Code Kardio - Herzerkrankungen jenseits der Notfallroutine
9 Minuten Lesezeit
Zusammenfassung
Nicht alle kardiovaskulären Notfälle präsentieren sich mit den klassischen Leitsymptomen wie Brustschmerz oder Dyspnoe. Gerade in der präklinischen Notfallmedizin treten gelegentlich seltene, aber potenziell lebensbedrohliche Krankheitsbilder auf, die schnelles Erkennen und zielgerichtetes Handeln erfordern. Die Herausforderung liegt dabei häufig in der atypischen Symptomatik oder dem Fehlen klassischer diagnostischer Zeichen, was die Notwendigkeit einer hohen klinischen Wachsamkeit unterstreicht.
Im Folgenden werden relevante, jedoch untypisch verlaufende kardiologische Notfallsituationen vorgestellt, die insbesondere für die präklinische Versorgung im Rettungsdienst von Bedeutung sind.
Ziel ist es, das Erkennen, Einschätzen und initiale Management dieser Krankheitsbilder unter den oft eingeschränkten Bedingungen des Rettungsdienstes zu verbessern.
Die primäre Ursache einer Herztamponade ist in der Regel eine Ansammlung von Flüssigkeit im Perikardraum. Diese führt zu einer mechanischen Kompression, welche die Kontraktionsbewegungen des Herzens beeinträchtigt.
Die Kombination aus Hypotonie, erhöhtem zentralen Venendruck (z.B. sichtbar durch gestaute Halsvenen) und leisen Herztönen ist auch als „Beck-Trias“ bekannt. Es gilt als pathognomonisch (= charakteristisches, hinweisendes Symptom) für die Perikardtamponade.
Diagnostik:
Echokardiographie zur Diagnosesicherung (präklinisch nicht verfügbar)
Klinische Zeichen wie Pulsus paradoxus
Abgrenzung zu Spannungspneumothorax durch beidseits hörbares, vesikuläres Atemgeräusch
Maßnahmen im Einsatz
Kalkulierte Volumengabe zur Verbesserung der Vorlast
Zügigen Transport anstreben
Perikardpunktion nur unter sonographischer Kontrolle in der Klinik
Merke
Bei plötzlicher Hypotonie mit gestauten Halsvenen und unklarer Ursache sollte stets an eine Perikardtamponade gedacht werden, v. a. nach Trauma oder Interventionen.
Tipp
Kalkulierte Volumengabe bei Perikardtamponade:
Bei einer Perikardtamponade kommt es zu einer mechanischen Behinderung der diastolischen Füllung des Herzens durch Flüssigkeit im Perikardraum. Die Vorlast ist dadurch reduziert, was zur Hypotonie führt.
→ Ziel einer vorsichtigen Volumengabe ist es, den zentralvenösen Druck anzuheben, sodass das Herz trotz des perikardialen Drucks wieder besser gefüllt werden kann.
Achtung, folgendes beachten:
Die Wirkung ist nur temporär und keine definitive Therapie
Zu viel Volumen kann den Druck im Perikard weiter erhöhen oder zu einer Lungenstauung führen
Daher wird von einer kalkulierten Volumengabe gesprochen → meist in kleinen Boli (z. B. 250 ml kristalloide Infusionsösung) unter Beobachtung von Blutdruck und klinischem Zustand
Komplikationen
Bei einer fortschreitenden hämodynamischen Dekompensation kann es sowohl zu einem Schock als auch im Verlauf zu einem Kreislaufstillstand kommen. Dieser verläuft unbehandelt rasch letal.
Ein schnellerTransport hat also Vorrang vor zeitaufwändigen Interventionen.
Im Rahmen einer traumatisch bedingten Reanimation besteht die Möglichkeit, eine Perikardtamponade durch eine Notfall-Thorakotomie (Clamshell-Thorakotomie) zu behandeln.
Info
Weiterführende Informationen zu Indikationen und Voraussetzungen dieser Maßnahme finden sich im Artikel „Reanimation – Vorgehen und besondere Herausforderungen im Rettungsdienst“.
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Eine Myokarditis ist ein entzündlicher Prozess von Teilen oder der Gesamtheit des Herzmuskels, auch Myokard genannt.
In vielen Fällen kurieren die körpereigenen Abwehrmechanismen die Infektion teilweise oder gänzlich. Allerdings kann es auch zu bleibenden Schäden kommen, welche lebensgefährlich sein können.
Symptome:
Belastungsdyspnoe, Thoraxschmerzen
Palpitationen
Abgeschlagenheit
Diagnostik:
Häufig einhergehend mit EKG-Veränderungen
Meist zeigen sich ST-Streckenveränderungen im Sinne von Hebungen oder Senkungen
Anamnese mit (viralem) Infekt vorausgehend
Merke
Troponin kann erhöht sein, jedoch zeigt sich kein typisches ACS-Muster. Das vorrangige Symptom einer Myokarditis ist oft eine Art Erschöpfung und Belastungsdyspnoe ohne die klassischen Thoraxschmerzen, wie bei einem akuten Koronarsyndrom.
Besonders tückisch ist das Krankheitsbild bei jungen, sportlichen Patient:innen, da diese sich oft verzögert zur Behandlung vorstellen.
Maßnahmen im Einsatz
O₂-Gabe
Engmaschiges Monitoring und Kreislaufstabilisierung
Sportverbot und Schonung bereits präklinisch thematisieren
Achtung
Passt auf euch auf
Viele Kolleg:innen gehen auch mit einem einfachen, viralen Infekt arbeiten. Am Beispiel der Myokarditis sieht man, dass körperliche Schonung innerhalb eines Infekts wichtig ist.
Neben der Gefährdung der Patient:innen kann auch das eigene Leben gefährdet sein.
Komplikationen
Eine akute Schädigung des Herzens ist bei dem fortschreitenden Entzündungsprozess möglich und kann unterschiedlich ausfallen. Möglich sind zum Beispiel:
Eine akute Herzinsuffizienz → mit oder ohne resultierendes Lungenödem
EKG-Veränderungen im Sinne von ventrikulären Arrhythmien bis hin zum Kreislaufstillstand sind möglich
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Akutes rheumatisches Fieber mit Pankarditis
Definition
Akutes rheumatisches Fieber ist eine Immunreaktion auf eine Infektion mit Streptokokken der Gruppe A. Typischerweise tritt es als Folge einer Rachenentzündung (Tonsillitis oder Pharyngitis) auf. Diese Reaktion tritt typischerweise 2-3 Wochen nach der Infektion auf.
Die Pankarditis ist eine Entzündung des gesamten Herzens, also von Endokard, Myokard und Perikard.
Akutes rheumatisches Fieber manifestiert sich nicht nur als Pankarditis, sondern zeigt sich auch in anderen Symptomen. Dazu gehören wandartige Polyarthritis (eine Gelenkentzündung), Hautausschläge, sowie neurologische Symptome, die Chorea minor genannt werden. Die Herzbeteiligung bei akutem rheumatischem Fieber führt zu langfristigen Schäden an den Herzklappen. Diese werden als rheumatische Herzerkrankung bezeichnet.
Symptome:
Fieber
Gelenkschmerzen
Belastungsdyspnoe und Abgeschlagenheit
Diagnostik:
Nachweis vorangegangener Streptokokkeninfektion oder entsprechende Anamnese
Keine typischen EKG-Veränderungen
Tipp
Insbesondere die Anamnese ist in diesem Fall wichtig. Dabei ist ein vorhergegangener Infektfokus am wichtigsten. Eine kausale Therapie kann präklinisch nicht eingeleitet werden, weshalb ein schneller Transport essenziell ist.
Maßnahmen im Einsatz
Engmaschiges Monitoring und Stabilisierung
Ggf. Fiebersenkung, z.B. durch Wadenwickel, bei hohem FieberParacetamol erwägen
Transport
Merke
Die Stabilisierung, Anamnese und der Transport der betroffenen Person in die nächste internistische Klinik sind hier von oberster Priorität.
Ein Zeitverzug sollte vermieden werden!
Komplikationen
Bei dem bestehenden entzündlichen Prozess kann es zur Destruktion der Herzklappen kommen, wodurch weitere Komplikationen entstehen können. Auch eine Belastung des Herzmuskels sowie ein systemisches Fortschreiten im Sinne einer Sepsis sind möglich.
Damit keine Schäden bestehen bleiben, muss eine Therapie schnellstmöglich eingeleitet werden.
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Takotsubo-Kardiomyopathie
Definition
Die Takotsubo-Kardiomyopathie, auch bekannt als Broken-Heart-Syndrom oder Stress-Kardiomyopathie, ist eine vorübergehende Herzmuskelerkrankung. Sie wird durch starken emotionalen oder körperlichen Stress ausgelöst.
Es kommt zu einer plötzlichen Schwächung der linken Herzkammer. Dabei ähneln die Symptome einem Herzinfarkt. Allerdings ist keine „Verstopfung“ der Herzkranzgefäße erkennbar.
Symptome:
Thoraxschmerz
Dyspnoe
Zusammenhang mit emotionalem Stress
Diagnostik:
EKG meist unauffällig, leicht erhöhtes Troponin
Verdacht v.a. bei postmenopausalen Frauen
Info
„Gebrochenes Herz“ mit Lebensgefahr
Die sogenannte Takotsubo-Kardiomyopathie ist eine vorübergehende Herzmuskelerkrankung, die durch akuten emotionalen oder körperlichen Stress ausgelöst wird und auch als Stress-Kardiomyopathie oder "Broken-Heart"-Syndrom bekannt ist.
Wenn der Herzmuskel, vor allem die linke Herzkammer, plötzlich geschwächt ist, kann das zu Symptomen führen, die wie bei einem Herzinfarkt auftreten.
Maßnahmen im Einsatz
Behandlung analog ACS
Da präklinisch die Symptomatik einem akuten Koronarsyndrom ohne ST-Veränderungen entspricht, wird die Therapie entsprechend durchgeführt
Klinikaufnahme mit Echo und ggf. Herzkatheter
Komplikationen
Bei einer frühzeitigen Erkennung besteht eine sehr gute Prognose. Sollte der Stress jedoch anhalten, kann es zu anhaltenden Schäden am Herzmuskel kommen und eine Herzinsuffizienz oder ventrikuläre Tachykardien herbeiführen.
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Ein Phäochromozytom ist ein meist gutartiger, seltener Tumor des Nebennierenmarks, der Katecholamine (v. a. Adrenalin und Noradrenalin) produziert und ausschüttet. Seltener kann ein ähnlicher Tumor außerhalb der Nebenniere auftreten. Dann spricht man von einem Paragangliom. Beide Tumorarten gehören zu den sogenannten chromaffinen Tumoren.
Eine akute Phäochromozytomkrise beschreibt eine tumorbedingte und lebensbedrohliche Entgleisung mit massiver Freisetzung von Katecholaminen (Adrenalin, Noradrenalin) aus einem Phäochromozytom oder Paragangliom.
Sie führtzu plötzlicher, schwerkontrollierbarerHypertonie, Tachykardie, vegetativerEntgleisung und potenziell zu kardialen, neurologischen oder metabolischen Komplikationen. Die Krise kann spontan oder durch Trigger wie Stress, Medikamente oder mechanische Manipulation am Tumor ausgelöst werden.
Symptome:
Typischerweise treten die folgenden Symptome plötzlich und paroxysmal auf:
EKG: Zeichen von Myokardischämie, evtl. ST-Streckenveränderungen, Arrhythmien
Anamnese:
Bekannter Nebennierentumor?
Episoden von „Stressattacken“, Schwitzen, plötzlichem RR-Anstieg?
Auslösende Faktoren (z. B. Stress, Medikamente, Anästhesie)?
Maßnahmen im Einsatz
Beruhigung der erkrankten Person (Stress → weitere Katecholaminfreisetzung)
Lagerung: Oberkörper erhöht
Kontinuierliches Monitoring
Gabe von Alpha-Blocker (z.B. Urapidil) zur Blutdrucksenkung
Ggf. spezielle Therapie von Herzrhythmusstörungen
Klinikaufnahme mit internistischer Abteilung, idealerweise mit endokrinologischer Fachabteilung
Komplikationen
Zerebrale Blutung
Schlaganfall
Herzrhythmusstörungen
Lungenödem
ACS
Akutes Aortensyndrom
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