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Ernährung in der Schwangerschaft

8 Minuten Lesezeit

Während der Schwangerschaft (SS) spielt die Ernährung eine zentrale Rolle für die Gesundheit von Mutter und Kind. Eine adäquate Nährstoffzufuhr ist für die normale Entwicklung des Fetus von entscheidender Bedeutung. 

Der Körper der Mutter hat in dieser Zeit einen erhöhten Bedarf an bestimmten Nährstoffen. Eine ausgewogene Ernährung trägt nicht nur zu einem gesunden Wachstum des Kindes bei, sondern hilft auch, Schwangerschaftskomplikationen wie Präeklampsie oder Frühgeburten vorzubeugen.

Gewicht:

  • Vor der SS sollte eine möglichst große Annäherung an das Normalgewicht angestrebt werden
    • Schwangere mit hohem BMI haben ein erhöhtes Risiko für Bluthochdruck, Schwangerschaftsdiabetes, Geburtskomplikationen & fetale Makrosomie
    • Schwangere mit niedrigem BMI haben ein erhöhtes Risiko für Früh- & Fehlgeburten
  • Die empfohlene Gewichtszunahme richtet sich nach dem Ausgangsgewicht:
BMIGewichtszunahme
<18,5 (Untergewicht)+ 12,5-18 kg
18,5-24,9 (Normalgewicht)+ 10-16 kg
25-29,9 (Übergewicht) + 7-11,5 kg
>30 (Adipositas)+ 5-9 kg

→ Laut DGE liegt die angemessene Gewichtszufuhr für normalgewichtige Frauen zwischen 10-16 kg.

Fetales Wachstum und Gewebebildung sind die Hauptgründe für den erhöhten Energiebedarf während der SS. Die früher geltende Devise „Essen für zwei“ ist jedoch längst überholt. Der Mehrbedarf an Energie ist nämlich deutlich geringer als der Mehrbedarf an Mikronährstoffen. Die richtige Auswahl der Lebensmittel ist daher weitaus wichtiger als die Menge.

  • Aktuelle Leitlinien empfehlen eine zusätzliche Kalorienzufuhr von etwa:
    • 250 kcal/Tag im 2. Trimenon
    • 500 kcal/Tag im 3. Trimenon

Diese Werte beziehen sich jedoch auf Schwangere mit unverminderter körperlicher Aktivität. Nimmt das Aktivitätslevel deutlich ab, ist der Mehrbedarf geringer.

 Tipp
Bevorzugung nährstoffdichter Lebensmittel

Während der SS sollten v.a. nährstoffdichte Lebensmittel (z.B. Vollkornprodukte, Gemüse, Obst, Fisch…) verzehrt werden. Diese enthalten im Verhältnis zur Kalorienmenge eine hohe Konzentration an Vitaminen und Mineralstoffen. So kann der Mehrbedarf der meisten Mikronährstoffe ohne übermäßige Energiezufuhr gedeckt werden.

Proteine:

  • Erhöhter Eiweißbedarf → Eine ausreichende Versorgung ist entscheidend für das Wachstum und die Entwicklung des Fetus
  • Empfehlung für den täglichen Mehrbedarf (bezogen auf eine Gewichtszunahme von 12 kg):
    • + 7 g/Tag ab dem 2. Trimenon
    • + 21 g/Tag ab dem 3. Trimenon

Kohlenhydrate:

  • Kein erhöhter Bedarf (Empfehlung entspricht der einer normalen Mischkost)
  • Ballaststoffreiche Ernährung: während der SS kommt es häufig zu Obstipation (Erschlaffung des unteren Ösophagussphinkters → Hemmung der Darmmotorik). Durch eine ballaststoffreiche Kost und eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr kann der Entwicklung von Verdauungsstörungen vorgebeugt werden.

Fette:

  • Bedarf ab dem 4. SS-Monat leicht erhöht: 30-35 % der Gesamtenergie
  • Zufuhr von mind. 200 mg Docosahexaensäure (DHA) pro Tag
 Info
Docosahexaensäure (DHA)

DHA ist eine langkettige Omega-3-Fettsäure und während der SS von besonderer Bedeutung. Sie ist u.a. essenziell für die Entwicklung des fetalen Nervensystems und der Sehfunktion.

Um eine ausreichende Versorgung zu gewährleisten, wird die Zufuhr von 2 Fischmahlzeiten pro Woche empfohlen. Schwangere, die nicht regelmäßig fettreichen Fisch verzehren, müssen DHA supplementieren.

Kritische Nährstoffe in der Schwangerschaft 

Während der Schwangerschaft finden im Mutterleib diverse physiologische Prozesse statt. Aus diesem Grund besteht für zahlreiche Mikronährstoffe ein erhöhter Bedarf. Durch eine ausgewogene Ernährung kann der Mehrbedarf an den meisten Nährstoffen gedeckt werden. In einigen Fällen ist jedoch eine zusätzliche Supplementierung notwendig. Als besonders kritisch gilt die Versorgung mit Folsäure, Jod und Eisen.

Folsäure:

  • Gründe für erhöhten Bedarf:
    • Zellteilungs- & Wachstumsprozesse↑
    • Erythropoese
  • Mögliche Folgen eines Mangels:
    • Risiko für Neuralrohrdefekte↑
  • Empfehlungen:
    • Supplementierung: 400 µg/Tag
    • Beginn: 4 Wochen vor der SS (→ Falls die Einnahme zu einem späteren Zeitpunkt erfolgt, sind höhere Dosen erforderlich)

Jod:

  • Gründe für erhöhten Bedarf:
    • Produktion mütterlicher Schilddrüsenhormone↑
    • Ausscheidung↑
  • Mögliche Folgen eines Mangels:
    • Fetale Entwicklungsstörungen
    • Hypothyreose (im Extremfall Kretinismus)
  • Empfehlungen:
    • Supplementierung: 100-150 µg/Tag
    • Bei Erkrankung der Schilddrüse ist eine vorherige Rücksprache mit dem Arzt/der Ärztin notwendig

Eisen:

  • Gründe für erhöhten Bedarf:
    • Erythropoese↑ (→ Der Eisenbedarf verdoppelt sich!)
  • Mögliche Folgen eines Mangels:
    • Anämie bei Mutter und Kind (→ Risiko für Frühgeburten↑)
    • Plazentainsuffizienz
    • Risiko für kindliche Stoffwechselstörungen↑
  • Empfehlungen:
    • Regelmäßige Kontrolle der Eisenversorgung (vor und während der SS)
    • Empfehlung für Schwangere mit Eisenreserven: 30 mg/Tag (über die Ernährung alleine schwer zu erreichen)

Weitere potenziell kritische Nährstoffe 

Neben Folsäure, Jod und Eisen gibt es weitere Nährstoffe, deren Versorgung häufig unzureichend ist. Ein Beispiel ist Vitamin D: der Bedarf steigt während der SS zwar nur leicht an, allerdings ist die Versorgungslage in Deutschland ohnehin schon als kritisch zu bewerten. Bei einem Mangel erhöht sich das Risiko für Schwangerschaftskomplikationen (Präeklampsie, Schwangerschaftsdiabetes, Frühgeburten etc.) und kindliche Knochenschäden. Sofern eine inadäquate Versorgung festgestellt wird, sollte die Supplementierung optimalerweise auf Basis gemessener Blutwerte erfolgen. Dabei ist ein Calcidiolspiegel von mind. 30 ng/ml anzustreben.

Eine Supplementierung mit Docosahexaensäure (DHA) ist insbesondere dann erforderlich, wenn eine ausreichende Zufuhr (mind. 200 mg/Tag) durch den regelmäßigen Verzehr von Fisch nicht sichergestellt ist

Bei pflanzlicher Ernährung zählen auch Vitamin B12, Zink und Calcium zu den kritischen Nährstoffen. Vegetarier- und Veganer:innen sollten deshalb eine qualifizierte Ernährungsberatung in Anspruch nehmen.

Darüber hinaus empfiehlt die DGE, die Nährstoffversorgung vor und während der SS durch regelmäßige laborchemische Kontrollen zu überwachen.

Empfehlungen:

  • Vollständiger Verzicht auf Drogen, Nikotin (inklusive Passivrauchen) und Alkohol → Während der SS kann keine Menge an Alkohol als unbedenklich angesehen werden!
  • Der Konsum von Koffein sollte 300 mg pro Tag nicht überschreiten (2-3 Tassen Kaffee pro Tag gelten als unbedenklich), Energydrinks sollten vermieden werden

Fetale Alkoholspektrumstörung (FASD, fetal alcohol spectrum disorders):

Nach Angaben des RKI konsumiert etwa ein Drittel aller Schwangeren Alkohol. Dies kann schwerwiegende Folgen für die Gesundheit des Kindes haben. Der Begriff FASD bezeichnet irreversible Geburtsdefekte, die durch pränatale Alkoholexposition verursacht werden. 

  • Formen:
    • Fetales Alkoholsyndrom (FAS)
    • Partielles Fetales Alkoholsyndrom (pFAS)
    • Alkoholbedingte entwicklungsneurologische Störung (ARND)
Kind mit fetaler Alkoholspektrumstörung (FASD)
Kind mit FASD
  • Inzidenz: 177 Fälle pro 100.000 Neugeborene (→ Häufigste nicht genetisch bedingte Behinderung in Deutschland!)
  • Pathophysiologie: Transport von Ethanol über Plazenta → Eingeschränkter fetaler Abbau (Enzymfunktion & -konzentration↓) → Akkumulation von Ethanol & freien Sauerstoffradikalen → Störung der Gehirn-, Wachstums- & Organentwicklung
  • Klinische Auffälligkeiten
    • Faziale Veränderungen: kurze Lidspalten, verstrichenes Philtrum, schmale Oberlippe
    • Wachstumsveränderungen (Größe, Gewicht & BMI↓)
    • ZNS-Veränderungen
      • Strukturell: Mikrozephalie
      • Funktionell: globale Intelligenzminderung, Epilepsie, Entwicklungsverzögerungen, etc.

Im Rahmen des Infektionsschutzes stehen während der SS vor allem Toxoplasmose und Listeriose im Vordergrund. Eine Infektion mit entsprechenden Erregern kann zu schwerwiegenden Erkrankungen sowie zu Fehl- & Totgeburten führen. In dieser Phase stellen jedoch alle Lebensmittelinfektionen ein gewisses Risiko dar. Aus diesem Grund ist der Lebensmittelhygiene generell besondere Aufmerksamkeit zu widmen.

Toxoplasmose:

  • Erreger: Parasiten (Toxoplasma gondii)
  • Übertragung auf den Menschen: über Katzenkot (Hauptwirt), belastetes Gemüse oder rohes Fleisch
  • Mögliche Folgen bei Infektion des Fetus: Fehlgeburten, Frühgeburten, Hydrozephalus, ZNS- & Organschäden, Entwicklungsstörungen

Listeriose:

  • Erreger: Bakterien (Listeria monocytogenes)
  • Übertragung auf den Menschen: über kontaminierte Lebensmittel (insb. rohes Fleisch, Räucherlachs, Rohmilchprodukte, vorgeschnittene Salate…) oder Kontakt mit erkrankten Tieren
  • Mögliche Folgen bei Infektion des Fetus: Abort, Frühgeburt mit Zeichen einer Hirnhautentzündung
 Tipp
Lebensmittelhygiene
Hinweise für die Praxis
  • Verzicht auf rohe tierische Produkte
  • Obst und Gemüse gründlich waschen
  • Rohe und gegarte Speisen getrennt aufbewahren
  • Vorsicht im Umgang mit Katzen
  • Hände, Geschirr und Kochflächen sorgfältig reinigen
  • Biesalski H, Grimm P, Nowitzki-Grimm S: Taschenatlas Ernährung, Georg Thieme Verlag, 2020, ISBN: 978-3-13-242607-8
  • Biesalski H et al.: Ernährungsmedizin, Georg Thieme Verlag, 2017, ISBN: 978-3-13-100295-2
  • Suter, P.: Checkliste Ernährung, Georg Thieme Verlag, 2008, ISBN: 9783131526731
  • DGE, ÖGE, SGE: Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr, Neuer Umschau Buchverlag, 2024, ISBN: 978-3- 88749- 261-8
  • Einheitliche Handlungsempfehlungen für die Schwangerschaft, Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE)
Zuletzt aktualisiert am 05.02.2025
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