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Antidiabetika

7 Minuten Lesezeit

Antidiabetika sind alle Arzneimittel außer Insulin, die zur Senkung des Blutzuckerspiegels bei Patienten mit Diabetes mellitus Typ II eingesetzt werden. Um die Wirkung von Antidiabetika zu verstehen, ist es wichtig, die Physiologie der Insulinsekretion zu kennen.

Nahrungsaufnahme führt zu:

  1. Inkretinfreisetzung wie Glucagon-like Peptide 1 (GLP-1)
  2. Erhöhtem Blutzuckerspiegel (BZ)

 

  1. Inkretinfreisetzung:
    1. Freisetzung von Glucagon-like Peptide-1 (GLP-1) aus enteroendokrinen Zellen des GI-Trakts → Steigerung der Insulinsekretion und Hemmung der Glucagonsekretion 
    2. Verlangsamung der Magenentleerung (Sättigungsgefühl ↑ → Gewichtsreduktion) 
    3. Abbau von GLP-1 durch das Enzym Dipeptidylpeptidase-4 (DPP 4)
  2. Erhöhter Blutzucker: 
    1. Aufnahme von Glukose in die Betazellen über den GLUT1-Transporter
    2. Phosphorylierung der Glukose zu Glukose-6-phosphat durch die Glukokinase
    3. Abbau von Glukose-6-phosphat über Glykolyse, Citratzyklus und Atmungskette → Intrazelluläres ATP steigt an
    4. ATP bindet an den ATP-abhängigen Kaliumkanal, der dadurch gehemmt wird → Depolarisation
    5. Ca2+-Einstrom durch spannungsabhängige Ca2+-Kanäle → Exozytose der Insulinvesikel
Physiologie der Insulinsekretion
Wirkorte der Antidiabetika
WirkstoffeWirkungNebenwirkungenBesonderheiten

Biguanide

  • Metformin
  • Insbesondere Hemmung der Glukoneogenese
  • Insulinwirkung wird durch einen gesteigerten   Kohlenhydrat-umsatz verstärkt (keine Insulinsekretion!)
  • Laktatazidose:
    • Metabolische Azidose
      • Typisch wäre eine kompensatorische Hyperventilation (pH-Wert ↓, paCO2 ↓, Laktat-Wert ↑)
      • Diagnostik: BGA
  • Gewichtsverlust  
  • GI-Probleme (Durchfall, Bauchkrämpfe, etc.)
  • 1. Wahl bei Diabetes mellitus Typ II ab Stufe II (siehe unten)

Kontraindikationen:

  • Akutes Nierenversagen
  • GFR <30 ml/min
  • Herzinsuffizienz (NYHA III/IV)
  • Alkoholismus

→ Führen zu einer Akkumulation von Metformin und erhöhen das Risiko für eine Laktatazidose

GLP-1-Analoga

  • Liraglutid
  • Exenatid
  • Bindung an GLP-1-Rezeptor
    • Verstärkte nahrungs-abhängige Insulinsekretion
    • Hemmung der Glucagon-Ausschüttung
  • Gewichtsabnahme
  • GI-Probleme: Magenentleerungs-störung
  • Pankreatitis-Risiko ↑
  • Subkutane Applikation
  • Warnhinweis für erhöhtes Auftreten von (medullären) Schilddrüsenkarzinomen

Kontraindikationen:

  • Pankreatitis
  • Schwere Niereninsuffizienz
  • Schwangerschaft
  • Diabetes mellitus Typ I

DPP-4-Inhibitoren

  • Sitagliptin
  • Vildagliptin
  • Hemmung der Dipeptidyl-peptidase-4 → Hemmung des Abbaus von GLP-1
    • Verstärkte Nahrungs-abhängige Insulinsekretion
  • Schwindel
  • Kopfschmerzen
  • Pankreatitis
  • GI-Probleme: Magenentleerungs-störung

Kontraindikationen:

  • Pankreatitis
  • Schwere Niereninsuffizienz
  • Schwangerschaft
  • Diabetes mellitus Typ I
  • Leberfunktionsstörungen

Sulfonylharnstoffe

  • Glimepirid
  • Glibenclamid
  • Hemmung des ATP-abhängigen Kaliumkanals
    → Steigerung der Insulinausschüttung aus den Betazellen des Pankreas
  • Höchstes Risiko für eine Hypoglykämie!
  • Gewichtszunahme
  • Selten: Agranulozytose, Hämolyse

Kontraindikationen:

  • Schwere kardiovaskuläre Erkrankung
  • Schwere Niereninsuffizienz (GFR <30 ml/min)
  • Schwere Leberinsuffizienz

Glinide

  • Repaglinid
  • Nateglinid
  • Hypoglykämie
  • Gewichtszunahme

SGLT-2-Inhibitoren

  • Dapagliflozin
  • Empa-gliflozin
  • Hemmung des Natrium-Glukose Symporters 
    (SGLT-2) in den Nieren
    → Verstärkte Glukoseaus-scheidung über den Urin (Glukosurie)
  • Harnwegs- und Genital-infektionen (erhöhte Glucose-konzentration im Urin begünstigt Wachstum von Mikro-organismen)
  • Exsikkose
  • Diabetische Ketoazidose 
  • Kardioprotektiv bei Herzinsuffizienz (neben der Therapie des Diabetes mellitus Typ II werden die SGLT-2-Inhibitoren auch im Rahmen der Herzinsuffizienztherapie eingesetzt)
  • Nephroprotektiv bei chronischer Niereninsuffizienz

Kontraindikationen:

  • Fortgeschrittene chronische Niereninsuffizienz
  • Schwangerschaft
  • Diabetes mellitus Typ I
  • Alter <18 Jahre
  • Diabetische Ketoazidose
  • Rezidivierende Harnwegsinfekte

Glitazone

  • Ciglitazon
  • Aktivierung von PPARγ (peroxisomal proliferator-activated receptor gamma)
    → Verminderung der peripheren Insulinresistenz (Insulinsensitizer)
  • Gewichts-zunahme
  • Ödeme
  • Kardiale Dekompensation
  • Erhöhtes Frakturrisiko

Kontraindikationen:

  • Herzinsuffizienz
  • Leberinsuffizienz
  • Harnblasenkarzinom

α-Glukosidasehemmer

  • Acarbose
  • Hemmung der α-Glukosidase
    → Verzögerte Glukoseresorption im Gastro-intestinaltrakt
    → Reduziert postprandiale Blutzuckerspitzen

GI-Probleme

  • Blähungen
  • Durchfall
  • Meteorismus

Kontraindikationen:

  • Chronische Erkrankungen des Verdauungstraktes
  • Schwangerschaft
  • Niereninsuffizienz
 Achtung

Gemeinsame Kontraindikationen: Alle Antidiabetika sind bei Diabetes mellitus Typ I und in der Schwangerschaft (Gestationsdiabetes) kontraindiziert! Dort ist eine Insulintherapie notwendig.

 Tipp

Bei einer GFR < 30 ml/min können nur DPP4-Inhibitoren (Gliptine), Repaglinid, Pioglitazon eingesetzt werden.

Siehe auch SGLT2 Inhibitoren bei Herzinsuffizienz.

Stufentherapie des Diabetes mellitus Typ 2
  • Freissmuth et al.: Pharmakologie und Toxikologie. Springer 2012, ISBN: 978-3-642-12353-5.
  • Karow, Lang-Roth: Allgemeine und Spezielle Pharmakologie und Toxikologie 2012
  • Lüllmann et al.: Pharmakologie und Toxikologie. 15. Auflage Thieme 2002, ISBN: 3-133-68515-5
  • Wehling: Klinische Pharmakologie. 2. Auflage Thieme 2011, ISBN: 978-3-131-60282-4
Zuletzt aktualisiert am 23.09.2024
Insuline und Insulinanaloga
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