Der Bandscheibenvorfall (Diskusprolaps) ist eine meist degenerativ bedingte Erkrankung der Wirbelsäule, bei der Bandscheibenmaterial durch den geschädigten Faserring austritt und auf Nervenwurzeln oder das Rückenmark drückt. Betroffen sind überwiegend die Segmente L4/L5 und L5/S1, häufig bei Menschen mittleren Alters und langjähriger körperlicher Belastung.
Typische Folgen sind starke Rücken- und radikuläre Schmerzen, Sensibilitätsstörungen (Kribbeln, Taubheit, Parästhesien) sowie motorische Defizite bis zu Paresen. Die Beschwerden nehmen häufig bei Husten, Niesen oder Pressen zu.
Für den Rettungsdienst steht die frühzeitige Erkennung von Warnzeichen im Vordergrund. Besonders Paresen, Blasen- oder Mastdarmstörungen sowie eine Reithosenanästhesie können auf ein Cauda-equina-Syndrom hinweisen und erfordern eine sofortige neurochirurgische Abklärung.
Das therapeutische Hauptziel besteht in der Schmerzlinderung, dem Schutz neurologischer Strukturen vor weiterer Schädigung sowie der frühzeitigen Erkennung neurologischer Defizite, um bleibende Schäden zu verhindern.
Um den Einstieg in das Thema Bandscheibenvorfall etwas zu erleichtern, wird im Folgenden ein Fall beschrieben, wie er sich präklinisch ereignen könnte.
Das Szenario
Einsatzmeldung:
Stichwort: Rückenschmerzen
Ort: Baustelle
Alarmzeit: 15:00
Anrufer:in: Arbeitskollege
Anzahl der Betroffenen: 1
Zusatzinfo:
55-jähriger männlicher Patient
Während der Arbeit plötzlich stärkster Schmerz im Rücken
Lageeinweisung vor Ort:
Beim Eintreffen des Rettungsdienstes wird die Besatzung am Eingang der Baustelle eines Einfamilienhauses von einem Arbeitskollegen des Patienten empfangen und zur Einsatzstelle begleitet.
Die Lage ist wie folgt:
Der Patient berichtet, als Maurer tätig zu sein und die Mauerarbeiten für den heutigen Tag noch abschließen zu wollen
Beim Anheben mehrerer Ziegelsteine habe er plötzlich einen stärkstenSchmerzimBereichderLendenwirbelsäule verspürt
Nach eigenen Angaben leide er bereits seit mehreren Jahren immer wieder unter Rückenschmerzen im unteren Rückenbereich. Ein derart starkes Schmerzereignis habe er jedoch bislang noch nie erlebt
Aktuell strahlen die Schmerzen beidseits in die Beine aus
Der Patient gibt an, aufgrund der Beschwerden kaumnochstehenodergehen zu können. Jede Bewegung führe zu einer deutlichenSchmerzverstärkung
Ersteindruck nach xABCDE-Schema
Um sich einen ersten umfassenden Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten in einer Notfallsituation zu verschaffen, bietet sich das xABCDE-Schema an. Um die Arbeit mit dem Schema zu veranschaulichen, ist hier ein xABCDE-Schema abgebildet, wie es im Falle einer Ersteinschätzung bei einer Patientin oder einem Patienten mit Bandscheibenvorfall aussehen könnte.
Es handelt sich dabei um die Befunde, die innerhalb der ersten paar Minuten erhoben werden können. Erweiterte Diagnostik und Abfragen sind natürlich von Bedeutung, jedoch würde zum Beispiel die Messung des Blutzuckers in diesem Fall hintangestellt und taucht zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf.
x
Keine kritischen Blutungen
A
Atemwege frei
Schleimhäute rosig
Patient ansprechbar
Kein A-Problem
B
Inspektorisch:
Thoraxexkursion normal
Keine Verletzungen oder Abnormalitäten sichtbar
Keine gestauten Halsvenen sichtbar
Mäßige Tachypnoe, Atemfrequenz: 16/min
Auskultatorisch:
Beidseits vesikuläres Atemgeräusch
Keine Atemnebengeräusche
Palpatorisch:
Thorax insgesamt stabil
SpO2: 99%
Kein B-Problem
C
Hautkolorit blass
Insgesamt kaltschweißig
Rekap-Zeit: 1Sekunde
Große Blutungsräume ohne Zeichen auf akute Blutungen
Ereignis: Beim Heben von schweren Ziegelsteinen plötzlich einsetzender Schmerz
Risikofaktoren: körperlich belastende Arbeit, Übergewicht, Nikotin- und Alkoholabusus
Mittelbares E-Problem
Achtung
Das hier gezeigte Assessment vermittelt nur einen exemplarischen ersten Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten. Im Verlauf der Behandlung müssen weitere Maßnahmen ergriffen und Informationen gesammelt werden. Das Schema erhebt daher keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern soll lediglich einen praktischen Einstieg in das Thema ermöglichen.
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Definition
Bandscheibenvorfall
Ein Bandscheibenvorfall (Diskusprolaps) entsteht, wenn der weiche Gallertkern (Nucleus pulposus) einer Bandscheibe durch einen Einriss des äußeren Faserrings (Anulus fibrosus) nach außen tritt. Dadurch können Nervenwurzeln oder das Rückenmark komprimiert werden, was zu Schmerzen, Sensibilitätsstörungen oder neurologischen Ausfällen führen kann.
Formen des Bandscheibenvorfalls und verwandte Bandscheibenveränderungen
Kategorie
Beschreibung
Beispiel / Bemerkung
Diskusprotrusion
Vorwölbung der Bandscheibe nach außen bei weiterhin intaktem Faserring
Es tritt kein Bandscheibenmaterial aus
Frühes Stadium einer Bandscheibenschädigung
Diskusprolaps
Austritt von Bandscheibenmaterial durch einen Riss im Faserring
Dabei kann Druck auf Nervenstrukturen entstehen
Häufig in mediolateraler Richtung (ca. 90 %)
Diskussequester
Vollständig abgelöstes Bandscheibenfragment
Ohne Verbindung zur ursprünglichen Bandscheibe
Fortgeschrittene Form des Bandscheibenvorfalls
Lokalisation von Bandscheibenvorfällen
Bandscheibenvorfälle können grundsätzlich in allen Abschnitten der Wirbelsäule auftreten, unterscheiden sich jedoch deutlich in ihrer Häufigkeit:
Lumbaler Bandscheibenvorfall (ca. 60 %): betroffen sind hauptsächlich die Segmente L4/L5 und L5/S1
Zervikaler Bandscheibenvorfall (ca. 35 %): tritt im Bereich der Halswirbelsäule auf, insbesondere zwischen C5 und Th1
Thorakaler Bandscheibenvorfall (ca. 2 %): Seltene Lokalisation im Bereich der Brustwirbelsäule
Info
Die Häufigkeitsverteilung hängt maßgeblich von der unterschiedlichen mechanischen Belastung der einzelnen Wirbelsäulenabschnitte ab. Besonders die Lendenwirbelsäule ist aufgrund der hohen Gewichts- und Bewegungsbelastung häufig betroffen.
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Degenerativer Bandscheibenvorfall
Häufigste Form des Bandscheibenvorfalls
Entsteht meist durch alters- und verschleißbedingte Veränderungen der Bandscheibe
In seltenen Fällen kann eine genetische Veranlagung die Entstehung begünstigen
Traumatischer Bandscheibenvorfall
Als isolierte Verletzung eher selten
Tritt häufiger gemeinsam mit Verletzungen der Wirbelsäule auf
Ursache sind meist starke äußere Krafteinwirkungen, plötzliche Fehlbelastungen oder Extrembewegungen der Wirbelsäule
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Merke
Reminder: Physiologische Grundlagen
Die Bandscheibe besteht aus drei Bestandteilen:
Gallertkern (Nucleus pulposus): wasserreicher, elastischer Kern zur Aufnahme und Verteilung von Druckkräften
Faserring (Anulus fibrosus): Stabiler Faserknorpelring, der den Gallertkern umschließt und die Bandscheibe belastbar macht
Deck- und Grundplatten: knorpelige Verbindungen zu den Wirbelkörpern, über die der Stoffaustausch erfolgt
Funktion:
Stoßdämpfung bei Belastungen wie Gehen, Laufen oder Heben
Gleichmäßige Druckverteilung auf die Wirbelkörper
Ermöglichung der Beweglichkeit der Wirbelsäule
Durch die Aufnahme und Abgabe von Wasser passt sich die Bandscheibe ständig wechselndenBelastungen an. Dadurch kann die Körpergröße im Tagesverlauf um bis zu 2 cm schwanken
Durchblutung und Innervation:
Die Bandscheibe ist beim Erwachsenen nahezu gefäßfrei und wird über die Endplatten der Wirbelkörper mit Nährstoffen versorgt
Im gesunden Zustand enthält sie nur wenige schmerzleitende Nervenfasern
Bei Verschleiß oder Verletzungen können zusätzliche Nervenfasern einwachsen und Schmerzen verursachen
Degenerative Veränderungen der Bandscheibe
Degenerative Veränderungen: Altersbedingte Abnahme der Diffusionsversorgung der Bandscheibe → Wasser-, Proteoglykan- und Elastizitätsverlust ↑ → Höhenminderung und Belastbarkeit ↓
Strukturelle Schädigung: Degeneration des Faserrings → wird spröde und rissanfällig → verminderte Stabilität der Bandscheibe
Nerven- und Gefäßeinsprossung: degenerative Veränderungen fördern das Einwachsen von Gefäßen und schmerzleitenden Nervenfasern → erhöhte Schmerzempfindlichkeit
Entzündungsreaktion: degeneriertes Bandscheibengewebe setzt Entzündungsmediatoren frei → lokale Entzündung und zusätzliche Nervenwurzelreizung → Schmerzverstärkung
Entstehung des Bandscheibenvorfalls
Auslösendes Ereignis: Heben schwerer Lasten, Drehbewegungen oder Husten/Niesen → intradiskaler Druck ↑ → Vorschädigung des Faserrings führt zum Austritt von Bandscheibenmaterial
Diskusprotrusion/-prolaps: Der Nucleus pulposus wölbt sich zunächst vor (Diskusprotrusion) und kann anschließend durch den Faserring austreten (Diskusprolaps)
Typische Lokalisation: überwiegend im Bereich L4/L5 und L5/S1 aufgrund der hohen mechanischen Belastung
Diskusprolaps Pathophysiologie
Mechanische und entzündliche Folgen
Nervenwurzelkompression: Prolabiertes Bandscheibenmaterial komprimiert eine Nervenwurzel oder das Rückenmark → radikuläre Schmerzen sowie sensible und motorische Ausfälle
Entzündungsreaktion: Kontakt des Bandscheibenmaterials mit Nervenstrukturen → Freisetzung von Entzündungsmediatoren (TNF-α, IL-1) → Ödem und zusätzliche Nervenwurzelreizung
Schmerzverstärkung: Mechanische Kompression und Entzündung führen gemeinsam zu einer erhöhten Schmerzempfindlichkeit
Folgen
Radikuläre Schmerzen: Nervenwurzelkompression → ausstrahlende Schmerzen entlang des betroffenen Dermatoms
Dermatome
Lumbaler Bandscheibenvorfall: Lumbalgie oder Ischialgie mit Ausstrahlung ins Bein und Bewegungseinschränkung
Zervikaler Bandscheibenvorfall: Nacken- und Schulterschmerzen mit Ausstrahlung in den Arm
Typische Schmerzprovokation: Husten, Niesen oder Pressen → Schmerzverstärkung durch Druckerhöhung
Sensibilitätsstörungen: Nervenreizung → Kribbeln, Taubheitsgefühl oder Parästhesien
Motorische Defizite: Beeinträchtigung motorischer Nervenfasern → Kraftminderung bis zu Paresen
Segmentinstabilität: Höhenverlust der Bandscheibe → veränderte Lastverteilung und Überlastung der Facettengelenke
Degenerative Folgeschäden: Chronische Fehlbelastung → Facettengelenksarthrose und persistierende Rückenschmerzen
Mechanismen der Schmerzentstehung beim Bandscheibenvorfall
Mechanismus
Art des Schmerzes
Auslöser
Mechanische Kompression
Radikulärer Schmerz
Druck auf Nervenwurzel oder Rückenmark
Entzündliche Reizung
Nozizeptiver Schmerz
Entzündungsmediatoren aus degeneriertem Bandscheibengewebe
Chemische Nervenaktivierung
Neuropathischer Schmerz
Nervenfasereinsprossung und chemische Nervenreizung
Schwere Komplikationen
Cauda-equina-Syndrom: Massive Kompression der Cauda equina → Reithosenanästhesie, Blasen- und Mastdarmstörungen sowie neurologische Ausfälle
Chronisches Schmerzsyndrom: Anhaltende Nervenreizung und degenerative Veränderungen → dauerhafte Schmerzsymptomatik
Persistierende neurologische Defizite: Langandauernde Nervenkompression → bleibende Sensibilitäts- oder Motorikstörungen
Merke
Zusammenfassung: Die kritischen Probleme eines Bandscheibenvorfalls
Degeneration der Bandscheibe → Elastizität und Belastbarkeit ↓ → Einrisse im Faserring
Bandscheibenvorfall → Austritt von Bandscheibenmaterial → Nervenwurzelkompression
Mechanische Kompression + Entzündung → radikuläre Schmerzen und Schmerzverstärkung
Folgen:
Schmerzausstrahlung in Arm oder Bein
Kribbeln, Taubheit, Parästhesien
Kraftminderung bis Paresen
Schwere Komplikationen:
Cauda-equina-Syndrom → Reithosenanästhesie, Blasen- und Mastdarmstörung
Persistierende neurologische Defizite durch anhaltende Nervenkompression
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Typische Zeichen
Lumbalgie: akute oder chronische Schmerzen im Bereich der Lendenwirbelsäule
Bewegungseinschränkung: Schonhaltung und schmerzbedingte Einschränkung von Gehen, Stehen oder Bücken
Druck- und Belastungsschmerz: Schmerzverstärkung bei Bewegung, Heben oder Lagewechsel
Muskelverspannungen: reflektorische Verhärtung der paravertebralen Muskulatur
Ausstrahlende Schmerzen: Schmerzausbreitung entlang des betroffenen Nervenverlaufs
Schmerzverstärkung bei Husten, Niesen oder Pressen: Ausdruck des erhöhten Drucks auf die Nervenwurzel
Entlastungshaltung: Besserung der Beschwerden in bestimmten Schon- oder Entlastungspositionen
Spezifische Zeichen einer Nervenwurzelkompression
Radikuläre Schmerzen: elektrisierende oder einschießende Schmerzen entlang eines Dermatoms
Parästhesien: Kribbeln, Brennen oder Ameisenlaufen im Versorgungsgebiet der betroffenen Nervenwurzel
Sensibilitätsstörungen: Taubheitsgefühl oder verminderte Berührungsempfindung
Motorische Defizite: Kraftminderung bis zu Paresen der betroffenen Muskelgruppen
Reflexabschwächung: Verminderte oder fehlende Muskeleigenreflexe
Lasègue-Zeichen positiv: Schmerzprovokation bei Anheben des gestreckten Beines als Hinweis auf eine lumbale Nervenwurzelreizung
Gangstörungen: unsicheres oder hinkendes Gangbild aufgrund von Schmerzen oder neurologischen Ausfällen
Blasen- und Mastdarmstörungen: Hinweis auf ein mögliches Cauda-equina-Syndrom
Reithosenanästhesie: Sensibilitätsverlust im Bereich von Gesäß, Perineum und Innenseiten der Oberschenkel
Progrediente neurologische Ausfälle: Zunehmende Paresen oder Sensibilitätsstörungen als Zeichen einer fortschreitenden Nervenkompression
Achtung
Red Flags
Akutes motorisches Defizit
Progrediente neurologische Ausfälle
Reithosenanästhesie
Harn- und/oder Stuhlinkontinenz
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Merke
Das primäre rettungsdienstliche Ziel bei Verdacht auf einen Bandscheibenvorfall ist die frühzeitige Erkennung von Red Flags und neurologischen Defiziten. Insbesondere Paresen, Blasen- oder Mastdarmstörungen sowie eine Reithosenanästhesie müssen erkannt werden, da sie auf eine schwerwiegende Nervenkompression hinweisen können.
Anamnese
S (Symptome): Akuter, stechender oder elektrisierender Rückenschmerz mit Ausstrahlung entlang eines Dermatoms, häufig im Bereich L5/S1. Mögliche Begleitsymptome sind Parästhesien, Sensibilitätsstörungen oder Paresen
Red Flags: Harn- oder Stuhlinkontinenz, Reithosenanästhesie sowie beidseitige neurologische Ausfälle als Hinweis auf ein mögliches Cauda-equina-Syndrom
A (Allergien, Infektionen): relevante Medikamentenallergien, insbesondere gegen NSAR, Opioide oder andere Analgetika, erfragen
M (Medikation): aktuelle Einnahme von Schmerzmitteln, Muskelrelaxanzien oder Antikoagulanzien erfragen
Wichtig sind bereits erfolgte Schmerztherapien sowie deren Wirkung
P (Patientengeschichte): Wiederkehrende Rückenschmerzen, bekannte Bandscheibenerkrankungen, frühere Wirbelsäulenverletzungen, körperlich belastende Tätigkeit oder Bewegungsmangel
L (Letzte…): Zeitpunkt der letzten Nahrungsaufnahme sowie der letzten Medikamenteneinnahme erfragen
E (Ereignis): Beschwerden treten häufig nach dem Heben schwerer Lasten, einer plötzlichen Drehbewegung oder einer anderen Fehlbelastung auf
R (Risiko): Übergewicht, Rauchen, Alter über 40 Jahre, langjährige körperliche Belastung sowie sitzende Tätigkeiten erhöhen das Risiko für degenerative Bandscheibenveränderungen
S (Schwangerschaft): Bei Schwangeren Rückenschmerzen im Rahmen von Haltungsveränderungen oder hormonell bedingter Bandlockerung berücksichtigen; neurologische Ausfälle müssen jedoch immer weiter abgeklärt werden
Tipp
Nutze Schemata
Um die Anamnese strukturiert durchzuführen, bietet es sich an, Schemata, wie das SAMPLERS oder OPQRST-Schema zu benutzen. Am obigen Beispiel haben wir Fragen und Befunde dargestellt, die bei dem Verdacht auf einen Bandscheibenvorfall abgefragt werden sollten und vorliegen könnten.
Körperliche Untersuchung
Inspektion:
Schonhaltung: Patienten nehmen häufig eine schmerzlindernde Entlastungs- oder Fehlhaltung ein, oft mit seitlicher Rumpfneigung
Bewegungseinschränkung: Aufrichten, Gehen, Bücken oder Lagewechsel sind häufig schmerzbedingt eingeschränkt
Verändertes Gangbild: Hinkendes oder vorsichtiges Gangbild aufgrund von Schmerzen oder neurologischen Ausfällen
Neurologische Auffälligkeiten: Mögliche Muskelschwäche oder Unsicherheit beim Gehen bei bestehender Nervenwurzelkompression
Palpation:
Paravertebraler Hartspann: reflektorische Verspannung der Rückenmuskulatur im betroffenen Wirbelsäulenabschnitt
Druckschmerz: Häufig lokaler Druckschmerz im Bereich der betroffenen Wirbelsäulenregion
Bewegungsschmerz: Schmerzen nehmen bei aktiver oder passiver Bewegung der Wirbelsäule häufig zu
Tipp
Palpation vorsichtig durchführen
Druck auf die betroffene Wirbelsäulenregion kann die bestehende Schmerzsymptomatik verstärken
Kein Klopfschmerz: Typischer Befund bei degenerativ-radikulären Ursachen wie einem Bandscheibenvorfall
Klopfschmerz vorhanden: Hinweis auf eine mögliche knöcherne, entzündliche oder andere strukturelle Ursache der Beschwerden
Perkussion:
Meist unauffälliger Befund: Bandscheibenvorfälle verursachen typischerweise keine spezifischen perkutorischen Veränderungen
Auskultation:
In der Regel unauffälliger Befund: Beim Bandscheibenvorfall sind auskultatorisch keine charakteristischen Veränderungen zu erwarten
Bedeutung im Rettungsdienst: Dient hauptsächlich dem Ausschluss zusätzlicher kardialer oder pulmonaler Ursachen der Beschwerden
Vitalparameter
Parameter
Typischer Befund / Veränderung
Pathophysiologischer Hintergrund
Herzfrequenz
Meist normwertig, bei starken Schmerzen häufig Tachykardie
Meist normwertig, bei ausgeprägter Schmerzsymptomatik häufig erhöht
Stress- und Schmerzreaktion → Katecholaminausschüttung → Blutdruck ↑
Atemfrequenz
Meist normwertig bis leicht erhöht
Schmerzbedingte Stressreaktion und Schonatmung möglich
Temperatur
In der Regel normwertig
Normwertig, Fieber spricht gegen einen isolierten Bandscheibenvorfall
Sauerstoffsättigung
In der Regel normwertig
Keine direkte Beeinträchtigung von Ventilation oder Oxygenierung
Blutzucker
In der Regel normwertig
Keine Beeinträchtigung des Blutzuckeres
Orientierende neurologische Untersuchung
Vigilanz: Beurteilung des Bewusstseinszustands, beispielsweise mittels GCS-Score
Sprache: Überprüfung von Sprachverständnis und Sprachproduktion auf Hinweise für neurologische Defizite
Pupillenstatus: Kontrolle von Pupillengröße, Symmetrie und Lichtreaktion sowie möglicher Blickabweichungen
Motorik: orientierende Kraftprüfung der oberen und unteren Extremitäten unter Beachtung von Seitendifferenzen
Fokalneurologische Zeichen: Fazialisparese, Hemiparese, Sensibilitätsstörungen oder andere Herdzeichen als Hinweis auf eine neurologische Ursache
Dermatomprüfung: Überprüfung der Sensibilität in den Versorgungsgebieten der Spinalnerven → Zuordnung von Schmerzen oder Sensibilitätsstörungen zu einer betroffenen Nervenwurzel bzw. einem Spinalnervensegment
Dermatome und typische Befunde bei lumbalen Bandscheibenvorfällen:
Segment
Typische Schmerz- und Sensibilitätsstörungen (Dermatom)
Mögliche Kraftminderung
Besonderheiten und Hinweise
L3
Vorderer Oberschenkel bis zur medialen Knieinnenseite
Schwäche der Hüftbeugung und Kniestreckung
Schmerzen werden häufig als Knieschmerzen wahrgenommen, Rückenschmerzen können fehlen
L4
Außenseite des Oberschenkels über das Knie bis zur Schienbeinvorderseite und zum medialen Fußrand
Schwäche der Hüftbeugung und Kniestreckung
Häufig betroffen bei Bandscheibenvorfällen im Bereich L4/L5
L5
Dorsolateraler Oberschenkel, lateraler Unterschenkel, Fußrücken und Großzehe
Fuß- und Großzehenheberschwäche
Schwierigkeiten beim Hackengang, häufigste betroffene Nervenwurzel
S1
Rückseite von Oberschenkel und Unterschenkel, lateraler Fußrand und Außenknöchel
Fußsenkerschwäche, eingeschränkter Zehengang
Häufig bei Bandscheibenvorfällen im Bereich L5/S1, Schmerzen reichen oft bis zur Fußaußenseite
Dermatome und typische Befunde bei zervikalen Bandscheibenvorfällen:
Segment
Typische Schmerz- und Sensibilitätsstörungen (Dermatom)
Mögliche Kraftminderung
Besonderheiten und Hinweise
C3/C4
Hals- und Schulterregion
Schwäche des Zwerchfells möglich
Selten betroffen; Beschwerden häufig im Bereich von Hals und Schulter
C5
Übergang vom Nacken zur Schulter, oberer Thorax sowie laterale Anteile von Ober- und Unterarm
Schwäche der Schulterabduktion und Armhebung
Schmerzen häufig im Schulterbereich
C6
Lateraler Oberarm, radialseitiger Unterarm, Daumen und Zeigefinger
Schwäche der Ellenbogenbeugung und des Bizeps
Häufige Ausstrahlung bis in Daumen und Zeigefinger
C7
Nacken, dorsaler Ober- und Unterarm sowie Zeige-, Mittel- und Ringfingeranteile
Schwäche der Ellenbogenstreckung
Häufigste betroffene Nervenwurzel bei zervikalen Bandscheibenvorfällen
C8
Ulnare Unterarmseite, Kleinfinger und ulnarseitiger Ringfinger
Schwäche der Hand- und Fingermuskulatur
Beeinträchtigung der Feinmotorik und Greifkraft möglich
Weiterführende apparative Diagnostik
12-Kanal-EKG: Bei Verdacht auf Bandscheibenvorfall meist unauffällig → dient dem Ausschluss kardialer Ursachen bei thorakalen, zervikalen oder atypischen Schmerzsymptomen
Brustschmerz oder diffuse Schmerzausstrahlung: Ausschluss eines akuten Koronarsyndroms bei unklarer Symptomatik
Differenzialdiagnosen
Differenzialdiagnose
Typische Symptome
Abgrenzung / Hinweise
Wirbelkörperfraktur
Akuter Rückenschmerz nach Trauma
Bewegungsschmerz
Lokale Druck- oder Klopfschmerzhaftigkeit
Häufig bei Osteoporose oder nach Sturz
Neurologische Ausfälle möglich
Spondylodiszitis / Spinaler Abszess
Rückenschmerzen, Nachtschmerz
Fieber
Reduzierter Allgemeinzustand
Entzündungszeichen und Risiko schwerer Komplikationen bis hin zur Sepsis oder Querschnittsymptomatik
Akutes Aortensyndrom
Plötzlich einsetzender, sehr starker Rücken- oder Thoraxschmerz
Schmerzen meist nicht bewegungsabhängig
Puls- oder Blutdruckdifferenzen möglich
Akutes Koronarsyndrom
Thoraxschmerz mit möglicher Ausstrahlung in Rücken, Arm oder Kiefer
Übelkeit, Schwitzen
Beschwerden meist bewegungsunabhängig
EKG-Veränderungen möglich
Pneumothorax
Plötzlicher Thorax- oder Rückenschmerz
Dyspnoe
Atemabhängige Beschwerden
Abgeschwächte Atemgeräusche auf der betroffenen Seite
Pankreatitis
Gürtelförmige Oberbauch- und Rückenschmerzen
Übelkeit, Erbrechen
Schmerzen meist nicht bewegungsabhängig
Häufig abdominelle Begleitsymptome
Cholezystitis / Gallenkolik
Rechtsseitige Oberbauchschmerzen mit Ausstrahlung in Rücken oder Schulter
Häufig Zusammenhang mit Nahrungsaufnahme
Druckschmerz im rechten Oberbauch
Urolithiasis / Nierenkolik
Kolikartige Flanken- und Rückenschmerzen
Ausgeprägte Unruhe
Schmerzausstrahlung in Leiste oder Genitalbereich
Hämaturie möglich
Gynäkologische Ursachen
Rücken- oder Beckenschmerzen
Unterbauchbeschwerden
Zusammenhang mit Menstruation, Schwangerschaft oder Endometriose
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Info
Die dargestellten Maßnahmen orientieren sich an den Empfehlungen des Deutschen Berufsverbands Rettungsdienst (DBRD) und werden durch weitere spezifische, leitliniengerechte Maßnahmen ergänzt, um eine strukturierte und evidenzbasierte Versorgung von Patient:innen sicherzustellen.
Merke
Die Therapie des Bandscheibenvorfalls verfolgt das Ziel, Schmerzen zu lindern, neurologische Strukturen vor weiterer Schädigung zu schützen und neurologische Defizite frühzeitig zu erkennen bzw. zu behandeln.
Basismaßnahmen
Stufenbettlagerung
Lagerung:
Schmerzadaptierte Lagerung: Patient:innen sollten die Position einnehmen, in der die geringsten Beschwerden bestehen
Stufenbettlagerung: Bei lumbalem Bandscheibenvorfall häufig schmerzlindernd durch Entlastung der Lendenwirbelsäule
Schonende Mobilisation: Lagewechsel und Umlagerungen vorsichtig durchführen, um Schmerzspitzen zu vermeiden
Neurologische Verlaufskontrolle: Regelmäßige Überprüfung von Sensibilität, Motorik und neu auftretenden neurologischen Defiziten
Monitoring und Basisdiagnostik: Kontinuierliche Überwachung mittels EKG, SpO₂, Blutdruck- und Atemfrequenzkontrollen sowie wiederholte Schmerzevaluation
Venöser Zugang: Anlage eines intravenösen Zugangs bei starken Schmerzen und geplanter Analgesie
Traumatischer Entstehungsmechanismus: Bei Rückenschmerzen nach Sturz, Verkehrsunfall oder anderer Gewalteinwirkung muss zunächst von einer möglichen Wirbelsäulenverletzung ausgegangen werden
Immobilisation: Bei Verdacht auf eine instabile Wirbelsäulenverletzung oder relevante Begleitverletzungen sollte eine achsengerechte Immobilisation, beispielsweise mittels Vakuummatratze, erfolgen
Zielgerichtete Klinikwahl: Bei relevanten neurologischen Defiziten oder Verdacht auf ein Cauda-equina-Syndrom Transport in eine Klinik mit neurochirurgischer bzw. wirbelsäulenchirurgischer Versorgung
Spezifische Maßnahmen
Analgesie: Frühzeitige Schmerztherapie nach lokalen Vorgaben zur Reduktion von Schmerzen und Muskelverspannungen, z.B. mit Paracetamol 1000 mg i.v. als Kurzinfusion, Esketamin 0,125-0,25 mg/kgKG i.v. oder Fentanyl 0,05 mg i.v. titriert bis gewünschte Wirkung, max. Dosis: 0,2 mg
Antiemetische Therapie: Bei vegetativ bedingter Übelkeit oder analgetikainduzierter Nausea kann die Gabe eines Antiemetikums, z.B. Ondansetron 4 mg i.v. erwogen werden
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Cauda-equina-Syndrom
Definition
Cauda-equina-Syndrom
Kompression der Nervenwurzeln der Cauda equina unterhalb des Rückenmarks (L2–Co1) mit schlaffen Paresen, Sensibilitätsstörungen sowie Blasen- und Mastdarmfunktionsstörungen.
Anatomische Grundlage: Die Cauda equina besteht aus motorischen, sensiblen und vegetativen Nervenwurzeln der Segmente L2 bis Co1
Entstehung: Eine raumfordernde Läsion, meist ein großer Bandscheibenprolaps, komprimiert die Nervenwurzeln im Spinalkanal
Folgen der Nervenkompression:
Durchblutungsstörung der Nervenwurzeln → Ischämie und Schädigung der Nervenfasern
Leitungsstörung motorischer und sensibler Fasern → schlaffe Paresen und Sensibilitätsausfälle
Beteiligung vegetativer Nervenfasern → Blasen- und Mastdarmstörungen sowie sexuelle Funktionsstörungen
Achtung
Je länger die Nervenwurzeln komprimiert werden, desto höher ist das Risiko für irreversible neurologische Schäden.
Ursachen:
Bandscheibenvorfall: häufigste Ursache, insbesondere im Bereich L4/L5 und L5/S1
Degenerative Spinalkanalstenose: Einengung des Spinalkanals mit Kompression der Nervenwurzeln
Weitere Ursachen: Trauma, Tumoren, epidurale Hämatome oder Abszesse
Symptomatik:
Reithosenanästhesie: Sensibilitätsstörung im Bereich von Perineum, Gesäß und Oberschenkelinnenseiten
Motorische Defizite: schlaffe, häufig asymmetrische Paresen der unteren Extremitäten
Blasen- und Mastdarmstörungen: Harnverhalt oder Inkontinenz infolge der Nervenkompression
Sexuelle Funktionsstörungen: häufige Begleiterscheinung durch Beteiligung autonomer Nervenfasern
Reflexabschwächung: Verminderte oder fehlende Reflexe der unteren Extremitäten möglich
Therapie:
Analgesie: Frühzeitige und ausreichende Schmerztherapie zur Linderung der Beschwerden und Ermöglichung eines schonenden Transports
Schonende Lagerung und Transport: Schmerzadaptierte Lagerung sowie möglichst erschütterungsarmer Transport
Neurologische Verlaufskontrolle: Regelmäßige Überprüfung von Sensibilität und Motorik
Schnellstmöglicher Transport in eine Klinik mit neurochirurgischer Versorgung: Das Cauda-equina-Syndrom stellt einen neurochirurgischen Notfall dar und erfordert eine zeitnahe operative Dekompression
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Zielkrankenhaus
Grundsätzlich richtet sich die Wahl des Zielkrankenhauses nach dem Vorliegen neurologischer Defizite, dem Schweregrad der Symptomatik sowie möglichen Warnzeichen.
Unkomplizierte Rückenschmerzen ohne Warnzeichen: gegebenenfalls ambulant behandelbar, Transport insbesondere bei ausgeprägter Schmerzsymptomatik, Immobilität oder fehlender häuslicher Versorgung
Radikuläre Symptomatik (Bandscheibenvorfall): Transport in ein Akutkrankenhaus mit Möglichkeit zur weiterführenden Bildgebung (CT/MRT) und neurologischer bzw. wirbelsäulenchirurgischer Abklärung
Neurologische Defizite: Bei Paresen, ausgeprägten Sensibilitätsstörungen oder Blasen- bzw. Mastdarmfunktionsstörungen bevorzugt Transport in eine Klinik mit neurochirurgischer oder wirbelsäulenchirurgischer Versorgung
Cauda-equina-Syndrom: Höchste Transportpriorität → direkte Zuweisung in eine Klinik mit 24-Stunden-Neurochirurgie zur zeitkritischen operativen Versorgung, ggf. Luftrettung erwägen
Traumatischer Bandscheibenvorfall oder relevante Begleitverletzungen: Transport in ein Traumazentrum mit Wirbelsäulenchirurgie, ggf. Luftrettung erwägen
Transportbegleitende Maßnahmen
Monitoring: Kontinuierliche Überwachung von Blutdruck, Herzfrequenz, Sauerstoffsättigung, Atemfrequenz und Schmerzintensität
Lagerung:
Schmerzadaptierte Lagerung entsprechend der individuellen Beschwerdesymptomatik
Stufenbettlagerung bei lumbalem Bandscheibenvorfall häufig schmerzlindernd
Bei Verdacht auf Wirbelsäulenverletzung achsengerechte Immobilisation
Analgesie: Fortführung und bedarfsgerechte Anpassung der Schmerztherapie während des Transports
Neurologische Verlaufskontrolle: Wiederholte Überprüfung von Sensibilität, Motorik und neu auftretenden neurologischen Ausfällen
Wärmeerhalt: Vermeidung einer Auskühlung während Transport und Versorgung
Dokumentation: Erfassung neurologischer Befunde, Schmerzverlauf sowie durchgeführter Maßnahmen
Übergabe in der Klinik
Strukturierte Übergabe nach standardisierten Schemata wie SINNHAFT oder ISOBAR
Vorliegen von Red Flags (z. B. Reithosenanästhesie, Blasen- oder Mastdarmstörung)
Traumatischem Entstehungsmechanismus oder Begleitverletzungen
Durchgeführte Analgesie und deren Wirkung
Relevante Vorerkrankungen und Medikation
Hochrisikopatient:innen: Bei Verdacht auf Cauda-equina-Syndrom, progredienten Paresen oder anderen schweren neurologischen Defiziten frühzeitige Übergabe an das zuständige Schockraumteam
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Definition
Definition
Bandscheibenvorfall
Ein Bandscheibenvorfall (Diskusprolaps) entsteht, wenn der weiche Gallertkern (Nucleus pulposus) einer Bandscheibe durch einen Einriss des äußeren Faserrings (Anulus fibrosus) nach außen tritt. Dadurch können Nervenwurzeln oder das Rückenmark komprimiert werden, was zu Schmerzen, Sensibilitätsstörungen oder neurologischen Ausfällen führen kann.
Lumbaler Bandscheibenvorfall (ca. 60 %): betroffen sind hauptsächlich die Segmente L4/L5 und L5/S1
Zervikaler Bandscheibenvorfall (ca. 35 %): tritt im Bereich der Halswirbelsäule auf, insbesondere zwischen C5 und Th1
Thorakaler Bandscheibenvorfall (ca. 2 %): Seltene Lokalisation im Bereich der Brustwirbelsäule
Ursachen
Degenerativer Bandscheibenvorfall → häufigste Form des Bandscheibenvorfalls
Traumatischer Bandscheibenvorfall → als isolierte Verletzung eher selten
Pathophysiologie
Degeneration der Bandscheibe → Wasser-, Proteoglykan- und Elastizitätsverlust → Höhenminderung und Belastbarkeit ↓
Faserring (Anulus fibrosus) wird spröde und rissanfällig → Bandscheibenstabilität ↓
Auslöser: Heben schwerer Lasten, Drehbewegungen, Husten oder Niesen → intradiskaler Druck ↑ → Austritt von Bandscheibenmaterial
Diskusprotrusion: Vorwölbung der Bandscheibe ohne Austritt von Material
Diskusprolaps: Austritt des Nucleus pulposus durch den geschädigten Faserring (häufigste Lokalisation: L4/L5 und L5/S1)
Nervenwurzelkompression → radikuläre Schmerzen, Sensibilitätsstörungen und motorische Defizite
Entzündungsreaktion durch Bandscheibenmaterial → zusätzliche Nervenwurzelreizung und Schmerzverstärkung
Klinischer Eindruck
Lumbalgie: akute oder chronische Schmerzen im Bereich der Lendenwirbelsäule
Bewegungseinschränkung: Schonhaltung und schmerzbedingte Einschränkung von Gehen, Stehen oder Bücken
Druck- und Belastungsschmerz: Schmerzverstärkung bei Bewegung, Heben oder Lagewechsel
Muskelverspannungen: reflektorische Verhärtung der paravertebralen Muskulatur
Ausstrahlende Schmerzen: Schmerzausbreitung entlang des betroffenen Nervenverlaufs
Schmerzverstärkung bei Husten, Niesen oder Pressen: Ausdruck des erhöhten Drucks auf die Nervenwurzel
Entlastungshaltung: Besserung der Beschwerden in bestimmten Schon- oder Entlastungspositionen
Achtung
Red Flags
Akutes motorisches Defizit
Progrediente neurologische Ausfälle
Reithosenanästhesie
Harn- und/oder Stuhlinkontinenz
Diagnostik
Merke
Das primäre rettungsdienstliche Ziel bei Verdacht auf einen Bandscheibenvorfall ist die frühzeitige Erkennung von Red Flags und neurologischen Defiziten. Insbesondere Paresen, Blasen- oder Mastdarmstörungen sowie eine Reithosenanästhesie müssen erkannt werden, da sie auf eine schwerwiegende Nervenkompression hinweisen können.
Inspektion:
Schonhaltung: Patienten nehmen häufig eine schmerzlindernde Entlastungs- oder Fehlhaltung ein, oft mit seitlicher Rumpfneigung
Bewegungseinschränkung: Aufrichten, Gehen, Bücken oder Lagewechsel sind häufig schmerzbedingt eingeschränkt
Verändertes Gangbild: Hinkendes oder vorsichtiges Gangbild aufgrund von Schmerzen oder neurologischen Ausfällen
Neurologische Auffälligkeiten: Mögliche Muskelschwäche oder Unsicherheit beim Gehen bei bestehender Nervenwurzelkompression
Palpation:
Paravertebraler Hartspann: reflektorische Verspannung der Rückenmuskulatur im betroffenen Wirbelsäulenabschnitt
Druckschmerz: Häufig lokaler Druckschmerz im Bereich der betroffenen Wirbelsäulenregion
Bewegungsschmerz: Schmerzen nehmen bei aktiver oder passiver Bewegung der Wirbelsäule häufig zu
Perkussion:
Meist unauffälliger Befund: Bandscheibenvorfälle verursachen typischerweise keine spezifischen perkutorischen Veränderungen
Auskultation:
In der Regel unauffälliger Befund: Beim Bandscheibenvorfall sind auskultatorisch keine charakteristischen Veränderungen zu erwarten
Bedeutung im Rettungsdienst: Dient hauptsächlich dem Ausschluss zusätzlicher kardialer oder pulmonaler Ursachen der Beschwerden
Therapie
Basismaßnahmen:
Lagerung:
Schmerzadaptierte Lagerung: Patient:innen sollten die Position einnehmen, in der die geringsten Beschwerden bestehen
Stufenbettlagerung: Bei lumbalem Bandscheibenvorfall häufig schmerzlindernd durch Entlastung der Lendenwirbelsäule
Schonende Mobilisation: Lagewechsel und Umlagerungen vorsichtig durchführen, um Schmerzspitzen zu vermeiden
Neurologische Verlaufskontrolle: Regelmäßige Überprüfung von Sensibilität, Motorik und neu auftretenden neurologischen Defiziten
Monitoring und Basisdiagnostik: Kontinuierliche Überwachung mittels EKG, SpO₂, Blutdruck- und Atemfrequenzkontrollen sowie wiederholte Schmerzevaluation
Venöser Zugang: Anlage eines intravenösen Zugangs bei starken Schmerzen und geplanter Analgesie
Traumatischer Entstehungsmechanismus: Bei Rückenschmerzen nach Sturz, Verkehrsunfall oder anderer Gewalteinwirkung muss zunächst von einer möglichen Wirbelsäulenverletzung ausgegangen werden
Immobilisation: Bei Verdacht auf eine instabile Wirbelsäulenverletzung oder relevante Begleitverletzungen sollte eine achsengerechte Immobilisation, beispielsweise mittels Vakuummatratze, erfolgen
Zielgerichtete Klinikwahl: Bei relevanten neurologischen Defiziten oder Verdacht auf ein Cauda-equina-Syndrom Transport in eine Klinik mit neurochirurgischer bzw. wirbelsäulenchirurgischer Versorgung
Spezifische Maßnahmen:
Analgesie: Frühzeitige Schmerztherapie nach lokalen Vorgaben zur Reduktion von Schmerzen und Muskelverspannungen, z.B. mit Paracetamol 1000 mg i.v. als Kurzinfusion, Esketamin 0,125-0,25 mg/kgKG i.v. oder Fentanyl 0,05 mg i.v. titriert bis gewünschte Wirkung, max. Dosis: 0,2 mg
Antiemetische Therapie: Bei vegetativ bedingter Übelkeit oder analgetikainduzierter Nausea kann die Gabe eines Antiemetikums, z.B. Ondansetron 4 mg i.v. erwogen werden
Besondere Situationen
Definition
Cauda-equina-Syndrom
Kompression der Nervenwurzeln der Cauda equina unterhalb des Rückenmarks (L2–Co1) mit schlaffen Paresen, Sensibilitätsstörungen sowie Blasen- und Mastdarmfunktionsstörungen.
Schnellstmöglicher Transport in eine Klinik mit neurochirurgischer Versorgung: Das Cauda-equina-Syndrom stellt einen neurochirurgischen Notfall dar und erfordert eine zeitnahe operative Dekompression
Transport
Grundsätzlich richtet sich die Wahl des Zielkrankenhauses nach dem Vorliegen neurologischer Defizite, dem Schweregrad der Symptomatik sowie möglichen Warnzeichen.
Unkomplizierte Rückenschmerzen ohne Warnzeichen: gegebenenfalls ambulant behandelbar, Transport insbesondere bei ausgeprägter Schmerzsymptomatik, Immobilität oder fehlender häuslicher Versorgung
Radikuläre Symptomatik (Bandscheibenvorfall): Transport in ein Akutkrankenhaus mit Möglichkeit zur weiterführenden Bildgebung (CT/MRT) und neurologischer bzw. wirbelsäulenchirurgischer Abklärung
Neurologische Defizite: Bei Paresen, ausgeprägten Sensibilitätsstörungen oder Blasen- bzw. Mastdarmfunktionsstörungen bevorzugt Transport in eine Klinik mit neurochirurgischer oder wirbelsäulenchirurgischer Versorgung
Cauda-equina-Syndrom: Höchste Transportpriorität → direkte Zuweisung in eine Klinik mit 24-Stunden-Neurochirurgie zur zeitkritischen operativen Versorgung, ggf. Luftrettung erwägen
Traumatischer Bandscheibenvorfall oder relevante Begleitverletzungen: Transport in ein Traumazentrum mit Wirbelsäulenchirurgie, ggf. Luftrettung erwägen
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Flake, F., Dönitz, S., Mensch Körper Krankheit für den Rettungsdienst, Elsevier, 2018, ISBN: 978-3437462023
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