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Geriatrische Notfälle (RD)

30 Minuten Lesezeit

Geriatrische Notfälle treten im Rettungsdienst zunehmend häufiger auf. Aufgrund der steigenden Lebenserwartung und der damit verbundenen Multimorbidität älterer Menschen ist es besonders wichtig, dass das Rettungsdienstpersonal über spezifisches Wissen zur Notfallversorgung geriatrischer Patient:innen verfügt. Altersbedingte physiologische Veränderungen beeinflussen beispielsweise die Wirkung und Verträglichkeit von Medikamenten. Zudem führt die bei geriatrischen Patient:innen häufig anzutreffende Polypharmazie – definiert als die gleichzeitige Einnahme von fünf oder mehr Arzneimitteln – zu einem erhöhten Risiko für unerwünschte Arzneimittelwirkungen, Wechselwirkungen und Komplikationen. Der folgende Artikel gibt daher einen Überblick über das Fachgebiet Geriatrie sowie wichtige Aspekte für die Versorgung älterer Patient:innen im Notfall.

Um den Einstieg in das Thema „Geriatrische Notfälle im Rettungsdienst“ etwas zu erleichtern, wird im Folgenden ein Fall beschrieben, wie er sich präklinisch ereignen könnte.

Das Szenario

Einsatzmeldung:

  • Stichwort: Bewusstlosigkeit (unklare Lage)
  • Ort: Seniorenresidenz „Haus am Park“, 2. OG, Zimmer 204
  • Alarmzeit: 08:37 Uhr
  • Anrufer: Pflegekraft der Frühschicht
  • Anzahl der Betroffenen: 1
  • Zusatzinfo:
    • Weiblich, 85 Jahre alt
    • Bewohnerin bewusstlos aufgefunden
    • Verdacht auf Hypoglykämie

Lageeinweisung vor Ort:

Beim Eintreffen des Rettungsdienstes wird das Team von einer aufgeregten Pflegekraft in das Patientenzimmer geführt. Die Bewohnerin liegt regungslos im Bett und wird durch eine weitere Pflegekraft betreut.

Die Lage ist wie folgt:

  • Die Patientin ist nicht ansprechbar und reagiert ungezielt auf Schmerzreiz
  • Bei der Atemkontrolle wird eine regelmäßige Atemfrequenz von 17/min festgestellt
  • Die Bewohnerin erschien am Morgen nicht zum Frühstück, woraufhin eine Nachschau erfolgte
  • Die Pflegekraft berichtet, dass die Bewohnerin zuletzt beschwerdefrei am Vorabend gegen 22:00 Uhr gesehen wurde. Zu diesem Zeitpunkt wurde ihr das Insulin verabreicht
Fallbeispiel: Geriatrische Notfälle im Rettungsdienst

Ersteindruck nach xABCDE-Schema:

Um sich einen ersten umfassenden Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten in einer Notfallsituation zu verschaffen, bietet sich das xABCDE-Schema an. Um die Arbeit mit dem Schema zu veranschaulichen, ist hier ein xABCDE-Schema abgebildet, wie es im Falle einer Ersteinschätzung bei einer geriatrischen Patientin oder einem geriatrischen Patienten aussehen könnte.

Es handelt sich dabei um die Befunde, die innerhalb der ersten paar Minuten erhoben werden können. Erweiterte Diagnostik und Abfragen sind natürlich von Bedeutung.

x

  • Keine lebensbedrohliche, äußere Blutung sichtbar

 

A

  • Atemwege frei
  • Schleimhäute trocken, insgesamt eher rosig
  • Patientin nicht ansprechbar

Mittelbares
A-Problem

B

  • Inspektion:
    • Keine Auffälligkeiten
    • Thoraxexkursionen regelmäßig
    • Keine Hämatome oder andere Hinweise auf ein Trauma
    • Regelmäßige Atmung, 17/min
  • Palpation:
    • Keine Auffälligkeiten
    • Thorax stabil
  • Auskultation:
    • Atmung wirkt eher flach
    • Beidseits vesikuläres Atemgeräusch
  • SpO₂ 92 % 

Kein  
B-Problem

C

  • Hautkolorit blass
  • Rekap-Zeit: 2 Sekunden
  • Große Blutungsräume ohne Zeichen auf akute Blutungen
  • Palpation des Pulses an der A. radialis:
  • Zentraler Puls:
    • Rhythmisch
    • Gut tastbar
    • Mäßig Bradykard, 51/min

Mittelbares
C-Problem

D

  • GCS 6
    • Öffnen der Augen: 1
    • Beste verbale Reaktion: 1
    • Beste motorische Reaktion: 4
  • Pupillenkontrolle
    • Isokor
    • Lichtreagibel
    • Mittelweit
  • BZ-Messung: 40 mg/dl

Akutes
D-Problem

E

  • Keine weiteren Verletzungen sichtbar
  • Temperatur: 37,1 °C
  • Symptome:
    • Bewusstlosigkeit
    • Hypoglykämie
  • Allergien / Infektionen: Keine bekannt
  • Medikamente: Insulin (Basal- und Bolusinsulin), Ramipril
  • Patientengeschichte: Insulinpflichtiger Diabetes Typ 2, Hypertonie
  • Letzte Insulingabe: Letzte Insulingabe am Vorabend, letzter BZ-Wert um 22:00 Uhr mit 145 mg/dl
  • Ereignis: Auffinden bewusstlos im Bett
  • Risikofaktoren: Hohes Alter, Diabetes mellitus

 

Kein 
E-Problem

 Achtung

Das hier gezeigte Assessment vermittelt nur einen exemplarischen ersten Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten. Im Verlauf der Behandlung müssen weitere Maßnahmen ergriffen und Informationen gesammelt werden. Das Schema erhebt daher keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern soll lediglich einen praktischen Einstieg in das Thema ermöglichen.

 Definition

Die Geriatrie ist die medizinische Fachdisziplin, die sich mit der Gesundheitsversorgung älterer Patient:innen befasst. Sie berücksichtigt dabei insbesondere akute und chronische Erkrankungen sowie körperliche, geistige, funktionale und soziale Aspekte.

Wichtige Aufgaben der Geriatrie:

  • Prävention alterstypischer Erkrankungen
  • Rehabilitation älterer Patient:innen nach Erkrankungen oder Operationen
  • Begleitung und Versorgung älterer Menschen in der Situation am Lebensende (geriatrische Palliativversorgung)

Wann gilt ein:e Patient:in als geriatrisch?

Meist werden zwei Kriterien herangezogen, um Patient:innen als geriatrisch einzuordnen:

  • Multimorbidität ab ca. 70 Jahren: Patient:innen leiden typischerweise an mehreren chronischen Erkrankungen gleichzeitig.
  • Kalendarisches Alter über 80 Jahre: In diesem Alter nimmt die Vulnerabilität (altersbedingte Anfälligkeit) gegenüber Erkrankungen und Funktionsverlusten deutlich zu.

Dabei besitzt die Multimorbidität klinisch meist eine größere Bedeutung als das kalendarische Alter allein. Geriatrische Patient:innen haben außerdem ein erhöhtes Risiko für sogenannte geriatrische Syndrome, wie Immobilität, Inkontinenz, Sturzneigung, kognitive Einschränkungen oder Mangelernährung. Diese Faktoren können dazu führen, dass sich der funktionale Status älterer Menschen zunehmend verschlechtert. Dadurch verlieren sie häufig an Autonomie und können alltägliche Aufgaben und körperliche Aktivitäten nicht mehr allein bewältigen.

 Definition

Als Alternbezeichnet man den biologischen, psychischen und sozialen Prozess des Älterwerdens. Dieser Prozess begleitet den Menschen ein Leben lang und endet schließlich mit dem Tod. Jede Person altert unterschiedlich, da der Verlauf des Alterns von vielen verschiedenen Faktoren beeinflusst wird. Dazu zählen z.B. Umwelteinflüsse (wie UV-Strahlung), Lebensstilfaktoren (wie Rauchen oder Ernährung) sowie die genetische Veranlagung.

Den Prozess des Älterwerdens teilt man in verschiedene Formen ein:

  • Biologisches Altern: Körperliche Veränderungen wie Zellalterung, nachlassende Organfunktionen oder verringerte körperliche Belastbarkeit
  • Psychisches Altern: Veränderungen der kognitiven Fähigkeiten, emotionalen Stabilität und psychischen Anpassungsfähigkeit
  • Soziales Altern: Veränderungen der sozialen Rollen und Beziehungen, z. B. durch Rentenbeginn, Verlust von Angehörigen oder sozialen Rückzug
  • Biografisches Altern: Subjektives Erleben des Alterns, geprägt durch persönliche Lebensereignisse, Erfahrungen und Einstellungen

Prognosen des Statistischen Bundesamtes zeigen, dass der Anteil älterer Menschen an der Gesamtbevölkerung in den kommenden Jahrzehnten deutlich zunehmen wird. Für das Jahr 2060 wird erwartet, dass rund 33 % der Bevölkerung über 65 Jahre alt sein werden. Hauptursachen sind die steigende Lebenserwartung und der medizinische Fortschritt.

  • Für das Gesundheitswesen bedeutet dies:
    • Die Zahl der geriatrischen Patient:innen wird weiter steigen
    • Die Versorgung älterer Menschen wird zu einer zentralen Aufgabe aller Berufsgruppen im Gesundheitswesen
    • Die Anforderungen an das medizinische Personal verändern sich deutlich
  • Besonderheiten in der Versorgung geriatrischer Patient:innen ergeben sich insbesondere durch:
    • Altersbedingte physiologische Veränderungen (z. B. reduzierte Organreserve, veränderte Pharmakodynamik)
    • Multimorbidität und Polypharmazie
    • Atypische klinische Präsentationen (z. B. stumme Herzinfarkte, unspezifische Symptome bei Infektionen)
    • Erhöhtes Risiko für funktionelle Verschlechterung und Pflegebedürftigkeit
Demografie des Alterns
 VeränderungenRelevanz für den Rettungsdienst

Metabolisierung von Medikamenten

  • Verminderter Muskelanteil und erhöhter Fettanteil beeinflussen die Wirkstoffverteilung
  • Verlangsamte Ausscheidung durch reduzierte Leber- und Nierenfunktion
  • Abweichende Wirkungen: z.B. paradoxe Erregung bei Sedativa
  • Erhöhte Empfindlichkeit gegenüber bestimmten Wirkstoffen
  • Dosisreduktion ist häufig erforderlich: altersadaptierte Dosierung beachten
  • Wechselwirkungen mit Dauermedikation unbedingt berücksichtigen
  • Besondere Vorsicht bei Notfallmedikation: erschwerte Dosisfindung

Atmungssystem

  • Abnahme der Elastizität des Lungengewebes
  • Reduzierter alveolärer Gasaustausch
  • Geringere Empfindlichkeit des Atemantriebs auf Hyperkapnie und Hypoxie
  • Herabgesetzte Husteneffizienz und Selbstreinigung
  • Erhöhtes Risiko für Hypoxie: frühzeitige Sauerstoffgabe ist wichtig
  • Aspirationsgefahr durch eingeschränkten Schutzreflex
  • Oxygenierung hat hohe Priorität im Notfall

Herz-Kreislauf-System

  • Gefäßsteifigkeit durch Atherosklerose und Zunahme von Bindegewebe
  • Abnahme der Sensitivität kardialer Rezeptoren
  • Zunahme von Hypertonie und Linksherzhypertrophie
  • Abgeschwächte Reaktion auf Katecholamine
  • Angepasste medikamentöse Therapie notwendig
  • Atypische Symptomatik bei kardialen Notfällen möglich
  • Vitalzeichen können trotz Notfall unauffällig erscheinen → erhöhte Aufmerksamkeit notwendig

Bewegungsapparat

  • Abnahme der Knochenmasse: erhöhtes Osteoporoserisiko
  • Zunahme der Fettmasse
  • Abnahme der Muskelmasse
  • Bereits leichte Stürze können zu Frakturen führen
  • Erhöhte Verletzungsgefahr im häuslichen Umfeld

Regulation der Körpertemperatur

  • Abnahme der Muskelmasse erschwert die Wärmeerzeugung
  • Niedrigere Körperkerntemperatur
  • Wärmeerhalt sicherstellen: Hypothermiegefahr bei Notfällen
  • Körpertemperatur regelmäßig kontrollieren

Verdauungssystem und Leber

  • Reduzierte Leberfunktion in Bezug auf Stoffwechsel und Entgiftung
  • Verminderte Speichelsekretion und intestinale Durchblutung
  • Veränderte Resorption von Nahrung und Medikamenten
  • Erhöhte Neigung zu Obstipation
  • Medikamentenwirkung kann schneller, verzögert oder paradox sein (z.B. bei Benzodiazepinen)
  • Altersadaptierte Dosierung bei Medikamenten notwendig
  • Ernährungsstatus und Flüssigkeitszufuhr beachten

Niere und harnableitende Organe

  • Sinkende glomeruläre Filtrationsrate durch Hypotrophie des Nierengewebes
  • Rückbildung der Beckenbodenmuskulatur
  • Vergrößerung der Prostata
  • Höheres Risiko für Harninkontinenz und Harnverhalt
  • Nierenfunktionsstörungen beachten → Dosierung nierengängiger Medikamente anpassen

Wasserhaushalt

  • Geringere Flüssigkeitsreserven
  • Reduziertes Durstempfinden
  • Exsikkose tritt schneller auf → Flüssigkeitsstatus engmaschig überwachen
  • Orale Flüssigkeitszufuhr fördern

Hormonsystem

  • Abnahme von Sexualhormonen (Testosteron, Östrogen, Progesteron)
  • Reduktion des Wachstumshormons: Muskelmasse ↓, Fettmasse ↑
  • Insulinproduktion verzögert: Blutzucker ↑
  • ADH-Ausschüttung vermindert: gestörte Wasserregulation
  • Blutzuckerentgleisungen wahrscheinlicher
  • Wasser- und Elektrolythaushalt anfälliger
  • Hormonersatztherapien bei Bedarf berücksichtigen

Blut- und Immunsystem

  • Reduzierte Immunabwehr: erhöhte Infektanfälligkeit
  • Ersatz des blutbildenden Knochenmarks durch Fettgewebe
  • Verlangsamte Erythrozytenneubildung
  • Anämien und Infektionen frühzeitig erkennen
  • Entzündungszeichen können abgeschwächt auftreten

Nervensystem

  • Zentrales Nervensystem:
    • Volumenabnahme des Gehirns
    • Demyelinisierung → verlangsamte Nervenleitung
    • Erhöhte Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke
    • Neurotransmitterspiegel sinken
  • Kognitive Funktionen:
    • Erkennen, Verstehen und Lernen neuer Informationen fällt zunehmend schwerer
    • Die Verarbeitungsgeschwindigkeit nimmt ab
  • Emotionalität:
    • Emotionale Reaktionen sind häufig stärker oder instabiler
    • Ältere Menschen zeigen häufiger depressive oder ängstliche Symptome
  • Schlafverhalten:
    • Der Nachtschlaf ist störanfälliger und fragmentiert
    • Tagsüber treten vermehrt kurze Ruhephasen auf
  • Zentrales Nervensystem:
    • Demenzerkrankungen und Delirrisiko erhöht
    • Schmerzäußerung kann verändert sein → Gefahr unzureichender Analgesie
    • Symptomfreie Verläufe z.B. bei intrakraniellen Blutungen möglich
  • Verwirrtheit und kognitive Einschränkungen können die Anamnese erschweren → Fremdanamnese durch Angehörige oder Pflegepersonal einholen
  • Delir und akute Veränderungen des mentalen Status müssen erkannt und differenziert werden
  • Veränderte Schmerzäußerung kann zur Unterversorgung mit Analgetika führen
  • Schlafstörungen können zur tageszeitlichen Desorientierung beitragen

Sinnesorgane

  • Abnahme von Seh- und Hörvermögen
  • Reduzierter Geschmacks- und Geruchssinn
  • Deutlich sprechen, ggf. lauter und langsamer
  • Hilfsmittel bereitstellen (Brille, Hörgerät)
  • Fremdanamnese durch Angehörige einholen

Haut, Haare, Nägel

  • Haut wird dünner, trockener und verletzlicher
  • Haare werden weiß, brüchig
  • Nägel wachsen langsamer und verändern sich strukturell
  • Druckstellen, Hämatome und Hautverletzungen treten schneller auf
  • Pflegebedürfnisse beachten: z.B. bei Lagerung

Geschlechtsorgane

  • Rückbildung weiblicher Geschlechtsorgane nach Menopause
  • Prostatavergrößerung beim Mann
  • Harnverhalt, Infektionen und Inkontinenz möglich
  • Schamgefühl respektieren → sensibler Umgang bei Untersuchung und Pflege

Ältere Menschen können prinzipiell von denselben Notfallbildern betroffen sein wie jüngere. Allerdings führen alterstypische physiologische Veränderungen – wie eine verminderte Organfunktion, eine reduzierte Immunabwehr oder veränderte Stoffwechselprozesse – zu einer erhöhten Anfälligkeit für bestimmte Erkrankungen und einem häufig atypischen Verlauf.

Häufige altersbedingte Erkrankungen

Eine besondere Herausforderung in der Versorgung geriatrischer Patient:innen stellt die sogenannte geriatrische Notfalltrias dar:

  • Sturz
  • Delir
  • Exsikkose
Die geriatrische Notfalltrias
Die geriatrische Notfalltrias
 Merke

Diese drei Zustände bedingen und verstärken sich gegenseitig, was zu einem selbstverstärkenden Kreislauf führen kann, der unbehandelt schnell zu einer funktionellen Dekompensation führt.

Der Umgang mit älteren Patient:innen im Notfall erfordert besondere kommunikative Sensibilität und empathisches Verhalten. Zwar erfordern Notfallsituationen häufig rasches Handeln, doch gerade bei älteren Menschen ist Geduld ein entscheidender Erfolgsfaktor. Sie trägt dazu bei:

  • Vertrauen aufzubauen
  • Ängste zu reduzieren
  • Kooperationsbereitschaft der Patient:innen zu fördern

Wichtige Grundsätze im Umgang mit älteren Patient:innen:

  • Fragen klar und einfach formulieren
  • Antworten abwarten, auch wenn sie verzögert kommen
  • Auf Fachbegriffe verzichten
  • Blickkontakt halten,
  • Laut und deutlich sprechen
  • Hilfsmittel wie Brillen oder Hörgeräte berücksichtigen
 Achtung

Unternehme keine Maßnahmen gegen den ausdrücklichen Willen der Patient:innen.
Die Achtung des Patientenwillens ist Ausdruck von Respekt und Wahrung der Autonomie. Auch wenn die Situation medizinisch dringlich erscheint oder ethische Konflikte entstehen, sollte der Wille der Patient:innen immer zentral berücksichtigt werden.

Einbeziehung von Angehörigen:

In vielen Fällen ist der frühzeitge Kontakt mit Angehörigen sinnvoll – insbesondere wenn Patient:innen:

  • Kognitiv eingeschränkt sind (z. B. durch Demenz oder Delir)
  • Keine vollständige Auskunft geben können
  • Keine Patientenverfügung mitführen
  • Angehörige können wichtige Informationen liefern, z. B. zu:
    • Vorerkrankungen
    • Dauermedikation
    • Allergien
    • Pflegebedarf

Besonderheiten bei geriatrischen Notfällen:

Besonderheiten in der Versorgung geriatrischer Notfälle
 Achtung
Veränderte Krankheitspräsentation

Eine Besonderheit bei geriatrischen Patient:innen ist die teilweise veränderte Krankheitspräsentation. Viele akute Erkrankungen äußern sich nur mit unspezifischen Symptomen wie zum Beispiel Abgeschlagenheit, Appetitlosigkeit oder Schwindel. Auch unspezifische Symptome müssen ernst genommen werden, denn hinter ihnen kann sich eine akute Erkrankung verbergen. Deshalb sollten bestimmte Anzeichen bei geriatrischen Patient:innen besondere Beachtung finden.

Typische Anzeichen sind:

  • Eine plötzlich eintretende Verwirrtheit
  • Der Verlust von Alltagskompetenzen innerhalb weniger Tage
  • Eine schnelle Verschlechterung des Allgemeinzustandes

Beispiel: Akutes Koronarsyndrom

Im mittleren Alter kann sich das akute Koronarsyndrom mit Thoraxschmerzen, die möglicherweise in den linken Arm oder den Kiefer ausstrahlen, und Atemnot zeigen. Bei geriatrischen Patient:innen fehlt der Thoraxschmerz möglicherweise und sie zeigen eine Verschlechterung des Allgemeinzustandes, Übelkeit, Synkopen oder Verwirrtheit.

1. Fachgebiet Geriatrie

  • Definition:
    • Medizinische Fachdisziplin zur Versorgung älterer Patient:innen
    • Berücksichtigung körperlicher, geistiger, funktionaler und sozialer Aspekte
  • Zentrale Aufgaben:
    • Prävention alterstypischer Erkrankungen
    • Rehabilitation nach akuten Ereignissen oder chronischer Verschlechterung
    • Palliativversorgung am Lebensende
  • Kriterien für geriatrische Patient:innen:
    • Multimorbidität (≥ 2 chronische Erkrankungen, meist ab 70 Jahren)
    • Kalendarisches Alter ≥ 80 Jahre (häufig mit erhöhter Vulnerabilität)
    • Hohes Risiko für Funktionsverluste und Einschränkungen der Selbstständigkeit

2. Formen des Alterns

  • Altern:
    • Lebenslanger biologischer, psychischer und sozialer Prozess bis zum Tod
  • Einflussfaktoren:
    • Umwelt (z. B. UV-Strahlung, Schadstoffe)
    • Lebensstil (z. B. Rauchen, Ernährung, Bewegung)
    • Genetische Veranlagung
  • Formen:
    • Biologisches Altern: Organalterung, verminderte Belastbarkeit
    • Psychisches Altern: Veränderungen der kognitiven Fähigkeiten, emotionalen Stabilität und psychischen Anpassungsfähigkeit
    • Soziales Altern: Veränderung sozialer Rollen (z. B. Renteneintritt, Verlust von Bezugspersonen)
    • Biografisches Altern: Subjektives Erleben des Älterwerdens

3. Demografie des Alterns

  • Demografischer Wandel:
    • Bis 2060: ca. 33 % der Bevölkerung in Deutschland über 65 Jahre
    • Ursachen: steigende Lebenserwartung, medizinischer Fortschritt
  • Relevanz:
    • Geriatrische Versorgung wird zunehmend zentral
    • Erfordert spezifisches Wissen und angepasste Versorgungsstrategien

4. Altersspezifische Veränderungen

  • Medikamentenverarbeitung:
    • Veränderte Wirkstoffverteilung
    • Verlangsamte Elimination
    • Paradoxe Wirkungen möglich (z. B. bei Benzodiazepinen)
  • Atmungssystem:
    • Verminderte Lungenelastizität und Gasaustausch
    • Reduzierte Reaktion auf CO₂/Hypoxie
    • Aspirationsgefahr durch Schutzreflexminderung
  • Herz-Kreislauf-System:
    • Gefäßversteifung, Hypertonie
    • Verminderte Katecholaminantwort
    • Atypische Symptome, Vitalzeichen können unauffällig sein
  • Bewegungsapparat:
    • Muskel- und Knochenschwund (Sarkopenie, Osteoporose)
    • Erhöhtes Sturz- und Frakturrisiko
  • Thermoregulation:
    • Verminderte Wärmeproduktion
    • Gefahr von Hypothermie
  • Verdauung und Leber:
    • Langsamere Resorption und Metabolisierung
    • Häufig Obstipation
    • Flüssigkeits- und Ernährungsstatus beachten
  • Niere und Wasserhaushalt:
    • GFR-Rückgang, vermindertes Durstempfinden
    • Risiko für Exsikkose und Elektrolytstörungen
  • Hormonsystem:
    • Geringere Insulinproduktion
    • Hormonelle Umstellungen (z. B. ADH ↓)
    • Erhöhte Gefahr für Blutzuckerentgleisungen und Wasserungleichgewicht
  • Blut- und Immunsystem:
    • Schwächere Immunabwehr
    • Verzögerte Hämatopoese
    • Infektionen und Anämien verlaufen oft unspezifisch
  • Nervensystem:
    • Kognitive Verlangsamung
    • Delirrisiko ↑
    • Schmerzäußerung kann verändert sein → Gefahr unzureichender Analgesie
    • Demenz und Schlafstörungen häufig
  • Sinnesorgane:
    • Seh- und Hörvermögen eingeschränkt
    • Kommunikation anpassen, Hilfsmittel bereitstellen
  • Haut, Haare, Nägel:
    • Haut dünner und verletzlicher → Dekubitus- und Hämatomgefahr
  • Geschlechtsorgane:
    • Rückbildung weiblicher Genitalien, Prostatavergrößerung
    • Erhöhtes Risiko für Inkontinenz und Harnverhalt

5. Häufige geriatrische Notfälle

  • Typische Krankheitsbilder:
    • Kardiologisch: KHK, akute Herzinsuffizienz
    • Metabolisch: Hypo-/Hyperglykämie bei Diabetes mellitus Typ 2
    • Neurologisch: Apoplex, Delir
    • Renal: akutes Nierenversagen
    • Traumatologisch: Stürze, Frakturen
    • Infektiös: Pneumonie, Sepsis
    • Gastrointestinal: Ileus, gastrointestinale Blutungen

6. Geriatrische Notfalltrias

  • Sturz – Delir – Exsikkose:
    • Verstärken sich gegenseitig
    • Führen zu funktionellem Abbau und Klinikaufenthalt
    • Frühzeitige Erkennung und Behandlung essenziell

7. Kommunikation und Umgang

  • Grundsätze:
    • Geduldig kommunizieren, klare und einfache Sprache verwenden
    • Keine Fachbegriffe, Antworten abwarten
    • Autonomie wahren: keine Maßnahmen gegen den Willen der Patient:innen
  • Angehörige:
    • Wichtige Informationsquelle (z. B. Medikamente, Anamnese, Allergien)
    • Emotionale Unterstützung bieten
    • In Aufklärung und Entscheidungen empathisch einbeziehen

8. Geriatrische Besonderheiten

  • Multimorbidität:
    • Gleichzeitiges Vorliegen mehrerer Erkrankungen erhöht Komplikationsrisiko
  • Geriatrische I:
    • Instabilität
    • Immobilität
    • Inkontinenz (Harn und/oder Stuhl)
    • Kognitive Einschränkungen
    • Iatrogene Schäden (z. B. durch Medikamente oder Prozeduren)
  • Frailty-Syndrom:
    • Altersassoziierte Gebrechlichkeit
    • Merkmale: Muskelabbau, Gewichtsverlust, Erschöpfung, reduzierte Aktivität, Sturzneigung
  • Polypharmazie:
    • Einnahme von ≥ 5 Medikamenten gleichzeitig
    • Erhöhtes Risiko für Nebenwirkungen, Wechselwirkungen und Medikationsfehler
  • Unspezifische Symptome:
    • Abgeschlagenheit, Appetitverlust, Schwindel, Verwirrtheit
    • Können Anzeichen schwerer Erkrankungen sein
  • Warnzeichen:
    • Plötzlich einsetzende Verwirrtheit
    • Verlust alltagsrelevanter Fähigkeiten
    • Rasche Verschlechterung des Allgemeinzustands
  • S3-Leitlinie Hausärztliche Leitlinie: Multimedikation, Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin e.V. (DEGAM)
  • Schmitz et al.: I care Anatomie. Georg Thieme Verlag 2020, ISBN: 978-3-132-41820-2
  • Koch, S. et al.: retten – Notfallsanitäter. Georg Thieme Verlag 2023, ISBN: 978-3-13-242121-9
Zuletzt aktualisiert am 27.05.2026
Besonderheiten pädiatrischer Notfälle (RD)
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