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Code Trauma - Traumaversorgung jenseits der Notfallroutine

19 Minuten Lesezeit

Nicht alle traumatologischen Notfälle sind schwerwiegend. Häufig handelt es sich um unkomplizierte Bagatelltraumata wie leichte Sportverletzungen, Prellungen oder Verstauchungen. Gleichzeitig gibt es jedoch spezielle, seltene, aber potenziell lebensbedrohliche Verletzungsmuster, die ein schnelles Erkennen und zielgerichtetes Handeln erfordern.

Im Folgenden werden sowohl leichte Traumata als auch spezielle traumatologische Notfallsituationen vorgestellt, die insbesondere für die präklinische Versorgung im Rettungsdienst von Bedeutung sind.

Ziel ist es, das Erkennen, Einschätzen und initiale Management dieser Verletzungen unter den oft eingeschränkten Bedingungen des Rettungsdienstes zu verbessern.

Hängetrauma - Vertikale Position

Das Hängetrauma bezeichnet eine durch längeres, bewegungsloses und annähernd freies Hängen in einem Anseilgurt ausgelöste Kreislaufdepression, die unbehandelt zu Bewusstlosigkeit und sogar zum Tod führen kann. Durch die fehlende Muskelaktivität staut sich Blut in den Beinen, was zu einer drastischen Verminderung des venösen Rückstroms und einer akuten Kreislaufinsuffizienz führen kann. Die schnelle, jedoch kontrollierte Rettung der betroffenen Person unter konsequenter Beachtung des Eigenschutzes ist entscheidend, um lebensbedrohliche Komplikationen zu verhindern.

Betroffen sind vor allem:

  • Kletterer:innen
  • Bergsteiger:innen
  • Seilgesicherte Arbeiter:innen
  • Paragleiter:innen
  • Fallschirmspringer:innen
Hängetrauma - überstreckte Rückenlage

Symptome:

  • Erschöpfung
  • Schmerzen
  • Präsynkopale Symptome, z.B. Schwindel
  • Ggf. Hypothermie
  • Ggf. Bewusstseinsverlust

Diagnostik:

  • Während der Hängephase ist eine aussagekräftige Diagnostik in der Regel nicht möglich, da die erkrankte Person häufig schwer zugänglich ist, beispielsweise bei einem hängenden Paragleiter:innen in einer Baumkrone
  • Bei wachen Patient:innen können während der Hängephase lediglich einfache Basischecks durchgeführt werden, wie die Überprüfung von Ansprechbarkeit, Orientierung und die Schmerzabfrage
  • Nach der Rettung richten sich die diagnostischen Maßnahmen nach den jeweils drohenden Komplikationen

Maßnahmen im Einsatz

  • Eigenschutz beachten
  • Wache Patient:innen: Aufforderung zur Aktivierung der Muskelpumpe, beispielsweise durch forcierte Beinbewegungen („Luftradfahren“) oder durch Abstoßen von einer in Reichweite befindlichen Oberfläche
  • Bewusstlose Patient:innen: Schnellstmögliche Rettung durch Spezialkräfte, z.B. Höhenrettung, Feuerwehr
  • Nach Rettung: Standardisierte Therapie nach xABCDE-Schema
 Merke
Lagerung nach Hängetrauma

Die in vielen Veröffentlichungen noch anzutreffende Empfehlung, Gerettete vorübergehend in einer Kauerposition zu stabilisieren, gilt nach aktuellem Stand mehrerer Studien als überholt und wird nicht mehr empfohlen.

→ Empfehlung: initiale Flachlagerung, bei bewusstlosen Patient:innen ist zusätzlich auf freie Atemwege zu achten.

Lagerung nach Hängetrauma
 Tipp
Klinikauswahl bei Hängezeit über 2 Stunden

Bei längerer Hängedauer ist eine großzügige Gabe kristalloider Infusionslösungen zur Vorbeugung eines Nierenversagens infolge einer wahrscheinlichen Rhabdomyolyse indiziert. Hat die betroffene Person mehr als zwei Stunden in hängender Position verbracht, sollte die Zielklinik über die Möglichkeit eines Nierenersatzverfahrens verfügen.

Komplikationen

Die wesentlichen Gefahren eines Hängetraumas unterscheiden sich je nach Phase des Ereignisses.

PhaseHauptrisiken
Während des Hängens
  • Kreislaufdepression
  • Atemwegsverlegung
  • Hypothermie
  • Bewusstseinsverlust
Nach der Rettung
  • Herzrhythmusstörungen
  • Hypothermie
  • Nierenschädigung (durch mögliche Rhabdomyolyse bedingt, vor allem nach langer Hängezeit)

Das Liegetrauma bezeichnet eine Schädigung von Gewebe und Organen durch lang andauerndes unbewegliches Liegen. Ursächlich sind meist Stürze, Unfälle oder internistische Notfälle, nach denen die betroffene Person nicht in der Lage ist, ihre Position selbstständig zu verändern. Besonders häufig treten Liegetraumata nach Stürzen im häuslichen Umfeld auf, wenn Patient:innen allein sind und erst nach längerer Zeit gefunden werden. Durch den anhaltenden Druck auf Weichteile kommt es zu Durchblutungsstörungen, Nekrosen und Rhabdomyolyse (Zerfall von Muskelfasern), die unbehandelt eine akute Niereninsuffizienz und lebensbedrohliche Elektrolytverschiebungen nach sich ziehen können. Eine weitere Gefahr stellt zudem die Hypothermie dar.

Symptome:

  • Druckschmerzen und harte, geschwollene Muskelpartien
  • Schwellungen, Hämatome, Blasenbildung der Haut
  • Allgemeinsymptome: Übelkeit, Erbrechen, Verwirrtheit, Schwäche, Hypothermie
  • Kreislaufinstabilität bis Schock

Diagnostik:

  • Anamnese: Dauer des Liegens, Unfallhergang, Vorerkrankungen, Medikamente
  • Körperliche Untersuchung: Haut, Weichteile, Muskulatur, Druckstellen
  • Vitalparameter: Blutdruck, Puls, SpO₂, EKG
  • Erhebung des Volumenstatus: Kontrolle auf Exsikkosezeichen (stehende Hautfalten, trockene Schleimhäute, verminderte Urinmenge)
  • Blutzuckermessung: Ausschluss von Hyper- oder Hypoglykämie als Ursache oder Begleitfaktor

Maßnahmen im Einsatz

  • Angepasste Volumensubstitution
  • An Patient:innenzustand angepasstes Monitoring der Vitalparameter
  • Ggf. Sauerstoffgabe
  • Analgesie nach Bedarf
  • Ggf. Immobilisation

Komplikationen

  • Hypothermie
  • Rhabdomyolyse
  • Akute Niereninsuffizienz
  • Kompartmentsyndrom
  • Exsikkose (vor allem bei älteren Patient:innen und langer Liegedauer)

Der Stolpersturz bezeichnet einen ebenerdigen Sturz infolge eines plötzlichen Hängenbleibens des Fußes an einem Hindernis oder einer Unebenheit. Besonders häufig tritt er im häuslichen Umfeld sowie im öffentlichen Raum auf und betrifft vor allem ältere Menschen aufgrund von Gangunsicherheiten, Muskelschwäche oder bestehenden Vorerkrankungen. Er kann zu unterschiedlichen Verletzungen führen. Diese reichen von Bagatellverletzungen bis hin zu Frakturen oder Schädel-Hirn-Traumata.

Symptome:

  • Lokale Schmerzen im Bereich der Verletzung (z. B. Handgelenk, Hüfte, Knie, Kopf)
  • Hämatome, Schürfwunden oder Platzwunden
  • Bewegungseinschränkung oder Schonhaltung bei Frakturen
  • Schwellung und Fehlstellung betroffener Extremitäten
  • Bei Kopfaufprall: Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit, Bewusstseinsstörungen

Diagnostik:

  • Anamnese zum Unfallhergang (inkl. Fremdanamnese, bei älteren Patient:innen → geriatrische Besonderheiten beachten)
  • Klinische Untersuchung auf Frakturen, Luxationen und Weichteilverletzungen
  • Kontrolle der Vitalfunktionen nach xABCDE-Schema
  • Inspektion auf äußere Verletzungen und Blutungen
 Tipp

Besonderes Augenmerk sollte auf eine mögliche Dauermedikation mit Antikoagulanzien gelegt werden, insbesondere mit DOAK / NOAK oder Vitamin-K-Antagonisten, da selbst bei Bagatellstürzen ein erhöhtes Risiko für intrakranielle Blutungen oder andere schwerwiegende Blutungskomplikationen besteht.

Maßnahmen im Einsatz

  • Immobilisation bei Verdacht auf Frakturen
  • Ggf. Analgesie
  • Bei Verdacht auf begleitende HWS-Verletzung → Immobilisation
  • An Patient:innenzustand angepasstes Monitoring der Vitalparameter
 Achtung

Auch wenn sich initial keine neurologischen Auffälligkeiten zeigen ist nach einem Sturz auf den Kopf unter Antikoagulation ist stets eine Krankenhausvorstellung zur Blutungskontrolle erforderlich, in der Regel mittels kranialem CT (cCT).

Komplikationen

  • Frakturen (häufig Radius, Femur, Hüfte)
  • Luxationen (z.B. Schulter)
  • Schädel-Hirn-Trauma
  • Prellungen und Distorsionen mit Funktionseinschränkung
  • Hypothermie bei längerer Liegezeit, insbesondere bei älteren Patient:innen
  • Erhöhtes Risiko für Folgekomplikationen wie Pneumonie, Immobilität und Thrombosen bei älteren Patient:innen

Verletzungen im Halsbereich sind hier mit weniger als 10 % zwar selten, können jedoch im Ernstfall schwerwiegende und potenziell lebensbedrohliche Folgen aufweisen.

Mögliche Verletzungsmuster lassen sich in folgende Ursachen gliedern:

  • Stumpfe Verletzungen:
    • Würgeverletzungen
    • Strangulationen (selbst oder fremd verursacht)
      • Akzidentelle Strangulationen können beispielsweise bei Verkehrsunfällen durch den Sicherheitsgurt oder bei Kindern durch das Hängenbleiben mit den Bändern einer Kapuze verursacht werden
    • Schlagverletzungen gegen den Hals oder der Anprall
  • Penetrierende Halsverletzungen:
    • Unfälle (beispielsweise Sturz durch Glasscheibe)
    • Absichtlich zugefügte Verletzungen (oft in suizidaler Absicht)
    • Gezielte Gewalteinwirkung, z.B. durch Messerstiche

Symptome:

  • Schluckbeschwerden und Halsschmerzen
  • Heisere Stimme
  • Stridor durch Schwellungen
  • Blutungen, Hämatome, Würgemale
  • Häufig Bewusstlosigkeit während der Strangulation
  • Mögliche Folgen einer zerebralen Hypoxie:
    • Unwillkürlicher Abgang von Urin und / oder Stuhl
    • Krampfanfälle

Diagnostik:

MechanismusUrsache / VorgehensweiseDiagnostische Merkmale
WürgenKompression der Halsweichteile mit den Händen, ohne Hilfsmittel
  • Würgemale (Finger- / Fingernagelabdrücke)
  • Petechien (im Gesicht, hinter den Ohren, Mundschleimhaut)
  • Zyanose 
Drosseln / ErdrosselnStrangulation mit Gegenstand (Schal, Seil, Draht) zirkulär um Hals gelegt und manuell zugezogen
  • Horizontal verlaufende Drosselmale
  • Zyanose
  • Petechien (Mundschleimhaut und Gesichtshaut)
Akzidentelles DrosselnUnbeabsichtigte Strangulation z. B. durch Gurte, Kleidungsstücke
  • ähnliche Befunde wie beim Drosseln
Typisches ErhängenStrangulationsmittel um Hals, Aufhängepunkt im Nacken, Körper hängt frei
  • Keine Stauung im Kopfbereich
  • schnelle Bewusstlosigkeit
Atypisches ErhängenAlle anderen Aufhängepositionen, häufiger als typisches Erhängen
  • Häufig Stauungszeichen, ggf. Drosselmarke
  • Atemwegsverlegung
Hanged-man-Fracture (selten)Sprung / Sturz aus Höhe in Schlinge (z. B. Ast, Exekution)
  • Häufig zusätzlich neurologische Ausfälle (abhängig vom Ausmaß der Rückenmarksbeteiligung)

Maßnahmen im Einsatz

Basismaßnahmen:

  • Sicherstellung der Vitalfunktionen nach dem xABCDE-Schema
  • Monitoring der Vitalparameter
  • Sauerstoffgabe

Erweiterte Maßnahmen:

  • Versorgung von Weichteilverletzungen und Blutungen:
    • Manuelle Kompression
    • Wundverband + Hämostyptika
    • Ggf. Anlage Kompressionsverband am Hals
  • Ggf. Analgesie
  • Bei Einschränkung oder Ausfall der Atmung → assistierte oder kontrollierte Beatmung
  • Bei Verdacht auf begleitende HWS-Verletzung → Immobilisation
  • Angepasste Volumensubstitution
 Info
Kompressionsverband am Hals
Kurzanleitung - Kompressionsverband am Hals:
  1. Manuelle Kompression:
    1. Blutung sofort mit der Hand stoppen und bis zum Anlegen des Verbandes beibehalten
  2. Anlage Notverband:
    1. Die Wundauflage des Notfallverbands auf der Wunde anbringen
    2. Den gegenüberliegenden Arm anheben → die Wickelung führt über die Achselhöhle zum Hals zurück
    3. Nach einer Fixierwickelung durch die Kunststoffspange wird bei der nächsten Wickelung der Verband durch die Spange gezogen und die Richtung gewechselt → Kunststoffspange übt nun Druck auf die Wunde aus
    4. Darauf achten, den Verband nicht zu fest oder dauerhaft unter hoher Spannung zu wickeln
    5. Wenn Verband fertig gewickelt ist → Arm absenken → dadurch entsteht weiterer Druck auf die Wunde
  3. Fixieren:
    1. Der Arm auf der Seite, unter deren Schulter der Notverband liegt, muss eng am Körper anliegen, um die Kompressionswirkung bestmöglich zu gewährleisten
    2. Option 1: Hand des Verletzten entweder im Hosenbund oder im Gürtel fixieren
    3. Option 2: Ist der Verletzte wach und ansprechbar, kann er den Arm selbst fixieren
 Achtung
Gefahr rascher Schwellung nach Strangulation

Bei Strangulationen treten häufig Einblutungen in die Halsmuskulatur sowie Frakturen des Schildknorpels und / oder des Zungenbeins auf. Aufgrund des Risikos einer rasch zunehmenden Schwellung ist auch bei zunächst milden Symptomen ein umgehender Transport in eine Klinik erforderlich.

Komplikationen

  • Atemwegsverlegung
  • Blutverlust → hämorrhagischer Schock
  • Mögliche Folgen einer zerebralen Hypoxie: Krampfanfälle, Bewusstlosigkeit
  • Begleitverletzungen der HWS

Das Distorsionstrauma (Verstauchung) bezeichnet eine Verletzung eines Gelenkes, die durch eine plötzliche, über das normale Maß hinausgehende Bewegung entsteht. Dabei kommt es zu einer Überdehnung oder Zerrung der Gelenkkapsel, Bänder und umliegenden Strukturen, ohne dass eine vollständige Ruptur oder Luxation vorliegt. Besonders häufig betroffen sind Sprung-, Knie- und Handgelenke. Die Verletzung führt zu Schmerzen, Schwellung und Bewegungseinschränkung und kann bei unzureichender Behandlung zu Instabilitäten und Folgeschäden am Gelenk führen.

 Merke
Pronations- und Supinationstrauma
  • Pronationstrauma: der Knöchel knickt nach innen
  • Supinationstrauma: der Knöchel knickt nach außen

Beides kann zu einer Verletzung des Sprunggelenks führen, die von einem Distorsionstrauma bis hin zu Bänderrissen reichen kann.

Eselsbrücke (an der Hand am einfachsten → an Fuß ebenso übertragbar): Pronation (Handrücken oben) = Brot auf Tisch legen, Supination = Suppenschüssel halten

Symptome:

  • Akuter Schmerz im betroffenen Gelenk
  • Schwellung und Überwärmung
  • Hämatom
  • Bewegungseinschränkung und Belastungsschmerz
  • Ggf. Gelenkinstabilität (häufig bei Beteiligung der Bänder)

Diagnostik:

  • Anamnese (Unfallmechanismus, Schmerzcharakter) nach xABCDE
  • Klinische Untersuchung (Inspektion, Palpation, Bewegungsprüfung)
  • Erhebung pDMS Status
pDMS-Schema

Maßnahmen im Einsatz

  • Die Therapie von Distorsionen richtet sich in der Akutphase nach der PECH-Regel
  • Ggf. Analgesie
  • Ggf. Immobilisation
RICE-Method (englisch) bzw. PECH-Regel (deutsch)

Komplikationen

Im Vergleich zu Frakturen oder Luxationen sind Distorsionen meist komplikationsärmer, jedoch besteht präklinisch die Gefahr einer Fehldiagnose durch Bagatellisierung, wenn die Verletzung als „harmlos“ eingestuft und dadurch notwendige weiterführende Diagnostik unterlassen wird.

  • Bänderriss oder Frakturen sind dennoch möglich → Röntgenkontrolle zum Ausschluss

Schussverletzungen entstehen durch das Eindringen eines Projektils in den Körper und können je nach Kaliber, Geschwindigkeit, Form und Energieübertragung des Geschosses zu unterschiedlich schweren Gewebeschäden führen. Neben dem direkten Wundkanal kommt es durch Kavitation (Hohlraum) und Druckwellen zu erheblichen Zerstörungen des umliegenden Gewebes, die oft weit über den sichtbaren Einschussbereich hinausgehen. Die Verletzungen können massive Blutungen, Schädigungen innerer Organe sowie Knochen- und Nervendestruktionen verursachen und sind ohne rasche notfallmedizinische Versorgung potenziell lebensbedrohlich. Eine schnelle, strukturierte Erstversorgung nach dem xABCDE-Schema und eine zügige chirurgische Weiterbehandlung sind entscheidend.

Kavitation bei Schussverletzungen

Bei Verletzungen durch Projektile mit mittlerer oder höherer Energie spielt die Kavitation eine zentrale Rolle. Ihr Ausmaß hängt maßgeblich von folgenden Faktoren ab:

  • Geschwindigkeit
  • Masse
  • Form
  • Oberflächenbeschaffenheit
  • Gierung und Rotation des Projektils 

Zusätzlich beeinflussen die Dichte und Elastizität des betroffenen Gewebes den Schweregrad der Verletzung.

 Info
Kavitation

Kavitation (=Hohlraum) bezeichnet in der Traumatologie die vorübergehende Ausbildung eines Hohlraums im Gewebe, der durch die rasche Energieabgabe eines Projektils entsteht.

Wenn ein Geschoss mit mittlerer oder hoher Geschwindigkeit in den Körper eindringt, verdrängt es die umgebenden Gewebeschichten explosionsartig nach außen. Dabei bildet sich eine temporäre Höhle, die sich kurz darauf wieder zusammenzieht. Dieses wiederholte Aufweiten und Kollabieren kann deutlich mehr Gewebeschaden verursachen, als allein durch den Projektilkanal zu erwarten wäre.

  • Primärer Schusskanal: direkter Weg des Projektils
  • Kavitation: zusätzliche temporäre Gewebshöhle durch Energieübertragung
  • Folge: Zerreißen, Quetschen und Absterben von Gewebe auch in einiger Entfernung vom eigentlichen Kanal
Schussverletzung am Abdomen mit Einschussöffnung und Ausschussöffnung

Symptome:

  • Lokale Zeichen:
    • Einschuss- und ggf. Ausschussöffnung
    • Ggf. Schmauchspuren
    • Blutungen
    • Hämatome, Schwellungen
    • Schmerzen im betroffenen Bereich
  • Systemische Zeichen:
    • Schockzeichen
    • Bewusstseinsstörungen bis hin zur Bewusstlosigkeit
    • Atemnot bei Thorax- oder Lungenbeteiligung
    • Zyanose
  • Spezifische Zeichen je nach betroffener Region:
    • Thorax: Zeichen eines Pneumothorax oder Hämatothorax
    • Abdomen: Abwehrspannung, akutes Abdomen
    • Extremitäten: Frakturzeichen, Bewegungseinschränkungen, Durchblutungs- und Sensibilitätsstörungen
Schussverletzung durch Schrotflinte

Diagnostik:

Bei Schussverletzungen ist nicht die Art der Waffe, sondern vor allem die Eigenschaften der Wunde entscheidend für die Diagnostik und Behandlung.

Welche Informationen kann der Behandelnde erheben?

  • Einschussöffnung
  • Ausschussöffnung (falls vorhanden)
  • Länge des Schusskanals (bei Ein- und Ausschuss)
  • Permanente Wundhöhle im Verlauf des Schusskanals
  • Verletzte Organe und Gewebearten entlang des Geschossweges

Wichtige Rückschlüsse:

  • Einschussöffnung in der Regel kleiner als Ausschussöffnung
  • Längerer Schusskanal → mehr Energieabgabe → größerer Schaden
  • Gewebeabhängige Verletzungsschwere:
    • Leber: schwere Verletzungen wegen geringer Elastizität
    • Oberschenkelmuskulatur oder Lunge: weniger ausgeprägte Schäden
  • Waffenabhängige Prognose:
    • Handfeuerwaffen → geringere Energie, oft günstigere Prognose
    • Automatikgewehre → höhere Energie, schwerere Gewebeschäden
    • Schrotflinten → hohe Energie, oft massive Weichteilverletzungen
 Tipp

Problem: In der Praxis treten oft schräge Einschüsse, Querschläger oder abgeprallte Geschosse auf → Beurteilung häufig schwieriger und weniger eindeutig.

Maßnahmen im Einsatz

 Achtung

Eigenschutz hat oberste Priorität → bei Vorfällen mit Schusswaffen darf die Einsatzstelle erst nach ausdrücklicher Freigabe durch die Polizei betreten werden.

Tourniquet und Woundpacking
  • Blutstillung:
    1. Manuelle Kompression
    2. Wound-Packing mit Hämostyptika
    3. Druckverband
    4. Tourniquet
  • Angepasste Volumensubstitution
  • Sauerstoffgabe
  • Die weitere Behandlung richtet sich nach dem Vorliegen von Komplikationen, beispielsweise Frakturversorgung

Komplikationen

  • Hämorrhagischer Schock
  • Je nach betroffener Region, können verschiedene Komplikationen auftreten, beispielsweise:
    • Thorax: Pneumothorax oder Hämatothorax, Perikardtamponade
    • Abdomen: Schwere innere Blutungen
    • Extremitäten: Frakturen, schwere Weichteilverletzungen
Zuletzt aktualisiert am 27.05.2026
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