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Antikoagulantien

10 Minuten Lesezeit

Antikoagulantien sind Medikamente, die zur Vermeidung von Blutgerinnseln, besonders in Situationen mit erhöhtem Thromboserisiko wie z.B. längeren Krankenhausaufenthalten oder nach einer Lungenarterienembolie. Diese Wirkstoffe greifen gezielt in die plasmatische Gerinnung ein und wirken vor allem in Gefäßen mit langsamem Blutfluss, hauptsächlich im venösen System. Zu den wichtigsten Antikoagulantien zählen Heparine (unfraktioniertes Heparin und niedermolekulares Heparin), die die Aktivität von Antithrombin III verstärken, Vitamin-K-Antagonisten (z.B. Phenprocoumon), die die Synthese der Vitamin-K-abhängigen Gerinnungsfaktoren hemmen und direkte orale Antikoagulantien (DOAKs) wie Rivaroxaban, Apixaban und Dabigatran, die spezifische Gerinnungsfaktoren direkt blockieren. Diese Medikamente sind entscheidend in der Prophylaxe und Therapie von thromboembolischen Erkrankungen wie tiefer Beinvenenthrombose, Lungenarterienembolie und Vorhofflimmern.

  Nicht-oraleOrale
Indirekte AntikoagulantienEinfluss auf die Synthese von GerinnungsfaktorenHeparineVitamin-K-Antagonisten
Direkte AntikoagulantienDirekte Interaktion mit den GerinnungsfaktorenHirudin 
Argatroban
Direkte orale Antikoagulantien
Übersicht über die Zielstrukturen der Antikoagulantien

Übersicht indirekte nicht-orale Antikoagulantien

IndirekteWirkungIndikationenBesonderheiten
Unfraktioniertes Heparin (UFH)
  • Bindung an Antithrombin und Thrombin: Hemmung um das 1000-fache verstärkt: 
    Thrombin- + Faktor-Xa- Hemmung
  • Thrombose-prophylaxe (subkutan)
  • Therapeutische Antikoagulation (intravenös mit Perfusor)
  • Eher in Notfallsituationen & bei Niereninsuffizienz 
  • Antidot: Protamin
  • Dosiseinstellung anhand der aPTT
  • Nebenwirkungen:
    • Allergie
    • HIT (s.u.)
    • Osteoporose

Niedermolekulares Heparin (NMH)

  • Dalteparin
  • Enoxaparin
  • Tinzaparin
  • Certoparin
  • Bindung an Antithrombin: selektive 
    Faktor-Xa-Hemmung
  • Eher im ambulanten Setting
  • Thrombose-prophylaxe (subkutan)
  • Antidot Protamin zu 50%
  • Dosiseinstellung anhand der Anti-Faktor-Xa-Aktivität
  • Nebenwirkungen:
    • Wie UFH
    • Nur HIT seltener

Heparinoide

  • Fondaparinux
  • Danaparoid
  • Bindung an Antithrombin: selektive 
    Faktor-Xa-Hemmung
  • Thrombose-prophylaxe (subkutan)
  • STEMI
  • Therapie oberflächlicher Venenthrombosen
  • Dosiseinstellung anhand der Anti-Faktor-Xa-Aktivität
  • Nebenwirkungen:
    • Thrombozyto-penie
  • Bindung an Antithrombin: selektive 
    Faktor-Xa- Hemmung
  • Thrombose-prophylaxe (subkutan)
  • Danaparoid: bei HITII intravenös über Perfusor
  • Dosiseinstellung anhand der Anti-Faktor-Xa-Aktivität
  • Nebenwirkungen:
    • Asthma-exazerbation

Übersicht direkte nicht-orale Antikoagulantien

DirekteWirkungIndikationenBesonderheiten

Rekombinantes Hirudin

  • Bivalirudin
  • Direkte Thrombinhemmung
    (unabhängig von Antithrombin)
  • Verwendung während der Herzkatheter-untersuchung (intravenös)
  • Dosiseinstellung anhand der aPTT
  • Nebenwirkungen:
    • Allergie
    • Blutungen

       

Synthetisches L-Arginin-Derivat

  • Argatroban
  • Direkte Thrombinhemmung
    (unabhängig von Antithrombin)
  • HIT 2-Therapie (intravenös)
  • Dosiseinstellung anhand der aPTT
  • Nebenwirkungen:
    • Anämie
    • Übelkeit
    • Purpura (Hautein-blutungen)

Prophylaxe

  • Geringe Dosierung
  • Bei perioperativer Immobilisation zur Thromboseprophylaxe
  • Bevorzugt niedermolekulare Heparine: weniger Nebenwirkungen
  • Bei Niereninsuffizienz: unfraktioniertes Heparin

Therapie

  • Hohe Dosierung
  • Indikationen:
    • Vorhofflimmern
    • Thrombose
    • Lungenembolie
    • Akutes Koronarsyndrom
    • Mechanischer Klappenersatz
    • Dialyse
  • Unfraktioniertes Heparin i.v.
  • Fraktioniertes Heparin subkutan
    • Nicht bei Niereninsuffizienz
  • Die Heparin-induzierte-Thrombozytopenie kurz HIT kann man in die HIT 1 und HIT 2 aufteilen
  • Bei der HIT kommt es zu einer Reaktion zwischen Heparin und den Thrombozyten. Es kann somit zu einer Verminderung der Thrombozytenzahl, also zu einer Thrombozytopenie und zu einer übermäßigen Blutgerinnung kommen
 HIT 1HIT 2
Pathophysiologie
  • Direkte Interaktion
  • Antikörper gegen Plättchenfaktor 4
Häufigkeit
  • 10-20%
  • UFH: 1-5 %
  • NMH: 0,1-1 %
Zeitpunkt
  • Bis zum 5. Tag nach Therapiebeginn
  • Ab dem 5. Tag nach Therapiebeginn
Thrombozyten-abfall
  • Geringer Abfall
    Thrombozyten >100.000/μl
  • Sehr starker Abfall Thrombozyten <100.000/μl bzw. Abfall unter 50% des Ausgangswertes
Komplikationen
  • Wenige
  • Thromboembolien
Diagnostik
  • Ausschlussdiagnose
  • Kleines Blutbild
  • Antikörpernachweis:
    • Plättchenfaktor-4-Heparin-ELISA
    • Heparin-induzierter Plättchenaggregations-Essay (HIPA)
Therapie
  • Selten nötig
  • Umstellen auf Danaparoid oder Argatroban 
 Achtung

Bei Patient:innen mit bekannter HIT 2 kann es direkt nach Applikation von Heparinen zu Komplikationen kommen!

 Achtung

Bei Niereninsuffizienz kann es zur Akkumulation von NMH (erhöhtes Blutungsrisiko) kommen, daher sollte eine Dosisanpassung oder eine Umstellung auf ein UFH erfolgen!

 Tipp

In der Schwangerschaft ist der Einsatz von niedermolekularem Heparin (NMH) und unfraktioniertem Heparin (UFH) möglich.

  • Die oralen Antikoagulantien kann man aufteilen in indirekte orale und direkte orale Antikoagulantien
  • Die Vitamin-K-Antagonisten (indirekt oral) werden auch als Cumarine bezeichnet
    • Diese hemmen die Vitamin-K-Epoxid-Reduktase und die Vitamin-K-Reduktase 
      → Somit kann Vitamin K nicht mehr als Kofaktor fungieren und es kommt 
      zu einem Ausbleiben der Synthese der Vitamin-K-abhängigen Faktoren 10, 9, 7, 2 („1972“) und der antikoagulatorischen Proteine C und S → Unselektiver kompetitiver Vitamin K-Antagonismus
  • Die direkten oralen Antikoagulantien (DOAKs) wirken dagegen selektiv und direkt auf bestimmte Gerinnungsfaktoren
Wirkmechanismus der Vitamin-K-Antagonisten

Übersicht indirekte orale Antikoagulantien

IndirektWirkungIndikationenBesonderheiten

Vitamin-K-Antagonisten

  • Phenpro-coumon
  • Warfarin
  • Unselektiver kompetitiver Vitamin K-Antagonismus
  • Thrombembolieprophylaxe
  • Valvuläres Vorhofflimmern
  • Klappenersatz
  • Lungenembolie
  • TVT
  • Immobilisation
  • Kostengünstig
  • Antagonisierung: Prothrombinkonzentrat (PPSB)
  • Dosiseinstellung anhand des INR (Ziel abhängig von Indikation) oder Quick
  • Schlecht steuerbar (Wirkdauer mehrere Tage)
  • Bridging mit Heparin bei Eindosierung (bis INR >2)
  • Viele Wechselwirkungen
  • Nebenwirkungen:
    • Cumarin Nekrosen (s.u.)
    • Blutungsrisiko erhöht
  • Kontraindikationen:
    • Schwangerschaft
    • Leberinsuffizienz
    • Blutungsneigung oder akute Blutung
 Info
Cumarin-Nekrosen

Cumarine hemmen neben den Gerinnungsfaktoren auch die antikoagulatorisch wirksamen Proteine C und S. Diese haben eine kürzere Halbwertszeit als die Gerinnungsfaktoren und werden daher schneller abgebaut. Es kommt zu einem überwiegen der prokoagulatorischen Gerinnungsfaktoren. Daher besteht in den ersten Tagen nach Therapiebeginn ein erhöhtes Thromboserisiko, welches durch die überlappende Heparingabe vermindert wird

Bridging

  • Das Bridging wird notwendig, wenn ein mit Cumarinen antikoagulierter Patient operiert werden soll
  • Hierzu wird einige Tage vor der Operation das Cumarin abgesetzt und überbrückend ein Heparin gegeben
  • Perioperativ wird das Heparin abgesetzt (dies ist aufgrund der kurzen Wirkdauer von Heparin möglich)
  • Nach der Operation wird gleichzeitig Heparin und das Cumarin gegeben, bis der Ziel-INR erreicht ist

Wechselwirkungen

  • Phenprocoumon wird über CYP3A4 und CYP2C9 abgebaut       
    • Wirkverstärkung: durch Hemmung des Abbaus oder Konkurrenz um Abbau
      • Viele Antidepressiva, Amiodaron, viele Antibiotika (Makrolide, Cotrimoxazol), Protonenpumpeninhibitoren, Grapefruitsaft
    • Wirkabschwächung:
      • Induktion der abbauenden Enzyme
        • Rifampicin, Carbamazepin, Johanniskraut
      • Vitamin-K-Aufnahme
        • Grünkohl, Spinat, Brokkoli
      • Reduzierte Resorption
        • PPIs (durch erhöhten Magen-pH), Colestyramin

Übersicht über die direkten oralen Antikoagulantien

DirektWirkungIndikationenBesonderheiten

Direkte orale
Antikoagulantien
 
(DOAKs)

  1. Direkte Thrombin-Inhibitoren
  • Dabigatran
Selektiver Thrombin Antagonismus
  • Thrombembolie-prophylaxe nach tiefer Beinvenen-thrombose (TVT), Lungenembolie, bei Immobilisation, bei nicht valvulärem- Vorhofflimmern
  • Therapie der akuten Lungenembolie und der TVT
  • Teuer
  • Bessere Compliance (keine regelmäßigen Blutentnahmen)
  • Gut steuerbar
  • Antidot bei Dabigatran:
    • Idarucizumab
  • Antidot bei Apixaban und Rivaroxaban: Andexanet alfa
  • Nebenwirkungen:
    • Blutungsrisiko erhöht
      (geringeres Risiko für intrakranielle Blutungen)
  • Kontraindikationen:
    • Schwangerschaft
    • Leberinsuffizienz
    • Blutungsneigung oder akute Blutung
    • Dabigatran: GFR <30 ml/min
      CAVE: Substrat des P-Glykoproteins
    • Apixaban/Rivaroxaban: GFR <15 ml/min

2. Direkte Faktor Xa-Inhibitoren

  • Apixaban
  • Rivaroxaban
  • Edoxaban
Selektive direkte Hemmung von Faktor-Xa

Wechselwirkungen

  • DOAKs sind Substrate des Effluxtransporters P-Glykoprotein
    • Erhöhte Wirkspiegel von Dabigatran:
      • Hemmung des P-Gylkoproteins: Verapamil, Clarithromycin, Amiodaron
    • Erniedrigte Wirkspiegel von Dabigatran:
    • Induktion des  P-Glykoproteins: Rifampicin, Johanniskraut, Carbamazepin

Umgang mit DOAKs vor Operationen

  • Durch kurze Halbwertszeit (12-24 Std) kein Bridging empfohlen
  • Abhängig vom Blutungsrisiko
    • Bei normaler Nierenfunktion gilt:
      • Niedriges Blutungsrisiko: letzte Dosis bis 24 Std präoperativ
      • Hohes Blutungsrisiko: letzte Dosis 48 Std präoperativ

Fibrinolytika sind Medikamente, die verwendet werden, um Blutgerinnsel aufzulösen. Sie wirken, indem sie Plasminogen, eine Vorstufe des Enzyms Plasmin, in aktives Plasmin umwandeln. Plasmin wiederum baut Fibrin, den Hauptbestandteil von Blutgerinnseln, ab. Diese Medikamente sind besonders wichtig in der Behandlung von akuten Zuständen wie Herzinfarkt, ischämischem Schlaganfall und Lungenembolie, bei denen schnelles Handeln erforderlich ist, um die Durchblutung wiederherzustellen und das betroffene Gewebe vor dauerhafter Schädigung zu schützen.

Wirkstoffe

  • rt-PA (Alteplase)
  • Streptokinase
  • Urokinase
  • r-PA (Reteplase)
Fibrinolytika („Lysetherapie“)

Indikationen

  • Myokardinfarkt: sofern keine PCI innerhalb von 120 min möglich ist und keine Kontraindikationen bestehen
  • Alteplase bei ischämischem Schlaganfall innerhalb von 4,5 Std nach Symptombeginn 
  • Lungenembolie bei hämodynamisch instabilen Patienten

Nebenwirkungen

  • Blutungen (v.a. intrazerebral)
  • Bei Streptokinase zusätzlich allergische Reaktion durch Bildung von Antikörpern möglich

Kontraindikationen (Auswahl)

  • Thrombozytopenie
  • Hypertonus >185/110 mmHg
  • Aktive oder zurückliegende 
    intrazerebrale Blutung
  • OP/Trauma
  • Ischämischer Schlaganfall
    innerhalb der letzten 6 Monate
  • Hirntumor

Antagonisierung

  • Durch Antifibrinolytika wie Tranexamsäure (Plasminogenaktivator-Inhibitor)
    • Einsatz von Tranexamsäure auch bei schweren Blutungen im OP

Fallbeispiele zur gerinnungshemmenden Therapie, zu Gerinnungswerten und zur praktischen Anwendung von Antikoagulantien findest du im Ordner Fallbeispiele Gerinnungshemmung.

  • Freissmuth et al.: Pharmakologie und Toxikologie. Springer 2012, ISBN: 978-3-642-12353-5.
  • Karow, Lang-Roth: Allgemeine und Spezielle Pharmakologie und Toxikologie 2012
  • Lüllmann et al.: Pharmakologie und Toxikologie. 15. Auflage Thieme 2002, ISBN: 3-133-68515-5
  • Wehling: Klinische Pharmakologie. 2. Auflage Thieme 2011, ISBN: 978-3-131-60282-4
Zuletzt aktualisiert am 24.01.2025
Thrombozytenaggregationshemmer
Antidepressiva
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