Bei einem Schlaganfall liegt eine Störung im arteriellen Stromgebiet des Gehirns vor. Ursächlich hierfür ist häufig ein arterieller Verschluss durch eine Embolie. Die Folge ist eine Ischämie des nachgeschalteten Stromgebietes (ischämischer Schlaganfall). Auch eine Einblutung (hämorrhagischer Schlaganfall) oder die Dissektion einer Arterie können eine Ursache sein.
- Ischämischer Schlaganfall (ca. 80-85 %): fokale Ischämie des ZNS
- Hämorrhagischer Schlaganfall
- Intrazerebrale Blutung (ca. 10-15 %): Einblutung in das Hirnparenchym
- Subarachnoidalblutung (ca. 5 %): Einblutungen in den Subarachnoidalraum
Es gibt verschiedene Ursachen für einen ischämischen Schlaganfall.
Dazu gehören:
- Kardiale Embolien durch Vorhofflimmern
- Septische Embolien durch infektiöse Endokarditis
- Makro- und Mikroangiopathien durch Atherosklerose
- Dissektion eines hirnversorgenden Gefäßes
- Fett- oder Luftembolie
- Zerebrale Vaskulitis
InfoEine Makroangiopathie kann arterioarterielle Embolien verursachen. Eine Mikroangiopathie führt eher zu einer lakunären Ischämie.
Zu den Ursachen einer intrazerebralen Blutung gehören unter anderem:
- Schädel-Hirn-Traumata
- Bluthochdruck
- Zerebrale Amyloidangiopathie
- Hämorrhagische Diathesen (z.B. durch die Einnahme von Antikoagulantien oder Thrombozytenaggregationshemmern)
- Gefäßfehlbildungen
Die Hauptziele des Rettungsdienstes bei Verdacht auf einen Schlaganfall sind die schnelle Erkennung der Warnsymptome, die Stabilisierung der Vitalfunktionen und der zügige Transport in eine geeignete Zielklinik. Eine spezifische Therapie kann erst nach einer bildgebenden Diagnostik in der Klinik erfolgen. Angestrebt wird eine Versorgungszeit von unter 25 Minuten und ein Eintreffen in der Klinik innerhalb von 60 Minuten.
Um den Einstieg in das Thema Schlaganfall etwas zu erleichtern, wird im Folgenden ein Fall beschrieben, wie er sich präklinisch ereignen könnte.
Das Szenario
Einsatzmeldung:
- Stichwort: Apoplex im Lysefenster
- Ort: Wohnung, 2. Stock
- Alarmzeit: 14:17 Uhr
- Anrufer: Ehefrau des Betroffenen
- Anzahl der Betroffenen: 1
- Zusatzinfo:
- Männlich, 68 Jahre alt
- Plötzliche Sprachstörung
- Lähmung der linken Körperhälfte
Lageeinweisung vor Ort:
Beim Eintreffen des Rettungsdienstes sitzt der Patient auf einem Stuhl in der Küche. Die Ehefrau hat die Tür geöffnet und wirkt besorgt.
Die Lage ist wie folgt:
- Der Patient ist wach und ansprechbar
- Eine Sprachstörung (verwaschene Sprache) fällt auf
- Die Ehefrau berichtet, dass ihr Mann plötzlich nicht mehr richtig sprechen konnte und das linke Bein beim Gehen nachgezogen hat
- Anschließend habe er sich auf den Stuhl gesetzt und sei immer verwirrter geworden, weshalb sie den Notruf gewählt habe

Ersteinschätzung nach xABCDE-Schema
Um sich einen ersten umfassenden Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten in einer Notfallsituation zu verschaffen, bietet sich das xABCDE-Schema an. Um die Arbeit mit dem Schema zu veranschaulichen, ist hier ein xABCDE-Schema abgebildet, wie es im Falle einer Ersteinschätzung bei einer Patientin oder einem Patienten mit einem Schlaganfall aussehen könnte.
Es handelt sich dabei um die Befunde, die innerhalb der ersten paar Minuten erhoben werden können. Erweiterte Diagnostik und Abfragen sind natürlich von Bedeutung, jedoch würde zum Beispiel die Anlage eines 12-Kanal-EKG in diesem Fall hinten angestellt und taucht zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf.
x | Kein aktiver äußerer Blutverlust sichtbar |
|
A |
| Kein |
B |
| Kein |
C |
| Mittelbares |
D |
| Akutes |
E |
|
Kein |
AchtungDas hier gezeigte Assessment vermittelt nur einen exemplarischen ersten Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten. Im Verlauf der Behandlung müssen weitere Maßnahmen ergriffen und Informationen gesammelt werden. Das Schema erhebt daher keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern soll lediglich einen praktischen Einstieg in das Thema ermöglichen.
DefinitionSchlaganfall
Unter dem Begriff Schlaganfall werden zerebrale Durchblutungsstörungen zusammengefasst. Dazu gehören sowohl ischämische Schlaganfälle als auch hämorrhagische Schlaganfälle (intrazerebrale Blutungen und Subarachnoidalblutung).

DefinitionTransitorische ischämische Attacke (TIA)
Die transitorische ischämische Attacke (TIA) ist eine vorübergehende neurologische Funktionsstörung, die durch eine kurzzeitige fokale Minderdurchblutung des Gehirns, Rückenmarks oder der Retina verursacht wird.
Charakteristisch ist, dass sich die neurologischen Ausfälle vollständig zurückbilden und keine nachweisbare dauerhafte Schädigung des zentralen Nervensystems zurückbleibt.
Sie zählt zum Spektrum des ischämischen Schlaganfalls und erfordert dieselbe zeitkritische Diagnostik sowie konsequente Sekundärprävention.
AchtungDer Begriff „Apoplex“ wird derzeit nicht mehr für das Krankheitsbild verwendet. In älteren Arztbriefen oder im Patient:innengespräch kann er weiterhin auftauchen.
Risikofaktoren
- Bluthochdruck
- Diabetes mellitus
- Übergewicht
- Alkoholabusus
- Nikotinabusus
- Vorhofflimmern
- Karotisstenose
- Hyperlipidämie (erhöhte Blutfette)
Ursachen
| Ischämischer Schlaganfall | Hämorrhagischer Schlaganfall |
|---|---|
| Atherosklerose: Gefäßverkalkungen führen zu Verengungen oder Verschlüssen hirnversorgender Arterien | Arterielle Hypertonie: Langjährig erhöhter Blutdruck schädigt die Gefäßwände und begünstigt Gefäßrupturen |
| Kardiale Embolien: Blutgerinnsel aus dem Herzen verschließen Hirnarterien, z.B. bei Vorhofflimmern | Zerebrale Amyloidangiopathie: Eiweißablagerungen in Hirngefäßen machen diese brüchig und blutungsanfällig |
| Dissektionen: Einriss der Gefäßwand mit nachfolgender Einengung oder Verschluss des Gefäßes | Aneurysmaruptur: Ein Gefäßaussackung reißt und verursacht eine Hirnblutung, häufig eine Subarachnoidalblutung |
| Vaskulitiden: Entzündungen der Gefäßwände können zu Durchblutungsstörungen führen | Gefäßfehlbildungen: Angeborene oder erworbene Gefäßveränderungen mit erhöhtem Blutungsrisiko |
| Thrombophilien und Koagulopathien: Erkrankungen mit erhöhter Neigung zur Bildung von Blutgerinnseln | Gerinnungsstörungen oder Antikoagulation: Erhöhte Blutungsneigung durch Erkrankungen oder Medikamente |
| Kryptogener Schlaganfall (ESUS): Schlaganfall ohne nachweisbare Ursache trotz Diagnostik | Drogenkonsum: Insbesondere Kokain oder Amphetamine können Hirnblutungen auslösen |
MerkeReminder: Physiologische Grundlagen
- Blutversorgung: Das Gehirn wird über die rechte und linke A. carotis interna und die rechte und linke A. vertebralis versorgt, die sich im Circulus arteriosus Willisii verbinden
- Energiebedarf: Neuronen sind auf eine kontinuierliche Sauerstoff- und Glukosezufuhr angewiesen, da sie kaum Energiespeicher besitzen
- Ischämie: Ein Verschluss oder eine Minderdurchblutung eines Gefäßes führt innerhalb weniger Minuten zu neurologischen Ausfällen
- Penumbra: Das ischämische Kerngebiet stirbt schnell ab, die umliegende Penumbra kann bei rascher Reperfusion gerettet werden
- Monro-Kellie-Doktrin:
- Die Monro-Kellie-Doktrin beschreibt das Volumenkonstanzprinzip innerhalb des Schädels, da dieser eine starre Knochenstruktur darstellt
- Der Schädel kann keine Volumenvergrößerung ausgleichen, ohne den intrakraniellen Druck kritisch zu erhöhen
- Das intrakranielle Gesamtvolumen setzt sich aus drei Hauptkomponenten zusammen:
- Volumen (Gehirn) + Volumen (Liquor) + Volumen (Blut) = Konstant
- Die Zunahme einer Einheit (z.B. eine Blutung) muss durch eine Reduktion der anderen Komponenten ausgeglichen werden, um den intrakraniellen Druck (ICP) stabil zu halten
Ein Apoplex entsteht durch eine plötzliche Durchblutungsstörung im Gehirn, die zu einer Sauerstoff- und Nährstoffunterversorgung der Nervenzellen führt. Dies kann entweder durch einen Gefäßverschluss (ischämischer Schlaganfall) oder eine Hirnblutung (hämorrhagischer Schlaganfall) verursacht werden.
Ischämischer Schlaganfall
InfoBei einem ischämischen Schlaganfall kommt es durch den Gefäßverschluss zu einer Kaskade zellulärer Prozesse, die schrittweise zum Untergang von Nervenzellen führen
- Energiekrise und ATP-Mangel: Gefäßverschluss → verminderte Sauerstoff- und Glukoseversorgung → Ausfall der aeroben Energiegewinnung → ATP-Produktion bricht zusammen
- Versagen der Ionentransporter: ATP-Mangel → Ausfall der Na⁺/K⁺-ATPase → Na⁺- und Ca²⁺-Einstrom in die Zelle + K⁺-Ausstrom → osmotischer Wassereinstrom → Zellschwellung → zytotoxisches Ödem
- Glutamatbedingte Exzitotoxizität:
- Depolarisation und Energiemangel → massive Glutamatfreisetzung → Überstimulation von NMDA- und AMPA-Rezeptoren → weiterer Ca²⁺-Einstrom
- Hohe Ca²⁺-Konzentration führt zur Aktivierung proteolytischer Enzyme → Schädigung von Zellmembran und DNA
- Durch Schädigung der Zellmembran und DNA → Bildung freier Radikale → zusätzliche Schädigung
- Strukturelle Zellschäden und Nekrose: anhaltender Energiemangel → Mitochondrienzerfall und Membranruptur → Austritt zellulärer Bestandteile → Entzündungsreaktion → Kolliquationsnekrose (Gewebe erweicht und verflüssigt sich = „Erweichungsinfarkt“)
- Ödembildung und Hirndruckanstieg:
- Zytotoxisches Ödem: durch intrazelluläre Wasseranreicherung
- Vasogenes Ödem: durch Schädigung der Blut-Hirn-Schranke
- Beide Mechanismen führen zu: Hirnvolumenzunahme → intrakranieller Druckanstieg → Gefahr der Hirngewebsherniation
DefinitionPenumbra und ischämisches Gewebe
- Ischämischer Kern: Irreversibel geschädigtes Gewebe
- Penumbra: Noch vitales, aber gefährdetes Gewebe, das durch schnelle Reperfusion (Thrombolyse/Thrombektomie) gerettet werden kann
Hämorrhagischer Schlaganfall
Ein hämorrhagischer Schlaganfall entsteht durch den plötzlichen Austritt von Blut aus einem rupturierten zerebralen Gefäß. Ursache sind meist strukturelle Veränderungen der Gefäßwand oder Störungen der Blutgerinnung. Das austretende Blut schädigt das umliegende Hirngewebe sowohl direkt durch seine raumfordernde Wirkung als auch durch verschiedene sekundäre Schadensmechanismen.
Unabhängig von der Lokalisation der Blutung tragen mehrere Prozesse zur Hirnschädigung bei:
- Mechanische Kompression des Hirngewebes durch die Hämatombildung
- Beeinträchtigung der Durchblutung benachbarter Hirnareale mit nachfolgender sekundärer Ischämie
- Freisetzung von Hämoglobin-Abbauprodukten → Entzündungsreaktion, oxidativer Stress und Entwicklung eines zerebralen Ödems
- Anstieg des intrakraniellen Drucks → Abnahme des zerebralen Perfusionsdrucks → weiterer Gewebeschaden
Intrazerebrale Blutung (ICB):
InfoDie intrazerebrale Blutung ist die häufigste Form des hämorrhagischen Schlaganfalls.
- Mechanische Schädigung: Gefäßruptur → Einblutung in das Hirnparenchym → Kompression und Verdrängung des umliegenden Hirngewebes → raumfordernde Wirkung des Hämatoms
- Blutungsausweitung: Erhöhter Gewebedruck → Ruptur weiterer kleiner Gefäße → Zunahme der Blutungsgröße
- Sekundäre Hirnschädigung: Blutabbauprodukte → Schädigung der Blut-Hirn-Schranke → Entwicklung eines perifokalen vasogenen Ödems
- Folgen: Vasogenes Ödem + Hämatomexpansion → Hirndruckanstieg → sekundäre Ischämien → Gefahr der Hirngewebsherniation
Subarachnoidalblutung (SAB)
InfoDie Subarachnoidalblutung entsteht in den meisten Fällen durch die Ruptur eines intrakraniellen Aneurysmas, häufig im Bereich des Circulus Willisii.
- Primäre Hirnschädigung: Aneurysmaruptur → Austritt arteriellen Blutes in den Subarachnoidalraum → plötzlicher intrakranieller Druckanstieg
- Meningeale Reizung: Kontakt des Blutes mit den Hirnhäuten → Reizung der Meningen → plötzlich einsetzender Vernichtungskopfschmerz und Meningismus
- Frühe Hirnschädigung: Störung der zerebralen Mikrozirkulation → zytotoxisches und vasogenes Hirnödem → zusätzliche Beeinträchtigung der Hirnperfusion
- Neurohumorale Reaktion: Aktivierung entzündlicher Zytokine und des sympathischen Nervensystems → Blutdruckanstieg (Cushing-Reflex) → erhöhtes Risiko für eine Rezidivblutung
- Spätkomplikationen: Blutabbauprodukte → Vasospasmen der Hirnarterien → sekundäre zerebrale Ischämien
- Weitere Folgen: Gestörte Liquorzirkulation → Hydrozephalus → Hirndruckanstieg → zusätzliche neurologische Komplikationen
Häufige allgemeine Symptome eines Schlaganfalls
Typische neurologische Ausfälle treten meist plötzlich auf und können je nach betroffenem Hirnareal unterschiedlich ausgeprägt sein. Dazu gehören:
- Plötzlich einsetzende Lähmung oder Schwäche einer Körperseite (Hemiparese)
- Einseitige Gefühlsstörungen wie Kribbeln oder Taubheitsgefühle
- Hängender Mundwinkel und verwaschene Sprache (Dysarthrie)
- Sprachstörungen (Aphasie), etwa eine gestörte Sprachproduktion oder ein eingeschränktes Sprachverständnis
- Sehstörungen, z.B. Doppelbilder oder einseitige bzw. beidseitige Gesichtsfeldausfälle
- Bewusstseins- oder Orientierungsstörungen
- Schwindel mit Gangunsicherheit oder Koordinationsstörungen
- Plötzlich auftretende starke Kopfschmerzen, insbesondere bei hämorrhagischen Schlaganfällen
Generalisierte Zeichen
- Schwindel, Übelkeit und Erbrechen: Beteiligung vestibulärer Strukturen oder des Hirnstamms
- Bewusstseinsstörung/Vigilanzminderung: Ausgedehnte Infarkte oder Beteiligung des Hirnstamms
- Kopfschmerzen: Besonders bei intrakranieller Blutung oder Dissektion
InfoSchlaganfälle werden häufig nach dem betroffenen zerebralen Gefäßterritorium in eine vordere (karotide) und eine hintere (vertebrobasiläre) Zirkulation eingeteilt.
- Vordere Zirkulation: Typischerweise stehen Halbseitenlähmungen, Sprach- oder Verständnisstörungen sowie eine Blickdeviation im Vordergrund
- Hintere Zirkulation: Häufig treten Schwindel, Doppelbilder, Dysarthrie und Dysphagie auf („4 D“ der vertebrobasilären Ischämie)
- Basilarisverschluss: Kann zu schweren Hirnstammsymptomen mit Bewusstseinsstörung, Tetraparese bis Tetraplegie sowie Ateminsuffizienz oder Atemstillstand führen
| Zirkulation | Gefäß | Typische Symptome | Besonderheiten |
|---|---|---|---|
| Vordere Zirkulation | A. carotis interna |
| Häufige Emboliequelle, große Infarkte bei proximalem Verschluss |
| A. cerebri media |
| Häufigster Schlaganfall: Risiko eines malignen Mediainfarkts | |
| A. cerebri anterior |
| Bei beidseitiger Läsion schwere Antriebsstörung | |
| A. choroidea anterior |
| Kleine Infarkte können trotz geringer Ausdehnung ausgeprägte neurologische Defizite verursachen | |
| A. vertebralis |
| Typisch: Wallenberg-Syndrom | |
| Hintere Zirkulation | A. basilaris |
| Gefahr eines Locked-in-Syndroms, hohe Letalität |
| A. inferior anterior cerebelli |
| Kleine Infarkte können trotz geringer Ausdehnung ausgeprägte neurologische Defizite verursachen. | |
| A. superior cerebelli |
| Bei größeren Infarkten zusätzliche Hirnstammsymptome möglich | |
| A. cerebri posterior |
| Beidseitige Infarkte können zu kortikaler Blindheit führen. |
Anamnese
Aktuelle Anamnese:
- S (Symptome): Plötzlich auftretende neurologische Symptome wie Kopfschmerzen, Halbseitenlähmung, Sprach- oder Sehstörungen, Sensibilitätsstörungen, Gleichgewichtsprobleme, Apraxie oder Bewusstseinsstörungen.
- Verdacht auf Verschluss eines großen Gefäßes (LVO = Large vessel occlusion)?
→ LAMS-Score ≥4 (siehe unten)
- Verdacht auf Verschluss eines großen Gefäßes (LVO = Large vessel occlusion)?
- A (Allergien, Infektionen): Bestehen relevante Allergien oder Hinweise auf eine infektiöse Ursache der Symptomatik, etwa Fieber, Meningismus oder andere Zeichen eines ZNS-Infekts?
- M (Medikation): Besteht eine medikamentöse Gerinnungshemmung, z.B. durch Antikoagulanzien (NOAK, DOAK) oder Thrombozytenaggregationshemmer?
- P (Patientengeschichte): Bestehen relevante Vorerkrankungen oder neurologische Vorschäden, insbesondere Vorhofflimmern, arterielle Hypertonie, Diabetes mellitus, koronare Herzkrankheit oder bereits zurückliegende TIA bzw. Schlaganfälle?
- L (Letzte…): Wann wurde die betroffene Person zuletzt symptomfrei gesehen? Der Zeitpunkt des Symptombeginns bzw. der Last-Seen-Well-Zeit sollte möglichst genau erfasst werden
- E (Ereignis): Wie begann die Symptomatik? Trat sie plötzlich auf oder bestand ein zeitlicher Zusammenhang mit einem Sturz oder Trauma?
- R (Risiko): Vorhofflimmern, Diabetes mellitus, Übergewicht, Bluthochdruck, Hyperlipidämie, Alkohol- und Nikotinabusus
- S (Schwangerschaft): Besteht eine bekannte oder mögliche Schwangerschaft als potenzieller Risikofaktor für thromboembolische Ereignisse?
TippNutze Schemata
Um die Anamnese strukturiert durchzuführen, bietet es sich an, Schemata, wie das SAMPLERS oder OPQRST-Schema zu nutzen. Am obigen Beispiel haben wir Fragen und Befunde dargestellt, die bei dem Verdacht auf einen Schlaganfall abgefragt werden sollten.
Körperliche Untersuchung
Inspektion:
- Neurologische Ausfälle: Plötzlich auftretende Hemiparese oder Hemiplegie, Sensibilitätsstörungen sowie Gesichtsasymmetrien mit hängendem Mundwinkel als Hinweis auf eine zentrale Fazialisparese
- Sprach- und Sprechstörungen: Aphasie oder Dysarthrie können auf eine Beteiligung sprachdominanter Hirnareale hinweisen
- Blick- und Sehstörungen: Blickdeviation, Doppelbilder, Gesichtsfeldausfälle oder akute Visusminderung
- Koordinationsstörungen: Ataxie, Gangunsicherheit oder Schwindel, insbesondere bei Schlaganfällen der hinteren Zirkulation
- Bewusstseinsveränderungen: Verwirrtheit, Vigilanzminderung oder Bewusstlosigkeit, insbesondere bei ausgedehnten Infarkten oder Hirnstammbeteiligung
Palpation:
- Periphere Pulse: In der Regel unauffällig, Seitenunterschiede oder fehlende Pulse können auf andere vaskuläre Ursachen hinweisen
- Hauttemperatur und Rekapillarisierungszeit: Meist unauffällig, auffällige Befunde sprechen eher für alternative Ursachen der Symptomatik
Perkussion:
- Keine typischen Befunde: Die Perkussion liefert beim Schlaganfall in der Regel keine richtungsweisenden Erkenntnisse
Auskultation:
- Lunge:
- Meist unauffälliger Befund: Ein Schlaganfall verursacht in der Regel keine primären pulmonalen Auskultationsbefunde
- Nebengeräusche: Rasselgeräusche können auf eine kardiale Dekompensation oder eine Aspirationspneumonie hinweisen
- Herz und Gefäße:
- Herzgeräusche: Können Hinweise auf strukturelle Herzerkrankungen oder potenzielle Emboliequellen liefern
- Karotisgeräusche: Strömungsgeräusche über den Karotiden können auf eine relevante Karotisstenose als mögliche Ursache des Schlaganfalls hinweisen
Vitalparameter:
- Blutdruck: Häufig erhöht als kompensatorische Reaktion zur Aufrechterhaltung der zerebralen Perfusion
- Puls: variabel, Vorhofflimmern kann als mögliche Emboliequelle vorliegen
- Blutzucker: obligat zu kontrollieren, da Hypo- und Hyperglykämien Schlaganfallsymptome imitieren können
- Temperatur: Fieber kann neurologische Defizite verstärken oder vorwiegend bei älteren Patient:innen einen Schlaganfall vortäuschen. Zudem ist eine erhöhte Körpertemperatur mit einer ungünstigeren Prognose assoziiert. Eine Hypothermie ist zwar selten, sollte jedoch ebenfalls erkannt und berücksichtigt werden
- Atmung: Auffällige Atemmuster wie Bradypnoe oder Cheyne-Stokes-Atmung können auf eine Hirndrucksteigerung hinweisen
- Cushing-Trias: Bradykardie, arterielle Hypertonie und Atemstörungen können Zeichen einer erhöhten intrakraniellen Drucksituation sein
Neurologische Untersuchung:
Bei dem Verdacht auf ein neurologisches Defizit im Rettungsdienst ist eine umfassende Untersuchung essenziell, um das Ausmaß der Beeinträchtigung festzustellen und eine schnelle Entscheidung über die weitere Versorgung zu treffen. Zur strukturierten Beurteilung eines möglichen Schlaganfalls stehen mehrere Scores zur Verfügung:
- BE-FAST-Schema
- FAST4D-Score
- LAMS-Score
InfoWeitere Informationen findest du hier:
Strukturierte neurologische Untersuchung.
Differenzialdiagnostik
AchtungStroke mimics
Bis zu 30 % der Patient:innen mit Verdacht auf einen Schlaganfall weisen letztlich eine andere Erkrankung auf, die die typische Schlaganfallsymptomatik nachahmt. Diese Differenzialdiagnosen werden als „Stroke-Mimics“ bezeichnet.
| Differenzialdiagnose | Typische Symptome | Abgrenzung / Hinweise |
|---|---|---|
| Hypoglykämie |
| Blutzuckermessung zur Abgrenzung |
| Migräne mit Aura |
| Typische Migräneanamnese mit nachfolgendem Kopfschmerz |
| Epileptischer Anfall / Todd’sche Parese |
| Hinweise auf Krampfanfall, Zungenbiss oder Enuresis |
| Infektion / Sepsis |
| Fieber, Infektzeichen oder erhöhte Entzündungsparameter |
| Periphere Nervenschädigung |
| Peripheres Ausfallmuster ohne zentrale Lokalisation |
| Vestibulopathien (z.B. BPLS, Neuritis vestibularis) |
| Charakteristische Schwindelsymptomatik ohne fokal-neurologische Defizite |
| Alkoholintoxikation |
| Hinweise auf Alkoholkonsum oder Intoxikation |
InfoDas BEFAST-Schema ist ein einfaches Screening-Instrument zur raschen Erkennung eines Schlaganfalls. Es erfasst typische neurologische Ausfälle und hilft dabei, betroffene Patient:innen frühzeitig zu identifizieren.
InfoDie Los Angeles Motor Scale (LAMS-Score) dient der schnellen Einschätzung der Schwere eines Schlaganfalls und hilft dabei, Patient:innen mit Verdacht auf einen großen Gefäßverschluss (Large Vessel Occlusion, LVO) frühzeitig zu identifizieren. Ein Score ≥4 weist auf eine hohe Wahrscheinlichkeit für einen proximalen Gefäßverschluss hin, was eine mechanische Thrombektomie erforderlich/sinnvoll machen kann.
InfoDer FAST4D-Score ist eine Erweiterung des klassischen FAST-Schemas (Face-Arm-Speech-Time) zur präklinischen Schlaganfallerkennung.
Neben den bekannten FAST-Kriterien berücksichtigt der FAST4D-Score zusätzlich Symptome, die insbesondere bei vertebrobasilären Schlaganfällen auftreten können. Dazu zählen Doppelbilder, Gesichtsfeldausfälle, Schwindel sowie Dysmetrie bzw. Ataxie. Ziel ist eine sensitivere und frühzeitigere Erkennung von Schlaganfällen im Rettungsdienst.
InfoDie dargestellten Maßnahmen orientieren sich an den Empfehlungen des Deutschen Berufsverbands Rettungsdienst (DBRD) und werden durch weitere spezifische, leitliniengerechte Maßnahmen ergänzt, um eine strukturierte und evidenzbasierte Versorgung von Patient:innen sicherzustellen.
MerkeDie Hauptziele des Rettungsdienstes bei Verdacht auf einen Schlaganfall sind die schnelle Erkennung der Warnsymptome, die Stabilisierung der Vitalfunktionen und der zügige Transport in eine geeignete Zielklinik. Eine spezifische Therapie kann erst nach einer bildgebenden Diagnostik in der Klinik erfolgen.
Angestrebt werden eine Versorgungszeit von unter 25 Minuten und ein Eintreffen in der Klinik innerhalb von 60 Minuten.
Basismaßnahmen
- Lagerung:
- Hämodynamisch stabil: Oberkörperhochlagerung (ca. 30°) zur Reduktion der Aspirationsgefahr und möglichen Entlastung der intrakraniellen Druckverhältnisse
- Hämodynamisch instabil: Flache Rückenlage bzw. leichte Oberkörperhochlagerung zur Sicherung der zerebralen Perfusion
- Sauerstoffgabe: bedarfsgerechte Sauerstofftherapie bei SpO₂ < 94–95 %
- Monitoring und Basisdiagnostik: kontinuierliche Überwachung mittels EKG, SpO₂, Blutdruck- und Atemfrequenzkontrollen sowie Blutzuckermessung zum Ausschluss einer Hypoglykämie als Stroke Mimic
- Venöser Zugang: Anlage von i.v.-Zugang ohne relevante Transportverzögerung
- Transport: frühzeitige Voranmeldung in einer geeigneten Zielklinik mit Stroke Unit sowie zügiger und schonender Transport
- Wärmeerhalt: Vermeidung von Hypothermie durch konsequente Wärmeerhaltungsmaßnahmen
TippLagerung von Patient:innen mit erhöhtem intrakraniellen Druck
Patient:innen mit Verdacht auf einen erhöhten intrakraniellen Druck, insbesondere nach einem Trauma, sollten bei notwendiger Immobilisation ohne Stifneck in einer Vakuummatratze gelagert werden. Die Kopfstabilisierung erfolgt dabei durch die angepasste Form der Vakuummatratze.
- Der Stifneck kann die venöse Drainage behindern, was zu einem Anstieg des intrakraniellen Drucks (ICP) führt
- Eine zu enge Fixierung kann die Vv. jugulares komprimieren, was den Abfluss von venösem Blut aus dem Gehirn behindert
- Dies ist besonders kritisch bei Patient:innen mit einem bereits erhöhten ICP (z.B. durch ein Hirnödem oder eine Blutung)
Die daraus resultierende Drucksteigerung kann die Hirndurchblutung reduzieren und den Schaden am Gehirn verstärken.
Spezifische Maßnahmen
- Volumenmanagement:
- Gabe von Vollelektrolytlösungen nur bei Hypotonie oder Hypovolämie
- Keine routinemäßige Volumentherapie bei hämodynamisch stabilen Patient:innen
- Glucose: Bei einer Hypoglykämie (< 60 mg/dl) sollte zur Sicherstellung einer ausreichenden zerebralen Glukoseversorgung eine Glucosegabe erfolgen, z.B. Glucose 40 %
8–24 g i.v. - Antiemetika: Bei Übelkeit oder Erbrechen mit Aspirationsgefahr können Antiemetika zur Symptomkontrolle eingesetzt werden, z.B. Ondansetron
0,1 mg/kgKG i.v., max. 4 mg - Antipyretika: Bei erhöhter Körpertemperatur kann zur Senkung des zerebralen Sauerstoff- und Glukosebedarfs eine fiebersenkende Therapie erfolgen, z.B. Paracetamol
1 g i.v. über 15 Minuten als Kurzinfusion - Antihypertensiva: Bei ausgeprägter Hypertonie (≥ 220 mmHg systolisch oder ≥ 120 mmHg diastolisch) kann eine vorsichtige Blutdrucksenkung, vorzugsweise mit Urapidil
5-10 mg i.v., titriert nach Wirkung unter Vermeidung einer Reduktion von mehr als 15 % erfolgen
AchtungBlutdruckmanagement
Die Behandlung eines erhöhten Blutdrucks bei Patient:innen mit akutem Schlaganfall soll erfolgen, wenn ein hypertensiver Notfall mit mindestens einer der folgenden schwerwiegenden Begleiterscheinungen vorliegt:
- Hypertensive Enzephalopathie
- Hypertensive Nephropathie
- Hypertensive Herzinsuffizienz oder hypertensiver Myokardinfarkt
- Aortendissektion
- Präeklampsie oder Eklampsie
- Intrazerebrale Blutung mit systolischem Blutdruck über 200 mmHg

Transitorische ischämische Attacke (TIA)
DefinitionTransitorische ischämische Attacke (TIA)
Die transitorische ischämische Attacke (TIA) ist eine vorübergehende neurologische Funktionsstörung, die durch eine kurzzeitige fokale Minderdurchblutung des Gehirns, Rückenmarks oder der Retina verursacht wird.
Charakteristisch ist, dass sich die neurologischen Ausfälle vollständig zurückbilden und keine nachweisbare dauerhafte Schädigung des zentralen Nervensystems zurückbleibt.
Eine TIA stellt ein wichtiges Warnsignal für einen drohenden ischämischen Schlaganfall dar. Das Risiko für ein erneutes zerebrovaskuläres Ereignis ist insbesondere in den ersten Stunden und Tagen nach der Attacke deutlich erhöht.
AchtungEine TIA kann ein Vorbote für einen manifesten Schlaganfall sein und sollte fachärztlich abgeklärt werden.
Hirnstamminfarkt
DefinitionEin Hirnstamminfarkt ist ein ischämischer Schlaganfall, der den Hirnstamm betrifft, eine lebenswichtige Struktur, die für Atmung, Kreislaufregulation, Bewusstsein und motorische Funktionen verantwortlich ist. Aufgrund der hohen Dichte an Nervenbahnen und Kerngebieten kann ein Hirnstamminfarkt zu schweren neurologischen Ausfällen führen.
Ein akuter Verschluss der A. basilaris kann zu folgenden Symptomen führen:
- Kreislauf- und Atemstörungen
- Dysarthrie, Dysphagie, Doppelbilder, Schwindel, Ataxie
- Hemiparese oder Tetraparese
- Hirnnervenausfälle → Gesichtslähmungen, Blickparesen
- Ggf. Horner-Syndrom bei Beteiligung sympathischer Bahnen:
- Ptosis (herabhängendes Oberlid durch Ausfall des M. tarsalis)
- Miosis (verengte Pupille durch Ausfall des M. dilatator pupillae)
- Pseudoenophthalmus (scheinbar eingesunkener Augapfel durch Ptosis)
AchtungEin Hirnstamminfarkt ist lebensbedrohlich, da er Vitalfunktionen direkt beeinflussen kann. Schnellstmögliche Diagnostik und Therapie sind entscheidend.
EKG-Veränderungen bei erhöhtem Hirndruck
EKG-Veränderungen können bei intrakraniellen Blutungen auftreten, insbesondere bei subarachnoidalen Blutungen (SAB) oder großen intrazerebralen Blutungen. Diese Veränderungen im EKG sind nicht direkt durch ein Herzproblem verursacht, sondern durch eine neurogene-kardiale Dysfunktion, die auf die Gehirnverletzung zurückzuführen ist.
MerkeWarum kommt es zu EKG-Veränderungen?
- Erhöhter Hirndruck und Sympathikus-Aktivierung:
- Eine starke Aktivierung des sympathischen Nervensystems kann zu einer überschießenden Ausschüttung von Katecholaminen (z.B. Adrenalin, Noradrenalin) führen
- Dies kann zu einem Vasospasmus führen oder sogar eine stressbedingte Kardiomyopathie auslösen
- Beeinflussung der Kardioregulation durch den Hirnstamm:
- Besonders bei Hirnstamminfarkten oder Hirnstammblutungen kann das Herz über das autonome Nervensystem beeinflusst werden
Mögliche EKG-Veränderungen:
- Breite, tiefe T-Wellen
- ST-Streckenhebung
- ST-Streckensenkung
AchtungEKG-Veränderungen bei intrakraniellen Blutungen erfordern eine sorgfältige Diagnostik, um einen Myokardinfarkt auszuschließen.
Die fälschliche Gabe von Thrombozytenaggregationshemmern und Antikoagulantien sind bei einer intrakraniellen Blutung fatal!
Zielkrankenhaus
Grundsätzlich sollten Patient:innen mit Verdacht auf einen Schlaganfall in eine Klinik mit Stroke Unit transportiert werden. Die Auswahl der Zielklinik richtet sich nach der Schwere der Symptomatik, dem Verdacht auf einen großen Gefäßverschluss sowie dem Risiko neurologischer Komplikationen.
- Ischämischer Schlaganfall oder TIA → Neurologische Klinik mit Stroke Unit und Möglichkeit zur Akutdiagnostik mittels CT bzw. MRT sowie Durchführung einer spezifischen Schlaganfalltherapie
- Verdacht auf großen Gefäßverschluss (Large Vessel Occlusion, LVO) → Klinik mit 24-Stunden-Bereitschaft zur mechanischen Thrombektomie
- Unklare Vigilanzstörung oder hämodynamische Instabilität → Klinik mit Schockraum und neurologischer Anbindung zur erweiterten Akutdiagnostik und Differenzialdiagnostik
AchtungAnmeldung in der Zielklinik
Patient:innen mit dem Verdacht auf einen Schlaganfall müssen stets telefonisch vorangemeldet werden. Wichtige Informationen bei der Anmeldung umfassen:
- Zeitpunkt des Symptombeginns und letzte Symptomfreiheit („last seen well“)
- Mögliche auslösende Faktoren
- Patient:innenzustand, z.B. Vitalwerte, Übelkeit, Erbrechen, Bewusstseinsveränderung
- Vorerkrankungen (Risikofaktoren, frühere Operationen oder Interventionen in den letzten Wochen)
- Frühere Blutungsereignisse
- Vormedikation, insbesondere Antikoagulation (Art und Dosierung)
Diese Informationen sind entscheidend für die weitere Diagnostik und Therapieplanung in der Zielklinik.
Transportbegleitende Maßnahmen
- Transportzielzeit: schnellstmöglicher Transport mit frühzeitiger Voranmeldung in einer geeigneten Zielklinik mit Stroke Unit
- Lagerung:
- Oberkörperhochlagerung von ca. 30° zur Reduktion der Aspirationsgefahr und Optimierung des venösen Abflusses
- Bei hämodynamischer Instabilität ggf. flachere Lagerung
- Monitoring: kontinuierliche Überwachung von EKG, Blutdruck, Herzfrequenz, SpO₂, Bewusstseinslage und Temperatur
- Sauerstofftherapie: bedarfsgerechte Sauerstoffgabe bei SpO₂ < 95 % mit dem Ziel einer Normoxämie
- Blutzuckerkontrolle: regelmäßige Kontrolle und ggf. Korrektur von Hypo- oder Hyperglykämien
- Blutdruckmanagement:
- Vermeidung einer Hypotonie zur Sicherung der zerebralen Perfusion
- Erhöhte Blutdruckwerte bis 220 mmHg syst. und 120 mmHg diastolisch werden toleriert
- Absaugbereitschaft: insbesondere bei Dysphagie, Erbrechen oder Bewusstseinsstörungen zur Sicherung der Atemwege und Reduktion des Aspirationsrisikos
- Wärmeerhalt: Vermeidung von Auskühlung durch geeignete Wärmeerhaltungsmaßnahmen
Übergabe in der Klinik
- Strukturierte Übergabe nach standardisierten Schemata wie SINNHAFT oder ISOBAR
- Übergabe relevanter Informationen zu:
- Ereignis, Vitalparametern, klinischem Verlauf, Maßnahmen und verabreichten Medikamenten
Definition
DefinitionSchlaganfall
Unter dem Begriff Schlaganfall werden zerebrale Durchblutungsstörungen zusammengefasst. Dazu gehören sowohl ischämische Schlaganfälle als auch hämorrhagische Schlaganfälle (intrazerebrale Blutungen und Subarachnoidalblutung).
DefinitionTransitorische ischämische Attacke (TIA)
Die transitorische ischämische Attacke (TIA) ist eine vorübergehende neurologische Funktionsstörung, die durch eine kurzzeitige fokale Minderdurchblutung des Gehirns, Rückenmarks oder der Retina verursacht wird.
Charakteristisch ist, dass sich die neurologischen Ausfälle vollständig zurückbilden und keine nachweisbare dauerhafte Schädigung des zentralen Nervensystems zurückbleibt.
Sie zählt zum Spektrum des ischämischen Schlaganfalls und erfordert dieselbe zeitkritische Diagnostik sowie konsequente Sekundärprävention.
Ursachen
| Ischämischer Schlaganfall | Hämorrhagischer Schlaganfall |
|---|---|
| Atherosklerose: Gefäßverkalkungen führen zu Verengungen oder Verschlüssen hirnversorgender Arterien | Arterielle Hypertonie: Langjährig erhöhter Blutdruck schädigt die Gefäßwände und begünstigt Gefäßrupturen |
| Kardiale Embolien: Blutgerinnsel aus dem Herzen verschließen Hirnarterien, z.B. bei Vorhofflimmern | Zerebrale Amyloidangiopathie: Eiweißablagerungen in Hirngefäßen machen diese brüchig und blutungsanfällig |
| Dissektionen: Einriss der Gefäßwand mit nachfolgender Einengung oder Verschluss des Gefäßes | Aneurysmaruptur: Ein Gefäßaussackung reißt und verursacht eine Hirnblutung, häufig eine Subarachnoidalblutung |
| Vaskulitiden: Entzündungen der Gefäßwände können zu Durchblutungsstörungen führen | Gefäßfehlbildungen: Angeborene oder erworbene Gefäßveränderungen mit erhöhtem Blutungsrisiko |
| Thrombophilien und Koagulopathien: Erkrankungen mit erhöhter Neigung zur Bildung von Blutgerinnseln | Gerinnungsstörungen oder Antikoagulation: Erhöhte Blutungsneigung durch Erkrankungen oder Medikamente |
| Kryptogener Schlaganfall (ESUS): Schlaganfall ohne nachweisbare Ursache trotz Diagnostik | Drogenkonsum: Insbesondere Kokain oder Amphetamine können Hirnblutungen auslösen |
Pathophysiologie
Ischämischer Schlaganfall:
- Energiekrise und ATP-Mangel: Gefäßverschluss → verminderte Sauerstoff- und Glukoseversorgung → Ausfall der aeroben Energiegewinnung → ATP-Produktion bricht zusammen
- Versagen der Ionentransporter: ATP-Mangel → Ausfall der Na⁺/K⁺-ATPase → Na⁺- und Ca²⁺-Einstrom in die Zelle + K⁺-Ausstrom → osmotischer Wassereinstrom → Zellschwellung → zytotoxisches Ödem
- Glutamatbedingte Exzitotoxizität:
- Depolarisation und Energiemangel → massive Glutamatfreisetzung → Überstimulation von NMDA- und AMPA-Rezeptoren → weiterer Ca²⁺-Einstrom
- Hohe Ca²⁺-Konzentration führt zur Aktivierung proteolytischer Enzyme → Schädigung von Zellmembran und DNA
- Durch Schädigung der Zellmembran und DNA → Bildung freier Radikale → zusätzliche Schädigung
- Strukturelle Zellschäden und Nekrose: anhaltender Energiemangel → Mitochondrienzerfall und Membranruptur → Austritt zellulärer Bestandteile → Entzündungsreaktion → Kolliquationsnekrose (Gewebe erweicht und verflüssigt sich = „Erweichungsinfarkt“)
- Ödembildung und Hirndruckanstieg:
- Zytotoxisches Ödem: durch intrazelluläre Wasseranreicherung
- Vasogenes Ödem: durch Schädigung der Blut-Hirn-Schranke
- Beide Mechanismen führen zu: Hirnvolumenzunahme → intrakranieller Druckanstieg → Gefahr der Hirngewebsherniation
DefinitionPenumbra und ischämisches Gewebe
- Ischämischer Kern: Irreversibel geschädigtes Gewebe
- Penumbra: Noch vitales, aber gefährdetes Gewebe, das durch schnelle Reperfusion (Thrombolyse/Thrombektomie) gerettet werden kann
Hämorrhagischer Schlaganfall:
Ein hämorrhagischer Schlaganfall entsteht durch den plötzlichen Austritt von Blut aus einem rupturierten zerebralen Gefäß. Ursache sind meist strukturelle Veränderungen der Gefäßwand oder Störungen der Blutgerinnung. Das austretende Blut schädigt das umliegende Hirngewebe sowohl direkt durch seine raumfordernde Wirkung als auch durch verschiedene sekundäre Schadensmechanismen.
Unabhängig von der Lokalisation der Blutung tragen mehrere Prozesse zur Hirnschädigung bei:
- Mechanische Kompression des Hirngewebes durch die Hämatombildung
- Beeinträchtigung der Durchblutung benachbarter Hirnareale mit nachfolgender sekundärer Ischämie
- Freisetzung von Hämoglobin-Abbauprodukten → Entzündungsreaktion, oxidativer Stress und Entwicklung eines zerebralen Ödems
- Anstieg des intrakraniellen Drucks → Abnahme des zerebralen Perfusionsdrucks → weiterer Gewebeschaden
Klinischer Eindruck
Häufige allgemeine Symptome eines Schlaganfalls:
Typische neurologische Ausfälle treten meist plötzlich auf und können je nach betroffenem Hirnareal unterschiedlich ausgeprägt sein. Dazu gehören:
- Plötzlich einsetzende Lähmung oder Schwäche einer Körperseite (Hemiparese)
- Einseitige Gefühlsstörungen wie Kribbeln oder Taubheitsgefühle
- Hängender Mundwinkel und verwaschene Sprache (Dysarthrie)
- Sprachstörungen (Aphasie), etwa eine gestörte Sprachproduktion oder ein eingeschränktes Sprachverständnis
- Sehstörungen, z.B. Doppelbilder oder einseitige bzw. beidseitige Gesichtsfeldausfälle
- Bewusstseins- oder Orientierungsstörungen
- Schwindel mit Gangunsicherheit oder Koordinationsstörungen
- Plötzlich auftretende starke Kopfschmerzen, insbesondere bei hämorrhagischen Schlaganfällen
Symptome in Abhängigkeit vom betroffenen Gefäßgebiet:
InfoSchlaganfälle werden häufig nach dem betroffenen zerebralen Gefäßterritorium in eine vordere (karotide) und eine hintere (vertebrobasiläre) Zirkulation eingeteilt.
- Vordere Zirkulation: Typischerweise stehen Halbseitenlähmungen, Sprach- oder Verständnisstörungen sowie eine Blickdeviation im Vordergrund
- Hintere Zirkulation: Häufig treten Schwindel, Doppelbilder, Dysarthrie und Dysphagie auf („4 D“ der vertebrobasilären Ischämie)
- Basilarisverschluss: Kann zu schweren Hirnstammsymptomen mit Bewusstseinsstörung, Tetraparese bis Tetraplegie sowie Ateminsuffizienz oder Atemstillstand führen
Diagnostik
Inspektion:
- Neurologische Ausfälle: Plötzlich auftretende Hemiparese oder Hemiplegie, Sensibilitätsstörungen sowie Gesichtsasymmetrien mit hängendem Mundwinkel als Hinweis auf eine zentrale Fazialisparese
- Sprach- und Sprechstörungen: Aphasie oder Dysarthrie können auf eine Beteiligung sprachdominanter Hirnareale hinweisen
- Blick- und Sehstörungen: Blickdeviation, Doppelbilder, Gesichtsfeldausfälle oder akute Visusminderung
- Koordinationsstörungen: Ataxie, Gangunsicherheit oder Schwindel, insbesondere bei Schlaganfällen der hinteren Zirkulation
- Bewusstseinsveränderungen: Verwirrtheit, Vigilanzminderung oder Bewusstlosigkeit, insbesondere bei ausgedehnten Infarkten oder Hirnstammbeteiligung
Palpation:
- Periphere Pulse: In der Regel unauffällig, Seitenunterschiede oder fehlende Pulse können auf andere vaskuläre Ursachen hinweisen
- Hauttemperatur und Rekapillarisierungszeit: Meist unauffällig, auffällige Befunde sprechen eher für alternative Ursachen der Symptomatik
Perkussion:
- Keine typischen Befunde: Die Perkussion liefert beim Schlaganfall in der Regel keine richtungsweisenden Erkenntnisse
Auskultation:
- Lunge:
- Meist unauffälliger Befund: Ein Schlaganfall verursacht in der Regel keine primären pulmonalen Auskultationsbefunde
- Nebengeräusche: Rasselgeräusche können auf eine kardiale Dekompensation oder eine Aspirationspneumonie hinweisen
- Herz und Gefäße:
- Herzgeräusche: Können Hinweise auf strukturelle Herzerkrankungen oder potenzielle Emboliequellen liefern
- Karotisgeräusche: Strömungsgeräusche über den Karotiden können auf eine relevante Karotisstenose als mögliche Ursache des Schlaganfalls hinweisen
Vitalparameter:
- Blutdruck: Häufig erhöht als kompensatorische Reaktion zur Aufrechterhaltung der zerebralen Perfusion
- Puls: variabel, Vorhofflimmern kann als mögliche Emboliequelle vorliegen
- Blutzucker: obligat zu kontrollieren, da Hypo- und Hyperglykämien Schlaganfallsymptome imitieren können
- Temperatur: Fieber kann neurologische Defizite verstärken oder vorwiegend bei älteren Patient:innen einen Schlaganfall vortäuschen. Zudem ist eine erhöhte Körpertemperatur mit einer ungünstigeren Prognose assoziiert. Eine Hypothermie ist zwar selten, sollte jedoch ebenfalls erkannt und berücksichtigt werden
- Atmung: Auffällige Atemmuster wie Bradypnoe oder Cheyne-Stokes-Atmung können auf eine Hirndrucksteigerung hinweisen
- Cushing-Trias: Bradykardie, arterielle Hypertonie und Atemstörungen können Zeichen einer erhöhten intrakraniellen Drucksituation sein
Neurologische Untersuchung:
Bei dem Verdacht auf ein neurologisches Defizit im Rettungsdienst ist eine umfassende Untersuchung essenziell, um das Ausmaß der Beeinträchtigung festzustellen und eine schnelle Entscheidung über die weitere Versorgung zu treffen. Zur strukturierten Beurteilung eines möglichen Schlaganfalls stehen mehrere Scores zur Verfügung:
- BE-FAST-Schema
- FAST4D-Score
- LAMS-Score
Therapie
MerkeDie Hauptziele des Rettungsdienstes bei Verdacht auf einen Schlaganfall sind die schnelle Erkennung der Warnsymptome, die Stabilisierung der Vitalfunktionen und der zügige Transport in eine geeignete Zielklinik. Eine spezifische Therapie kann erst nach einer bildgebenden Diagnostik in der Klinik erfolgen.
Angestrebt werden eine Versorgungszeit von unter 25 Minuten und ein Eintreffen in der Klinik innerhalb von 60 Minuten.
Basismaßnahmen:
- Lagerung:
- Hämodynamisch stabil: Oberkörperhochlagerung (ca. 30°) zur Reduktion der Aspirationsgefahr und möglichen Entlastung der intrakraniellen Druckverhältnisse
- Hämodynamisch instabil: Flache Rückenlage bzw. leichte Oberkörperhochlagerung zur Sicherung der zerebralen Perfusion
- Sauerstoffgabe: bedarfsgerechte Sauerstofftherapie bei SpO₂ < 94–95 %
- Monitoring und Basisdiagnostik: kontinuierliche Überwachung mittels EKG, SpO₂, Blutdruck- und Atemfrequenzkontrollen sowie Blutzuckermessung zum Ausschluss einer Hypoglykämie als Stroke Mimic
- Venöser Zugang: Anlage von i.v.-Zugang ohne relevante Transportverzögerung
- Transport: frühzeitige Voranmeldung in einer geeigneten Zielklinik mit Stroke Unit sowie zügiger und schonender Transport
- Wärmeerhalt: Vermeidung von Hypothermie durch konsequente Wärmeerhaltungsmaßnahmen
Spezifische Maßnahmen:
- Volumenmanagement:
- Gabe von Vollelektrolytlösungen nur bei Hypotonie oder Hypovolämie
- Keine routinemäßige Volumentherapie bei hämodynamisch stabilen Patient:innen
- Glucose: Bei einer Hypoglykämie (< 60 mg/dl) sollte zur Sicherstellung einer ausreichenden zerebralen Glukoseversorgung eine Glucosegabe erfolgen, z.B. Glucose 40 %
8–24 g i.v. - Antiemetika: Bei Übelkeit oder Erbrechen mit Aspirationsgefahr können Antiemetika zur Symptomkontrolle eingesetzt werden, z.B. Ondansetron
0,1 mg/kgKG i.v., max. 4 mg - Antipyretika: Bei erhöhter Körpertemperatur kann zur Senkung des zerebralen Sauerstoff- und Glukosebedarfs eine fiebersenkende Therapie erfolgen, z.B. Paracetamol
1 g i.v. über 15 Minuten als Kurzinfusion - Antihypertensiva: Bei ausgeprägter Hypertonie (≥ 220 mmHg systolisch oder ≥ 120 mmHg diastolisch) kann eine vorsichtige Blutdrucksenkung, vorzugsweise mit Urapidil
5-10 mg i.v., titriert nach Wirkung unter Vermeidung einer Reduktion von mehr als 15 % erfolgen
Transport
Grundsätzlich sollten Patient:innen mit Verdacht auf einen Schlaganfall in eine Klinik mit Stroke Unit transportiert werden. Die Auswahl der Zielklinik richtet sich nach der Schwere der Symptomatik, dem Verdacht auf einen großen Gefäßverschluss sowie dem Risiko neurologischer Komplikationen.
- Ischämischer Schlaganfall oder TIA → Neurologische Klinik mit Stroke Unit und Möglichkeit zur Akutdiagnostik mittels CT bzw. MRT sowie Durchführung einer spezifischen Schlaganfalltherapie
- Verdacht auf großen Gefäßverschluss (Large Vessel Occlusion, LVO) → Klinik mit 24-Stunden-Bereitschaft zur mechanischen Thrombektomie
- Unklare Vigilanzstörung oder hämodynamische Instabilität → Klinik mit Schockraum und neurologischer Anbindung zur erweiterten Akutdiagnostik und Differenzialdiagnostik
TippWenn ihr mehr Informationen und weitere therapeutische Maßnahmen erfahren möchtet, empfehlen wir euch die verlinkten Artikel aus dem klinischen Bereich.
Intrakranielle Blutungen Ischämischer Schlaganfall
- S2e-Leitlinie Akuttherapie des ischämischen Hirninfarktes, Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN)
- S3-Leitlinie Schlaganfall, Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin e.V. (DEGAM)
- Akute zerebrale Ischämie (ischämischer Insult, ischämischer Schlaganfall), Referenz Neurologie. Deutschland: Thieme, 2019.
- Basilarisverschluss: Thrombektomie toppt auch hier Standardbehandlung, Intensivmedizin up2date 2023; 19(01): 5 - 6
- Schlaganfall: Logistik in der Thrombektomie-Ära, Notfallmedizin up2date 2020; 15(03): 269 - 283
- Intrakranielle Drucksteigerung (Hirndruck), Hirnödem, Neurologie compact. 9., vollständig überarbeitete Auflage. Stuttgart: Georg Thieme Verlag KG; 2022
- Claudi, C et al: FAST4D-A New Score to Reduce Missed Strokes in Emergency Medical Service: A Prospective, Multicentric Observational Proof-of-Concept Trial,J Clin Med. 2024 Aug 25;13(17):5033. doi: 10.3390/jcm13175033.


