Die akute Appendizitis ist die häufigste Ursache einer notfallmäßigen Bauchoperation und zählt zu den wichtigsten Ursachen eines akuten Abdomens. Sie kann grundsätzlich in jedem Lebensalter auftreten, betrifft jedoch besonders häufig Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. In Deutschland liegt die Inzidenz bei etwa 100 Fällen pro 100.000 Einwohner:innen pro Jahr, mit einem Häufigkeitsgipfel zwischen dem 10. und 30. Lebensjahr. Männer sind etwas häufiger betroffen als Frauen.
Ursächlich ist meist eine Obstruktion des Appendixlumens, beispielsweise durch Appendikolithen (Kotsteine), eine lymphatische Hyperplasie oder seltener durch Tumoren. Die daraus resultierende Sekretstauung begünstigt die Vermehrung von Darmbakterien und führt zu einer Entzündung der Appendix.
Klinisch typisch sind zunächst diffuse Bauchschmerzen im periumbilikalen oder epigastrischen Bereich, die sich im weiteren Verlauf in den rechten Unterbauch verlagern. Begleitend treten häufig Appetitlosigkeit, Übelkeit, Erbrechen, Fieber sowie Zeichen einer Peritonealreizung auf.
Wird die Erkrankung nicht rechtzeitig erkannt oder behandelt, können schwerwiegende Komplikationen wie eine Perforation des Appendix, eine Peritonitis oder eine Sepsis entstehen. Während die Mortalität bei unkomplizierten Verläufen sehr gering ist, steigt sie bei komplizierten Verläufen deutlich an.
Rettungsdienstliches Ziel: Eine frühzeitige Erkennung der Erkrankung, die adäquate Analgesie, die Stabilisierung der Patient:innen sowie der zügige Transport in eine chirurgische bzw. viszeralchirurgische Klinik zur weiteren Diagnostik und operativen Therapie.
Merke
Die akute Appendizitis wird umgangssprachlich als „Blinddarmentzündung“ bezeichnet. Gemeint ist jedoch nicht der gesamte Blinddarm, sondern ausschließlich der entzündete Wurmfortsatz (Appendix vermiformis).
Um den Einstieg in das Thema Appendizitis etwas zu erleichtern, wird im Folgenden ein Fall beschrieben, wie er sich präklinisch ereignen könnte.
Beim Eintreffen des Rettungsdienstes steht der Vater bereits vor dem Wohnhaus und weist euch den Weg zur Patientin.
Die Lage ist wie folgt:
Die Patientin befindet sich auf der Couch im Wohnzimmer. Sie hält sich den Bauch, liegt schmerzgekrümmt und wird von ihrer Mutter betreut.
Bei der Erstbeurteilung zeigt sich die Patientin blass, kaltschweißig und mit schmerzverzerrter Mimik. Sie berichtet über plötzlich einsetzende, starke Schmerzen im rechten Unterbauch.
Die Mutter wirkt deutlich besorgt und berichtet, dass ihre Tochter zuvor beschwerdefrei gewesen sei. Die Schmerzen seien akut aufgetreten und von Erbrechen begleitet worden
Nach Angaben der Mutter bestehen keine bekannten Vorerkrankungen, keine Dauermedikation und keine vergleichbaren Beschwerden in der Vergangenheit
Ersteindruck nach xABCDE-Schema
Um sich einen ersten umfassenden Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten in einer Notfallsituation zu verschaffen, bietet sich das xABCDE-Schema an. Um die Arbeit mit dem Schema zu veranschaulichen, ist hier ein xABCDE-Schema abgebildet, wie es im Falle einer Ersteinschätzung bei einer Patientin oder einem Patienten mit akuter Appendizitis aussehen könnte.
Es handelt sich dabei um die Befunde, die innerhalb der ersten paar Minuten erhoben werden können. Erweiterte Diagnostik und Abfragen sind natürlich von Bedeutung, jedoch würde zum Beispiel die Messung des Blutzuckers in diesem Fall hintangestellt und taucht zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf.
x
Keine kritischen Blutungen
A
Atemwege frei
Schleimhäute rosig
Pat. spricht selbständig
Kein A-Problem
B
Inspektorisch:
Thoraxexkursion bds. normal
Inspektorisch unauffällig
Keine gestaute Halsvenen sichtbar
Auskultatorisch:
Vesikuläres Atemgeräusch beidseits
Palpatorisch:
Keine Krepitation spürbar
Thorax insgesamt stabil
SpO2: 99%
Atemfrequenz: 19/min
Kein B-Problem
C
Hautkolorit blass
Insgesamt schweißig
Recap-Zeit: <2 Sekunden
Große Blutungsräume ohne Zeichen auf akute Blutungen, allerdings leichte Abwehrspannung im Unterbauch
Palpation des Pulses am Handgelenk:
Rhythmisch
Gut tastbar
Normofrequent
Kein C-Problem
D
Wach, orientiert, ansprechbar
GCS 15
Öffnen der Augen: 4
Beste verbale Reaktion: 5
Beste motorische Reaktion: 6
Pupillenkontrolle:
Isokor
Mittelweit
Lichtreagibel
Kein D-Problem
E
Keine weiteren Verletzungen ersichtlich
Symptome:
Starker Schmerz im rechten Unterbauch
Übelkeit und Erbrechen
Fieber, 38,6°C
Allergien/Infektionen: Keine
Medikamente: Einnahme eines oralen Kontrazeptivums (Pille)
Patientengeschichte: KeineVorerkrankungen, bisher keine vergleichbaren Beschwerden
Letzte Mahlzeit: Mittagessen gegen 12:00
Ereignis:
Bereits im Tagesverlauf leichte diffuse Bauchschmerzen
Im weiteren Verlauf plötzlich zunehmende Schmerzen im rechten Unterbauch
Schmerzbeginn begleitet von Übelkeit und Erbrechen
Risikofaktoren: Keine
Schwangerschaft: nach Angaben der Patientin ausgeschlossen
Akutes E-Problem
Achtung
Das hier gezeigte Assessment vermittelt nur einen exemplarischen ersten Eindruck von einer Patientin oder eines Patienten. Im Verlauf der Behandlung müssen weitere Maßnahmen ergriffen und Informationen gesammelt werden. Das Schema erhebt daher keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern soll lediglich einen praktischen Einstieg in das Thema ermöglichen.
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Definition
Akute Appendizitis
Die akute Appendizitis ist eine Entzündung der Appendix vermiformis (Wurmfortsatz des Blinddarms) und zählt zu den häufigsten Ursachen eines akuten Abdomens.
Typischerweise beginnt die Symptomatik mit diffusen Bauchschmerzen, die sich im Verlauf in den rechten Unterbauch verlagern. Begleitend treten häufig Übelkeit, Erbrechen, Appetitlosigkeit und Fieber auf.
Epidemiologie
Die akute Appendizitis zählt zu den häufigsten Ursachen eines akuten Abdomens
Sie kann grundsätzlich in jedem Lebensalter auftreten, zeigt ihren Häufigkeitsgipfel jedoch vor allem im Kindes-, Jugend- und jungen Erwachsenenalter
International wird der Altersgipfel geschlechtsspezifisch unterschiedlich beschrieben:
Bei männlichen Patienten liegt er häufig zwischen 10 und 14 Jahren
Bei Patientinnen zwischen 15 und 19 Jahren
Insgesamt sind Männer etwas häufiger betroffen als Frauen
Klassifikation
Unkomplizierte akute Appendizitis: Entzündung der Appendix ohne Hinweise auf Gewebsuntergang oder Komplikationen
Weder Gangrän, Perforation, Abszessbildung noch freie eitrige Flüssigkeit sind nachweisbar
Komplizierte akute Appendizitis: Fortgeschrittene Entzündung mit Gewebeschädigung und erhöhtem Komplikationsrisiko
Typische Merkmale sind Gangrän, Perforation, Abszessbildung oder eine ausgedehnte lokale bzw. diffuse Peritonitis
Chronisch-rezidivierende Appendizitis: wiederholt auftretende Episoden einer meist milden Entzündung der Appendix mit zwischenzeitlicher Beschwerdefreiheit
Die Symptome sind häufig weniger ausgeprägt als bei der akuten Form
Stadien der akuten Appendizitis
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Info
Der Entstehung einer Appendizitis liegt in den meisten Fällen eine luminale Obstruktion der Appendix zugrunde. Durch den Verschluss des Appendixlumens kommt es zu einem Sekretstau mit Druckanstieg, einer verminderten Durchblutung der Wand sowie einer bakteriellen Überwucherung.
Häufige Ursachen der Lumeneinengung:
Koprolithen (Appendikolithen): eingedickte Stuhlreste mit Verlegung des Lumens; häufigster Auslöser einer Appendizitis
Lymphatische Hyperplasie: Vergrößerung des lymphatischen Gewebes nach viralen, bakteriellen oder parasitären Infektionen, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen
Parasitäre Infektionen: Lumeneinengung durch Parasiten, beispielsweise Enterobius vermicularis (Madenwurm)
Fremdkörper: seltene Ursache durch Verschluss des Lumens, z.B. durch Obstkerne oder andere unverdauliche Bestandteile
Tumore: neoplastische Veränderungen der Appendix mit Verlegung des Lumens und nachfolgender Entzündungsreaktion
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Merke
Reminder: Physiologische Grundlagen
Lage: entspringt am Caecum (Blinddarm) etwa 2–3 cm unterhalb der Ileozökalklappe im rechten Unterbauch
Länge und Aufbau: blind endender Darmfortsatz mit einer durchschnittlichen Länge von 6–10 cm und besitzt die typischen Wandschichten des Gastrointestinaltrakts
Innervation: die viszerale Innervation erfolgt über sympathische und parasympathische Fasern des enterischen Nervensystems → Schmerzen werden initial häufig periumbilikal projiziert
Peritoneale Beziehung: liegt intraperitoneal und kann bei Entzündungen rasch zu einer Peritonealreizung führen
Pathophysiologie der akuten Appendizitis
Grundmechanismus Luminalobstruktion: Verlegung des Appendixlumens durch Appendikolithen, lymphatische Hyperplasie, seltener Parasiten, Fremdkörper oder Tumoren → Sekretstau und intraluminaler Druckanstieg
Bakterielle Vermehrung: der Sekretstau begünstigt die Vermehrung intestinaler Bakterien → lokale Infektion der Appendix
Durchblutungsstörung: zunehmender Druck in der Appendix → Behinderung des venösen und lymphatischen Abflusses → Hypoxie und Ischämie der Appendixwand
Entzündungsreaktion: Infiltration durch neutrophile Granulozyten → Ödembildung, Ulzerationen und fortschreitende Gewebeschädigung
Nekrose: Anhaltende Ischämie → Wandnekrose und Verlust der Gewebeintegrität
Systemische Entzündungsreaktion: Freisetzung von Zytokinen und Entzündungsmediatoren → Leukozytose, Akute-Phase-Reaktion und Fieber
Folgen und Komplikationen
Schmerzverlagerung: zunächst diffuser viszeraler Schmerz im periumbilikalen Bereich → bei Beteiligung des parietalen Peritoneums lokalisierbarer Schmerz im rechten Unterbauch
Lokale Entzündungszeichen: Peritonealreizung → Druckschmerz, Abwehrspannung und Loslassschmerz
Gangränöse Appendizitis: vollständige Gewebsnekrose infolge der fortschreitenden Ischämie
Perforation: Ruptur der Appendixwand → Austritt von Bakterien und Darminhalt in die Bauchhöhle
Abszessbildung: lokalisierte Eiteransammlung, häufig als perityphlitischer Abszess
Peritonitis: bakterielle Kontamination des Peritoneums → lokale oder diffuse Bauchfellentzündung
Sepsis: systemische Infektions- und Entzündungsreaktion mit möglicher hämodynamischer Instabilität und Organdysfunktion
Merke
Zusammenfassung: die kritischen Probleme bei einer akuten Appendizitis
Luminalobstruktion → Sekretstau und bakterielles Wachstum
Druckanstieg → venöse Stauung, Ischämie und Entzündung der Appendixwand
Fortschreitende Ischämie → Nekrose und Perforationsrisiko
Peritonealbeteiligung → Schmerzverlagerung in den rechten Unterbauch
Perforation → Abszessbildung oder Peritonitis
Systemische Entzündungsreaktion → Fieber, Leukozytose und ggf. Sepsis
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Typische Zeichen
Frühphase:
Bauchschmerzen: initial diffus im Epigastrium oder periumbilikal
Schmerzverlagerung: Nach 4–12 Stunden typischerweise in den rechten Unterbauch
Druckschmerz im rechten Unterbauch: Häufig über dem McBurney- oder Lanz-Punkt
Spätphase oder bei Komplikationen:
Peritonitiszeichen: Druckschmerz, Abwehrspannung, Loslassschmerz und lokaler Peritonealreiz
Ileoider Symptomenkomplex: verminderter Stuhl- und Windabgang sowie abdominelle Distension bei fortgeschrittenem Verlauf
Generalisierte Zeichen
Appetitlosigkeit: Häufiges Frühsymptom
Übelkeit und Erbrechen: Typische Begleiterscheinungen der Erkrankung
Fieber: Meist subfebril, bei komplizierten Verläufen höher
Reduzierter Allgemeinzustand: Abgeschlagenheit und ausgeprägtes Krankheitsgefühl
Vegetative Zeichen: Blässe, Kaltschweißigkeit und Unruhe
Tachykardie: Ausdruck von Schmerz, Fieber oder systemischer Entzündungsreaktion
Info
Sonderkonstellationen mit möglichem atypischem Verlauf
Kleinkinder (<6 Jahre): oft unspezifische Symptomatik und rasche Progression mit erhöhtem Perforationsrisiko
Ältere Patient:innen: häufig abgeschwächte Entzündungszeichen, geringere Schmerzintensität und fehlendes Fieber → verspätete Diagnosestellung möglich
Schwangere: durch die kraniale Verlagerung der Appendix können Schmerzen atypisch lokalisiert sein, insbesondere im rechten Oberbauch
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Anamnese
S (Symptome): Typische Schmerzverlagerung von initial diffus (epigastrisch/periumbilikal) in den rechten Unterbauch innerhalb von 4–12 Stunden
Begleitsymptome: Übelkeit, Erbrechen, Appetitlosigkeit, Fieber und reduzierter Allgemeinzustand
Hinweis auf Peritonealreizung: Druckschmerz, Abwehrspannung oder Loslassschmerz
A (Allergien): bekannte Medikamentenallergien erfragen, insbesondere im Hinblick auf eine mögliche operative Versorgung
M (Medikation): regelmäßige Medikamenteneinnahme erfassen. Besondere Bedeutung haben Antikoagulanzien, Kortikosteroide oder immunsuppressive Medikamente
P (Patientengeschichte): frühere Bauchoperationen, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen sowie vorausgegangene Episoden ähnlicher Beschwerden erfragen
L (Letzte…): Zeitpunkt der letzten Nahrungsaufnahme dokumentieren. Letzter Stuhl- und Urinabgang sowie möglicher Windverhalt als Hinweis auf eine Darmmotilitätsstörung
E (Ereignis): Beginn, Verlauf und Dynamik der Beschwerden erheben
R (Risiko): Häufigkeitsgipfel zwischen dem 10. und 30. Lebensjahr. Erhöhtes Risiko für atypische Verläufe bei Kindern, älteren oder immunsupprimierten Patient:innen
S (Schwangerschaft): Bei gebärfähigen Patientinnen immer an eine Schwangerschaft denken. Extrauteringravidität und gynäkologische Notfälle als wichtige Differenzialdiagnosen berücksichtigen
Tipp
Nutze Schemata
Um die Anamnese strukturiert durchzuführen, bietet es sich an, Schemata, wie das SAMPLERS oder OPQRST-Schema,zu nutzen. Am obigen Beispiel haben wir Fragen und Befunde dargestellt, die bei dem Verdacht auf eine akute Appendizitis abgefragt werden sollten und vorliegen könnten.
Körperliche Untersuchung
Inspektion:
Haut: blasses Hautkolorit und Kaltschweißigkeit als Ausdruck von Schmerz oder vegetativer Reaktion
Körperhaltung: Häufig Schonhaltung mit angezogenen Beinen zur Entlastung der Bauchdecke
Allgemeinzustand: Reduziertes Allgemeinbefinden, Bewegungsvermeidung oder Unruhe bei stärkeren Beschwerden
Auskultation:
Lunge: regelrechte Atemgeräusche
Abdomen:
Unkomplizierte Appendizitis: Darmgeräusche meist unauffällig
Komplizierte Verläufe: Abgeschwächte oder fehlende Darmgeräusche als Hinweis auf einen beginnenden paralytischen Ileus oder eine Peritonitis
Merke
Die Auskultation erfolgt vor Palpation und Perkussion, da Druck auf das Abdomen die Darmgeräusche verändern und die Befundinterpretation erschweren kann.
Perkussion:
Unauffälliger Klopfschall: In frühen Stadien häufig ohne pathologischen Befund
Klopfschmerz: Schmerzverstärkung im rechten Unterbauch möglich
Peritonitis: diffuse Klopfempfindlichkeit bei fortgeschrittener Peritonealreizung
Palpation:
Druckschmerz: Typischerweise im rechten Unterbauch über dem McBurney- oder Lanz-Punkt
Abwehrspannung: reflektorische Anspannung der Bauchmuskulatur als Zeichen eines lokalen Peritonealreizes
Blumberg-Zeichen: Loslassschmerz als Hinweis auf eine Peritonealreizung
Rovsing-Zeichen: Schmerzverstärkung im rechten Unterbauch bei Ausstreichen des Kolons von links
Psoas-Zeichen: Schmerzverstärkung beim Anheben des gestreckten rechten Beins, typisch bei retrozäkaler Appendixlage
Vitalparameter
Parameter
Unkomplizierte Appendizitis
Komplizierte Appendizitis
Pathophysiologischer Hintergrund
Herzfrequenz
Normal bis leicht erhöht
Deutliche Tachykardie
Schmerz, Fieber und Entzündungsreaktion; bei Perforation oder Sepsis zusätzliche Kreislaufkompensation
Blutdruck
Meist normwertig
Hypotonie möglich
Vasodilatation, Kapillarleck und relative Hypovolämie bei Sepsis oder Peritonitis
Atemfrequenz
Normal bis leicht erhöht
Tachypnoe
Schmerzbedingte Stressreaktion, bei Sepsis oder Azidose kompensatorisch verstärkt
Temperatur
Subfebril bis ca. 38,5 °C
Hohes Fieber (> 38,5 °C), selten Hypothermie
Freisetzung pyrogener Zytokine im Rahmen der Entzündungsreaktion
Sauerstoffsättigung
Normwertig
Meist normwertig, bei Sepsis ggf. vermindert
Primär keine respiratorische Erkrankung; Veränderungen erst bei systemischer Beteiligung
Blutzucker
Meist normwertig
Stresshyperglykämie möglich
Aktivierung von Adrenalin, Cortisol und Entzündungsmediatoren
Orientierende neurologische Untersuchung
Vigilanz: Beurteilung des Bewusstseinszustands, beispielsweise mittels GCS-Score
Sprache: Überprüfung von Sprachverständnis und Sprachproduktion auf Hinweise für neurologische Defizite
Pupillenstatus: Kontrolle von Pupillengröße, Symmetrie und Lichtreaktion sowie möglicher Blickabweichungen
Motorik: orientierende Kraftprüfung der oberen und unteren Extremitäten unter Beachtung von Seitendifferenzen
Fokalneurologische Zeichen: Fazialisparese, Hemiparese, Sensibilitätsstörungen oder andere Herdzeichen als Hinweis auf eine neurologische Ursache des Bewusstseinsverlustes
Weiterführende apparative Diagnostik
12-Kanal-EKG: Ausschluss kardialer Differenzialdiagnosen sowie Beurteilung von Herzfrequenz und Rhythmus
Tachykardie: häufig Ausdruck von Schmerz, Fieber oder beginnender systemischer Entzündungsreaktion
Differenzialdiagnostik: insbesondere bei atypischen Beschwerden oder unklarem Beschwerdebild sinnvoll
POCUS / eFAST: ergänzende präklinische Sonografie zur Erkennung von Komplikationen und wichtigen Differenzialdiagnosen
Freie Flüssigkeit: Nachweis freier intraabdomineller Flüssigkeit als Hinweis auf Blutung, Perforation oder andere akute Ursachen
Aortenbeurteilung: Ausschluss eines abdominalen Aortenaneurysmas bei entsprechender Klinik
Harntrakt: Hinweise auf Harnstau oder Urolithiasis als mögliche Differenzialdiagnosen
Appendixdarstellung: Je nach Untersuchungsbedingungen gelegentlich möglich, präklinisch jedoch häufig eingeschränkt
Unterbauch- oder Leistenschmerzen bei Jungen/Männern
Untersuchung der Genitalien obligat
Mesenterialischämie
Plötzliche starke Bauchschmerzen, oft diskreter Untersuchungsbefund
Schmerz deutlich stärker als der klinische Befund vermuten lässt
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Druckpunkte und Manöver
Beschreibung
Darstellung
Mc Burney-Punkt (A)
Druckpunkt, an dem durch Palpation Schmerzen entstehen → er befindet sich auf ca. ⅓ der imaginären Linie (Monro-Linie) von der rechten vorderen Beckenkammspitze zum Bauchnabel.
Lanz-Punkt (B)
Druckpunkt, an dem durch Palpation Schmerzen entstehen → er befindet sich auf ca ⅓ der imaginären Linie zwischen den vorderen Beckenkammspitzen (Lenkzmann-Linie).
Blumberg-Zeichen
Kontralateraler Loslassschmerz: plötzliches Loslassen nach tiefer Palpation des linken Unterbauchs führt zu Schmerzen im rechten Unterbauch
Psoas-Zeichen
Anheben des rechten Beins im Liegen, gegen Widerstand, führt zu Schmerzen im rechten Unterbauch → Grund: die Anspannung des M. psoas major bei Hüftbeugung führt aufgrund der Nähe zum Appendix zu einer Schmerzverstärkung
Obturator-Zeichen
Das rechte gebeugte Bein wird im Liegen in der Hüfte gebeugt → der Unterschenkel wird nach außen geführt, der Oberschenkel rotiert nach innen → die Muskelstreckung kann zu Schmerzen führen
Baldwin-Zeichen
Flankenschmerz nach Fallenlassen des gestreckten rechten Beins, im Liegen
Dunphy-Zeichen
Schmerzverstärkung durch Husten
Douglas-Zeichen
Palpationsschmerz der digital-rektalen Untersuchung (geringer Stellenwert, nicht mehr empfohlen)
Rovsing-Zeichen
Retrogrades Ausstreichen des Kolonrahmens Richtung Appendix führt zu einer Schmerzverstärkung (wird aufgrund des Perforationsrisikos des Appendix nicht mehr verwendet)
Tipp
Nicht alle Zeichen müssen erhoben werden. Ein positiver Befund reicht oft zur klinischenEinschätzung. Mehrfache Palpation kann Schmerzen verstärken oder Komplikationen provozieren. Nur bei uneindeutigen Ergebnissen sollen mehrere Untersuchungsschritte durchgeführt werden.
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Info
Die dargestellten Maßnahmen orientieren sich an den Empfehlungen des Deutschen Berufsverbands Rettungsdienst (DBRD) und werden durch weitere spezifische, leitliniengerechte Maßnahmen ergänzt, um eine strukturierte und evidenzbasierte Versorgung von Patient:innen sicherzustellen.
Merke
Das Hauptziel der Behandlung besteht in einer adäquaten Analgesie sowie dem zügigen Transport in eine chirurgische Klinik zur weiteren Diagnostik und Therapie.
Basismaßnahmen
Bauchdeckentenspannende Lagerung
Lagerung:
Kreislaufstabile Patient:innen: Schmerzadaptierte Lagerung, häufig Schonhaltung mit leicht angezogenen Beinen
Kreislaufinstabile Patient:innen: Flachlagerung
Nahrungskarenz: keine orale Nahrungs- oder Flüssigkeitsaufnahme aufgrund der möglichen Operationsindikation
Sauerstoffgabe: bedarfsorientierte Sauerstofftherapie bei Hypoxämie, respiratorischer Beeinträchtigung oder Kreislaufinstabilität
Angepasstes Atemwegsmanagement: Sicherung und regelmäßige Kontrolle der Atemwege bei Vigilanzminderung, Erbrechen oder drohender Aspiration
Monitoring und Basisdiagnostik: kontinuierliche Überwachung mittels EKG, SpO₂, Blutdruck- und Atemfrequenzkontrollen sowie Temperaturmessung
Venöser Zugang: Anlage eines intravenösen Zugangs zur Flüssigkeitstherapie sowie für Analgesie
Ursachenorientiertes Vorgehen: Einschätzung möglicher Komplikationen wie Perforation, Peritonitis, Ileus oder Sepsis
Transportentscheidung: zeitnahe Vorstellung in einer Klinik mit viszeralchirurgischer Versorgung
Spezifische Maßnahmen
Volumenmanagement:
Unkomplizierte Appendizitis ohne Hinweise auf einen Volumenmangel: Moderate Gabe von balancierten Vollelektrolytlösungen als Erhaltungsinfusion zur Sicherstellung eines ausreichenden Flüssigkeitshaushalts
Appendizitis mit Exsikkose, Sepsis, Peritonitis oder hämodynamischer Beeinträchtigung: Volumentherapie mit balancierten Vollelektrolytlösungen 20–30 ml/kgKG, angepasst an die klinische Situation und den hämodynamischen Verlauf
Analgesie: Stufenweise Schmerztherapie mit Nicht-Opioid-Analgetika, z.B. Paracetamol 1000 mg i.v. oder Metamizol 0,5 - 1 g i.v. ggf. ergänzt durch Butylscopolamin20 mg i.v. und bei Bedarf Opioiden, z.B. Fentanyl 0,05 mg i.v. titriert bis gewünschte Wirkung, max. Dosis: 0,2 mg
Antiemese: Bei Übelkeit oder Erbrechen Gabe eines Antiemetikums, z.B. Ondansetron4 mg i.v. oder Dimenhydrinat 62 mg i.v.
Antipyretische Therapie: Bei Fieber kann eine antipyretische Behandlung erwogen werden. Geeignet sind unter anderem Paracetamol 15 mg/kgKG, max. 1000 mg i.v. oder Metamizol0,5 -1 g i.v.
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Kinder und Jugendliche
Die akute Appendizitis tritt besonders häufig im Kindes- und Jugendalter auf und kann sich initial mit unspezifischen Beschwerden präsentieren.
Besonderheiten: häufig diffuse Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen oder Fieber; typische Lokalisation im rechten Unterbauch kann zunächst fehlen
Therapeutische Besonderheiten: niedrige Schwelle für ärztliche Abklärung und stationäre Vorstellung
Differenzialdiagnostische Bedeutung: erhöhtes Risiko einer verzögerten Diagnosestellung mit früher Perforation
Ältere Menschen
Bei älteren Patient:innen zeigt sich die Appendizitis häufig mit abgeschwächter oder atypischer Symptomatik.
Therapeutische Besonderheiten: engmaschiges Monitoring und niedrige Schwelle für eine chirurgische Vorstellung
Differenzialdiagnostische Bedeutung: erhöhtes Risiko für Perforation, Peritonitis und Sepsis aufgrund verzögerter Diagnosestellung
Schwangere
Die anatomische Verlagerung der Appendix während der Schwangerschaft kann die Diagnosestellung erschweren.
Besonderheiten: Schmerzen können atypisch lokalisiert sein und bis in den rechten Oberbauch projizieren
Therapeutische Besonderheiten: frühzeitige gynäkologische Mitbeurteilung und fetale Mitberücksichtigung
Differenzialdiagnostische Bedeutung: Extrauteringravidität, Ovarialtorsion, HELLP-Syndrom oder Plazentalösung müssen ausgeschlossen werden
Immunsupprimierte Patient:innen
Bei immunsupprimierten Patient:innen können schwere Verläufe trotz geringer klinischer Symptomatik auftreten.
Besonderheiten: Fieber, Leukozytose und Peritonismus können abgeschwächt oder vollständig fehlend sein
Therapeutische Besonderheiten: frühzeitige stationäre Abklärung und engmaschige Überwachung
Differenzialdiagnostische Bedeutung: erhöhtes Risiko für komplizierte Verläufe mit Perforation oder Sepsis
Komplizierte Appendizitis
Bei Perforation oder Peritonitis entwickelt sich aus der lokal begrenzten Entzündung ein chirurgischer Notfall.
Besonderheiten: ausgeprägte Schmerzen, Abwehrspannung, Fieber, Tachykardie und reduzierter Allgemeinzustand
Therapeutische Besonderheiten: rasche Volumentherapie, engmaschiges Monitoring und prioritärer Transport
Differenzialdiagnostische Bedeutung: Gefahr von Sepsis, septischem Schock und Multiorganversagen bei verzögerter Therapie
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Zielkrankenhaus
Grundsätzlich richtet sich die Wahl des Zielkrankenhauses nach dem Verdacht auf eine akute Appendizitis, dem klinischen Schweregrad sowie möglichen Komplikationen.
Verdacht auf unkomplizierte Appendizitis: Krankenhaus mit allgemein- oder viszeralchirurgischer Abteilung zur weiteren Diagnostik und operativen Versorgung
Verdacht auf komplizierte Appendizitis (Perforation, Peritonitis, Abszess oder Sepsis): Krankenhaus mit viszeralchirurgischer Abteilung und intensivmedizinischer Versorgungsmöglichkeit aufgrund des erhöhten Risikos schwerer Komplikationen
Kinder und Jugendliche: Kinderklinik bzw. Zentrum mit pädiatrisch-chirurgischer Expertise, insbesondere bei unklarer Symptomatik oder Verdacht auf Komplikationen
Transportbegleitende Maßnahmen
Monitoring: Kontinuierliche Überwachung von EKG, Blutdruck, Herzfrequenz, Sauerstoffsättigung und Vigilanz
Lagerung:
Patient:innen mit ausgeprägten Schmerzen: Schonhaltung mit leicht angezogenen Beinen häufig angenehm
Relevanten Vorerkrankungen, Voroperationen und aktueller Medikation
Schwangerschaftsstatus bei gebärfähigen Patientinnen
Erhobenen Vitalparametern und deren Verlauf
Durchgeführte Maßnahmen (Analgesie, Antiemese, Volumentherapie, Sauerstoffgabe) und deren Wirkung
Verdacht auf Komplikationen: Hinweise auf Perforation, Peritonitis, Sepsis oder hämodynamische Instabilität ausdrücklich kommunizieren
Hochrisikopatient:innen: Bei Sepsisverdacht, Peritonitis, Kreislaufinstabilität oder relevanten Begleiterkrankungen frühzeitige Übergabe an das zuständige Schockraum- oder Intensivteam durchführen
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Definition
Definition
Akute Appendizitis
Die akute Appendizitis ist eine Entzündung der Appendix vermiformis (Wurmfortsatz des Blinddarms) und zählt zu den häufigsten Ursachen eines akuten Abdomens.
Typischerweise beginnt die Symptomatik mit diffusen Bauchschmerzen, die sich im Verlauf in den rechten Unterbauch verlagern. Begleitend treten häufig Übelkeit, Erbrechen, Appetitlosigkeit und Fieber auf.
Ursachen
Koprolithen (Appendikolithen): eingedickte Stuhlreste mit Verlegung des Lumens; häufigster Auslöser einer Appendizitis
Lymphatische Hyperplasie: Vergrößerung des lymphatischen Gewebes nach viralen, bakteriellen oder parasitären Infektionen, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen
Parasitäre Infektionen: Lumeneinengung durch Parasiten, beispielsweise Enterobius vermicularis (Madenwurm)
Fremdkörper: seltene Ursache durch Verschluss des Lumens, z.B. durch Obstkerne oder andere unverdauliche Bestandteile
Tumore: neoplastische Veränderungen der Appendix mit Verlegung des Lumens und nachfolgender Entzündungsreaktion
Pathophysiologie
Grundmechanismus Luminalobstruktion: Verlegung des Appendixlumens durch Appendikolithen, lymphatische Hyperplasie, seltener Parasiten, Fremdkörper oder Tumoren → Sekretstau und intraluminaler Druckanstieg
Bakterielle Vermehrung: der Sekretstau begünstigt die Vermehrung intestinaler Bakterien → lokale Infektion der Appendix
Durchblutungsstörung: zunehmender Druck in der Appendix → Behinderung des venösen und lymphatischen Abflusses → Hypoxie und Ischämie der Appendixwand
Entzündungsreaktion: Infiltration durch neutrophile Granulozyten → Ödembildung, Ulzerationen und fortschreitende Gewebeschädigung
Nekrose: Anhaltende Ischämie → Wandnekrose und Verlust der Gewebeintegrität
Systemische Entzündungsreaktion: Freisetzung von Zytokinen und Entzündungsmediatoren → Leukozytose, Akute-Phase-Reaktion und Fieber
Folgen und Komplikationen:
Schmerzverlagerung: zunächst diffuser viszeraler Schmerz im periumbilikalen Bereich → bei Beteiligung des parietalen Peritoneums lokalisierbarer Schmerz im rechten Unterbauch
Lokale Entzündungszeichen: Peritonealreizung → Druckschmerz, Abwehrspannung und Loslassschmerz
Gangränöse Appendizitis: vollständige Gewebsnekrose infolge der fortschreitenden Ischämie
Perforation: Ruptur der Appendixwand → Austritt von Bakterien und Darminhalt in die Bauchhöhle
Abszessbildung: lokalisierte Eiteransammlung, häufig als perityphlitischer Abszess
Peritonitis: bakterielle Kontamination des Peritoneums → lokale oder diffuse Bauchfellentzündung
Sepsis: systemische Infektions- und Entzündungsreaktion mit möglicher hämodynamischer Instabilität und Organdysfunktion
Klinischer Eindruck
Frühphase:
Bauchschmerzen: initial diffus im Epigastrium oder periumbilikal
Schmerzverlagerung: Nach 4–12 Stunden typischerweise in den rechten Unterbauch
Druckschmerz im rechten Unterbauch: Häufig über dem McBurney- oder Lanz-Punkt
Spätphase oder bei Komplikationen:
Peritonitiszeichen: Druckschmerz, Abwehrspannung, Loslassschmerz und lokaler Peritonealreiz
Ileoider Symptomenkomplex: verminderter Stuhl- und Windabgang sowie abdominelle Distension bei fortgeschrittenem Verlauf
Appetitlosigkeit: Häufiges Frühsymptom
Übelkeit und Erbrechen: Typische Begleiterscheinungen der Erkrankung
Fieber: Meist subfebril, bei komplizierten Verläufen höher
Reduzierter Allgemeinzustand: Abgeschlagenheit und ausgeprägtes Krankheitsgefühl
Vegetative Zeichen: Blässe, Kaltschweißigkeit und Unruhe
Tachykardie: Ausdruck von Schmerz, Fieber oder systemischer Entzündungsreaktion
Diagnostik
Inspektion:
Haut: blasses Hautkolorit und Kaltschweißigkeit als Ausdruck von Schmerz oder vegetativer Reaktion
Körperhaltung: Häufig Schonhaltung mit angezogenen Beinen zur Entlastung der Bauchdecke
Allgemeinzustand: Reduziertes Allgemeinbefinden, Bewegungsvermeidung oder Unruhe bei stärkeren Beschwerden
Auskultation:
Lunge: regelrechte Atemgeräusche
Abdomen:
Unkomplizierte Appendizitis: Darmgeräusche meist unauffällig
Komplizierte Verläufe: Abgeschwächte oder fehlende Darmgeräusche als Hinweis auf einen beginnenden paralytischen Ileus oder eine Peritonitis
Merke
Die Auskultation erfolgt vor Palpation und Perkussion, da Druck auf das Abdomen die Darmgeräusche verändern und die Befundinterpretation erschweren kann.
Perkussion:
Unauffälliger Klopfschall: In frühen Stadien häufig ohne pathologischen Befund
Klopfschmerz: Schmerzverstärkung im rechten Unterbauch möglich
Peritonitis: diffuse Klopfempfindlichkeit bei fortgeschrittener Peritonealreizung
Palpation:
Druckschmerz: Typischerweise im rechten Unterbauch über dem McBurney- oder Lanz-Punkt
Abwehrspannung: reflektorische Anspannung der Bauchmuskulatur als Zeichen eines lokalen Peritonealreizes
Blumberg-Zeichen: Loslassschmerz als Hinweis auf eine Peritonealreizung
Rovsing-Zeichen: Schmerzverstärkung im rechten Unterbauch bei Ausstreichen des Kolons von links
Psoas-Zeichen: Schmerzverstärkung beim Anheben des gestreckten rechten Beins, typisch bei retrozäkaler Appendixlage
Therapie
Basismaßnahmen:
Lagerung:
Kreislaufstabile Patient:innen: Schmerzadaptierte Lagerung, häufig Schonhaltung mit leicht angezogenen Beinen
Kreislaufinstabile Patient:innen: Flachlagerung
Nahrungskarenz: keine orale Nahrungs- oder Flüssigkeitsaufnahme aufgrund der möglichen Operationsindikation
Sauerstoffgabe: bedarfsorientierte Sauerstofftherapie bei Hypoxämie, respiratorischer Beeinträchtigung oder Kreislaufinstabilität
Angepasstes Atemwegsmanagement: Sicherung und regelmäßige Kontrolle der Atemwege bei Vigilanzminderung, Erbrechen oder drohender Aspiration
Monitoring und Basisdiagnostik: kontinuierliche Überwachung mittels EKG, SpO₂, Blutdruck- und Atemfrequenzkontrollen sowie Temperaturmessung
Venöser Zugang: Anlage eines intravenösen Zugangs zur Flüssigkeitstherapie sowie für Analgesie
Ursachenorientiertes Vorgehen: Einschätzung möglicher Komplikationen wie Perforation, Peritonitis, Ileus oder Sepsis
Transportentscheidung: zeitnahe Vorstellung in einer Klinik mit viszeralchirurgischer Versorgung
Spezifische Maßnahmen:
Volumenmanagement:
Unkomplizierte Appendizitis ohne Hinweise auf einen Volumenmangel: Moderate Gabe von balancierten Vollelektrolytlösungen als Erhaltungsinfusion zur Sicherstellung eines ausreichenden Flüssigkeitshaushalts
Appendizitis mit Exsikkose, Sepsis, Peritonitis oder hämodynamischer Beeinträchtigung: Volumentherapie mit balancierten Vollelektrolytlösungen 20–30 ml/kgKG, angepasst an die klinische Situation und den hämodynamischen Verlauf
Analgesie: Stufenweise Schmerztherapie mit Nicht-Opioid-Analgetika, z.B. Paracetamol 1000 mg i.v. oder Metamizol 0,5 - 1 g i.v. ggf. ergänzt durch Butylscopolamin20 mg i.v. und bei Bedarf Opioiden, z.B. Fentanyl 0,05 mg i.v. titriert bis gewünschte Wirkung, max. Dosis: 0,2 mg
Antiemese: Bei Übelkeit oder Erbrechen Gabe eines Antiemetikums, z.B. Ondansetron4 mg i.v. oder Dimenhydrinat 62 mg i.v.
Antipyretische Therapie: Bei Fieber kann eine antipyretische Behandlung erwogen werden. Geeignet sind unter anderem Paracetamol 15 mg/kgKG, max. 1000 mg i.v. oder Metamizol0,5 -1 g i.v.
Besondere Situationen
Kinder und Jugendliche: Häufig unspezifische Beschwerden zu Beginn; erhöhtes Risiko einer frühen Perforation durch verzögerte Diagnosestellung.
Ältere Menschen: Oft atypische oder abgeschwächte Symptomatik mit wenig Schmerz und fehlendem Fieber; erhöhtes Risiko für Perforation, Peritonitis und Sepsis.
Schwangere: Schmerzen können durch Verlagerung der Appendix atypisch lokalisiert sein (bis in den rechten Oberbauch); wichtige Differenzialdiagnosen sind Extrauteringravidität und Ovarialtorsion.
Komplizierte Appendizitis: Perforation oder Peritonitis stellen einen chirurgischen Notfall dar und können zu Sepsis, septischem Schock und Multiorganversagen führen.
Transport
Grundsätzlich richtet sich die Wahl des Zielkrankenhauses nach dem Verdacht auf eine akute Appendizitis, dem klinischen Schweregrad sowie möglichen Komplikationen.
Verdacht auf unkomplizierte Appendizitis: Krankenhaus mit allgemein- oder viszeralchirurgischer Abteilung zur weiteren Diagnostik und operativen Versorgung
Verdacht auf komplizierte Appendizitis (Perforation, Peritonitis, Abszess oder Sepsis): Krankenhaus mit viszeralchirurgischer Abteilung und intensivmedizinischer Versorgungsmöglichkeit aufgrund des erhöhten Risikos schwerer Komplikationen
Kinder und Jugendliche: Kinderklinik bzw. Zentrum mit pädiatrisch-chirurgischer Expertise, insbesondere bei unklarer Symptomatik oder Verdacht auf Komplikationen
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