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Arterielle und venöse Gefäßverschlüsse (RD)

pAVK, TVT, Verschluss, Gefäßnotfälle, Periphere arterielle Verschlusskrankheit, Tiefe Beinvenenthrombose
45 Minuten Lesezeit

Gefäßverschlüsse gehören zu den häufigsten vaskulären Notfällen im Rettungsdienst. Sie werden in arterielle und venöse Gefäßverschlüsse unterschieden. Ein arterieller Gefäßverschluss führt zu einer akuten Minderdurchblutung mit Ischämie und kann innerhalb kurzer Zeit einen irreversiblen Gewebeschaden verursachen. Ein venöser Gefäßverschluss behindert dagegen den Blutabfluss und führt zu Schwellung, Schmerzen und einem erhöhten Risiko für eine Lungenembolie. Die periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK) entsteht meist infolge einer Atherosklerose und kann akut dekompensieren.

Präklinisch stehen die strukturierte Versorgung nach dem xABCDE-Schema, die sichere Unterscheidung zwischen arteriellem und venösem Gefäßverschluss, eine adäquate Schmerztherapie sowie der zeitkritische Transport in eine geeignete Klinik im Vordergrund. Insbesondere beim akuten arteriellen Gefäßverschluss entscheidet eine rasche Revaskularisation häufig über den Erhalt der betroffenen Extremität.

Um den Einstieg in das Thema Gefäßverschlüsse etwas zu erleichtern, wird im Folgenden ein Fall beschrieben, wie er sich präklinisch ereignen könnte.

Das Szenario

Einsatzmeldung:

  • Stichwort: Schmerzen im Bein
  • Ort: Einfamilienhaus, Wohnzimmer
  • Alarmzeit: 17:45Uhr
  • Anrufer: Patientin selbst
  • Anzahl der betroffenen Personen: 1
  • Zusatzinfo:
    • 74-jährige, weibliche Patientin
    • Akut aufgetretene Schmerzen beim Gehen
    • Bekannte arterielle Hypertonie und Diabetes Mellitus Typ 2

Lageeinweisung vor Ort:

Beim Eintreffen des Rettungsdienstes steht die Eingangstür der Wohnung bereits offen. 

Die Lage ist wie folgt:

  • Die Patientin sitzt auf der Couch im Wohnzimmer und reibt sich den linken Unterschenkel. Sie ist wach, ansprechbar sowie zeitlich, örtlich und situativ orientiert
  • Sie berichtet, dass die Schmerzen plötzlich auf dem Weg vom Badezimmer in die Küche aufgetreten seien und seitdem unverändert bestünden
  • Zusätzlich klagt sie über eine Rötung sowie ein ausgeprägtes Spannungsgefühl im linken Unterschenkel

Ersteindruck nach xABCDE-Schema

Um sich einen ersten umfassenden Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten in einer Notfallsituation zu verschaffen, bietet sich das xABCDE-Schema an. Um die Arbeit mit dem Schema zu veranschaulichen, ist hier ein xABCDE-Schema abgebildet, wie es im Falle einer Ersteinschätzung bei einer Patientin oder einem Patienten mit einer tiefen Venenthrombose aussehen könnte. 

Es handelt sich dabei um die Befunde, die innerhalb der ersten paar Minuten erhoben werden können. Erweiterte Diagnostik und Abfragen sind natürlich von Bedeutung, jedoch würde zum Beispiel die Messung des Blutzuckers in diesem Fall hintangestellt werden und taucht zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf.

x

  • Keine kritischen Blutungen

 

A

  • Atemwege frei
  • Schleimhäute rosig
  • Pat. spricht selbständig

Kein 
A-Problem

B

  • Inspektorisch:
    • Thoraxexkursion seitengleich
    • Keine gestauten Halsvenen sichtbar
    • Keine Zyanose
  • Auskultatorisch:
    • Beidseits vesikuläre Atemgeräusche
    • Keine Nebengeräusche
  • Palpatorisch:
    • Thorax insgesamt stabil
  • SpO2: 98 %
  • Atemfrequenz: 16/min

Kein 
B-Problem

C

  • Hautkolorit rosig
  • Insgesamt trockene Haut
  • Rekap-Zeit: 2 Sekunden
  • Große Blutungsräume ohne Zeichen auf akute Blutungen
  • Palpation des Pulses am Handgelenk:
    • Rhythmisch
    • Gut tastbar
    • Normofrequent, 78/min

Kein 
C-Problem

D

  • Wach, orientiert, ansprechbar
  • GCS 15
    • Öffnen der Augen: 4
    • Beste verbale Reaktion: 5
    • Beste motorische Reaktion: 6
  • Pupillenkontrolle:
    • Isokor
    • Mittelweit
    • Lichtreagibel

Kein 
D-Problem

E

  • Keine Verletzungen ersichtlich
  • Symptome:
    • Schmerzen im linken Unterschenkel (insbesondere bei Bewegung)
    • Schwellung, Rötung
  • Allergien/Infektionen: Keine bekannt
  • Medikamente: Metformin, Ramipril
  • Patientengeschichte: Bekannter Diabetes Mellitus und art. Hypertonie
  • Letzte Mahlzeit: vor 3 Stunden
  • Ereignis: Akut aufgetretene Schmerzen im Bein beim Gehen
  • Risikofaktoren: Rauchen

Mittelbares
E-Problem

 Achtung

Das hier gezeigte Assessment vermittelt nur einen exemplarischen ersten Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten. Im Verlauf der Behandlung müssen weitere Maßnahmen ergriffen und Informationen gesammelt werden. Das Schema erhebt daher keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern soll lediglich einen praktischen Einstieg in das Thema ermöglichen.

 Definition
Venöser Gefäßverschluss

Ein venöser Gefäßverschluss ist die teilweise oder vollständige Verlegung des Lumens einer Vene, meist durch einen Thrombus. Dadurch wird der venöse Blutabfluss aus dem nachgeschalteten Gewebe beeinträchtigt oder vollständig unterbrochen, was zu einer venösen Stase und einem Anstieg des venösen Drucks führt.

 Definition
Arterieller Gefäßverschluss

Ein arterieller Gefäßverschluss ist der vollständige Verschluss des Lumens einer Arterie, meist durch eine Embolie oder eine lokal entstehende Thrombose. Dadurch wird die arterielle Blutversorgung des nachgeschalteten Gewebes vermindert oder vollständig unterbrochen, wodurch eine akute Ischämie entsteht.

 Definition
Periphere arterielle Verschlusskrankheit

Die periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK) ist eine meist chronisch fortschreitende Durchblutungsstörung, die durch eine teilweise Stenose oder einen vollständigen Verschluss peripherer Arterien verursacht wird. In den meisten Fällen liegt eine Atherosklerose zugrunde. Betroffen sind überwiegend die Arterien der unteren Extremitäten. 

Die pAVK ist mit einem erhöhten Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse wie Myokardinfarkt und Schlaganfall assoziiert

Klassifikation

Venöse Gefäßverschlüsse nach betroffenem System:

FormBetroffene VenenKlinische Besonderheiten
Oberflächliche Venenthrombose (OVT)Oberflächliche VenenHäufig mit lokaler Venenentzündung, Rötung, Überwärmung und druckschmerzhafter Verhärtung entlang der Vene
Tiefe Venenthrombose (TVT)Tiefe Unterschenkel-, Popliteal-, Femoral- oder BeckenvenenJe proximaler der Gefäßverschluss, desto höher das Risiko für eine Lungenembolie und ein Rezidiv
MehretagenthromboseBefall mehrerer venöser EtagenAusgedehnter venöser Gefäßverschluss mit ausgeprägter venöser Abflussbehinderung
Phlegmasia coerulea dolens (massive tiefe Venenthrombose)Verschluss nahezu aller tiefen und oberflächlichen Venen einer ExtremitätMassiver venöser Abflussstau mit sekundärer Kompression des arteriellen Zuflusses und drohender kritischer Ischämie

Arterielle Gefäßverschlüsse nach Rutherford:

StadiumKlinischer BefundKlinische Bedeutung
ISensibilität und Motorik erhalten, keine neurologischen AusfälleExtremität nicht akut gefährdet; Revaskularisation ohne unmittelbaren Zeitdruck möglich
IIa Geringe Sensibilitätsstörung (meist Zehen), Motorik erhaltenExtremität bedroht, aber bei zeitnaher Revaskularisation vollständig reversibel
IIb Ausgedehnte Sensibilitätsstörung, beginnende motorische DefiziteAkuter Gefäßnotfall mit sofortiger Revaskularisation zur Extremitätenerhaltung
III Vollständiger Sensibilitätsverlust, Paralyse und irreversible IschämiezeichenIrreversible Gewebeschädigung; Revaskularisation in der Regel nicht mehr sinnvoll

pAVK nach klinischem Schweregrad (Fontaine):

StadiumKlinisches Bild
IBeschwerdefrei
IIaBelastungsschmerz mit schmerzfreier Gehstrecke > 200 m
IIbBelastungsschmerz mit schmerzfreier Gehstrecke < 200 m
IIIIschämischer Ruheschmerz
IVUlkus, Nekrose oder Gangrän

Venöser Gefäßverschluss

Die Virchow-Trias, benannt nach dem deutschen Pathologen Rudolf Virchow, beschreibt die drei Hauptkategorien dieser Risikofaktoren, die zur Entstehung von Thrombosen beitragen können.

HauptkategorieErklärung
Verlangsamter Blutfluss (Stase)Ein verlangsamter Blutfluss kann die Bildung von Blutgerinnseln begünstigen. Risikofaktoren hierfür umfassen längere Immobilität, wie sie bei bettlägerigen Patient:innen oder nach Operationen vorkommen kann, sowie lange Flug- oder Autoreisen, Kompression oder Varikosis (Krampfadern).
Gerinnungsneigung (Hyperkoagulabilität)Einige Menschen haben ein erhöhtes Risiko für eine gesteigerte Gerinnungsfähigkeit des Blutes. Dies kann genetisch bedingt sein (Thrombophilie) oder durch Faktoren wie Hormontherapien (z. B. orale Kontrazeptiva), Schwangerschaft, Exsikkose oder bestimmte Krankheiten wie Tumorerkrankungen verursacht werden.
EndothelschädenVerletzungen der Gefäßwand, z. B. durch chirurgische Eingriffe, Entzündungen, Hypertonie oder Rauchen, können im Rahmen des Heilungsprozesses die Bildung von Blutgerinnseln anstoßen.
Virchow Trias
Virchow-Trias
Expositionelle (von außen einwirkende) RisikofaktorenDispositionelle (angeborene/erworbene personenbezogene) Risikofaktoren
  • Operationen
  • Traumata oder akute Erkrankungen, die zu einer Beeinträchtigung der Mobilität führen
  • Immobilisation
  • Nach bzw. unter der Geburt: Lungenversagen (ARDS), Asphyxie
  • Frühere Thrombosen oder Lungenembolien
  • Höheres Lebensalter
  • Adipositas
  • Rauchen
  • Hypertonie
  • Schwangerschaft

Arterieller Gefäßverschluss und periphere arterielle Verschlusskrankheit

Die periphere arterielle Verschlusskrankheit ist meist eine Manifestation der Atherosklerose. Zudem gibt es viele weitere Risikofaktoren zusätzlich zu den genetischen Faktoren, wie:

  • Rauchen
  • Diabetes mellitus
  • Arterielle Hypertonie
  • Fettstoffwechselstörungen (z.B. Hypercholesterinämie
  • Adipositas
 Merke
Reminder: Physiologische Grundlagen
  • Arterielles Gefäßsystem: Versorgt Organe und Gewebe mit sauerstoff- und nährstoffreichem Blut 
    • Bluttransport: Arterien leiten Blut unter hohem Druck vom Herzen zu den Organen und Geweben
    • Gewebeversorgung: Über Arteriolen und Kapillaren werden Sauerstoff und Nährstoffe an die Zellen abgegeben
    • Zellstoffwechsel: Eine ausreichende arterielle Perfusion ist Voraussetzung für den aeroben Stoffwechsel und die Organfunktion
  • Venöses Gefäßsystem: transportiert sauerstoffarmes Blut aus der Peripherie zurück zum Herzen
    • Venöser Rückstrom: Venen führen das Blut bei niedrigem Druck zurück zum Herzen
    • Unterstützung des Rückstroms: Muskelpumpe, Atempumpe und Venenklappen fördern den venösen Blutfluss und verhindern einen Rückstrom
    • Flüssigkeitshaushalt: Ein ungehinderter venöser Abfluss hält den Kapillardruck niedrig und verhindert einen vermehrten Flüssigkeitsaustritt ins Gewebe
  • Gewebeperfusion und Kollateralversorgung: Die Durchblutung eines Gewebes hängt von einem ausreichenden arteriellen Zustrom und einem ungehinderten venösen Abfluss ab

Venöse und arterielle Gefäßverschlüsse unterscheiden sich grundlegend hinsichtlich ihrer Pathophysiologie und der daraus resultierenden Gewebeschädigung. 

  • Venöser Gefäßverschluss: Ein Thrombus behindert den venösen Blutabfluss aus der betroffenen Extremität. Dadurch entstehen venöse Stase, ein Anstieg des venösen und kapillären Drucks sowie eine gestörte Mikrozirkulation mit Ödembildung und Blutstau
  • Arterieller Gefäßverschluss: Eine Embolie oder Thrombose unterbricht die arterielle Blutversorgung abrupt. Distal des Gefäßverschlusses entsteht eine akute Ischämie mit Hypoxie, die ohne rasche Reperfusion innerhalb kurzer Zeit zu irreversiblen Gewebeschäden führen kann
  • Periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK): Eine chronisch progrediente Atherosklerose führt zu einer zunehmenden Einengung oder einem Verschluss der Arterien. Die verminderte Gewebeperfusion verursacht zunächst belastungsabhängige Ischämieschmerzen und kann im weiteren Verlauf zu Ruheschmerzen, Ulzera und Nekrosen führen
Virchow Trias
Virchow-Trias

Die tiefe Beinvenenthrombose (TVT) entsteht durch die Bildung eines Thrombus in einer tiefen Vene. Pathophysiologisch beruht sie auf dem Zusammenwirken der drei Komponenten der Virchow-Trias:

  • Verlangsamter Blutfluss (Stase): Eine verminderte Blutströmung führt zur lokalen Anreicherung aktivierter Gerinnungsfaktoren und begünstigt dadurch die Thrombusbildung
  • Endothelschädigung: Entzündliche oder traumatische Schädigungen des Gefäßendothels aktivieren die Gerinnungskaskade und fördern die Anlagerung von Thrombozyten an die Gefäßwand
  • Hyperkoagulabilität: Eine angeborene oder erworbene gesteigerte Gerinnungsneigung führt zu einer vermehrten Thrombin- und Fibrinbildung und erhöht dadurch das Risiko einer Thrombusentstehung
 Info

Tiefe Venenthrombosen kommen häufiger in den unteren Extremitäten vor, sie können aber auch in den oberen Extremitäten auftreten!

Wachstum des Thrombus

  1. Initiale Thrombusbildung: Bildung eines Thrombus meist in einer distalen Unterschenkelvene → Beginn der venösen Abflussbehinderung
  2. Thrombuswachstum: Anlagerung weiteren thrombotischen Materials → Ausbreitung des Thrombus in proximal gelegene Venen
  3. Proximale Ausbreitung: Fortschreiten von den Unterschenkelvenen über die Femoralvenen bis in die Beckenvenen
    1. Ausdehnung zur Vena cava inferior: Bei Beckenvenenthrombosen kann sich der Thrombus bis in die Vena cava inferior ausbreiten → erhöhtes Risiko einer Lungenarterienembolie

Hämodynamische Folgen

  • Verminderter venöser Rückstrom: Thrombus verengt oder verschließt die Vene → venöser Blutabfluss aus der betroffenen Extremität reduziert
  • Erhöhter venöser Druck: Behinderter Blutabfluss → venöser Druck proximal des Thrombus ↑
  • Erhöhter Kapillardruck: Druckanstieg wird auf die Mikrozirkulation übertragen → Filtration von Flüssigkeit ins Interstitium ↑
  • Ödembildung: Flüssigkeitsaustritt aus den Kapillaren → Schwellung der betroffenen Extremität
  • Zyanose: Venöser Blutstau → Anstieg des desoxygenierten Hämoglobins → livide bis zyanotische Verfärbung der Haut

Entzündung und chronische Folgen

  • Lokale Entzündungsreaktion: Thrombusbildung → Aktivierung lokaler Entzündungsprozesse in der Gefäßwand und im umgebenden Gewebe
  • Fibrinolyse: Aktivierung der körpereigenen Fibrinolyse → schrittweiser Abbau des Thrombus
  • Organisation des Thrombus: Entzündungsreaktion, Fibrinolyse und bindegewebiger Umbau → Organisation des Thrombus
  • Rekanalisation: Vollständige oder teilweise Wiedereröffnung der Vene oder Ausbildung von Kollateralvenen
  • Venenklappenschädigung: Venöse Stase, erhöhter venöser Druck und fibrotischer Umbau → dauerhafte Schädigung der Venenklappen
  • Postthrombotisches Syndrom: Klappeninsuffizienz → chronische venöse Abflussstörung → persistierende Ödeme, Hautveränderungen und venöse Ulzera

Embolische Komplikation

  • Lungenarterienverschluss: Ablösung eines Thrombusanteils → Transport über den venösen Kreislauf und das rechte Herz → Verschluss einer Lungenarterie → Lungenarterienembolie
    • Rechtsherzbelastung: Verschluss einer Lungenarterie → pulmonalvaskulärer Widerstand ↑ → Belastung des rechten Ventrikels
    • Gasaustauschstörung: Perfusion der Alveolen ↓ bei erhaltener Ventilation → Totraumventilation ↑ → arterielle Hypoxämie
    • Kreislaufversagen: Ausgeprägte LungenarterienembolieRechtsherzversagen → Herzzeitvolumen ↓ → Blutdruckabfall bis zum obstruktiven Schock
 Merke
Zusammenfassung: Die kritischen Probleme bei einer tiefen Venenthrombose
  • Teilweiser oder vollständiger Verschluss einer tiefen Vene durch einen Thrombus
  • Entsteht durch das Zusammenwirken von venöser Stase, Endothelschädigung und Hyperkoagulabilität (Virchow-Trias)
  • Kann zu einer Lungenarterienembolie sowie zu chronischen Folgeschäden wie dem postthrombotischen Syndrom führen

Ein akuter arterieller Extremitätenverschluss entsteht durch den plötzlichen Verschluss einer Arterie infolge eines Embolus oder eines lokal gebildeten Thrombus. Dadurch kommt es distal des Verschlusses zu einer abrupten Unterbrechung der arteriellen Perfusion mit akuter Ischämie.

Auslöser und Verschlussbildung

  • Embolie: Ablösung eines Embolus, meist kardialen Ursprungs (z. B. bei Vorhofflimmern) → Verschluss einer Arterie, bevorzugt an Gefäßbifurkationen oder Engstellen
  • Arterielle Thrombose: Thrombusbildung in einem vorgeschädigten Gefäß (z. B. bei Atherosklerose oder peripherer arterieller Verschlusskrankheit) → akuter arterieller Gefäßverschluss
  • Kollateralisation: Vorbestehende Kollateralgefäße, insbesondere bei peripherer arterieller Verschlusskrankheit → teilweise Aufrechterhaltung der Gewebeperfusion → häufig weniger ausgeprägte oder subakute Ischämie

Entstehung der Gewebeischämie

  1. Perfusionsabfall: Akuter arterieller Gefäßverschluss → postokklusiver Perfusionsdruck distal der Läsion ↓
  2. Vasospasmus: reflektorischer Vasospasmus distal der Okklusion → weitere Einschränkung der Gewebeperfusion
  3. Vasodilatation: Nachfolgende kompensatorische Vasodilatation → postokklusiver Perfusionsdruck ↓ → unzureichende Gewebedurchblutung bleibt bestehen
  4. Verminderte Kapillardurchblutung: Arterieller Perfusionsdruck ↓ → kapillare Durchblutung ↓ → Mikrozirkulationsstörung
  5. Reduziertes Sauerstoffangebot: Verminderte Gewebeperfusion → Sauerstoff- und Nährstoffversorgung ↓ → Gewebehypoxie und gestörter Zellstoffwechsel

Folgen der anhaltenden Ischämie

  • Gewebehypoxie: Verminderte Gewebeperfusion → Sauerstoff- und Nährstoffversorgung ↓ → gestörter Zellstoffwechsel
  • Nervenschädigung: Anhaltende Hypoxie → Schädigung des Nervengewebes → Sensibilitätsstörungen bis zu Paresen oder Paralysen
  • Gestörte Zellhomöostase: Energiemangel → Zellödem und Bildung freier Sauerstoffradikale → zunehmende Zellschädigung
  • Metabolitenstau: Verminderte Durchblutung → eingeschränkter Abtransport saurer und toxischer Stoffwechselprodukte → weitere Gewebeschädigung
  • Endothelschädigung: Zellschädigung und toxische Metaboliten → Endothelschädigung → Mikrozirkulationsstörung und Verstärkung der Ischämie
  • Gewebenekrose: Anhaltende Ischämie → irreversibler Zelluntergang → Nekrosen und drohender Gewebeverlust
GewebeZeit bis zu irreversiblen Schäden
Nervengewebeca. 2–4 Stunden
Muskulaturca. 6–8 Stunden
Hautca. 12 Stunden
 Merke
Zusammenfassung: Die kritischen Probleme bei einem peripheren arteriellen Verschluss
  • Teilweiser oder vollständiger Verschluss einer peripheren Arterie
  • Meist Folge einer fortschreitenden Atherosklerose
  • Führt zu einer verminderten Gewebeperfusion mit Ischämie, Schmerzen und im fortgeschrittenen Stadium zu Nekrosen

Die periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK) entsteht überwiegend durch eine fortschreitende Atherosklerose der peripheren Arterien. Die zunehmende Einengung des Gefäßlumens reduziert die arterielle Durchblutung der nachgeschalteten Gewebe und kann im weiteren Verlauf zu einer kritischen Ischämie führen.

Entstehung

  • Atherosklerotische Plaquebildung: Ablagerungen in der Gefäßwand führen zu einer fortschreitenden Verdickung und Einengung des Gefäßlumens
  • Zunehmende Stenose: Mit zunehmender Gefäßverengung nimmt der arterielle Blutfluss distal der Läsion ab. Anfangs macht sich dies vorwiegend unter körperlicher Belastung bemerkbar
  • Vollständige Okklusion: Im fortgeschrittenen Stadium kann die Arterie vollständig verschlossen werden, wodurch die arterielle Perfusion der nachgeschalteten Gewebe erheblich eingeschränkt wird
  • Typische Lokalisation: Am häufigsten sind die Arterien der unteren Extremitäten betroffen. Die Stenosen oder Verschlüsse finden sich überwiegend im Becken-, Oberschenkel- oder Unterschenkelbereich

Folgen der Minderperfusion

  • Vermindertes O2-Angebot: Die verminderte arterielle Durchblutung führt zu einer unzureichenden Versorgung des nachgeschalteten Gewebes mit Sauerstoff und Nährstoffen
  • Belastungsabhängige Ischämie: Der Sauerstoffbedarf der Muskulatur steigt unter Belastung, kann aufgrund der verminderten Durchblutung jedoch nicht ausreichend gedeckt werden → Claudicatio intermittens
  • Kollateralbildung: Der Körper bildet Umgehungskreisläufe, die die arterielle Durchblutung teilweise aufrechterhalten und Symptome zunächst abschwächen können
  • Vollständige Okklusion: Im weiteren Verlauf kann die Arterie vollständig verschlossen werden → deutliche Einschränkung der arteriellen Perfusion
  • Kritische Extremitätenischämie: Reicht die Kollateralversorgung nicht mehr aus → Minderperfusion auch in Ruhe 

Fortschreitende Gewebeschädigung

  • Hypoxie und Entzündung: Anhaltende Minderperfusion → Gewebehypoxie → Entzündungsreaktion und endotheliale Dysfunktion
  • Mikrozirkulationsstörung: Endothelschädigung und Thrombozytenaggregation ↑ → Mikrothromben und Gewebeödeme → weitere Verschlechterung der Gewebeperfusion
  • Gestörte Wundheilung: Anhaltende Minderperfusion → eingeschränkte Sauerstoff- und Nährstoffversorgung → verzögerte oder ausbleibende Wundheilung
  • Nekrosen und Infektionen: Anhaltende Ischämie → Gewebenekrosen und Ulzerationen → Gangrän und Wundinfektionen → im Extremfall Sepsis
 Info

Die periphere arterielle Verschlusskrankheit wird auch „Schaufensterkrankheit“ oder „Claudicatio intermittens“ genannt, was unterbrochenes Hinken bedeutet.

Typische Zeichen

Klinisches ZeichenVenöser Gefäßverschluss (v.a. TVT)Akuter arterieller Gefäßverschluss
SchmerzDumpfer Schmerz sowie Druck- oder SpannungsgefühlPlötzlich einsetzender, meist starker Ischämieschmerz
SchwellungTypisch, meist einseitig mit Umfangsdifferenz und eindrückbarem ÖdemSelten oder nur gering ausgeprägt
HauttemperaturÜberwärmung der betroffenen ExtremitätKalte Extremität infolge fehlender Perfusion
HautfarbeLivide bis zyanotische VerfärbungBlasse Haut, später gegebenenfalls zyanotische Verfärbung
PulseIn der Regel tastbarFehlende oder deutlich abgeschwächte Pulse distal des Verschlusses
SensibilitätMeist unauffälligParästhesien bis Sensibilitätsverlust
MotorikMeist unauffälligBewegungseinschränkung bis Paralyse
VenenzeichnungVerstärkte oberflächliche Venenzeichnung möglichNicht typisch
VerlaufHäufig schleichender oder subakuter BeginnMeist plötzliches Ereignis, insbesondere bei Embolie
 Tipp
Die 6 P des akuten arteriellen Gefäßverschlusses 
Arterieller Gefäßverschluss
Arterieller Gefäßverschluss
  • Pain (Schmerz): Plötzlich einsetzender, meist starker Ischämieschmerz der betroffenen Extremität
  • Paleness (Blässe): blasse Haut aufgrund der fehlenden arteriellen Perfusion; im Verlauf kann eine zyanotische Verfärbung auftreten
  • Pulselessness (Pulslosigkeit): Fehlende oder deutlich abgeschwächte Pulse distal des Gefäßverschlusses
  • Paresthesia (Sensibilitätsstörung): Kribbeln, Taubheitsgefühl oder zunehmender Sensibilitätsverlust infolge der Nervenischämie
  • Paralysis (Lähmung): Bewegungseinschränkung bis hin zur Paralyse als Zeichen einer fortgeschrittenen Ischämie
  • Perishingly cold (Kälte): auffallend kalte Extremität aufgrund der unterbrochenen arteriellen Durchblutung
Tiefe Venenthrombose
Tiefe Venenthrombose

Mögliche generalisierte Zeichen

  • Venöser Gefäßverschluss: Dyspnoe, Thoraxschmerz, Schwindel oder Synkope als Hinweis auf eine mögliche Lungenembolie
  • Akuter arterieller Gefäßverschluss: Tachykardie, Hypotonie oder Schockzeichen bei ausgeprägter Ischämie oder nach Reperfusion

Generalisierte Zeichen der pAVK

  • Claudicatio intermittens: belastungsabhängige Schmerzen der betroffenen Extremität mit Besserung in Ruhe
  • Verminderte Durchblutung: abgeschwächte oder fehlende Pulse, blasse und kalte Haut
  • Trophische Störungen: dünne, glänzende Haut, verminderter Haarwuchs, Nagelveränderungen sowie verzögerte Wundheilung
 Achtung
Red Flags
  • Verdacht auf Lungenembolie: Plötzlich einsetzende Dyspnoe, Thoraxschmerz, Synkope oder hämodynamische Instabilität bei vermuteter oder bekannter TVT
  • Phlegmasia coerulea dolens: Massive Schwellung, livide Verfärbung, starke Schmerzen und gespannte Extremität als Hinweis auf einen vollständigen venösen Verschluss
  • Akuter arterieller Gefäßverschluss: Plötzlich einsetzende Schmerzen in Kombination mit Pulslosigkeit, Sensibilitätsstörungen oder motorischen Ausfällen (6 P)
  • Kritische Extremitätenischämie: Ruheschmerz, Ulzera, Nekrosen oder Gangrän bei bekannter pAVK

Anamnese

  • S (Symptome): Beginn, Lokalisation, Intensität, Verlauf sowie ein- oder beidseitiges Auftreten der Schmerzen erfragen
    • Arterieller Gefäßverschluss: plötzlich einsetzender Schmerz, Blässe, Kälte, Sensibilitäts- oder Bewegungsstörungen sowie belastungsabhängige Beschwerden oder Ruheschmerzen bei bekannter pAVK 
    • Venöser Gefäßverschluss: einseitige Schwellung, Spannungsgefühl, Schmerzen sowie Überwärmung oder Hautverfärbung 
    • Lungenembolie: Dyspnoe, atemabhängige Thoraxschmerzen, Schwindel oder Synkope
  • A (Allergien, Infektionen): Insbesondere gegen Heparin oder Kontrastmittel
    • Zusätzlich nach Fieber, Schüttelfrost oder lokalen Entzündungszeichen fragen
  • M (Medikation): Aktuelle Dauermedikation und kürzliche Medikationsänderungen erfragen
    • Besonders relevant sind Einnahme von ASS, Antikoagulanzien oder Hormonpräparaten
  • P (Patientengeschichte): Vorerkrankungen wie pAVK, KHK, Herzinsuffizienz, Myokardinfarkt, Vorhofflimmern, Herzklappenerkrankungen, frühere TVT oder Lungenembolie, Gerinnungsstörungen, Thrombophilien, Tumorerkrankungen sowie vorausgegangene Gefäßinterventionen, Operationen, Traumata oder längere Immobilisation erfragen
  • L (Letzte…): Zeitpunkt und Art der letzten Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme erfragen
  • E (Ereignis): Schleichender Verlauf oder akutes Auftreten der Symptome?
    • Arterieller Gefäßverschluss: Nach plötzlichem oder schleichendem Symptombeginn, einer raschen Verschlechterung sowie belastungsabhängigen Beschwerden, verkürzter Gehstrecke oder Ruheschmerzen bei bekannter pAVK fragen
    • Venöser Gefäßverschluss: Nach Beginn und Verlauf einer einseitigen Beinschwellung sowie vorausgegangenen Operationen, Traumata, Immobilisation, Langstreckenreisen, Infektionen oder körperlicher Belastung fragen
  • R (Risiko): Rauchen, kardiovaskuläre Erkrankungen, Adipositas, Thromboseneigung
  • S (Schwangerschaft): Bei Patientinnen im gebärfähigen Alter nach einer Schwangerschaft fragen
    • Schwangerschaft und Wochenbett als relevante Risikofaktoren berücksichtigen sowie nach Schwangerschaftswoche, Entbindung innerhalb der letzten 6 Wochen, Sectio, Präeklampsie oder postpartalen Komplikationen fragen
 Tipp
Nutze Schemata

Um die Anamnese strukturiert durchzuführen, bietet es sich an, Schemata, wie das SAMPLERS oder OPQRST-Schema zu nutzen. Am obigen Beispiel haben wir Fragen und Befunde dargestellt, die bei dem Verdacht auf einen Gefäßverschluss abgefragt werden sollten und vorliegen könnten.

Körperliche Untersuchung 

Inspektion:

UntersuchungsaspektArterieller GefäßverschlussVenöser Gefäßverschluss
HautfarbeBlasse Haut, im Verlauf livide oder zyanotische VerfärbungLivide bis zyanotische Verfärbung der betroffenen Extremität
SchwellungMeist keine oder nur geringe SchwellungTypischerweise einseitige Schwellung mit sichtbarer Umfangszunahme
HautveränderungenTrophische Störungen, Ulzera, Nekrosen oder Gangrän bei fortgeschrittener IschämieGlänzende, gespannte Haut; bei chronischem Verlauf ggf. Stauungsdermatitis oder Ulzera
VenenzeichnungKeine prominente oberflächliche VenenzeichnungVerstärkte oberflächliche Venenzeichnung oder sichtbare Kollateralvenen möglich
Narben und VoroperationenHinweise auf Bypass-Operationen, Gefäßinterventionen oder AmputationenHinweise auf Varikosis, frühere Varizenoperationen oder venöse Eingriffe
SeitendifferenzBlässe oder trophische Veränderungen im SeitenvergleichEinseitige Schwellung, Hautverfärbung oder sichtbare Venenveränderungen im Seitenvergleich
 Achtung

Das Fehlen klinischer Zeichen schließt das Vorliegen einer Thrombose nicht aus!

Klinische Zeichen und Risikofaktoren einer tiefen Beinvenenthrombose (TVT)
Klinische Zeichen einer tiefen Beinvenenthrombose (TVT)

Palpation:

  • Arterieller Gefäßstatus:
    • Pulsstatus: Fehlende, abgeschwächte oder seitendifferente Pulse 
  • Hauttemperatur: Eine kalte Extremität weist auf eine arterielle Minderperfusion hin
  • DMS: Sensibilitätsstörungen, motorische Defizite oder eine verlängerte Rekapillarisierungszeit sprechen für eine kritische Ischämie
  • Venöser Gefäßstatus:
    • Gewebebefund: einseitiges eindrückbares Ödem, Umfangsdifferenz oder erhöhte Gewebespannung  
    • Druckschmerz: Druckschmerz entlang der tiefen Venen unterstützt den Verdacht auf eine TVT
    • Hauttemperatur: Eine Überwärmung der betroffenen Extremität spricht eher für einen venösen Gefäßverschluss
    • Klinische Zeichen: 
      • Meyer-Zeichen: Wadenschmerz bei Kompression der Wadenmuskulatur 
      • Homans-Zeichen: Wadenschmerz bei passiver Dorsalextension des Fußes
      • Payr-Zeichen: Schmerz der medialen Fußsohle bei Druck auf die Fußsohle
 Merke
Klinische Aussagekraft von Meyer-, Homans- und Payr-Zeichen

Die klinischen Zeichen besitzen nur eine geringe diagnostische Aussagekraft und sind nicht ausreichend, um eine TVT sicher zu bestätigen oder auszuschließen.

Perkussion:

  • Meist unauffälliger Befund: Gefäßverschlüsse verursachen typischerweise keine spezifischen perkutorischen Veränderungen

Auskultation:

  • Meist unauffälliger Befund: Gefäßverschlüsse verursachen typischerweise keine spezifischen perkutorischen Veränderungen

Vitalparameter

ParameterArterieller GefäßverschlussVenöser GefäßverschlussPathophysiologischer Hintergrund
HerzfrequenzMeist normwertig, Tachykardie bei starken Schmerzen, Stressreaktion oder SchockMeist normwertig; Tachykardie insbesondere bei begleitender Lungenembolie

Schmerz und Stressreaktion → Sympathikusaktivierung → Herzfrequenz

Lungenembolie → Rechtsherzbelastung und Herzzeitvolumen ↓ → kompensatorische Tachykardie

BlutdruckMeist normwertig, Hypotonie bei ausgeprägter Ischämie oder SchockMeist normwertig; Hypotonie als Hinweis auf eine massive Lungenembolie mit obstruktivem SchockMassive Lungenembolie → pulmonaler Gefäßwiderstand ↑ → Herzzeitvolumen ↓ → Blutdruck ↓
AtemfrequenzMeist normwertig, Tachypnoe bei SchmerzenMeist normwertig; Tachypnoe als typischer Hinweis auf eine LungenemboliePulmonale Gefäßobstruktion → Totraumventilation ↑ und HypoxämieAtemfrequenz
KörpertemperaturBetroffene Extremität kalt, Körperkerntemperatur meist normwertigBetroffene Extremität überwärmt; Fieber bei isolierter TVT untypisch

Arterielle Minderperfusion → lokale Wärmeabgabe ↓

Venöse Stase und Entzündungsreaktion → lokale Überwärmung

SauerstoffsättigungMeist normwertig, Abfall bei schweren KomplikationenMeist normwertig, Abfall als Hinweis auf eine begleitende LungenembolieLungenembolie → ventilierte, aber nicht perfundierte Alveolen (Totraumventilation) → Oxygenierung ↓
BlutzuckerKeine typische VeränderungKeine typische VeränderungEine charakteristische Blutzuckerreaktion ist bei arteriellen oder venösen Gefäßverschlüssen nicht beschrieben

Orientierende neurologische Untersuchung

Vigilanz: Beurteilung der Bewusstseinslage, beispielsweise mittels GCS, sowie Erfassung von Verwirrtheit, Unruhe, Somnolenz, Sopor oder Koma → Bewusstseinsstörungen können auf eine begleitende Lungenembolie, einen Schock oder eine ausgeprägte zerebrale Minderperfusion hinweisen.

Mögliche gefäßverschlussspezifische neurologische Auffälligkeiten:

  • Akuter arterieller Gefäßverschluss: Parästhesien, Sensibilitätsstörungen, motorische Defizite bis hin zur Paralyse als Zeichen einer fortschreitenden Extremitätenischämie
  • Lungenembolie: Unruhe, Schwindel, Synkope oder Bewusstseinsstörungen infolge von Hypoxämie, vermindertem Herzzeitvolumen oder Schock

Weiterführende apparative Diagnostik

  • 12-Kanal-EKG: Beurteilung von Herzfrequenz, Herzrhythmus und möglichen kardialen Emboliequellen, insbesondere Vorhofflimmern, als häufige Ursache eines akuten arteriellen Gefäßverschlusses
    • Arterieller Gefäßverschluss: Häufig unauffälliges EKG, Vorhofflimmern oder andere Rhythmusstörungen können auf eine kardiale Emboliequelle hinweisen
    • Venöser Gefäßverschluss: Meist unauffälliges EKG, bei begleitender Lungenembolie Sinustachykardie, Zeichen der Rechtsherzbelastung oder weitere Rhythmusstörungen möglich
  • POCUS: Zur Diagnosesicherung eines arteriellen oder venösen Gefäßverschlusses präklinisch meist nicht sinnvoll. Bei Verdacht auf Lungenembolie können bei hämodynamischer Instabilität Zeichen einer Rechtsherzbelastung die Verdachtsdiagnose unterstützen
EKG-Fallbeispiel: Vorhofflimmern – Tachyarrhythmia absoluta
Tachyarrhythmia absoluta

Differenzialdiagnosen

DifferenzialdiagnoseTypische SymptomeAbgrenzung und Hinweise
ErysipelScharf begrenzte Rötung, Überwärmung, Schwellung, Schmerzen sowie häufig Fieber oder SchüttelfrostScharf begrenztes Erythem, deutliche Entzündungszeichen und eine mögliche Eintrittspforte sprechen für ein Erysipel → eine TVT wird dadurch jedoch nicht sicher ausgeschlossen
Cellulitis / PhlegmoneUnscharf begrenzte Rötung, Überwärmung, Schwellung, Schmerzen und lokale oder systemische EntzündungszeichenEine zentrale Eintrittspforte und ausgeprägte Weichteilentzündung sprechen für eine Cellulitie → eine gleichzeitige TVT ist möglich
Muskelverletzung / MuskelhämatomLokale Schmerzen, Schwellung, Bewegungseinschränkung und ggf. Hämatom nach Trauma oder körperlicher BelastungEine Trauma- oder Belastungsanamnese spricht für eine Muskelverletzung → eine TVT kann gleichzeitig bestehen und sollte bei entsprechender Symptomatik ausgeschlossen werden
KompartmentsyndromProgrediente, starke Schmerzen, gespannte Muskelloge, passiver Dehnungsschmerz sowie Sensibilitäts- oder MotorikstörungenErhaltene Pulse schließen ein Kompartmentsyndrom nicht aus → fehlende Pulse sind ein Spätzeichen
Akute GichtarthritisAkute Monarthritis mit starken Schmerzen, Rötung, Überwärmung und Schwellung eines GelenksDie Beschwerden sind typischerweise auf ein Gelenk begrenzt → bei Fieber oder reduziertem Allgemeinzustand muss auch an eine septische Arthritis gedacht werden
Akute HerzinsuffizienzMeist beidseitige Beinödeme, Dyspnoe, Nykturie oder weitere ÖdemeEine beidseitige Schwellung ohne lokale Entzündungs- oder Ischämiezeichen spricht eher für eine systemische Ursache
LymphödemChronische, häufig einseitige oder asymmetrische Schwellung, häufig mit Beteiligung der ZehenSchmerzen und livide Hautverfärbungen fehlen meist → ein Lymphödem schließt eine zusätzliche TVT jedoch nicht aus
 Info

Der Wells-Score wird zur Abschätzung der Wahrscheinlichkeit einer vorliegenden tiefen Beinvenenthrombose (TVT) angewandt. Das Ergebnis des Scores bestimmt das weitere diagnostische Vorgehen.

Wells-Score bei Beinvenenthrombose (TVT)
 Info

Die dargestellten Maßnahmen orientieren sich an den Empfehlungen des Deutschen Berufsverbands Rettungsdienst (DBRD) und werden durch weitere spezifische, leitliniengerechte Maßnahmen ergänzt, um eine strukturierte und evidenzbasierte Versorgung von Patient:innen sicherzustellen.

 Merke

Das präklinische Therapieziel besteht in der Sicherung der Vitalfunktionen, einer adäquaten Schmerztherapie und der Vermeidung weiterer Ischämieschäden. Bei entsprechender Indikation kann die Einleitung einer Antikoagulation erfolgen. 

Entscheidend ist der zeitnahe Transport in eine Klinik mit gefäßmedizinischer Behandlungsmöglichkeit, da die definitive Therapie häufig eine interventionelle oder operative Revaskularisation erfordert.

Basismaßnahmen

  • Lagerung:
    • Arterieller Gefäßverschluss: Betroffene Extremität tief lagern und weich polstern. Unnötige Bewegungen vermeiden
    • Venöser Gefäßverschluss: Betroffene Extremität ruhig lagern. Bei ausgeprägter Schwellung kann eine leichte Hochlagerung zur Beschwerdelinderung erfolgen
  • Sauerstoffgabe: bedarfsorientierte Sauerstofftherapie bei Hypoxämie, respiratorischer Beeinträchtigung oder Verdacht auf Lungenembolie
  • Angepasstes Atemwegsmanagement: Sicherung und regelmäßige Kontrolle der Atemwege bei Vigilanzminderung oder Bewusstseinsstörung
  • Monitoring und Basisdiagnostik: kontinuierliche Überwachung mittels EKG, SpO₂, Blutdruck-, Herzfrequenz- und Atemfrequenzkontrollen
  • Venöser Zugang: Anlage eines intravenösen Zugangs zur Analgesie, Antikoagulation (bei entsprechender Indikation) sowie für weitere therapeutische Maßnahmen
  • Verlaufskontrolle:
    • Arterieller Gefäßverschluss: Auf zunehmende Schmerzen, Sensibilitäts- oder Motorikstörungen sowie Zeichen einer kritischen Extremitätenischämie achten
    • Venöser Gefäßverschluss: Auf zunehmende Schwellung, livide Verfärbung sowie Zeichen einer Lungenembolie (Dyspnoe, Thoraxschmerz, Synkope oder Schock) achten
  • Transportentscheidung: 
    • Arterieller Gefäßverschluss: Unverzüglicher Transport in eine Klinik mit gefäßchirurgischer oder interventioneller Behandlungsmöglichkeit, da eine zeitkritische Revaskularisation erforderlich sein kann
    • Venöser Gefäßverschluss bzw. Verdacht auf tiefe Venenthrombose: Zeitnaher Transport in eine geeignete Klinik zur weiteren Diagnostik und Therapie. Bei ausgedehnter TVT, starker Schwellung oder livider Verfärbung sollte ein Gefäßzentrum bevorzugt werden

Spezifische Maßnahmen

  • Schmerztherapie: Bedarfsgerechte Analgesie unter regelmäßiger Reevaluation
    • Leichte Schmerzen: Paracetamol 1000 mg i.v. als Kurzinfusion oder Metamizol 0,5-1 g i.v.
    • Starke Schmerzen: Morphin 2 mg i.v. titriert bis gewünschte Wirkung, max 10 mg oder Nalbuphin 0,1 mg/kgKG i.v., max. Dosis 20 mg oder Fenanyl 0,05 mg i.v. titriert bis gewünschte Wirkung, max. Dosis: 0,2 mg
  • Antiemese: Ergänzend zur Analgesie kann bei Bedarf ein Antiemetikum verabreicht werden, z.B. Ondansetron 4 mg i.v. oder Dimenhydrinat 62 mg i.v. 
  • Volumenmanagement: Grundsätzlich restriktive Volumentherapie. Bei Hypotonie, Schock oder hämodynamischer Instabilität erfolgt eine bedarfsgerechte Volumensubstitution unter regelmäßiger Reevaluation
  • Antikoagulation: Bei entsprechender Indikation therapeutische Antikoagulation mit unfraktioniertem Heparin Therapievorschlag: 5000-10000 I.E. i.v. erwägen

Sonderformen und Komplikationen der tiefen Venenthrombose

SituationKennzeichenBedeutung für die Präklinik
Phlegmasia coerulea dolensMassive Schwellung, starke Schmerzen, kalte und livide Extremität sowie fehlende PulseAbsoluter Gefäßnotfall mit Gefahr einer arteriellen Kompression, Gangrän, Rhabdomyolyse und eines Schocksunverzüglicher Transport in ein Gefäßzentrum.
TVT mit LungenembolieAblösung eines venösen Thrombus mit Embolisation in die LungenstrombahnBei Dyspnoe, Thoraxschmerzen, Synkope oder Kreislaufinstabilität an eine Lungenembolie denken und die Versorgung entsprechend priorisieren
Tiefe ArmvenenthromboseSchwellung, Schmerzen und Umfangszunahme des Arms, häufig nach starker Belastung oder bei Thoracic-outlet-Syndrom (Paget-von-Schroetter-Syndrom)Armumfang, Schwellung und Schmerzen beurteilen sowie auf Zeichen einer begleitenden Lungenembolie achten
Katheterassoziierte TVTZusammenhang mit ZVK, Port oder Schrittmachersonde; ggf. Fieber und lokale EntzündungszeichenNach liegenden Gefäßzugängen oder Implantaten fragen und lokale Entzündungszeichen dokumentieren
TVT in Schwangerschaft und WochenbettErhöhtes Risiko für venöse Thromboembolien während Schwangerschaft und insbesondere im WochenbettSchwangerschaft oder Wochenbett aktiv erfragen und bei Atemnot frühzeitig an eine Lungenembolie denken

Sonderformen und Komplikationen des arteriellen Gefäßverschlusses

SituationKennzeichenBedeutung für die Präklinik
Akutes Leriche-SyndromBeidseitige Ischämiezeichen der Beine, häufig mit fehlenden Leistenpulsen und ggf. PotenzstörungHinweis auf einen aortoiliakalen Gefäßverschluss mit besonderer Dringlichkeit → sofortiger Transport in ein Gefäßzentrum
Embolischer GefäßverschlussPlötzlicher Symptombeginn, häufig bei Vorhofflimmern oder anderer kardialer EmboliequelleAkuten Symptombeginn, Herzrhythmus und beidseitigen Pulsstatus erfassen → zeitkritischer Transport zur Revaskularisation.
Thrombotischer Gefäßverschluss bei pAVKHäufig schleichender oder subakuter Beginn durch vorhandene KollateralkreisläufeAuch bei langsamer Symptomzunahme besteht eine dringliche Revaskularisationsindikation → Sensibilität und Motorik regelmäßig kontrollieren.
ReperfusionssyndromNach Revaskularisation Gefahr von Hyperkaliämie, Azidose, Rhabdomyolyse, Schock oder KompartmentsyndromNach Wiedereröffnung des Gefäßes kann es Kreislaufverschlechterung, Rhythmusstörungen und eine zunehmende Schwellung der Extremität kommen

Zielkrankenhaus

Die Wahl des Zielkrankenhauses richtet sich nach der Art des Gefäßverschlusses, dem Ausmaß der Durchblutungsstörung, dem klinischen Allgemeinzustand sowie dem Vorliegen von Komplikationen.

  • Venöser Gefäßverschluss bzw. Verdacht auf tiefe Venenthrombose: Zeitnaher Transport in eine geeignete Klinik zur weiteren Diagnostik und Therapie. Bei ausgedehnter TVT, starker Schwellung oder livider Verfärbung sollte ein Gefäßzentrum bevorzugt werden
  • Akuter arterieller Gefäßverschluss: Aufgrund der zeitkritischen Revaskularisation sollte der unverzügliche Transport in eine Klinik mit gefäßchirurgischer oder interventioneller Behandlungsmöglichkeit erfolgen

Transportbegleitende Maßnahmen

  • Monitoring: Kontinuierliche Überwachung von EKG, Blutdruck, Herzfrequenz, Sauerstoffsättigung, Atemfrequenz und Vigilanz.
  • Lagerung:
    • Arterieller Gefäßverschluss: Betroffene Extremität tief lagern, weich polstern und unnötige Bewegungen vermeiden
    • Venöser Gefäßverschluss: Betroffene Extremität ruhig lagern. Bei ausgeprägter Schwellung kann eine leichte Hochlagerung zur Beschwerdelinderung erfolgen
  • Atemwegsmanagement: Regelmäßige Kontrolle der Atemwege und Atemarbeit
  • Sauerstofftherapie: Fortführung der bedarfsgerechten Sauerstofftherapie entsprechend der klinischen Situation
  • Volumenmanagement: Fortführung einer restriktiven Volumentherapie. Bei Hypotonie, Schock oder hämodynamischer Instabilität bedarfsgerechte Volumengabe unter regelmäßiger Reevaluation.
  • Verlaufskontrolle: Regelmäßige Kontrolle von Schmerzen, Motorik, Sensibilität, Pulsstatus und Hautbefund der betroffenen Extremität sowie frühzeitiges Erkennen einer klinischen Verschlechterung
  • Dokumentation: Erfassung von Symptombeginn, Lokalisation, Pulsstatus, Sensibilitäts- und Motorikbefund, Vitalparametern, sämtlichen präklinisch durchgeführten Maßnahmen sowie deren Wirkung

Übergabe in der Klinik

  • Strukturierte Übergabe nach standardisierten Schemata, z.B. SINNHAFT oder ISOBAR
  • Übergabe relevanter Informationen zu:
    • Symptombeginn, zeitlichem Verlauf und vermutetem Gefäßverschluss (arteriell oder venös)
    • Lokalisation der Beschwerden und betroffener Extremität
    • Klinischem Befund, insbesondere Schmerzen, Pulsstatus, Hautfarbe, Hauttemperatur, Schwellung, Sensibilität und Motorik
    • Verdacht auf akuten arteriellen Gefäßverschluss, tiefe Venenthrombose oder Lungenembolie
    • Vitalparametern und deren Verlauf
    • Neurologischem Status, insbesondere Sensibilitäts- oder Motorikstörungen
    • Relevante Vorerkrankungen, insbesondere pAVK, Vorhofflimmern, frühere Thrombosen, Lungenembolien oder bekannte Gerinnungsstörungen
    • Relevanter Medikation, insbesondere Antikoagulanzien und Thrombozytenaggregationshemmern, sowie bekannten Allergien
    • Durchgeführte Maßnahmen (Analgesie, Sauerstofftherapie, Volumentherapie, Antikoagulation, Lagerung) einschließlich deren Wirkung
  • Hochrisikopatient:innen: Bei akutem arteriellem Gefäßverschluss, Phlegmasia coerulea dolens, Verdacht auf Lungenembolie oder hämodynamischer Instabilität frühzeitig die Übergabe an das zuständige Gefäßzentrum, den Schockraum oder das interventionelle Team veranlassen und das Behandlungsteam vorab informieren.

Ursachen

Venöser Gefäßverschluss:

Arterieller Gefäßverschluss und pAVK:

Die periphere arterielle Verschlusskrankheit ist meist eine Manifestation der Atherosklerose. Zudem gibt es viele weitere Risikofaktoren zusätzlich zu den genetischen Faktoren, wie:

  • Rauchen
  • Diabetes mellitus
  • Arterielle Hypertonie
  • Fettstoffwechselstörungen (z.B. Hypercholesterinämie
  • Adipositas

Pathophysiologie

Venöse und arterielle Gefäßverschlüsse unterscheiden sich grundlegend hinsichtlich ihrer Pathophysiologie und der daraus resultierenden Gewebeschädigung. 

  • Venöser Gefäßverschluss: Ein Thrombus behindert den venösen Blutabfluss aus der betroffenen Extremität. Dadurch entstehen venöse Stase, ein Anstieg des venösen und kapillären Drucks sowie eine gestörte Mikrozirkulation mit Ödembildung und Blutstau
  • Arterieller Gefäßverschluss: Eine Embolie oder Thrombose unterbricht die arterielle Blutversorgung abrupt. Distal des Gefäßverschlusses entsteht eine akute Ischämie mit Hypoxie, die ohne rasche Reperfusion innerhalb kurzer Zeit zu irreversiblen Gewebeschäden führen kann
  • Periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK): Eine chronisch progrediente Atherosklerose führt zu einer zunehmenden Einengung oder einem Verschluss der Arterien. Die verminderte Gewebeperfusion verursacht zunächst belastungsabhängige Ischämieschmerzen und kann im weiteren Verlauf zu Ruheschmerzen, Ulzera und Nekrosen führen

Klinischer Eindruck

Klinisches ZeichenVenöser Gefäßverschluss (v.a. TVT)Akuter arterieller Gefäßverschluss
SchmerzDumpfer Schmerz sowie Druck- oder SpannungsgefühlPlötzlich einsetzender, meist starker Ischämieschmerz
SchwellungTypisch, meist einseitig mit Umfangsdifferenz und eindrückbarem ÖdemSelten oder nur gering ausgeprägt
HauttemperaturÜberwärmung der betroffenen ExtremitätKalte Extremität infolge fehlender Perfusion
HautfarbeLivide bis zyanotische VerfärbungBlasse Haut, später gegebenenfalls zyanotische Verfärbung
PulseIn der Regel tastbarFehlende oder deutlich abgeschwächte Pulse distal des Verschlusses
SensibilitätMeist unauffälligParästhesien bis Sensibilitätsverlust
MotorikMeist unauffälligBewegungseinschränkung bis Paralyse
VenenzeichnungVerstärkte oberflächliche Venenzeichnung möglichNicht typisch
VerlaufHäufig schleichender oder subakuter BeginnMeist plötzliches Ereignis, insbesondere bei Embolie

Diagnostik

Inspektion:

UntersuchungsaspektArterieller GefäßverschlussVenöser Gefäßverschluss
HautfarbeBlasse Haut, im Verlauf livide oder zyanotische VerfärbungLivide bis zyanotische Verfärbung der betroffenen Extremität
SchwellungMeist keine oder nur geringe SchwellungTypischerweise einseitige Schwellung mit sichtbarer Umfangszunahme
HautveränderungenTrophische Störungen, Ulzera, Nekrosen oder Gangrän bei fortgeschrittener IschämieGlänzende, gespannte Haut; bei chronischem Verlauf ggf. Stauungsdermatitis oder Ulzera
VenenzeichnungKeine prominente oberflächliche VenenzeichnungVerstärkte oberflächliche Venenzeichnung oder sichtbare Kollateralvenen möglich
Narben und VoroperationenHinweise auf Bypass-Operationen, Gefäßinterventionen oder AmputationenHinweise auf Varikosis, frühere Varizenoperationen oder venöse Eingriffe
SeitendifferenzBlässe oder trophische Veränderungen im SeitenvergleichEinseitige Schwellung, Hautverfärbung oder sichtbare Venenveränderungen im Seitenvergleich

Palpation:

  • Arterieller Gefäßstatus:
    • Pulsstatus: Fehlende, abgeschwächte oder seitendifferente Pulse 
  • Hauttemperatur: Eine kalte Extremität weist auf eine arterielle Minderperfusion hin
  • DMS: Sensibilitätsstörungen, motorische Defizite oder eine verlängerte Rekapillarisierungszeit sprechen für eine kritische Ischämie
  • Venöser Gefäßstatus:
    • Gewebebefund: Einseitiges eindrückbares Ödem, Umfangsdifferenz oder erhöhte Gewebespannung  
    • Druckschmerz: Druckschmerz entlang der tiefen Venen unterstützt den Verdacht auf eine TVT
    • Hauttemperatur: Eine Überwärmung der betroffenen Extremität spricht eher für einen venösen Gefäßverschluss
    • Klinische Zeichen: 
      • Meyer-Zeichen: Wadenschmerz bei Kompression der Wadenmuskulatur 
      • Homans-Zeichen: Wadenschmerz bei passiver Dorsalextension des Fußes
      • Payr-Zeichen: Schmerz der medialen Fußsohle bei Druck auf die Fußsohle

Weiterführende apparative Diagnostik:

12-Kanal-EKG: Beurteilung von Herzfrequenz, Herzrhythmus und möglichen kardialen Emboliequellen, insbesondere Vorhofflimmern, als häufige Ursache eines akuten arteriellen Gefäßverschlusses

Therapie

Basismaßnahmen:

  • Lagerung:
    • Arterieller Gefäßverschluss: Betroffene Extremität tief lagern und weich polstern. Unnötige Bewegungen vermeiden
    • Venöser Gefäßverschluss: Betroffene Extremität ruhig lagern. Bei ausgeprägter Schwellung kann eine leichte Hochlagerung zur Beschwerdelinderung erfolgen
  • Sauerstoffgabe: bedarfsorientierte Sauerstofftherapie bei Hypoxämie, respiratorischer Beeinträchtigung oder Verdacht auf Lungenembolie
  • Angepasstes Atemwegsmanagement: Sicherung und regelmäßige Kontrolle der Atemwege bei Vigilanzminderung oder Bewusstseinsstörung
  • Monitoring und Basisdiagnostik: kontinuierliche Überwachung mittels EKG, SpO₂, Blutdruck-, Herzfrequenz- und Atemfrequenzkontrollen
  • Venöser Zugang: Anlage eines intravenösen Zugangs zur Analgesie, Antikoagulation (bei entsprechender Indikation) sowie für weitere therapeutische Maßnahmen
  • Verlaufskontrolle:
    • Arterieller Gefäßverschluss: Auf zunehmende Schmerzen, Sensibilitäts- oder Motorikstörungen sowie Zeichen einer kritischen Extremitätenischämie achten
    • Venöser Gefäßverschluss: Auf zunehmende Schwellung, livide Verfärbung sowie Zeichen einer Lungenembolie (Dyspnoe, Thoraxschmerz, Synkope oder Schock) achten
  • Transportentscheidung: 
    • Arterieller Gefäßverschluss: Unverzüglicher Transport in eine Klinik mit gefäßchirurgischer oder interventioneller Behandlungsmöglichkeit, da eine zeitkritische Revaskularisation erforderlich sein kann
    • Venöser Gefäßverschluss bzw. Verdacht auf tiefe Venenthrombose: Zeitnaher Transport in eine geeignete Klinik zur weiteren Diagnostik und Therapie. Bei ausgedehnter TVT, starker Schwellung oder livider Verfärbung sollte ein Gefäßzentrum bevorzugt werden

Spezifische Maßnahmen:

  • Schmerztherapie: Bedarfsgerechte Analgesie unter regelmäßiger Reevaluation
    • Leichte Schmerzen: Paracetamol 1000 mg i.v. als Kurzinfusion oder Metamizol 0,5-1 g i.v.
    • Starke Schmerzen: Morphin 2 mg i.v. titriert bis gewünschte Wirkung, max 10 mg oder Nalbuphin 0,1 mg/kgKG i.v., max. Dosis 20 mg oder Fenanyl 0,05 mg i.v. titriert bis gewünschte Wirkung, max. Dosis: 0,2 mg
  • Antiemese: Ergänzend zur Analgesie kann bei Bedarf ein Antiemetikum verabreicht werden, z.B. Ondansetron 4 mg i.v. oder Dimenhydrinat 62 mg i.v. 
  • Volumenmanagement: Grundsätzlich restriktive Volumentherapie. Bei Hypotonie, Schock oder hämodynamischer Instabilität erfolgt eine bedarfsgerechte Volumensubstitution unter regelmäßiger Reevaluation
  • Antikoagulation: Bei entsprechender Indikation therapeutische Antikoagulation mit unfraktioniertem Heparin Therapievorschlag: 5000-10000 I.E. i.v. erwägen

Besondere Situationen

  • Phlegmasia coerulea dolens: Absoluter Gefäßnotfall mit massiver Schwellung, livider Extremität und drohender arterieller Kompressionunverzüglicher Transport in ein Gefäßzentrum
  • TVT + Lungenembolie: Treten bei einer TVT plötzlich Dyspnoe, Thoraxschmerzen, Synkope oder Kreislaufinstabilität auf, muss an eine Lungenembolie gedacht werden
  • Akutes Leriche-Syndrom: Beidseitige Ischämiezeichen der Beine mit fehlenden Leistenpulsen sprechen für einen aortoiliakalen Gefäßverschluss
  • Embolischer vs. thrombotischer Gefäßverschluss: Ein plötzlicher Symptombeginn spricht eher für einen embolischen, ein schleichender Verlauf bei bekannter pAVK eher für einen thrombotischen Gefäßverschluss
  • Reperfusionssyndrom: Nach erfolgreicher Revaskularisation auf Hyperkaliämie, Rhabdomyolyse, Rhythmusstörungen, Schock und Kompartmentsyndrom achten

Transport

Die Wahl des Zielkrankenhauses richtet sich nach der Art des Gefäßverschlusses, dem Ausmaß der Durchblutungsstörung, dem klinischen Allgemeinzustand sowie dem Vorliegen von Komplikationen.

  • Venöser Gefäßverschluss bzw. Verdacht auf tiefe Venenthrombose: Zeitnaher Transport in eine geeignete Klinik zur weiteren Diagnostik und Therapie. Bei ausgedehnter TVT, starker Schwellung oder livider Verfärbung sollte ein Gefäßzentrum bevorzugt werden
  • Akuter arterieller Gefäßverschluss: Aufgrund der zeitkritischen Revaskularisation sollte der unverzügliche Transport in eine Klinik mit gefäßchirurgischer oder interventioneller Behandlungsmöglichkeit erfolgen
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Zuletzt aktualisiert am 09.08.2026
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