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Ernährung und Ernährungsstörungen

SK
8 Minuten Lesezeit

Die Ernährung in den ersten Lebensjahren bildet die Grundlage für gesundes Wachstum, eine optimale körperliche und neurologische Entwicklung sowie ein funktionierendes Immunsystem. Neben der bedarfsgerechten Versorgung mit Energie und Nährstoffen spielt sie eine wichtige Rolle bei der Prävention chronischer Erkrankungen. Dieser Artikel bietet einen Überblick über die Grundlagen der Ernährung im Säuglings- und Kleinkindalter – vom Stillen über die Einführung von Beikost bis hin zur Flüssigkeits- und Elektrolytversorgung – und vermittelt die zentralen Empfehlungen zu Supplementen wie Vitamin D, K und Fluorid. Ergänzend wird ein Ausblick auf häufige Ernährungsstörungen gegeben, die im Kindesalter auftreten können.

Stillen ist die empfohlene Ernährungsform in den ersten Lebensmonaten und bietet neben Nährstoffen auch immunologische, psychologische und entwicklungsfördernde Vorteile. Die WHO und nationale Fachgesellschaften empfehlen:

  • Ausschließliches Stillen in den ersten 4–6 Lebensmonaten, sofern keine Kontraindikationen bestehen
  • Weiterstillen während der Beikosteinführung bis zum Ende des 1. Lebensjahres – ggf. auch darüber hinaus

Zusammensetzung der Muttermilch im zeitlichen Verlauf:

  • Kolostrum, auch Erstmilch oder Vormilch genannt (ca. Tage 1–5):
    • Reich an Proteinen, Immunglobulinen (v. a. IgA) und Leukozyten
    • Unterstützt das unreife Immunsystem und wirkt bereits in geringen Mengen protektiv
  • Transitorische Milch (ab Tag 6):
    • Übergangsform mit zunehmendem Milchvolumen und angepasster Nährstoffverteilung
  • Reife Muttermilch (ab Woche 3):
    • Höherer Laktose- und Fettgehalt
    • Sinkender Protein- und Mineralgehalt
 Merke

Im Verlauf der Stilldauer steigen Laktose- und Fettkonzentration, während Protein- und Mineralgehalt fallen.

Vorteile des Stillens:

Stillendes Neugeborenes
  • Optimale Bioverfügbarkeit aller essenziellen Nährstoffe
  • Förderung der Mutter-Kind-Bindung
  • Schutz vor respiratorischen und gastrointestinalen Infektionen
  • Günstige Modulation des kindlichen Mikrobioms (mehr Bifidusbakterien)
  • Langzeiteffekte:
    • Geringeres Risiko für Typ-1-Diabetes, Adipositas und Morbus Crohn
    • Allergieprävention (insbesondere atopische Dermatitis)

Mögliche Nachteile des Stillens

  • Erhöhte physiologische Gewichtsabnahme in den ersten Tagen
  • Prolongierter Neugeborenenikterus
  • Potenzielle Übertragung von Infektionen oder Schadstoffen über die Milch
  • Unzureichende Nährstoffzufuhr bei mütterlicher Mangelernährung

Säuglingsmilchnahrung

Wenn das Stillen nicht möglich oder nicht gewünscht ist, bietet industriell hergestellte Säuglingsnahrung eine sichere Alternative. Sie ist streng reguliert und in ihrer Zusammensetzung an Muttermilch angepasst.

  • Pre-Nahrung: Enthält ausschließlich Laktose als Kohlenhydrat und ist zur alleinigen Ernährung ab Geburt geeignet
  • Folgenahrung: Ab Beikostalter (frühestens 5. Monat), häufig angereichert mit weiteren Kohlenhydraten
  • Spezialnahrungen:
    • Sojabasis: Für Säuglinge mit Laktoseintoleranz
    • Keine Fruktose- oder Saccharose-haltige Nahrung im 1. Lebenshalbjahr bei Verdacht auf hereditäre Fruktoseintoleranz
 Merke

Muttermilch bleibt die bevorzugte Ernährung – dennoch ist auch mit adäquater Flaschennahrung eine gesunde Entwicklung möglich.

Die Einführung der Beikost ist ein wichtiger Schritt in der Ernährung von Säuglingen. Sie beginnt in einer Phase, in der die alleinige Versorgung durch Muttermilch oder Säuglingsnahrung nicht mehr ausreicht, um den steigenden Energie- und Nährstoffbedarf – insbesondere für Eisen und Zink – zu decken. Gleichzeitig wird das Baby schrittweise an neue Konsistenzen, Geschmäcker und das selbstständige Essen herangeführt. Die Beikost ersetzt nach und nach die Milchmahlzeiten, wobei das Stillen weiterhin empfohlen wird – idealerweise bis zum Ende des ersten Lebensjahres und darüber hinaus.

Zeitpunkt und Ziel:

  • Empfohlen ab dem vollendeten 4. bis spätestens Beginn des 7. Lebensmonats
  • Reifezeichen: aufrechtes Sitzen mit Unterstützung, Interesse an Nahrung, kein Zungenstoßreflex mehr
  • Ziel: Versorgung mit Eisen, Zink, Energie und essentiellen Fettsäuren ergänzen

Einführungsschema:

  • Start mit wenigen Löffeln eines pürierten Gemüsebreis (z. B. Pastinake, Karotte)
  • Nach 1–2 Wochen: Einführung eines vollständigen Gemüse-Kartoffel-Fleisch-Breis (Eisenquelle)
  • Anschließend: zweiter Brei (Getreide-Obst) am Nachmittag, dritter Brei (Milch-Getreide) am Abend
  • Neue Lebensmittel einzeln und mit Abstand einführen (Unverträglichkeiten erkennen)
  • Konsistenz anpassen: zuerst fein püriert, später stückiger

Weitere Hinweise:

  • Weiterhin 1–2 Milchmahlzeiten täglich (Stillen oder Pre-Nahrung)
  • Wasser ab dem zweiten Brei zusätzlich anbieten
  • Allergieprävention: auch potentiell allergene Lebensmittel (z. B. Ei, Fisch, Nüsse in geeigneter Form) können früh eingeführt werden
  • Keine Kuhmilch als Getränk im ersten Lebensjahr (kleine Mengen im Brei möglich)

Übergang zur Familienkost:

  • Im 2. Lebensjahr: schrittweiser Übergang zur Familienkost
  • Fokus auf ausgewogene, salz- und zuckerarme Ernährung
  • Mahlzeitenstruktur an die der Familie anpassen
Baby beim Füttern

Vitamin D:

  • Prophylaxe aller Säuglinge ab Geburt empfohlen
  • Dosierung: mindestens 500 I.E. Vitamin D täglich oral
  • Dauer: Bis zum 2. erlebten Frühsommer (je nach Geburtsdatum ca. 12–18 Monate)
  • Ziel: Rachitisprophylaxe
 Achtung

Die Supplementation erfolgt unabhängig vom Stillstatus – also sowohl bei gestillten als auch bei nicht gestillten Säuglingen.

Fluorid:

  • Zur Kariesprophylaxe wird eine Fluoridgabe ab Geburt empfohlen, wobei es zwei gleichwertige Strategien gibt – je nach Einsatz fluoridierter Zahnpasta:
  • Variante A:
    • Fluoridtabletten (meist Kombipräparate mit Vitamin D):
      • 0,25 mg Fluorid pro Tag
      • Gabe ab Geburt bis zum Zahndurchbruch
      • Danach entweder Fortsetzung oder Wechsel zu fluoridhaltiger Zahnpasta (siehe Variante B)
  • Variante B:
    • Keine Tabletten, dafür Zähneputzen mit fluoridierter Zahnpasta
      • Ab Zahndurchbruch: 1× täglich mit fluoridhaltiger Kinderzahnpasta (500 ppm)
      • Ab dem 2. Geburtstag: 2× täglich
 Tipp

Ein Wechsel zwischen beiden Strategien ist möglich, sollte aber ärztlich begleitet werden, um eine Über- oder Unterdosierung zu vermeiden.

Vitamin K:

  • Zur Prophylaxe hämorrhagischer Erkrankungen (v. a. Vitamin-K-Mangelblutungen) wird die Vitamin-K-Gabe in Deutschland wie folgt empfohlen:
  • Dosierung: 3 × 2 mg Vitamin K oral
  • Zeitpunkte:
    • Gabe: bei der U1 (direkt nach Geburt)
    • Gabe: bei der U2 (3.–10. Lebenstag)
    • Gabe: bei der U3 (4.–5. Lebenswoche)
  • Ziel: Vermeidung von lebensbedrohlichen Blutungen durch Vitamin-K-Mangel (v. a. intrakranielle Blutungen)

Flüssigkeitsbedarf (nach Holliday und Segar)

Die Berechnung des täglichen Flüssigkeitsbedarfs bei Kindern richtet sich in der klinischen Praxis häufig nach der Methode von Holliday und Segar (1957), die auf dem Körpergewicht basiert.

  • 1.–10. kgKG: 100 ml/kg/24 h
  • 11.–20. kgKG: zusätzlich 50 ml/kg/24 h
  • > 20 kgKG: zusätzlich 20 ml/kg/24 h
  • Zusätzlicher Flüssigkeitsbedarf:
    • Fieberzuschlag: +10 ml/kgKG pro °C Temperatur > 38 °C / 24 h
    • Verdunstungsverlust (z. B. bei Fieber, warmer Umgebung): +400 ml/m² KOF/24 h
 Info

Beispielrechnung:
Kind mit 15 kg =
→ 1000 ml für die ersten 10 kg (10 × 100 ml)
→ 250 ml für die weiteren 5 kg (5 × 50 ml)
= 1250 ml / 24 h

Elektrolytbedarf pro 24 h

ElektrolytBedarf pro 24 h
Natrium3–5 mmol/kgKG
Kalium1–2 mmol/kgKG
Magnesium0,1–0,7 mmol/kgKG
Calcium0,1–1 mmol/kgKG
Phosphat0,5–1 mmol/kgKG
Chlorid0,1–1 mmol/kgKG (orientierend)
 Merke

Die genauen Anforderungen können je nach Alter, Ernährungsstatus und Krankheitsbild variieren (z. B. bei Niereninsuffizienz, Diarrhö, Refeeding).

Körperoberfläche (KOF) nach DuBois:

Die Formel zur Berechnung der Körperoberfläche (KOF) ist etabliert und wird für Dosierungs- und Flüssigkeitsberechnungen verwendet: 

KOF (m²) = 0,007184 × Körpergröße^0,725 × Körpergewicht^0,425
(Einheit: Größe in cm, Gewicht in kg)

Ernährungsstörungen umfassen eine Vielzahl von Auffälligkeiten der Nahrungsaufnahme und -verwertung, die das Wachstum, die körperliche Entwicklung oder die psychosoziale Gesundheit von Kindern beeinträchtigen können. Sie reichen von Frühkindlichen Fütterstörungen über Gedeihstörungen bis hin zu Essstörungen wie Anorexia nervosa oder Adipositas im Jugendalter.

Häufige Formen sind:

  • Fütterstörungen im Säuglings- und Kleinkindalter (z. B. Nahrungsverweigerung, Würgen, Spucken)
  • Gedeihstörung (Unterschreitung der altersgerechten Gewichtszunahme oder Wachstumsverlauf)
  • Selektives Essverhalten („Picky Eating“) mit eingeschränkter Nahrungsmittelauswahl
  • Adipositas mit zunehmender Prävalenz bereits im Vorschulalter
  • Essstörungen im Jugendalter wie Anorexia nervosa, Bulimia nervosa oder Binge-Eating-Störung
 Achtung

Die frühzeitige Erkennung und multidisziplinäre Betreuung von Ernährungsstörungen ist entscheidend, um langfristige gesundheitliche Folgen zu vermeiden. 

  • Empfehlungen zur pädiatrischen Ernährung und Flüssigkeitstherapie: "Gesunde Ernährung für mein Baby", Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ)
  • Kai O. Hensel, Georgia Ortner, Karin Wimmer, Säuglingsnahrung im Spotlight - mit Diätassistentin Karin Wimmer, 15.06.2022, Season 1, Episode 13, Die Expertise-Piraten - Kindermedizin zum Hören (Audio-Podcast), verfügbar unter: https://www.expertise-piraten.eu/1892330/10634871-sauglingsnahrungen-im-spotlight-mit-diatassistentin-karin-wimmer, abgerufen am 24.07.2025
  • S3-Leitlinie Diagnostik und Therapie der Essstörungen, Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie e.V. (DGPM) und Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie e.V. (DGKJP)
  • S1-Leitlinie Vitamin-D-Mangel-Rachitis, Deutsche Gesellschaft für pädiatrische und adoleszente Endokrinologie und Diabetologie (DGPAED)
  • S2k-Leitlinie Vitamin-K-Mangel-Blutungen (VKMB) bei Neugeborenen, Prophylaxe, Gesellschaft für Neonatologie und pädiatrische Intensivmedizin e.V. (GNPI)
Zuletzt aktualisiert am 29.07.2025
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