannung der Bauchdecke, Übelkeit und Erbrechen sowie eine gestörte Darmperistaltik gekennzeichnet ist. Aufgrund der möglichen Lebensbedrohlichkeit erfordert dieser Zustand eine sofortige diagnostische Abklärung und gegebenenfalls eine unverzügliche Therapie.

Der Begriff akutes Abdomen beschreibt dabei ausschließlich das klinische Erscheinungsbild und nicht die zugrunde liegende Ursache. 

Klassifikation und begriffliche Abgrenzung

Das akute Abdomen kann nach verschiedenen Kriterien eingeteilt werden:

  • Nach Schmerzlokalisation: etwa rechter Unterbauch bei Appendizitis
  • Nach Ätiologie: chirurgische, internistische, gynäkologische oder urologische Ursachen
  • Nach Patient:innengruppen: unterschiedliche Ursachen bei Kindern, Schwangeren, älteren Menschen oder immunsupprimierten Personen

Zur vollständigen Einordnung des akuten Abdomens ist auch die Abgrenzung zum unklaren Abdomen erforderlich.

 Definition
Unklares Abdomen

Als unklares Abdomen wird ein Zustand mit akut auftretenden Bauchschmerzen bezeichnet, bei dem die für ein akutes Abdomen typischen klinischen Zeichen, insbesondere Abwehrspannung der Bauchdecke oder Peritonismus, fehlen und die Ursache der Beschwerden zunächst nicht eindeutig festgestellt werden kann.

Das unklare Abdomen stellt daher keine eigenständige Diagnose dar, sondern dient als Arbeits- bzw. Verdachtsdiagnose, bis durch weitere diagnostische Maßnahmen die zugrunde liegende Ursache identifiziert werden kann.

 Merke

Das akute Abdomen kann durch eine Vielzahl von Erkrankungen unterschiedlicher Organsysteme verursacht werden. Zu den häufigsten Ursachen zählen die akute Appendizitis (ca. 20 %), gefolgt von Gallenkolik bzw. Cholezystitis (ca. 10 %) sowie dem Ileus (ca. 5 %).

Gastrointestinale Ursachen

  • Appendizitis: häufigste Ursache des akuten Abdomens, insbesondere bei jungen Erwachsenen.
  • Divertikulitis: Entzündung von Darmdivertikeln, vorwiegend bei älteren Personen.
  • Perforation eines Hohlorgans: Durchbruch eines Magen-, Darm- oder Kolonabschnitts mit Gefahr einer Peritonitis.
  • Ileus: Darmverschluss mechanischer oder paralytischer Ursache.
  • Akute Pankreatitis: Entzündung der Bauchspeicheldrüse mit typischerweise gürtelförmigen Oberbauchschmerzen.
  • Mesenterialischämie: akute Durchblutungsstörung des Darms mit hoher Mortalität.

Gallenwegserkrankungen

  • Cholezystitis: Entzündung der Gallenblase
  • Gallenkolik: Schmerzereignis durch vorübergehenden Verschluss der Gallenwege
  • Cholangitis: Entzündung der Gallengänge

Gynäkologische Ursachen

  • Extrauteringravidität: Einnistung der Schwangerschaft außerhalb der Gebärmutter
  • Ovarialtorsion: Verdrehung eines Eierstocks mit Gefäßkompression
  • Rupturierte Ovarialzyste: Platzen einer Eierstockzyste
  • Adnexitis: Entzündung von Eileitern und Eierstöcken

Urologische Ursachen

  • Urolithiasis: Harnsteinleiden mit kolikartigen Schmerzen
  • Harnverhalt: unvollständige oder fehlende Blasenentleerung
  • Pyelonephritis: Entzündung des Nierenbeckens

Gefäßbedingte Ursachen

  • Rupturiertes Aortenaneurysma: akute Blutung durch Einriss einer erweiterten Aorta
  • Mesenterialgefäßverschluss: Verschluss der Darmgefäße mit nachfolgender Ischämie

Traumatische Ursachen

  • Abdominaltrauma: stumpfe oder penetrierende Verletzungen mit möglicher Schädigung innerer Organe

Extraabdominelle Ursachen (Pseudoperitonitis)

  • Myokardinfarkt: kann insbesondere bei Hinterwandinfarkten Bauchschmerzen verursachen
  • Perikarditis: Entzündung des Herzbeutels
  • Pneumonie: Besonders Unterlappenpneumonien können ein akutes Abdomen vortäuschen
  • Lungenembolie: akute Verlegung einer Lungenarterie
  • Diabetische Ketoazidose: Schwere Stoffwechselentgleisung bei Diabetes mellitus
  • Addison-Krise: akute Nebennierenrindeninsuffizienz
 Info
Altersabhängige Besonderheiten
  • Jüngere Patient:innen: häufig Appendizitis oder gynäkologische Ursachen
  • Ältere Patient:innen: häufig Cholezystitis, Ileus, Tumorerkrankungen oder Gefäßverschlüsse
 Merke
Reminder: Physiologische Grundlagen 
  • Peritoneum:
    • Das Peritoneum ist eine seröse Haut, die die Bauchhöhle auskleidet und das reibungsarme Gleiten der intraperitonealen Organe ermöglicht
    • Das viszerale Peritoneum wird vegetativ innerviert und vermittelt dumpfe, diffuse sowie schlecht lokalisierbare Schmerzen, insbesondere bei Dehnung, Spasmen oder Ischämie von Hohlorganen
    • Das parietale Peritoneum wird somatisch über Spinalnerven innerviert und reagiert auf Reizung mit scharfem, gut lokalisierbarem Schmerz
  • Gefäßversorgung:
    • Die Mesenterialarterien versorgen den Darm mit Sauerstoff und Nährstoffen; der venöse Abfluss erfolgt über die Mesenterialvenen
    • Eine Ischämie führt zu Schleimhautschädigung, Verlust der Darmbarriere und erhöhter Darmwandpermeabilität
    • Bei anhaltender Minderdurchblutung können Nekrose, bakterielle Translokation, Peritonitis und eine systemische Entzündungsreaktion entstehen
  • Darmmotilität:
    • Die Darmmotilität wird durch das enterische Nervensystem (Plexus myentericus und Plexus submucosus) sowie vegetative Einflüsse reguliert
    • Hyperperistaltik tritt typischerweise bei beginnender Obstruktion oder Koliken auf
    • Hypoperistaltik bis hin zur Darmatonie findet sich bei fortgeschrittener Obstruktion, Peritonitis oder paralytischem Ileus
  • Entzündung:
    • Entzündungsmediatoren wie Prostaglandine, Histamin und Zytokine verursachen Vasodilatation, erhöhte Gefäßpermeabilität und Ödembildung
    • Die daraus resultierende Peritonealreizung führt zu lokalen Schmerzen und kann sich bei Ausbreitung zur Peritonitis entwickeln
  • Kreislauf:
    • Der Gastrointestinaltrakt erhält physiologisch etwa 20–30 % des Herzzeitvolumens
    • Flüssigkeitsverluste durch Erbrechen, Blutungen oder Flüssigkeitsverschiebungen in das dritte Kompartiment können eine Hypovolämie verursachen
    • Wirken Bakterien, Endotoxine und Entzündungsmediatoren systemisch, können SIRS, Sepsis und ein septischer Schock entstehen

Das akute Abdomen stellt eine akute und potenziell lebensbedrohliche Reaktion des Bauchraums auf unterschiedliche pathologische Prozesse dar. Unabhängig von der zugrunde liegenden Ursache führen lokale Gewebeschäden und die daraus resultierenden systemischen Reaktionen zu den charakteristischen Symptomen wie Bauchschmerz, Abwehrspannung und möglichen Kreislaufstörungen.

Lokale pathophysiologische Mechanismen

  • Entzündungsreaktion: Bakterielle Infektionen oder enzymatische Gewebeschädigungen → Freisetzung von Entzündungsmediatoren → Vasodilatation, erhöhte Kapillarpermeabilität und Ödembildung → Peritonealreizung und lokale Entzündungsreaktion
  • Mechanische Obstruktion (Ileus): Passagehindernis des Darms → Stase und Darmdistension (Aufblähung der Darmwand) → Minderdurchblutung und Schleimhautschädigung → Flüssigkeitsansammlung im Darmlumen und Verlust der Darmbarrierefunktion
  • Ischämie und Nekrose: Akute Durchblutungsstörung der Darmwand → Sauerstoffmangel und Gewebenekrose → erhöhte Darmwandpermeabilität und Verlust der Barrierefunktion
  • Perforation eines Hohlorgans: Austritt von Magen-, Darm- oder Galleninhalt in die freie Bauchhöhle → bakterielle Kontamination und chemische Reizung des Peritoneums → ausgeprägte Peritonealreizung mit Abwehrspannung
  • Trauma oder Blutung: Verletzung intraabdomineller Organe oder Gefäße → Blutung in die Bauchhöhle → Peritonealreizung und intravasaler Volumenverlust

Systemische Reaktionen

  • Flüssigkeitsverschiebung: Entzündung, Ileus oder Blutung → Flüssigkeitsverlust in die Bauchhöhle bzw. in das Darmlumen → intravasaler VolumenmangelHypovolämie bis zum hypovolämischen Schock
  • Elektrolyt- und Proteinverlust: Flüssigkeitsverluste und verminderte Resorption → Verlust von Elektrolyten und PlasmaproteinenElektrolytstörungen und metabolische Azidose
  • Bakterielle Translokation und Endotoxinfreisetzung: Schädigung der Darmbarriere oder Perforation → Übertritt von Bakterien und Endotoxinen in den Blutkreislauf → Aktivierung der systemischen Immunantwort
  • Systemische Entzündungsreaktion: Freisetzung von Zytokinen sowie vasoaktiven Substanzen wie Stickstoffmonoxid (NO) und Histamin → Vasodilatation und erhöhte Gefäßpermeabilität → SIRS, Sepsis und möglicher septischer Schock
  • Sympathikusaktivierung: Schmerz, Stress und Volumenmangel → Aktivierung des sympathischen Nervensystems → Tachykardie, kaltschweißige Haut und periphere Vasokonstriktion

Schmerzmechanismen

  • Viszeraler Schmerz: Dehnung, Ischämie oder Entzündung innerer Organe → Reizung viszeraler Nervenfasern → dumpfer, diffuser und schlecht lokalisierbarer Schmerz.
  • Somatischer Schmerz: Reizung des parietalen Peritoneums → Aktivierung somatischer Schmerzfasern → scharfer, gut lokalisierbarer Schmerz.
  • Reflexmechanismen: Peritonealreizung → reflektorische Anspannung der Bauchdeckenmuskulatur → Abwehrspannung und verminderte Darmmotilität bis zum paralytischen Ileus

Kreislauf- und Organbeteiligung

  • Kreislaufdekompensation: Hypovolämie, Entzündungsreaktion und Vasodilatation → verminderte Organperfusion → Hypotonie, Tachykardie, Oligurie/Anurie und metabolische Azidose
  • Organdysfunktion: anhaltende Minderperfusion und systemische Entzündungsreaktion → Funktionsstörungen von Lunge (ARDS), Niere (akutes Nierenversagen) und Leber → mögliches Multiorganversagen
 Merke
Zusammenfassung: die kritischen Probleme des akuten Abdomens:
  • Lokale Schädigung → Entzündung, Ileus, Ischämie, Perforation oder Blutung
  • Peritonealreizung → Bauchschmerz + Abwehrspannung + Darmmotilität ↓
  • Darmbarriere gestört → bakterielle Translokation + Endotoxinfreisetzung
  • Systemische Entzündungsreaktion → SIRS → Sepsis → septischer Schock
  • FlüssigkeitsverschiebungHypovolämiehypovolämischer Schock
  • Kreislaufdekompensation → Hypotonie + Tachykardie + Organminderperfusion
  • Schwere Komplikationen → Multiorganversagen (ARDS, Nieren- und Leberversagen)

Typische Zeichen

  • Akuter Bauchschmerz: Leitsymptom des akuten Abdomens; je nach Ursache viszeral (dumpf, diffus) oder somatisch (scharf, lokalisiert)
  • Abwehrspannung: Reflexhafte Anspannung der Bauchdecke bei Peritonealreizung („bretthartes Abdomen“)
  • Loslassschmerz: Schmerzverstärkung nach plötzlichem Loslassen des Drucks als Hinweis auf eine Peritonitis
  • Druckschmerz: Lokalisierte Schmerzhaftigkeit bei Palpation entsprechend der zugrunde liegenden Ursache
  • Peristaltikstörung: Fehlende Darmgeräusche bei paralytischem Ileus oder hochgestellte, klingende Darmgeräusche bei mechanischer Obstruktion
  • Meteorismus: aufgeblähter Bauch durch Gasansammlung, insbesondere bei Ileus
  • Schonhaltung: angezogene Beine oder bewegungsarme Haltung zur Entlastung der Bauchdecke
  • Flache Atmung: Schmerzbedingte Einschränkung der Atemexkursion 

Generalisierte und systemische Begleitzeichen

  • Übelkeit, Erbrechen und Appetitlosigkeit: Häufige Begleitsymptome bei intraabdominellen Erkrankungen
  • Reduzierter Allgemeinzustand: Blässe, Schwächegefühl und körperliche Erschöpfung
  • Fieber: Hinweis auf eine entzündliche oder infektiöse Ursache
  • Kreislaufzeichen: Tachykardie, Hypotonie und mögliche Schockzeichen
  • Vegetative Zeichen: Kaltschweißigkeit, Angst, Unruhe und ausgeprägtes Krankheitsgefühl
  • Entzündungszeichen: die lokale Entzündungsreaktion des Peritoneums und intraabdomineller Organe kann zu charakteristischen klinischen Befunden führen:
    • Dolor (Schmerz): Freisetzung von Entzündungsmediatoren und Reizung von Nervenendigungen
    • Tumor (Schwellung): Ödembildung durch erhöhte Gefäßpermeabilität und Flüssigkeitsaustritt ins Gewebe
    • Calor (Überwärmung): gesteigerte lokale Durchblutung infolge der Entzündungsreaktion
    • Rubor (Rötung): Vasodilatation mit vermehrter Durchblutung des betroffenen Gewebes
    • Functio laesa (Funktionsverlust): Einschränkung der Organfunktion, z.B. verminderte Darmmotilität bis zum paralytischen Ileus

Anamnese

  • S (Symptome): Schmerzbeginn (plötzlich oder schleichend), Schmerzcharakter (kolikartig, stechend, dumpf), Lokalisation und Ausstrahlung sowie Begleitsymptome wie Übelkeit, Erbrechen, Fieber, Meteorismus, Stuhlverhalt oder Miktionsbeschwerden erfragen
    • Red Flags: Tachykardie, Hypotonie, Fieber, Bewusstseinsstörung, „bretthartes Abdomen“, fehlende Darmgeräusche, vaginale oder rektale Blutungen, Schwangerschaft sowie Voroperationen als Hinweis auf eine potenziell lebensbedrohliche Ursache
  • A (Allergien/Infektionen): Medikamenten-, Nahrungsmittel- oder Kontrastmittelallergien erfragen
  • M (Medikation): Aktuelle Dauermedikation sowie kürzlich eingenommene NSAR, Antikoagulanzien, Opioide, Antibiotika oder Laxanzien erfragen → Relevanz hinsichtlich Blutungsrisiko, Ulkuserkrankungen, Ileus oder medikamentenbedingter Beschwerden beachten
  • P (Patientengeschichte): Frühere Bauchoperationen, Traumata, Tumor- oder Infektionserkrankungen sowie bekannte gastrointestinale, kardiovaskuläre oder gynäkologische Vorerkrankungen erfragen → wichtig zur Einschätzung von Risiken wie Divertikulitis oder Extrauteringravidität.
  • L (Letzte…): Zeitpunkt und Art der letzten Nahrungsaufnahme sowie Stuhl- und Miktionsverhalten erfragen
  • E (Ereignis): Zusammenhang der Beschwerden mit Nahrungsaufnahme, Alkoholkonsum, körperlicher Belastung oder einem Trauma erfragen → kann Hinweise auf Pankreatitis, Cholezystitis oder andere abdominelle Ursachen liefern
  • R (Risikofaktoren): KHK, Atherosklerose, Vorhofflimmern, Rauchen, Alkoholabusus oder Antikoagulation erfassen → erhöhtes Risiko für Mesenterialischämie, gastrointestinale Blutungen oder ein rupturiertes Bauchaortenaneurysma
  • S (Schwangerschaft): Ausbleibende Menstruation, bestehende oder mögliche Schwangerschaft sowie Fertilitätsbehandlungen erfragen → wichtig zum Ausschluss einer Extrauteringravidität und zur weiteren differenzialdiagnostischen Einordnung
 Tipp
Nutze Schemata

Um die Anamnese strukturiert durchzuführen, bietet es sich an, Schemata, wie das SAMPLERS oder OPQRST-Schema zu benutzen. Am obigen Beispiel haben wir Fragen und Befunde dargestellt, die bei dem Verdacht auf ein akutes Abdomen abgefragt werden sollten und vorliegen könnten.

Stuhlanamnese:

Da viele abdominelle Beschwerden mit Problemen des Gastrointestinaltrakts zu tun haben, ist eine Stuhlanamnese wichtig und kann relevante Informationen bereitstellen. 

Zu erhebende Informationen sind dabei beispielsweise:

  • Frequenz des Stuhlgangs
  • Zeit des letzten abgesetzten Stuhlgangs
  • Anomalien in Konsistenz und Farbe 
StuhlcharakteristikMögliche UrsachenBesonderheiten und Hinweise
Acholischer Stuhl (hell, grau, entfärbt)Cholestase, Choledocholithiasis, Cholezystitis, GallenwegstumorenHäufig kombiniert mit Ikterus und dunklem Urin durch fehlende Bilirubinsekretion
Steatorrhö (fettig-glänzend, voluminös, übel riechend)Akute oder chronische Pankreatitis, exokrine PankreasinsuffizienzAusdruck einer Maldigestion mit erhöhtem Fettgehalt im Stuhl
Hämatochezie (frisches Blut auf dem Stuhl)Untere gastrointestinale Blutung, Hämorrhoiden, Kolitis, TumorenMeist hellrot und dem Stuhl aufgelagert
Meläna (Teerstuhl)Obere gastrointestinale Blutung (Ulkus, Gastritis, Ösophagusvarizen)Schwarz, glänzend und übel riechend durch Umwandlung von Hämoglobin zu Hämatin
Schleimig-blutige DiarrhöInfektiöse oder entzündliche DarmerkrankungenHinweis auf entzündliche Darmprozesse, in Kombination mit Erbrechen oft infektiöse Genese
Obstipation / harter StuhlMechanischer Ileus, Koprostase, OpioidtherapieKann auf ein Subileus oder ileusbedingtes Geschehen hinweisen
 Tipp
Infektionsprävention

Bei gleichzeitigem Auftreten von Erbrechen und Diarrhö sollte bis zum Ausschluss einer infektiösen Ursache von einer potenziell übertragbaren Gastroenteritis ausgegangen werden. Entsprechende Hygienemaßnahmen sowie eine mögliche Isolierung in der Klinik sind frühzeitig zu berücksichtigen.

Schmerzcharakterisierung

Die Schmerzcharakteristik ist ein wichtiger Bestandteil der rettungsdienstlichen Beurteilung und kann frühzeitig Hinweise auf die Ursache und Schwere eines akuten Abdomens geben.

Häufige Schmerztypen:

SchmerztypSchmerzverlaufBeispiele

Perforationsschmerz

 

  • Typischerweise in drei Stadien:
    • Initial: plötzlich einsetzender, starker Schmerz
    • Anschließende Phase der relativen Schmerzlinderung
    • Erneute Schmerzzunahme mit Abwehrspannung
Perforationsschmerz

Kolikschmerz

  • Krampfartiger, wellenförmiger Schmerz, der in Intensität variiert
  • Häufig durch die Bewegung von Hohlorganen wie dem Darm, Ureter oder Gallengängen, wenn diese versuchen, ein Hindernis (z.B. Stein, Tumor) zu passieren
Kolikschmerz

Entzündungsschmerz

  • Ein anhaltender, oft dumpfer Schmerz, der mit der Zeit stufenweise zunimmt
  • Mit lokaler Entzündungsreaktion wie Rötung, Schwellung und Überwärmung sowie systemischen Symptomen wie Fieber
Entzündungsschmerz

Schmerzausstrahlung:

Die Schmerzausstrahlung beschreibt das Phänomen, dass Schmerzempfindungen nicht nur am Ursprungsort wahrgenommen werden, sondern auch in entfernte Körperregionen projiziert werden können. Diese Ausstrahlung kann diagnostische Hinweise liefern, da bestimmte Erkrankungen des Abdomens charakteristische Muster der Schmerzausstrahlung aufweisen.

Schmerzausstrahlung
Schmerzausstrahlung 

Mögliche Diagnosen nach Schmerzlokalisation:

SchmerzlokalisationMögliche Ursachen
Rechter OberbauchGallenkolik, Magenulkus, Duodenalulkus, Nierenkolik, Gastritis/Gastroenteritis, Pankreatitis, gastrointestinale Blutung, Leberzirrhose, Stauungsleber, Pneumonie, akutes Koronarsyndrom
Linker OberbauchMagenulkus, Milztrauma, Splenomegalie, Nierenkolik, Gastritis/Gastroenteritis, Pankreatitis, gastrointestinale Blutung, Pneumonie, akutes Aortensyndrom, akutes Koronarsyndrom
Rechter UnterbauchAppendizitis, Adnexitis, Salpingitis, Extrauteringravidität, Divertikulitis, Gastroenteritis, gastrointestinale Blutung, Nierenkolik, Hernie, Peritonitis, Mesenterialinfarkt, Ileus
Linker UnterbauchDivertikulitis, Adnexitis, Salpingitis, Extrauteringravidität, Appendizitis, Gastroenteritis, gastrointestinale Blutung, Nierenkolik, Hernie, Peritonitis, Mesenterialinfarkt, Ileus
Periumbilikaler BereichPankreatitis, akutes Koronarsyndrom, Magenulkus, Duodenalulkus, Appendizitis, Gastroenteritis, Hernie, akutes Aortensyndrom, Ösophagitis, Peritonitis, Splenomegalie, Mesenterialinfarkt
Abdomenquadranten
Anatomische Bauchquadranten und periumbilikaler Bereich zur Zuordnung abdominaler Schmerzlokalisationen

Körperliche Untersuchung

Inspektion: 

  • Schonhaltung: Patient:innen mit Peritonitis liegen häufig mit angezogenen Beinen zur Entlastung der Bauchdecke
    • Bewegungsunruhe spricht eher für kolikartige Schmerzen
  • Aufgeblähter Bauch (Meteorismus): Sichtbare Abdominaldistension als Hinweis auf Ileus, Darmatonie oder vermehrte Gasansammlung
  • Reduzierter Allgemeinzustand: Blässe, Kaltschweißigkeit, Unruhe oder sichtbare Erschöpfung als mögliche Zeichen von Schock oder Sepsis
  • Hautkolorit: Ikterus kann auf eine Cholestase hinweisen, Blässe auf Anämie oder Hypovolämie
  • Schonatmung: Flache Atmung zur Vermeidung schmerzhafter Bewegungen der Bauchdecke, insbesondere bei Peritonitis
 Achtung
Auskultation vor Palpation

 Die Auskultation erfolgt beim Abdomen immer vor Palpation und Perkussion, da eine mechanische Reizung durch die Untersuchung die Darmperistaltik beeinflussen und die Befunde verfälschen kann.

Auskultationspunkte Abdomen
Auskultationspunkte Abdomen

Auskultation:

  • Abdomen:
    • Hyperperistaltik: vermehrte bzw. hochgestellte Darmgeräusche bei Gastroenteritis, Diarrhö, Reizdarmsyndrom oder unter motilitätssteigernden Medikamenten (z.B. Pyridostigmin, Koffein)
    • Hypoperistaltik: verminderte oder fehlende Darmgeräusche bei paralytischem Ileus, Peritonitis oder unter motilitätshemmenden Medikamenten (z. B. Butylscopolamin, Opiate).
    • Fehlende Darmgeräusche („Grabesstille“): Hinweis auf einen fortgeschrittenen paralytischen Ileus oder eine ausgeprägte Peritonitis
    • Normalerweise ist immer ein gewisses Maß an Peristaltik in Form von gluckernden Geräuschen hörbar
  • Lunge
    • Ausschluss extraabdomineller Ursachen wie Pneumonie, Pleuraerguss oder Lungenödem, die Bauchschmerzen imitieren oder begleiten können.

Palpation:

  • Druckschmerz: Lokalisierte Schmerzhaftigkeit entsprechend der zugrunde liegenden Pathologie, z.B. bei Appendizitis, Cholezystitis oder Divertikulitis
  • Abwehrspannung: reflexartige Anspannung der Bauchdeckenmuskulatur als Zeichen einer Peritonealreizung
  • Loslassschmerz (Blumberg-Zeichen): Schmerzverstärkung nach abruptem Lösen des Drucks als Hinweis auf eine Peritonitis
  • Resistenzen: tastbare Raumforderungen, beispielsweise bei Tumoren, Koprostase, Pseudozysten oder Harnverhalt
  • Pulsierende Raumforderung: Verdacht auf ein Bauchaortenaneurysma →  keine weitere Palpation, sondern umgehende klinische Abklärung.
 Tipp

Bei Beschwerden wie Nierenkoliken (kolikartige Schmerzen über den Nierenlagern, den Flanken und/oder mit Ausstrahlung in die Genitalien) nicht vergessen, die Nierenlager abzuklopfen! Bei Obstruktion durch Nierensteine kann der Schmerz provoziert werden. 

Perkussion:

  • Tympanitischer Klopfschall: Hinweis auf vermehrte Gasansammlung bei Meteorismus, Ileus oder freier Luft im Abdomen
  • Gedämpfter Klopfschall: Kann auf freie Flüssigkeit (Aszites) oder raumfordernde Prozesse hinweisen

Vitalparameter

ParameterTypischer Befund / VeränderungPathophysiologischer Hintergrund
HerzfrequenzHäufig TachykardieSchmerz, Sympathikusaktivierung, Hypovolämie, Sepsis oder Schock
BlutdruckInitial normwertig oder erhöht, später häufig HypotonieVolumenverlust, Vasodilatation bei Sepsis oder hämorrhagischem Schock
AtemfrequenzHäufig TachypnoeSchmerzbedingte Stressreaktion, metabolische Azidose, Sepsis oder Schonatmung
TemperaturNormwertig, subfebril oder FieberEntzündliche oder infektiöse Ursache (z. B. Appendizitis, Cholezystitis, Peritonitis)
SauerstoffsättigungMeist normwertig, bei schwerem Verlauf vermindertSepsis, Schock oder begleitende pulmonale Erkrankungen
BlutzuckerNormwertig bis erhöhtStressinduzierte Hyperglykämie durch Katecholamin- und Kortisolausschüttung

Orientierende neurologische Untersuchung

  • Vigilanz: Beurteilung des Bewusstseinszustands, beispielsweise mittels GCS-Score
  • Sprache: Überprüfung von Sprachverständnis und Sprachproduktion auf Hinweise für neurologische Defizite
  • Pupillenstatus: Kontrolle von Pupillengröße, Symmetrie und Lichtreaktion sowie möglicher Blickabweichungen
  • Motorik: orientierende Kraftprüfung der oberen und unteren Extremitäten unter Beachtung von Seitendifferenzen
  • Fokalneurologische Zeichen: Fazialisparese, Hemiparese, Sensibilitätsstörungen oder andere Herdzeichen als Hinweis auf eine neurologische Ursache

Weiterführende apparative Diagnostik

  • 12-Kanal-EKG: Dient dem Ausschluss kardialer Ursachen bei epigastrischen, thorakalen oder unklaren abdominalen Schmerzen → insbesondere zum Ausschluss eines akuten Koronarsyndroms bei atypischer Symptomatik
    • Viszerale Schmerzprojektion: Kardiale Ischämien können sich als Oberbauch- oder epigastrische Schmerzen manifestieren
  • POCUS / eFAST: Ergänzende sonografische Untersuchung zur schnellen Identifikation lebensbedrohlicher Ursachen eines akuten Abdomens
    • Subxiphoidale Ansicht: Nachweis eines Perikardergusses oder einer Herzbeuteltamponade
    • Rechter Oberbauch (Morison-Pouch): Nachweis freier Flüssigkeit zwischen Leber und Niere
    • Linker Oberbauch (Koller-Pouch): Nachweis freier Flüssigkeit zwischen Milz und Niere
    • Becken (Douglas-Raum): Nachweis freier intraabdomineller Flüssigkeit, z. B. bei Blutungen oder rupturierter Extrauteringravidität
    • Thorax/Pleura: Ausschluss eines Pneumothorax, Hämatothorax oder Pleuraergusses

Differenzialdiagnosen

DifferenzialdiagnoseTypische SymptomeAbgrenzung / Hinweise
Akutes KoronarsyndromEpigastrische oder Oberbauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, KaltschweißigkeitBeschwerden häufig nicht primär abdominal, EKG-Veränderungen möglich
Akutes AortensyndromPlötzlich einsetzender Vernichtungs- oder Zerreißungsschmerz mit Ausstrahlung in Rücken oder AbdomenPuls- oder Blutdruckdifferenzen, rasche Kreislaufverschlechterung
PneumonieOberbauchschmerzen, Fieber, Husten, DyspnoeHäufig pathologische Lungenauskultation
PleuritisThorakoabdominelle Schmerzen, atemabhängige BeschwerdenSchmerzverstärkung bei tiefer Inspiration
LungenembolieThorax- oder Oberbauchschmerzen, Dyspnoe, TachykardieHypoxämie, Risikofaktoren für Thromboembolien
PerikarditisThorakale oder epigastrische SchmerzenSchmerzabhängigkeit von Körperlage und Atmung, EKG-Veränderungen
Diabetische KetoazidoseDiffuse Bauchschmerzen, Übelkeit, ErbrechenHyperglykämie, Azetongeruch, Kussmaul-Atmung
Addison-KriseBauchschmerzen, Erbrechen, Schwäche, HypotonieElektrolytstörungen und Kreislaufdekompensation
Herpes zoster (Frühphase)Einseitige Thorax- oder BauchschmerzenHautveränderungen entwickeln sich oft erst verzögert
 Info

Die dargestellten Maßnahmen orientieren sich an den Empfehlungen des Deutschen Berufsverbands Rettungsdienst (DBRD) und werden durch weitere spezifische, leitliniengerechte Maßnahmen ergänzt, um eine strukturierte und evidenzbasierte Versorgung von Patient:innen sicherzustellen.

 Merke

Die Therapie des akuten Abdomens verfolgt das Ziel, lebensbedrohliche Ursachen frühzeitig zu erkennen, Schmerzen zu lindern, Kreislaufstörungen zu behandeln und eine zeitkritische chirurgische oder interventionelle Versorgung schnellstmöglich einzuleiten.

Basismaßnahmen

  • Lagerung:
    • Schmerzadaptierte Lagerung: Patient:innen sollten die Position einnehmen, in der die geringsten Beschwerden bestehen
    • Knierolle bzw. angewinkelte Beine: können durch Entspannung der Bauchmuskulatur schmerzlindernd wirken
    • Schonende Mobilisation: Lagewechsel und Umlagerungen vorsichtig durchführen, um Schmerzspitzen und Kreislaufbelastungen zu vermeiden
  • Nüchternheit: Bis zur klinischen Abklärung und möglichen operativen Versorgung sollte auf orale Nahrungs- und Flüssigkeitszufuhr verzichtet werden
  • Monitoring und Basisdiagnostik: Kontinuierliche Überwachung mittels EKG, SpO₂, Blutdruck- und Atemfrequenzkontrollen sowie regelmäßige Schmerzevaluation
  • Sauerstofftherapie: bedarfsgerechte Sauerstoffgabe bei Hypoxämie oder klinischen Zeichen einer respiratorischen bzw. hämodynamischen Beeinträchtigung.
  • Venöser Zugang: Anlage eines großlumigen intravenösen Zugangs zur Analgesie und ggf. Volumentherapie 
  • Zielgerichtete Klinikwahl: Transport in eine Klinik mit chirurgischer Versorgung, bei Verdacht auf Gefäßverschluss, Perforation, Sepsis oder intraabdominelle Blutung bevorzugt in ein Zentrum mit viszeral- bzw. gefäßchirurgischer Expertise

Spezifische Maßnahmen

  • Angepasste Volumentherapie: 
    • Bei Hypovolämie, Sepsis oder hämodynamischer Instabilität: frühzeitige Volumensubstitution mittels Vollelektrolytlösungen 20-30 ml/kgKG entsprechend der klinischen Situation
    • Bei Verdacht auf intraabdominelle Blutungen: restriktive Volumentherapie im Sinne der permissiven Hypotension bis zur definitiven Blutungskontrolle, Ziel-RRsys. 80-90 mmHg und Gabe von Tranexamsäure 1 g i.v. über 1o Minuten
  • Analgesie: Stufenweise Schmerztherapie mit Nicht-Opioid-Analgetika, z.B. Paracetamol 1000 mg i.v. oder Metamizol 0,5 - 1 g i.v. ggf. ergänzt durch Butylscopolamin 20 mg i.v. und bei Bedarf Opioiden, z.B. Fentanyl 0,05 mg i.v. titriert bis gewünschte Wirkung, max. Dosis: 0,2 mg
  • Antiemese: Bei Übelkeit oder Erbrechen Gabe eines Antiemetikums, z.B. Ondansetron 4 mg i.v. oder Dimenhydrinat 62 mg i.v.

Unspezifische abdominelle Beschwerden (NSAP)

Bei einem Teil der Patient:innen mit akuten Bauchschmerzen lässt sich trotz adäquater Diagnostik keine eindeutige organische Ursache nachweisen.

  • Definition: Ausschlussdiagnose bei Bauchschmerzen ohne nachweisbare Genese; Beschwerden bestehen typischerweise zwischen 6 Stunden und 7 Tagen
  • Klinische Besonderheiten: Charakteristischerweise fehlen Fieber, Leukozytose und Zeichen eines Peritonismus
  • Differenzialdiagnostische Bedeutung: Häufig liegen funktionelle Erkrankungen wie ein Reizdarmsyndrom oder eine funktionelle Dyspepsie zugrunde, psychosoziale Belastungsfaktoren können die Symptomatik beeinflussen
  • Therapieziel: symptomorientierte Behandlung bei gleichzeitiger Vermeidung unnötiger Diagnostik; erneute Abklärung bei Persistenz, Wiederauftreten oder Veränderung der Beschwerden

Schwangere

Die Diagnostik des akuten Abdomens wird durch die physiologischen Veränderungen der Schwangerschaft erschwert.

  • Besonderheiten: Die Verlagerung intraabdomineller Organe kann zu einer atypischen Schmerzlokalisation führen; eine Appendizitis kann beispielsweise bis in den rechten Oberbauch projiziert werden
  • Differenzialdiagnosen: Extrauteringravidität, Präeklampsie, HELLP-Syndrom, Ovarialtorsion und Plazentalösung müssen berücksichtigt werden
  • Therapieziel: Frühzeitige gynäkologische Mitbeurteilung zum Schutz von Mutter und Fetus

Ältere Patient:innen

Bei älteren Menschen präsentieren sich schwerwiegende intraabdominelle Erkrankungen häufig mit atypischer oder abgeschwächter Symptomatik.

  • Besonderheiten: Peritonismus, Fieber oder ausgeprägte Schmerzen können trotz schwerer Erkrankung fehlen
  • Häufige Ursachen: Aortenaneurysma-Ruptur, Mesenterialischämie, Ileus, Cholezystitis und kolorektale Tumorerkrankungen
  • Therapieziel: Niedrige Schwelle für stationäre Aufnahme, engmaschige Überwachung und umfassende Diagnostik

Immunsupprimierte Patient:innen

Bei immunsupprimierten Patient:innen können schwere Erkrankungen mit nur diskreten klinischen Zeichen einhergehen.

  • Besonderheiten: Fieber, Leukozytose und andere Entzündungszeichen sind häufig abgeschwächt oder fehlen vollständig
  • Differenzialdiagnosen: Neben den klassischen Ursachen des akuten Abdomens sind opportunistische Infektionen sowie CMV-Enteritis, Kaposi-Sarkome und Lymphome zu berücksichtigen
  • Therapieziel: Frühzeitige stationäre Abklärung und gezielte Suche nach infektiösen oder opportunistischen Ursachen

Kinder und Jugendliche

Das akute Abdomen zeigt sich im Kindes- und Jugendalter häufig mit unspezifischen Beschwerden.

  • Besonderheiten: Die Symptomatik ist oft diffus und kann sich lediglich durch Bauchschmerzen, Fieber, Erbrechen oder Diarrhö äußern
  • Häufige Ursachen: Appendizitis, Gastroenteritis, Harnwegsinfektionen, Invaginationen und Hodentorsionen
  • Therapieziel: Frühzeitige Identifikation zeitkritischer Ursachen und engmaschige Verlaufskontrolle

Zielkrankenhaus

Die Wahl des Zielkrankenhauses richtet sich nach der vermuteten Ursache, dem Schweregrad der Erkrankung sowie der erforderlichen operativen und intensivmedizinischen Versorgungsmöglichkeit.

  • Stabile Patient:innen mit unklarer Genese: Transport in ein Krankenhaus der Grund- oder Regelversorgung mit chirurgischer Bereitschaft und Möglichkeit zur weiterführenden Bildgebung
  • Verdacht auf Appendizitis, Ileus, Perforation oder Divertikulitis: bevorzugt Klinik mit viszeralchirurgischer Versorgung und Möglichkeit zur zeitnahen Notfalloperation
  • Verdacht auf Mesenterialischämie, rupturiertes Aortenaneurysma oder schwere intraabdominelle Blutung: Transport in ein gefäßchirurgisches Zentrum oder ein Krankenhaus mit interventioneller Radiologie, unnötige Transportverzögerungen vermeiden.
  • Sepsis, Schock oder hämodynamische Instabilität: Klinik mit Schockraum- und Intensivkapazität
  • Polytrauma oder kombinierte abdominelle Verletzungen: Transport in ein überregionales Traumazentrum mit interdisziplinärer Versorgung durch Viszeral-, Gefäß- und Unfallchirurgie sowie Intensivmedizin und Interventionsradiologie

Transportbegleitende Maßnahmen

  • Monitoring: Kontinuierliche Überwachung von EKG, Blutdruck, Herzfrequenz, Sauerstoffsättigung, Atemfrequenz und Vigilanz
  • Lagerung:
    • Schmerzadaptierte Lagerung: Position mit der geringsten Schmerzintensität wählen
    • Angewinkelte Beine/Knierolle: können die Bauchdecke entlasten und Schmerzen reduzieren
    • Bei Schockzeichen: Flachlagerung 
  • Sauerstofftherapie: Bedarfsgerechte Sauerstoffgabe bei Hypoxämie, Dyspnoe oder Schockgeschehen
  • Volumen- und Medikamententherapie:
    • Fortführung der Analgesie und Antiemese nach Bedarf
    • Angepasste Volumentherapie entsprechend der Kreislaufsituation
  • Wärmeerhalt: Vermeidung einer Auskühlung durch geeignete Wärmeerhaltungsmaßnahmen.
  • Verlaufskontrolle: Regelmäßige Reevaluation von Schmerzintensität, Vitalparametern und Zeichen einer Peritonitis oder Schockentwicklung

Übergabe in der Klinik

  • Strukturierte Übergabe nach standardisierten Schemata wie ISOBAR oder SINNHAFT.
  • Übergabe relevanter Informationen zu:
    • Schmerzbeginn, Schmerzverlauf und Schmerzlokalisation
    • Begleitsymptomen (Übelkeit, Erbrechen, Fieber, Stuhl- oder Miktionsveränderungen)
    • Verdachtsdiagnose und Differenzialdiagnosen
    • Voroperationen und relevanten Vorerkrankungen
    • Schwangerschaftsstatus bei Patientinnen im gebärfähigen Alter
    • Vitalparametern und klinischen Untersuchungsbefunden
    • Durchgeführten Maßnahmen (Analgesie, Antiemese, Volumentherapie, Sauerstoffgabe)
    • Ansprechen auf die eingeleitete Therapie
  • Hochrisikopatient:innen: Bei hämodynamischer Instabilität, Sepsis, Peritonitis, Verdacht auf Mesenterialischämie, Perforation oder intraabdomineller Blutung frühzeitige Übergabe an das Schockraumteam

Definition

 Definition
Akutes Abdomen

Das akute Abdomen beschreibt einen klinischen Symptomkomplex, der durch akute Bauchschmerzen, Abwehrspannung der Bauchdecke, Übelkeit und Erbrechen sowie eine gestörte Darmperistaltik gekennzeichnet ist. Aufgrund der möglichen Lebensbedrohlichkeit erfordert dieser Zustand eine sofortige diagnostische Abklärung und gegebenenfalls eine unverzügliche Therapie.

Der Begriff akutes Abdomen beschreibt dabei ausschließlich das klinische Erscheinungsbild und nicht die zugrunde liegende Ursache. 

Ursachen

  • Gastrointestinal: Appendizitis, Divertikulitis, Ileus, Perforation, Pankreatitis, Mesenterialischämie
  • Gallenwege: Gallenkolik, Cholezystitis, Cholangitis
  • Gynäkologisch: Extrauteringravidität, Ovarialtorsion, rupturierte Ovarialzyste, Adnexitis
  • Urologisch: Urolithiasis, Pyelonephritis, Harnverhalt
  • Gefäßbedingt: Rupturiertes Bauchaortenaneurysma, Mesenterialgefäßverschluss
  • Traumatisch: Abdominaltrauma mit Organverletzung oder Blutung
  • Extraabdominell: Myokardinfarkt, Pneumonie, Lungenembolie, diabetische Ketoazidose, Addison-Krise

Pathophysiologie

  • Das akute Abdomen entsteht durch Entzündung, Ileus, Ischämie, Perforation oder intraabdominelle Blutungen und führt zu einer Reizung des Peritoneums
  • Entzündungsmediatoren verursachen Vasodilatation, erhöhte Gefäßpermeabilität und Ödembildung, wodurch Schmerzen und lokale Entzündungsreaktionen entstehen
  • Beim Ileus führen Darmdistension und Flüssigkeitsverschiebungen zu Hypovolämie, Schleimhautschädigung und Verlust der Darmbarrierefunktion
  • Ischämie und Nekrose schädigen die Darmwand und begünstigen die Freisetzung von Bakterien und Endotoxinen in den Blutkreislauf
  • Eine Perforation verursacht die Kontamination der Bauchhöhle mit Magen-, Darm- oder Galleninhalt und kann zu einer Peritonitis führen
  • Durch bakterielle Translokation und die Freisetzung von Entzündungsmediatoren kann sich eine systemische Entzündungsreaktion (SIRS) bis zu Sepsis und septischem Schock entwickeln
  • Flüssigkeitsverluste in Darm und Bauchhöhle führen zu Hypovolämie, verminderter Organperfusion und im Verlauf zu einem hypovolämischen Schock
  • Viszerale Schmerzen sind dumpf, diffus und schlecht lokalisierbar; somatische Schmerzen bei Peritonealbeteiligung sind scharf und lokalisierbar
  • Die Peritonealreizung löst reflektorisch eine Abwehrspannung der Bauchdecke und eine verminderte Darmmotilität bis zum paralytischen Ileus aus
  • Unbehandelt können Hypoperfusion, Schock und systemische Entzündungsreaktionen zu Organversagen von Lunge, Niere und Leber bis zum Multiorganversagen führen

Klinischer Eindruck

  • Akuter Bauchschmerz: Leitsymptom des akuten Abdomens; je nach Ursache viszeral (dumpf, diffus) oder somatisch (scharf, lokalisiert)
  • Abwehrspannung: Reflexhafte Anspannung der Bauchdecke bei Peritonealreizung („bretthartes Abdomen“)
  • Loslassschmerz: Schmerzverstärkung nach plötzlichem Loslassen des Drucks als Hinweis auf eine Peritonitis
  • Druckschmerz: Lokalisierte Schmerzhaftigkeit bei Palpation entsprechend der zugrunde liegenden Ursache
  • Peristaltikstörung: Fehlende Darmgeräusche bei paralytischem Ileus oder hochgestellte, klingende Darmgeräusche bei mechanischer Obstruktion
  • Meteorismus: aufgeblähter Bauch durch Gasansammlung, insbesondere bei Ileus
  • Schonhaltung: angezogene Beine oder bewegungsarme Haltung zur Entlastung der Bauchdecke
  • Flache Atmung: Schmerzbedingte Einschränkung der Atemexkursion 
  • Übelkeit, Erbrechen und Appetitlosigkeit: Häufige Begleitsymptome bei intraabdominellen Erkrankungen
  • Reduzierter Allgemeinzustand: Blässe, Schwächegefühl und körperliche Erschöpfung
  • Fieber: Hinweis auf eine entzündliche oder infektiöse Ursache
  • Kreislaufzeichen: Tachykardie, Hypotonie und mögliche Schockzeichen
  • Vegetative Zeichen: Kaltschweißigkeit, Angst, Unruhe und ausgeprägtes Krankheitsgefühl

Diagnostik

  • Inspektion: 

  • Schonhaltung: Patient:innen mit Peritonitis liegen häufig mit angezogenen Beinen zur Entlastung der Bauchdecke
    • Bewegungsunruhe spricht eher für kolikartige Schmerzen
  • Aufgeblähter Bauch (Meteorismus): Sichtbare Abdominaldistension als Hinweis auf Ileus, Darmatonie oder vermehrte Gasansammlung
  • Reduzierter Allgemeinzustand: Blässe, Kaltschweißigkeit, Unruhe oder sichtbare Erschöpfung als mögliche Zeichen von Schock oder Sepsis
  • Hautkolorit: Ikterus kann auf eine Cholestase hinweisen, Blässe auf Anämie oder Hypovolämie
  • Schonatmung: Flache Atmung zur Vermeidung schmerzhafter Bewegungen der Bauchdecke, insbesondere bei Peritonitis
 Achtung
Auskultation vor Palpation

 Die Auskultation erfolgt beim Abdomen immer vor Palpation und Perkussion, da eine mechanische Reizung durch die Untersuchung die Darmperistaltik beeinflussen und die Befunde verfälschen kann.

  • Auskultation:

  • Abdomen:
    • Hyperperistaltik: vermehrte bzw. hochgestellte Darmgeräusche bei Gastroenteritis, Diarrhö, Reizdarmsyndrom oder unter motilitätssteigernden Medikamenten (z.B. Pyridostigmin, Koffein)
    • Hypoperistaltik: verminderte oder fehlende Darmgeräusche bei paralytischem Ileus, Peritonitis oder unter motilitätshemmenden Medikamenten (z. B. Butylscopolamin, Opiate).
    • Fehlende Darmgeräusche („Grabesstille“): Hinweis auf einen fortgeschrittenen paralytischen Ileus oder eine ausgeprägte Peritonitis
    • Normalerweise ist immer ein gewisses Maß an Peristaltik in Form von gluckernden Geräuschen hörbar
  • Lunge
    • Ausschluss extraabdomineller Ursachen wie Pneumonie, Pleuraerguss oder Lungenödem, die Bauchschmerzen imitieren oder begleiten können.
  • Palpation:

  • Druckschmerz: Lokalisierte Schmerzhaftigkeit entsprechend der zugrunde liegenden Pathologie, z.B. bei Appendizitis, Cholezystitis oder Divertikulitis
  • Abwehrspannung: reflexartige Anspannung der Bauchdeckenmuskulatur als Zeichen einer Peritonealreizung
  • Loslassschmerz (Blumberg-Zeichen): Schmerzverstärkung nach abruptem Lösen des Drucks als Hinweis auf eine Peritonitis
  • Resistenzen: tastbare Raumforderungen, beispielsweise bei Tumoren, Koprostase, Pseudozysten oder Harnverhalt
  • Pulsierende Raumforderung: Verdacht auf ein Bauchaortenaneurysma →  keine weitere Palpation, sondern umgehende klinische Abklärung.
 Tipp

Bei Beschwerden wie Nierenkoliken (kolikartige Schmerzen über den Nierenlagern, den Flanken und/oder mit Ausstrahlung in die Genitalien) nicht vergessen, die Nierenlager abzuklopfen! Bei Obstruktion durch Nierensteine kann der Schmerz provoziert werden. 

  • Perkussion:

  • Tympanitischer Klopfschall: Hinweis auf vermehrte Gasansammlung bei Meteorismus, Ileus oder freier Luft im Abdomen
  • Gedämpfter Klopfschall: Kann auf freie Flüssigkeit (Aszites) oder raumfordernde Prozesse hinweisen

Therapie

Basismaßnahmen:

  • Lagerung:
    • Schmerzadaptierte Lagerung: Patient:innen sollten die Position einnehmen, in der die geringsten Beschwerden bestehen
    • Knierolle bzw. angewinkelte Beine: können durch Entspannung der Bauchmuskulatur schmerzlindernd wirken
    • Schonende Mobilisation: Lagewechsel und Umlagerungen vorsichtig durchführen, um Schmerzspitzen und Kreislaufbelastungen zu vermeiden
  • Nüchternheit: Bis zur klinischen Abklärung und möglichen operativen Versorgung sollte auf orale Nahrungs- und Flüssigkeitszufuhr verzichtet werden
  • Monitoring und Basisdiagnostik: Kontinuierliche Überwachung mittels EKG, SpO₂, Blutdruck- und Atemfrequenzkontrollen sowie regelmäßige Schmerzevaluation
  • Sauerstofftherapie: bedarfsgerechte Sauerstoffgabe bei Hypoxämie oder klinischen Zeichen einer respiratorischen bzw. hämodynamischen Beeinträchtigung.
  • Venöser Zugang: Anlage eines großlumigen intravenösen Zugangs zur Analgesie und ggf. Volumentherapie 
  • Zielgerichtete Klinikwahl: Transport in eine Klinik mit chirurgischer Versorgung, bei Verdacht auf Gefäßverschluss, Perforation, Sepsis oder intraabdominelle Blutung bevorzugt in ein Zentrum mit viszeral- bzw. gefäßchirurgischer Expertise

Spezifische Maßnahmen:

  • Angepasste Volumentherapie: 
    • Bei Hypovolämie, Sepsis oder hämodynamischer Instabilität: frühzeitige Volumensubstitution mittels Vollelektrolytlösungen 20-30 ml/kgKG entsprechend der klinischen Situation
    • Bei Verdacht auf intraabdominelle Blutungen: restriktive Volumentherapie im Sinne der permissiven Hypotension bis zur definitiven Blutungskontrolle, Ziel-RRsys. 80-90 mmHg und Gabe von Tranexamsäure 1 g i.v. über 1o Minuten
  • Analgesie: Stufenweise Schmerztherapie mit Nicht-Opioid-Analgetika, z.B. Paracetamol 1000 mg i.v. oder Metamizol 0,5 - 1 g i.v. ggf. ergänzt durch Butylscopolamin 20 mg i.v. und bei Bedarf Opioiden, z.B. Fentanyl 0,05 mg i.v. titriert bis gewünschte Wirkung, max. Dosis: 0,2 mg
  • Antiemese: Bei Übelkeit oder Erbrechen Gabe eines Antiemetikums, z.B. Ondansetron 4 mg i.v. oder Dimenhydrinat 62 mg i.v.

Besondere Situationen

  • NSAP (Non-Specific Abdominal Pain): Ausschlussdiagnose ohne nachweisbare organische Ursache; typischerweise kein Fieber, keine Leukozytose und kein Peritonismus
  • Schwangere: Schmerzlokalisation kann atypisch sein; wichtige Differenzialdiagnosen sind Extrauteringravidität, HELLP-Syndrom und Plazentalösung
  • Ältere Patient:innen: häufig atypische oder abgeschwächte Symptomatik; schwere Erkrankungen können trotz fehlendem Peritonismus oder Fieber vorliegen
  • Immunsupprimierte Patient:innen: Entzündungszeichen sind oft nur gering ausgeprägt oder fehlen vollständig; opportunistische Infektionen berücksichtigen
  • Kinder und Jugendliche: Beschwerden häufig unspezifisch; Appendizitis ist die häufigste chirurgische Ursache eines akuten Abdomens

Transport

  • Die Wahl des Zielkrankenhauses richtet sich nach der vermuteten Ursache, dem Schweregrad der Erkrankung sowie der erforderlichen operativen und intensivmedizinischen Versorgungsmöglichkeit.
  • Stabile Patient:innen mit unklarer Genese: Transport in ein Krankenhaus der Grund- oder Regelversorgung mit chirurgischer Bereitschaft und Möglichkeit zur weiterführenden Bildgebung
  • Verdacht auf Appendizitis, Ileus, Perforation oder Divertikulitis: bevorzugt Klinik mit viszeralchirurgischer Versorgung und Möglichkeit zur zeitnahen Notfalloperation
  • Verdacht auf Mesenterialischämie, rupturiertes Aortenaneurysma oder schwere intraabdominelle Blutung: Transport in ein gefäßchirurgisches Zentrum oder ein Krankenhaus mit interventioneller Radiologie, unnötige Transportverzögerungen vermeiden.
  • Sepsis, Schock oder hämodynamische Instabilität: Klinik mit Schockraum- und Intensivkapazität
  • Polytrauma oder kombinierte abdominelle Verletzungen: Transport in ein überregionales Traumazentrum mit interdisziplinärer Versorgung durch Viszeral-, Gefäß- und Unfallchirurgie sowie Intensivmedizin und Interventionsradiologie
 Tipp

Wenn ihr mehr Informationen und weitere therapeutische Maßnahmen erfahren möchtet, empfehlen wir euch die verlinkten Artikel aus dem klinischen Bereich.

  • Leitsymptom: Abdominalschmerz
  • Abdominelle Untersuchung
  • Algorithmus: akutes Abdomen
Zuletzt aktualisiert am 18.06.2026
Hodentorsion (RD)
Akute Appendizitis (RD)
Deine Medizin-Lernplattform
Jetzt weiterlesen
Zugang zu diesem und über 800 weiteren leitlinienbasierten Artikeln, unserem einzigartigen medizinischen AI-Tutor und Quiz