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Antikoagulantien (Übersicht)

8 Minuten Lesezeit
  • Um eine unerwünschte Gerinnung des Blutes zu verhindern (z.B. aufgrund langer Liegezeiten im Krankenhaus oder nach einer Lungenarterienembolie), kann man pharmakologisch an verschiedenen Punkten in die plasmatische Gerinnung eingreifen und diese hemmen
  • Die Medikamente, die die plasmatische Gerinnung hemmen, werden Antikoagulantien genannt
  • Die Antikoagulantien wirken in Gefäßen mit einem langsamen Blutfluss, also hauptsächlich im venösen System

Einteilung:

Antikoagulantien
 Nicht-oraleOrale
IndirekteEinfluss auf die Synthese von GerinnungsfaktorenHeparineVitamin-K-Antagonisten
DirekteDirekte Interaktion mit den GerinnungsfaktorenHirudin 
Argatroban
Direkte orale Antikoagulantien
Indirekte nicht orale Antikoagulantien
WirkstoffgruppeWirkprinzip
Unfraktioniertes Heparin (UFH)
  • Bindung an Antithrombin und Thrombin: Hemmung um das 1000-fache verstärkt: 
    Thrombin- + Faktor-Xa- Hemmung

Niedermolekulares/Fraktioniertes

Heparin (NMH)

  • Dalteparin
  • Enoxaparin
  • Tinzaparin
  • Certoparin
  • Kürzer als unfraktioniertes Heparin („fraktioniert“ = geteilt)
  • Bindung an Antithrombin: selektive Faktor-Xa-Hemmung

Heparinoide

  • Fondaparinux
  • Danaparoid
  • Bindung an Antithrombin: selektive Faktor-Xa-Hemmung
  • Bindung an Antithrombin: selektive Faktor-Xa- Hemmung
Indirekte nicht orale Antikoagulantien
Direkte nicht orale Antikoagulantien
WirkstoffgruppeWirkprinzip

Rekombinantes Hirudin

  • Bivalirudin
  • Direkte Thrombinhemmung
    (unabhängig von Antithrombin)

Synthetisches L-Arginin-Derivat

  • Argatroban
  • Direkte Thrombinhemmung
    (unabhängig von Antithrombin)
Direkte nicht orale Antikoagulantien
Indirekte orale Antikoagulantien
WirkstoffgruppeWirkprinzip

Vitamin-K-Antagonisten

  • Phenprocoumon
  • Warfarin
  • Hemmen die Vitamin-K-Epoxid-Reduktase und die Vitamin-K-Reduktase → Somit kann Vitamin K nicht mehr als Kofaktor fungieren und es kommt zu einem Ausbleiben der Synthese der Vitamin-K-abhängigen Faktoren 10, 9, 7, 2 („1972“) und der antikoagulatorischen  Proteine C und S
  • → Unselektiver kompetitiver Vitamin K-Antagonismus
Vitamin-K-Antagonisten Wirkprinzip
Direkte orale Antikoagulantien
WirkstoffgruppeWirkprinzip

Direkte orale Antikoagulantien (DOAKs)

  1. Direkte Thrombin-Inhibitoren
  • Dabigatran
  • Selektiver Thrombin-Antagonismus
  1. Direkte Faktor-Xa-Inhibitoren
  • Apixaban
  • Rivaroxaban
  • Edoxaban
  • Selektive direkte Hemmung von Faktor Xa
Übersicht über die Wirkprinzipien der Antikoagulantien

Präventiv:

  • Prophylaxe einer Thromboembolie bei Vorhofflimmern
  • Prophylaxe einer Thromboembolie bei einem mechanischen Klappenersatz
  • Prophylaxe einer Venenthrombose und einer Lungenarterienembolie
  • Prophylaxe eines erneuten Schlaganfalls bei persistierendem Foramen ovale
  • Sekundärprophylaxe bei Karotis- oder Vertebralisdissektion und rezidiverenden embolischen Infarkten
  • Thrombophilie
  • Infrainguinaler oder femoropoplitealer Venenbypass und pAVK bei einem hohen Verschlussrisiko (bei einer pAVK erfolgt in der Regel eher eine Thrombozytenaggregationshemmung, bei einem hohen Verschlussrisiko nach einem Venenbypass kann jedoch unter Beachtung des Blutungsrisikos eine Antikoagulation erwogen werden)

Therapeutisch:

  • Therapie einer Venenthrombose und einer Lungenarterienembolie
  • Therapie eines Vorhofthrombus
  • Ventrikelaneurysma nach Myokardinfarkt
  • Chronisch-thromboembolische pulmonale Hypertonie
  • Zerebrale Sinus- und Venenthrombose
  • Pfortaderthrombose
  • Ovarialvenenthrombose
  • Akuttherapie: Akuter Myokardinfarkt, V.a. Lungenarterienembolie, akuter Extremitätenarterienverschluss
Prophylaktisch (geringe Dosierung)Therapeutisch (hohe Dosierung)
  • Subkutane Gabe
  • Bevorzugt niedermolekulare Heparine einmal pro Tag: weniger Nebenwirkungen (10 x geringeres Risiko für eine HIT)
  • Bei Niereninsuffizienz: unfraktioniertes Heparin alle 8-12 Stunden
  • Unfraktioniertes Heparin intravenös (Bolus und anschließend Perfusor)
  • Niedermolekulares Heparin subkutan (CAVE bei Niereninsuffizienz)

Indikationen:

  • Thromboseprophylaxe bei perioperativer Immobilisation
  • Thromboseprophylaxe bei längerer Bettlägerigkeit/Immobilisation, erhöhter Thromboseneigung oder Erkrankungen mit erhöhter Thromboseneigung

Indikationen:

  • Thrombose
  • Lungenarterienembolie
  • Vorhofflimmern
  • Akutes Koronarsyndrom
  • Mechanischer Herzklappenersatz
  • Herz-Lungen-Maschine
  • Hämodialyse
 Info

Die Antikoagulantien können zu prophylaktischen und therapeutischen Zwecken eingesetzt werden. Insbesondere beim unfraktionierten Heparin und bei den niedermolekularen Heparinen gibt es eine prophylaktische und eine therapeutische Dosierung.

 Achtung

Nicht alle Antikoagulantien sind für alle Indikationen zugelassen.
Die direkten oralen Antikoagulantien (DOAKS) sind z.B. bei einigen Indikationen noch nicht ausreichend untersucht worden.

Alle gerinnungshemmenden Medikamente, zu denen auch die Antikoagulantien gehören, erhöhen das Blutungsrisiko. Sie sollten daher mit besonderer Vorsicht bei Patient:innen angewendet werden, die ein erhöhtes Risiko für Blutungen aufweisen. Bei Patient:innen mit einem stark erhöhten Blutungsrisiko sollte das Blutungsrisiko gegen das Thromboembolierisiko abgewogen werden und die Behandlung nur so lange wie nötig erfolgen. Bei einem Überwiegen des Blutungsrisikos sind die Antikoagulanzien in der Regel kontraindiziert.

Besondere Vorsicht/in der Regel Kontraindikation bei folgenden klinischen Gegebenheiten:

  • Akute relevante Blutungen
  • Gleichzeitige Anwendung von mehreren gerinnungshemmenden Medikamenten (z.B. Triple Therapie – duale Thrombozytenaggregationshemmung und Antikoagulation nach einer koronaren Stentimplantation und der Indikation zur Antikoagulation (z.B. aufgrund eines Vorhofflimmerns))
    • Bis auf die Umstellung von einem auf ein anderes Antikoagulans und die Anwendung zur Erhaltung der Durchgängigkeit eines zentralvenösen oder arteriellen Katheters sowie während der Anwendung von unfraktioniertem Heparin während einer Katheterablation von Vorhofflimmern, sollte keine Therapie mit zwei Antikoagulantien gleichzeitig erfolgen
  • Lebererkrankungen, die zu einer Koagulopathie führen können und mit einem relevanten Blutungsrisiko verbunden sind
  • Verdacht auf Gefäßläsionen
  • Erhöhte Gefahr für Gefäßläsionen oder Pathologien, die mit einem erhöhten Risiko für eine Blutung einhergehen (je nach Wirkstoff ggf. unterschiedliche Kontraindikationen – folgend eine Zusammenstellung):
    • Endokarditis
    • Ggf. Perikarditis
    • Schwere arterielle Hypertonie
    • Kürzlich aufgetretene kardiovaskuläre Ereignisse (z.B. Schlaganfall)
    • Aneurysmen
    • Arteriovenöse Fehlbildungen
    • Größere intrazerebrale oder intraspinale vaskuläre Anomalien
    • Gastrointestinale Blutungen
    • Kürzlich aufgetretene gastrointestinale Ulzerationen
    • Bekannte oder Verdacht auf Ösophagusvarizen
    • Kürzlich aufgetretene Hirn- oder Rückenmarksverletzungen
    • Kürzlich aufgetretene intrakranielle Blutungen
    • Kavernöse Lungentuberkulose
    • Sturzneigung
    • Retinopathien mit einem erhöhten Blutungsrisiko
    • Operationen/Interventionen mit einem erhöhten Blutungsrisiko
      • Kürzlich erfolgte Eingriffe am Gehirn, Rückenmark oder an den Augen
    • Maligne Neoplasien mit einem erhöhten Risiko für Blutungen
  • Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff
IndirekteIndikationenBesonderheiten
Unfraktioniertes Heparin (UFH)
  • Prophylaxe von Thromboembolien (subkutan)
  • Therapeutische Antikoagulation (intravenös mit Perfusor)
  • Antikoagulation bei extrakorporalem Kreislauf (z.B. Herz-Lungen-Maschine, Hämodialyse)

➜ Eher in Notfallsituationen & bei Niereninsuffizienz

  • Dosiseinstellung anhand der aPTT

+ Gut per Perfusor und Kontrolle der aPTT steuerbar

+ Zu 100% durch Protamin antagonisierbar

+ Schneller Wirkeintritt

+ Viele Indikationen (➜ gut in Notfallsituationen geeignet)

+ Auch bei Niereninsuffizienz einsetzbar

- Regelmäßige Blutentnahmen und ggf. Perfusoranpassung alle 6 Stunden notwendig

- Dauerhafte intravenöse Infusion notwendig (bei therapeutischer Anwendung ➜ Infektionsgefahr + unbequem)

- Risiko einer HIT (siehe HIT)

Antidot: Protamin

Nebenwirkungen:

  • Allergie
  • Heparin-induzierte Thrombozytopenie (= HIT)
  • Osteoporose

Nieder-molekulares/
Fraktioniertes

Heparin (NMH)

  • Dalteparin
  • Enoxaparin
  • Tinzaparin
  • Certoparin
  • Eher im ambulanten Setting
  • Thromboseprophylaxe (subkutan)
  • Dosiseinstellung anhand der Anti-Faktor-Xa-Aktivität

- Bei Niereninsuffizienz sind regelmäßige Kontrollen der Anti-Faktor-Xa-Aktivität und ggf. Dosisanpassungen notwendig

+ Geringeres Risiko für eine HIT

Antidot: Protamin zu 50%

Nebenwirkungen:

  • Wie UFH
  • HIT 10x seltener als bei UFH

Kontraindikation:

  • GFR <30 ml/min (ggf. unter engmaschiger Kontrolle der Anti-Faktor-Xa-Aktivität und Dosisanpassung möglich)

Heparinoide

  • Fondaparinux

 

 

  • Danaparoid
  • Thromboseprophylaxe (subkutan)
  • STEMI
  • Therapie oberflächlicher Venenthrombosen
  • Dosiseinstellung anhand der Anti-Faktor-Xa-Aktivität

Nebenwirkungen:

  • Thrombozytopenie
  • Thromboseprophylaxe (subkutan)
  • Danaparoid: HIT 2-Therapie (intravenös)
  • Dosiseinstellung anhand der Anti-Faktor-Xa-Aktivität

Nebenwirkungen:

  • Asthma-Exazerbation
DirekteIndikationenBesonderheiten

Rekombinantes Hirudin

  • Bivalirudin
  • Verwendung während der Herzkatheter-untersuchung (intravenös)
  • Dosiseinstellung anhand der aPTT

Nebenwirkungen:

  • Allergie, Blutungen

Synthetisches L-Arginin-Derivat

  • Argatroban
  • HIT 2-Therapie (intravenös)
  • Dosiseinstellung anhand der aPTT

Nebenwirkungen:

  • Anämie, Übelkeit, Purpura (Hauteinblutungen)
IndirekteIndikationenBesonderheiten

Vitamin-K-Antagonisten

  • Phenprocoumon
  • Warfarin
  • Thrombembolie-prophylaxe
  • Valvuläres Vorhof-flimmern
  • Klappenersatz
  • Lungenarterien-embolie
  • Tiefe Venen-thrombose (TVT)
  • Sinusvenen-thrombose
  • Immobilisation
  • Dosiseinstellung anhand des INR-Wertes (Ziel abhängig von der Indikation) oder des Quick-Wertes

+ Kostengünstig

+/- Wirkdauer mehrere Tage (Wirkung auch bei vergessener Einnahme/schlecht steuerbar)

+ /- Regelmäßige Kontrollen des INR-/Quick-Wertes notwendig (regelmäßige Blutentnahmen notwendig/Einschätzung der Stärke der Antikoagulation möglich (z.B. vor Kardioversion))

- Viele Wechselwirkungen

- Schlechte Steuerbarkeit (Interpretation des INR-Wertes in Abhängigkeit der Dosierung nicht immer einfach) und ggf. perioperatives Bridging notwendig

  • Cave: bei Eindosierung gleichzeitige parenterale Antikoagulation notwendig (mit Heparin (bis INR >2))

Antagonisierung:

  • Phytomenadion
  • Prothrombinkonzentrat (PPSB)
  • Vitamin K (langsam): Wirkung erst, wenn neue Gerinnungsfaktoren synthetisiert wurden

Nebenwirkungen:

  • Cumarin-Nekrosen
  • Blutungsrisiko erhöht

Kontraindikationen:

  • Schwangerschaft
  • Leberinsuffizienz
  • Blutungsneigung oder akute Blutung
DirekteIndikationenBesonderheiten

Direkte orale Antikoagulantien (DOAKs)

 

  1. Direkte Thrombin-Inhibitoren
  • Dabigatran
  • Thrombembolie-prophylaxe
  • Nach tiefer Venen-thrombose (TVT)
  • Lungen-arterien-embolie
  • Bei Immobilisation
  • Bei nicht valvulärem- Vorhof-flimmern
  • Therapie der tiefen Venenthrombose und der akuten Lungenarterien-embolie

+ Bessere Compliance (keine regelmäßigen Blutentnahmen)

+ Gut steuerbar (verhältnismäßig kürzere Halbwertszeiten)

+ Geringeres Risiko für intrakranielle Blutungen

- Teuer

- Dosisanpassung bei Niereninsuffizienz

- Kurze Halbwertszeit (höhere Compliance notwendig ➜ bei vergessener Einnahme besteht ggf. keine ausreichende Antikoagulation)

- Begrenzte Indikationen (für viele Indikationen noch nicht ausreichend untersucht (z.B. stark eingeschränkte Nierenfunktion, Leberfunktionsstörungen, Schwangerschaft, Sekundärprophylaxe des Antiphospholipid-Syndroms))

- Keine etablierten Routine-Labortests zur Überwachung der Wirkung

Antidot bei Dabigatran: Idarucizumab

Antidot bei Apixaban und Rivaroxaban: Andexanet alfa

Nebenwirkungen:

  • Blutungsrisiko erhöht (geringeres Risiko für intrakranielle Blutungen)
  • Viele Wechselwirkungen (siehe Artikel DOAK)

Kontraindikationen:

  • Schwangerschaft
  • Leberinsuffizienz
  • Blutungsneigung oder akute Blutung
  • Dabigatran: GFR <30 ml/min
  • Apixaban/Rivaroxaban/Edoxaban: GFR <15 ml/min

2. Direkte Faktor Xa-Inhibitoren

  • Apixaban
  • Rivaroxaban
  • Edoxaban

Fallbeispiele zur gerinnungshemmenden Therapie, zu Gerinnungswerten und zur praktischen Anwendung von Antikoagulantien findest du im Ordner Fallbeispiele Gerinnungshemmung

Zuletzt aktualisiert am 11.12.2024
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