Die 64-jährige Frau Raufuß beklagt einen produktiven Husten seit 3 Tagen. Der Auswurf sei dabei gelblich bis grünlich verfärbt
Letzte Nacht habe sie zudem Schüttelfrost gehabt und Fieber mit einer rektal gemessenen Temperatur von 39°C. Daher habe sie bereits zur Fiebersenkung Paracetamol eingenommen
Auf dem kurzen Stück vom Auto in die Notaufnahme sei die Patientin schon ganz aus der Puste gekommen und ihre Brust würde beim Atmen wehtun
Die Patientin sei allergisch auf Bienenstiche und sei Raucherin mit 15 PY. Sie trinke jeden Abend ein Glas Wein zum Entspannen
3x gegen Covid19 und vor 1 Monat gegen Influenza geimpft
Vitalparameter
Blutdruck: 120/80 mmHg
HF: 94/min
Sättigung: 92%
Atemfrequenz: 25/min
Temperatur (Stirnthermometer): 38,5°C
Körperliche Untersuchung:
Patientin ist übergewichtig (30 kg/m2) , reduzierter Allgemeinzustand
Herz: Herztöne rein rhythmisch, keine Herzgeräusche
Neurologische Untersuchung orientierend unauffällig, orientiert zu Zeit, Ort, Person und Situation
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Fragen
Was ist deine Verdachtsdiagnose? Wie kannst du die Erkrankung klassifizieren? Welche Erkrankungen kommen als Differentialdiagnosen in Frage?
Nenne die wichtigsten Erreger der Erkrankung.
Welche Diagnostik sollte durchgeführt werden?
Welcher Score hilft dir bei der Entscheidung über eine stationäre Aufnahme der Patientin?
Welche Therapie leitest du ein?
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Frage 1: Was ist deine Verdachtsdiagnose? Wie kannst du die Erkrankung klassifizieren? Welche Erkrankungenn kommen als Differentialdiagnosen in Frage?
Bei Frau Raufuß besteht der Verdacht auf eine Pneumonie
Die Anamnese mit eitrigem Auswurf, Husten, Fieber, Dyspnoe und Schüttelfrost ist klassisch
Die atemabhängigen Schmerzen der Brust können auf eine Begleitpleuritis (Entzündung des Brustfells) hinweisen
Die Vitalparameter zeigen eine Tachypnoe mit >20 Zügen/min. Diese kann als Kompensation für einen reduzierten Gasaustausch in den Alveolen auftreten
In der körperlichen Untersuchung ist der rechte basale Lungenabschnitt mit feinblasigen RGs auffällig → Verdacht auf eine Pneumonie der rechten Lunge
Eine Pneumonie kann auf verschiedene Weisen klassifiziert werden, wobei die wichtigste Unterscheidung - aufgrund ihrer therapeutischen Relevanz - die Klassifikation nach Ort des Erwerbs und Immunkompetenz ist:
Außerhalb einer medizinischen Einrichtung erworben (bei immunkompetentem Pat.)
Auftreten >48h nach Hospitalisierung oder bei Pat., die in den letzten 3 Monaten hospitalisiert waren
(bei immunkompetentem Pat.)
Auftreten ambulant oder im Krankenhaus, bspw. bei Pat. nach Organtransplantation, bei HIV-Infektion
Weiterhin kann eine Klassifikation nach Klinik erfolgen:
Klinisch kann die Pneumonie durch typische und atypische Verläufe gekennzeichnet sein. In der klinischen Praxis sind die Verläufe meistens schwer zu unterschieden und erlauben keine eindeutigen Rückschlüsse auf die Infektionserreger:
Typische (alveoläre) Pneumonie
Atypische (interstitielle) Pneumonie
Erregerspektrum (unsicher)
Häufiger bakterielle Erreger
Streptococcus pneumoniae
Haemophilus influenzae
Staphylococcus aureus
Mykoplasmen
Chlamydien
Legionellen
Virale Erreger
Klinik
Akuter Beginn
Subakuter Beginn
Fieber >38,5°C und Schüttelfrost
Fieber <38,5°C, langsam ansteigend
Produktiver Husten
Trockener Husten
Häufig Begleitpleuritis
Selten Begleitpleuritis
Körperliche Untersuchung
Rasselgeräusche mit Klopfschalldämpfung bei lobärem Befall
Häufig auskultatorisch unauffällig bzw. diskrete Rasselgeräusche
Tipp
In diesem Fall besteht Verdacht auf eine typische ambulant erworbene Pneumonie der rechten Lunge!
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Frage 2: Nenne die wichtigsten Erreger der Erkrankung.
Übersicht über wichtige Erreger
Typ der Pneumonie
Häufige Erreger
Ambulant erworbene Pneumonie (CAP)
Typische, bakterielle Erreger:
Streptococcus pneumoniae (häufigster Erreger)
Haemophilus influenzae
Atypische Erreger:
Mycoplasma pneumoniae
Chlamydophila pneumoniae
Legionella pneumophila
Virale Erreger:
Influenzaviren
Respiratory-Syncytial-Virus (RSV)
SARS-CoV-2
Weitere Coronaviren, Adenoviren
Nosokomiale Pneumonie (HAP)
Staphylococcus aureus
Pseudomonas aeruginosa
Enterobakterien (z.B. E. coli, Klebsiella pneumoniae),
Acinetobacter baumannii
Pneumonie unter Immun-suppression
Infektion mit opportunistischen Erregern
Bei Neutropenie: Staphylococcus aureus, Pseudomonas aeruginosa, CMV, Aspergillus spp.
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3. Frage: Welche Diagnostik sollte durchgeführt werden?
Diagnostik
Anamnese, körperliche Untersuchung und Erhebung der Vitalparameter
Procalcitonin (PCT): besitzt die höchste Spezifität für den Nachweis einer bakteriellen Pneumonie
Elektrolyte, Leberwerte, Nierenwerte
Blutgasanalyse: bei Verdacht auf eine respiratorische Insuffizienz
Erregerdiagnostik: bei leichten ambulanten Pneumonien nicht notwendig
Bei stationärer Aufnahme:
Abnahme von mindestens 2 Blutkultursets (also 2 aerobe und 2 anaerobe Kulturen)
Sputum-Diagnostik: Sputummikroskopie und Sputumkultur
Indiziert bei schwerem Verlauf, beim Verdacht auf multiresistente Keime, nosokomialer Pneumonie, antibiotisch vorbehandelten Patient:Innen sowie bei häufigen COPD-Exazerbationen (≥3×/Jahr)
Pleurapunktat: bei Pleuraergüssen sollte eine Punktion mit Erregerdiagnostik, Bestimmung des pHs, der Leukozytenzahl und des Proteingehalts erfolgen
Bildgebung:
Röntgenthorax in 2 Ebenen
Lobärpneumonie im linken Oberlappen
Bei unklaren Röntgenthoraxbefunden oder auch zum Ausschluss bspw. eines Bronchialkarzinoms
Diagnosekriterien der Pneumonie
Hauptkriterium
Nebenkriterien
Neu aufgetretenes Infiltrat im Röntgen-Thorax (in 2 Ebenen)
Körpertemperatur: Fieber ≥38,5 °C; Hypothermie ≤36,5 °C
Purulenter Auswurf (gelb-grün)
Leukozytenzahl: Leukozytose >10.000/µl, Leukopenie <4.000/µl; alternativ Linksverschiebung >5% und CRP >5 mg/dl
Zeichen einer Infiltration in der klinischen Untersuchung:
Verstärkte Bronchophonie
Feinblasige Rasselgeräusche
Verstärkter Stimmfremitus
Einschränkungen der Diagnosekriterien:
Ein entzündliches Infiltrat im Röntgen-Thorax ist häufig erst im Verlauf zu sehen oder kann bei schwach ausgeprägter Symptomatik fehlen
Die Zeichen in der klinischen Untersuchung können bei atypischen Verläufen oder älteren Patienten fehlen
➜ Die Pneumonie ist daher in der Regel eine klinische Diagnose, die aus einer Kombination von Symptomen, klinischer Untersuchung, Laborbefunden und bildgebenden Verfahren gestellt wird.
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Frage 4: Welcher Score hilft dir bei der Entscheidung über eine stationäre Aufnahme der Patientin?
Die Entscheidung, ob eine Pneumonie ambulant behandelt werden kann, richtet sich nach dem CRB-65-Score, dem Allgemeinzustand der Patient:innen, der Sauerstoffsättigung, den Komorbiditäten (z.B. Dialysepflichtigkeit), dem möglichen Auftreten von Komplikationen und der häuslichen Versorgungssituation.
CRB-65-Score (Entscheidung zur stationären Aufnahme)
C = Confusion
Bewusstseinstrübung
Vorhanden
1 Punkt
R = Respiratory Rate
Atemfrequenz
≥30/min
1 Punkt
B = Blood Pressure
Blutdruck
Systolischer Blutdruck <90 mmHg
Diastolischer Blutdruck ≤60 mmHg
1 Punkt
65 = Age ≥65
Alter
≥65 Jahre
1 Punkt
U = Urea
Serum-Harnstoff
>7 mmol/L (42 mg/dL)
1 Punkt
Bedeutung der Punktzahl
0 = Ambulante Therapie
≥1 = Stationäre Therapie
≥2 = Komplikationsrate höher
≥3 = Intensivmedizinische Therapie in Erwägung ziehen
Im palliativen Therapiesetting oder bei funktionell eingeschränkten Patienten kann auch unabhängig von diesen Kriterien eine ambulante Therapie erwogen werden.
Achtung
Eine ambulant behandelte Pneumonie mit CRB-65-Score von 0 sollte nach 48(-72 Std.) wieder einbestellt werden, um die Wirksamkeit der antibiotischen Therapie zu überprüfen.
Tipp
Im vorliegenden Fall liegt ein CRB-65-Score von 0 vor
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Frage 5: Welche Therapie leitest du ein?
Die Therapie beruht auf zwei Säulen
Supportive Allgemeinmaßnahmen
Antibiotische Therapie
Supportive Therapie
Hohe Flüssigkeitszufuhr (erleichtert die Sekretolyse)
Körperliche Schonung
Thromboembolieprophylaxe
Frühe Mobilisierung
Atemtraining
Behandlung von Begleiterkrankungen
Bei unzureichender Oxygenierung: Sauerstofftherapie
Antipyretika, Analgetika
Antibiotische Therapie
Tipp
Im vorliegenden Fall lag ein CRB-65-Score von 0 vor. Die Sättigung war >90%. Anamnestisch gab es keine Hinweise auf eine Antibiotikatherapie in den letzten 3 Monaten, Frau Raufuß kam nicht aus dem Pflegeheim und hatte auch keine chronischen Begleiterkrankungen → Es wird daher eine ambulante Therapie mit hochdosiertem Amoxicillin per os für 5-7 Tage begonnen. Für in 2 Tagen wird eine Wiedervorstellung mit Frau Raufuß vereinbart.
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Zuletzt aktualisiert am 25.07.2026
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