Medi Know
Logo Image

Analgosedierung

8 Minuten Lesezeit

Die Analgosedierung umfasst sowohl die Analgesie (Schmerzlinderung) als auch die Sedierung (Bewusstseinsdämpfung) der Patient:innen. Dabei werden spezifische Medikamente wie Opioide und Benzodiazepine in geeigneter Dosierung und unter kontrollierten Bedingungen (Monitoring) verabreicht. Ziel ist es, eine ausreichende Schmerzlinderung und Sedierung zu erreichen, um unangenehme invasive diagnostische oder therapeutische Eingriffe durchführen zu können, während Schutzreflexe und Spontanatmung erhalten bleiben.

Ziele der Analgosedierung:

  1. Analgesie
  2. Sedierung
  3. Anxiolyse
  4. Toleranz gegenüber invasiven diagnostischen oder therapeutischen Eingriffen
  5. Optimierung der Rahmenbedingungen für den Eingriff
  6. Verminderte Stressreaktion
  • Sauerstoffbrille oder Sauerstoffmaske
  • Beatmungsbeutel mit Maske
  • Infusionssystem
  • Medikamente:
    • Sedierung:
      • Standardmedikament: Propofol
      • Bei hämodynamischer Instabilität: Esketamin/Ketamin
      • Bei kardiovaskulären Risikopatient:innen: Etomidat
      • Zur Anxiolyse: Midazolam (Cave: die Kombination von Midazolam mit Propofol verlängert die Aufwachzeit deutlich)
    • Analgesie:
      • Piritramid
      • Oxycodon
      • Sufentanil
      • Remifentanil
      • Fentanyl
  • Material für Atemwegskomplikationen (Guedel-/Wendl-Tubus, supraglottische Atemwegshilfe, Materialien für endotracheale Intubation)
  • Beatmungsgerät überprüft und einsatzbereit

Allgemeine Durchführung:

  • Vorbereitung:
    • Aufklärung zur Analgosedierung
    • Einwilligung der Patient:in
    • Basismonitoring (EKG, Pulsoxymetrie, nicht-invasive Blutdruckmessung)
    • Gefäßzugang
    • Lagerung: Oberkörperhochlagerung, verbesserte Jackson-Position („Schnüffelstellung“)
    • Sauerstoffgabe über Maske oder Nasensonde
 Achtung

Risikofaktoren: obstruktives Schlafapnoe-Syndrom (OSAS), Allergien, erhöhtes Aspirationsrisiko, Hinweise auf einen schwierigen Atemweg, ASA ≥3, Alter >80 Jahre, BMI >30 kg/m2, Sprachbarriere, schwere kardiovaskuläre (instabile AP, NYHA >II oder pulmonale Erkrankung (ausgeprägte COPD).

  • Durchführung:
    • Applikation von Analgetika und Sedativa bzw. Injektionsanästhetika
      • Monitoring der Sedierung
      • Monitoring der Analgesie
    • Dokumentation von Verlauf und verabreichten Medikamenten
    • Nachsorge: mit weiterführender Überwachung nach Analgosedierung

Monitoring der Sedierung:

Ziel: Spontan atmende, kooperative und angstfreie Patient:innen.

  • Minimale/moderate Sedierung → Subjektive Scores (RASS oder Ramsay)
  • Erwünschte tiefe Sedierung → Objektives EEG-Monitoring (z. B. BIS)
  • Dokumentation obligat

Richmond Agitation and Sedation Scale (RASS)

Die RASS ist der Goldstandard zur Beurteilung der Sedierungstiefe und erfasst als einziger Score sowohl Sedierung als auch Agitation auf einer einheitlichen Skala.

WertBezeichnungBeschreibung
+4StreitlustigAggressiv, unmittelbare Gefahr für das Personal
+3Stark agitiertZieht Katheter/Zugänge, sehr unruhig
+2AgitiertHäufige ungerichtete Bewegungen, beatmungsintolerаnt (z.B. Atmung gegen Respirator)
+1UnruhigÄngstlich, unruhig, keine aggressiven Bewegungen
0Wach und ruhigNormalbefund
−1SchläfrigNicht vollständig wach, aber anhaltender Augenkontakt auf Ansprache (>10 sek)
−2Leichte SedierungKurzzeitiger Augenkontakt auf Ansprache (<10 sek)
−3Mäßige SedierungBewegung oder Augenöffnung auf Ansprache, kein Augenkontakt
−4Tiefe SedierungKeine Reaktion auf Ansprache, Bewegung nur auf körperlichen Reiz
−5Nicht erweckbarKeine Reaktion auf Ansprache oder körperliche Stimulation
Zielwert: meist RASS 0 bis −2 angestrebt
 Achtung

Zu tiefe Sedierung vermeiden

RASS ≤−3 = zu tiefe Sedierung → Schutzreflexe gefährdet → Dosisreduktion

Monitoring der Analgesie:

Schmerzintensität regelmäßig quantifizieren und Analgesie bedarfsgerecht anpassen.

  • Kooperative Patient:innen → Selbsteinschätzungsskalen:
    • Numerische Ratingskala (NRS) ← bevorzugt
    • Verbale Ratingskala (VRS)
    • Visuelle Analogskala (VAS)
    • Ziel: Interventionsgrenze individuell festlegen (z. B. NRS ≥4)
Schmerzskalen
Übersicht über verschiedene Schmerzskalen
  • Nicht-kooperative Patient:innen → Fremdeinschätzungsskalen:
    • Behavioral Pain Scale (BPS) – für intubierte Patient:innen
    • Behavioral Pain Scale – Non-Intubated (BPS-NI)
    • Ziel: BPS <6 und in keinem Bewertungsbereich >2 Punkte

Behavioral Pain Scale (BPS)

ItemBeschreibungPunkte
Mimik
  • Ruhig, entspannt
  • Teilweise angespannt
  • Sehr angespannt
  • Schmerzverzerrte Grimasse
1
2
3
4
Obere Extremität
  • Keine Bewegung
  • Teilweise Bewegung
  • Flexion bzw. Bewegung der Finger
  • Geballte Fäuste
1
2
3
4
Adaptation an Beatmungsgerät
  • Toleranz
  • Gelegentliches Husten
  • Gegenatmen/Pressen
  • Maschinelle Beatmung unmöglich
1
2
3
4

Behavioral Pain Scale - Non-Intubated (BPS-NI)

ItemBeschreibungPunkte
Mimik
  • Ruhig, entspannt
  • Teilweise angespannt
  • Sehr angespannt
  • Schmerzverzerrte Grimasse
1
2
3
4
Obere Extremität
  • Keine Bewegung
  • Teilweise Bewegung
  • Flexion bzw. Bewegung der Finger
  • Geballte Fäuste
1
2
3
4
Verbaler Ausdruck
  • Keine verbale Äußerung von Schmerzen
  • Gelegentliches Stöhnen (<3/min, <3 sek)
  • Oftmaliges Stöhnen (>3/min, >3 sek)
  • Weinen oder verbale Äußerung von Schmerzen
1
2
3
4
  • Sättigungsabfall SpO2 ≤90 %
    • Sauerstoffzufuhr über Nasenbrille erhöhen
    • Unterbrechung der Zufuhr von Allgemeinanästhetika
    • Lautes Ansprechen (Kommandoatmung)
    • Öffnung der Atemwege:
      • Kopf überstrecken
      • Esmarch-Handgriff
      • Verwendung von Atemwegshilfen (Guedel-/ Wendl-Tubus)
      • Maskenbeatmung (Sauerstoffversorgung an Beatmungsbeutel anschließen)
    • Bei Übergang in Allgemeinanästhesie (ohne schnelle Reversibilität) → Atemwegssicherung durch supraglottische Atemwegshilfe oder endotracheale Intubation
  • Arterielle Hypotonie
    • Volumengabe (balancierter Vollelektrolytlösung)
    • Kopftieflagerung (Autotransfusion)
    • Gabe von Vasokonstriktoren
  • Hypertensive Entgleisung
    • Bei unzureichender Analgesie: Nachdosieren
    • Blutdruck und Manschette erneut kontrollieren (ggf. fehlerhafte Messung)
  • Herzrhythmusstörungen
    • Bei Bradykardie: Atropin z.B. 0,5–1 mg i.v, max. 3 mg. oder Adrenalin bei ausbleibender Atropin-Wirkung z.B. Adrenalin 2–10 μg/min i.v. als Dauerinfusion
    • Bei Tachykardie: Harnblase voll? Analgesie ausreichend? Ggf. nachdosieren
  • Herz-Kreislauf-Stillstand
    • Kardiopulmonale Reanimation starten
  • Aspiration
    • Kopftieflagerung
    • Absaugen oder bronchoskopische Entfernung des Aspirats
  • Lagerungsschäden (Dekubitus)
    • Druckentlastung durch Lagerung und Polsterung
  • Delir
    • Ruhige Atmosphäre schaffen
    • Hinweis auf Orientierungshilfen (Uhren, Erwähnung von Zeit, Ort und Situation)
    • Häufige Personalwechsel vermeiden
    • Medikamentöse Therapie (insb. bei Eigen- oder Fremdgefährdung):
      • Niedrigpotente Antipsychotika: Pipamperon, Melperon
      • Hochpotente Antipsychotika: Risperidon, Haloperidol
 Achtung

Bei Morbus Parkinson oder Lewy-Body-Demenz sind viele Antipsychotika aufgrund des antidopaminergen Wirkmechanismus kontraindiziert. Daher sollte hier Clozapin verwendet werden.

Nach Beendigung der Sedierung ist eine strukturierte Nachüberwachung von mindestens 30 Minuten erforderlich. Bei Bedarf sollte die Nachsorge verlängert werden, insbesondere nach schmerzhaften Interventionen oder nach Antagonisierung zentral wirksamer Substanzen (z. B. Flumazenil, Naloxon) aufgrund des Risikos einer Resedierung.

  • Ort: Aufwachraum oder vergleichbarer Erholungsraum mit Notfallausstattung
  • Personal: Lückenlose Überwachung durch qualifiziertes Personal (auch während Transporten)
  • Parameter: SpO₂, Bewusstsein, Atemfrequenz, Herzfrequenz, Blutdruck
 Achtung

Nach Antagonisierung (Flumazenil, Naloxon) ist die Überwachungszeit zu verlängern, da die Wirkdauer der Antagonisten kürzer ist als die der Sedativa/OpioideResedierungsgefahr

Entlasskriterien:

Alle folgenden Kriterien müssen erfüllt sein. Entlassungszeitpunkt wird individuell ärztlich festgelegt. Dokumentation des Entlassungszustands ist obligat.

KriteriumZiel
AtmungSuffiziente Spontanatmung
SchutzreflexeSchluck-, Würge- und Hustenreflex vorhanden
KreislaufStabile Hämodynamik ohne Unterstützung
BewusstseinWach, orientiert
TemperaturNormothermie Erwachsene ein Normbereich von 35,0–37,5°C (bei sublingualer oder axillärer Messung) 
SchmerzAdäquate Analgesie / Schmerzfreiheit
ÜbelkeitKeine oder minimale PONV
MobilitätVergleichbar mit Ausgangszustand
TrinkenFlüssigkeitsaufnahme möglich
OrganisationSichere Begleitung nach Hause gewährleistet

 

 Info
Fahrtauglichkeit

Patient:innen sind nach Analgosedierung für 24 Stunden fahruntauglich und dürfen weder Fahrzeuge führen noch Maschinen bedienen. Die Aufklärung darüber erfolgt vor und nach dem Eingriff, umfasst sowohl Patient:in als auch Begleitperson und muss dokumentiert werden.

Zuletzt aktualisiert am 30.04.2026
Maligne Hyperthermie
Rückenmarksnahe Leitungsanästhesie
Deine Medizin-Lernplattform
Jetzt weiterlesen
Zugang zu diesem und über 800 weiteren leitlinienbasierten Artikeln, unserem einzigartigen medizinischen AI-Tutor und Quiz