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Gastroduodenale Ulkuskrankheit

Gastroduodenale Ulzera, Ulcus ventriculi, Ulcus duodeni
11 Minuten Lesezeit

Die gastroduodenale Ulkuskrankheit ist eine häufige Erkrankung, bei der Geschwüre im Magen (Ulcus ventriculi) oder Duodenum (Ulcus duodeni) auftreten, die tiefer als die Lamina muscularis mucosae reichen. Hauptursachen sind eine Helicobacter pylori-Infektion und die Einnahme von nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR). Zu den Symptomen zählen Oberbauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen und Blutungen. Die Diagnose erfolgt durch Ösophagogastroduodenoskopie (ÖGD) mit Biopsie und H. pylori Diagnostik. Die Therapie umfasst die H. pylori Eradikationstherapie und den Einsatz von Protonenpumpeninhibitoren (PPIs). Komplikationen beinhalten Blutungen und Perforationen. Differentialdiagnostisch sollte ein Magenkarzinom ausgeschlossen werden.

Erosion: oberflächlicher Gewebedefekt, geht nicht über die Lamina muscularis mucosae hinaus

Magenerosionen
Magenerosionen

Ulcus: tiefer Gewebedefekt, geht über die Lamina muscularis mucosae hinaus

Gastroskopisches Bild von Magenulzerationen
Magenulzerationen im Bereich des Antrums
  • Ulcus duodeni etwa 3 mal häufiger als das Ulcus ventriculi
  • Geschlechterverteilung:  Ulcus ventriculi tritt bei beiden Geschlechtern gleich häufig auf, Ulcus duodeni bei Männern häufiger als bei Frauen (3:1)

Gastroduodenale Ulzera entstehen in der Regel durch ein Ungleichgewicht zwischen protektiven und schleimhautschädigenden Faktoren:

Protektive FaktorenSchleimhautschädigende Faktoren
  • Mukus-Sekretion durch Drüsen in der Schleimhaut (Barriere für Magensäure)
  • Bikarbonat-Sekretion (Säurepuffer)
  • Gesunde Mikrozirkulation der Intestinalwand
  • Schneller Zellaustausch beschädigter Zellen
  • H. pylori-Infektion: direkt zytotoxisch für Magengewebe
  • NSAR: inhibieren das Enzym COX1
  • Ischämie/Stress: gestörte Durchblutung der Schleimhaut & Dysfunktion protektiver Faktoren
  • Andere Entzündliche Faktoren/ Pathologien: primärer Hyperparathyreoidismus, Zollinger-Ellison-Syndrom, Rauchen, Morbus Crohn, Vaskulitis, Strahlung, Sarkoidose,

Spezifische Typen von Ulzera: 

  • Cushing-Ulkus: Entstehen durch erhöhten intrakranialen Druck 
  • Curling-Ulkus: Entsteht nach schweren Verbrennungen
  • Cameron-Ulkus: Bei einer Hiatushernie kann durch die Kompression der Magenwand durch das Zwerchfell ein sog. Cameron-Ulkus entstehen
  • Ulkus-Dieulafoy: fehlangelegte, submukös verlaufende Arterie (Angiodysplasie) führt zu einer Schleimhautläsion mit GI-Blutung

Pathophysiologie H. pylori-Infektion

  1. Urease führt zu Bildung von Ammoniak 
    → neutralisiert Magensäure
  2. Durch Flagellen kann H. pylori die Schleimschicht durchdringen
  3. Adhäsion an Magenzellen
  4. Ausschüttung von Virulenzfaktoren (VacA und CagA) 
  5. Entzündung und Zellschädigung
    → Langandauernder Entzündungsreiz → Entartung (Magenkarzinom, MALT-Lymphom) 
  6. Ulkusbildung
Pathophysiologie H. pylori-Infektion

NSAR-induzierte Ulkuskrankheit

  • NSAR inhibieren das Enzym COX1 → weniger Prostaglandine → weniger schützender Magenschleim und Bikarbonat→ Ulkusrisiko um etwa Faktor 5 erhöht!
  • Die Kombination von NSAR und Glukokortikoiden erhöht das Ulkusrisiko um etwa Faktor 10!
Pathophysiologie der NSAR-induzierten Ulkuskrankheit

Zollinger-Ellison-Syndrom

  • Das Zollinger-Ellison Syndrom beschreibt eine erhöhte Gastrin-Ausschüttung durch ein Gastrinom des Pankreas (oder des Duodenums)
    • Gastrin stimuliert die Freisetzung von HCl durch Parietalzellen
      • Die erhöhte Magensäuresekretion begünstigt schließlich die Entstehung eines Ulkus. Die Kombination aus Gastrinom, erhöhter Gastrinkonzentration und Ulkuskrankheit bildet das Zollinger-Ellison-Syndrom
Pathophysiologie des Zollinger-Ellison-Syndroms
 Info

Das Zollinger-Ellison-Syndrom ist selten, sollte aber vor allem bei therapieresistenten oder rezidivierenden Ulzera als mögliche Ursache in Betracht gezogen werden. Zudem sind die Ulzera oft an untypischen Stellen lokalisiert. Zusätzlich können Durchfälle auftreten, die durch die Hypergastrinämie verursacht werden. Die Diagnose erfolgt durch bildgebende Verfahren (ÖGD, Endosonographie, CT-Abdomen und/oder Somatostatin-Rezeptor-Szintigraphie) sowie Laboruntersuchungen (Sekretintest (positiv), ↑Gastrinspiegel im Blut). Nach Diagnosestellung sollte ein MEN1-Syndrom (multiple endokrine Neoplasie) ausgeschlossen werden, da Gastrinome mit anderen endokrinen Neoplasien assoziiert sein können.

  • Oberbauchschmerzen
  • Übelkeit & Erbrechen, Völlegefühl
  • Ggf. Blutungszeichen (okkult/Teerstuhl/Hämatemesis bis zum hämorrhagischen Schock) ggf. mit Eisenmangelanämie – häufiger bei Stress Ulzera oder NSAR- Ulzera

Ulcus ventriculi und Ulcus duodeni unterscheiden sich in ihrer Klinik. Nachfolgend sind einige Unterschiede (zur groben Orientierung) aufgeführt:

Ulcus ventriculiUlcus duodeni (2-3x häufiger!)

Schmerzen epigastrisch/linkes Hypochondrium

  • Nächtliche Schmerzen selten
  • Gleichbleibend oder verstärkt durch Nahrungsaufnahme (durch Säureproduktion)
  • Ggf. Gewichtsverlust durch verminderte Nahrungsaufnahme
  • Übelkeit und Erbrechen assoziiert

Schmerzen epigastrisch/rechtes Hypochondrium

  • Nächtliche Schmerzen häufiger
  • Verbesserung durch Nahrungsaufnahme (durch Bikarbonatsekretion), weshalb der Patient auch an Gewicht zulegen kann („Nüchternschmerz“)
  • Saisonal verstärkte Schmerzen werden teilweise beschrieben
  • Übelkeit und Völlegefühl assoziiert
  • Ösophagogastroduodenoskopie (ÖGD) mit Biopsien
    • Biopsie: mind. 8 Biopsien zur Abgrenzung eines Ulcus ventriculi vom Magenkarzinom; nicht notwendig beim Ulcus duodeni
    • Mehrere blutende Magenulzera lassen eine NSAR-induzierte Ulkuskrankheit vermuten
    • Lokalisation des Ulcus duodeni: hauptsächlich im Bulbus duodeni
  • H. pylori Diagnostik: Histopathologie, Urease-Schnelltest
  • Falls nicht NSAR-assoziiert und H. pylori-Diagnostik negativ, sollten seltenere Ursachen abgeklärt werden:
    • Zollinger-Ellison-Syndrom/Gastrinom: Gastrin-Bestimmung
    • Primärer Hyperparathyreoidismus: Laboranalyse von Serumcalcium und Parathormon
 Achtung

Um ein Magenkarzinom sicher ausschließen zu können, muss jeder Patient mit einem Magenulkus bis zur kompletten Ausheilung durch ÖGD und histopathologische Untersuchung nachuntersucht werden, bis das Ulkus vollständig abgeheilt ist.

  • Bei oberer gastrointestinaler Blutung: Endoskopie und Einteilung des endoskopischen Blutungsbefunds nach der Forrest-Klassifikation
Forrest BeschreibungRezidivrisiko
IAktive 
Blutung
Ia: Spritzende arterielle Blutung >85%
Ib: Sickerblutung 25-55%
IIInaktive 
Blutung
IIa: Läsion mit sichtbarem Gefäßstumpf 20-50%
IIb:  Koagelbedeckte Läsion 20-40%
IIc: Hämatinbelegte Läsion 5-10%
IIILäsion ohne Blutungszeichen 5%
Forrest-Klassifikation
Forrest-Klassifikation

 

  • Medikamentöse Therapie
    • Wenn H. pylori positiv: H. pylori Eradikationstherapie (Bismut-Quadrupeltherapie: Bismut + PPI + Metronidazol+ Tetracyclin)
    • Wenn H. pylori negativ: NSAR-Karenz, Rauchen, Alkohol und Stress reduzieren, PPIs zur symptomatischen Therapie
  • Chirurgischer Eingriff (selten notwendig)
    • Bei lebensgefährlicher endoskopisch nicht kontrollierbarer Ulkusblutung
    • Ultima ratio bei ausbleibender Besserung der Symptomatik durch medikamentöse Therapie
    • Zollinger-Ellison-Syndrom: kurative Resektion des Gastrinoms (Alternativ: medikamentöse Therapie mit Somatostatin-Analoga und PPIs)

Die akuten Komplikationen der Ulkuskrankheit sind:

  • Obere gastrointestinale Blutung 
  • Hohlorganperforation
  • Bei chronischer Ulkuskrankheit
    • Magenausgangsstenose 
    • Magenkarzinom

Allgemein

Die Hohlorganperforation des Magen oder Duodenum ist ein medizinischer Notfall und ist eine Differentialdiagnose des akuten Abdomens. Diese Komplikation entsteht durch die Erosion aller Darmwandschichten. Dadurch kommt es zum Austritt von Darminhalt und es entsteht eine sekundäre Peritonitis. Die Peritonitis kann entweder lokalisiert (Abszess) oder generalisiert (häufiger) auftreten. In manchen Fällen kann es auch zu einer Fistelbildung zwischen dem betroffenen und einem benachbarten Organ kommen, wie z.B. einer gastrokolischen Fistel. Durch die Hohlorganperforation des Magens kommt es zu freier Luft in der Bauchhöhle (Pneumoperitoneum). Da das Duodenum sekundär retroperitoneal liegt, entsteht bei einer Duodenumperforation die Gefahr für ein Pneumoretroperitoneum.

Klinik und körperliche Untersuchung

  • Akut einsetzende, starke Oberbauschmerzen (stechend) und im Verlauf diffuse Bauchschmerzen
  • Ggf. Sepsis-Zeichen; Schockzustand (Fieber, Tachykardie, Tachypnoe, Hypotension)
  • Übelkeit und Erbrechen
  • Peritonitis-Zeichen: harte Bauchdecke & Abwehrspannung, spärliche/keine Darmgeräusche, rektale Untersuchung schmerzhaft

Diagnostik 

  • Röntgen (Abdomen): Pneumoperitoneum
    • Aufnahme im Stehen: subphrenische Luftsichel
    • Aufnahme im Liegen auf der linken Seite: freie Luft zwischen Leber und rechter Bauchwand + Zwerchfell 
    • Mehr Informationen zur praktischen Befundung siehe Röntgen-Abdomenübersicht
 Tipp

Postoperativ dauert die Resorption der Luft im Peritoneum ca. 3 Tage.

Pneumoperitoneum
Pneumoperitoneum: subphrenische Luftsicheln

Therapie

  • Sofortmaßnahmen
    1. Mindestens zwei großvolumige venöse Zugänge legen 
    2. Volumensubstitution mit kristalloiden Infusionslösungen bspw. mit isotonischen Elektrolytlösungen
    3. Magensonde legen: zur Aspiration des Mageninhalts und prophylaktisch zum Schutz vor Aspirationspneumonie
    4. Protonenpumpeninhibitoren (PPIs) i.v. als Bolus bei nicht variköser oberer GI-Blutung 
    5. Gabe von Breitspektrum-Antibiotika 
    6. Schmerzmittelgabe (z.B. Pethidin) i.v. 
  • Notfall-OP: Ulkusübernähung
Lernkarte Gastroduodenale Ulkuskrankheit
 
Zuletzt aktualisiert am 07.08.2026
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