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Fall 15: Brustenge und zunehmende Luftnot

6 Minuten Lesezeit

Beschreibung

  • Die 77-jährige Frau Ludwig stellt sich in der Notaufnahme vor. Sie berichtet, dass sie seit 3 Monaten zunehmend schlechter Luft bekomme
  • Schon beim Wäsche aufhängen bekomme sie Luftnot. In Ruhe bestünden diese jedoch noch nicht
  • Weiterhin berichtet sie, dass sie bei Belastung zusätzlich zur Luftnot auch Schwindel und leichte Brustschmerzen verspüre
  • Als Vorerkrankung sei ein Bluthochdruck bekannt, welcher mit Ramipril und Amlodipin gut behandelt sei
  • Frau Ludwig rauche 5 Zigaretten/Tag (30 Packyears), kein Alkohol

Vitalparameter

  • Blutdruck: 135/100 mmHg
  • HF: 90/min

Körperliche Untersuchung

  • Patientin ist adipös (31 kg/m2)
  • Herz: Herztöne rhythmisch, raues spindelförmiges Systolikum über dem 2. ICR rechts mit Fortleitung in die Karotiden
  • Lunge: ubiquitär vesikuläres Atemgeräusch, keine RGs, sonorer Klopfschall
  • Abdomen: weich, kein Druckschmerz, keine Abwehrspannung, rege Darmgeräusche auskultierbar
  • Nieren: nicht klopf- oder druckschmerzhaft
  • Neurologisch orientierend unauffällig, orientiert zu Zeit, Ort, Person und Situation

Aufnahmelabor:

  • Erythrozyten: 5 Mio./µl; Leukozyten: 6000/µl; Hb: 15,8 g/dl; Kreatinin 0,85 mg/dl; CRP: 0,2; TSH: 3 mU/l; Na: 145 mmol/l; K: 3,8 mmol/l ; CK: 81 U/l; CKMB: 5 U/l; Troponin T: 1,2 µg/l (↑); NT-proBNP: 1500 ng/l (↑)
 Info

Fragen

  1. Was ist deine Verdachtsdiagnose? Wie lassen sich die Symptome erklären?
  2. Welche Auskultationspunkte kennst du und was sind klassische Befunde? 
  3. Welche Diagnostik würdest du durchführen?
  4. Welche Therapieoptionen stehen zur Verfügung? Was empfiehlst du Frau Ludwig?
 Info

Frage 1: Was ist deine Verdachtsdiagnose? Wie lassen sich die Symptome erklären?

  • Bei Frau Ludwig besteht der Verdacht auf eine symptomatische Aortenklappenstenose
    • Klassische Symptomtrias:
      1. Angina pectoris
        • Durch die Obstruktion im Bereich der Aortenklappe kommt es zur Druckbelastung des linken Ventrikelskonzentrische Hypertrophie des linken Herzens → führt zu erhöhtem O2-Bedarf
        • Häufig begleitend koronare Herzkrankheit 
      2. Belastungsdyspnoe
        • Im Verlauf der Erkrankung kommt es zur Dilatation des linken Ventrikels mit reduzierter Auswurffraktion
        • Herzinsuffizienz-Symptomatik → Lungenödem
      3. Schwindel
        • Aufgrund einer belastungsinduzierten Minderdurchblutung des Gehirns klagen viele Patient:innen über Synkopen oder Schwindel
    • Im Labor fällt ein leicht erhöhtes Troponin und NT-proBNP auf
      1. Troponin wird bei Myokardschädigung ins Blut abgegeben. Ein einziger Wert ist allerdings nicht ausreichend für die Diagnose eines NSTEMIs oder STEMIs. Vielmehr ist die Dynamik entscheidend → im Kontrolllabor von Frau Ludwig zeigt sich ein unverändertes Labor → ein akuter Myokardschaden ist daher unwahrscheinlich 
        → das erhöhte Troponin kann daher auf einen chronischen Myokardschaden hinweisen bspw. durch eine chronische Druckbelastung bei einer Aortenklappenstenose
      2. NT-proBNP wird aus Herzmuskelzellen bei einer Volumenbelastung ausgeschüttet. Es ist sehr sensitiv und ist selbst bei geringgradiger Herzinsuffizienz nachweisbar. Bei normwertigem NT-proBNP ist eine Herzinsuffizienz nahezu ausgeschlossen. Es eignet sich zusätzlich als Verlaufsparameter, da es mit der Schwere der Herzinsuffizienz korreliert
        → das erhöhte NT-proBNP passt zur Herzinsuffizienz-Symptomatik bei Frau Ludwig 
 Info

Frage 2: Welche Auskultationspunkte kennst du und was sind klassische Befunde? 

Auskultation Herzklappen

 Merke

Merkhilfe: Anton Pulmann trinkt Milch um 22:45.

Auskultationsbefunde bei häufigen Herzklappenfehlern

 Achtung

Lautstärke des Herzgeräusches korreliert nicht mit dem Grad der Stenosierung!

 Info

Frage 3: Welche Diagnostik würdest du durchführen?

  • Anamnese
  • Körperliche Untersuchung
    • Pulsus tardus et parvus
    • Hebender Herzspitzenstoß
    • Auskultation
  • Blutdruck: kleinere Blutdruckamplitude
  • EKG:
    • Ggf. Zeichen einer Linksherzhypertrophie (Mehr dazu in unserem EKG-Skript):
      • Pathologischer Sokolow-Lyon-Index
      • Linkstyp, überdrehter Linkstyp
  • Echokardiografie (Diagnostikum der Wahl):
    • Transthorakal (TTE): bei unklarem Herzgeräusch
    • Transösophageal (TEE): bei V.a. Endokarditis oder TTE nicht aussagekräftig
    • Untersuchung u.a. der Ejektionsfraktion, Wanddicke, Klappenöffnungsfläche, Druckgradienten, Flussgeschwindigkeiten
  • Stressechokardiografie:
    • Bei symptomatischer hochgradiger Aortenklappenstenose (wie im vorliegenden Fall) kontraindiziert
  • Kardio-CT:
    • Zur Vorbereitung einer TAVI (Transcatheter Aortic Valve Implantation)
  • Koronarangiografie
    • Präoperativ zur Diagnostik einer begleitenden koronaren Herzkrankheit
  • Laevokardiographie
    • Invasive Messung des Druckgradienten (Aorta ascendens, linker Ventrikel)
    • Keine Standarduntersuchung

Transthorakale Echokardiographie (Fr. Ludwig)

  • Systolischer Druckgradient: 43 mmHg
  • Klappenöffnungsfläche: <0,6 cm2
  • Maximale Flussgeschwindigkeit: 4,2 m/s
  • LVEF: 42%

Hochgradige Aortenklappenstenose:

  • Systolischer Druckgradient: >40 mmHg
  • Klappenöffnungsfläche: <1,0 cm2
  • Max. Flussgeschwindigkeit: > 4,0 m/s

Beurteilung: Hochgradige Aortenklappenstenose mit mittelgradig reduzierter LVEF (linksventrikuläre Ejektionsfraktion)

 Info

Frage 4: Welche Therapieoptionen stehen zur Verfügung? Was empfiehlst du Frau Ludwig?

Kausale Therapie

  • Indikation:
    • Alle symptomatischen Patient:innen
    • Asymptomatische Patient:Innen (mit schwerer Aortenklappenstenose und deutlich reduzierter linksventrikulärer Pumpfunktion, mit deutlicher linksventrikulärer Hypertrophie oder mit pathologischen Belastungstests)
  • Chirurgischer Klappenersatz
    • Bei jüngeren Patient:innen mit geringem OP-Risiko
    • Zusätzlich Indikation für Bypassoperation (offen-chirurgisch)
  • TAVI
    • Bei Patient:innen mit mittlerem/hohem OP-Risiko
    • Über einen Katheter wird eine biologische Herzklappe in Klappenposition eingebracht 
    • Komplikationen: Herzrhythmusstörungen (AV-Block, Schenkelblock)

Symptomatische Therapie 

(nur wenn Pat. nicht für OP/TAVI infrage kommt oder ablehnt)

  • Medikamentöse Therapie der Herzinsuffizienz
    → es gibt keine spezifische medikamentöse Therapie der Aortenklappenstenose
  • Blutdruckeinstellung (Cave: Hypotonien bei nachlastsenkender Medikation)
 Achtung

Medikamente können den Progress der Aortenklappenstenose nicht aufhalten. Es gibt keine Verbesserung der Lebenserwartung!

Zuletzt aktualisiert am 22.11.2024
Fall 13: Nasenbluten
Fallbeispiel 1 (STEMI)
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