Logo Image

Anästhesie bei Patient:innen mit Vorerkrankungen

5 Minuten Lesezeit

In Abhängigkeit von spezifischen Vorerkrankungen wie Herzerkrankungen, Lungenerkrankungen oder Diabetes mellitus muss die Narkose individuell angepasst werden. So können mögliche Komplikationen effektiv minimiert werden.

  • Oft hämodynamisch labil:
  • ↑Hypertension bei der Intubation oder Narkoseausleitung
  • ↓Hypotension bei Narkoseeinleitung
    Engmaschige Blutdrucküberwachung, ggf. invasive Blutdruckbestimmung
    → Intraoperatives ST-Strecken-Monitoring zum Nachweis von Myokardischämien
  • Längere hypotensive Episoden <55 mmHg (Mitteldruck) oder <80 mmHg (systolisch) sollten vermieden werden 
    → Höheres Risiko für Myokard- oder Nierenschädigung
  • Blutdruck vor Narkosebeginn kann als grobe Orientierung zur Führung dienen → Blutdruckschwankungen von mehr als 20 % nach oben oder unten sollten möglichst vermieden werden
  • Erhaltung der Vorlast → Durch Volumensubstitution kann über den Frank-Starling-Mechanismus das Herz-Zeit-Volumen bei dehydrierten Patient:innen verbessert werden
  • Erhalt der Kontraktilität
    • Opioid-lastige Allgemeinanästhesie: reduzierte Dosis von stärker negativ inotropen Induktionsanästhetika (Propofol, Barbiturate), Narkoseaufrechterhaltung meist mit volatilen Inhalationsanästhetika
    • Etomidat grundsätzlich für kardiovaskuläre Risikopatient:innen geeignet, aber aufgrund von Nebennierenrindensuppression zunehmend selten angewendet
  • Tachykardien vermeiden (Zielfrequenz: 50–70/min) → Tachykardien führen zu verkürzter Diastolendauer und können so bei Aortenklappenstenose eine Minderperfusion der Koronararterien verursachen → Folge: Myokardischämien oder Rhythmusstörungen
  • Ausgeprägte periphere Vasodilatation mit Hypotonie vermeiden → Reduzierte Nachlast und reduzierte Koronarperfusion
    • Allgemeinanästhesie gegenüber rückenmarksnaher Regionalanästhesie bevorzugen → Bei rückenmarksnaher Regionalanästhesie (Spinalanästhesie, PDA) oft starke Sympathikolyse und Hypotonie
    • Hypotonie früh mit Gabe von Vasopressoren (wie Noradrenalin) therapieren
  • Hypovolämie vermeiden → Bereits zur Narkoseeinleitung für ausreichende Vorlast durch Volumensubstitution sorgen
  • Propofol oder Ketamin zur Einleitung bevorzugen → Wirken bronchodilatierend
  • Thiopental vermeiden → Gefahr eines Bronchospasmus
  • Cholinesteraseinhibitoren zur Antagonisierung von nicht-depolarisierenden Muskelrelaxantien vermeiden → Vermehrte Schleimbildung und Bronchokonstriktion
  • Bei Intubation sollte der größtmögliche Tubus verwendet werden
  • Auf ausreichende Anästhesietiefe achten → Bei zu flacher Anästhesie Gefahr einer Reflexbronchokonstriktion
  • Sevofluran (DesfluranDesfluran kann Bronchospasmus auslösen und ist seit 01.01. in der EU verboten)
  • Bei Beatmung längere Exspirationszeit einstellen (Verhältnis Inspiration zu Exspiration: I/E= 1:3)
  • Präoperative anxiolytische oder sedierende Therapie vermeiden 
    → Falls ausdrücklicher Patient:innenwunsch → Respiratorisches Monitoring und niedrige Dosen
  • Lokal- und Regionalanästhesie bevorzugen
  • Bei Gabe von Muskelrelaxantien → Antagonisieren und mittels Relaxometrie kontrollieren
  • Wachextubation mit Oberkörperhochlagerung (45°)
  • O2-Gabe, wenn O2 < 90%
  • Ggf. Nutzung von eigenem CPAP-Gerät im Aufwachraum
  • Lokal- und Regionalanästhesie bevorzugen
  • Reduzierte renale Ausscheidung (Digoxin, Morphin-6-Glukuronid)
    → Verwendung von Medikamenten, die nicht oder nur gering renal ausgeschieden werden (Cis-Atracurium, Sevofluran, Remifentanil, Sufentanil)
  • Kritische Indikationsstellung für arterielle Zugänge → Gefäße ggf. für arteriovenöse Shuntanlage benötigt
  • Shuntarm ausreichend polstern und markieren (keine Blutdruckmessung am Shuntarm!)
  • Häufig Hyperkaliämie (Cave: Succinylcholin erhöht das Serumkaliums um etwa 0,5 mmol/l)
  • Nephrotoxische Medikamente wie NSAR vermeiden
  • Hypovolämie vermeiden
  • Erhöhte Aspirationsgefahr durch Aszites und verzögerte MagenentleerungRapid Sequence Induction erwägen
  • PEEP <10 cmH2O → Bei zu hohem PEEP (intrathorakalem Druck) wird der venöse Abfluss der Leber beeinträchtigt
  • Bei reduzierter Bildung von Gerinnungsfaktoren mit Koagulopathie Vitamin-K-Substitution
  • Reduzierte hepatische Metabolisierung von Medikamenten → Verwendung von Medikamenten, die nicht oder nur gering hepatisch metabolisiert werden (Cis-Atracurium, Sevofluran, Remifentanil, Sufentanil)
  • Akute Komplikationen: erhöhtes kardiovaskuläres Risiko, Hypoglykämien, Hyperglykämien, Ketoazidose
  • Komplikationen durch Folgeerkrankungen: pAVK, KHK, diabetische Nephropathie, Retinopathie, zerebrovaskuläre Durchblutungsstörungen, Wundheilungsstörungen
  • Orale Antidiabetika präoperativ absetzen
  • Häufig steifere Gelenke („Stiff-Joint-Syndrome“) → erschwerte Intubation durch eingeschränkte Reklination des Kopfes
  • Präoperative Kontrollen des Blutzuckerspiegels (Cave: lange Nüchternzeiten!), intraoperativ stündliche Blutzuckerkontrollen 
    → ggf. Therapie mit Glukose und Insulin
  • Bei intraoperativer Insulintherapie: Kalium wird durch Aktivierung der Na+-K+-ATPase nach intrazellulär verschoben → Regelmäßige Kontrolle des Kaliumspiegels (BGA) und ggf. Substitution
  • Bei akut aufgetretener Dyspnoe: an stummen Myokardinfarkt denken (EKG, Troponin)
  • Vielzahl an Begleiterkrankungen assoziiert (Diabetes mellitus, arterielle Hypertonie, Dyslipidämie, OSAS etc.→ metabolisches S.)
  • Präoperative anxiolytische oder sedierende Therapie vermeiden
  • OP-Tisch meist bis 130 kgKG geeignet → ggf. Verwendung von speziellen OP-Tischen und Einleitung im OP-Saal
  • Präoxygenierung mit CPAP von 10 cmH2O für 3–5 min → Reduziert die Atelektasenbildung und verbessert die paO2-Werte nach der Intubation
  • Durch höheren intraabdominellen Druck erhöhtes Aspirationsrisiko → RSI erwägen
  • Beatmung mit PEEP von 10–15 cmH2O → Reduziert die Atelektasenbildung und verbessert die Oxygenierung
  • Extubation bei erhöhtem Oberkörper
  • Frühe postoperative Mobilisation anstreben
  • Parkinson-Medikamente fortführen
  • Verzicht auf antidopaminerge Wirkstoffe (Metoclopramid bzw. MCP)
  • Häufig verstärkte Blutdruckabfall durch Injektions- und Inhalationsanästhetika
  • Häufiger postoperative Halluzinationen
  • Regionalanästhesie bevorzugen
  • Neuromuskuläres Monitoring (Einsatz von Muskelrelaxantien wird kontrovers diskutiert)
  • Extubation bei ausreichender Muskelfunktion (TOF-Ratio > 0,9)
  • Triggerfreie Anästhesie (sichere Medikamente: alle Benzodiazepine, Propofol, Ketamin, alle Opioide, nicht-depolarisierende Muskelrelaxantien, NSAR)
  • Entfernung von Triggern (Austausch des Verdampfers, Atemkalk und der Atemschläuche, Verwendung von Aktivkohlefiltern inspiratorisch und exspiratorisch)
  • Dantrolen bereithalten
Zuletzt aktualisiert am 04.05.2026
Periphere Leitungsanästhesie
Postoperative Phase
Deine Medizin-Lernplattform
Jetzt weiterlesen
Zugang zu diesem und über 800 weiteren leitlinienbasierten Artikeln, unserem einzigartigen medizinischen AI-Tutor und Quiz