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Borreliose

19 Minuten Lesezeit

Die Lyme-Borreliose ist eine durch Zecken übertragene Erkrankung. Hervorgerufen wird sie durch die gram-negative Bakteriengattung Borrelia spp. Die Lyme-Borreliose betrifft vor allem die Haut, das Nervensystem und das Herz.

Die klinische Manifestation wird in 3 Stadien unterteiltfrühes Stadium (Stadium 1), früh-disseminiertes Stadium (Stadium 2) und spät-disseminiertes Stadium (Stadium 3). Die Inkubationszeit umfasst eine breite Spanne von einigen Tagen bis hin zu einigen Wochen oder Monaten. Die Manifestation im frühen Stadium erfolgt häufig in Form kutaner Symptome als Wandererythem (Erythema migrans) nach 7-10 Tagen. Im disseminierten Stadium, welches nach einigen Wochen, bis Monaten oder Jahren auftritt, können das Nervensystem, in Form von Meningitis, Bannwarth-Syndrom oder Enzephalitis und das Herz, in Form von Lyme-Karditis, sowie große Gelenke in Form von Lyme-Arthritis betroffen sein.

Die Diagnostik erfolgt primär durch die klinische Präsentation klassischer Symptome, wie z.B. das Erythema migrans und kann mit einer Infektionsserologie und ELISA-Suchtest bestätigt werden. Eine Infektionsserologie bei negativem klinischen Befund, vor allem kurz nach Zeckenstich, ist wegen der geringen Sensitivität, sowie des diagnostischen Fensters, nicht indiziert.

Die Therapie erfolgt in Stadium 1 mit Antibiotika der Tetrazyklin-Klasse oder Amoxicillin. Im Stadium 2 und 3 mit Cephalosporinen.

  • Die Lyme-Borreliose ist auf der Nordhalbkugel die am häufigsten durch die Zecke übertragene Erkrankung
  • Da nur in wenigen Staaten eine Meldepflicht der Erkrankung besteht, liegen keine genauen Daten zu Inzidenz und Prävalenz vor
  • In Europa wird die Inzidenz auf 16-140/100.000 Einwohner geschätzt
  • Jahreszeiten-abhängig lassen sich Häufungen einzelner Borreliose-Manifestationen feststellen. So tritt das Erythema migrans vor allem im Juni und Juli häufig auf, die Neuroborreliose im Juli und August und die Lyme-Arthritis durch die variable Inkubationszeit des Spät-disseminierten Stadiums ganzjährig
  • Die Schildzecke ist ab einer Temperatur von ca. 6 °C aktiv

Erreger

Die Bakteriengattung Borrelia spp. gehört zur Familie der gram-negativen Spirochäten.

 Info
Klassifikation der Borrelia spp.

Die Abkürzung “spp.” steht in der biologischen Klassifikation (Erreger-Taxonomie) von Lebewesen für "Spezies/Art”. “Spezies” bezeichnet die Rangstufe direkt unterhalb der “Gattung”.

“Spp.” fasst alle Spezien (= Arten) einer Erreger-Gattung zusammen. So sind mit “Borrelia spp.” alle Borrelien-Spezies inkludiert und die nachfolgende Information bezieht sich auf die gesamte Gattung. 

Damit nicht zu verwechseln ist die Abkürzung “ssp.” Sie steht in der Taxonomie für “Subspezies/Unterart” und beschreibt somit den Rang, unterhalb der Spezies/Art.

Borrelia wird im weiteren Verlauf mit “B.” abgekürzt.

Bakterien der Gattung 'Borrelia burgdorferi'

Die Lyme-Borreliose kann durch verschiedene Spezies der Borrelien-Gattung ausgelöst werden. Betreffende Spezies werden als Borrelia-burgdorferi-sensu-lato-Komplex” zusammengefasst. Der Komplex umfasst mehr als 20 beschriebene Spezies, von welchen 6 gesichert humanpathogen und in Europa vorkommend sind:

  • B. afzelii
  • B. bavariensis
  • B. burgdorferi sensu stricto
  • B. garinii
  • B. mayonii
  • B. spielmanii

In den USA ist “B. burgdorferi sensu stricto” hinsichtlich der Lyme-Borreliose die einzig humanpathogen-vorkommende Spezies.

Vektor

Der Vektor, durch den die Bakterien an den Menschen gelangen, ist zumeist die Schildzecke (Ixodes). Je nach geographischer Lage sind verschiedene Spezies vorherrschend:

  • Europa: Ixodes ricinus (Gemeiner Holzbock), Ixodes persulcatus (Taigazecke)
  • USA: Ixodes scapularis (Hirschzecke)
  • Asien: Ixodes persulcatus (Taigazecke)
Entwicklungsstadien der Zecke

 

Die Zecke durchläuft nach dem Schlüpfen aus dem Ei drei Entwicklungsstadien: die Larve, direkt nach dem Schlüpfen, entwickelt sie sich mit der nächsten Blutmahlzeit zur Nymphe und diese nach einer weiteren Blutmahlzeit zur adulten Zecke.

Es bestehen deutliche Unterschiede der Infektionsraten je nach Entwicklungsstadium der Zecke. So beträgt die Infektionsrate bei Larven nur 1%, bei Nymphen 10% und bei adulten Tieren ca. 20%.
Diese Unterschiede sind auf die Acquisition der Borreliose-Bakterien im Laufe des Lebens der Zecke zurückzuführen und lassen rückschließen, dass eine transovarielle Weitergabe sehr selten ist.

 Info
Fun Facts zur Zeckenentwicklung

Die Zecke hat im Larvenstadium nur 6 Beine. Erst nach der Häutung und Entwicklung zur Nymphe trägt sie 8 Beine. Die geschlechtliche Differenzierung der Zecke entwickelt sich erst im letzten Entwicklungsschritt zur adulten Zecke.

Das Hauptreservoir der Borrelien-Gattung sind Rotwild, Vögel und Nager, v.a. Mäuse und Igel.

Der Vektor, die Schildzecke (Ixodes), nimmt beim Stich eines Wildtieres die Bakterien über das Blut in ihren Körper auf. Hier leben die Bakterien im Darm der Zecke weiter und werden bei einem erneuten Stich im Zuge des Saugaktes vom Darm in die Speicheldrüsen mobilisiert. Über den Speichel können die Bakterien dann an den nächsten Wirt, z.B. Mensch, übertragen werden.

Um diesen Ablauf und somit die Übertragung möglich zu machen, muss die Zecke mindestens einige Stunden gesaugt haben. Die Übertragungszeit beträgt in der Regel mindestens 24 Stunden, es gibt jedoch keine zuverlässige zeitliche Untergrenze.

Nach Eindringen in die Haut und Blutbahn können sich die Erreger hämatogen oder lymphogen in andere Organe ausbreiten.

Die klinische Einteilung der Borreliose erfolgt in 3 Stadien

Borreliose Stadien

Zwischen Zeckenstich und der Entstehung erster Symptome liegt ein asymptomatisches Intervall im Sinne der Inkubationszeit von 3-30 Tagen. Im Mittel zeigen sich die ersten Manifestationen nach 7-10 Tagen.

Das lokalisierte Früh-Stadium umfasst vor allem kutane Manifestationen. Es tritt wenige Tage bis Wochen nach der Infektion auf.

Das disseminierte Früh-Stadium ergibt sich durch die Ausbreitung der Borrelien im Körper und manifestiert sich Wochen bis Monate nach Infektion. Hierbei kommt es zu extrakutanen Manifestationen beispielsweise am Herz oder in den Gelenken.

Das disseminierte Spät-Stadium betrifft vor allem das Nervensystem, auch als “Neuroborreliose” bezeichnet. Die Manifestation erfolgt Monate bis Jahre nach Infektion.

Stadien müssen nicht kontinuierlich ineinander übergehen, sondern können auch übersprungen werden.

An einem disseminierten Stadium leiden nur ca. 1-5% der Patient:innen.

Ein Großteil der Infektionen verläuft asymptomatisch
Wenn es zur Krankheitsentwicklung kommt, können je nach Stadium folgende Organsysteme betroffen sein:

  • Die Haut
  • Das Herz
  • Das Nervensystem
  • Die Gelenke

Manifestationsübersicht nach Stadium

StadiumHaut-
Manifestation
Neurologische ManifestationSonstige Manifestationen
1, früh-lokalisiert
  • Erythema migrans
  • Borrelien-Lymphozytom
  
2, früh-disseminiert
  • Multiple Erythemata migranti
  • Multiple Borrelien-Lymphozytome
  • Frühe Neuroborreliose
    (lymphozytäre Meningitis, Meningoradikulitis, Hirnnervenparesen)
  • Lyme-Karditis
  • Frühe (flüchtige) Lyme-Arthritis
  • Selten Augenbeteiligung
3, spät-disseminiert
  • Acrodermatitis chronica atrophicans (ACA)
  • Späte Neuroborreliose (Encephalomyelitis, zerebrale Vaskulitis, periphere Neuropathie assoziiert mit ACA)
  • Chronische Lyme-Arthritis  (Mon-Oligo-Arthritis)

Kutane Manifestationen

Die kutanen Manifestationen der Borrelioseinfektion stellen häufig die frühesten Anzeichen der Infektion dar, vor allem das Erythema migrans, das im Durchschnitt nach 7-10 Tagen um die Einstichstelle herum erscheint. Das Borrelien-Lymphozytom sowie die Acrodermatitis chronica atrophicans stellen disseminierte Früh- bzw. Spät-Manifestationen der Borrelioseerkrankung dar und treten somit deutlich später im Infektionsverlauf auf (Wochen bis Monate, bzw. Monate bis Jahre nach Stich).

ManifestationAllgemeinesKlinik
Erythema migrans
  • Auch bezeichnet als Wanderröte
  • Lokalisierte Früh-Manifestation
  • Auftreten meist 7-10 Tage nach Stich
Erythema migrans
  • Randbetontes, nicht erhabenes, sich kreisförmig-ausbreitendes Erythem um die Einstichstelle
  • Im Zentrum Abblassung, teilweise sichtbare Zeckeneinstichstelle
  • Unspezifische Begleitsymptome wie Fieber, Myalgien, Arthralgien, Lymphknotenschwellungen sind möglich
  • Bei früher Dissemination: multiple Erythemata migrantia möglich
Borrelien-Lymphozytom*
  • Auch bezeichnet als Lymphadenosis cutis benigna
  • Disseminierte Früh-Manifestation
  • Selten im Rahmen einer Acrodermatitis chronica atrophicans als spät-disseminierte Manifestation
    (Wochen bis Monate nach Stich)
  • Auftreten häufiger bei Kindern als bei Erwachsenen
Borrelien-Lymphozytom
  • Pseudolymphom* (kutane lymphoide Hyperplasie)
  • Prädilektionsstellen: Ohrläppchen, Mamille, Genitoanalbereich
  • In Abhängigkeit der Infektionsdauer können beim Borrelien-Lymphozytom vermehrt IgG-Antikörper im Serum nachgewiesen werden
Acrodermatitis chronica atrophicans
  • Disseminierte kutane Spät-Manifestation (Monate bis Jahre nach Stich)
  • Auftreten vor allem an Streckseiten der Extremitäten

Ablauf in 3 Stadien:

  1. Ödematös-infiltratives Stadium:
    1. Asymptomatische Schwellung, livide Verfärbung
  2. Atrophes Stadium:
    1. Verlust des subkutanen Fettgewebes
    2. Hautvenen werden sichtbar, die Haut wirkt dünn, vgl. Zigarettenpapierhaut
  3. Fibrose Stadium:
    1. Fibroide Knotenbildung neben Gelenken
 Info
*Charakteristik der Lymphozytome

Innerhalb der Lymphozytome (= Pseudolymphome) kann der Erreger nachgewiesen werden, häufig B. afzelii.
Histologisch zeigen sich zumeist gemischte B- und T-lympohzytäre Infiltrate, selten reine B-Zell-Infiltrate (diagnostisch schwer von niedrig malignem B-Zell-Lymphom abzugrenzen).

Neurologische Manifestationen (ZNS und PNS)

Die neurologischen Symptome der Borreliose umfassen zu 99% das “Bannwarth-Syndrom”, als früh-disseminierte Manifestation. Die disseminierte Spät-Manifestation, auch als “Späte Neuroborreliose” bezeichnet, tritt häufig in Form zentralnervöser Entzündungen auf und ist sehr selten.

ManifestationAllgemeinesKlinik
Frühe Neuroborreliose

>98% der neurologischen Manifestationen

  • Disseminierte Früh-Manifestation (Wochen bis Monate nach Stich)
  • Bannwarth-Syndrom:
    • Meist nachts, brennend-schmerzhafte Meningoradikulitis* einzelner Rückenmarksnerven (spinale Nerven)
    • Radikuläre (in das Versorgungsgebiet ausstrahlende) Schmerzen des betreffenden Rückenmarksnervs
    • Häufig ein- oder beidseitige Fazialisparese
  • Lymphozytäre Meningitis
Späte Neuroborreliose
  • Disseminierte Spät-Manifestation (Monate bis Jahre nach Stich) 
  • Klassisch: Entzündung des ZNS (Enzephalomyelitis) mit Blasenstörung und spastisch-ataktischer Gangstörung
 Achtung
*Neuroborreliose bei Kindern

Bei Kindern präsentiert sich eine frühe Neuroborreliose klinisch häufig abweichend:

  • Statt Meningoradikulitis leiden Kinder häufiger an Meningitiden. Die Symptomatik äußert sich somit daher ggf. durch Kopfschmerzen, Nackensteifigkeit und Nervendehnungsschmerz im Sinne eines positiven Lasègue-Zeichens sowie Verwirrung und Erbrechen
  • Die Fazialisparese liegt bei Kindern zumeist nur einseitig vor

Gelenke

In den Gelenken kann sich die Borreliose in Form einer Lyme-Arthritis manifestieren. Dies erfolgt im Rahmen der frühen oder späten Disseminierung und tritt somit Wochen bis Monate, bzw. Monate bis Jahre nach Infektion auf.

ManifestationAllgemeinesKlinik
Lyme-Arthritis
  • Disseminierte Früh- oder Spät-Manifestation (Wochen, Monate bis Jahre nach Stich) 
  • Schubweise oder chronisch
  • Betrifft eines oder mehrere Gelenke, v.a. große Gelenke* (Knie, Sprung-, Ellenbogengelenke)
 Merke
*Betroffene Gelenke im Rahmen der Lyme-Arthritis

Auftreten einer Arthritis in kleinen Gelenken oder der Wirbelsäule spricht NICHT für die Lyme-Arthritis.

Herz

Die Lyme-Karditis beschreibt die kardiale Manifestation der Borrelioseerkrankung. Sie stellt eine disseminierte Früh-Manifestation dar und tritt Wochen bis Monate nach Infektion auf.

ManifestationAllgemeinesKlinik
Lyme-Karditis
  • Disseminierte Früh-Manifestation
    (Wochen bis Monate nach Stich)
  • Sehr selten
  • Myokarditis/Perikarditis
    • Reizleitungsstörungen (AV-Block I. bis III. Grades)
  • Rhythmusstörungen
    • Vorhofflimmern
    • Ventrikuläre Extrasystolen
  • Tachykardie

Die Diagnostik der Borreliose erfolgt in erster Linie durch die klinische Präsentation.

Erythema migrans, Stadium 1

  • Rein klinische Diagnose
  • Bei bekanntem Zeckenstich: Beobachtung der Einstichstelle für 4 bis 6 Wochen
    → Wenn Ausbildung Erythema migrans: Indikation für Antibiotika-Therapie
  • Keine Serologie indiziert, da in Frühphase oft negative Serologie
 Merke
Zeckenstich Anamnese

Bis zu 50% der an Borreliose erkrankten Patient:innen verneinen, einen Zeckenstich gehabt zu haben. Ein Zeckenstich in der Anamnese ist daher hinweisend, aber nicht obligat für die Diagnosestellung der Borreliose.

Alle anderen Stadien/Manifestationen

1. Klinischer Verdacht

2. Serologische Diagnostik

  • Untersuchung mit 1 ml Serum (+ Liquor bei neurologischer Manifestation)
  • Stufe 1: ELISA-Suchtest nach Anti-Borrelien-Antikörpern
  • Stufe 2: Immunoblot als Bestätigungstest
TestErgebnis [Unit pro ml]Bewertung

IgG

IgM

<3 U/mlNegativ
3-5 U/mlSchwach positiv
>5 U/mlPositiv
  • IgM-Antikörper erst ab 3. Woche positiv
  • IgG-Antikörper-Bildung ab 6. Woche
    • Bei Spätmanifestationen sind in der Regel nur IgG-Antikörper vorhanden
    • Ein isolierter IgM-Nachweis spricht gegen eine Spätmanifestation
 Info
Borrelien-Serologie

Borrelien-Antikörper haben eine hohe Prävalenz in der Normalbevölkerung und können über Jahre im Blut persistieren (auch IgM).

Desweiteren besteht eine diagnostische Lücke in der frühen Phase der Infektion, in welcher serologisch oft noch keine Antikörper bestimmbar sind. In späteren Stadien der Infektion sind hingegen nahezu alle Patient:innen seropositiv.

Eine serologische Diagnostik ohne vorliegende Symptomatik nach Zeckenbiss ist deshalb nicht indiziert und der Antikörper-Nachweis gilt in diesem Fall als diagnostisch unpräzise. Es kann nicht zwischen einer akuten oder vergangenen Infektion unterschieden werden. 

Ebenso ist die Serologie nicht zur Therapiekontrolle geeignet.

 Achtung

Falsch-positive Antikörperbefunde sind bei Syphilis-Erkrankung (Erreger: Treponema pallidum) oder infektiöser Mononukleose (Pfeifferisches Drüsenfieber, Eppstein-Barr-Virusinfektion) möglich.

3. Liquordiagnostik

  • Für Diagnosestellung der Neuroborreliose
  • Hinweisend: entzündliche Veränderungen
ParameterPhysiologischer BefundNeuroborreliose Befund
Zellzahl< 5 Leukozyten/uLZellzahl: 170 bis 220/uL
Lymphozytäre Pleozytose mit Plasmazellen und Lymphozyten
Glucose> 0,50 Ratio Liqour/Serum
(60-85 mg/dl)
Normal bis leicht erniedrigt
Lactat0,9-2,7 mmol/l
(altersabhängig)
Kann gering erhöht sein
Albumin< 5-10 Liquor/Serum x 103
(altersabhängig)
Erhöhter Albuminquotient 
(insgesamt erhöhtes Gesamtprotein)
AntikörperKein NachweisIn Frühphase: intrathekale IgM- und IgG-Synthese
In Spätphase: häufiger und höhere intrathekale IgG- und IgA-Synthese

4. Routinelabor

  • Dient der Differentialdiagnostik
  • Zumeist leicht erhöhte BSG, CRP, Leukozyten, Transaminasen

5. Direkter Erregernachweis

  • Keine Primärdiagnostik
  • Kulturelle Anzucht schwierig; möglich aus Haut-, Liquorprobe, Gelenkspunktat oder Blutplasma
  • Im fortgeschritteneren Stadium: PCR aus Gelenkspunktat am zuverlässigsten (andernfalls auch möglich aus Haut, Liquor)

6. Bildgebung

Indiziert bei:

  • V.a. borrelieninduzierte Vaskulitis
  • V.a. Encephalomyelitis

Die Differentialdiagnosen zur Borreliose sind vielseitig. Im folgenden Abschnitt werden einige wichtige Differentialdiagnosen aufgeführt, eingeteilt nach Manifestationsort der Borreliose:

  • Kutane Differentialdiagnosen
  • Neurologische Differentialdiagnosen
  • Gelenksbetonte Differentialdiagnosen

Des Weiteren sollten zur korrekten Diagnosestellung, vor allem bei Zeckenstich in der Anamnese, andere, durch Zecken übertragene Erkrankungen bedacht werden. Die folgenden 5 werden im unten stehenden Abschnitt genauer beleuchtet:

  • Babesiose
  • Anaplasmose
  • Zecken-Rückfallfieber
  • Zeckenbissfieber
  • FSME

Kutane Differentialdiagnosen

Borreliose-ManifestationDifferentialdiagnosen
Erythema migrans
  • Unspezifische Reaktion eines nicht-infizierten Zeckenstichs*
  • Fixes Arzneimittelexanthem
  • Granuloma anulare
  • Erysipel (vor allem bei schneller Ausbreitung des Erythema migrans ist Verwechslung häufig)
Multiple Erythemata migrantia
  • Erythema anulare
  • Parvovirus B19-Infektion (Ringelröteln)
  • Erythema exsudativum multiforme**
Borrelien-Lymphozytom
  • Solitäres B- oder T-Zell-Lymphom
Acrodermatitis chronica atrophicans
Schmetterlingserythem bei Lupus erythematodes
Schmetterlingserythem bei Lupus erythematodes
  • Kutanes Lymphom
  • Sklerodermie
  • Lupus erythematodes
 Merke
*Charakteristik des Nicht-infizierten Zeckenstichs

Eine unspezifische Reaktion eines nicht-infizierten Zeckenstichs zeigt sich durch:

  • Initial sich wenig ausbreitendes Erythem
  • Abnahme der Erythemintensität am 2. Tag (Decrescendo-Reaktion)
 Merke
Erythema exsudativum multiforme
Erythema exsudativum multiforme
**Erythema exsudativum multiforme vs. Borreliose

Beim Erythema exsudativum multiforme zeigen sich unter anderem Läsionen an den Schleimhäuten.

Die Borreliose hingegen zeigt keine Schleimhautbeteiligung, sowie keine palmoplantare Beteiligung.

Neurologische Differentialdiagnosen

Relevante Differentialdiagnosen zur Neuroborreliose:

  • Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME)
  • Guillan-Barré-Syndrom (GBS)
  • Multiple Sklerose (MS)
  • Plexusneuritis
  • Polymyalgia rheumatica
  • Spondyloarthritis
  • Bandscheibenvorfall

Gelenksbetonte Differentialdiagnosen

Relevante Differentialdiagnosen zur Lyme-Arthritis:

  • Reaktive Arthritis bei Erwachsenen
  • Juvenile idiopathische Arthritis bei Kindern
  • Psoriasis-Arthritis
  • Rheumatische Arthritis
  • Löfgren-Syndrom
 Info
Diagnostik der Arthritiden

Die Differentialdiagnostik der verschiedenen Arthritiden und rheumatischen Erkrankungen erfolgt unter anderem mithilfe der Bestimmung von Autoantikörpern (ANA, ANCA, CCP), Rheumafaktoren und HLA-Diagnostik. Zusätzlich sollte ein Routinelabor mit BSG und CRP für die Einschätzung der Entzündungsaktivität erfolgen.

Andere durch Zecken übertragene Infektionskrankheiten:

Babesiose:

  • Erreger: Protozoen Babesia spp. (infektiöse Einzeller)
  • Einnistung in Erythrozyten mit nachfolgender Zerstörung derselben
  • Klinik:
    • Grippe-ähnliche Symptome
    • Thrombopenie, hämolytische Anämie
    • Häufig asymptomatisch
    • Selten beim Mensch, erfordert meist keine Behandlung

Humane Anaplasmose:

  • Erreger: Anaplasma phagocytophilum
  • Bakterien befallen Leukozyten
  • Klinik:
    • Plötzlich einsetzend, Grippe-ähnliche Symptome
    • Thrombopenie, Leukopenie
    • Häufig asymptomatisch
 Info
Epidemiologie der Anaplasmose

Die Anaplasmose tritt vor allem im Nordwesten und an der Westküste der USA, sowie in den mittelamerikanischen Staaten auf. Zunehmend finden sich jedoch auch Infektionen in Europa.

Zecken-Rückfallfieber:

  • Erreger: Borrelia miyamotoi (weltweit)
  • Klinik:
    • Schwer kranke Patient:innen mit initial hohem Fieber über 40 °C und systemischer Begleitsymptomatik:
      Schüttelfrost, Tachykardie, Tachypnoe, Husten, Myalgie, Arthralgie, Photophobie, Bauchschmerzen, Hepatosplenomegalie, petechialen Blutungen
    • Erste Fieberepisode: 3-6 Tage mit absinkendem Fieber zwischen Tag 3 und 6
    • Am Ende des Fieberschubs: Entwicklung eines makulösen, stammbetonten Exanthems, teilweise mit petechialen Einblutungen
    • Nach 7 bis 10 Tagen erneuter Fieberschub mit Begleitsymptomatik
    • Insgesamt sind mehrere Intervalle möglich, die Symptomatik wird von Schub zu Schub milder
    • Ca. 30 % der Patient:innen zeigen schwere neurologische Symptome, z.B. Koma, Krampfanfälle, Hemiplegie
Infizierter Zeckenbiss bei Zeckenbissfieber
Nekrotische Zeckenbissstelle ("Eschar") bei Zeckenbissfieber

Zeckenbissfieber:

  • Erreger: Rickettsia spp., v.a. Rickettsia rickettsii (vorrangig in den USA)
  • Von Zecken übertragene Form des “Fleckfiebers”
  • Klinik:
    • Inkubationszeit ca. 2 Tage bis 2 Wochen
    • Kopfschmerzen
    • Gliederschmerzen, (starke) Myalgie
    • Fieber
    • 2 bis 5 Tage nach Fieber-Auftritt: Exanthem, häufig beginnend an Händen/Füßen, Ausbreitung über gesamten Körper
    • Häufig Eschar an der Einstichstelle (nekrotisches Gewebe)

Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME):

  • Erreger: Virus der Gattung Flavivirus
  • Klinik:
    • Klassisch biphasischer Verlauf (bei 40 % monophasisch)
    • Beginn: unspezifische Grippesymptome
    • Nach symptomfreien Intervall von ca. 1 Woche folgen spezifische neurologische Manifestationen:
      • Meningitis
      • Enzephalitis
      • Myelitis
 Achtung

Vor allem bei Erwachsenen besteht bei biphasischem Verlauf mit ausgeprägter neurologischer Symptomatik eine Gefahr für bleibende Spätfolgen wie anhaltende Müdigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten oder neurologische Ausfälle, z.B. Paresen.

  • Diagnostik:
    • Erste Infektionshälfte: PCR-Nachweis von Virusantigen aus Serum oder Liquor
    • Zweite Infektionshälfte: Nachweis virusspezifischer IgM- und IgG-Antikörper in Serum und Liquor

Entfernung der Zecke

Das richtige Entfernen einer Zecke

Die Zecke verankert sich beim Stich mittels ihrer Mundwerkzeuge, sowie ihres Speichelsekrets (vergleichbar mit Zement) in der Haut.

Das Entfernen der Zecke erfolgt daher am sichersten mit einer feinspitzigen Pinzette. Die Zecke sollte am Kopf oder den Mundwerkzeugen, direkt an der Einstichstelle gefasst und durch langsamen, kontinuierlichen Zug nach oben, entfernt werden. 

Die Zecke sollte nicht am Körper gefasst oder gequetscht werden. Ebenso sollten ruckartige oder drehende Bewegungen vermieden werden, da diese eine unvollständige Entfernung der Zecke begünstigen.

Das Verwenden von Desinfektionsmitteln sollte erst nach der Entfernung der Zecke erfolgen, da es die Zecke andernfalls reizen und zur vermehrten Speichelsekretion führen könnte. Aus demselben Grund sollte nicht versucht werden, das Tier mit anderen chemischen Substanzen wie Öl, Nagellackentferner oder Wachs vor der Entfernung zu ersticken/abzutöten.

Unvollständige Entfernung der Zecke:

Sollte die Entfernung der Zecke nicht vollständig gelingen, so verbleibt oft ein kleiner schwarzer Punkt in der Einstichstelle. Die weitere Penetration der Einstichstelle sollte vermieden werden, da sie Verletzungen und Infektionen begünstigt.

In der Regel werden die hinterbliebenen Bestandteile der Zecke vom Körper nach einigen Tagen abgestoßen und wandern dann an die Hautoberfläche oder werden phagozytiert und abgebaut.

Sollten sich an der Einstichstelle im Verlauf Anzeichen einer Entzündung, wie Rötung, Schwellung, etc., entwickeln, so empfiehlt sich die Vorstellung beim Hausarzt/der Hausärztin zur sterilen Exploration und Reinigung der Einstichstelle.

 Info
Funfacts zur Zeckenentwicklung

Zecken gehören zu den Spinnentieren und sind eine Unterklasse der Milben. Sie haben keinen Kopf an ihrem Körper und entgegen der gängigen Annahme, verbleibt beim unvollständigen Entfernen der Zecke nicht ihr Kopf, sondern Teile der Mundwerkzeuge in der Haut.

Medikamentöse Therapie

Die Lyme-Borreliose wird kausal mit Antibiotika behandelt. Je nach Stadium und Manifestation unterscheidet sich der Wirkstoff der ersten Wahl. So sind im lokalen, sowie früh- und spät-disseminierten Stadium ohne neurologische Symptomatik Doxycyclin oder Amoxicillin der Goldstandard. Im spät-disseminierten Stadium mit neurologischen Manifestationen sind in erster Linie Beta-Lactam-Antibiotika, vor allem Penicillin G, Ceftriaxon oder Cefotaxim indiziert. Die genauen Dosierungen zeigt die untenstehende Tabelle.

Je nach Stadium können weitere Manifestationen symptomatisch mit zusätzlichen Medikamenten, wie beispielsweise Schmerzmitteln, vorübergehend behandelt werden.

Lokale und disseminierte Frühmanifestation, Spätmanifestation OHNE neurologische Symptome:

AntibiotikumErwachsene
Dosis/Tag
Kinder
Dosis [pro kg KG]/Tag
Dauer
Doxycyclin2 x 100 mg 1-0-1-0 p.o./
1 x 200 mg  p.o.
*ab 9. Lj. 4 mg,
max. 200 mg

Lokalisierte Frühmanifestation:

  • 10-14 Tage

Disseminierte Frühmanifestation:

  • 14-21 Tage

Spätmanifestation ohne neurologische Symptome:

  • 30 Tage
Amoxicillin3 x 500-1.000 mg 1-1-1-0 p.o.50 mg

Lokalisierte Frühmanifestation:

  • 14 Tage

Disseminierte Frühmanifestation:

  • 14-21 Tage

Spätmanifestation ohne neurologische Symptome:

  • 30 Tage

Spätmanifestationen MIT neurologischen Symptomen:

AntibiotikumErwachsene
Dosis/Tag
Kinder
Dosis pro kg KG/Tag
Dauer
Penicillin G4 x 5 mio IE 1-1-1-1 i.v.200-500.000 IE i.v.14-21 Tage,
danach weiter oral bis 30 Tage
Ceftriaxon1 x 2 g  i.v.50 mg i.v.14-21 Tage,
danach weiter oral bis 30 Tage
Cefotaxim3 x 2 g 1-1-1-0 i.v.100-150 mg i.v.14-21 Tage,
danach weiter oral bis 30 Tage
 Achtung
Doxycyclin-Therapie

*Die Therapie von Kindern mit Doxycyclin darf erst nach Abschluss der Zahnschmelzbildung erfolgen. Andernfalls kann es zu Zahnverfärbungen, Zahnschmelzdefekten und Knochenwachstumsstörungen kommen.

Desweiteren ist Doxycyclin bei Schwangerschaft kontraindiziert.

 Tipp
Merkhilfe zur Borreliose-Therapie

Doxy und Amoxi machen Borrelien fix und foxi!

Sind sie dann noch nicht ganz zahm, hilft nur noch ein Beta-Lactam.

Die Borreliose ist insgesamt gut zu therapieren und besonders bei einem frühen Therapiebeginn können Komplikationen am besten vermieden werden, sodass die meisten Patient:innen nach abgeschlossener Behandlung beschwerdefrei sind.

Dennoch kann es in seltenen Fällen oder bei ausbleibender Therapie zu Langzeitfolgen kommen. 

Zu den wichtigsten Langzeitfolgen gehören die folgenden drei Beschwerdebilder:

Herzrhythmusstörungen

Kardiale Manifestationen treten bei bis zu 8 % der Patient:innen im Rahmen des früh-disseminierten Stadiums auf. In seltenen Fällen kann der Herzmuskel oder das Reizleitungssystem dauerhaft geschädigt werden.

So kann bei einem vollständigen AV-Block die Indikation für einen Herzschrittmacher bestehen. 

Post-Lyme-Syndrom

Auch bezeichnet als: Post-Treatment-Lyme-Disease-Syndrome (PTLDS)

  • Anhaltende Arthritis, auch nach erfolgreicher Antibiotikatherapie
  • Anhaltend Kopfschmerzen, Gelenk- oder Muskelschmerzen
  • Psychische Probleme wie z.B. Depressionen, Ängste, etc.

Therapeutisch wird in erster Linie auf die Linderung der Schmerz-Symptomatik durch NSAR wie Aspirin oder Ibuprofen gesetzt. Flüssigkeitsansammlungen in Gelenken können zudem drainiert werden.

Weitere Beschwerden

  • Chronisches Erschöpfungssyndrom (ME/CFS) mit anhaltender körperlicher Schwäche, erhöhter Ermüdbarkeit, Antriebs- und Kraftlosigkeit, unspezifischen Schmerzen

Gegen Borreliose gibt es zum aktuellen Zeitpunkt (September 2024) noch keine Impfung.

Als Prävention gilt daher bei Aufenthalten in der Natur von Hochrisiko Gebieten, insbesondere im Wald und hohen Wiesen, das Tragen langer, heller Kleidung. Diese bietet den Zecken weniger Hautkontakt und macht sie außerdem besser sichtbar.

Des Weiteren können Insektenschutzmittel entweder direkt auf die Haut (Wirkstoff: Diethyltoluamid (DEET)) oder auf die Kleidung (Wirkstoff: Permethrin) aufgetragen werden.

Sollte es dennoch zum Zeckenstich kommen, empfiehlt sich aufgrund der langen Übertragungszeit der Borrelien ein frühes Entfernen der Zecke.

 Info
FSME-Impfung

Gegen den Erreger der FSME gibt es seit vielen Jahren eine Impfung, welche nach der Grundimunisierung durch drei Impfungen alle 5 Jahre aufgefrischt werden sollte.

Zuletzt aktualisiert am 22.11.2024
Bakterien mit atypischem Gram-Verhalten
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