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Diuretika

Harntreibende Medikamente
12 Minuten Lesezeit

Diuretika sind Medikamente, die die Harnausscheidung fördern, insbesondere durch Hemmung der Rückresorption von Natrium in verschiedenen Teilen des Nephrons. Sie werden zur Behandlung der arteriellen Hypertonie, der Herzinsuffizienz und von Ödemen eingesetzt. Die wichtigsten Typen sind Schleifendiuretika, Thiaziddiuretika und kaliumsparende Diuretika, die sich in ihrem Wirkungsmechanismus und ihrer Wirkungslokalisation unterscheiden.

Für die praktische Anwendung: siehe Diuretika bei Herzinsuffizienz und Antihypertensiva.

  • Fördern die Harnausscheidung: gesteigerte Diurese
  • Fast alle Diuretika hemmen Transportprozesse in den Nephronen der Nieren ⟶  Dadurch verbleiben mehr Elektrolyte im Harn ⟶ Diesen folgt osmotisch Wasser (gesteigerte Elektrolyt- und Wasserausscheidung)
  • Für jeden Abschnitt des Nephrons gibt es ein passendes Diuretikum:
    1. Proximaler Tubulus:  Carboanhydrasehemmer
    2. Henle-Schleife (aufsteigender dicker Teil): Schleifendiuretika
    3. Distaler Tubulus: Thiaziddiuretika
    4. Sammelrohr: Kaliumsparende Diuretika
Diuretika Wirkorte
 Info

Besonderheit: Osmosdiuretika wirken im Bereich des gesamten Nephrons und greifen nicht in tubuläre Transportprozesse sein. 

  • Exsikkose
  • Störungen des Elektrolythaushaltes
  • Thrombenbildung (durch die erhöhte Blutviskosität)
  • Orthostatische Hypotonie

Wirkung der Carboanhydrase-Hemmer

  • Durch die Hemmung der Carboanhydrase im proximalen Tubulus wird die Bicarbonat- (HCO3-) und Natriumrückresorption gehemmt (mehr HCO3- und Na+ verbleiben im Harn ⟶ siehe rote Pfeile)
    • Die Carboanhydrase katalysiert die Reaktion von H2CO3 zu CO2 und H2O und umgekehrt
Carboanhydrase-Hemmer Wirkmechanismus

Wirkstoffe 

  • Acetazolamid

Indikationen

  • Glaukomanfall (Senkung der Kammerwasserproduktion)
  • Idiopathische intrakranielle Hypertension
  • Höhenkrankheit (off-label: ohne Zulassung)
  • Barbituratvergiftung

Nebenwirkungen

  • Alkalisierung des Harns durch die verminderte Resorption von Bicarbonat (und somit vermehrte Ausscheidung)
  • Metabolische Azidose („Verlust der Base Bicarbonat“)
    • Daher Gabe bei Höhenkrankheit, denn diese entspricht einer respiratorischen Alkalose ⟶ Kompensation
  • Hyperglykämie (Cave: bei Diabetes)
  • Hyperurikämie (Cave: bei Gicht)
  • Nierensteine
  • Hypotonie
  • Metallischer Geschmack

Wirkung der Schleifendiuretika

  • Hemmen reversibel den Natrium-Kalium-2-Chlorid-Cotransporter (NKCC) am dicken aufsteigenden Teil der Henle-Schleife
    • Dadurch verbleibt mehr Natrium (und Kalium sowie Chlorid) im Harn und bindet Wasser
      → Sehr effektive Diuresesteigerung
      → Fähigkeit zur Harnkonzentrierung geht verloren
    • Daneben wird auch die parazelluläre Rückresorption von Magnesium und Calcium reduziert
    • In den Hauptzellen des Sammelrohrs wird ein Teil des Natriums im Austausch mit Kalium rückresorbiert
    • Furosemid: führt bei intravenöser Gabe auch zur Dilatation der venösen Kapazitätsgefäße („venöses Pooling“)
Schleifendiuretika Wirkmechanismus

Wirkstoffe

  • Furosemid
  • Torasemid

Indikationen

  • Ödeme
    • Kardiale Ödeme (erhöhter hydrostatischer Druck): Lungenödeme, periphere Ödeme
    • Renale Ödeme bei nephrotischem Syndrom (Proteinverlust)
    • Hepatische Ödeme bei Leberzirrhose (verminderter kolloidosmotischer Druck durch eine reduzierte hepatische Proteinsynthese)
  • Forcierte Diurese (Gabe von Diuretika und Flüssigkeit)
    • Massive Diurese bei Intoxikationen
    • Indikationen: 
      • Hyperkalzämische Krise
      • Schwere Hyperkaliämie
      • Lithiumintoxikation
      • Rhabdomyolyse
  • Sequentielle Nephronblockade
    • Kombination von Schleifendiuretika mit Thiaziddiuretika bei Diuretikaresistenz
  • Arterielle Hypertonie (2. Wahl nach Thiaziden)

Nebenwirkungen

  • Elektrolytverlust
    • Natrium
    • Kalium
    • Calcium↓ (Cave: Osteoporose)
    • Magnesium
    • Hyperglykämie (Cave: Diabetes – verminderte Antidiabetika-Wirkung)
    • Hyperurikämie (Cave: Gicht)
    • Ototoxisch (v.a. bei schneller i.v.-Gabe)
    • Hypovolämie

Kontraindikationen

  • Anurie
  • Präkoma/Coma hepaticum
  • Hyponatriämie
  • Hypokaliämie
  • Stillzeit
  • Sulfonamid Überempfindlichkeit

Wechselwirkungen

  • NSAR reduzieren die diuretische und antihypertensive Wirkung
  • Methotrexat (MTX) und Probenecid (Urosurikum) reduzieren die diuretische Wirkung ⟶ Blockieren die tubuläre Sekretion der Schleifendiuretika
  • Schleifendiuretika: 
    • Verstärken die Digitalis-Wirkung durch Hypokaliämie
    • Hyponatriämie →  Gesteigerte Lithiumrückresorption → Steigende Lithiumspiegel mit Intoxikationsgefahr
 Achtung

Rebound-Effekt: Nach Absetzen der Schleifendiuretika kommt es zu einer gesteigerten Natriumretention!

 Merke

Furosemid (Lasix® lasts six hours) hat eine Wirkdauer von 6 Stunden. 

Gabe sollte morgens oder mittags erfolgen (Diurese am Tag und nicht in der Nacht). Torasemid wirkt 12 Stunden.

Wirkung der Thiaziddiuretika

  • Hemmen den Natrium-Chlorid-Symporter am distalen Tubulus
    • Es verbleibt mehr Natrium im Harn und bindet Wasser → Es wird mehr Urin gebildet (~ gesteigerte Diurese)
  • Durch die verminderte Natriumkonzentration in der Zelle steigt die Triebkraft des basolateralen Natrium-Calcium-Austauschers (NCX) → Durch die geringe intrazelluläre Calciumkonzentration kann 
    mehr Ca2+ aus dem Harn ins Blut aufgenommen werden
  • Es folgt wie bei den Schleifendiuretika eine gesteigerte Natriumrückresorption und Kaliumausscheidung in den Hauptzellen des Sammelrohrs
  • Blutdrucksenkender Effekt durch Vasodilatation setzt ca. 2 Wochen nach Therapiebeginn ein
Thiaziddiuretika Wirkmechanismus

Wirkstoffe

  • HCT (Hydrochlorothiazid wirkt von luminal)
  • Xipamid wirkt von peritubulär → Wirkt auch bei GFR <30 ml/min
  • Chlortalidon

Indikationen

  • Ödeme (v.a. chronisch)
  • Arterielle Hypertonie
  • Urolithiasis (Ca2+-haltige Steine)
  • Sequentielle Nephronblockade (in Kombination mit einem Schleifendiuretikum)
  • Renaler Diabetes insipidus (antidiuretische Wirkung)

Nebenwirkungen

  • Elektrolytverlust
    • Natrium
    • Kalium
    • Magnesium
  • Hyperglykämie (Cave: Diabetes - verminderte Antidiabetika-Wirkung)
  • Hyperurikämie (Cave: Gicht)
  • Hypercalcämie
  • Anstieg  der Triglyzeride und des LDLs (Cave: bei Hypercholesterinämie, metabolischem Syndrom)
  • SIADH (Syndrom der inadäquaten ADH-Ausschüttung)

Kontraindikationen

  • Niereninsuffizienz (GFR <30ml/min, Ausnahme Xipamid)
  • Exsikkose
  • Hyponatriämie
  • Hypokaliämie
  • Hypercalcämie
  • Schwangerschaft und Stillzeit
  • Sulfonamid-Überempfindlichkeit
 Achtung

Roter-Hand-Brief zu Hydrochlorothiazid (HCT): Risiko von nichtmelanozytärem Hautkrebs wie Basalzellkarzinom und Plattenepithelkarzinom der Haut ist erhöht!

 Wirkung 

  • Kaliumsparende Diuretika hemmen Na+-Kanäle im spätdistalen Tubulus und in den Hauptzellen des Sammelrohrs
    → Dadurch sinkt die Na+-Resorption und die K+-Sekretion
  • Das im Harn verbleibende Natrium bindet osmotisch H2O
    • a) Aldosteronantagonisten (Mineralocorticoid Antagonisten):
      • Wirkung verzögert (Wirkeintritt per os nach ~ 24 Std)
      • Verminderte Expression des ENaC (Natrium-Kanal), ROMK (Kalium Kanal) und der Natrium-Kalium-ATPase
    • b) Aldosteronunabhängige Diuretika
      • Wirkung direkt, kein Einfluss auf die GFR
      • Von luminal
Kaliumsparende Diuretika Wirkmechanismus

 

Wirkstoffe

  • a) Adolsteronantagonisten
    1. Spironolacton
    2. Eplerenon
  • b) Aldosteronunabhängige Diuretika                     
    1. Triamteren
    2. Amilorid

Indikationen und Nebenwirkungen

 AldosteronantagonistenAldosteronunabhängige Diuretika
Indikationen
  • Resistente Hypertonie
  • Primärer Hyperaldosteronismus
  • Sekundärer Hyperaldosteronismus
  • Nur Spironolacton: Leberzirrhose mit Aszites
  • Chronische Ödeme (in 
    Kombination mit Thiaziden)
  • Arterielle Hypertonie
Nebenwirkungen
  • Hyperkaliämie
  • Hyponatriämie
  • Hypotonie
  • Nur bei Spironolacton (bei jungen Patienten Gabe von Eplerenon)
  • Männer:
    • Gynäkomastie
    • Impotenz
  • Frauen:
    • Amenorrhoe
    • Hirsutismus
  • Hyperkaliämie
  • Hyponatriämie
  • Herzrhythmusstörungen
  • Triamteren: Nierensteine

Kontraindikationen

  • Niereninsuffizienz
    • Spironolacton und Eplerenon sind kontraindiziert ab GFR <30 ml/min
    • Hyperkaliämie
    • Hyponatriämie
    • Exsikkose
  • Amilorid und Triamteren: keine Kombination mit ACE-Hemmern und 
    AT-1-Rezeptorblockern (Hyperkaliämie-Gefahr)

Siehe auch Mineralocorticoid Antagonisten

Wirkung

  • Osmodiuretika sind eine besondere Gruppe, da sie nicht in die tubulären Transportprozessen eingreifen (keine Rezeptor-vermittelte Wirkung)
  • Nach i.v.-Gabe wird der Wirkstoff frei filtriert, er bindet osmotisch Wasser 
    (vergleichbar mit Glukosurie bei Diabetes mellitus)

Wirkstoffe

  • Mannit
  • Glycerin
  • Sorbit

Indikationen

  • Hirndrucksenkung
  • Glaukomtherapie

Nebenwirkungen

  • Exsikkose
  • Initial Volumenbelastung
  • Keine Salurese (Salzausscheidung)

Kontraindikationen

  • Kardiale Dekompensation
  • Lungenödeme
 WirkortIndikationenBesonderheiten

Carboanhydrase-Hemmer

  • Azetazolamid
  • Hemmung der Carboanhydrase im proximalen Tubulus ➜ vermehrte Bikarbonat- und Natriumaus-scheidung
  • Glaukomanfall (reduzierte
    Kammerwasser-produktion)
  • Idiopathische intrakranielle Hypertension
  • Höhenkrankheit (off-label:)
  • Barbituratvergiftung
  • Metabolische Azidose

Schleifendiuretika

  • Furosemid
  • Torasemid
  • Hemmung des Na+-K+-2Cl--Cotransporters im dicken aufsteigenden Teil der Henle-Schleife 
  • Ödeme (v.a. akut)
  • Forcierte Diurese
  • Sequentielle Nephronblockade
  • Arterielle Hypertonie 
    (2. Wahl)
  • Elektrolytverluste
  • Ototoxizität
  • Hyperurikämie

Thiaziddiuretikum

  • Hydrochloro-thiazid
  • Xipamid
  • Hemmung des Na+-Cl--Symporters im distalen Tubulus
  • Ödeme (v.a. chronisch)
  • Arterielle Hypertonie 
    (1. Wahl)
  • Urolithiasis
  • Sequentielle Nephronblockade
  • Renaler Diabetes insipidus
  • Elektrolytverluste
  • Hypercalcämie
  • Hyperurikämie
  • Hypercholesterin-ämie
  • SIADH

Kaliumsparende Diuretika

  • a) Aldosteron-antagonisten:  
    • Spironolacton
    • Eplerenon
  • b) Aldosteronun-abh. Diuretika
    • Triamteren
    • Amilorid
  • a) Hemmung der Expression von EnaC im spätdistalen Tubulus und Sammelrohr
  • b) Hemmung der ENaC-Kanäle

a)

  • Resistente Hypertonie
  • Primärer und sekundärer Hyperaldos-teronismus

b) 

  • Chronische Ödeme
  • Arterielle Hypertonie
  • Hyperkaliämie (v.a. in Kombination mit ACE-Hemmern oder AT1-Rezeptor-Blockern)
  • Nur Spironolacton: Gynäkomastie

Osmodiuretika

  • Mannit
  • Glycerin
  • Sorbit
  • Osmostische Bindung von Wasser 
  • Hirndrucksenkung
  • Glaukomtherapie
  • Initiale Volumen-belastung (KI: bei kardialer Dekompensation)

Effkte auf die Serumelektrolyte

  • ↓: Abfall im Serum (gesteigerte Exkretion)
  • ↑: Anstieg im Serum (reduzierte Exkretion)
  • ↔︎: minimale Effekte 
DiureseEffekt im Serum 
Na+K+Ca2+Mg2+Harn-säure
Carboanhydrase-Hemmer●●(↓)(↓)↔︎↔︎↔︎
Schleifendiuretika●●●●
Thiaziddiuretikum●●
Kaliumsparende Diuretika↔︎↔︎↔︎
Osmodiuretika●●●(↑)↔︎↔︎↔︎↔︎

 

  • Freissmuth et al.: Pharmakologie und Toxikologie. Springer 2012, ISBN: 978-3-642-12353-5.
  • Karow, Lang-Roth: Allgemeine und Spezielle Pharmakologie und Toxikologie 2012
  • Lüllmann et al.: Pharmakologie und Toxikologie. 15. Auflage Thieme 2002, ISBN: 3-133-68515-5
  • Wehling: Klinische Pharmakologie. 2. Auflage Thieme 2011, ISBN: 978-3-131-60282-4
Zuletzt aktualisiert am 17.12.2024
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