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Embryofetopathien durch Infektionserreger

TORCH-Infektionen, STORCH-Infektionen
SK
19 Minuten Lesezeit

Embryofetopathien durch Infektionserreger entstehen, wenn bestimmte pathogene Keime die Plazentaschranke überwinden und den Embryo oder Fetus während der Schwangerschaft infizieren. Solche Infektionen können zu schweren körperlichen oder neurologischen Schäden, Fehlbildungen, intrauterinem Fruchttod oder Frühgeburt führen. Besonders gefährdet ist der Embryo in der Frühschwangerschaft, da sich in dieser Phase die Organanlagen entwickeln.

Ein zentrales Konzept ist die TORCH-Gruppe, die für häufige plazentagängige Erreger steht:

  • Toxoplasma gondii: Risiko besonders bei Erstinfektion in der Schwangerschaft; mögliche Folgen sind Hydrozephalus, intrazerebrale Verkalkungen und Chorioretinitis.
  • Others: Dazu zählen u. a. Lues (Syphilis), Varizella-Zoster-Virus, Parvovirus B19 und HIV. Syphilis kann z. B. zu Hepatosplenomegalie, Knorpel-Knochen-Schäden und neurologischen Defiziten führen.
  • Rötelnvirus: Gefürchtet ist das kongenitale Rötelnsyndrom mit Katarakt, Herzfehlern (z. B. persistierender Ductus arteriosus) und Innenohrschwerhörigkeit.
  • Cytomegalievirus (CMV): Häufigste kongenitale Virusinfektion, oft asymptomatisch bei Geburt, aber mit Spätfolgen wie Schwerhörigkeit und Entwicklungsverzögerung.
  • Herpes-simplex-Virus (HSV): Meist perinatale Übertragung; kann zu Hautläsionen, Enzephalitis oder systemischer Infektion führen.

Diagnostik erfolgt über serologische Tests bei der Mutter sowie PCR aus Fruchtwasser, Nabelschnurblut oder Neonaten. Therapie ist je nach Erreger möglich (z. B. antibiotisch bei Lues oder toxoplasmosegerechte Therapie mit Spiramycin), aber oft nur symptomatisch. Prophylaxe spielt eine entscheidende Rolle – darunter Impfungen (z. B. gegen Röteln oder Varizellen), Screening in der Schwangerschaft und Hygienemaßnahmen.

Merke: Die Schwere der fetalen Schäden hängt stark vom Erreger, dem Infektionszeitpunkt sowie dem Immunstatus der Mutter ab. Die Prävention durch Impfungen und gezieltes Screening ist zentral für den Schutz des ungeborenen Kindes.

Infektionen in der Schwangerschaft, die auf das ungeborene Kind übertragen werden, werden als konnatale Infektionen bezeichnet. Die vertikale Transmission kann zu schweren embryofetalen Schädigungen führen. Besonders gefährdet ist das ungeborene Kind bei einer Primärinfektion der schwangeren Person, da mütterliche IgM-Antikörper nicht plazentagängig sind. Die Schwere der fetalen Schädigung hängt maßgeblich vom Zeitpunkt der Infektion ab:

  • Embryonalphase (3.–8. SSW): hohes Risiko schwerer Organfehlbildungen durch Störung der Organogenese
  • Fetale Phase (ab 9. SSW): häufig Wachstumsstörungen, ZNS-Schäden, Spätfolgen

Übertragungswege:

  • Diaplazentar: Über die Plazenta während der Schwangerschaft
  • Perinatal: Bei Geburt über Kontakt mit infektiösem Material
  • Postnatal: Über Stillen oder engen Kontakt zu infektiösen Personen
 Merke

Erregergruppen – Akronym TORCH

Torch = Fackel
  • T – Toxoplasmose (Toxoplasma gondii)
  • O – Others: z. B. Syphilis, Varizella-Zoster-Virus, Parvovirus B19, Zika-Virus
  • R – Rötelnvirus
  • C – Cytomegalievirus (CMV)
  • H – Herpes-simplex-Virus (HSV)
 Tipp

Die früher gebräuchliche Bezeichnung STORCH (Syphilis, Toxoplasmose, Others, Röteln, Cytomegalie, Herpes) wurde in vielen Fachquellen durch die modernere und präzisere Schreibweise TORCH ersetzt. Dafür gibt es mehrere Gründe:

Storch - Merkhilfe für die typischen Erreger bei Embryofetopathien
Internationale Standardisierung

Die Bezeichnung TORCH ist international gebräuchlich und in der medizinischen Fachliteratur weltweit anerkannt. Das erleichtert den Austausch von Informationen zwischen Ländern und Fachdisziplinen. Die Schreibweise „STORCH“ mit „S“ für Syphilis ist im Deutschen entstanden, findet aber international keine Entsprechung.

Flexibilität durch „O“ für „Others“

In TORCH wird Syphilis als Teil der Kategorie „Others“ betrachtet. Das ermöglicht eine kompaktere Darstellung und macht das Akronym besser erweiterbar, etwa um Erreger wie Varizellen, Parvovirus B19, Zika-Virus oder HIV. In STORCH hingegen wird Syphilis einzeln aufgeführt, was die Struktur weniger flexibel macht.

Didaktische Klarheit

Die TORCH-Abkürzung ist leichter zu merken und in der englischen Fachliteratur besser etabliert. Sie wird oft auch als „TORCH-Screening“ bezeichnet, also als serologische Untersuchung der Schwangeren auf typische vertikal übertragbare Infektionen.

TORCH-Infektionen – Übersichtstabelle

ErregerÜbertragungsrisikoHauptmanifestation beim KindBesonderheiten
Toxoplasmose↑ mit Gestationsalter (15–70 %)Hydrozephalus, Chorioretinitis, VerkalkungenKlassische Trias selten vollständig
Other: SyphilisHoch bei Primärinfektion (bis 100 %)Hepatosplenomegalie, Pemphigus, Hutchinson-TriasFrühform vs. Spätform; vollständig vermeidbar
Others (z. B. VZV, Parvovirus B19, Zika)VariabelSiehe untenPathogenabhängige Klinik
Röteln90 % (bei <11. SSW)Gregg-Trias: Innenohrdefekt, Katarakt, HerzfehlerSchwere Organfehlbildungen bei Infektion <17. SSW
CMV30–50 % bei PrimärinfektionMikrozephalie, Verkalkungen, HörverlustHäufigste kongenitale Virusinfektion
HSVv. a. perinatalHaut, Augen, ZNS, disseminierte Infektion möglichMeist perinatal durch Genitalsekret übertragen

Zeitpunkt der Infektion und mögliche Folgen

ZeitraumRisiko der TransmissionMögliche Folgen
1.–12. SSWGeringer, aber schwere SchädenAbort, Fehlbildungen (v. a. Röteln, Toxoplasmose)
13.–20. SSWMittleres RisikoFVS, ZNS-Schäden, Organhypoplasien
21.–40. SSWHöheres Risiko, mildere SchädenSpätschäden, Wachstumsretardierung
PerinatalHoch (z. B. HSV, VZV)Neonatale Infektion (disseminiert, ZNS)

Diagnostikvergleich – Mutter und Fetus/Neugeborenes

ErregerMaternale DiagnostikFetale/postnatale Diagnostik
ToxoplasmoseIgM/IgG + Avidität, ggf. PCR FWIgM/IgA, PCR, Bildgebung, Augenuntersuchung
SyphilisTPHA/VDRL, IgG/IgMIgM beim Kind, PCR/Dunkelfeld aus Läsionen
VZVIgG/IgM, PCR bei BläschenSonografie, PCR aus FW/Blut/Läsionen
Parvovirus B19IgM/IgG, Avidität, PCRDoppler A. cerebri media, PCR, Sono, evtl. IUT
ZikaPCR (Blut/Urin), IgM/IgGPCR, Bildgebung, Augen/Hörtest
RötelnIgM/IgG, Avidität, ggf. AmniozenteseIgM, PCR aus Körperflüssigkeiten
CMVIgM/IgG, Avidität, PCR ZervixsekretPCR aus Urin/Speichel/FW, Sono, MRT
HSVPCR Abstrich, SerologiePCR aus Liquor, Haut, Blut, Bildgebung

Therapieoptionen bei TORCH-Erregern

ErregerTherapieoption(en)Bemerkung
ToxoplasmosePyrimethamin + Sulfadiazin + Folinsäure (12 Monate)Off-label, BB-Kontrollen wichtig
SyphilisPenicillin G i.v. (10–14 Tage)Desensibilisierung bei Allergie nötig
VZVVZIG, Aciclovir (postnatal)Keine kurative Therapie bei FVS
Parvovirus B19Intrauterine TransfusionErfolgreich bei Hydrops
ZikaSymptomatisch, FrühförderungKeine antivirale Therapie verfügbar
RötelnSymptomatischPrävention durch Impfung
CMVValganciclovir (6 Monate), Ganciclovir (i.v.)Neutropenie als Nebenwirkung
HSVAciclovir i.v., evtl. SuppressionProphylaxe ab SSW 36 bei Herpes genitalis

Präventionsempfehlungen nach Erreger

ErregerImpfungenBesonderheiten der Prophylaxe
ToxoplasmoseNeinHygiene, kein Katzenkot, kein rohes Fleisch
SyphilisNeinScreening und Partnertherapie
VZVJa (vor SS)VZIG bei Exposition, keine Impfung in SS
Parvovirus B19NeinKontaktvermeidung mit kranken Kindern
ZikaNeinReisen vermeiden, Mückenschutz, kein ungeschützter Sex
RötelnJa (MMR-Impfung)Impfung vor SS, keine Impfung in SS erlaubt
CMVNeinHygiene, Risikoaufklärung bei Kleinkindkontakt
HSVNeinGenitallesionen beachten, Sectio bei Primärinfektion unter Geburt

Die konnatale Toxoplasmose ist eine durch diaplazentare Übertragung verursachte Infektion des ungeborenen Kindes mit dem intrazellulären Parasiten Toxoplasma gondii. Der Erreger gehört zur Gruppe der Sporozoen und durchläuft im Menschen als Zwischenwirt einen Teil seines Lebenszyklus, während Katzen als Endwirte fungieren. Eine Primärinfektion der schwangeren Person stellt dabei das größte Risiko für eine Transmission auf den Fetus dar. Je später die Infektion in der Schwangerschaft erfolgt, desto höher ist die Übertragungswahrscheinlichkeit, jedoch sinkt mit fortschreitender Gestationsdauer die Schwere der kindlichen Manifestation.

Pathophysiologie 

Toxoplasma gondii vermehrt sich in Makrophagen und ist in der Lage, die Plazentaschranke zu überwinden. Die Infektion kann zu nekrotisierenden Entzündungen insbesondere im zentralen Nervensystem und in der Retina führen. Die daraus resultierenden Schädigungen können dauerhaft sein und sich teils erst Monate bis Jahre postnatal manifestieren.

 Info
Toxoplasma gondii Ausstrich
  • Erreger: Toxoplasma gondii
  • Parasit: Einzeller aus der Gruppe der Sporozoen
  • Endwirt: Katze
  • Zwischenwirt: Mensch
  • Durchseuchung: Etwa 30–50 % der Bevölkerung in Deutschland infiziert
  • Klinik: In 95 % der Fälle asymptomatische Infektion

Übertragungsrisiko je nach Schwangerschaftszeitpunkt

  1. Trimenon: ca. 15 % Transmission, jedoch hohe Rate an Aborten und schweren Schäden
  2. Trimenon: ca. 30 % Transmission, oft milder oder asymptomatisch
  3. Trimenon: bis zu 70 % Transmission, meist milder Verlauf, aber Risiko für Spätfolgen

Klinik beim Neugeborenen

  • Intrauterin:
    • Abort oder intrauteriner Fruchttod (v. a. bei Infektion im 1. Trimenon)
  • Symptomatisch postnatal:
    • Hepatosplenomegalie
    • Ikterus prolongatus
    • Thrombozytopenie
  • Pneumonitis
  • Klassische Trias (selten vollständig):
    1. Chorioretinitis
    2. Intrazerebrale (periventrikuläre) Verkalkungen
    3. Hydrocephalus internus

Langzeitfolgen

  • Visusminderung oder Blindheit durch rekurrierende Chorioretinitis
  • Epilepsie, mentale Retardierung
Chorioretinitis im Rahmen einer konnatalen Toxoplasmose
Chorioretinale Narbe bei kongenitaler Toxoplasmose
Kind mit konnataler Toxoplasmose

Diagnostik

  • Maternale Diagnostik:
    • Serologie: Nachweis von Toxoplasma-IgM und IgG-Antikörpern
    • Aviditätsbestimmung der IgG-Antikörper zur Einschätzung des Infektionszeitpunkts
    • Bei Serokonversion oder V. a. Primärinfektion: PCR aus Fruchtwasser (Amniozentese) ab ca. 18.–20. SSW
  • Postnatale Diagnostik beim Kind:
    • Serologie: IgM-/IgA-Nachweis (Hinweis auf kindliche Eigenbildung)
    • PCR aus Blut, Liquor oder Plazentagewebe
    • Zerebrale Bildgebung (Ultraschall, MRT bei V. a. Läsionen)
    • Augenärztliche Untersuchung (Chorioretinitis?)
    • Labor: BB, Leberwerte, Entzündungsparameter

Therapie

  • Behandelt werden symptomatische Frühgeborene und Neugeborene mit einer Kombinationstherapie über mindestens 12 Monate (Off-label):
    • Pyrimethamin +
    • Sulfadiazin +
    • Folinsäure (zur Prophylaxe der Knochenmarkssuppression)
  • Frühzeitiger Therapiebeginn verbessert die Prognose erheblich
 Achtung

Hämatotoxizität → regelmäßige Blutbildkontrollen erforderlich! 

Therapie kann myelosuppressive unerwünschte Wirkung haben! 

Prognose

  • Bei einer pränatalen Infektion beträgt das Letalitätsrisiko für den Fetus bei 20 %
  • Bei Überleben ist fast immer mit bleibenden Schäden zu rechnen
  • Durch Therapie kann das Risiko für den Fötus um 50-90 % vermindert werden
  • Je früher die Behandlung beginnt, desto geringer sind die Schäden beim Kind

Prävention

  • Aufklärung schwangerer Personen, insbesondere bei negativem Serostatus
  • Hygienemaßnahmen:
    • Kein Verzehr von rohem/halbgegartem Fleisch
    • Obst/Gemüse gründlich waschen
    • Handschuhe bei Gartenarbeit tragen
    • Kontakt mit Katzenkot (z. B. beim Reinigen der Katzentoilette) meiden
    • Gute Küchen- und Händehygiene
 Merke

Die konnatale Toxoplasmose ist weitgehend vermeidbar durch konsequente Hygiene und gezielte Vorsorgeuntersuchungen bei Risikopatientinnen. Aufgrund der hohen Rate asymptomatischer Verläufe ist ein systematisches Screening (v. a. bei seronegativen Schwangeren) in vielen Ländern etabliert, in Deutschland allerdings (Stand 2024) keine Kassenleistung im Rahmen der regulären Mutterschaftsvorsorge.

Konnatale Syphilis 

Die konnatale Syphilis ist eine systemische Infektion des Feten mit Treponema pallidum, verursacht durch diaplazentare Übertragung während der Schwangerschaft. Besonders gefährlich ist eine Primärinfektion der schwangeren Person im ersten oder zweiten Trimenon. Ohne Behandlung beträgt das Risiko einer Transmission bis zu 100 %.

Treponema pallidum

Virologie & Pathogenese

  • Treponema pallidum ist ein gramnegatives, bewegliches Spirochät-Bakterium
  • Überwindet die Plazentaschranke ab der 10. SSW
  • Führt zu systemischen Entzündungen und Organschäden beim Feten

Klinik

  • Frühform (Lues connata praecox, Geburt bis 2. Lebensjahr):
    • Hepatosplenomegalie, Ikterus, Anämie, Hydrops fetalis
    • Pemphigus syphiliticus (Blasen an Handflächen/Fußsohlen)
    • Coryza syphilitica (blutige Rhinitis)
    • Osteochondritis mit metaphysären Veränderungen
  • Spätform (Lues connata tarda, ab 2.–3. Lebensjahr):
    • Hutchinson-Trias:
      1. Keratitis parenchymatosa
      2. Innenohrschwerhörigkeit
      3. Tonnenzähne (tonnenförmige Schneidezähne mit zentraler Einkerbung)
Tonnenförmige Schneidezähne
  • Weitere Stigmata:
    • Sattelnase (eingesunkener Nasenrücken durch Knorpel- und Knochendestruktion der Nasenscheidewand)
Sattelnase im Rahmen der Syphilis
  • Caput natiforme (verbreiterter, quadratischer Schädel durch gestörte Knochenentwicklung)
  • Säbelscheiden-Tibia (nach anterior konvexe Tibia durch Periostentzündung im Wachstum)
Säbelscheiden-Tibia als Spätfolge der Syphilis
  • Tabes dorsalis (degenerative Veränderung der Hinterstränge des Rückenmarks – Ataxie, Hypästhesien, Blasenstörungen)
  • Uveitis (entzündliche Beteiligung der mittleren Augenhaut)

Diagnostik

  • Serologie (Mutter/Kind):
    • IgM (nicht plazentagängig → spezifisch für kindliche Infektion)
    • IgG (plazentagängig → nur bei höheren Titern beim Kind beweisend)
  • Direkter Erregernachweis:
    • PCR oder Dunkelfeldmikroskopie aus Hautläsionen
  • Zusätzliche Diagnostik:
    • Bildgebung (Skelett, Schädel), Leber-/Nierenwerte, Augen-/Hörtest

Therapie

  • Penicillin über 10–14 Tage  
  • Bei Penicillinallergie: Desensibilisierung empfohlen (keine Alternative mit gleicher Wirksamkeit)

Prävention

  • Screening: TPHA/VDRL im Rahmen der Schwangerschaftsvorsorge
  • Frühzeitige Behandlung der infizierten Schwangeren
  • Partnerbehandlung zur Reinfektionsvermeidung
 Merke

Konnatale Syphilis ist bei adäquater Vorsorge vollständig vermeidbar. Ein frühzeitiges Screening und konsequente antibiotische Therapie sind essenziell zur Verhinderung schwerer fetaler Schäden.

Fetales Varizellen-Syndrom (Varizella-Zoster-Virus)

Das fetale Varizellen-Syndrom (FVS) ist eine seltene, aber schwerwiegende Folge einer diaplazentaren Infektion mit dem Varizella-Zoster-Virus (VZV) während der Schwangerschaft. Der Erreger, ein humanes Herpesvirus (HHV-3), persistiert nach Erstinfektion in den sensorischen Spinalganglien und kann bei Reaktivierung als Herpes zoster (Gürtelrose) auftreten. Die Gefahr für das ungeborene Kind besteht primär bei einer mütterlichen Primärinfektion im ersten oder zweiten Trimenon. Bei Infektion nahe dem Geburtstermin droht hingegen eine schwere neonatale Varizelleninfektion.

Pathophysiologie

Nach hämatogener Streuung kann das Virus die Plazenta passieren und fetales Gewebe infizieren. Die virusbedingte Entzündung führt zu nekrotischen und fibrotischen Prozessen, v. a. in Haut, ZNS, Augen und Skelett. Die Schädigung entsteht meist im Zeitraum von 13.–20. Schwangerschaftswoche.

Zeitliche Risiken

  • Infektion bis zur 12. SSW: sehr selten, aber möglich
  • 13.–20. SSW: maximales Risiko für das fetale Varizellen-Syndrom (~2%)
  • > 20. SSW: Risiko deutlich geringer
  • < 5 Tage vor oder < 2 Tage nach Geburt: Risiko für schwere neonatale disseminierte Varizelleninfektion (nicht fetales Varizellen-Syndrom!)

Klinik beim Neugeborenen mit FVS

  • ZNS: Mikrozephalie, kortikale Atrophie, zerebrale Kalzifikationen, Hydrozephalus
  • Augen: Chorioretinitis, Katarakt, Mikrophthalmus, Anisokorie
  • Haut: Narbige, segmentale Hautveränderungen (dermatombezogen)
  • Muskuloskelettal: Hypoplasien der Extremitäten, Gelenkkontrakturen
  • Letalität: bis zu 30 % postnatal

Langzeitfolgen

  • Motorische und kognitive Entwicklungsstörungen
  • Sehstörungen und neurologische Defizite

Diagnostik

  • Mütterlich:
    • Anamnese: Exposition, fehlender Impfschutz?
    • Serologie (VZV-IgG, IgM)
    • PCR aus Bläscheninhalt, Blut oder Amnionflüssigkeit bei Verdacht auf Primärinfektion
  • Fetal:
    • Sonografische Auffälligkeiten (z. B. Gliedmaßenhypoplasie, Hirnanomalien)
    • ggf. PCR aus Fruchtwasser (Amniozentese ab 22. SSW)
  • Postnatal beim Neugeborenen:
    • PCR aus Blut, Hautläsionen, Liquor
    • Bildgebung: kraniale Sonografie, MRT

Therapie

  • Fetales Varizellen-Syndrom: keine kurative Therapie möglich → symptomatische Behandlung, ggf. supportive Therapien
  • Postnatale Therapie bei Exposition kurz vor Geburt:
    • Varicella-Zoster-Immunglobulin (VZIG) innerhalb von 96 Stunden nach Exposition

Prävention

  • Vor der Schwangerschaft:
    • Impfung mit Lebendimpfstoff (mindestens 1 Monat vor Konzeption)
  • In der Schwangerschaft:
    • Keine Impfung erlaubt (Lebendimpfstoff kontraindiziert!)
    • Expositionsprophylaxe: Kontaktvermeidung mit Erkrankten
    • Nach Exposition: passive Immunisierung (VZIG) innerhalb von 96 Stunden
    • Bei Infektion der Mutter: ggf. stationäre Überwachung und antivirale Therapie mit Aciclovir (Off-label)
 Merke

Das fetale Varizellen-Syndrom tritt ausschließlich bei einer Primärinfektion auf – eine frühzeitige Abklärung des Immunstatus bei Kinderwunsch oder zu Beginn der Schwangerschaft ist essenziell. Die neonatalen Varizellen sind vom FVS abzugrenzen und erfordern eine andere therapeutische Vorgehensweise.

Konnatale Parvovirus-B19-Infektion

Die konnatale Parvovirus-B19-Infektion ist eine durch diaplazentare Übertragung verursachte Infektion mit dem humanen Parvovirus B19 – dem Erreger der Ringelröteln (Erythema infectiosum). Besonders gefährlich ist die Infektion für das ungeborene Kind, wenn sie im zweiten Trimenon auftritt. Das Virus besitzt eine ausgeprägte Affinität zu erythropoetischen Vorläuferzellen und hemmt die Erythropoese. Dies kann beim Feten zu einer schweren aplastischen Anämie mit konsekutivem Hydrops fetalis führen.

Neugeborenes mit Hydrops fetalis
Neugeborenes mit Hydrops fetalis

Virologie

  • Kleines, unbehülltes Einzelstrang-DNA-Virus (Parvoviridae)
  • Hauptübertragungsweg: Tröpfcheninfektion
  • Inkubationszeit: 4–14 Tage

Pathophysiologie

Das Virus infiziert bevorzugt sich teilende Zellen, v. a. erythroide Vorläuferzellen im Knochenmark. Beim Feten kann dies zu einem ausgeprägten Erythrozytenmangel führen. Die dadurch ausgelöste Hypoxie begünstigt die Entwicklung eines Hydrops fetalis. Zusätzlich werden Myokardzellen und Hepatozyten geschädigt, was Herzinsuffizienz und Leberfunktionsstörungen zur Folge haben kann.

 Info

Erreger = Parovirus B19 

Parvovirus B19
  • DNA-Virus ohne Hülle: Paroviridae
  • Erreger der Ringelröteln
  • Vermehrung in den Vorläuferzellen von Erythrozyten
  • Übertragung durch Tröpfcheninfektion
  • diaplazentare Übertragung von infizierter schwangerer Person auf ungeborenes Kind (Risiko der Übertragung ca. 30%)

Epidemiologie und Risiko

  • Ca. 60 % aller Erwachsenen sind seropositiv
  • Risiko der diaplazentaren Übertragung bei mütterlicher Infektion: ca. 30 %
  • Risiko für fetale Komplikationen (v. a. Hydrops fetalis): ca. 5–10 %
  • Fetale Letalität bei Hydrops: bis zu 30 %

Klinik beim Feten/Neugeborenen

  • Intrauteriner Fruchttod
  • Hydrops fetalis (generalisiertes Ödem, Pleuraerguss, Aszites)
  • Herzinsuffizienz
  • Plazentomegalie
  • Hepatomegalie
  • Bei überlebenden Kindern: meist keine bleibenden Schäden

Diagnostik

  • Bei der Mutter:
    • Serologie: Anti-Parvovirus-B19-IgM und -IgG
    • Aviditätsbestimmung zur Eingrenzung des Infektionszeitpunkts
  • Bei fetaler Beteiligung:
    • Ultraschall: Nachweis eines Hydrops fetalis, kardiale Insuffizienzzeichen
    • Dopplersonografie der A. cerebri media (Hinweis auf Anämie bei erhöhtem Blutfluss)
    • PCR aus Fruchtwasser zur Bestätigung der fetalen Infektion
  • Postnatal:
    • PCR aus Blut
    • Serologie (meist unzuverlässig wegen fehlender IgM-Antwort)

Therapie

  • Keine antivirale Therapie verfügbar
  • Intrauterine Bluttransfusion (IUT) bei schwerer Anämie (Hb < 8 g/dl, Hydrops)
    • Erfolgreich in ca. 80–90 % der Fälle
  • Nach Geburt: ggf. erneute Bluttransfusionen bei persistierender Anämie

Prävention

  • Keine aktive Impfung verfügbar
  • Hygienemaßnahmen in Schwangerschaft:
    • Händehygiene
    • Meiden von Kontakt zu akut erkrankten Personen (v. a. Kleinkinder im Kindergartenalter)
    • Bei Exposition: Aufklärung, serologische Kontrolle, fetale Überwachung bei Infektion
 Merke

Die Parvovirus-B19-Infektion ist besonders im zweiten Trimenon kritisch und sollte bei jeder unklaren Hydrops fetalis in die Differenzialdiagnose einbezogen werden. Eine intrauterine Bluttransfusion ist bei frühzeitiger Diagnosestellung eine sehr effektive Therapieoption.

Konnatales Zika-Virus-Syndrom

Das Zika-Virus-Syndrom ist eine schwerwiegende Embryofetopathie, die durch eine diaplazentare Infektion mit dem Zika-Virus während der Schwangerschaft verursacht wird. Die Infektion kann zu Mikrozephalie, schweren zerebralen Fehlbildungen und weiteren Organschäden führen. Zika gehört zur Familie der Flaviviren und wurde ursprünglich in Afrika entdeckt, breitete sich aber in den letzten Jahren epidemisch in Mittel- und Südamerika sowie Teilen Asiens aus.

Virologie

  • RNA-Virus aus der Familie der Flaviviridae
  • Eng verwandt mit Dengue-, Gelbfieber- und West-Nil-Virus
  • Hauptüberträger: Stechmücken der Gattung Aedes (v. a. Aedes aegypti)

Übertragungswege

  • Vektor-basiert: Mückenstich (häufigster Übertragungsweg)
  • Sexuell: Virusnachweis im Sperma bis zu mehreren Wochen nach Infektion
  • Diaplazentar: Übertragung von der schwangeren Person auf den Feten
  • Bluttransfusion (selten)

Pathophysiologie

Nach Eintritt in den mütterlichen Blutkreislauf infiziert das Virus bevorzugt neuralen Zelllinien des Feten. Die Virusreplikation in neuronalen Progenitorzellen führt zu deren Apoptose, beeinträchtigt die Neurogenese und verursacht eine ausgeprägte Mikrozephalie mit kortikaler Atrophie und Kalzifikationen. Zusätzlich sind Augen, Leber, Gelenke und hämatopoetisches System betroffen.

 Info

Erreger = Zika-Virus

  • RNA-Virus: Flaviviren
  • 3 mögliche Infektionswege
    • Über Stich der Aedes-Mücken
    • Diaplazentar Übertragung von schwangerer Person auf ungeborenes Kind
    • Sexuell 

Klinik beim Neugeborenen

  • Mikrozephalie (Leitsymptom): z. T. ausgeprägt mit Schädeldeformation
Mikrocephalie eines Neugeborenen
  • ZNS-Anomalien: zerebrale Kalzifikationen, Ventrikulomegalie, Lissenzephalie
  • Augenveränderungen: Chorioretinale Atrophie, Sehnervatrophie
  • Gelenkkontrakturen (Arthrogrypose)
  • Hörminderung
  • Hepatomegalie
  • Blutbildveränderungen: Thrombozytopenie, Anämie
  • Icterus neonatorum
  • Entwicklungsverzögerungen, epileptische Anfälle

Langzeitfolgen

  • Kognitive und motorische Behinderung
  • Sprachentwicklungsstörung
  • Sehverlust, Hörverlust
  • Epilepsie

Diagnostik

  • Bei der schwangeren Person:
    • Anamnese: Aufenthalt in Endemiegebiet, Symptome (Exanthem, Fieber, Konjunktivitis)
    • PCR aus Blut und Urin (nur im akuten Stadium ≤ 7 Tage nach Symptombeginn positiv)
    • Serologie (IgM und IgG, jedoch kreuzreaktiv mit Dengue → eingeschränkte Aussagekraft)
    • ggf. Amniozentese mit PCR aus Fruchtwasser
  • Beim Feten/Neugeborenen:
    • PCR (aus Urin, Blut, Liquor, Plazentagewebe)
    • Serologie: IgM (nicht plazentagängig → Hinweis auf fetale Infektion)
    • Bildgebung: kraniale Sonografie, MRT
    • Augenuntersuchung, Hörtest

Therapie

  • Keine kausale Therapie verfügbar
  • Symptomatisch je nach Organschädigung
  • Frühförderung, multidisziplinäre Betreuung (Neurologie, Pädiatrie, Reha, Soziales)

Prävention

  • Für nicht-schwangere Personen mit Kinderwunsch:
    • Verzicht auf Reisen in Endemiegebiete
    • Nach Aufenthalt in Endemiegebieten:
      • Männer: 3 Monate kein ungeschützter Geschlechtsverkehr
      • Frauen: 2 Monate kein ungeschützter Geschlechtsverkehr
  • Während der Schwangerschaft:
    • Strikte Mückenschutzmaßnahmen (lange Kleidung, Repellents, Moskitonetze)
    • Kein ungeschützter Sexualkontakt mit Reiserückkehrer:innen aus Zika-Gebieten
    • Keine Impfung verfügbar (Stand 2025)
 Merke

Das Zika-Virus-Syndrom ist durch die Mikrozephalie klinisch hoch suggestiv. Eine gezielte Diagnostik und umfassende Aufklärung sind bei geplanter oder bestehender Schwangerschaft essenziell – insbesondere bei Reisen in Risikogebiete.

Das konnatale Rötelnsyndrom (Rötelnembryofetopathie) ist eine schwerwiegende Folge einer diaplazentaren Infektion mit dem Rötelnvirus (Rubellavirus) während der Schwangerschaft. Besonders kritisch ist eine Infektion im ersten Trimenon, da in dieser Phase die Organogenese des Embryos stattfindet. Überlebt das Kind die Infektion, können multiple Fehlbildungen resultieren, von denen die Gregg-Trias das klinisch bekannteste Syndrom darstellt.

Virologie

  • Behülltes, einzelsträngiges RNA-Virus (Familie Togaviridae, Genus Rubivirus)
  • Mensch ist einziges Reservoir
  • Übertragung: Tröpfcheninfektion, diaplazentar
  • Inkubationszeit: 14–21 Tage

Pathophysiologie

Nach Infektion der schwangeren Person repliziert das Virus in den lymphatischen Organen und erreicht hämatogen die Plazenta. Dort verursacht es eine chronische Plazentitis und infiziert den Feten systemisch. Der Schaden entsteht durch direkte Viruswirkung und durch Störung von Zellproliferation, Differenzierung und Migration.

 Info
Rötelnvirus

Erreger = Rötelnvirus 

  • Behülltes RNA-Virus: Togaviridae
  • Übertragung durch
    • Tröpfcheninfektion
    • Diaplazentar von schwangerer Person auf Kind à je früher die intrauterine Infektion, umso höher das Risiko für ein konnatales Rötelnsyndrom

Risiko einer Transmission und fetalen Schädigung

  • Infektion < 11. SSW: bis zu 90 % Risiko schwerer Fehlbildungen
  • 12.–17. SSW: ca. 50 % Risiko
  • 18.–20. SSW: seltene Schäden
  • 20. SSW: in der Regel keine fetale Beteiligung

Klinik des konnatalen Rötelnsyndroms

Katarakt eines Neugeborenen im Rahmen der Rötelnembryofetopathie
Katarakt eines Neugeborenen
  • Gregg-Trias (Leitsymptome):
    • Innenohrschwerhörigkeit oder -taubheit
    • Katarakt
    • kongenitale Herzfehler (z. B. persistierender Ductus arteriosus, Pulmonalstenose)
  • Weitere mögliche Symptome:
    • Mikrozephalie, mentale Retardierung
    • Retinopathie
    • Hepatosplenomegalie, Ikterus
    • Thrombozytopenie, Petechien, "Blueberry-Muffin-Zeichen"
    • Dystrophie, Kleinwuchs
    • Meningoenzephalitis, Myokarditis
    • Verhaltensauffälligkeiten, Zahndefekte

Diagnostik

  • Mütterlich:
    • Serologie: IgG-/IgM-Antikörper; Aviditätstest zur Datierung der Infektion
    • Bei Verdacht auf Primärinfektion < 17. SSW → invasive Pränataldiagnostik (z. B. Amniozentese mit PCR)
  • Fetal/postnatal:
    • PCR aus Nasen-Rachen-Abstrich, Urin, Liquor, Konjunktiva oder Plazentagewebe
    • Serologie: IgM (Hinweis auf eigene fetale Antikörperproduktion), IgG-Persistenz über > 6 Monate
    • Bildgebung: kraniale Sonografie, Augen- und Hördiagnostik

Therapie

  • Keine kurative antivirale Therapie verfügbar
  • Symptomatisch je nach Organschädigung (Hörgeräte, Kataraktoperation etc.)

Prävention

  • MMR-Impfung (Lebendimpfstoff):
    • Zwei Impfungen (z. B. im Kindesalter oder vor Schwangerschaft)
    • Schutzrate > 95 %
  • Vorsorgeuntersuchung:
    • Röteln-IgG-Statusbestimmung bei ungeimpften Frauen mit Kinderwunsch
  • Bei fehlender Immunität während der Schwangerschaft:
    • Strikte Expositionsprophylaxe (z. B. Meidung von Kindereinrichtungen)
 Achtung

Kein Impfstoff während der Schwangerschaft erlaubt (Lebendimpfstoff kontraindiziert)

 Merke

Das konnatale Rötelnsyndrom ist durch Impfprophylaxe nahezu vollständig vermeidbar. Dennoch besteht ein relevantes Restrisiko durch nicht immunisierte Frauen oder falsch dokumentierte Impfungen – insbesondere bei Migration aus Ländern mit niedriger Impfquote.

Die konnatale Zytomegalievirus-Infektion ist die häufigste angeborene Virusinfektion weltweit. Etwa 0,2–0,5 % aller Neugeborenen sind betroffen. Der Erreger ist das humane Zytomegalievirus (CMV), ein behülltes DNA-Virus aus der Familie der Herpesviridae. Eine Übertragung auf das ungeborene Kind erfolgt hauptsächlich diaplazentar, insbesondere bei einer mütterlichen Primärinfektion während der Schwangerschaft. Reinfektionen oder Reaktivierungen können ebenfalls zur fetalen Infektion führen, jedoch ist das Risiko für eine symptomatische Erkrankung hierbei geringer.

Virologie

  • Humanes Herpesvirus 5 (HHV-5), gehört zur Unterfamilie der Betaherpesvirinae
  • Weltweit hohe Seroprävalenz: 40–100 % (in Deutschland ca. 50–70 %)
  • Persistenz nach Primärinfektion in Monozyten und Endothelzellen

Übertragungswege

  • Schmierinfektion (Speichel, Urin, Genitalsekret)
  • Plazentar (diaplazentar)
  • Perinatal (z. B. durch Zervixsekret)
  • Postnatal (z. B. über Muttermilch)

Pathophysiologie

CMV befällt v. a. sich teilende Zellen und ruft in verschiedenen Organen eine Entzündungsreaktion hervor. Im fetalen Gehirn führt die Infektion zu neuronaler Degeneration, Verkalkungen und gestörter Hirnentwicklung. Die Leber und das hämatopoetische System sind häufig mitbetroffen. 

Epidemiologie

  • Etwa 1 % aller Schwangeren infizieren sich primär mit CMV
  • Risiko für eine vertikale Transmission bei Primärinfektion: 30–50 %
  • Reinfektionen/Reaktivierungen: Übertragungsrisiko < 2 %, jedoch ebenfalls mit potenziellen Spätschäden verbunden

Klinik

  • Ca. 90–96 % asymptomatisch bei Geburt, aber: 10–15 % entwickeln Spätschäden (v. a. Hörverlust)
  • Symptomatisch bei Geburt (~4–10 %):
    • Mikrozephalie, periventrikuläre Verkalkungen
    • Chorioretinitis, intrazerebrale Einblutungen
    • Hepatosplenomegalie, Ikterus, Transaminasenerhöhung
    • Thrombozytopenie, Petechien, "Blueberry-Muffin-Zeichen"
    • Wachstumsretardierung
 Merke

Das Krankheitsbild ähnelt klinisch der konnatalen Toxoplasmose.

Langzeitfolgen

  • Innenohrschwerhörigkeit (häufigste Spätkomplikation)
  • Intelligenzminderung
  • motorische Entwicklungsstörung
  • Sehstörungen
  • Zahnanomalien

Diagnostik

  • Mütterlich
    • Serologie: IgG/IgM-Bestimmung, Aviditätstest bei unklarer Serokonversion
    • PCR aus Blut oder Zervixsekret bei V. a. Reaktivierung
  • Fetal (bei auffälliger Sonografie)
    • Amniozentese ab 21. SSW: PCR auf CMV-DNA im Fruchtwasser
    • Sonografische Hinweise: Mikrozephalie, Ventrikulomegalie, intrahepatische Verkalkungen, fetale Wachstumsrestriktion
  • Postnatal
    • Direkter Erregernachweis innerhalb der ersten 3 Wochen postnatal aus Urin oder Speichel mittels PCR oder Virusanzucht
    • Nachweis CMV-DNA im Trockenblut (Guthrie-Testkarte) möglich
    • ZNS-Bildgebung, Augen- und Hördiagnostik zur Erfassung von Folgekomplikationen

Therapie

  • Bei symptomatischen konnatalen CMV-Infektionen:
    • Ganciclovir i.v. oder Valganciclovir p.o. 
    • Ziel: Reduktion der Viruslast und Prävention von Spätschäden (v. a. Hörverlust)
    • Monitoring: BB-Kontrollen 
 Achtung

Transiente Neutropenie und Transaminasenerhöhung möglich!

Prognose

  • Pränatale Infektion: je früher die Infektion, desto schlechter ist die Prognose
  • Symptomatisch bei Geburt: 90 % behalten Schäden

Prävention

  • Kein Impfstoff verfügbar!
  • Expositionsprophylaxe bei Schwangeren:
    • Hände waschen nach Kontakt mit Speichel/Urin von Kleinkindern
    • Kein Teilen von Besteck oder Schnullern
    • Verwendung von Handschuhen beim Windelwechsel
    • Aufklärung bei Kinderwunsch, v. a. bei Müttern mit Kleinkindkontakt (z. B. Erzieherinnen)
 Info

Eine Schutzimpfung war bereits in Erprobung, die Effektivität betrug allerdings nur etwa 50 %. Außerdem traten unerwünschte Nebenwirkungen auf, sodass derzeit kein Impfstoff in Aussicht steht!

 Merke

Konnatale CMV-Infektion ist die häufigste Ursache nicht-genetischer Innenohrschwerhörigkeit. Die hohe Rate asymptomatischer Infektionen macht ein gezieltes Screening bei Risikoschwangerschaften und eine strukturierte Nachsorge unabdingbar.

Eine konnatale Herpes-simplex-Virus-Infektion (HSV) ist eine seltene, aber potenziell lebensbedrohliche Infektion, die meist durch vertikale Übertragung während der Geburt entsteht. Eine intrauterine (diaplazentare) Infektion ist zwar möglich, macht aber weniger als 5 % der neonatalen HSV-Infektionen aus. Die häufigere neonatale Infektion wird perinatal bei der Passage durch den Geburtskanal oder postnatal durch engen Hautkontakt mit infizierten Personen übertragen.

Virologie

  • Herpes-simplex-Virus Typ 2 (HSV-2): häufiger bei genitalen Infektionen
  • Herpes-simplex-Virus Typ 1 (HSV-1): häufiger bei oralen Infektionen, zunehmend auch genital
  • DNA-Viren der Familie Herpesviridae (Alphaherpesviren)
  • Persistenz in sensorischen Ganglien, Reaktivierung jederzeit möglich

Übertragungswege

  • Intrauterin (selten): diaplazentar bei mütterlicher Primärinfektion
  • Perinatal (häufig): Kontakt mit infektiösem Genitalsekret während der Geburt
  • Postnatal: Kontakt mit infizierten Haut-/Schleimhautläsionen (z. B. Lippenherpes bei betreuenden Personen)

Risikofaktoren

  • Maternale Primärinfektion kurz vor Geburt (kein Nestschutz durch IgG)
  • Vaginale Entbindung bei aktivem Herpes genitalis
  • Frühgeburtlichkeit (immature Hautbarriere und Immunsystem)

Klinik

Konnatale (intrauterine) HSV-Infektion

  • Mikrozephalie, intrazerebrale Verkalkungen
  • Hautnarben, vesikulöses Exanthem
  • Mikrophthalmie, Chorioretinitis, Katarakt
  • Dystrophie, Hepatosplenomegalie

Neonatale HSV-Infektion (postnatal oder perinatal)

  • Lokalisierte Form (45 %): Haut, Augen, Mund (SEM-Form = skin-eye-mouth)
  • ZNS-Form (30 %): Meningoenzephalitis, Krampfanfälle
  • Disseminierte Form (25 %): Multiorganbefall mit hoher Letalität (Leber, Lunge, ZNS)
 Achtung

Bei jedem Neugeborenen mit Bläschen, Krampfanfällen oder Sepsis-ähnlichem Verlauf in den ersten Lebenswochen sollte differenzialdiagnostisch immer eine konnatale HSV-Infektion erwogen und eine sofortige antivirale Therapie begonnen werden.

Diagnostik

  • Mütterlich
    • Serologie (IgG/IgM), Anamnese (Herpes genitalis, rezidivierend?)
    • Abstrich von Läsionen → PCR
  • Fetal/postnatal
    • PCR aus Liquor, Blut, Bläscheninhalt, Konjunktivalsekret
    • Virusnachweis aus Abstrichen von Haut, Mund, Rektum
    • Liquoruntersuchung bei ZNS-Verdacht
    • Bildgebung (kraniale Sonografie/MRT)
    • Augenuntersuchung

Therapie

  • Aciclovir i.v., schon bei Verdacht auf eine Infektion
  • Orale Suppressionstherapie mit Aciclovir nach initialer Behandlung zur Rezidivprophylaxe
 Achtung

Dosisanpassung bei Niereninsuffizienz, regelmäßige BB- und Nierenwertkontrollen!

Prognose

  • SEM-Form: gute Prognose bei frühzeitiger Therapie
  • ZNS- und disseminierte Form: hohe Letalität und Risiko bleibender neurologischer Schäden

Prävention

  • Aufklärung über Herpes in der Schwangerschaft
  • Kein Geschlechtsverkehr bei aktiven Läsionen im Genitalbereich
  • Kein Küssen/Schnullerlecken durch Personen mit Lippenherpes
  • Bei Herpes genitalis unter der Geburt:
    • Primärinfektion: i. d. R. Sectio empfohlen
    • Rezidiv: individuelle Entscheidung abhängig von Lokalbefund und Geburtszeitpunkt
  • Aciclovir-Prophylaxe ab SSW 36 bei rezidivierenden genitalen Herpesinfektionen zur Reduktion des Rezidivrisikos zur Geburt
 Merke

Neonatale HSV-Infektionen verlaufen oft unspezifisch und ohne Hautbefall. Daher sollte bei unklaren ZNS-Symptomen oder Sepsiszeichen im Neugeborenenalter frühzeitig an HSV gedacht und eine PCR-Diagnostik eingeleitet werden.

Zuletzt aktualisiert am 03.07.2025
Asphyxie in der Perinatalperiode
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