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Schlaganfall (RD)

Apoplex, Hirnschlag, Hirninfarkt
48 Minuten Lesezeit

Bei einem Schlaganfall liegt eine Störung im arteriellen Stromgebiet des Gehirns vor. Ursächlich hierfür ist häufig ein arterieller Verschluss durch eine Embolie. Die Folge ist eine Ischämie des nachgeschalteten Stromgebietes (ischämischer Schlaganfall). Auch eine Einblutung (hämorrhagischer Schlaganfall) oder die Dissektion einer Arterie können eine Ursache sein.

  • Ischämischer Schlaganfall (ca. 80-85 %): fokale Ischämie des ZNS
  • Hämorrhagischer Schlaganfall
    • Intrazerebrale Blutung (ca. 10-15 %): Einblutung in das Hirnparenchym
    • Subarachnoidalblutung (ca. 5 %): Einblutungen in den Subarachnoidalraum
Schlaganfall

Es gibt verschiedene Ursachen für einen ischämischen Schlaganfall

Dazu gehören:

  • Kardiale Embolien durch Vorhofflimmern
  • Septische Embolien durch infektiöse Endokarditis
  • Makro- und Mikroangiopathien durch Atherosklerose
  • Dissektion eines hirnversorgenden Gefäßes
  • Fett- oder Luftembolie
  • Zerebrale Vaskulitis
 Info

Eine Makroangiopathie kann arterioarterielle Embolien verursachen. Eine Mikroangiopathie führt eher zu einer lakunären Ischämie

Zu den Ursachen einer intrazerebralen Blutung gehören unter anderem:

  • Schädel-Hirn-Traumata
  • Bluthochdruck
  • Zerebrale Amyloidangiopathie
  • Hämorrhagische Diathesen (z.B. durch die Einnahme von Antikoagulantien oder Thrombozytenaggregationshemmern)
  • Gefäßfehlbildungen

Die Hauptziele des Rettungsdienstes bei Verdacht auf einen Schlaganfall sind die schnelle Erkennung der Warnsymptome, die Stabilisierung der Vitalfunktionen und der zügige Transport in eine geeignete Zielklinik. Eine spezifische Therapie kann erst nach einer bildgebenden Diagnostik in der Klinik erfolgen. Angestrebt wird eine Versorgungszeit von unter 25 Minuten und ein Eintreffen in der Klinik innerhalb von 60 Minuten.

Um den Einstieg in das Thema Schlaganfall etwas zu erleichtern, wird im Folgenden ein Fall beschrieben, wie er sich präklinisch ereignen könnte.

Das Szenario 

Einsatzmeldung:

  • Stichwort: Apoplex im Lysefenster
  • Ort: Wohnung, 2. Stock
  • Alarmzeit: 14:17 Uhr
  • Anrufer: Ehefrau des Betroffenen
  • Anzahl der Betroffenen: 1
  • Zusatzinfo:
    • Männlich, 68 Jahre alt
    • Plötzliche Sprachstörung
    • Lähmung der linken Körperhälfte

Lageeinweisung vor Ort:

Beim Eintreffen des Rettungsdienstes sitzt der Patient auf einem Stuhl in der Küche. Die Ehefrau hat die Tür geöffnet und wirkt besorgt.

Die Lage ist wie folgt:

  • Der Patient ist wach und ansprechbar
  • Eine Sprachstörung (verwaschene Sprache) fällt auf
  • Die Ehefrau berichtet, dass ihr Mann plötzlich nicht mehr richtig sprechen konnte und das linke Bein beim Gehen nachgezogen hat
  • Anschließend habe er sich auf den Stuhl gesetzt und sei immer verwirrter geworden, weshalb sie den Notruf gewählt habe
Fallbeispiel: Schlaganfall (RD)

Ersteinschätzung nach xABCDE-Schema

Um sich einen ersten umfassenden Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten in einer Notfallsituation zu verschaffen, bietet sich das xABCDE-Schema an. Um die Arbeit mit dem Schema zu veranschaulichen, ist hier ein xABCDE-Schema abgebildet, wie es im Falle einer Ersteinschätzung bei einer Patientin oder einem Patienten mit einem Schlaganfall aussehen könnte.

Es handelt sich dabei um die Befunde, die innerhalb der ersten paar Minuten erhoben werden können. Erweiterte Diagnostik und Abfragen sind natürlich von Bedeutung, jedoch würde zum Beispiel die Anlage eines 12-Kanal-EKG in diesem Fall hinten angestellt und taucht zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf.

x

Kein aktiver äußerer Blutverlust sichtbar

 

A

  • Atemwege frei
  • Schleimhäute rosig
  • Patient spricht selbstständig, allerdings fällt eine Sprachstörung (verwaschene Sprache) auf

Kein 
A-Problem

B

  • Inspektorisch:
    • Thoraxexkursion beidseits physiologisch
    • Keine Halsvenenstauung sichtbar
    • Normofrequente Atmung, 15/min
  • Auskultatorisch:
    • Beidseits vesikuläres Atemgeräusch
  • Palpatorisch:
    • Thorax insgesamt stabil
  • SpO2: 96 %

Kein  
B-Problem

C

  • Hautkolorit rosig
  • Rekap-Zeit: 2 Sekunden
  • Große Blutungsräume ohne Zeichen auf akute Blutungen
  • Palpation des Pulses am Handgelenk:
    • Arrhythmisch
    • Gut tastbar
    • Tachykard, 115/min

Mittelbares
C-Problem

D

  • Wach, orientiert, ansprechbar
  • GCS 13
    • Öffnen der Augen: 4
    • Beste verbale Reaktion: 3
    • Beste motorische Reaktion: 6
  • Pupillenkontrolle:
    • Isokor
    • Mittelweit
    • Lichtreagibel
  • BEFAST:
    • Balance: keine Gleichgewichtstörung
    • Eyes: keine Sehstörung
    • Face: keine Gesichtsaufälligkeiten
    • Arms: Hemiparese links
    • Speech: Sprachstörung, verwaschene Sprache
    • Time: Symptombeginn vor 30 Minuten

Akutes
D-Problem

E

  • Keine Verletzungen ersichtlich
  • Temperatur: 36,9 °C
  • Symptome:
    • Sprachstörung
    • Hemiparese links
    • Zunehmende Verwirrung
  • Allergien/Infektionen: Keine Allergien bekannt
  • Medikamente:
    • Dauermedikation: Bisoprolol, Ramipril, Edoxaban, Atorvastatin, Hydrochlorothiazid (HCT)
  • Patientengeschichte: Vorhofflimmern, arterielle Hypertonie, Hypercholesterinämie
  • Letzte Mahlzeit: Frühstück, um ca. 09:30 Uhr
  • Ereignis: Plötzlich aufgetretene Sprachstörung und Lähmung des linken Beins und linken Arms
  • Risikofaktoren: Vorhofflimmern, arterielle Hypertonie, Hypercholesterinämie

 

Kein 
E-Problem

 Achtung

Das hier gezeigte Assessment vermittelt nur einen exemplarischen ersten Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten. Im Verlauf der Behandlung müssen weitere Maßnahmen ergriffen und Informationen gesammelt werden. Das Schema erhebt daher keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern soll lediglich einen praktischen Einstieg in das Thema ermöglichen.

 Definition
Schlaganfall

Unter dem Begriff Schlaganfall werden zerebrale Durchblutungsstörungen zusammengefasst. Dazu gehören sowohl ischämische Schlaganfälle als auch hämorrhagische Schlaganfälle (intrazerebrale Blutungen und Subarachnoidalblutung).

Schlaganfall: Einteilung Ischämisch und Hämorrhagisch
 Definition
Transitorische ischämische Attacke (TIA)

Die transitorische ischämische Attacke (TIA) ist eine vorübergehende neurologische Funktionsstörung, die durch eine kurzzeitige fokale Minderdurchblutung des Gehirns, Rückenmarks oder der Retina verursacht wird.

Charakteristisch ist, dass sich die neurologischen Ausfälle vollständig zurückbilden und keine nachweisbare dauerhafte Schädigung des zentralen Nervensystems zurückbleibt.

Sie zählt zum Spektrum des ischämischen Schlaganfalls und erfordert dieselbe zeitkritische Diagnostik sowie konsequente Sekundärprävention.

 Achtung

Der Begriff „Apoplex“ wird derzeit nicht mehr für das Krankheitsbild verwendet. In älteren Arztbriefen oder im Patient:innengespräch kann er weiterhin auftauchen. 

Risikofaktoren

  • Bluthochdruck
  • Diabetes mellitus
  • Übergewicht
  • Alkoholabusus
  • Nikotinabusus
  • Vorhofflimmern
  • Karotisstenose
  • Hyperlipidämie (erhöhte Blutfette)

Ursachen 

Ischämischer SchlaganfallHämorrhagischer Schlaganfall
Atherosklerose: Gefäßverkalkungen führen zu Verengungen oder Verschlüssen hirnversorgender ArterienArterielle Hypertonie: Langjährig erhöhter Blutdruck schädigt die Gefäßwände und begünstigt Gefäßrupturen
Kardiale Embolien: Blutgerinnsel aus dem Herzen verschließen Hirnarterien, z.B. bei VorhofflimmernZerebrale Amyloidangiopathie: Eiweißablagerungen in Hirngefäßen machen diese brüchig und blutungsanfällig
Dissektionen: Einriss der Gefäßwand mit nachfolgender Einengung oder Verschluss des GefäßesAneurysmaruptur: Ein Gefäßaussackung reißt und verursacht eine Hirnblutung, häufig eine Subarachnoidalblutung
Vaskulitiden: Entzündungen der Gefäßwände können zu Durchblutungsstörungen führenGefäßfehlbildungen: Angeborene oder erworbene Gefäßveränderungen mit erhöhtem Blutungsrisiko
Thrombophilien und Koagulopathien: Erkrankungen mit erhöhter Neigung zur Bildung von BlutgerinnselnGerinnungsstörungen oder Antikoagulation: Erhöhte Blutungsneigung durch Erkrankungen oder Medikamente
Kryptogener Schlaganfall (ESUS): Schlaganfall ohne nachweisbare Ursache trotz DiagnostikDrogenkonsum: Insbesondere Kokain oder Amphetamine können Hirnblutungen auslösen
 Merke
Reminder: Physiologische Grundlagen 
  • Blutversorgung: Das Gehirn wird über die rechte und linke A. carotis interna und die rechte und linke A. vertebralis versorgt, die sich im Circulus arteriosus Willisii verbinden
  • Energiebedarf: Neuronen sind auf eine kontinuierliche Sauerstoff- und Glukosezufuhr angewiesen, da sie kaum Energiespeicher besitzen
  • Ischämie: Ein Verschluss oder eine Minderdurchblutung eines Gefäßes führt innerhalb weniger Minuten zu neurologischen Ausfällen
  • Penumbra: Das ischämische Kerngebiet stirbt schnell ab, die umliegende Penumbra kann bei rascher Reperfusion gerettet werden
  • Monro-Kellie-Doktrin:
    • Die Monro-Kellie-Doktrin beschreibt das Volumenkonstanzprinzip innerhalb des Schädels, da dieser eine starre Knochenstruktur darstellt
    • Der Schädel kann keine Volumenvergrößerung ausgleichen, ohne den intrakraniellen Druck kritisch zu erhöhen
    • Das intrakranielle Gesamtvolumen setzt sich aus drei Hauptkomponenten zusammen:
      • Volumen (Gehirn) + Volumen (Liquor) + Volumen (Blut) = Konstant
    • Die Zunahme einer Einheit (z.B. eine Blutung) muss durch eine Reduktion der anderen Komponenten ausgeglichen werden, um den intrakraniellen Druck (ICP) stabil zu halten

Ein Apoplex entsteht durch eine plötzliche Durchblutungsstörung im Gehirn, die zu einer Sauerstoff- und Nährstoffunterversorgung der Nervenzellen führt. Dies kann entweder durch einen Gefäßverschluss (ischämischer Schlaganfall) oder eine Hirnblutung (hämorrhagischer Schlaganfall) verursacht werden.

Ischämischer Schlaganfall 

 Info

Bei einem ischämischen Schlaganfall kommt es durch den Gefäßverschluss zu einer Kaskade zellulärer Prozesse, die schrittweise zum Untergang von Nervenzellen führen

  1. Energiekrise und ATP-Mangel: Gefäßverschluss → verminderte Sauerstoff- und Glukoseversorgung → Ausfall der aeroben Energiegewinnung → ATP-Produktion bricht zusammen
  2. Versagen der Ionentransporter: ATP-Mangel → Ausfall der Na⁺/K⁺-ATPase → Na⁺- und Ca²⁺-Einstrom in die Zelle + K⁺-Ausstrom → osmotischer Wassereinstrom → Zellschwellung → zytotoxisches Ödem
  3. Glutamatbedingte Exzitotoxizität: 
    1. Depolarisation und Energiemangel → massive Glutamatfreisetzung → Überstimulation von NMDA- und AMPA-Rezeptoren → weiterer Ca²⁺-Einstrom 
    2. Hohe Ca²⁺-Konzentration führt zur Aktivierung proteolytischer Enzyme → Schädigung von Zellmembran und DNA
    3. Durch Schädigung der Zellmembran und DNA → Bildung freier Radikale → zusätzliche Schädigung
  4. Strukturelle Zellschäden und Nekrose: anhaltender Energiemangel → Mitochondrienzerfall und Membranruptur → Austritt zellulärer Bestandteile → Entzündungsreaktion → Kolliquationsnekrose (Gewebe erweicht und verflüssigt sich = „Erweichungsinfarkt“)
  5. Ödembildung und Hirndruckanstieg: 
    1. Zytotoxisches Ödem: durch intrazelluläre Wasseranreicherung
    2. Vasogenes Ödem: durch Schädigung der Blut-Hirn-Schranke
    3. Beide Mechanismen führen zu: Hirnvolumenzunahme → intrakranieller Druckanstieg → Gefahr der Hirngewebsherniation
Penumbra
Penumbra
 Definition
Penumbra und ischämisches Gewebe
  • Ischämischer Kern: Irreversibel geschädigtes Gewebe
  • Penumbra: Noch vitales, aber gefährdetes Gewebe, das durch schnelle Reperfusion (Thrombolyse/Thrombektomie) gerettet werden kann

 

Hämorrhagischer Schlaganfall 

Ein hämorrhagischer Schlaganfall entsteht durch den plötzlichen Austritt von Blut aus einem rupturierten zerebralen Gefäß. Ursache sind meist strukturelle Veränderungen der Gefäßwand oder Störungen der Blutgerinnung. Das austretende Blut schädigt das umliegende Hirngewebe sowohl direkt durch seine raumfordernde Wirkung als auch durch verschiedene sekundäre Schadensmechanismen.

Unabhängig von der Lokalisation der Blutung tragen mehrere Prozesse zur Hirnschädigung bei:

  • Mechanische Kompression des Hirngewebes durch die Hämatombildung
  • Beeinträchtigung der Durchblutung benachbarter Hirnareale mit nachfolgender sekundärer Ischämie
  • Freisetzung von Hämoglobin-Abbauprodukten → Entzündungsreaktion, oxidativer Stress und Entwicklung eines zerebralen Ödems
  • Anstieg des intrakraniellen Drucks → Abnahme des zerebralen Perfusionsdrucks → weiterer Gewebeschaden

Intrazerebrale Blutung (ICB):

 Info

Die intrazerebrale Blutung ist die häufigste Form des hämorrhagischen Schlaganfalls.

  • Mechanische Schädigung: Gefäßruptur → Einblutung in das Hirnparenchym → Kompression und Verdrängung des umliegenden Hirngewebes → raumfordernde Wirkung des Hämatoms
  • Blutungsausweitung: Erhöhter Gewebedruck → Ruptur weiterer kleiner Gefäße → Zunahme der Blutungsgröße
  • Sekundäre Hirnschädigung: Blutabbauprodukte → Schädigung der Blut-Hirn-Schranke → Entwicklung eines perifokalen vasogenen Ödems
  • Folgen: Vasogenes Ödem + Hämatomexpansion → Hirndruckanstieg → sekundäre Ischämien → Gefahr der Hirngewebsherniation

Subarachnoidalblutung (SAB)

 Info

Die Subarachnoidalblutung entsteht in den meisten Fällen durch die Ruptur eines intrakraniellen Aneurysmas, häufig im Bereich des Circulus Willisii.

  • Primäre Hirnschädigung: Aneurysmaruptur → Austritt arteriellen Blutes in den Subarachnoidalraum → plötzlicher intrakranieller Druckanstieg
  • Meningeale Reizung: Kontakt des Blutes mit den Hirnhäuten → Reizung der Meningen → plötzlich einsetzender Vernichtungskopfschmerz und Meningismus
  • Frühe Hirnschädigung: Störung der zerebralen Mikrozirkulation → zytotoxisches und vasogenes Hirnödem → zusätzliche Beeinträchtigung der Hirnperfusion
  • Neurohumorale Reaktion: Aktivierung entzündlicher Zytokine und des sympathischen Nervensystems → Blutdruckanstieg (Cushing-Reflex) → erhöhtes Risiko für eine Rezidivblutung
  • Spätkomplikationen: Blutabbauprodukte → Vasospasmen der Hirnarterien → sekundäre zerebrale Ischämien
  • Weitere Folgen: Gestörte Liquorzirkulation → Hydrozephalus → Hirndruckanstieg → zusätzliche neurologische Komplikationen

Häufige allgemeine Symptome eines Schlaganfalls

Typische neurologische Ausfälle treten meist plötzlich auf und können je nach betroffenem Hirnareal unterschiedlich ausgeprägt sein. Dazu gehören:

  • Plötzlich einsetzende Lähmung oder Schwäche einer Körperseite (Hemiparese)
  • Einseitige Gefühlsstörungen wie Kribbeln oder Taubheitsgefühle
  • Hängender Mundwinkel und verwaschene Sprache (Dysarthrie)
  • Sprachstörungen (Aphasie), etwa eine gestörte Sprachproduktion oder ein eingeschränktes Sprachverständnis
  • Sehstörungen, z.B. Doppelbilder oder einseitige bzw. beidseitige Gesichtsfeldausfälle
  • Bewusstseins- oder Orientierungsstörungen
  • Schwindel mit Gangunsicherheit oder Koordinationsstörungen
  • Plötzlich auftretende starke Kopfschmerzen, insbesondere bei hämorrhagischen Schlaganfällen
Symptome eines Schlaganfalls

Generalisierte Zeichen

  • Schwindel, Übelkeit und Erbrechen: Beteiligung vestibulärer Strukturen oder des Hirnstamms
  • Bewusstseinsstörung/Vigilanzminderung: Ausgedehnte Infarkte oder Beteiligung des Hirnstamms
  • Kopfschmerzen: Besonders bei intrakranieller Blutung oder Dissektion
 Info

Schlaganfälle werden häufig nach dem betroffenen zerebralen Gefäßterritorium in eine vordere (karotide) und eine hintere (vertebrobasiläre) Zirkulation eingeteilt.

  • Vordere Zirkulation: Typischerweise stehen Halbseitenlähmungen, Sprach- oder Verständnisstörungen sowie eine Blickdeviation im Vordergrund
  • Hintere Zirkulation: Häufig treten Schwindel, Doppelbilder, Dysarthrie und Dysphagie auf („4 D“ der vertebrobasilären Ischämie)
  • Basilarisverschluss: Kann zu schweren Hirnstammsymptomen mit Bewusstseinsstörung, Tetraparese bis Tetraplegie sowie Ateminsuffizienz oder Atemstillstand führen
ZirkulationGefäßTypische SymptomeBesonderheiten
Vordere ZirkulationA. carotis interna
  • Symptomatik ähnelt häufig einem Media-Infarkt, da die A. cerebri media der Hauptast der A. carotis interna ist
  • Gesichtsfeldausfall: Beteiligung der zentralen Sehbahn → homonyme Hemianopsie; Beteiligung der A. ophthalmica → ipsilaterale Erblindung
  • Blickdeviation: Schädigung des frontalen Blickzentrums → Blickwendung zur Läsionsseite („zum Herd schauen“)
Häufige Emboliequelle, große Infarkte bei proximalem Verschluss
A. cerebri media
  • Hemiparese/Hemihypästhesie: Läsion des primären motorischen und sensiblen Kortex (Gyrus praecentralis und postcentralis) sowie der Capsula interna → kontralaterale, arm- und gesichtsbetonte Lähmung und Sensibilitätsstörung
  • Aphasie: Befall der dominanten Hemisphäre (meist links) mit Beteiligung des Broca- oder Wernicke-Areals → Sprachfluss- oder Sprachverständnisstörung
  • Apraxie: Läsion assoziierter kortikaler Areale der dominanten Hemisphäre → Störung komplexer, gelernter Bewegungen trotz erhaltener Motorik
  • Neglect: Schädigung des parietalen Assoziationskortex der nicht-dominanten Hemisphäre (meist rechts) → Vernachlässigung der kontralateralen Raum- und Körperhälfte
  • Blickdeviation: Läsion des frontalen Blickzentrums → Blickrichtung zur Läsionsseite („zum Herd schauen“)
  • Gesichtsfeldausfall (Hemianopsie): Beteiligung der zentralen Sehbahn im Temporallappen → kontralaterale homonyme Hemianopsie
Häufigster Schlaganfall: Risiko eines malignen Mediainfarkts
A. cerebri anterior
  • Beinbetonte Hemiparese: Läsion des motorischen und sensiblen Kortex an der Mantelkante (Gyrus prä- und postcentralis) → motorische und sensible Ausfälle v.a. der kontralateralen Beinregion
  • Apraxie: Läsion frontaler und parietaler Areale → gestörte Planung und Koordination willkürlicher Bewegungen
  • Aphasie: Befall der dominanten Hemisphäre (meist links) → transkortikale motorische Aphasie mit gestörter Spontansprache bei erhaltenem Sprachverständnis
  • Apathie, Antriebsstörung und Persönlichkeitsveränderung: Schädigung des präfrontalen Kortex und des limbischen Systems
  • Inkontinenz: Ischämie des frontalen Miktionszentrums im medialen Frontallappen → Störung der willkürlichen Harnausscheidung
  • Beidseitige Läsion: akinetisches Mutismus-Syndrom mit schwerer Antriebsarmut und deutlich eingeschränkter Exekutivfunktion
Bei beidseitiger Läsion schwere Antriebsstörung
A. choroidea anterior
  • Hemiparese/Hemiplegie: Läsion der Pyramidenbahn in der Capsula interna
  • Sensibilitätsstörung: Beteiligung thalamokortikaler Bahnen
  • Gesichtsfeldausfall (Hemianopsie): Schädigung der Sehstrahlung im Temporallappen
  • Gedächtnis- und Affektstörungen: Beteiligung von Hippocampus und Amygdala
Kleine Infarkte können trotz geringer Ausdehnung ausgeprägte neurologische Defizite verursachen
A. vertebralis
  • Bewusstseinsstörung: durch Beteiligung des Thalamus oder der Formatio reticularis
  • Sehstörungen: bei Mitbeteiligung des Okzipitallappens oder der Aa. cerebri posteriores
  • Dysphagie und Dysarthrie: Ausfall der Hirnnerven IX–XII im Hirnstamm
  • Periphere Lähmungen/Tetraparese: beidseitige Schädigung der Pyramidenbahnen im Pons
  • Atmungsstörung: Schädigung der respiratorischen Zentren im Hirnstamm → zentrale Atemlähmung möglich
  • Ataxie, Nystagmus, Schwindel, Gangunsicherheit: Beteiligung des Kleinhirns und vestibulärer Bahnen
Typisch: Wallenberg-Syndrom
Hintere ZirkulationA. basilaris
  • Bewusstseinsstörung bis Koma: Schädigung des Thalamus und der Formatio reticularis → Aufhebung der Vigilanz
  • Okulomotorikstörung/Diplopie: Läsion des Mesencephalons oder der Okulomotoriskerne → Pupillenstörungen, vertikale Blickparese und Doppelbilder
  • Dysarthrie und Dysphagie: Ausfall der Hirnnerven IX–XII im Pons oder in der Medulla → Sprech- und Schluckstörung
  • Tetraparese oder -plegie: Beidseitige Schädigung der Pyramidenbahnen im ventralen Pons → Locked-in-Syndrom möglich (Bewusstsein erhalten, nur vertikale Augenbewegungen möglich)
  • Atmungsstörung: Befall der respiratorischen Zentren im Hirnstamm → zentrale Atemlähmung
  • Ataxie, Schwindel und Nystagmus: Beteiligung des Kleinhirns, der vestibulären Bahnen oder der Aa. cerebelli (z. B. AICA oder SCA) → Gang- und Gleichgewichtsstörungen
  • Basilarisspitzensyndrom: Distaler Basilarisverschluss → Okulomotorik- und Pupillenstörungen, Bewusstseinsstörung sowie mögliche kortikale Blindheit bei beidseitigem Posterior-Infarkt
Gefahr eines Locked-in-Syndroms, hohe Letalität
A. inferior anterior cerebelli
  • Ataxie und Dysarthrie: Schädigung des Pontocerebellums → ipsilaterale Extremitätenataxie, skandierende Sprache und Gangunsicherheit
  • Schwindel, Nystagmus und Übelkeit: Beteiligung vestibulärer Strukturen (Vestibulocerebellum, N. vestibulocochlearis) → zentrales vestibuläres Syndrom
  • Fazialisparese: Läsion des N. facialis im Ponsbereich → periphere, ipsilaterale Fazialisparese
  • Hypakusis oder Tinnitus: Ischämie der A. labyrinthi (meist Ast der AICA) → Schallempfindungsschwerhörigkeit und Gleichgewichtsstörung
  • Hyperakusis: Lähmung des M. stapedius (Ast des N. facialis) → Überempfindlichkeit gegenüber Geräuschen
Kleine Infarkte können trotz geringer Ausdehnung ausgeprägte neurologische Defizite verursachen.
A. superior cerebelli
  • Ipsilaterale Ataxie: Läsion des oberen Kleinhirnstiels und des Spinocerebellums → Bein- oder Rumpfataxie, Fallneigung zur Läsionsseite und dysmetrische Zielbewegungen
  • Dysarthrie: Schädigung des Pontocerebellums → skandierende Sprache und verwaschene Artikulation
  • Schwindel, Übelkeit und Nystagmus: Beteiligung des Vestibulocerebellums oder der vestibulären Bahnen → zentrales vestibuläres Syndrom
  • Kontralaterale Sensibilitätsstörung: Läsion der aufsteigenden sensiblen Bahnen (z.B. Tractus spinothalamicus) im Mittelhirn oder oberen Pons → Verlust des Schmerz- und Temperaturempfindens
Bei größeren Infarkten zusätzliche Hirnstammsymptome möglich
A. cerebri posterior
  • Gesichtsfeldausfall (homonyme Hemianopsie): Läsion der primären Sehrinde (Area striata) → kontralateraler Gesichtsfeldausfall; Makulaaussparung durch Kollateralversorgung aus der A. cerebri media möglich
  • Kortikale Blindheit: Beidseitige Läsion der primären Sehrinde → kortikale Blindheit, ggf. mit Anton-Syndrom (Blindheitsleugnung)
  • Kontralaterale Hemihypästhesie oder Hemidysästhesie: Beteiligung des Thalamus (Aa. thalamoperforantes) → Sensibilitätsstörung der kontralateralen Körperhälfte
  • Thalamusschmerzsyndrom: Thalamusläsion → Hyperpathie oder Allodynie
  • Kognitive und affektive Störungen: Läsion des Thalamus oder Temporallappens → Desorientiertheit, Apathie, Gedächtnisstörungen oder seltener Neglect
  • Okulomotorikstörung und Pupillotonie: Beteiligung des Mesencephalons nahe dem N. oculomotorius
  • Vigilanzminderung: Bilaterale Thalamusbeteiligung → Bewusstseinsstörung
Beidseitige Infarkte können zu kortikaler Blindheit führen.

Anamnese

Aktuelle Anamnese:

  • S (Symptome): Plötzlich auftretende neurologische Symptome wie Kopfschmerzen, Halbseitenlähmung, Sprach- oder Sehstörungen, Sensibilitätsstörungen, Gleichgewichtsprobleme, Apraxie oder Bewusstseinsstörungen.
    • Verdacht auf Verschluss eines großen Gefäßes (LVO = Large vessel occlusion)?
      → LAMS-Score ≥4 (siehe unten)
  • A (Allergien, Infektionen): Bestehen relevante Allergien oder Hinweise auf eine infektiöse Ursache der Symptomatik, etwa Fieber, Meningismus oder andere Zeichen eines ZNS-Infekts?
  • M (Medikation): Besteht eine medikamentöse Gerinnungshemmung, z.B. durch Antikoagulanzien (NOAK, DOAK) oder Thrombozytenaggregationshemmer?
  • P (Patientengeschichte): Bestehen relevante Vorerkrankungen oder neurologische Vorschäden, insbesondere Vorhofflimmern, arterielle Hypertonie, Diabetes mellitus, koronare Herzkrankheit oder bereits zurückliegende TIA bzw. Schlaganfälle?
  • L (Letzte…): Wann wurde die betroffene Person zuletzt symptomfrei gesehen? Der Zeitpunkt des Symptombeginns bzw. der Last-Seen-Well-Zeit sollte möglichst genau erfasst werden
  • E (Ereignis): Wie begann die Symptomatik? Trat sie plötzlich auf oder bestand ein zeitlicher Zusammenhang mit einem Sturz oder Trauma?
  • R (Risiko): Vorhofflimmern, Diabetes mellitus, Übergewicht, Bluthochdruck, Hyperlipidämie, Alkohol- und Nikotinabusus
  • S (Schwangerschaft): Besteht eine bekannte oder mögliche Schwangerschaft als potenzieller Risikofaktor für thromboembolische Ereignisse?
 Tipp
Nutze Schemata

Um die Anamnese strukturiert durchzuführen, bietet es sich an, Schemata, wie das SAMPLERS oder OPQRST-Schema zu nutzen. Am obigen Beispiel haben wir Fragen und Befunde dargestellt, die bei dem Verdacht auf einen Schlaganfall abgefragt werden sollten. 

Körperliche Untersuchung

Inspektion:

  • Neurologische Ausfälle: Plötzlich auftretende Hemiparese oder Hemiplegie, Sensibilitätsstörungen sowie Gesichtsasymmetrien mit hängendem Mundwinkel als Hinweis auf eine zentrale Fazialisparese
  • Sprach- und Sprechstörungen: Aphasie oder Dysarthrie können auf eine Beteiligung sprachdominanter Hirnareale hinweisen
  • Blick- und Sehstörungen: Blickdeviation, Doppelbilder, Gesichtsfeldausfälle oder akute Visusminderung
  • Koordinationsstörungen: Ataxie, Gangunsicherheit oder Schwindel, insbesondere bei Schlaganfällen der hinteren Zirkulation
  • Bewusstseinsveränderungen: Verwirrtheit, Vigilanzminderung oder Bewusstlosigkeit, insbesondere bei ausgedehnten Infarkten oder Hirnstammbeteiligung

Palpation:

  • Periphere Pulse: In der Regel unauffällig, Seitenunterschiede oder fehlende Pulse können auf andere vaskuläre Ursachen hinweisen
  • Hauttemperatur und Rekapillarisierungszeit: Meist unauffällig, auffällige Befunde sprechen eher für alternative Ursachen der Symptomatik

Perkussion:

  • Keine typischen Befunde: Die Perkussion liefert beim Schlaganfall in der Regel keine richtungsweisenden Erkenntnisse

Auskultation:

  • Lunge:
    • Meist unauffälliger Befund: Ein Schlaganfall verursacht in der Regel keine primären pulmonalen Auskultationsbefunde
    • Nebengeräusche: Rasselgeräusche können auf eine kardiale Dekompensation oder eine Aspirationspneumonie hinweisen
  •  Herz und Gefäße:
    • Herzgeräusche: Können Hinweise auf strukturelle Herzerkrankungen oder potenzielle Emboliequellen liefern
    • Karotisgeräusche: Strömungsgeräusche über den Karotiden können auf eine relevante Karotisstenose als mögliche Ursache des Schlaganfalls hinweisen

Vitalparameter:

  • Blutdruck: Häufig erhöht als kompensatorische Reaktion zur Aufrechterhaltung der zerebralen Perfusion
  • Puls: variabel, Vorhofflimmern kann als mögliche Emboliequelle vorliegen
  • Blutzucker: obligat zu kontrollieren, da Hypo- und Hyperglykämien Schlaganfallsymptome imitieren können
  • Temperatur: Fieber kann neurologische Defizite verstärken oder vorwiegend bei älteren Patient:innen einen Schlaganfall vortäuschen. Zudem ist eine erhöhte Körpertemperatur mit einer ungünstigeren Prognose assoziiert. Eine Hypothermie ist zwar selten, sollte jedoch ebenfalls erkannt und berücksichtigt werden
  • Atmung: Auffällige Atemmuster wie Bradypnoe oder Cheyne-Stokes-Atmung können auf eine Hirndrucksteigerung hinweisen
  • Cushing-Trias: Bradykardie, arterielle Hypertonie und Atemstörungen können Zeichen einer erhöhten intrakraniellen Drucksituation sein

Neurologische Untersuchung:

Bei dem Verdacht auf ein neurologisches Defizit im Rettungsdienst ist eine umfassende Untersuchung essenziell, um das Ausmaß der Beeinträchtigung festzustellen und eine schnelle Entscheidung über die weitere Versorgung zu treffen. Zur strukturierten Beurteilung eines möglichen Schlaganfalls stehen mehrere Scores zur Verfügung:

  • BE-FAST-Schema 
  • FAST4D-Score 
  • LAMS-Score
 Info

Weitere Informationen findest du hier: Strukturierte neurologische Untersuchung.

Differenzialdiagnostik

 Achtung
Stroke mimics

Bis zu 30 % der Patient:innen mit Verdacht auf einen Schlaganfall weisen letztlich eine andere Erkrankung auf, die die typische Schlaganfallsymptomatik nachahmt. Diese Differenzialdiagnosen werden als „Stroke-Mimics“ bezeichnet.

DifferenzialdiagnoseTypische SymptomeAbgrenzung / Hinweise
Hypoglykämie
  • Vigilanzminderung
  • Aphasie
  • Schwitzen, ggf. Tremor
Blutzuckermessung zur Abgrenzung
Migräne mit Aura
  • Seh-, Sprach- oder Sensibilitätsstörungen
  • Selten Paresen
Typische Migräneanamnese mit nachfolgendem Kopfschmerz
Epileptischer Anfall / Todd’sche Parese
  • Postiktale Paresen
  • Vigilanzminderung
Hinweise auf Krampfanfall, Zungenbiss oder Enuresis
Infektion / Sepsis
  • Vigilanzminderung
  • Diffuse neurologische Auffälligkeiten
Fieber, Infektzeichen oder erhöhte Entzündungsparameter
Periphere Nervenschädigung
  • Umschriebene Paresen oder Sensibilitätsstörungen
Peripheres Ausfallmuster ohne zentrale Lokalisation
Vestibulopathien (z.B. BPLS, Neuritis vestibularis)
  • Lagerungsabhängiger Schwindel
  • Nystagmus
  • Gangunsicherheit
Charakteristische Schwindelsymptomatik ohne fokal-neurologische Defizite
Alkoholintoxikation
  • Dysarthrie
  • Ataxie
  • Gangunsicherheit
Hinweise auf Alkoholkonsum oder Intoxikation
 Info

Das BEFAST-Schema ist ein einfaches Screening-Instrument zur raschen Erkennung eines Schlaganfalls. Es erfasst typische neurologische Ausfälle und hilft dabei, betroffene Patient:innen frühzeitig zu identifizieren.

BE-FAST-Schema
 Info

Die Los Angeles Motor Scale (LAMS-Score) dient der schnellen Einschätzung der Schwere eines Schlaganfalls und hilft dabei, Patient:innen mit Verdacht auf einen großen Gefäßverschluss (Large Vessel Occlusion, LVO) frühzeitig zu identifizieren. Ein Score ≥4 weist auf eine hohe Wahrscheinlichkeit für einen proximalen Gefäßverschluss hin, was eine mechanische Thrombektomie erforderlich/sinnvoll machen kann.

Los Angeles Motor Scale (Lams-Score)
 Info

Der FAST4D-Score ist eine Erweiterung des klassischen FAST-Schemas (Face-Arm-Speech-Time) zur präklinischen Schlaganfallerkennung. 

Neben den bekannten FAST-Kriterien berücksichtigt der FAST4D-Score zusätzlich Symptome, die insbesondere bei vertebrobasilären Schlaganfällen auftreten können. Dazu zählen Doppelbilder, Gesichtsfeldausfälle, Schwindel sowie Dysmetrie bzw. Ataxie. Ziel ist eine sensitivere und frühzeitigere Erkennung von Schlaganfällen im Rettungsdienst.

FAST4D-Score
 Info

Die dargestellten Maßnahmen orientieren sich an den Empfehlungen des Deutschen Berufsverbands Rettungsdienst (DBRD) und werden durch weitere spezifische, leitliniengerechte Maßnahmen ergänzt, um eine strukturierte und evidenzbasierte Versorgung von Patient:innen sicherzustellen.

 Merke

Die Hauptziele des Rettungsdienstes bei Verdacht auf einen Schlaganfall sind die schnelle Erkennung der Warnsymptome, die Stabilisierung der Vitalfunktionen und der zügige Transport in eine geeignete Zielklinik. Eine spezifische Therapie kann erst nach einer bildgebenden Diagnostik in der Klinik erfolgen. 

Angestrebt werden eine Versorgungszeit von unter 25 Minuten und ein Eintreffen in der Klinik innerhalb von 60 Minuten.

Basismaßnahmen

  • Lagerung:
    • Hämodynamisch stabil: Oberkörperhochlagerung (ca. 30°) zur Reduktion der Aspirationsgefahr und möglichen Entlastung der intrakraniellen Druckverhältnisse
    • Hämodynamisch instabil: Flache Rückenlage bzw. leichte Oberkörperhochlagerung zur Sicherung der zerebralen Perfusion
  • Sauerstoffgabe: bedarfsgerechte Sauerstofftherapie bei SpO₂ < 94–95 % 
  • Monitoring und Basisdiagnostik: kontinuierliche Überwachung mittels EKG, SpO₂, Blutdruck- und Atemfrequenzkontrollen sowie Blutzuckermessung zum Ausschluss einer Hypoglykämie als Stroke Mimic
  • Venöser Zugang: Anlage von i.v.-Zugang ohne relevante Transportverzögerung
  • Transport: frühzeitige Voranmeldung in einer geeigneten Zielklinik mit Stroke Unit sowie zügiger und schonender Transport
  • Wärmeerhalt: Vermeidung von Hypothermie durch konsequente Wärmeerhaltungsmaßnahmen
 Tipp
Lagerung von Patient:innen mit erhöhtem intrakraniellen Druck

Patient:innen mit Verdacht auf einen erhöhten intrakraniellen Druck, insbesondere nach einem Trauma, sollten bei notwendiger Immobilisation ohne Stifneck in einer Vakuummatratze gelagert werden. Die Kopfstabilisierung erfolgt dabei durch die angepasste Form der Vakuummatratze.

  • Der Stifneck kann die venöse Drainage behindern, was zu einem Anstieg des intrakraniellen Drucks (ICP) führt
    • Eine zu enge Fixierung kann die Vv. jugulares komprimieren, was den Abfluss von venösem Blut aus dem Gehirn behindert
  • Dies ist besonders kritisch bei Patient:innen mit einem bereits erhöhten ICP (z.B. durch ein Hirnödem oder eine Blutung)

Die daraus resultierende Drucksteigerung kann die Hirndurchblutung reduzieren und den Schaden am Gehirn verstärken.

Spezifische Maßnahmen

  • Volumenmanagement: 
    • Gabe von Vollelektrolytlösungen nur bei Hypotonie oder Hypovolämie
    • Keine routinemäßige Volumentherapie bei hämodynamisch stabilen Patient:innen
  • Glucose: Bei einer Hypoglykämie (< 60 mg/dl) sollte zur Sicherstellung einer ausreichenden zerebralen Glukoseversorgung eine Glucosegabe erfolgen, z.B. Glucose 40 % 8–24 g i.v.
  • Antiemetika: Bei Übelkeit oder Erbrechen mit Aspirationsgefahr können Antiemetika zur Symptomkontrolle eingesetzt werden, z.B. Ondansetron 0,1 mg/kgKG i.v., max. 4 mg
  • Antipyretika: Bei erhöhter Körpertemperatur kann zur Senkung des zerebralen Sauerstoff- und Glukosebedarfs eine fiebersenkende Therapie erfolgen, z.B. Paracetamol 1 g i.v. über 15 Minuten als Kurzinfusion
  • Antihypertensiva: Bei ausgeprägter Hypertonie (≥ 220 mmHg systolisch oder ≥ 120 mmHg diastolisch) kann eine vorsichtige Blutdrucksenkung, vorzugsweise mit Urapidil 5-10 mg i.v., titriert nach Wirkung unter Vermeidung einer Reduktion von mehr als 15 % erfolgen
 Achtung
Blutdruckmanagement 

Die Behandlung eines erhöhten Blutdrucks bei Patient:innen mit akutem Schlaganfall soll erfolgen, wenn ein hypertensiver Notfall mit mindestens einer der folgenden schwerwiegenden Begleiterscheinungen vorliegt:

  • Hypertensive Enzephalopathie
  • Hypertensive Nephropathie
  • Hypertensive Herzinsuffizienz oder hypertensiver Myokardinfarkt
  • Aortendissektion
  • Präeklampsie oder Eklampsie
  • Intrazerebrale Blutung mit systolischem Blutdruck über 200 mmHg
DBRD Algoritmus: Schlaganfall

Transitorische ischämische Attacke (TIA)

 Definition
Transitorische ischämische Attacke (TIA)

Die transitorische ischämische Attacke (TIA) ist eine vorübergehende neurologische Funktionsstörung, die durch eine kurzzeitige fokale Minderdurchblutung des Gehirns, Rückenmarks oder der Retina verursacht wird.

Charakteristisch ist, dass sich die neurologischen Ausfälle vollständig zurückbilden und keine nachweisbare dauerhafte Schädigung des zentralen Nervensystems zurückbleibt.

Eine TIA stellt ein wichtiges Warnsignal für einen drohenden ischämischen Schlaganfall dar. Das Risiko für ein erneutes zerebrovaskuläres Ereignis ist insbesondere in den ersten Stunden und Tagen nach der Attacke deutlich erhöht.

 Achtung

Eine TIA kann ein Vorbote für einen manifesten Schlaganfall sein und sollte fachärztlich abgeklärt werden. 

Hirnstamminfarkt

 Definition

Ein Hirnstamminfarkt ist ein ischämischer Schlaganfall, der den Hirnstamm betrifft, eine lebenswichtige Struktur, die für Atmung, Kreislaufregulation, Bewusstsein und motorische Funktionen verantwortlich ist. Aufgrund der hohen Dichte an Nervenbahnen und Kerngebieten kann ein Hirnstamminfarkt zu schweren neurologischen Ausfällen führen.

Ein akuter Verschluss der A. basilaris kann zu folgenden Symptomen führen:

Hornor-Syndrom
Hornor-Syndrom
  • Kreislauf- und Atemstörungen
  • Dysarthrie, Dysphagie, Doppelbilder, Schwindel, Ataxie
  • Hemiparese oder Tetraparese
  • Hirnnervenausfälle → Gesichtslähmungen, Blickparesen
  • Ggf. Horner-Syndrom bei Beteiligung sympathischer Bahnen:
    • Ptosis (herabhängendes Oberlid durch Ausfall des M. tarsalis)
    • Miosis (verengte Pupille durch Ausfall des M. dilatator pupillae)
    • Pseudoenophthalmus (scheinbar eingesunkener Augapfel durch Ptosis)
 Achtung

Ein Hirnstamminfarkt ist lebensbedrohlich, da er Vitalfunktionen direkt beeinflussen kann. Schnellstmögliche Diagnostik und Therapie sind entscheidend.

EKG-Veränderungen bei erhöhtem Hirndruck

EKG-Veränderungen können bei intrakraniellen Blutungen auftreten, insbesondere bei subarachnoidalen Blutungen (SAB) oder großen intrazerebralen Blutungen. Diese Veränderungen im EKG sind nicht direkt durch ein Herzproblem verursacht, sondern durch eine neurogene-kardiale Dysfunktion, die auf die Gehirnverletzung zurückzuführen ist.

 Merke
Warum kommt es zu EKG-Veränderungen?
  • Erhöhter Hirndruck und Sympathikus-Aktivierung:
    • Eine starke Aktivierung des sympathischen Nervensystems kann zu einer überschießenden Ausschüttung von Katecholaminen (z.B. Adrenalin, Noradrenalin) führen
    • Dies kann zu einem Vasospasmus führen oder sogar eine stressbedingte Kardiomyopathie auslösen
  • Beeinflussung der Kardioregulation durch den Hirnstamm:
    • Besonders bei Hirnstamminfarkten oder Hirnstammblutungen kann das Herz über das autonome Nervensystem beeinflusst werden

Mögliche EKG-Veränderungen:

  • Breite, tiefe T-Wellen
  • ST-Streckenhebung
  • ST-Streckensenkung 
 Achtung

EKG-Veränderungen bei intrakraniellen Blutungen erfordern eine sorgfältige Diagnostik, um einen Myokardinfarkt auszuschließen.

Die fälschliche Gabe von Thrombozytenaggregationshemmern und Antikoagulantien sind bei einer intrakraniellen Blutung fatal!

Zielkrankenhaus

Grundsätzlich sollten Patient:innen mit Verdacht auf einen Schlaganfall in eine Klinik mit Stroke Unit transportiert werden. Die Auswahl der Zielklinik richtet sich nach der Schwere der Symptomatik, dem Verdacht auf einen großen Gefäßverschluss sowie dem Risiko neurologischer Komplikationen.

  • Ischämischer Schlaganfall oder TIA → Neurologische Klinik mit Stroke Unit und Möglichkeit zur Akutdiagnostik mittels CT bzw. MRT sowie Durchführung einer spezifischen Schlaganfalltherapie
  • Verdacht auf großen Gefäßverschluss (Large Vessel Occlusion, LVO) → Klinik mit 24-Stunden-Bereitschaft zur mechanischen Thrombektomie
  • Unklare Vigilanzstörung oder hämodynamische Instabilität → Klinik mit Schockraum und neurologischer Anbindung zur erweiterten Akutdiagnostik und Differenzialdiagnostik
 Achtung
Anmeldung in der Zielklinik

Patient:innen mit dem Verdacht auf einen Schlaganfall müssen stets telefonisch vorangemeldet werden. Wichtige Informationen bei der Anmeldung umfassen:

  • Zeitpunkt des Symptombeginns und letzte Symptomfreiheit („last seen well“)
  • Mögliche auslösende Faktoren
  • Patient:innenzustand, z.B. Vitalwerte, Übelkeit, Erbrechen, Bewusstseinsveränderung
  • Vorerkrankungen (Risikofaktoren, frühere Operationen oder Interventionen in den letzten Wochen)
  • Frühere Blutungsereignisse
  • Vormedikation, insbesondere Antikoagulation (Art und Dosierung)

Diese Informationen sind entscheidend für die weitere Diagnostik und Therapieplanung in der Zielklinik.

Transportbegleitende Maßnahmen

  • Transportzielzeit: schnellstmöglicher Transport mit frühzeitiger Voranmeldung in einer geeigneten Zielklinik mit Stroke Unit
  • Lagerung: 
    • Oberkörperhochlagerung von ca. 30° zur Reduktion der Aspirationsgefahr und Optimierung des venösen Abflusses
    • Bei hämodynamischer Instabilität ggf. flachere Lagerung
  • Monitoring: kontinuierliche Überwachung von EKG, Blutdruck, Herzfrequenz, SpO₂, Bewusstseinslage und Temperatur
  • Sauerstofftherapie: bedarfsgerechte Sauerstoffgabe bei SpO₂ < 95 % mit dem Ziel einer Normoxämie
  • Blutzuckerkontrolle: regelmäßige Kontrolle und ggf. Korrektur von Hypo- oder Hyperglykämien
  • Blutdruckmanagement: 
    • Vermeidung einer Hypotonie zur Sicherung der zerebralen Perfusion
    • Erhöhte Blutdruckwerte bis 220 mmHg syst. und 120 mmHg diastolisch werden toleriert
  • Absaugbereitschaft: insbesondere bei Dysphagie, Erbrechen oder Bewusstseinsstörungen zur Sicherung der Atemwege und Reduktion des Aspirationsrisikos
  • Wärmeerhalt: Vermeidung von Auskühlung durch geeignete Wärmeerhaltungsmaßnahmen

Übergabe in der Klinik 

  • Strukturierte Übergabe nach standardisierten Schemata wie SINNHAFT oder ISOBAR
  • Übergabe relevanter Informationen zu:
    • Ereignis, Vitalparametern, klinischem Verlauf, Maßnahmen und verabreichten Medikamenten

Definition

 Definition
Schlaganfall

Unter dem Begriff Schlaganfall werden zerebrale Durchblutungsstörungen zusammengefasst. Dazu gehören sowohl ischämische Schlaganfälle als auch hämorrhagische Schlaganfälle (intrazerebrale Blutungen und Subarachnoidalblutung).

 Definition
Transitorische ischämische Attacke (TIA)

Die transitorische ischämische Attacke (TIA) ist eine vorübergehende neurologische Funktionsstörung, die durch eine kurzzeitige fokale Minderdurchblutung des Gehirns, Rückenmarks oder der Retina verursacht wird.

Charakteristisch ist, dass sich die neurologischen Ausfälle vollständig zurückbilden und keine nachweisbare dauerhafte Schädigung des zentralen Nervensystems zurückbleibt.

Sie zählt zum Spektrum des ischämischen Schlaganfalls und erfordert dieselbe zeitkritische Diagnostik sowie konsequente Sekundärprävention.

Ursachen

Ischämischer SchlaganfallHämorrhagischer Schlaganfall
Atherosklerose: Gefäßverkalkungen führen zu Verengungen oder Verschlüssen hirnversorgender ArterienArterielle Hypertonie: Langjährig erhöhter Blutdruck schädigt die Gefäßwände und begünstigt Gefäßrupturen
Kardiale Embolien: Blutgerinnsel aus dem Herzen verschließen Hirnarterien, z.B. bei VorhofflimmernZerebrale Amyloidangiopathie: Eiweißablagerungen in Hirngefäßen machen diese brüchig und blutungsanfällig
Dissektionen: Einriss der Gefäßwand mit nachfolgender Einengung oder Verschluss des GefäßesAneurysmaruptur: Ein Gefäßaussackung reißt und verursacht eine Hirnblutung, häufig eine Subarachnoidalblutung
Vaskulitiden: Entzündungen der Gefäßwände können zu Durchblutungsstörungen führenGefäßfehlbildungen: Angeborene oder erworbene Gefäßveränderungen mit erhöhtem Blutungsrisiko
Thrombophilien und Koagulopathien: Erkrankungen mit erhöhter Neigung zur Bildung von BlutgerinnselnGerinnungsstörungen oder Antikoagulation: Erhöhte Blutungsneigung durch Erkrankungen oder Medikamente
Kryptogener Schlaganfall (ESUS): Schlaganfall ohne nachweisbare Ursache trotz DiagnostikDrogenkonsum: Insbesondere Kokain oder Amphetamine können Hirnblutungen auslösen

Pathophysiologie

Ischämischer Schlaganfall:

  1. Energiekrise und ATP-Mangel: Gefäßverschluss → verminderte Sauerstoff- und Glukoseversorgung → Ausfall der aeroben Energiegewinnung → ATP-Produktion bricht zusammen
  2. Versagen der Ionentransporter: ATP-Mangel → Ausfall der Na⁺/K⁺-ATPase → Na⁺- und Ca²⁺-Einstrom in die Zelle + K⁺-Ausstrom → osmotischer Wassereinstrom → Zellschwellung → zytotoxisches Ödem
  3. Glutamatbedingte Exzitotoxizität: 
    1. Depolarisation und Energiemangel → massive Glutamatfreisetzung → Überstimulation von NMDA- und AMPA-Rezeptoren → weiterer Ca²⁺-Einstrom 
    2. Hohe Ca²⁺-Konzentration führt zur Aktivierung proteolytischer Enzyme → Schädigung von Zellmembran und DNA
    3. Durch Schädigung der Zellmembran und DNA → Bildung freier Radikale → zusätzliche Schädigung
  4. Strukturelle Zellschäden und Nekrose: anhaltender Energiemangel → Mitochondrienzerfall und Membranruptur → Austritt zellulärer Bestandteile → Entzündungsreaktion → Kolliquationsnekrose (Gewebe erweicht und verflüssigt sich = „Erweichungsinfarkt“)
  5. Ödembildung und Hirndruckanstieg: 
    1. Zytotoxisches Ödem: durch intrazelluläre Wasseranreicherung
    2. Vasogenes Ödem: durch Schädigung der Blut-Hirn-Schranke
    3. Beide Mechanismen führen zu: Hirnvolumenzunahme → intrakranieller Druckanstieg → Gefahr der Hirngewebsherniation
Penumbra
Penumbra
 Definition
Penumbra und ischämisches Gewebe
  • Ischämischer Kern: Irreversibel geschädigtes Gewebe
  • Penumbra: Noch vitales, aber gefährdetes Gewebe, das durch schnelle Reperfusion (Thrombolyse/Thrombektomie) gerettet werden kann

 

Hämorrhagischer Schlaganfall:

Ein hämorrhagischer Schlaganfall entsteht durch den plötzlichen Austritt von Blut aus einem rupturierten zerebralen Gefäß. Ursache sind meist strukturelle Veränderungen der Gefäßwand oder Störungen der Blutgerinnung. Das austretende Blut schädigt das umliegende Hirngewebe sowohl direkt durch seine raumfordernde Wirkung als auch durch verschiedene sekundäre Schadensmechanismen.

Unabhängig von der Lokalisation der Blutung tragen mehrere Prozesse zur Hirnschädigung bei:

  • Mechanische Kompression des Hirngewebes durch die Hämatombildung
  • Beeinträchtigung der Durchblutung benachbarter Hirnareale mit nachfolgender sekundärer Ischämie
  • Freisetzung von Hämoglobin-Abbauprodukten → Entzündungsreaktion, oxidativer Stress und Entwicklung eines zerebralen Ödems
  • Anstieg des intrakraniellen Drucks → Abnahme des zerebralen Perfusionsdrucks → weiterer Gewebeschaden

Klinischer Eindruck

Häufige allgemeine Symptome eines Schlaganfalls:

Typische neurologische Ausfälle treten meist plötzlich auf und können je nach betroffenem Hirnareal unterschiedlich ausgeprägt sein. Dazu gehören:

  • Plötzlich einsetzende Lähmung oder Schwäche einer Körperseite (Hemiparese)
  • Einseitige Gefühlsstörungen wie Kribbeln oder Taubheitsgefühle
  • Hängender Mundwinkel und verwaschene Sprache (Dysarthrie)
  • Sprachstörungen (Aphasie), etwa eine gestörte Sprachproduktion oder ein eingeschränktes Sprachverständnis
  • Sehstörungen, z.B. Doppelbilder oder einseitige bzw. beidseitige Gesichtsfeldausfälle
  • Bewusstseins- oder Orientierungsstörungen
  • Schwindel mit Gangunsicherheit oder Koordinationsstörungen
  • Plötzlich auftretende starke Kopfschmerzen, insbesondere bei hämorrhagischen Schlaganfällen
Symptome eines Schlaganfalls

Symptome in Abhängigkeit vom betroffenen Gefäßgebiet:

 Info

Schlaganfälle werden häufig nach dem betroffenen zerebralen Gefäßterritorium in eine vordere (karotide) und eine hintere (vertebrobasiläre) Zirkulation eingeteilt.

  • Vordere Zirkulation: Typischerweise stehen Halbseitenlähmungen, Sprach- oder Verständnisstörungen sowie eine Blickdeviation im Vordergrund
  • Hintere Zirkulation: Häufig treten Schwindel, Doppelbilder, Dysarthrie und Dysphagie auf („4 D“ der vertebrobasilären Ischämie)
  • Basilarisverschluss: Kann zu schweren Hirnstammsymptomen mit Bewusstseinsstörung, Tetraparese bis Tetraplegie sowie Ateminsuffizienz oder Atemstillstand führen

Diagnostik

Inspektion:

  • Neurologische Ausfälle: Plötzlich auftretende Hemiparese oder Hemiplegie, Sensibilitätsstörungen sowie Gesichtsasymmetrien mit hängendem Mundwinkel als Hinweis auf eine zentrale Fazialisparese
  • Sprach- und Sprechstörungen: Aphasie oder Dysarthrie können auf eine Beteiligung sprachdominanter Hirnareale hinweisen
  • Blick- und Sehstörungen: Blickdeviation, Doppelbilder, Gesichtsfeldausfälle oder akute Visusminderung
  • Koordinationsstörungen: Ataxie, Gangunsicherheit oder Schwindel, insbesondere bei Schlaganfällen der hinteren Zirkulation
  • Bewusstseinsveränderungen: Verwirrtheit, Vigilanzminderung oder Bewusstlosigkeit, insbesondere bei ausgedehnten Infarkten oder Hirnstammbeteiligung

Palpation:

  • Periphere Pulse: In der Regel unauffällig, Seitenunterschiede oder fehlende Pulse können auf andere vaskuläre Ursachen hinweisen
  • Hauttemperatur und Rekapillarisierungszeit: Meist unauffällig, auffällige Befunde sprechen eher für alternative Ursachen der Symptomatik

Perkussion:

  • Keine typischen Befunde: Die Perkussion liefert beim Schlaganfall in der Regel keine richtungsweisenden Erkenntnisse

Auskultation:

  • Lunge:
    • Meist unauffälliger Befund: Ein Schlaganfall verursacht in der Regel keine primären pulmonalen Auskultationsbefunde
    • Nebengeräusche: Rasselgeräusche können auf eine kardiale Dekompensation oder eine Aspirationspneumonie hinweisen
  •  Herz und Gefäße:
    • Herzgeräusche: Können Hinweise auf strukturelle Herzerkrankungen oder potenzielle Emboliequellen liefern
    • Karotisgeräusche: Strömungsgeräusche über den Karotiden können auf eine relevante Karotisstenose als mögliche Ursache des Schlaganfalls hinweisen

Vitalparameter:

  • Blutdruck: Häufig erhöht als kompensatorische Reaktion zur Aufrechterhaltung der zerebralen Perfusion
  • Puls: variabel, Vorhofflimmern kann als mögliche Emboliequelle vorliegen
  • Blutzucker: obligat zu kontrollieren, da Hypo- und Hyperglykämien Schlaganfallsymptome imitieren können
  • Temperatur: Fieber kann neurologische Defizite verstärken oder vorwiegend bei älteren Patient:innen einen Schlaganfall vortäuschen. Zudem ist eine erhöhte Körpertemperatur mit einer ungünstigeren Prognose assoziiert. Eine Hypothermie ist zwar selten, sollte jedoch ebenfalls erkannt und berücksichtigt werden
  • Atmung: Auffällige Atemmuster wie Bradypnoe oder Cheyne-Stokes-Atmung können auf eine Hirndrucksteigerung hinweisen
  • Cushing-Trias: Bradykardie, arterielle Hypertonie und Atemstörungen können Zeichen einer erhöhten intrakraniellen Drucksituation sein

Neurologische Untersuchung:

Bei dem Verdacht auf ein neurologisches Defizit im Rettungsdienst ist eine umfassende Untersuchung essenziell, um das Ausmaß der Beeinträchtigung festzustellen und eine schnelle Entscheidung über die weitere Versorgung zu treffen. Zur strukturierten Beurteilung eines möglichen Schlaganfalls stehen mehrere Scores zur Verfügung:

  • BE-FAST-Schema 
  • FAST4D-Score 
  • LAMS-Score

Therapie

 Merke

Die Hauptziele des Rettungsdienstes bei Verdacht auf einen Schlaganfall sind die schnelle Erkennung der Warnsymptome, die Stabilisierung der Vitalfunktionen und der zügige Transport in eine geeignete Zielklinik. Eine spezifische Therapie kann erst nach einer bildgebenden Diagnostik in der Klinik erfolgen. 

Angestrebt werden eine Versorgungszeit von unter 25 Minuten und ein Eintreffen in der Klinik innerhalb von 60 Minuten.

Basismaßnahmen:

  • Lagerung:
    • Hämodynamisch stabil: Oberkörperhochlagerung (ca. 30°) zur Reduktion der Aspirationsgefahr und möglichen Entlastung der intrakraniellen Druckverhältnisse
    • Hämodynamisch instabil: Flache Rückenlage bzw. leichte Oberkörperhochlagerung zur Sicherung der zerebralen Perfusion
  • Sauerstoffgabe: bedarfsgerechte Sauerstofftherapie bei SpO₂ < 94–95 % 
  • Monitoring und Basisdiagnostik: kontinuierliche Überwachung mittels EKG, SpO₂, Blutdruck- und Atemfrequenzkontrollen sowie Blutzuckermessung zum Ausschluss einer Hypoglykämie als Stroke Mimic
  • Venöser Zugang: Anlage von i.v.-Zugang ohne relevante Transportverzögerung
  • Transport: frühzeitige Voranmeldung in einer geeigneten Zielklinik mit Stroke Unit sowie zügiger und schonender Transport
  • Wärmeerhalt: Vermeidung von Hypothermie durch konsequente Wärmeerhaltungsmaßnahmen

Spezifische Maßnahmen:

  • Volumenmanagement: 
    • Gabe von Vollelektrolytlösungen nur bei Hypotonie oder Hypovolämie
    • Keine routinemäßige Volumentherapie bei hämodynamisch stabilen Patient:innen
  • Glucose: Bei einer Hypoglykämie (< 60 mg/dl) sollte zur Sicherstellung einer ausreichenden zerebralen Glukoseversorgung eine Glucosegabe erfolgen, z.B. Glucose 40 % 8–24 g i.v.
  • Antiemetika: Bei Übelkeit oder Erbrechen mit Aspirationsgefahr können Antiemetika zur Symptomkontrolle eingesetzt werden, z.B. Ondansetron 0,1 mg/kgKG i.v., max. 4 mg
  • Antipyretika: Bei erhöhter Körpertemperatur kann zur Senkung des zerebralen Sauerstoff- und Glukosebedarfs eine fiebersenkende Therapie erfolgen, z.B. Paracetamol 1 g i.v. über 15 Minuten als Kurzinfusion
  • Antihypertensiva: Bei ausgeprägter Hypertonie (≥ 220 mmHg systolisch oder ≥ 120 mmHg diastolisch) kann eine vorsichtige Blutdrucksenkung, vorzugsweise mit Urapidil 5-10 mg i.v., titriert nach Wirkung unter Vermeidung einer Reduktion von mehr als 15 % erfolgen

Transport

Grundsätzlich sollten Patient:innen mit Verdacht auf einen Schlaganfall in eine Klinik mit Stroke Unit transportiert werden. Die Auswahl der Zielklinik richtet sich nach der Schwere der Symptomatik, dem Verdacht auf einen großen Gefäßverschluss sowie dem Risiko neurologischer Komplikationen.

  • Ischämischer Schlaganfall oder TIA → Neurologische Klinik mit Stroke Unit und Möglichkeit zur Akutdiagnostik mittels CT bzw. MRT sowie Durchführung einer spezifischen Schlaganfalltherapie
  • Verdacht auf großen Gefäßverschluss (Large Vessel Occlusion, LVO) → Klinik mit 24-Stunden-Bereitschaft zur mechanischen Thrombektomie
  • Unklare Vigilanzstörung oder hämodynamische Instabilität → Klinik mit Schockraum und neurologischer Anbindung zur erweiterten Akutdiagnostik und Differenzialdiagnostik
 Tipp

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  • Intrakranielle Blutungen
  • Ischämischer Schlaganfall
Zuletzt aktualisiert am 04.08.2026
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