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Anamnese in der Anästhesie

7 Minuten Lesezeit

In der Regel füllen die Patient:innen vorab selbstständig einen Anamnesebogen aus. Dieser fragt bereits anästhesierelevante Risikofaktoren ab und kann als Ausgangspunkt für die ausführliche anästhesiologische Anamnese verwendet werden. Die relevanten Befunde werden dann im Narkoseprotokoll dokumentiert.

 Tipp

Das Narkoseprotokoll bietet dir eine kompakte Übersicht über den gesundheitlichen Zustand der Patient:innen

DatenName, Geburtsdatum, Gewicht, Größe
SymptomeAktuelle Beschwerden und Symptome, OPQRST-Schema
AllergienWelche Allergien bestehen (Antibiotika, Lokalanästhetika, Latex)? Wie war die allergische Reaktion (Hautausschlag, Atemnot etc.)? Nach welcher Dauer trat die Reaktion auf? Allergiepass vorhanden?
MedikationDauer- und Bedarfsmedikation? Antikoagulantien? Thrombozytenaggregationshemmer? Analgetika?
Patientenvorgeschichte

Vorerkrankungen (s.u.)?

Voroperationen? Welche Komplikationen traten auf (schwierige Intubation, Allergie, Blutungsneigung, PONV, Atembeschwerden)? Anästhesieausweis vorhanden?

RisikofaktorenDrogen? Alkoholismus? Nikotin? Familienanamnese? Letzte Nahrungsaufnahme? 
SchwangerschaftMögliche Schwangerschaft bei Patientinnen?
Kardiopulmonale BelastbarkeitWie viele Etagen werden ohne Pause bewältigt? Angabe in metabolischen Äquivalenten (MET)

Metabolische Äquivalente (METs): 

Metabolische Äquivalente dienen dem Vergleich von verschiedenen körperlichen Aktivitäten und können zur Beurteilung der kardiovaskulären Belastbarkeit herangezogen werden.

  • 1 MET entspricht dem Ruheumsatz
  • ≥4 MET: ausreichende kardiovaskuläre Belastungsfähigkeit
  • <4 MET eingeschränkte Belastungsfähigkeit → Weitere kardiovaskuläre Diagnostik bei mittlerem bis hohem kardialen Risiko (bspw. Belastungs-EKG etc.) 
     
METAnamnese
1Ruheumsatz, keine Belastung möglich,
2-3Gehen in der Wohnung/Ebene (300-400m), leichte Hausarbeit (z. B. Staubwischen)
4-5Treppensteigen (2 Etagen), schnelles gehen, leichte Gartenarbeit
6-10Leichte sportliche Aktivitäten (Fahrradfahren, Schwimmen, Tanzen etc.), intensive Gartenarbeit
>10Intensiver Ausdauersport oder Wettkampfsport (z. B. Fußball, Handball, Leistungssport)
 Tipp

Eine gute kardiovaskuläre Belastbarkeit ist ein zuverlässiger Indikator für ein gutes perioperatives Outcome. Bei Patient:innen mit guter körperlicher Belastbarkeit sind daher in der Regel keine zusätzlichen präoperativen Untersuchungen erforderlich.

Die Vorerkrankungen werden systematisch nach Organsystemen abgefragt.

HerzArterielle Hypertonie, Herzklappenerkrankungen, Herzrhythmusstörungen (Palpitationen), Herzinsuffizienz (Dyspnoe, Beinödeme, Nykturie), koronare Herzkrankheit, Z.n. Myokardinfarkt
LungeAsthma bronchiale, COPD (Chronisch obstruktive Lungenerkrankung), OSAS (Obstruktives Schlafapnoe-Syndrom)
GefäßeThrombose, Embolie, pAVK
LeberHepatitis, Leberzirrhose, Ikterus, Cholezystolithiasis (Gallensteine)
NiereDialysepflichtigkeit, chronische oder akute Nierenschädigung, Nierensteine
GI-TraktGERD (Gastroduodenale Refluxkrankheit) → Aspiration, Gastritis, Ulkuserkrankung
StoffwechselDiabetes mellitus, Schilddrüsenerkrankungen, Gicht, Adipositas
AugeKatarakt, Glaukom, Pupillendifferenz
MuskulaturKontrakturen, Myasthenia gravis, familiäre Muskelerkrankungen → Erhöhtes Risiko für maligne Hyperthermie
NervensystemZ.n. Apoplex, Epilepsie, Demenz, Parästhesien
Mund-Kiefer-GesichtZahnstatus, Prothesen, Kronen, Brücken
SkelettSkoliosen, Beweglichkeit, Arthritis

Eine umfassende Anamnese zur postoperativen Übelkeit und Erbrechen (PONV = „postoperative nausea and vomiting“) ist wichtig, um Risikofaktoren zu erkennen und präventive Maßnahmen einzuleiten. PONV ist eine sehr häufige Komplikation in der Anästhesie. Daher wurden verschiedene Scores zur Einschätzung des PONV-Risikos entwickelt. Ein oft verwendeter Score für Erwachsene ist der Apfel-Score.

 Tipp

Patient:innen beurteilen die Narkose insbesondere anhand der postoperativen Nachsorge. Eine gute PONV-Prophylaxe ist daher sehr wichtig für die Zufriedenheit der Patient:innen.

PunkteRisikofaktoren im Apfel-Score
1
Weibliches Geschlecht
Weibliches Geschlecht
1
No smoking

 

Nichtraucherstatus

1
Erbrechen
Bekannte Kinetose/Reisekrankheit oder PONV in der Anamnese
1
Geplante postoperative Opioidgabe

Auswertung des Apfel-Scores:

  • 0–1 Punkte: Niedriges Risiko
  • 2 Punkte: Mittleres Risiko
  • ≥3 Punkte: Hohes Risiko

Weitere Risikofaktoren:

  • Junges Alter
  • Lange Operationsdauer
  • Verwendung von volatilen Anästhetika oder Lachgas

PONV-Prophylaxe

  • Narkoseverfahren: Regionalanästhesie hat im Vergleich zur Allgemeinanästhesie ein geringeres PONV-Risiko
  • Bei Allgemeinanästhesie: TIVA mit Propofol anstatt balancierter Anästhesie mit volatilen Anästhetika
  • Wenn möglich, postoperative Opioidgabe vermeiden
  • Ausreichende intraoperative Volumentherapie (Hypovolämie vermeiden, da Risiko für PONV erhöht)
  • Medikamentöse PONV-Prophylaxe:
    • Dexamethason 4–8 mg i.v. unmittelbar nach Narkoseeinleitung
    • Ondansetron 4 mg i.v. 10–30 Minuten vor Operationsende
    • Dimenhydrinat 62 mg langsam i.v. oder 1 mg/kgKG
    • Aprepitant 40 mg p.o. etwa 1–3 Stunden präoperativ bei hohem PONV-Risiko
    • Droperidol 0,625–1,25 mg i.v. unmittelbar vor OP-Ende, QT-Zeit beachten

Die standardisierte Blutungsanamnese hat eine hohe Sensitivität und Spezifität für die Erkennung bisher unbekannter Störungen der Blutgerinnung. Sie sollte daher standardisiert und sorgfältig durchgeführt werden, um das intraoperative Blutungsrisiko für die Patient:innen zu senken. Eine weitere Labordiagnostik sollte durchgeführt werden, wenn eine auffällige Blutungsanamnese vorliegt oder wenn eine solche nicht möglich ist.

 Achtung

Normale Quick- oder aPTT-Werte oder eine normale Thrombozytenzahl können das Vorliegen der häufigsten angeborenen Gerinnungsstörung, des Von-Willebrand-Syndroms, nicht ausschließen!

  1. Wurde jemals eine Blutgerinnungsstörung oder Thrombose festgestellt?
  2. Wurden folgende Blutungsarten beobachtet - auch ohne ersichtliche Ursache?
    1. Nasenbluten?
    2. Blaue Flecken oder punktförmige Blutungen?
    3. Blutungen in Gelenke, Weichteile oder Muskeln?
    4. Längeres Nachbluten (>5 min) bei Schürf- oder Schnittwunden?
  3. Ist es bei Zahnextraktionen zu längeren oder stärkeren Nachblutungen gekommen?
  4. Ist es während oder nach einer Operation zu vermehrten Blutungen gekommen?
  5. Ist bekannt, dass Wunden schlecht heilen?
  6. Gibt es Fälle von erhöhter Blutungsneigung in der Familie?
  7. Wurden Medikamente mit Einfluss auf das Gerinnungssystem eingenommen (wie Phenprocoumon, Eliquis, Acetylsalicylsäure, Prasugrel etc.)
  8. Werden zurzeit Schmerz- oder Rheumamittel (wie NSAR) eingenommen?
  9. Bei Patientinnen: Ist die Regelblutung verstärkt oder verlängert (>7 Tage)?

Weitere Informationen siehe auch Gerinnungsanamnese.

Zuletzt aktualisiert am 04.05.2026
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