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Anlage einer Beckenschlinge

Beckengurt
7 Minuten Lesezeit

Die Beckenschlinge ist ein notfallmedizinisches Hilfsmittel zur Stabilisierung einer instabilen Beckenfraktur und dient der Reduktion von Blutungen aus venösen und ossären Strukturen. Sie sollte bei klinischem Verdacht auf eine instabile Beckenfraktur oder hämorrhagischer Schock unklarer Genese möglichst frühzeitig angelegt werden, um lebensbedrohliche Blutverluste zu vermeiden.

Angelegte Beckenschlinge mit Fixierung der Beine in Innenrotationsstellung
  • Verdacht auf eine instabile Beckenfraktur
    • Der Verdacht besteht bei:
      • Verkehrsunfall mit Hochrasanztrauma
      • Kollision einer Person mit einem PKW oder LKW
      • Sturz aus einer Höhe >3 Meter
      • Überrolltrauma
      • Einquetschverletzung des Rumpfes
      • Explosionsverletzung
      • Verschüttung
    • Zeichen der Beckeninstabilität:
      • Spontanschmerz oder Druckschmerz bei vorsichtiger seitlicher Palpation
      • Sichtbare äußere Verletzungen als indirekter Hinweis auf eine Beckenringverletzung:
        • Hämatome, Abschürfungen und offene Wunden
        • Sichtbare Deformität oder offene Frakturen
        • Beinlängendifferenz oder Rotationsfehler des Beins
        • Druckschmerzhafte Symphyse, mit oder ohne tastbare Lücke
        • Haut- oder Schleimhautblutung zwischen Anus und äußeren Geschlechtsorganen
        • Sichtbare Blutungen aus Harnröhre, Vagina oder Anus
  • Hämorrhagischer Schock unklarer Genese z.B. bei Zustand nach Polytrauma
  • Hämodynamische Instabilität bei Verdacht auf Beckenverletzung, auch ohne Hinweis auf ein tastinstabiles Becken
 Info
S-KIPS-Schema (statt KISS-Schema)
  • Definition: Das S-KIPS-Schema ist ein praktischer Algorithmus, der die Indikationsstellung zur Beckenstabilisierung bei Verdacht auf Beckenverletzung erleichtert. Mit der Einführung dieses neuen Schemas ist das veraltete KISS-Schema nicht mehr gültig
  • Schock: Vorliegen einer hämodynamischen Instabilität und mindestens eines der folgenden Kriterien:
    • Kinematik: Mechanismus mit möglicher Beckenbeteiligung
    • Inspektion: Sichtbare Beckenverletzung (Deformitäten, Hämatome oder offene Wunden im Beckenbereich, etc.)
    • Palpation: Frakturverdacht bei vorsichtiger seitlicher Palpation
    • Schmerzen: Spontan- oder Druckschnerz im Bereich des Beckens

Im Notfall bestehen keine absoluten Kontraindikationen für die Anwendung einer Beckenschlinge.

Da die Anlage einer Beckenschlinge in der Regel eine Notfallmaßnahme darstellt, ist eine formale Aufklärung nicht erforderlich. Dennoch ist es sinnvoll, den Patienten über den Zweck und das Vorgehen zu informieren, um Ängste zu reduzieren und die Kooperation zu erleichtern.

  1. Einmalhandschuhe
  2. Beckenschlinge
  3. Gurt zur Fixierung der Beine in Innenrotationsstellung
Material für die Anlage einer Beckenschlinge

Vorbereitung:

  • Unfallstelle sichern
  • Begrüßung und Vorstellung des Teams
  • Einmalhandschuhe anziehen
  • Person in achsengerechter Rückenlage positionieren
  • Hosen- und Gesäßtaschen der Person leeren
  • Beckenschlinge und Gurt zur Fixierung der Beine in Innenrotation bereitlegen

Anlage der Beckenschlinge:

  • Fixierung der Beine in Innenrotationsstellung
    • Erste Hilfsperson bringt die Beine vorsichtig in Innenrotationsstellung
    • Zweite Hilfsperson führt den Gurt unter den Knien hindurch und schließt ihn oberhalb der Knie (kein Druck auf das Fibularisköpfchen und damit den N. fibularis communis ausüben)
Fixierung der Beine in Innenrotationsstellung
  • Anlage der Beckenschlinge
    • Beide Hilfpersonen befinden sich seitlich auf Beckenhöhe
    • Beckenschlinge entfalten
    • Beckenschlinge unter den Knien durchziehen
    • Enden der Schlinge greifen und mit kranialer Hand manuell das Becken stabilisieren
    • Beckenschlinge unter der Person nach kranial bewegen ("Sägebewegung"), möglichst ohne das Becken zu verschieben
    • Schlinge auf Höhe des Trochanter major positionieren
    • Schnalle vor der Symphyse verschließen
    • Freies Ende der Beckenschlinge durch die Schnalle ziehen und zusammen mit Hilfperson Zug ausüben, bis Klickgeräusch den korrekten Druck signalisiert
    • Klettverschluss fixieren
Positionierung der Beckenschlinge auf Höhe des Trochanter major.
Anlegen einer Beckenschlinge
 Achtung
Fehlpositionierung: kraniale Anlage der Beckenschlinge
No Go!

Einer der häufigsten Fehler ist, dass die Beckenschlinge zu weit kranial angelegt wird. Dadurch wird Druck auf die Ossis ilii (Darmbeine) ausgeübt und das Becken im kaudalen Bereich geöffnet. Blut kann dann sogar besser ins Becken austreten und die Person ist stärker gefährdet

 

  • Fehlplatzierung → unzureichende Frakturstabilisierung, fehlende Blutungskontrolle
  • Übermäßige Kompression → Ischämie, Nervenschäden
  • Druckulzera bei längerer Tragedauer
  • Verdrängung oder Verletzung intraabdominaler Organe (z.B. durch Fragmentdislokation)
Lernkarte Anlage einer Beckenschlinge
 
  • S1-Leitlinie Verletzungen des Beckenrings, Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie e.V. (DGOU), Stand 2023, Abrufdatum 31.01.2025
  • S3-Leitlinie Polytrauma / Schwerverletzten-Behandlung, Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie e.V. (DGU), Stand 2022, Abrufdatum 31.01.2025
  • Kumle, Bernhard & Kaiser, Bertin. (2016). Beckenschlinge und externe Beckenstabilisation. Notfallmedizin up2date. 11. 321-327. DOI: 10.1055/s-0042-117742
Zuletzt aktualisiert am 15.07.2026
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