Zusammenfassung
Die Ernährung in den ersten Lebensjahren bildet die Grundlage für gesundes Wachstum, eine optimale körperliche und neurologische Entwicklung sowie ein funktionierendes Immunsystem. Neben der bedarfsgerechten Versorgung mit Energie und Nährstoffen spielt sie eine wichtige Rolle bei der Prävention chronischer Erkrankungen. Dieser Artikel bietet einen Überblick über die Grundlagen der Ernährung im Säuglings- und Kleinkindalter – vom Stillen über die Einführung von Beikost
Stillen
Stillen ist die empfohlene Ernährungsform in den ersten Lebensmonaten und bietet neben Nährstoffen auch immunologische, psychologische und entwicklungsfördernde Vorteile. Die WHO und nationale Fachgesellschaften empfehlen:
- Ausschließliches Stillen in den ersten 4–6 Lebensmonaten, sofern keine Kontraindikationen bestehen
- Weiterstillen während der Beikosteinführung bis zum Ende des 1. Lebensjahres – ggf. auch darüber hinaus
Zusammensetzung der Muttermilch im zeitlichen Verlauf:
- Kolostrum
, auch Erstmilch oder Vormilch genannt (ca. Tage 1–5): - Reich an Proteinen, Immunglobulinen (v. a. IgA) und Leukozyten
- Unterstützt das unreife Immunsystem und wirkt bereits in geringen Mengen protektiv
- Reich an Proteinen, Immunglobulinen (v. a. IgA) und Leukozyten
- Transitorische Milch (ab Tag 6):
- Übergangsform mit zunehmendem Milchvolumen und angepasster Nährstoffverteilung
- Reife Muttermilch
(ab Woche 3): - Höherer Laktose- und Fettgehalt
- Sinkender Protein- und Mineralgehalt
MerkeIm Verlauf der Stilldauer steigen Laktose- und Fettkonzentration, während Protein- und Mineralgehalt fallen.
Vorteile des Stillens:

“Stillendes Baby” von Petr Kratochvil, CC0, via Wikimedia Commons
- Optimale Bioverfügbarkeit
aller essenziellen Nährstoffe - Förderung der Mutter-Kind-Bindung
- Schutz vor respiratorischen und gastrointestinalen Infektionen
- Günstige Modulation des kindlichen Mikrobioms (mehr Bifidusbakterien)
- Langzeiteffekte:
- Geringeres Risiko für Typ-1-Diabetes
, Adipositas und Morbus Crohn - Allergieprävention (insbesondere atopische Dermatitis)
- Geringeres Risiko für Typ-1-Diabetes
Mögliche Nachteile des Stillens
- Erhöhte physiologische Gewichtsabnahme in den ersten Tagen
- Prolongierter Neugeborenenikterus
- Potenzielle Übertragung von Infektionen oder Schadstoffen über die Milch
- Unzureichende Nährstoffzufuhr
bei mütterlicher Mangelernährung
Säuglingsmilchnahrung
Wenn das Stillen nicht möglich oder nicht gewünscht ist, bietet industriell hergestellte Säuglingsnahrung
- Pre-Nahrung: Enthält ausschließlich Laktose als Kohlenhydrat und ist zur alleinigen Ernährung ab Geburt
geeignet - Folgenahrung: Ab Beikostalter (frühestens 5. Monat), häufig angereichert mit weiteren Kohlenhydraten
- Spezialnahrungen:
- Sojabasis: Für Säuglinge mit Laktoseintoleranz
- Keine Fruktose- oder Saccharose-haltige Nahrung im 1. Lebenshalbjahr bei Verdacht auf hereditäre Fruktoseintoleranz
- Sojabasis: Für Säuglinge mit Laktoseintoleranz
MerkeMuttermilch
bleibt die bevorzugte Ernährung – dennoch ist auch mit adäquater Flaschennahrung eine gesunde Entwicklung möglich.
Beikost und Übergang zur Familienkost
Die Einführung der Beikost
Zeitpunkt und Ziel:
- Empfohlen ab dem vollendeten 4. bis spätestens Beginn des 7. Lebensmonats
- Reifezeichen
: aufrechtes Sitzen mit Unterstützung, Interesse an Nahrung, kein Zungenstoßreflex mehr - Ziel: Versorgung mit Eisen
, Zink, Energie und essentiellen Fettsäuren ergänzen
Einführungsschema:
- Start mit wenigen Löffeln eines pürierten Gemüsebreis (z. B. Pastinake, Karotte)
- Nach 1–2 Wochen: Einführung eines vollständigen Gemüse-Kartoffel-Fleisch-Breis (Eisenquelle)
- Anschließend: zweiter Brei (Getreide-Obst) am Nachmittag, dritter Brei (Milch-Getreide) am Abend
- Neue Lebensmittel einzeln und mit Abstand einführen (Unverträglichkeiten erkennen)
- Konsistenz anpassen: zuerst fein püriert, später stückiger
Weitere Hinweise:
- Weiterhin 1–2 Milchmahlzeiten täglich (Stillen oder Pre-Nahrung)
- Wasser ab dem zweiten Brei zusätzlich anbieten
- Allergieprävention: auch potentiell allergene Lebensmittel (z. B. Ei, Fisch, Nüsse in geeigneter Form) können früh eingeführt werden
- Keine Kuhmilch als Getränk im ersten Lebensjahr (kleine Mengen im Brei möglich)
Übergang zur Familienkost :
- Im 2. Lebensjahr: schrittweiser Übergang zur Familienkost
- Fokus auf ausgewogene, salz- und zuckerarme Ernährung
- Mahlzeitenstruktur an die der Familie anpassen

“Baby beim Füttern” von Curtis Newton ↯, CC BY-SA 3.0 DE, via Wikimedia Commons
Ernährungsprophylaxe
Vitamin D :
- Prophylaxe aller Säuglinge ab Geburt
empfohlen - Dosierung:
- Dauer: Bis zum 2. erlebten Frühsommer (je nach Geburtsdatum ca. 12–18 Monate)
- Ziel: Rachitisprophylaxe
AchtungDie Supplementation erfolgt unabhängig vom Stillstatus – also sowohl bei gestillten als auch bei nicht gestillten Säuglingen.
Fluorid :
- Zur Kariesprophylaxe wird eine Fluoridgabe ab Geburt
empfohlen, wobei es zwei gleichwertige Strategien gibt – je nach Einsatz fluoridierter Zahnpasta: - Variante A:
- Fluoridtabletten (meist Kombipräparate mit Vitamin D
): - 0,25 mg Fluorid
pro Tag - Gabe ab Geburt
bis zum Zahndurchbruch - Danach entweder Fortsetzung oder Wechsel zu fluoridhaltiger Zahnpasta (siehe Variante B)
- 0,25 mg Fluorid
- Fluoridtabletten (meist Kombipräparate mit Vitamin D
- Variante B:
- Keine Tabletten, dafür Zähneputzen mit fluoridierter Zahnpasta
- Ab Zahndurchbruch: 1× täglich mit fluoridhaltiger Kinderzahnpasta (500 ppm)
- Ab dem 2. Geburtstag: 2× täglich
- Keine Tabletten, dafür Zähneputzen mit fluoridierter Zahnpasta
TippEin Wechsel zwischen beiden Strategien ist möglich, sollte aber ärztlich begleitet werden, um eine Über- oder Unterdosierung zu vermeiden.
Vitamin K :
- Zur Prophylaxe hämorrhagischer Erkrankungen (v. a. Vitamin-K
-Mangelblutungen) wird die Vitamin-K -Gabe in Deutschland wie folgt empfohlen: - Dosierung:
- Zeitpunkte:
- Gabe: bei der U1 (direkt nach Geburt
) - Gabe: bei der U2 (3.–10. Lebenstag)
- Gabe: bei der U3 (4.–5. Lebenswoche)
- Gabe: bei der U1 (direkt nach Geburt
- Ziel: Vermeidung von lebensbedrohlichen Blutungen durch Vitamin-K
-Mangel (v. a. intrakranielle Blutungen )
Flüssigkeits- und Elektrolytbedarf
Flüssigkeitsbedarf (nach Holliday und Segar)
Die Berechnung des täglichen Flüssigkeitsbedarfs bei Kindern richtet sich in der klinischen Praxis häufig nach der Methode von Holliday und Segar (1957), die auf dem Körpergewicht basiert.
- 1.–10. kgKG: 100 ml/kg/24 h
- 11.–20. kgKG: zusätzlich 50 ml/kg/24 h
- > 20 kgKG: zusätzlich 20 ml/kg/24 h
- Zusätzlicher Flüssigkeitsbedarf:
- Fieberzuschlag: +10 ml/kgKG pro °C Temperatur > 38 °C / 24 h
- Verdunstungsverlust (z. B. bei Fieber
, warmer Umgebung): +400 ml/m² KOF/24 h
InfoBeispielrechnung:
Kind mit 15 kg =
→ 1000 ml für die ersten 10 kg (10 × 100 ml)
→ 250 ml für die weiteren 5 kg (5 × 50 ml)
= 1250 ml / 24 h
Elektrolytbedarf pro 24 h
| Elektrolyt | Bedarf pro 24 h |
|---|---|
| Natrium | 3–5 mmol/kgKG |
| Kalium | 1–2 mmol/kgKG |
| Magnesium | 0,1–0,7 mmol/kgKG |
| Calcium | 0,1–1 mmol/kgKG |
| Phosphat | 0,5–1 mmol/kgKG |
| Chlorid | 0,1–1 mmol/kgKG (orientierend) |
MerkeDie genauen Anforderungen können je nach Alter, Ernährungsstatus und Krankheitsbild variieren (z. B. bei Niereninsuffizienz, Diarrhö
, Refeeding).
Körperoberfläche (KOF) nach DuBois:
Die Formel zur Berechnung der Körperoberfläche (KOF) ist etabliert und wird für Dosierungs- und Flüssigkeitsberechnungen verwendet:
KOF (m²) = 0,007184 × Körpergröße^0,725 × Körpergewicht^0,425
(Einheit: Größe in cm, Gewicht in kg)
Überblick über Ernährungsstörungen
Ernährungsstörungen umfassen eine Vielzahl von Auffälligkeiten der Nahrungsaufnahme und -verwertung, die das Wachstum, die körperliche Entwicklung oder die psychosoziale Gesundheit von Kindern beeinträchtigen können. Sie reichen von Frühkindlichen Fütterstörungen über Gedeihstörungen bis hin zu Essstörungen wie Anorexia nervosa oder Adipositas
Häufige Formen sind:
- Fütterstörungen im Säuglings- und Kleinkindalter (z. B. Nahrungsverweigerung, Würgen, Spucken)
- Gedeihstörung (Unterschreitung der altersgerechten Gewichtszunahme oder Wachstumsverlauf)
- Selektives Essverhalten („Picky Eating“) mit eingeschränkter Nahrungsmittelauswahl
- Adipositas
mit zunehmender Prävalenz bereits im Vorschulalter - Essstörungen im Jugendalter wie Anorexia nervosa, Bulimia nervosa oder Binge-Eating-Störung
AchtungDie frühzeitige Erkennung und multidisziplinäre Betreuung von Ernährungsstörungen ist entscheidend, um langfristige gesundheitliche Folgen zu vermeiden.
Quellen
- Empfehlungen zur pädiatrischen Ernährung und Flüssigkeitstherapie: "Gesunde Ernährung für mein Baby", Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ)
- Kai O. Hensel, Georgia Ortner, Karin Wimmer, Säuglingsnahrung im Spotlight - mit Diätassistentin Karin Wimmer, 15.06.2022, Season 1, Episode 13, Die Expertise-Piraten - Kindermedizin zum Hören (Audio-Podcast), verfügbar unter: https://www.expertise-piraten.eu/1892330/10634871-sauglingsnahrungen-im-spotlight-mit-diatassistentin-karin-wimmer, abgerufen am 24.07.2025
- S3-Leitlinie Diagnostik und Therapie der Essstörungen, Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie e.V. (DGPM) und Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie e.V. (DGKJP)
- S1-Leitlinie Vitamin-D-Mangel-Rachitis, Deutsche Gesellschaft für pädiatrische und adoleszente Endokrinologie und Diabetologie (DGPAED)
- S2k-Leitlinie Vitamin-K-Mangel-Blutungen (VKMB) bei Neugeborenen, Prophylaxe, Gesellschaft für Neonatologie und pädiatrische Intensivmedizin e.V. (GNPI)
