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Deprivationsprophylaxe

JG
19 Minuten Lesezeit

Deprivation beschreibt den Mangel an wesentlichen Reizen oder Bedürfnissen, sowohl körperlich als auch psychisch, und kann in fünf Formen auftreten:

  • Sensorische Deprivation: Eintönige, reizarme Umgebung mit möglichen Störungen des Erlebens und Verhaltens
  • Soziale Deprivation: Mangel an menschlicher Interaktion, was Einsamkeit verursachen kann
  • Emotionale Deprivation: Fehlende emotionale Zuwendung, oft verbunden mit psychischem Hospitalismus bei langen Krankenhausaufenthalten
  • Kognitive Deprivation: Fehlen intellektueller Herausforderungen
  • Sprachliche Deprivation: Mangel an sprachlicher Interaktion

Risikofaktoren umfassen fehlende Zuwendung, Trennung von Bezugspersonen, lange Krankenhausaufenthalte und reizarme Umgebungen. Langfristig können Symptome wie Depression, Passivität, Reizbarkeit oder Koordinationsstörungen auftreten. Pflegekräfte sollten solche Symptome erkennen, dokumentieren und analysieren sowie Fachkräfte hinzuziehen. Zur Einschätzung des Deprivationsrisikos können Fragen zu Bewegung, Berührung, kognitiven Herausforderungen und sozialen Kontakten gestellt werden. Bei Risiken ist interdisziplinäre Zusammenarbeit wichtig, um Maßnahmen zu entwickeln und den Alltag der Patient:innen anzupassen.

Die Deprivationsprophylaxe umfasst patientenorientierte Ansprache und Reize in verschiedenen Bereichen:

  • Visuell: Gedämpftes Licht
  • Haptisch: Gegenstände zum Tasten
  • Auditiv: Musik oder Gespräche
  • Olfaktorisch und gustatorisch: Gerüche und Geschmack von Lieblingsessen
  • Kinästhetisch: Bewegungsübungen

Zusätzlich sollten Patient:innen Aufgaben des Alltags bewältigen, wie Einkaufen, Kochen oder soziale Interaktionen, mit Unterstützung durch Pflegekräfte oder Angehörige.

Das Wort Deprivation kommt aus dem Lateinischen ('deprivatio') und bedeutet „Beraubung“. Somit kann man darunter einen Zustand der Reizverarmung (eine Verringerung oder das Fehlen von äußeren Reizen, die zu sensorischen Unterforderungen führen können) bzw. den Mangel oder Entzug von wesentlichen körperlichen und psychischen Bedürfnissen verstehen. Demnach gelten Patient:innen als depriviert, wenn die objektiven Lebensumstände, wie z. B. der Gesundheitszustand oder die soziale Eingebundenheit, schlecht sind. Auch die subjektiven Lebensumstände, wie z. B. die Freizeitgestaltung oder zwischenmenschliche Beziehungen, können hierbei eine Rolle spielen.

Es können verschiedene Formen der Deprivation unterschieden werden, wobei die Begriffe der sensorischen, sozialen Deprivation sowie des psychischen Hospitalismus teilweise synonym verwendet werden. Außerdem ist eine klare Abgrenzung nicht möglich, weil die verschiedenen Formen sich gegenseitig bedingen oder sogar ineinander übergehen können. Zum Beispiel kann ein Mangel an sozialen Kontakten (soziale Deprivation) auch zu einem Mangel an Sinneseindrücken (sensorische Deprivation) führen, wenn dadurch weniger Reize aus der Umgebung wahrgenommen werden.

FormMerkmale

Sensorische Deprivation

  • Umgebung mit sehr wenigen sinnlich wahrnehmbaren Reizen
  • Nach kurzer Zeit entstehen Störungen des Erlebens und Verhaltens, wie Halluzinationen und psychische Störungen
  • Beeinträchtigung des Wohlbefindens

Soziale Deprivation

  • Mangel an sozialer Interaktion sowie Kontakten zu anderen Menschen, seien es Angehörige, Nachbarn oder Mitbewohner, und das über einen längeren Zeitraum
  • Dauerhafte Isolation der Patient:innen
  • Psychische Probleme, wie Depressionen oder Angstzustände
  • Gefühle der Einsamkeit: Abgeschiedenheit von Patient:innen von ihrer Umwelt im räumlichen und seelischen Sinn
    • Anzeichen einer Deprivation können sichtbar sein
    • Zustand kann positiv, z. B. im religiösen oder geistigen Kontext, oder negativ empfunden werden (wird als belastend erlebt)

Emotionale Deprivation

  • Bezugsperson bietet keine emotionale Zuwendung, die Vertrauen und Geborgenheit vermitteln soll
  • Aufbau oder Erhalt des Selbstvertrauens gestört
  • Verlieren mit der Zeit den Glauben daran, Herausforderungen des Lebens bewältigen zu können
  • Grund: langer Krankenhausaufenthalt → Entwicklung eines psychischen Hospitalismus
  • Psychischer Hospitalismus: umfasst alle körperlichen und seelischen Schäden, die durch einen längeren Aufenthalt von Patient:innen im Krankenhaus oder Heim entstehen → besonders bei Kindern entwickeln sich schwerste Störungen

Kognitive Deprivation

  • fehlende geistige Herausforderungen bzw. die fehlende Stimulation des Geistes
  • Patient:innen können nicht ihr volles kognitives Potenzial ausschöpfen oder weiterentwickeln
  • Langeweile
  • Unzufriedenheit
  • Gefühl der Unproduktivität
  • Langfristig: allgemeine Antriebslosigkeit und Depressionen

Sprachliche Deprivation

  • Teilweiser oder kompletter Verlust von sprachlichen Interaktionen
  • Gründe: z. B. Trennung von der Gesellschaft oder körperliche Einschränkungen, wie Gehörlosigkeit
  • Beeinträchtigung der kognitiven und sozialen Fähigkeiten
  • In frühem Kindesalter: schwerwiegende neurologische Entwicklungsstörungen
 Merke

Soziale Interaktion ist wichtig, um emotionale Unterstützung, Zugehörigkeit und geistige Anregung zu erfahren. Ein Mangel daran kann zu Einsamkeit, depressiven Verstimmungen und einer Beeinträchtigung der sozialen Fähigkeiten führen.

Risikofaktoren und Ursachen einer sensorischen Deprivation
Risikofaktoren und Ursachen einer sensorischen Deprivation
Risikofaktoren und Ursachen einer sozialen Deprivation
Risikofaktoren und Ursachen einer sozialen Deprivation
Risikofaktoren und Ursachen einer emotionalen Deprivation
Risikofaktoren und Ursachen einer emotionalen Deprivation
Risikofaktoren und Ursachen einer kognitiven Deprivation
Risikofaktoren und Ursachen einer kognitiven Deprivation
Risikofaktoren und Ursachen einer sprachlichen Deprivation
Risikofaktoren und Ursachen einer sprachlichen Deprivation
Deprivation: Risikogruppen
Deprivation: Risikogruppen
 Info

Standardisierte Assessments sind bisher noch nicht etabliert.

Um ein Risiko zu erkennen bzw. einschätzen zu können, benötigen Pflegekräfte das nötige Wissen über die Umstände, die zu diesem Zustand geführt haben, wie z. B. mangelnde soziale Unterstützung, eingeschränkte körperliche Aktivität oder fehlende geistige Stimulation. Zudem brauchen sie Wissen über die Symptome einer Deprivation (Mangel an sozialen und emotionalen Reizen, der zu Rückzug oder Antriebslosigkeit führen kann) bzw. des psychischen Hospitalismus (negative Auswirkungen durch einen längeren Krankenhausaufenthalt, wie z. B. Teilnahmslosigkeit oder Depression).

Pflegekräfte sollten beurteilen können, ob eine mangelnde Bindung zu Bezugspersonen besteht. Zudem sollten sie erkennen, ob positive und anregende Reize reduziert sind. Außerdem sollten sie eine eingeschränkte Wahrnehmungsfähigkeit der Patient:innen feststellen können. Anzeichen hierfür könnten beispielsweise eine fehlende Reaktion auf Ansprache, zurückgezogenes Verhalten oder fehlende emotionale Reaktionen sein.

Risikofaktoren erkennen: Bekommen Patient:innen im häuslichen Umfeld genügend soziale und emotionale Unterstützung, um geistig und körperlich aktiv zu bleiben?

Fragen zu verschiedenen Bereichen des Lebens stellen:

  • Bewegung: Bewegung ist wichtig für die körperliche und geistige Gesundheit. Bewegen sich Patient:innen selbst genug bzw. fördern Pflegekräfte die Bewegung, indem sie z. B. Bewegungsübungen mit den Patient:innen durchführen?
  • Berührung, Geräusche und Gerüche: Erfahren Patient:innen Berührungen bzw. unterschiedliche Reize durch unterschiedliche Temperaturen, Beschaffenheit von Materialien? Nehmen Patient:innen angenehme Geräusche oder bekannte Gerüche wahr?
  • Kognitive Herausforderungen: Bekommen Patient:innen die Möglichkeit, aktiv verschiedene komplexe Entscheidungen zu treffen, wie z.B. was sie anziehen möchten oder welche Aktivitäten sie durchführen möchten?
  • Soziale Kontakte: Befinden sich Patient:innen in Gesellschaft oder dauernd allein in ihrem Zimmer, führen sie Gespräche mit anderen?

Wenn ein Risiko erkannt wird:

  • Bestehenden Tagesablauf hinterfragen: Überlegen Sie, ob zusätzliche Aktivitäten eingebaut werden können, wie z. B. regelmäßige Spaziergänge, soziale Interaktionen, kreative Tätigkeiten (z. B. Malen oder Musizieren) oder kognitive Übungen (z. B. einfache Rätsel oder Gedächtnisübungen)
  • Welche und wie viele sensomotorische, kognitive, visuelle, auditive und emotionale Ansprache erhalten Patient:innen?
  • Interdisziplinäre Zusammenarbeit von Pflegekräften, Ärzt:innen, Physiotherapeut:innen und Sozialarbeiter:innen sicherstellen, z. B. durch regelmäßige Teammeetings, gemeinsame Fallbesprechungen oder abgestimmte Therapiepläne

Symptome und Auswirkungen:

FormSymptome und Auswirkungen

Sensorische Deprivation

  • Kurzfristig:
    • Unruhe und Nervosität
    • Veränderungen in der Wahrnehmung von Raum, Zeit und Körpergefühl
    • Konzentrationsprobleme
    • Langeweile und Apathie
  • Langfristig:
    • Halluzinationen
    • Angst und Paranoia
    • Depressive Symptome
    • Desorientierung
    • Kognitive Defizite
    • Schlafstörungen

Soziale Deprivation

  • Psychische Symptome:
    • Gefühl der Einsamkeit
    • Niedriges Selbstwertgefühl
    • Angststörungen
    • Depression
    • Reizbarkeit und Aggressivität
  • Verhaltensänderungen:
    • Sozialer Rückzug
    • Reduzierte Kommunikationsfähigkeit
    • Hilflosigkeit
  • Kognitive Symptome:
    • Eingeschränkte Empathie
    • Schwierigkeiten bei Problemlösungen
  • Physische Auswirkungen:
    • Erhöhtes Krankheitsrisiko
    • Schlafstörungen
    • Psychosomatische Beschwerden: wie Kopfschmerzen, Bauchschmerzen
  • Langfristige Folgen:
    • Bindungsstörungen
    • Chronische psychische Erkrankungen: Depressionen, Angststörungen oder Persönlichkeitsstörungen
    • Soziale Kompetenzdefizite
    • Erhöhte Sterblichkeit

Emotionale Deprivation

  • Psychische Symptome:
    • Gefühl der Leere
    • Niedriges Selbstwertgefühl
    • Bindungsprobleme
    • Emotionale Abstumpfung
    • Angststörungen oder Depressionen
  • Verhaltensweisen:
    • Übermäßige Suche nach Anerkennung
    • Rückzug
    • Perfektionismus
    • Abhängigkeit: Festhalten an ungesunden Beziehungen aus Angst, verlassen zu werden
  • Physische Symptome:
    • Schlafstörungen
    • Erhöhte Stressanfälligkeit
    • Chronische Müdigkeit
    • Psychosomatische Beschwerden: Kopfschmerzen oder Magen-Darm-Probleme

Kognitive Deprivation

  • Bei Kindern:
    • Verzögerte kognitive Entwicklung
    • Lernschwierigkeiten
    • Eingeschränkte Neugier
    • Geringere Problemlösefähigkeiten
    • Fehlende Fantasie
  • Bei Erwachsenen:
    • Kognitive Verlangsamung
    • Gedächtnisprobleme
    • Eingeschränkte Konzentration
    • Mangelnde Anpassungsfähigkeit
    • Gefühl der Langeweile oder Frustration
  • Emotionale und soziale Auswirkungen:
    • Isolation
    • Niedriges Selbstbewusstsein
    • Emotionale Abstumpfung
  • Physische Symptome:
    • Psychosomatische Beschwerden: Kopfschmerzen, Müdigkeit oder Stress durch Unterforderung
    • Erhöhte Demenzgefahr
  • Langfristige Folgen:
    • Intellektuelle Defizite
    • Soziale Benachteiligung
    • Entwicklungsstörungen
    • Chronische psychische Erkrankungen: Depressionen oder Angststörungen

Sprachliche Deprivation

  • In der frühen Kindheit:
    • Verzögerte neuronale Entwicklung des Gehirns
    • Verspätete Sprachentwicklung
    • Eingeschränkter Wortschatz
    • Fehlende grammatikalische Strukturen
    • Reduziertes Sprachverständnis
  • Im weiteren Verlauf:
    • Soziale Schwierigkeiten: Probleme, sich in sozialen Situationen auszudrücken oder auf andere zu reagieren
    • Schwierigkeiten in der Schule: vor allem beim Lesen, Schreiben und beim Verständnis komplexer Inhalte
    • Emotionale Auswirkungen: Gefühle der Frustration oder Isolation
    • Eingeschränktes abstraktes Denken

Maßnahmen zur Prävention:

FormPräventive Maßnahmen

Sensorische Deprivation

  • Umgebungsgestaltung: z. B. mit Bildern, eigenen Möbelstücken, Blumen, persönlichen Erinnerungsstücken, angenehmer Beleuchtung
  • An die Patient:innen angepasste regelmäßige Bewegung auch an der frischen Luft: z. B. Spaziergänge, Radfahren, Joggen oder Yoga im Park
  • Ansprache der unterschiedlichen Sinne:
    • Auditive Reize: z.B. sanfte Musik singen, Kinderreime bei jüngeren Patient:innen, bekannte Lieder bei älteren Patient:innen, Patient:innen mit dem Namen ansprechen
    • Visuelle Reize: z.B. gedämpftes Licht, Wassersäulen, Lichterketten
    • Haptische Reize: z.B. Gegenstände am Bett oder im Zimmer zum Streicheln und Tasten (Steine, Filz, Holz), angenehme Berührungen des Körpers
    • Olfaktorische Reize: z.B. Duftlampen (Lavendel für Entspannung, Zitrusfrüchte zur Anregung), Gerüche von Lieblingsessen
    • Gustatorische Reize: z.B. Lieblingsessen oder Lieblingsgetränke schmecken lassen
    • Kinästhetische Reize: z.B. Bewegungsübungen durchführen (wie Dehnübungen im Bett oder leichte Gymnastik), gezieltes Anheben und Bewegen der Gliedmaßen, Spaziergänge mit den Patient:innen machen (lassen), Balanceübungen oder Tanzen, um Mobilität und Koordination zu fördern

Soziale Deprivation

  • Angehörige aktiv in die Pflege einbeziehen: z. B. durch regelmäßige Gespräche, Schulungen oder die Einbindung in alltägliche Pflegetätigkeiten → erleichtert den Umgang mit den Patient:innen, vor allem, wenn diese wieder nach Hause sollen
  • Fragen, ob eine Kontaktperson über den Aufenthalt informiert werden soll
  • Patient:innen in einem geeigneten Rahmen miteinander bekannt machen: wie z. B. bei gemeinsamen Mahlzeiten oder Gruppenaktivitäten
  • Einladung zu Gruppenaktivitäten: wie z. B. gemeinsames Basteln, Spielen, Singen oder Bewegungsübungen

Emotionale Deprivation

  • Emotionen offen ansprechen und Raum bieten, diese auszuleben: z. B. durch Gesprächsrunden, kreative Ausdrucksformen wie Malen oder Schreiben oder durch gezielte Entspannungsübungen
  • Gespräche anbieten: insbesondere in belastenden Situationen oder nach belastenden Ereignissen → Patient:innen Unterstützung bieten und ihnen Raum für ihre Anliegen geben
  • Bei Patient:innen mit Demenz: Validation anwenden, d. h. die Gefühle und Wahrnehmungen der Patient:innen anerkennen und wertschätzen, um deren Realität zu bestätigen und sie emotional zu unterstützen

Kognitive Deprivation

Herausforderung
  • Strukturierter Tagesablauf: z. B. feste Zeiten für Mahlzeiten, Aktivitäten und Ruhephasen
  • Aktivitäten, die die Patient:innen gerne machen: z. B. ein Buch lesen, eine Sendung schauen und darüber sprechen, Zeitung lesen, Brettspiele spielen oder gemeinsam musizieren
    • Diese Aktivitäten könnten zu festen Zeiten oder im Rahmen von Gruppenangeboten organisiert werden
  • Übernahme von Aufgaben im Alltag: z. B. Post aus dem Briefkasten holen, beim Kochen und Backen helfen
    • Dabei sollten die Patient:innen je nach ihren Fähigkeiten unterstützt werden, um Überforderung zu vermeiden, z. B. durch Anleitung oder Hilfestellung bei schwierigen Tätigkeiten

Sprachliche Deprivation

  • Kommunikation mit den Patient:innen:
    • Wichtig ist hierbei auch die Nutzung der Gebärdensprache bei gehörlosen Patient:innen
    • Darüber hinaus sollten schriftliche Kommunikationsmittel bereitgestellt werden, wenn die Gebärdensprache nicht möglich ist.
  • Darauf achten, dass Hilfsmittel, wie Hörgeräte und Brillen, funktionsfähig sind und genutzt werden
    • Zusätzlich sollte regelmäßig überprüft werden, ob die Hilfsmittel richtig eingestellt sind
    • Die Patient:innen sollten bei Bedarf im Umgang mit diesen Hilfsmitteln unterstützt werden

Symptome und Auswirkungen:

RisikogruppeSymptome und Auswirkungen

Kleine Kinder (1-3 Jahre)

  • In den ersten 3 Monaten einer Trennung von Bezugspersonen: anaklitische Depression (spezielle Form der Depression, die durch anhaltende Verlustängste gekennzeichnet ist)
    • Weinerliche Stimmung
    • Anhaltendes Schreien
    • Zunehmender Gewichtsverlust
    • Entwicklungsstagnation
    • Kontaktverweigerung
    • Schlaflosigkeit
    • Infektionsanfälligkeit
    • Motorische Verlangsamung
    • Starrer Gesichtsausdruck
  • Trennung von Bezugspersonen länger als 3 Monate: psychischer Hospitalismus
    • Völlige Passivität
    • Kein Blickkontakt
    • Leerer Gesichtsausdruck
    • Reduzierte Augenkoordination
    • Spastische, stereotype Bewegungen
    • Niedriger Entwicklungsquotient
    • Hospitalmarasmus: starker körperlicher Verfall mit extremem Untergewicht

Ältere Kinder (ab 3 Jahren)

  • Lang andauernde emotionale Vernachlässigung und reizarme Umgebung
    • Regressives Verhalten
    • Depressive Störungen
    • Lernbeeinträchtigungen
    • Stereotypisches Schaukeln mit dem Oberkörper
    • Selbstverletzungen
    • Erbrechen und Durchfall
    • Hohe Infektanfälligkeit

Erwachsene

  • Schwere Krankheit mit langem stationärem Aufenthalt: Symptome des Hospitalismus
  • Intensivpatient:innen: wenig Besuch, kaum angenehme Reize, Blick auf weiße Wände, Decken und unbekannte Apparate
    • Mangelnder Genesungswille mit unzureichendem Coping
    • Abgabe von Verantwortung
    • Scheu vor Anforderungen des täglichen Lebens
    • Zunehmende Passivität bis hin zum vollständigen Rückzug
    • Akute Verwirrtheit oder Delir

Ältere Menschen

  • Unfähigkeit, die gestellten Aufgaben und Anforderungen zu bewältigen: wie z. B. der Übertritt ins Heim, nachlassende körperliche Fähigkeiten oder der Verlust des Partners
    • Entwicklung einer Inkontinenz
    • Sprachlosigkeit
    • Zunahme der Unfähigkeit, sich zu orientieren (zeitlich, örtlich und zur Person)
    • Zunehmender körperlicher Verfall

Sterbende Menschen

  • Fehlende Anpassungsfähigkeit an die Umwelt und die eigenen Bedürfnisse
    • Passivität
    • Rückzug
    • Schmieren mit den eigenen Exkrementen
    • Angstvolle Unruhe: z. B. ständiges Rufen oder Nesteln an der Bettdecke

Weitere Symptome und Auswirkungen:

  • Habituation (Gewöhnung): Patient:innen sind fortwährend gleichförmigen Reizen ausgesetzt
    • Entweder sind es zu viele Reize, und es findet ein Flooding (Überflutung, eine Reizüberflutung, bei der die Betroffenen keine Kontrolle mehr über die Reize haben) statt, oder es sind zu wenig Reize. Daraus resultiert ein an diese Umstände angepasstes Verhalten.
  • Wahrnehmungsstörungen: wie Halluzinationen, Illusionen oder verzerrte Wahrnehmungen von Geräuschen und Farben
  • Psychische Störungen: wie Depressionen oder Angststörungen
  • Fehlendes Selbstvertrauen: kann in Situationen auftreten, in denen Patient:innen aufgrund von Immobilität, eingeschränkter Kommunikation oder Abhängigkeit von Unterstützung das Gefühl haben, die Kontrolle über ihr Leben verloren zu haben
  • Verlust von kognitiven, sprachlichen und körperlichen Fähigkeiten: z. B. Verlust der Fähigkeit, komplexe Aufgaben zu planen, Schwierigkeiten beim Formulieren von Sätzen oder Verlust der Gehfähigkeit
  • Reizbarkeit
  • Koordinations- und Körperbildstörungen: durch länger anhaltende Immobilität, z. B. Schwierigkeiten bei der Feinmotorik oder das Gefühl, den eigenen Körper falsch wahrzunehmen
  • Deprivation natürlicher Schutzreflexe: wie dem Hustenreiz z. B. durch zu lange Einsatzzeit eines Tracheostomas
  • Bedürfnisse der Patient:innen könnten übersehen werden, da sie nicht auffallen und nichts einfordern, wie z. B. das Bedürfnis nach regelmäßiger Bewegung, Kommunikation oder Schmerzmanagement. Der Umgang mit ihnen wird als weniger belastend erlebt als mit Patient:innen, die z. B. den ganzen Tag rufen.
  • Übergewicht
  • Hohe Mortalitätsrate
 Merke
Auswirkungen bei Kindern

Nicht nur eine längere Trennung von Bezugspersonen kann bei Kindern derartige Symptome hervorrufen, wie z. B. Angst, Rückzug, depressive Verstimmungen oder Aggressivität. Auch eine Vernachlässigung des Kindes kann in jedem Alter zu ähnlich schwerwiegenden Symptomen führen. Dennoch spielt das Alter des Kindes eine große Rolle, in welcher Art und in welchem Ausmaß sich die Störungen entwickeln. Beispielsweise zeigen jüngere Kinder häufig Symptome wie Trennungsängste, während ältere Kinder eher depressive Verstimmungen, Rückzug oder Verhaltensauffälligkeiten, wie Aggressivität, entwickeln. Die schwersten Symptome treten zwischen dem ersten und dritten Lebensjahr auf, wie z. B. starke Trennungsängste, Entwicklungsverzögerungen, emotionale Labilität und anhaltendes Schreien.

Erhalten die Kinder Zuwendung durch eine Bezugsperson, wie z. B. regelmäßige körperliche Nähe, verbale Zuwendung oder gemeinsames Spielen, können einige Symptome wieder zurückgehen. Meist entwickeln sich aber Spätfolgen, die sich in Störungen des Denkens, Fühlens und Verhaltens äußern, wie z. B. Beziehungsunfähigkeit oder emotionale Stumpfheit. Typische Situationen, in denen sich diese Störungen zeigen, sind Schwierigkeiten beim Aufbau enger sozialer Beziehungen, mangelnde Empathiefähigkeit oder eine generelle Unfähigkeit, Freude und Zuneigung auszudrücken.

Maßnahmen zur Prävention:

 Merke

Besonders bedeutsam für die Patient:innen ist die Bezugspflege, da die zuständige Pflegekraft die Bedürfnisse ihrer Patient:innen genau kennt. So können Maßnahmen viel besser und koordinierter gesteuert werden.

RisikogruppePräventive Maßnahmen

Kinder

  • Öffnung der Kinderstationen für Eltern
  • Rooming-In: Eltern können rund um die Uhr bei ihrem Kind bleiben sein → fördert das Bonding und das Stillen, da die Nähe und kontinuierliche Zuwendung die emotionale Bindung stärken → unterstützt den Heilungsprozess, da das Kind weniger Stress erfährt und sich geborgener fühlt
  • Känguru-Methode: das Neugeborene hat möglichst viel Hautkontakt mit den Eltern, indem es auf der Brust der Eltern liegt → Förderung des Bonding und der Eltern-Kind-Beziehung
  • Kurze Verweildauer im Krankenhaus: Risiko von Krankenhausinfektionen wird reduziert und die familiäre Geborgenheit gefördert → Maßnahmen wie frühzeitige Entlassungsvorbereitung und eine gute häusliche Nachsorge tragen dazu bei
  • Kindgerechte Gestaltung der Kinderstation und der Zimmer: Spiel- und Beschäftigungsangebot, aber auch kindgerechte Aufklärung und Information vor und während des Krankenhausaufenthaltes, z. B. durch einfache Erklärungen medizinischer Abläufe, spielerische Vorbereitung auf Untersuchungen oder Bilderbücher, die den Krankenhausalltag kindgerecht vermitteln
  • Altersgerechte Beschäftigung: Eine altersgerechte Beschäftigung ist wichtig, um die motorischen, kognitiven und sozialen Fähigkeiten der Kinder zu fördern und ihre Genesung positiv zu beeinflussen
    • Altersentsprechendes Spielzeug, z. B. Rasseln
    • Bilderbücher
    • Lesen
    • Rollenspiele
    • Bällebad
    • Memory
    • Malen und Basteln
    • Gesellschaftsspiele
    • Digitale Medien

Erwachsene

  • Patientenorientierte Pflege: Ressourcen der Patient:innen (z.B. Fähigkeiten, Kenntnisse, soziale Unterstützung) berücksichtigen und in die Pflege einbeziehen
  • Patient:innen sowie Bezugspersonen in den Pflegeprozess einbeziehen:
    • Motivation zur Mitarbeit steigern (z.B. durch Anerkennung von Fortschritten, Einbindung in Entscheidungen, und Setzen von erreichbaren Zielen)
    • Gefahr des Rückzugs vermindern (z.B. durch regelmäßige Gespräche, Förderung sozialer Kontakte, und Einbindung in Gruppenaktivitäten)
    • Bedürfnisorientierung durch offene Besuchsregelung (z.B. flexible Besuchszeiten, Abstimmung der Besuche auf individuelle Bedürfnisse der Patient:innen) und individuelle Gestaltung der Besuche
    • Individuelle Begleitung, Information und Anleitung von Bezugspersonen (z.B. Ängste abbauen)
    • Rooming-In kann sinnvoll sein, wenn Bezugspersonen den Umgang mit den Patient:innen lernen müssen, um eine häusliche Weiterversorgung sicherzustellen
  • Stationen positiv stimulierend gestalten: z.B. durch eine ansprechende Farbgestaltung → beruhigende und gleichzeitig anregende Atmosphäre schaffen → Wohlbefinden und die Genesung der Patient:innen fördern
    • Farbige Wände, bunte Gardinen, Naturbilder, beruhigende Landschaftsfotografien, Pflanzen sowie persönliche Dekorationselemente

Ältere Menschen

  • Strukturierter Tagesablauf, vor allem bei Patient:innen mit Demenz (z.B. feste Essenszeiten, regelmäßige Spaziergänge, gemeinsames Musikhören, Teilnahme an einfachen Haushaltsaktivitäten)
  • Hilfsmittelnutzung fördern, z.B. Seh- oder Hörhilfen:
    • Orientierung ermöglichen (zusätzlich Einweisung in Räumlichkeiten und Stationsablauf, z.B. durch persönliche Rundgänge, detaillierte Erklärungen der Stationseinrichtungen, sowie die Bereitstellung von Lageplänen und visuellen Orientierungshilfen)
    • Pflegepersonal muss sicher im Umgang mit den vorhandenen Hilfsmitteln sein, ansonsten muss das Personal entsprechend ausgebildet werden (z.B. durch Schulungen zur Nutzung von Seh- und Hörhilfen, praktische Übungen mit den Geräten, und regelmäßige Auffrischungskurse)
  • Mitnahme persönlicher Gegenstände beim Übertritt ins Heim (z.B. Familienfotos, Lieblingskissen, vertraute Bücher oder Erinnerungsstücke)
    • Orientierung ermöglichen
    • Gefühl der Geborgenheit geben
  • Ausgewogenes Beschäftigungsangebot
    • Je nach Interessen der Patient:innen, z.B. den Gottesdienst in der Hauskapelle ermöglichen, kreative Aktivitäten wie Malen oder Basteln, gemeinsames Singen, Spielen von Gesellschaftsspielen, oder Teilnahme an Bewegungsübungen
  • Emotionale Unterstützung bieten (z.B. durch Gespräche über persönliche Interessen, Erinnerungen, aktuelle Ereignisse, regelmäßige emotionale Check-ins, sowie Angebote von Entspannungsübungen oder gemeinsamen Aktivitäten)
    • Gespräche anbieten
  • So oft es geht, Besuch ermöglichen (z.B. durch flexible Besuchszeiten, individuelle Besuchsabsprachen und die Möglichkeit, Besuche auch außerhalb der regulären Zeiten zu ermöglichen)
    • Erleichtert das Ankommen auf Station
    • Verbessert die Genesung

Sterbende Menschen

Sterben
  • Emotionale Unterstützung bieten: z.B. durch regelmäßige Gespräche, aktives Zuhören, das Anbieten von Entspannungsübungen oder einfaches Dasein und Begleiten
  • Jederzeit Besuch von Angehörigen zulassen: unter Berücksichtigung der Ruhezeiten der Patient:innen, z.B. durch Besuchsabsprachen und abgestimmte Besuchszeiten
  • Unterstützung der Angehörigen durch Beratung und Anleitung zum Umgang mit dem sterbenden Menschen: z.B. Gespräche über den Sterbeprozess, Techniken zur Schmerzlinderung, Möglichkeiten zur Förderung des Wohlbefindens und emotionale Unterstützung während der letzten Lebensphase
  • Zusammenarbeit mit Seelsorgern oder ehrenamtlichen Helfern: z.B. Seelsorger bieten spirituelle Unterstützung und begleiten Gespräche, während ehrenamtliche Helfer bei alltäglichen Aufgaben helfen, Zeit mit Patient:innen verbringen und emotionale Unterstützung leisten

Alle Altersgruppen

  • Interdisziplinäre Zusammenarbeit: z. B. Pflegekräfte, Ärzt:innen, Physiotherapeut:innen, Ergotherapeut:innen, Logopäd:innen → alle arbeiten gemeinsam daran, die bestmögliche Versorgung und Förderung der Patient:innen sicherzustellen
  • Wasserkontakt herstellen: z.B. durch ein Hand- oder Fußbad
  • Beruhigende oder anregende Massagen mit ätherischen Ölen (z.B. Lavendelöl zur Entspannung, Zitronenöl zur Anregung, Kamillenöl zur Beruhigung)
    • Vorsicht bei der Anwendung bei Kindern, da ätherische Öle Hautreizungen oder allergische Reaktionen auslösen können. Bestimmte Öle, wie Pfefferminz- oder Eukalyptusöl, sind für kleine Kinder ungeeignet und sollten vermieden werden.
  • Auditive Reize setzen: z.B. sanfte Musik (wie Klassik, Naturklänge oder beruhigende Instrumentalmusik), singen, Kinderreime bei jüngeren Patient:innen, bekannte Lieder bei älteren Patient:innen, Patient:innen mit dem Namen ansprechen
  • Visuelle Reize setzen: z.B. gedämpftes Licht, Wassersäulen, Lichterketten (gedämpftes Licht kann eine beruhigende Atmosphäre schaffen, Wassersäulen und Lichterketten können entspannend wirken und das Gefühl von Geborgenheit vermitteln, besonders hilfreich bei Patient:innen mit Angstzuständen oder Schlafproblemen)
  • Haptische Reize setzen: z.B. Gegenstände am Bett oder im Zimmer zum Streicheln und Tasten (Steine, Filz, Holz), angenehme Berührungen des Körpers (gezielte Berührungen können genutzt werden, um Entspannung zu fördern, Vertrauen aufzubauen oder bei unruhigen Patient:innen für Beruhigung zu sorgen)
  • Olfaktorische Reize setzen: z.B. Duftlampen (Lavendel für Entspannung, Zitrusfrüchte zur Anregung), Gerüche von Lieblingsessen (um positive Erinnerungen hervorzurufen und das Wohlbefinden zu steigern)
  • Gustatorische Reize setzen: z.B. Lieblingsessen oder Lieblingsgetränke schmecken lassen
  • Kinästhetische Reize setzen: z.B. Bewegungsübungen durchführen (wie Dehnübungen im Bett oder leichte Gymnastik), gezieltes Anheben und Bewegen der Gliedmaßen, Spaziergänge mit den Patient:innen machen (lassen), Balanceübungen oder Tanzen, um Mobilität und Koordination zu fördern
  • Einbindung in tägliche Tätigkeiten:
    • Individuell angepasst je nach Fähigkeiten der Patient:innen: z.B. leichte Tätigkeiten für weniger mobile Patient:innen und anspruchsvollere Aufgaben für Patient:innen mit höherer körperlicher oder kognitiver Leistungsfähigkeit: z.B. Wasser holen, Essenstablett holen und wegbringen, (im Heim) kochen, backen, Blumen gießen
  • Al-Abtah et al.: I care Pflege. Georg Thieme Verlag 2020, ISBN: 978-3-132-41828-8
  • Deprivation. In: Sprache Stimme Gehör. Georg Thieme Verlag 2010, DOI: 10.1055/s-0030-1254224 
  • Eckhard, K.: Deprivationsprophylaxe: Definition, Nutzen und Maßnahmen. Medi-Karriere 2023
  • Lauber et.al.: Prävention und Rehabilitation. Georg Thieme Verlag 2018, ISBN: 978-3-132-40658-2
Zuletzt aktualisiert am 26.06.2025
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