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Fall 1: Fieber und Husten

9 Minuten Lesezeit

Beschreibung

  • Die 64-jährige Frau Raufuß beklagt einen produktiven Husten seit 3 Tagen. Der Auswurf sei dabei gelblich bis grünlich verfärbt
  • Letzte Nacht habe sie zudem Schüttelfrost gehabt und Fieber mit einer rektal gemessenen Temperatur von 39°C. Daher habe sie bereits zur Fiebersenkung Paracetamol eingenommen
  • Auf dem kurzen Stück vom Auto in die Notaufnahme sei die Patientin schon ganz aus der Puste gekommen und ihre Brust würde beim Atmen wehtun
  • Die Patientin sei allergisch auf Bienenstiche und sei Raucherin mit 15 PY. Sie trinke jeden Abend ein Glas Wein zum Entspannen
  • 3x gegen Covid19 und vor 1 Monat gegen Influenza geimpft

Vitalparameter

  • Blutdruck: 120/80 mmHg
  • HF: 94/min
  • Sättigung: 92%
  • Atemfrequenz: 25/min
  • Temperatur (Stirnthermometer): 38,5°C

Körperliche Untersuchung:

  • Patientin ist übergewichtig (30 kg/m2) , reduzierter Allgemeinzustand
  • Herz: Herztöne rein rhythmisch, keine Herzgeräusche
  • Lunge: rechts basal abgeschwächter Klopfschall sowie feinblasige Rasselgeräusche (RGs), Stimmfremitus verstärkt, links unauffällig
  • Abdomen: unauffällig
  • Nieren: nicht klopf- oder druckschmerzhaft
  • Neurologische Untersuchung orientierend unauffällig, orientiert zu Zeit, Ort, Person und Situation
 Info

Fragen

  1. Was ist deine Verdachtsdiagnose? Wie kannst du die Erkrankung klassifizieren? Welche Erkrankungen kommen als Differentialdiagnosen in Frage?
  2. Nenne die wichtigsten Erreger der Erkrankung.
  3. Welche Diagnostik sollte durchgeführt werden?
  4. Welcher Score hilft dir bei der Entscheidung über eine stationäre Aufnahme der Patientin?
  5. Welche Therapie leitest du ein?
 Info

Frage 1: Was ist deine Verdachtsdiagnose? Wie kannst du die Erkrankung klassifizieren? Welche Erkrankungenn kommen als Differentialdiagnosen in Frage?

  • Bei Frau Raufuß besteht der Verdacht auf eine Pneumonie
    • Die Anamnese mit eitrigem Auswurf, Husten, Fieber, Dyspnoe und Schüttelfrost ist klassisch
    • Die atemabhängigen Schmerzen der Brust können auf eine Begleitpleuritis (Entzündung des Brustfells) hinweisen
    • Die Vitalparameter zeigen eine Tachypnoe mit >20 Zügen/min. Diese kann als Kompensation für einen reduzierten Gasaustausch in den Alveolen auftreten
    • In der körperlichen Untersuchung ist der rechte basale Lungenabschnitt mit feinblasigen RGs auffällig →  Verdacht auf eine Pneumonie der rechten Lunge
  • Eine Pneumonie kann auf verschiedene Weisen klassifiziert werden, wobei die wichtigste Unterscheidung - aufgrund ihrer therapeutischen Relevanz - die Klassifikation nach Ort des Erwerbs und Immunkompetenz ist:
Ambulant erworbene Pneumonie (Community Acquired Pneumonia/CAP)Nosokomial erworbene Pneumonie (Hospital Acquired Pneumonia (HAP)Unter Immunsuppression erworbene  Pneumonie
Außerhalb einer medizinischen Einrichtung erworben (bei immunkompetentem Pat.)

Auftreten >48h nach Hospitalisierung oder bei Pat., die in den letzten 3 Monaten hospitalisiert waren

(bei immunkompetentem Pat.)

Auftreten ambulant oder im Krankenhaus, bspw. bei Pat. nach Organtransplantation, bei HIV-Infektion
  • Weiterhin kann eine Klassifikation nach Klinik erfolgen:
    • Klinisch kann die Pneumonie durch typische und atypische Verläufe gekennzeichnet sein. In der klinischen Praxis sind die Verläufe meistens schwer zu unterschieden und erlauben keine eindeutigen Rückschlüsse auf die Infektionserreger:
 Typische (alveoläre) PneumonieAtypische (interstitielle) Pneumonie
Erregerspektrum (unsicher)

Häufiger bakterielle Erreger

  • Streptococcus pneumoniae
  • Haemophilus influenzae
  • Staphylococcus aureus
  • Mykoplasmen
  • Chlamydien
  • Legionellen
  • Virale Erreger
KlinikAkuter BeginnSubakuter Beginn
Fieber >38,5°C und SchüttelfrostFieber <38,5°C, langsam ansteigend
Produktiver HustenTrockener Husten
Häufig BegleitpleuritisSelten Begleitpleuritis
Körperliche UntersuchungRasselgeräusche mit Klopfschalldämpfung bei lobärem BefallHäufig auskultatorisch unauffällig bzw. diskrete Rasselgeräusche
 Tipp

In diesem Fall besteht Verdacht auf eine typische ambulant erworbene Pneumonie der rechten Lunge!

 Info

Frage 2: Nenne die wichtigsten Erreger der Erkrankung.

Übersicht über wichtige Erreger

Typ der PneumonieHäufige Erreger
Ambulant erworbene Pneumonie (CAP)

Typische, bakterielle Erreger:

  • Streptococcus pneumoniae (häufigster Erreger)
  • Haemophilus influenzae

 

Atypische Erreger:

  • Mycoplasma pneumoniae
  • Chlamydophila pneumoniae
  • Legionella pneumophila 

 

Virale Erreger:

  • Influenzaviren
  • Respiratory-Syncytial-Virus (RSV)
  • SARS-CoV-2
  • Weitere Coronaviren, Adenoviren
Nosokomiale Pneumonie (HAP)
  • Staphylococcus aureus
  • Pseudomonas aeruginosa
  • Enterobakterien (z.B. E. coli, Klebsiella pneumoniae),
  • Acinetobacter baumannii
Pneumonie unter Immun-suppression

Infektion mit opportunistischen Erregern

  • Bei Neutropenie: Staphylococcus aureus, Pseudomonas aeruginosa, CMV, Aspergillus spp.
  • Bei humoraler Immundefizienz (B-Zell-Defekt, Antikörper↓): Streptococcus pneumoniae, Haemophilus influenzae, Neisseria meningitidis
  • Bei zellulärer Immundefizienz (T-Zell-Defekt): Pneumocystis jirovecii, CMV, Aspergillus spp., Legionella pneumophila, Mykobakterien
Pneumonie bei Neugeborenen
  • Gruppe-B-Streptokokken (Streptococcus agalactiae)
  • Escherichia coli
  • Seltener: Listeria monocytogenes, Haemophilus influenzae
Pneumonie unter erhöhtem Risiko für multiresistente Erreger

Zusätzliche Erreger:

Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus: MRSA

Multiresistente gramnegative Stäbchen (MRGN): Pseudomonas aeruginosa, Stenotrophomonas maltophilia, Acinetobacter baumannii

 Info

3. Frage: Welche Diagnostik sollte durchgeführt werden?

Diagnostik

  • Anamnese, körperliche Untersuchung und Erhebung der Vitalparameter
  • Labor:
    • Blutbild → möglicher Befund: Leukozytose
    • Differentialblutbild → möglicher Befund: Linksverschiebung
    • Weitere Entzündungsparameter:
      • C-reaktives Protein (CRP)
      • Procalcitonin (PCT): besitzt die höchste Spezifität für den Nachweis einer bakteriellen Pneumonie
    • Elektrolyte, Leberwerte, Nierenwerte
    • Blutgasanalyse: bei Verdacht auf eine respiratorische Insuffizienz
  • Erregerdiagnostik: bei leichten ambulanten Pneumonien nicht notwendig
  • Bei stationärer Aufnahme:
    • Abnahme von mindestens 2 Blutkultursets (also 2 aerobe und 2 anaerobe Kulturen) 
    • Sputum-Diagnostik: Sputummikroskopie und Sputumkultur
      • Indiziert bei schwerem Verlauf, beim Verdacht auf multiresistente Keime, nosokomialer Pneumonie, antibiotisch vorbehandelten Patient:Innen sowie bei häufigen COPD-Exazerbationen (≥3×/Jahr)
      • Pleurapunktat: bei Pleuraergüssen sollte eine Punktion mit Erregerdiagnostik, Bestimmung des pHs, der Leukozytenzahl und des Proteingehalts erfolgen
  • Bildgebung:
    • Röntgenthorax in 2 Ebenen
Lobärpneumonie (linker Oberlappen)
Lobärpneumonie im linken Oberlappen
  • Bei unklaren Röntgenthoraxbefunden oder auch zum Ausschluss bspw. eines Bronchialkarzinoms

Diagnosekriterien der Pneumonie

HauptkriteriumNebenkriterien
Neu aufgetretenes Infiltrat im Röntgen-Thorax (in 2 Ebenen)
  • Körpertemperatur: Fieber ≥38,5 °C; Hypothermie ≤36,5 °C
  • Purulenter Auswurf (gelb-grün)
  • Leukozytenzahl: Leukozytose >10.000/µl, Leukopenie <4.000/µl; alternativ Linksverschiebung >5% und CRP >5 mg/dl
  • Zeichen einer Infiltration in der klinischen Untersuchung:
    • Verstärkte Bronchophonie
    • Feinblasige Rasselgeräusche
    • Verstärkter Stimmfremitus

 Einschränkungen der Diagnosekriterien:

  • Ein entzündliches Infiltrat im Röntgen-Thorax ist häufig erst im Verlauf zu sehen oder kann bei schwach ausgeprägter Symptomatik fehlen
  • Die Zeichen in der klinischen Untersuchung können bei atypischen Verläufen oder älteren Patienten fehlen

➜ Die Pneumonie ist daher in der Regel eine klinische Diagnose, die aus einer Kombination von Symptomen, klinischer Untersuchung, Laborbefunden und bildgebenden Verfahren gestellt wird.

 Info

Frage 4: Welcher Score hilft dir bei der Entscheidung über eine stationäre Aufnahme der Patientin?

Die Entscheidung, ob eine Pneumonie ambulant behandelt werden kann, richtet sich nach dem CRB-65-Score, dem Allgemeinzustand der Patient:innen, der Sauerstoffsättigung, den Komorbiditäten (z.B. Dialysepflichtigkeit), dem möglichen Auftreten von Komplikationen und der häuslichen Versorgungssituation.

CRB-65-Score (Entscheidung zur stationären Aufnahme)

C = Confusion

Bewusstseinstrübung

Vorhanden1 Punkt

R = Respiratory Rate

Atemfrequenz

≥30/min1 Punkt

B = Blood Pressure

Blutdruck

Systolischer Blutdruck <90 mmHg

Diastolischer Blutdruck ≤60 mmHg

1 Punkt

65 = Age ≥65

Alter

≥65 Jahre1 Punkt

U = Urea

Serum-Harnstoff

>7 mmol/L (42 mg/dL)1 Punkt

Bedeutung der Punktzahl

  • 0 = Ambulante Therapie
  • ≥1 = Stationäre Therapie
  • ≥2 = Komplikationsrate höher
  • ≥3 = Intensivmedizinische Therapie in Erwägung ziehen
Im palliativen Therapiesetting oder bei funktionell eingeschränkten Patienten kann auch unabhängig von diesen Kriterien eine ambulante Therapie erwogen werden.
 Achtung

Eine ambulant behandelte Pneumonie mit CRB-65-Score von 0 sollte nach 48(-72 Std.) wieder einbestellt werden, um die Wirksamkeit der antibiotischen Therapie zu überprüfen. 

 Tipp

Im vorliegenden Fall liegt ein CRB-65-Score von 0 vor

 Info

Frage 5: Welche Therapie leitest du ein?

  • Die Therapie beruht auf zwei Säulen
    1. Supportive Allgemeinmaßnahmen
    2. Antibiotische Therapie
  • Supportive Therapie
    • Hohe Flüssigkeitszufuhr (erleichtert die Sekretolyse)
    • Körperliche Schonung
    • Thromboembolieprophylaxe
    • Frühe Mobilisierung
    • Atemtraining
    • Behandlung von Begleiterkrankungen
    • Bei unzureichender Oxygenierung: Sauerstofftherapie
    • Antipyretika, Analgetika 
  • Antibiotische Therapie

Antibiotische Therapie bei ambulant erworbener Pneumonie (CAP)

 Tipp

Im vorliegenden Fall lag ein CRB-65-Score von 0 vor. Die Sättigung war >90%. Anamnestisch gab es keine Hinweise auf eine Antibiotikatherapie in den letzten 3 Monaten, Frau Raufuß kam nicht aus dem Pflegeheim und hatte auch keine chronischen Begleiterkrankungen
→ Es wird daher eine ambulante Therapie mit hochdosiertem Amoxicillin per os für 5-7 Tage begonnen. Für in 2 Tagen wird eine Wiedervorstellung mit Frau Raufuß vereinbart.

Zuletzt aktualisiert am 25.07.2026
Verhalten im OP
Fall 2: Junger Mann mit plötzlicher Atemnot
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