Kopfplatzwunde, Gesichtstrauma, Frakturen des Gesichtschädels, Skalpierungsverletzung
51 Minuten Lesezeit
Kopf- und Gesichtsverletzungen können sehr unterschiedlich ausgeprägt sein. Das Spektrum reicht von einer kleinen Kopfhautwunde bis zur komplexen Gesichtsfraktur. Da die Kopfhaut stark durchblutet ist, können Platz- und Skalpierungswunden erheblich bluten. Gesichtsfrakturen können außerdem Kiefer, Nerven und Augen schädigen. Blut und Schwellungen können die Atemwegeverlegen.
Präklinisch stehen die Sicherung der Vitalfunktionen, das Freihalten der Atemwege und die Blutstillung im Vordergrund. Fremdkörper bleiben in der Wunde und werden stabilisiert. Frakturen werden möglichst wenig bewegt. Wichtig sind zudem eine ausreichende Schmerztherapie sowie die Kontrolle von Visus, Pupillen, Augenbeweglichkeit, Kieferfunktion und neurologischem Status. Ein Retrobulbärhämatom mit Visusverlust ist ein zeitkritischer Notfall.
Auch bei auffälligen äußeren Verletzungen muss nach Begleitverletzungen gesucht werden. Dazu gehören primär ein Schädel-Hirn-Trauma, Schädelbasis- und HWS-Verletzungen sowie intrakranielle oder okuläre Schäden. Die Untersuchung erfolgt nach dem xABCDE-Schema. Bewusstsein, Atmung und Kreislauf werden wiederholt kontrolliert.
Das Zielkrankenhaus richtet sich nach der Schwere der Verletzung. Gesichtsfrakturen sollten in einer Klinik mit Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie versorgt werden. Bei Atemwegsgefährdung, neurologischen Auffälligkeiten, schweren Verletzungen oder einer Bedrohung des Sehvermögens ist ein geeignetes Traumazentrum erforderlich.
Info
Dieser Artikel bezieht sich auf Gesichtstraumata und Weichteilverletzungen am Kopf. Intrakranielle Verletzungen sowie pathophysiologische und therapeutische Aspekte eines Schädel-Hirn-Traumas (SHT) werden nicht im Detail behandelt.
Weiterführende Informationen zum Schädel-Hirn-Trauma finden sich im eigenständigen Artikel: Schädel-Hirn-Trauma (RD).
Um den Einstieg in das Thema Gesichts- und Kopfverletzungen etwas zu erleichtern, wird im Folgenden ein Fall beschrieben, wie er sich präklinisch ereignen könnte.
Das Szenario
Einsatzmeldung:
Stichwort: Gesichtsverletzung
Ort: Innenstadt, vor einer Kneipe
Alarmzeit: 23:48 Uhr
Anrufer:in: Polizeibeamtin
Anzahl der Betroffenen: 1
Zusatzinfo:
Männlich, 30 Jahre alt
Zustand nach Schlägerei, mehrere Schläge ins Gesicht
Polizei ist bereits vor Ort
Lageeinweisung vor Ort:
Beim Eintreffen des Rettungsdienstes wird ein etwa 30-jähriger, alkoholisierterPatient von zwei Polizeikräften sitzend auf einer Bank betreut.
Die Lage ist wie folgt:
Der Patient ist ansprechbar,aber desorientiert und agitiert
An der linkenWange ist eine starke Weichteilschwellung und ein Hämatom sichtbar
Über dem Jochbein ist eine Krepitation, sowie dezenteStufenbildung tastbar
Er zeigt eine leichte, aber kontinuierliche Blutung aus der linkenNasenhälfte
Laut Polizei wurde dem Patienten mehrfachinsGesichtgeschlagen. Seitdem klagt er über starkeSchmerzen
Ersteinschätzung nach xABCDE-Schema
Um sich einen ersten umfassenden Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten in einer Notfallsituation zu verschaffen, bietet sich das xABCDE-Schema an. Um die Arbeit mit dem Schema zu veranschaulichen, ist hier ein xABCDE-Schema abgebildet, wie es im Falle einer Ersteinschätzung bei einer Patientin oder einem Patienten mit einer Gesichtsverletzung aussehen könnte.
Es handelt sich dabei um die Befunde, die innerhalb der ersten paar Minuten erhoben werden können. Erweiterte Diagnostik und Abfragen sind natürlich von Bedeutung, jedoch würde zum Beispiel die Anlage eines 12-Kanal-EKG in diesem Fall hinten angestellt und taucht zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf.
x
Keine kritischen Blutungen
A
Atemwege frei
Schleimhäute rosig
Patient spricht selbstständig
Kein A-Problem
B
Inspektorisch:
Thoraxexkursion beidseits physiologisch
Keine Halsvenenstauung sichtbar
Auskultatorisch:
Beidseits vesikuläres Atemgeräusch
Palpatorisch:
Thorax insgesamt stabil
Keine Krepitation spürbar (Thorax)
SpO2: 96 %
Atemfrequenz: 20/min
Kein B-Problem
C
Hautkolorit rosig
Rekap-Zeit: 2 Sekunden
Große Blutungsräume ohne Zeichen auf akute Blutungen
Weichteilschwellung und Hämatom an der linkenWange
Über dem Jochbein ist eine Krepitation, sowie dezenteStufenbildung tastbar
Nasenbluten
Temperatur: 35,4 °C
Symptome:
Gesichtsverletzung
Schmerzen
Allergien / Infektionen: Keine bekannt
Medikamente: Keine Dauer- oder Akutmedikation
Patientengeschichte: Keine Vorerkrankungen
Letzte Mahlzeit: Abendessen, um ca. 19:00 Uhr
Ereignis: Körperliche Auseinandersetzung - mehrere Schläge ins Gesicht
Risikofaktoren: Alkoholisiert
Akutes E-Problem
Achtung
Das hier gezeigte Assessment vermittelt nur einen exemplarischen ersten Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten mit einer Gesichts- und/oder Kopfverletzung. Im Verlauf der Behandlung müssen weitere Maßnahmen ergriffen und Informationen gesammelt werden. Das Schema erhebt daher keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern soll lediglich einen praktischen Einstieg in das Thema ermöglichen.
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Definition
Kopfhautverletzungen
Verletzungen der Haut und des darunterliegenden Weichteilgewebes am behaarten Kopf. Dazu zählen beispielsweise Schürf-, Riss- und Platzwunden sowie Hämatome.
Definition
Gesichtsfrakturen
Knochenbrüche im Bereich des Gesichtsschädels. Betroffen sein können unter anderem Nasenbein, Jochbein, Jochbogen, Augenhöhle, Oberkiefer oder Unterkiefer.
Klassifikationen von Gesichts- und Kopfverletzungen
Weichteile der Kopfhaut: Stirnhaut, behaarter Schädel, Schläfenregion
Nach Schweregrad (modifiziert nach AO/MKG-Klassifikation):
Grad I (leicht): oberflächliche Weichteilverletzungen ohne Knochenbeteiligung, keine Funktionseinschränkung
Grad II (mittel): tiefergehende Weichteilschäden, einfache Frakturen ohne Dislokation, mögliche Sensibilitätsstörung
Grad III (schwer): komplexe Weichteil- und Knochenverletzungen, dislozierte Frakturen, Orbitabeteiligung, Atemwegsgefährdung
Nach Traumamechanismus:
Stumpfes Trauma, z.B. Schlag, Sturzgeschehen
Penetrierendes Trauma, z.B. Stichverletzung
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Häufige Ursachen
Kopfhautverletzungen und Gesichtsfrakturen entstehen durch eine direkteGewalteinwirkung auf Kopf oder Gesicht.
Stürze: Häufige Ursache von Platzwunden, Hämatomen und Gesichtsfrakturen. Besonders betroffen sind Kinder und ältere Menschen
Verkehrsunfälle: Können durch die hohe Krafteinwirkung schwere Kopfhautverletzungen, Skalpierungen und komplexe Gesichtsfrakturen verursachen
Sportunfälle: Entstehen beispielsweise durch Zusammenstöße, Stürze oder den Aufprall von Sportgeräten und Bällen
Körperverletzung: Schläge oder Tritte gegen Kopf und Gesicht können sowohl Weichteilverletzungen als auch Frakturen verursachen
Scharfe Gewalteinwirkung: Schnittverletzungen durch scharfkantige Gegenstände betreffen vorwiegend die Kopfhaut und können mit starken Blutungen einhergehen
Wichtige Verletzungsmechanismen
Quetschung und Riss: Stumpfe Gewalt presst die Kopfhaut gegen den Schädelknochen. Dadurch kann eine typische Quetsch-Risswunde beziehungsweise Platzwunde entstehen
Zug- und Scherkräfte: Starke Zugbelastungen können die Kopfhaut teilweise oder vollständig vom Schädel ablösen und zu einer Skalpierungsverletzung führen
Scharfe Durchtrennung: Scharfkantige Gegenstände verursachen glattrandige Schnittwunden der Kopfhaut
Direkter Aufprall: Eine frontale oder seitliche Krafteinwirkung auf das Gesicht kann zu Frakturen von Nasenbein, Jochbein, Jochbogen, Orbita, Oberkiefer oder Unterkiefer führen
Lokal begrenzte Gewalteinwirkung: Ein Faustschlag oder ein direkt auftreffender Ball kann beispielsweise eine Orbitafraktur verursachen
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Merke
Reminder: Anatomische und physiologische Grundlagen
Das Gesicht ist nicht nur funktionell, sondern auch ästhetisch hochrelevant und komplex aufgebaut. Zahlreiche sensibleStrukturen verlaufen oberflächennah → das macht das Gesicht sowohl verletzungsanfällig als auch funktionellbesondersbedeutsam.
Wichtige Knochenstrukturen:
Os nasale (Nasenbein): häufig bei stumpfen Traumata betroffen
Os zygomaticum (Jochbein): bildet den lateralen Rand der Orbita, stabilisiert das Mittelgesicht
Os frontale (Stirnbein): bildet den oberen Teil der Orbita und die Stirnregion
Os temporale (Schläfenbein): bildet u. a. den Gehörgang, Teil der Schädelbasis
Os parietale (Scheitelbein): bildet den oberen seitlichen Teil des Schädeldachs, kann bei stumpfer Gewalt betroffen sein
Os ethmoidale(Siebbein): bildet Anteile der Nasenhöhle und der medialen Orbitawand
Os sphenoidale(Keilbein): zentraler Schädelknochen, beteiligt an der Orbita und der Schädelbasis
Maxilla (Oberkiefer): zentraler Bestandteil des Mittelgesichts, enthält Sinus maxillaris (Kieferhöhle)
Mandibula (Unterkiefer): beweglich, wichtig für Sprache und Nahrungsaufnahme
Orbita (Augenhöhle): enthält das Auge, empfindlich gegenüber Frakturen
Wichtige Nerven:
N. infraorbitalis (Ast des N. maxillaris): sensible Versorgung von Unterlid, Wange, Oberlippe
N. mentalis (Ast des N. mandibularis): sensible Versorgung von Kinn und Unterlippe
N. facialis (VII): mimische Muskulatur, kann bei tieferen Weichteilverletzungen geschädigt werden
N. trigeminus (V): sensibler Hauptnerv des Gesichts in drei Ästen (V1–V3)
Wichtige Gefäße:
A. facialis: zieht über den Unterkieferwinkel nach vorn, relevante Blutungsquelle
A. temporalis superficialis: gut tastbar, blutet stark bei Schläfenverletzungen
V. facialis: oberflächliches venöses Abflusssystem, klinisch relevant wegen offener Venenverbindungen zur Schädelhöhle → Infektionsgefahr
Kopfhautverletzungen und Gesichtsfrakturen entstehen durch stumpfe oder spitzeGewalteinwirkung sowie durch Zug- und Scherkräfte. Art, Richtung und Stärke der einwirkenden Kraft bestimmen das Verletzungsmuster. Je nach betroffener Struktur können ausgeprägte Blutungen, Funktionsstörungen und lebensbedrohliche Komplikationen auftreten.
Kopfhautverletzungen: Mechanische Gewalteinwirkung → Gewebeschädigung → Gefäßverletzung und Blutung → mögliche Durchblutungsstörung, Nekrose oder Wundinfektion
Gesichtsfrakturen: Mechanische Gewalteinwirkung → Knochenbruch und Dislokation → Verletzung benachbarter Strukturen → mögliche Funktionsstörung oder Atemwegs- und Visusgefährdung
Achtung
Insbesondere bei mittelgesichtsnahen Traumen besteht die Gefahr einer begleitenden Schädelbasisfraktur, die zu Liquorrhoe (Liquoraustritt aus Nase oder Ohr), Meningitis (Hirnhautentzündung) oder neurologischen Ausfällen führen kann.
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Kopfhautverletzungen entstehen durch stumpfe oder scharfe Gewalteinwirkung sowie durch tangentiale Zug- und Scherkräfte. Je nach Verletzungsmechanismus können Kontusionen, offene Wunden oder ausgedehnte Ablösungen der Kopfhaut auftreten.
Mechanische Gewalteinwirkung → lokale Gewebeschädigung → Gefäßverletzung und Blutung → mögliche Ischämie, Nekrose, Wundinfektion oder Narbenbildung
Mechanische Gewalteinwirkung
Platzwunde am behaarten Kopf
Stumpfe Gewalteinwirkung: Kompression und Verschiebung des Gewebes → Kontusion, Hämatom oder Quetsch-Risswunde
Scharfe Gewalteinwirkung: Einwirkung eines schneidenden oder spitzen Gegenstands → Schnitt- oder Stichverletzung mit möglicher Schädigung tiefer liegender Gefäße, Muskeln und Nerven
Tangentiale Zug- und Scherkräfte: Verschiebung der Kopfhaut gegenüber den darunterliegenden Gewebeschichten → Décollement oder Skalpierungsverletzung
Tipp
Das sichtbare Ausmaß einer Kopfhautwunde lässt nicht sicher auf ihre Tiefe schließen. Insbesondere tangentiale Zug- und Scherkräfte können eine großflächige Ablösung der Kopfhaut verursachen.
Lokale Gewebeschädigung
Kontusion: Stumpfe Gewalteinwirkung → Quetschung des Gewebes und Verletzung kleiner Blutgefäße → Schwellung und Hämatombildung
Quetsch-Risswunde: Gewebekompression mit anschließendem Zug → unregelmäßige, klaffende Wundränder, Gewebequetschung und häufig starke Blutung
Schnittwunde: Einwirkung eines schneidenden Gegenstands → glatte, meist klaffende Wundränder → mögliche Verletzung von Gefäßen, Muskeln, Nerven und weiteren tieferen Strukturen
Stichverletzung: Einwirkung eines spitzen Gegenstands → äußerlich möglicherweise kleine Wunde mit tief reichendem Stichkanal → Gefahr der Verletzung tiefer liegender Strukturen
Décollement und Skalpierungsverletzung: Tangentiale Zug- und Scherkräfte → teilweise oder vollständige Ablösung von Haut und subkutanem Fettgewebe mitsamt den Gefäßen von der darunterliegenden Faszie
Gefäßverletzung und Blutung
Offene Blutung: Durchtrennung von Gefäßen → anhaltende Blutung aus der Kopfhaut, die aufgrund ihres Ausmaßes als kritische äußere Blutung einzustufen sein kann
Subkutanes Hämatom: Verletzung kleiner Blutgefäße → begrenzte Einblutung in das Unterhautgewebe → lokale Schwellung
Ausgedehntes Kopfweichteilhämatom: Blutung in den Gewebeschichten der Kopfhaut, gegebenenfalls auch subgaleal → großflächige Ausbreitung und möglicher relevanter Blutverlust
Ödembildung: Gewebeschädigung und lokale Entzündungsreaktion → erhöhte Gefäßpermeabilität → zunehmende Schwellung
Sekundäre Komplikationen
Blut- und Plasmaverlust: Ausgedehnte Kopfhaut- oder Skalpierungsverletzung → möglicher erheblicher Volumenverlust bis zum hämorrhagischen Schock
Ischämie und Nekrose: Unterbrechung der Gefäßversorgung bei einer Skalpierung → Minderdurchblutung und möglicher Untergang des abgelösten Weichteillappens
Wundinfektion: Kontamination einer offenen Wunde → lokale Infektion und verzögerte Wundheilung
Narbenbildung: Ausgedehnte Weichteilschädigung → mögliche kosmetische und funktionelle Beeinträchtigungen
Merke
Zusammenfassung: die kritischen Probleme bei einer Kopfhautverletzung
Kopfhautverletzungen können zu einer kritischen äußeren Blutung führen
Bei Skalpierungsverletzungen drohen zusätzlich die Unterbrechung der Gefäßversorgung, eine Nekrose des Weichteillappens sowie ein hoher Blut- und Plasmaverlust
Ein hämorrhagischer Schock ist eine mögliche Folge
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Gesichtsfrakturen entstehen durch direkte oder fortgeleitete mechanische Kräfte. Das Frakturmuster hängt von der Stärke, der Richtung und der Lokalisation der Gewalteinwirkung ab. Neben den Knochen können auch Weichteile, Gefäße, Nerven, Augen und Atemwege betroffen sein.
Mechanische Gewalteinwirkung → Knochenbruch und Dislokation → regionale Funktionsstörung → Verletzung benachbarter Strukturen → mögliche Atemwegs- oder Visusgefährdung
Mechanismus und Frakturfolgen
Stumpfe Gewalteinwirkung: Direkter Aufprall auf das Gesicht → Überschreitung der Belastbarkeit des betroffenen Knochens → Fraktur, Hämatom und Weichteilverletzung
Kraftrichtung: Frontal- oder lateral einwirkende Gewalt → unterschiedliche Verteilung der Kräfte innerhalb des Gesichtsschädels → unterschiedlicher Frakturverlauf
Fragmentverschiebung: Fortgeleitete Gewalteinwirkung und Muskelzug → Dislokation der Knochenfragmente → Fehlstellung, Gesichtsasymmetrie und Funktionsstörung
Frakturregion
Typische funktionelle Folgen
Relevante Begleitverletzungen und Komplikationen
Unterkiefer
Okklusionsstörung, eingeschränkte Mundöffnung
Mundbodenhämatom sowie Zahn- und Schleimhautverletzungen
Mittelgesicht
Veränderter Zusammenbiss, Instabilität des Mittelgesichts
Augen-, Weichteil- und Schädelverletzungen sowie relevante Blutungen
Jochbein und Jochbogen
Kieferklemme, Sensibilitätsstörung im Bereich von Wange, Oberlippe oder Unterlid
Diplopie und Monokelhämatom
Orbita
Diplopie, gestörte Augenbeweglichkeit und Enophthalmus
Verlagerung oder Einklemmung von Orbitagewebe sowie Retrobulbärhämatom
Nase
Behinderte Nasenatmung
Epistaxis und Septumhämatom
Bruchlinien bei Mittelgesichtsfrakturen in der Einteilung nach Le Fort
Offene Frakturen
Eine Gesichtsfraktur gilt als offen, wenn der Frakturspalt mit der äußeren Umgebung oder einem kontaminierten Raum verbunden ist.
Fraktur im zahntragenden Unterkiefer: Verbindung über Mundhöhle und Parodont → bakterielle Kontamination des Frakturbereichs
Folgen: Kontamination der Fraktur → erhöhtes Risiko für Wundheilungsstörung, Wundinfektion und Osteomyelitis
Info
Die alleinige Beteiligung der Nasenschleimhaut bedeutet nicht automatisch, dass eine offene Fraktur vorliegt. Entscheidend ist die tatsächliche Verbindung des Frakturspalts zu einem kontaminierten Raum.
Orbitafraktur und Augenbeteiligung
Blow-out-Fraktur (Orbitabodenfraktur)
Blow-out-Fraktur: Bruch des Orbitabodens → Vorwölbung von orbitalem Fettgewebe und gegebenenfalls Augenmuskeln durch den Frakturspalt in den Sinus maxillaris
Einklemmung des M. rectus inferior: Fixierung des Muskels oder angrenzender Weichteile im Frakturspalt → blickrichtungsabhängige Motilitätsstörung und Doppelbilder
Gefährdung eingeklemmter Strukturen: Kompression des Gewebes → mögliche Beeinträchtigung seiner Blutversorgung → gegebenenfalls rasche operative Versorgung erforderlich
Verletzung des N. infraorbitalis: Schädigung des im Orbitaboden verlaufenden Nervs → Taubheitsgefühl oder Sensibilitätsstörung an Wange, Oberlippe und unterem Augenlid
Orbita: knöcherner Aufbau der Augenhöhle
Merke
Bei einer Orbitafraktur können Fettgewebe und Augenmuskeln in den Frakturspalt verlagert oder dort eingeklemmt werden.
Retrobulbärhämatom
Intraorbitale Blutung: Ansammlung von Blut hinter dem Augapfel → Anstieg des intraorbitalen Drucks → mögliches Orbitakompartmentsyndrom
Drucksteigerung: Kompression von Netzhaut und N. opticus → verminderte Durchblutung und mögliche ischämische Schädigung → Gefahr eines bleibenden Visusverlusts
Ein symptomatischesRetrobulbärhämatom ist dagegen ein zeitkritischerNotfall.
Atemwegsgefährdung
Blutung und Fremdmaterial: Blut, Zähne oder Knochenfragmente → Verlegung der oberen Atemwege oder Aspiration
Weichteilschwellung: Zunehmendes Ödem oder Hämatom → fortschreitende Einengung der Atemwege
Mechanische Kiefersperre: Eingeschränkte Mundöffnung → erschwerte oder unmögliche Laryngoskopie und erschwerte Anlage einer supraglottischen Atemwegshilfe
Beidseitige paramediane Unterkieferfraktur: Verlagerung von Unterkieferfragment, Mundboden und Zunge nach dorsal → akute Atemwegsverlegung
Achtung
SchwereMittelgesichtsverletzungen können durch Blutungen und Schwellungen die Atemwegegefährden.
Sekundäre Komplikationen
Blutungen und Hämatome: Gefäß- und Weichteilverletzungen → relevanter Blutverlust, Schwellung oder Atemwegsgefährdung
Infektion: Kontamination einer offenen Fraktur → Wundinfektion, Wundheilungsstörung oder Osteomyelitis
Fehlheilung: Verheilen dislozierter Knochenfragmente in Fehlstellung → bleibende Gesichtsasymmetrie oder Okklusionsstörung
Persistierende Funktionsstörung: Schädigung von Knochen, Muskeln oder Nerven → anhaltende Einschränkung von Mundöffnung, Sensibilität oder Augenbeweglichkeit
Begleitverletzungen: Übertragung der Unfallenergie → mögliches Schädel-Hirn-Trauma, intrakranielle Blutung, HWS-Verletzung, Augenverletzung, Gefäßverletzung oder Liquorfistel
Merke
Zusammenfassung: die kritischen Probleme bei einer Gesichtsfraktur
Gesichtsfrakturen können Okklusion, Mundöffnung, Sensibilität, Augenfunktion und Atemwege beeinträchtigen
Ein Retrobulbärhämatom mit Visusminderung, afferentem Pupillendefekt oder fortschreitendem Visusverlust ist ein zeitkritischer Notfall
Bei komplexen Gesichtsverletzungen müssen außerdem ein Schädel-Hirn-Trauma, eine HWS- oder Gefäßverletzung und eine mögliche Liquorfistel berücksichtigt werden
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Typische Zeichen
Mögliche äußere Befunde bei Kopfverletzungen:
Schwellungen, Hämatome und Prellmarken: Hinweise auf eine stumpfe Gewalteinwirkung und mögliche Verletzung tiefer liegender Strukturen
Riss- und Platzwunden: Offene Kopfhautverletzungen mit möglicher starker Blutung und Beteiligung tieferer Gewebeschichten
Skalpierungsverletzung: Teilweise oder vollständige Ablösung der Kopfhaut → Gefahr eines hohen Blutverlusts und einer gestörten Durchblutung des Weichteillappens
Schädeldeformität: Sichtbare oder tastbare Formveränderung → möglicher Hinweis auf eine Schädelfraktur
Brillen- oder Monokelhämatom: Ein- oder beidseitige Einblutung um die Augen → möglicher Hinweis auf eine Gesichts- oder Schädelbasisfraktur
Battle-Zeichen: Hämatom hinter dem Ohr → möglicher Hinweis auf eine Schädelbasisfraktur
Blut-, Liquor- oder Hirngewebeaustritt: Austritt aus Nase, Mund oder Ohren → Warnzeichen einer offenen Schädelverletzung oder Schädelbasisfraktur
Mögliche Befunde einer Gesichtsfraktur:
Untersuchungsregion
Befunde
Nase
Nasenbluten, Schwellung, Druckschmerz, behinderte Nasenatmung oder sichtbare Fehlstellung
Mittelgesicht
Gestörter Zusammenbiss, tastbare Instabilität, ausgeprägte Schwellung oder Gesichtsasymmetrie
Unterkiefer
Fehlbiss, schmerzhafte oder eingeschränkte Mundöffnung, Kieferklemme, Mundbodenhämatom sowie Zahn- oder Schleimhautverletzungen
Jochbein und Jochbogen
Monokelhämatom, Kieferklemme, vermindertes Empfinden im Bereich der Wange oder Doppelbilder
Orbita
Doppelbilder, eingeschränkte Augenbeweglichkeit, Enophthalmus oder Exophthalmus, Hyposphagma sowie tastbares Hautemphysem
Generalisierte Zeichen
Tachykardie: Häufige Reaktion auf Schmerzen und Stress → bei schwachem Puls zusätzlich möglicher Hinweis auf einen relevanten Blutverlust
Tachypnoe: Beschleunigte Atmung durch Schmerzen oder Aufregung → kann bei Atemwegsverlegung, Aspiration oder Hypoxie deutlich zunehmen
Hypotonie: Möglich bei ausgeprägter Blutung → Warnzeichen einer fortschreitenden Hypovolämie bis zum hämorrhagischen Schock
Blässe und kalter Schweiß: Zeichen einer sympathischen Kreislaufreaktion → insbesondere zusammen mit Tachykardie und verlängerter Rekapillarisierungszeit Hinweis auf eine eingeschränkte Perfusion
Hypoxämie oder Zyanose: Möglich bei Verlegung der Atemwege durch Blut, Schwellung, Zähne oder Knochenfragmente sowie nach Aspiration
Unruhe oder Bewusstseinsstörung: Möglich bei Hypoxie, Kreislaufstörung oder begleitendem Schädel-Hirn-Trauma
Übelkeit und Erbrechen: Möglich durch Schmerzen, verschlucktes Blut oder ein begleitendes Schädel-Hirn-Trauma → erhöhte Aspirationsgefahr
Achtung
„Red Flags“
Retrobulbäres Hämatom
Atemwegsverlegung
Relevante Begleitverletzungen
Neurologische Ausfälle
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Merke
Spezielle Anamnese
Die gründliche Unfallanamnese ist essenziell, um den Unfallmechanismus und mögliche Verletzungsmuster einordnen zu können. Trotz oft eindrücklicher Gesichtsverletzungen dürfen potenziell lebensbedrohliche Begleitverletzungen (z.B. Schädel-Hirn-Trauma, HWS-Trauma, intrathorakale oder abdominelle Verletzungen) nicht übersehen werden.
Merke: Nicht vom blutigen Gesicht ablenken lassen! Bei jedem Trauma ist eine systematische Untersuchung nach dem xABCDE-Schema durchzuführen und gezielt nach Begleitverletzungen (mittels STU) zu suchen.
Anamnese
S (Symptome):
Schmerzen: Lokalisation, Intensität und Zunahme der Beschwerden erfragen
Augen: Visusminderung, Visusverlust, Doppelbilder, Schmerzen und eingeschränkte Augenbeweglichkeit erfassen
Nase, Mund und Kiefer: Nasenbluten, Blutungen im Mund, Zahnverletzungen, Fehlbiss, Kieferklemme und eingeschränkte Mundöffnung erfassen
Kopfhaut und Gesicht: Schwellungen, Hämatome, Platzwunden, Skalpierungsverletzungen, aktive Blutungen und Deformitäten beurteilen
Begleitendes SHT: Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Schwindel, Bewusstlosigkeit und Amnesie erfragen. Verwirrtheit, GCS-Abfall, Anisokorie, lichtstarre Pupille, Krampfanfälle oder fokal-neurologische Ausfälle sind Warnzeichen einer intrakraniellen Verletzung. Auch auf Battle-Zeichen, Brillenhämatom sowie Blut-, Liquor- oder Hirngewebeaustritt achten
A (Allergien): Relevante Medikamentenallergien und schwere allergische Reaktionen erfragen. Vorhandene Allergiepässe oder Dokumentationen berücksichtigen
M (Medikation): Aktuelle Dauermedikation, kürzliche Änderungen sowie Zeitpunkt und Dosis der letzten Einnahme erfragen
Besonders relevant sind Antikoagulanzien, Thrombozytenaggregationshemmer, Sedativa und Antiepileptika
Bei unklarem Unfallhergang auch Insulin sowie Alkohol- oder Drogenkonsum berücksichtigen
P (Patientengeschichte): Neurologische Vorerkrankungen, frühere Gesichts-, Kiefer- oder Augenverletzungen erfragen
Zusätzlich Gerinnungsstörungen, vorbestehende Visuseinschränkungen und bei offenen Wunden den Tetanusimpfschutz erfassen
L (Letzte …): Zeitpunkt, Art und Menge der letzten Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme erfragen
E (Ereignis): Zeitpunkt und Mechanismus des Traumas sowie eine mögliche Bewusstlosigkeit vor, während oder nach dem Ereignis erfragen. Sturzhöhe, Aufprallfläche, direkter Kopf- oder Gesichtsanprall sowie stumpfe, scharfe, penetrierende oder tangentiale Gewalteinwirkungen erfassen
R (Risiko):Antikoagulation, Thrombozytenaggregationshemmung, Gerinnungsstörungen, höheres Lebensalter, Hochenergietrauma und einen unklaren Unfallmechanismus berücksichtigen
S (Schwangerschaft): Eine bestehende oder mögliche Schwangerschaft erfragen und bei Medikamentengabe, Lagerung und Wahl der Zielklinik berücksichtigen
Tipp
Nutze Schemata
Um die Anamnese strukturiert durchzuführen, bietet es sich an, Schemata, wie das SAMPLERS oder OPQRST-Schema zu nutzen. Am obigen Beispiel haben wir Fragen und Befunde dargestellt, die bei einer Kopfhautverletzung oder Gesichtsfraktur abgefragt werden sollten und vorliegen könnten.
Körperliche Untersuchung
Inspektion:
Bereich
Worauf ist zu achten?
Mögliche auffällige Befunde
Kopfhaut und Schädelkalotte
Kopfhaut auf Platz- und Risswunden, Ablederungen, Hämatome, Schwellungen, Prellmarken, Fehlstellungen und knöcherne Defekte untersuchen
Starke äußere Blutung, offene Schädelverletzung sowie sicht- oder tastbarer Defekt der Schädelkalotte
Gesicht allgemein
Auf Schwellungen, Hämatome, Prellmarken, Asymmetrien, Fehlstellungen, offene Wunden und Blutungen achten
Instabilität oder Deformierung des Mittelgesichts sowie ausgeprägte Weichteilverletzungen
Nase
Form und Stellung der Nase, Nasenatmung, Nasenblutung, Nasenscheidewand und Austritt klarer Flüssigkeit beurteilen
Nasenfraktur, Septumhämatom oder Rhinoliquorrhö
Ohren
Auf Blut oder klare Flüssigkeit aus dem Gehörgang, Verletzungen des Gehörgangs beziehungsweise Trommelfells sowie Hämatome hinter dem Ohr achten
Blut- oder Liquoraustritt aus dem Ohr, Felsenbeinfraktur oder Battle-Zeichen
Augen und Orbitae
Augenlider, Bulbusstellung, Pupillen, Sehvermögen und Augenbeweglichkeit prüfen; auf Monokel- oder Brillenhämatom sowie Hyposphagma achten
Doppelbilder, Visusminderung, Anisokorie, Enophthalmus, Exophthalmus oder Fraktur der Orbitawand beziehungsweise des Orbitabodens
Mund und Zähne
Mundraum auf Blutungen, Schleimhautverletzungen, lockere oder fehlende Zähne, Knochenfragmente und Mundbodenhämatome untersuchen; Zahnstellung beurteilen
Aspirationsgefährdende Zahn- oder Knochenfragmente, Unterkieferfraktur, Mittelgesichtsfraktur oder veränderte Okklusion
Kieferfunktion
Mundöffnung und Mundschluss, Schmerzen bei Bewegung, Abweichung des Unterkiefers und Zahnkontakt kontrollieren
Kieferklemme, Kiefersperre, Deviation oder Okklusionsstörung
Multiple GesichtsverletzungenBattle's sign
Palpation:
Druckschmerz: Kopfhaut, Schädelkalotte, Nasenbein, Orbitarand, Jochbein, Jochbogen und Unterkiefer vorsichtig auf lokale Druckschmerzen untersuchen → kann auf eine knöcherne Verletzung hinweisen
Stufenbildung: Eine tastbare Unterbrechung oder Verschiebung der normalen Knochenkontur spricht für eine dislozierte Fraktur
Krepitation: tastbares Reiben von Knochenfragmenten kann ein Frakturzeichen sein → nicht gezielt provozieren und Untersuchung bei Feststellung beenden
Instabilität: Eine ungewöhnliche Beweglichkeit des Gesichtsschädels oder Unterkiefers spricht deutlich für eine Fraktur → nicht wiederholt prüfen und weitere Manipulationen vermeiden
Kiefergelenk: Bei vorsichtiger Mundöffnung auf Druckschmerz, Bewegungseinschränkung, Seitendifferenz oder Abweichung des Unterkiefers achten
Perkussion:
Da dieser Artikel sich auf die Versorgung von äußerlich sichtbaren Wunden beschränkt, ist eine Perkussion in den meisten Fällen nicht wegweisend.
Auskultation:
Auffällige, pfeifende, brodelnde oder rasselnde Atemgeräusche können auf Blut, Sekret, Fremdkörper oder eine Verlegung der Atemwege hinweisen
Vitalparameter
Parameter
Typischer Befund oder Verlauf
Pathophysiologischer Hintergrund
Herzfrequenz
Häufig Tachykardie
Bei unkomplizierten Verletzungen auch normwertig
Schmerzen, Angst, Stress und Blutverlust aktivieren den Sympathikus. Eine Bradykardie ist untypisch und kann auf ein begleitendes SHT hinweisen
Blutdruck
Anfangs häufig normwertig oder stressbedingt erhöht
Bei stärkerem Blutverlust Hypotonie möglich
Blutungen aus der stark durchbluteten Kopfhaut oder dem Mittelgesicht können das zirkulierende Blutvolumen vermindern. Eine Hypotonie sollte auch an weitere Verletzungen denken lassen
Atemfrequenz und Atemmuster
Häufig Tachypnoe durch Schmerzen oder Stress
Fei Atemwegsverlegung erschwerte, geräuschvolle oder unregelmäßige Atmung möglich
Blut, Schwellungen, Erbrochenes, Zahnfragmente oder zurückfallende Weichteile können den Atemweg einengen. Eine Bewusstseinsstörung erhöht zusätzlich die Aspirationsgefahr
Körpertemperatur
Akut keine typische Veränderung
Bei längerer Liegedauer oder größerem Blutverlust Hypothermie möglich
Wärmeverlust durch Exposition und Blutverlust; eine Hypothermie beeinträchtigt die Blutgerinnung und kann bestehende Blutungen verstärken
Sauerstoffsättigung
Bei unkomplizierten Verletzungen meist normwertig
Bei Atemwegsverlegung, Aspiration oder Hypoventilation Abfall der SpO₂ möglich
Blut, Sekret und Schwellungen können Ventilation und Oxygenierung beeinträchtigen. Eine Hypoxie erhöht das Risiko sekundärer Schäden
Blutzucker
Keine verletzungsspezifische Veränderung
Stressbedingte Hyperglykämie möglich
Die Stressreaktion führt zur Ausschüttung von Katecholaminen und kann den Blutzucker erhöhen. Eine Hypoglykämie muss als mögliche Ursache einer Bewusstseinsstörung ausgeschlossen werden
Orientierende neurologische Untersuchung
Vigilanz: Beurteilung der Bewusstseinslage, beispielsweise mithilfe der Glasgow Coma Scale (GCS), sowie Erfassung von Verwirrtheit, Unruhe, Somnolenz, Sopor oder Koma → Bewusstseinsstörungen sind bei isolierten Kopfhautverletzungen oder Gesichtsfrakturen nicht typisch und können auf ein begleitendes Schädel-Hirn-Trauma, eine Hypoxie durch Atemwegsverlegung oder Aspiration, einen relevanten Blutverlust oder weitere Begleitverletzungen hinweisen
Begleitendes SHT: Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit, Erbrechen, Amnesie, Desorientierung, Krampfanfälle oder ein abnehmender GCS-Wert
Fokal-neurologische Schädigung: Paresen, Sensibilitätsstörungen, Sprach-, Koordinations- oder Gesichtsfeldausfälle sowie Hirnnervenstörungen
Atemwegsverlegung oder Aspiration: Unruhe, Verwirrtheit oder Vigilanzminderung bei Hypoxie
Relevanter Blutverlust: Schwäche, Unruhe, Verwirrtheit oder Bewusstseinsminderung
Orbitaverletzung: Visusminderung, Doppelbilder, eingeschränkte Augenbeweglichkeit, Exophthalmus oder Pupillenstörungen
Schädelbasis- oder Felsenbeinfraktur:Anosmie, Hörminderung, Schwindel, Fazialisparese oder andere Hirnnervenausfälle. Möglich sind außerdem Liquoraustritt, Hämatotympanon, Brillenhämatom oder Battle-Zeichen
HWS-Begleitverletzung: Parästhesien, Paresen oder Sensibilitätsausfälle an den Extremitäten
Weiterführende apparative Diagnostik
12-Kanal-EKG: Bei kardialen Beschwerden, auffälligem Herzrhythmus, hämodynamischer Instabilität oder relevanten Vorerkrankungen durchführen → bei stabilen Personen mit isolierter Kopfhautverletzung oder Gesichtsfraktur nicht routinemäßig erforderlich
Sinustachykardie: unspezifischer Befund, beispielsweise durch Schmerzen, Stress, Hypoxie oder Blutverlust
Bradykardie: Bei ausgeprägter intrakranieller Drucksteigerung möglich → zusammen mit arterieller Hypertonie und unregelmäßiger Atmung Warnzeichen einer Cushing-Reaktion
Repolarisationsstörungen:T-Negativierungen, ST-Veränderungen oder eine QT-Verlängerung können bei intrakraniellen Läsionen auftreten, insbesondere bei einer Subarachnoidalblutung, sind jedoch nicht spezifisch
POCUS / eFAST: Ergänzende Sonografie bei Verdacht auf Polytrauma, Hochenergietrauma, Kreislaufinstabilität, Hypoxie oder eine Thoraxverletzung erwägen → bei isolierten Kopfhautverletzungen oder Gesichtsfrakturen nicht routinemäßig erforderlich
Traumabedingte Begleitverletzungen: Untersuchung auf freie intraabdominelle Flüssigkeit, Pneumothorax, Hämatothorax, Perikarderguss oder Perikardtamponade
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Info
Die dargestellten Maßnahmen orientieren sich an den Empfehlungen des Deutschen Berufsverbands Rettungsdienst (DBRD) und werden durch weitere spezifische, leitliniengerechte Maßnahmen ergänzt, um eine strukturierte und evidenzbasierte Versorgung von Patient:innen sicherzustellen.
Merke
Das präklinische Therapieziel bei Kopfhautverletzungen und Gesichtsfrakturen besteht in der Sicherung der Vitalfunktionen, der Freihaltung der Atemwege und der Kontrolle äußerer Blutungen.
Im Vordergrund stehen die Vermeidung von Hypoxie und Aspiration, eine schonende Wundversorgung, die Schmerztherapie sowie das Erkennen begleitender Schädel-Hirn-, HWS- und Augenverletzungen. Ein zeitnaher Transport in eine geeignete Klinik, bei schweren Verletzungen möglichst in ein Traumazentrum, ist anzustreben.
Basismaßnahmen
Lagerung: Wache, kreislaufstabile Patienten mit etwa 15–30° erhöhtem Oberkörper lagern. Bei Blutungen aus Mund oder Nase den Kopf leicht nach vorn halten, damit das Blut abfließen kann
Sauerstoffgabe:Hypoxämie vermeiden und eine bedarfsorientierte Sauerstofftherapie durchführen
Angepasstes Atemwegsmanagement:Sicherung und regelmäßige Kontrolle der Atemwege bei Vigilanzminderung oder Bewusstseinsstörung
Monitoring und Basisdiagnostik: Kontinuierliche Überwachung mittels EKG, SpO₂, Blutdruck- und Atemfrequenzkontrollen sowie Kapnografie
Blutstillung: Blutungen im Gesichts- und Kopfbereich sind häufig stark und müssen durch gezielte manuelle Kompression und anschließendem sterilem (Druck‑)Verband kontrolliert werden → Bei persistierenden Blutungen oder wenn aufgrund der Lokalisation kein Druckverband angelegt werden kann, sollen gezielt Hämostyptika eingesetzt werden
Nasenblutung: Bei einer unkomplizierten Nasenblutung den wachen Patienten nach vorn beugen und den weichen Anteil der Nase komprimieren; Blut nicht schlucken lassen
Kühlung: Weichteilverletzungen und Frakturen des Gesichts gehen meist mit Schwellungen einher → eine frühzeitige, dosierte Kühlung mit Coolpacks kann Schwellung und Schmerzen reduzieren
Fremdkörper und Frakturen: Eingedrungene Fremdkörper nicht entfernen, sondern umpolstern und stabilisieren. Knochenfragmente oder sichtbare Fehlstellungen nicht reponieren
Immobilisation HWS: Bei entsprechendem Unfallmechanismus oder Verdacht auf eine HWS-Verletzung achsengerecht immobilisieren und unnötige Kopfbewegungen vermeiden
Augenbeteiligung beachten: Bei Visusveränderung, Doppelbildern oder eingeschränkter Okulomotorik ist eine sofortige augenärztliche Beurteilung erforderlich
Achtung
Bei Verdacht auf eine Mittelgesichts- oder Schädelbasisfraktur keine Atemwegshilfsmittel über die Nase einführen. Es besteht die erhebliche Gefahr, dass der Tubus durch eine Frakturlinie in den Schädelinnenraum vorgeschoben wird.
Info
Anlage eines Kopfverbandes
Kompresse auflegen:
Legen Sie eine sterile Mullkompresse direkt auf die Wunde, um die Blutung zu stillen und die Wundfläche abzudecken. Achten Sie darauf, dass die Kompresse die Wunde vollständig bedeckt
Erste Fixierung:
Nehmen Sie ein Verbandpäckchen oder eine Mullbinde und beginnen Sie mit einem waagerechten Verlauf um die Stirn. Diese erste Umwicklung fixiert die Kompresse
Schrägzug unter das Kinn:
Führen Sie die Binde nun schräg über die Kopfseite und hinter das Ohr nach unten. Leiten Sie sie von dort aus unter dem Kinn entlang zur gegenüberliegenden Seite. So verhindern Sie ein Verrutschen des Verbands
Wiederholung zur Stabilisierung:
Wickeln Sie die Binde weiter vom Nacken über den Hinterkopf zur Stirn. Wiederholen Sie diesen Ablauf mehrfach, bis der gesamte Bereich gut abgedeckt und stabilisiert ist. Die Binde sollte gleichmäßig sitzen und keine Druckstellen verursachen
Verband fixieren:
Fixieren Sie das Ende des Verbandes sicher, z.B. durch Einklemmen, Verknoten oder mit einem Pflaster. Kontrollieren Sie abschließend, ob der Verband fest sitzt
Spezifische Maßnahmen
Volumenmanagement: Angepasste Volumensubstitution mittels VEL
Schmerztherapie: Bei Bedarf suffiziente Analgesie entsprechend der Schmerzintensität durchführen, z.B. mit Fentanyl 0,05 mg i.v. titriert bis gewünschte Wirkung, max. Dosis: 0,2 mg
Antiemese: Bei Bedarf kann ein Antiemetikum verabreicht werden, z.B. Ondansetron 4 mg i.v. oder Dimenhydrinat 62 mg i.v.
Narkose und Atemwegssicherung: Bei entsprechender Indikation, insbesondere fehlenden Schutzreflexen oder Aspirationsgefahr, Einleitung einer Rapid Sequence Induction (RSI) mit anschließender endotrachealer Intubation
Primär endotrachealeIntubation unter Nutzung von Videolaryngoskopie anstreben
Supraglottische Atemwegshilfe: Bei Kiefer-Gesichts-Verletzungen nur eingeschränkt geeignet, da Blut, Schwellungen und eine erhöhte Aspirationsgefahr die Platzierung und eine zuverlässige Beatmung erschweren können
Spezielle Maßnahmen bei Kopfhautverletzungen:
Befund
Maßnahmen
Aktive Kopfhautblutung
Blutung zunächst durch direkte manuelle Kompression kontrollieren und anschließend einen Druckverband anlegen. Bei persistierender Blutung gezielter Einsatz von Hämostyptika
Platz- oder Risswunde
Grobe, oberflächliche Verschmutzungen vorsichtig entfernen, die Wunde steril abdecken und mit einem Verband versorgen
Penetrierende Verletzung
Eingedrungene Fremdkörper nicht entfernen, sondern gegen Bewegung stabilisieren und einen schnellen Transport veranlassen
Spezielle Maßnahmen bei Gesichtsfrakturen:
Befund
Maßnahmen
Mittelgesichtsfraktur
Atemweg engmaschig beurteilen und Blut beziehungsweise Sekret vorsichtig absaugen
Orbitafraktur
Sehschärfe, Pupillenreaktion und Augenbeweglichkeit überprüfen und auf Doppelbilder achten
Periorbitale Schwellung oder Emphysem
Oberkörper hochlagern und vorsichtig kühlen. Drucksteigerungen in den Nasennebenhöhlen vermeiden → nicht schnäuzen und beim Niesen den Mund öffnen
Penetrierende Augenverletzung
Auge nicht manipulieren und keinen Druck ausüben. Fremdkörper belassen, stabilisieren und eine sofortige augenärztliche Versorgung veranlassen
Zahn- oder Knochenfragmente im Atemweg
Lose und gut sichtbare Fremdkörper vorsichtig entfernen und Aspirationsgefahr beachten
Kieferfraktur
Unnötige Manipulationen und Repositionsversuche vermeiden. Atemweg engmaschig überwachen
Achtung
Dislozierte Fraktursegmente als Atemwegshindernis
Bei dislozierten Unterkiefersegmenten oder instabilen Mittelgesichtsfrakturen kann es notwendig sein, die betroffenen Strukturen manuell nach vorne (anterior) zu ziehen, um den verlegten Atemweg freizugeben. Eine iatrogene Verletzung durch dieses Manöver ist in der akuten Notfallsituation selten.
Tipp
Zungenverlagerung bei Kinnmittelstückfraktur
Bei Frakturen des Kinnmittelstücks ist der Esmarch-Handgriff wirkungslos, da die Zunge nicht mehr über den vorderen Unterkiefer stabilisiert wird.
→ Die Zunge muss direkt, z.B. mit einer Magill-Zange, nach vorne gezogen werden, um eine Atemwegsverlegung zu verhindern.
Info
Auf schwierige Atemwegssicherung einstellen
Die Atemwegssicherung kann bei schweren Gesichtsverletzungen erheblicherschwertoderunmöglich sein. Entsprechend muss frühzeitigmit einem schwierigenAtemweggerechnet werden und Alternativen müssenvorbereitetundbesprochen werden.
Die Unmöglichkeit der Intubation kann in folgenden Fällen auftreten:
Komplexe Gesichtstraumata, z. B. Le-Fort-Frakturen oder Unterkieferfrakturen
Starke Blutungen aus dem Nasen-Rachen-Raum, die die Sicht massiv einschränken
Kieferklemme mit kaum oder nicht möglicher Mundöffnung
Makroglossie (vergrößerte Zunge), die den Atemweg mechanisch blockiert
Ausgeprägte Schleimhautschwellungen im Mund-Rachen-Bereich
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Zahnverlust
Für den Transport ausgeschlagener Zähne wird die Verwendung spezieller Zahnrettungsboxen empfohlen. Diese gewährleisten ein physiologisch optimiertes Milieu, das dem der Zahnalveole entspricht. Steht keine solche Box zur Verfügung, kann der Zahn alternativ in einer feuchten, sterilen Kompresse gelagert werden.
Info
Die Aufbewahrung in Milch wird kontrovers diskutiert: zwar bietet Milch ein weitgehend physiologisches Milieu, sie stellt jedoch auch einen idealen Nährboden für Mikroorganismen dar. Dies kann das Reimplantationspotenzial negativ beeinflussen.
Patient:innen mit Frakturen im Gesichtsbereich und Zahnverletzungen sollen in eine Klinik mit einer Fachabteilung für Mund-,Kiefer- und Gesichtschirurgie (MKG) transportiert werden. Hier können sowohl knöcherne Gesichtsfrakturen als auch Zahn und Weichteilverletzungen versorgt werden.
Tipp
Priorisierung:
Sollte ein zeitnaher Transport in eine Klinik mit einer Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie (MKG) aufgrund geografischer Gegebenheiten oder logistischer Einschränkungen nicht primär möglich sein, erfolgt die Priorisierung der Zielklinik nach Dringlichkeit der Befunde:
Frakturen des Gesichtsschädels haben in der Regel die höhere Priorität, besonders wenn die Fraktur mit funktionellenBeeinträchtigungen (z.B. Atemwegskomplikationen, eingeschränkte Mundöffnung) oder starker Blutung einhergeht
Zahnverletzungen (z.B. ausgeschlagener Zahn) sollten zeitnah, idealerweise innerhalb von 1–2 Stunden, mitbehandelt werden, um die Chance auf Reimplantation zu wahren
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Die Wahl des Zielkrankenhauses richtet sich nach Verletzungsmuster und -schwere, Atemwegsgefährdung, Blutverlust, neurologischem und okulärem Befund, Begleitverletzungen, Unfallmechanismus sowie der erforderlichen definitiven Versorgung.
Leichte Kopfhaut- oder Gesichtsverletzungen: Bei einer kleinen, oberflächlichen Einzelverletzung mit stabilen Vitalfunktionen, kontrollierter Blutung und unauffälligem neurologischem Befund kann eine ambulante chirurgische oder fachärztliche Versorgung ausreichen
Kopfplatzwunden oder Skalpierungsverletzungen: Transport in eine Klinik mit chirurgischer Fachabteilung, sofern keine Begleitverletzungen eine spezialisierte Versorgung erforderlich machen
Gesichtsfrakturen: Transport in eine Klinik mit einer Fachabteilung für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie (MKG) sowie geeigneter Bildgebung
Augenbeteiligung: Bei eingeschränkter Augenbeweglichkeit, Doppelbildern, Visusminderung, Pupillenauffälligkeiten oder anderen Hinweisen auf eine Augenverletzung ist eine sofortige Versorgung durch eine augenärztliche Fachabteilung erforderlich
Isolierte Zahnverletzungen: Ohne weitere Verletzungen kann die Versorgung in einer zahnärztlichen Notfallambulanz oder einer Klinik mit zahnmedizinischem Notdienst erfolgen
Schwere Kopf- oder Gesichtsverletzungen: Bei Atemwegsgefährdung, unkontrollierter Blutung, GCS ≤ 8, zunehmender Bewusstseinsstörung, Pupillenstörung, fokal-neurologischen Ausfällen, Krampfanfällen, offenem oder frontobasalem Schädeltrauma, Liquorrhö, Polytrauma oder einer sehbedrohenden Orbitaverletzung ist ein geeignetes Traumazentrum mit den erforderlichen Fachdisziplinen anzustreben
Instabile Patient:innen oder lange Transportstrecken: Lebensrettende Maßnahmen und die Herstellung der Transportfähigkeit haben Vorrang. Danach erfolgt der schnellstmögliche Transport in das nächstgelegene geeignete Krankenhaus; bei Bedarf schließt sich eine Sekundärverlegung an
Transportbegleitende Maßnahmen
Monitoring: kontinuierliche Überwachung von EKG, Blutdruck, Herzfrequenz, SpO₂ und Atemfrequenz
Atemwegskontrolle: Atemwege fortlaufend auf Blut, Koagel, Schwellungen, Erbrochenes sowie Zahn- oder Knochenfragmente überprüfen und bei Bedarf unter Sicht absaugen
Lagerung: Bei kreislaufstabilen Patient:innen den Oberkörper etwa 15–30° hochlagern und den Kopf neutral halten. Bei Blutungen aus Mund oder Nase ein Abfließen nach außen ermöglichen. Aspirationsschutz und HWS-Schutz beachten
Sauerstofftherapie: Hypoxämie vermeiden und bei Bedarf Sauerstoff mit dem Ziel einer Normoxie verabreichen
Beatmung: Bei beatmeten Patient:innen eine Normoventilation anstreben und das etCO₂ kontinuierlich überwachen
Analgesie und Narkose: Eine ausreichende Schmerztherapie und bei narkotisierten Patient:innen eine adäquate Narkosetiefe sicherstellen
Blutungs- und Wundkontrolle: Verbände regelmäßig auf Nachblutungen kontrollieren
Volumentherapie: Bei relevantem Blutverlust oder Hypotonie eine bedarfsgerechte Volumentherapie durchführen. Bei begleitendem SHT eine Hypotonie vermeiden und beim Erwachsenen einen systolischen Blutdruck von mindestens 90 mmHg anstreben
Verlaufskontrolle: Auf zunehmende Atemwegsverlegung, Bewusstseinsminderung, Pupillenveränderungen, Visusverlust, fokale Ausfälle, Krampfanfälle, Hypoxie oder Kreislaufinstabilität achten
Wärmeerhalt: Auskühlung vermeiden und eine möglichst normale Körpertemperatur erhalten
Übergabe in der Klinik
Die Übergabe erfolgt strukturiert nach einem standardisierten Schema, beispielsweise SINNHAFT oder ISOBAR
Übergabe relevanter Informationen zu:
Unfallereignis: Zeitpunkt und Mechanismus des Traumas, einschließlich Sturzhöhe, Aufprall, Fremdkörpereinwirkung und möglicher Bewusstlosigkeit
Neurologischer Verlauf: initialer und aktueller GCS-Wert, Pupillenstatus, Motorik, Amnesie, Erbrechen, Krampfanfälle und fokal-neurologische Ausfälle
Atemweg und Atmung: Hinweise auf eine Atemwegsgefährdung, Aspiration oder zunehmende Schwellung sowie Verlauf von SpO₂, Atemfrequenz und gegebenenfalls etCO₂
Kopfhautverletzung: Art und Ausmaß der Wunde, Blutverlust, durchgeführte Blutstillung, Fremdkörper und Verdacht auf eine offene Schädelverletzung
Gesichtsverletzung: Vermutete Frakturlokalisation, Mittelgesichtsinstabilität, Kieferfunktion, Zahnverlust sowie Blutungen aus Mund, Nase oder Ohr
Augenbefund: Visus, Pupillen, Augenbeweglichkeit, Doppelbilder und Hinweise auf eine penetrierende oder sehbedrohende Verletzung
Begleitverletzungen: Hinweise auf ein SHT, eine Schädelbasis- oder HWS-Verletzung, Liquorrhö oder weitere traumatische Verletzungen
Anamnese: Vorerkrankungen, Allergien, Medikamente sowie insbesondere Antikoagulation und Thrombozytenaggregationshemmung, Alkohol- oder Drogenkonsum
Maßnahmen und Verlauf: Vitalparameter, Blutverlust und sämtliche durchgeführten Maßnahmen einschließlich Atemwegssicherung, Beatmung, Sauerstoff-, Volumen- und Medikamentengabe sowie deren Wirkung
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Definition
Definition
Kopfhautverletzungen
Verletzungen der Haut und des darunterliegenden Weichteilgewebes am behaarten Kopf. Dazu zählen beispielsweise Schürf-, Riss- und Platzwunden sowie Hämatome.
Definition
Gesichtsfrakturen
Knochenbrüche im Bereich des Gesichtsschädels. Betroffen sein können unter anderem Nasenbein, Jochbein, Jochbogen, Augenhöhle, Oberkiefer oder Unterkiefer.
Klassifikation von Gesichtsfrakturen nach anatomischer Lokalisation:
Weichteile der Kopfhaut: Stirnhaut, behaarter Schädel, Schläfenregion
Ursachen
Stürze: Häufige Ursache von Platzwunden, Hämatomen und Gesichtsfrakturen. Besonders betroffen sind Kinder und ältere Menschen
Verkehrsunfälle: Können durch die hohe Krafteinwirkung schwere Kopfhautverletzungen, Skalpierungen und komplexe Gesichtsfrakturen verursachen
Sportunfälle: Entstehen beispielsweise durch Zusammenstöße, Stürze oder den Aufprall von Sportgeräten und Bällen
Körperverletzung: Schläge oder Tritte gegen Kopf und Gesicht können sowohl Weichteilverletzungen als auch Frakturen verursachen
Scharfe Gewalteinwirkung: Schnittverletzungen durch scharfkantige Gegenstände betreffen vorwiegend die Kopfhaut und können mit starken Blutungen einhergehen
Pathophysiologie
Kopfhautverletzungen und Gesichtsfrakturen entstehen durch stumpfe oder spitzeGewalteinwirkung sowie durch Zug- und Scherkräfte. Art, Richtung und Stärke der einwirkenden Kraft bestimmen das Verletzungsmuster. Je nach betroffener Struktur können ausgeprägte Blutungen, Funktionsstörungen und lebensbedrohliche Komplikationen auftreten.
Kopfhautverletzungen: Mechanische Gewalteinwirkung → Gewebeschädigung → Gefäßverletzung und Blutung → mögliche Durchblutungsstörung, Nekrose oder Wundinfektion
Gesichtsfrakturen: Mechanische Gewalteinwirkung → Knochenbruch und Dislokation → Verletzung benachbarter Strukturen → mögliche Funktionsstörung oder Atemwegs- und Visusgefährdung
Achtung
Insbesondere bei mittelgesichtsnahen Traumen besteht die Gefahr einer begleitenden Schädelbasisfraktur, die zu Liquorrhoe (Liquoraustritt aus Nase oder Ohr), Meningitis (Hirnhautentzündung) oder neurologischen Ausfällen führen kann.
Klinischer Eindruck
Mögliche äußere Befunde bei Kopfverletzungen:
Schwellungen, Hämatome und Prellmarken: Hinweise auf eine stumpfe Gewalteinwirkung und mögliche Verletzung tiefer liegender Strukturen
Riss- und Platzwunden: Offene Kopfhautverletzungen mit möglicher starker Blutung und Beteiligung tieferer Gewebeschichten
Skalpierungsverletzung: Teilweise oder vollständige Ablösung der Kopfhaut → Gefahr eines hohen Blutverlusts und einer gestörten Durchblutung des Weichteillappens
Schädeldeformität: Sichtbare oder tastbare Formveränderung → möglicher Hinweis auf eine Schädelfraktur
Brillen- oder Monokelhämatom: Ein- oder beidseitige Einblutung um die Augen → möglicher Hinweis auf eine Gesichts- oder Schädelbasisfraktur
Battle-Zeichen: Hämatom hinter dem Ohr → möglicher Hinweis auf eine Schädelbasisfraktur
Blut-, Liquor- oder Hirngewebeaustritt: Austritt aus Nase, Mund oder Ohren → Warnzeichen einer offenen Schädelverletzung oder Schädelbasisfraktur
Mögliche Befunde einer Gesichtsfraktur:
Untersuchungsregion
Befunde
Nase
Nasenbluten, Schwellung, Druckschmerz, behinderte Nasenatmung oder sichtbare Fehlstellung
Mittelgesicht
Gestörter Zusammenbiss, tastbare Instabilität, ausgeprägte Schwellung oder Gesichtsasymmetrie
Unterkiefer
Fehlbiss, schmerzhafte oder eingeschränkte Mundöffnung, Kieferklemme, Mundbodenhämatom sowie Zahn- oder Schleimhautverletzungen
Jochbein und Jochbogen
Monokelhämatom, Kieferklemme, vermindertes Empfinden im Bereich der Wange oder Doppelbilder
Orbita
Doppelbilder, eingeschränkte Augenbeweglichkeit, Enophthalmus oder Exophthalmus, Hyposphagma sowie tastbares Hautemphysem
Diagnostik
Inspektion:
Bereich
Worauf ist zu achten?
Mögliche auffällige Befunde
Kopfhaut und Schädelkalotte
Kopfhaut auf Platz- und Risswunden, Ablederungen, Hämatome, Schwellungen, Prellmarken, Fehlstellungen und knöcherne Defekte untersuchen
Starke äußere Blutung, offene Schädelverletzung sowie sicht- oder tastbarer Defekt der Schädelkalotte
Gesicht allgemein
Auf Schwellungen, Hämatome, Prellmarken, Asymmetrien, Fehlstellungen, offene Wunden und Blutungen achten
Instabilität oder Deformierung des Mittelgesichts sowie ausgeprägte Weichteilverletzungen
Nase
Form und Stellung der Nase, Nasenatmung, Nasenblutung, Nasenscheidewand und Austritt klarer Flüssigkeit beurteilen
Nasenfraktur, Septumhämatom oder Rhinoliquorrhö
Ohren
Auf Blut oder klare Flüssigkeit aus dem Gehörgang, Verletzungen des Gehörgangs beziehungsweise Trommelfells sowie Hämatome hinter dem Ohr achten
Blut- oder Liquoraustritt aus dem Ohr, Felsenbeinfraktur oder Battle-Zeichen
Augen und Orbitae
Augenlider, Bulbusstellung, Pupillen, Sehvermögen und Augenbeweglichkeit prüfen; auf Monokel- oder Brillenhämatom sowie Hyposphagma achten
Doppelbilder, Visusminderung, Anisokorie, Enophthalmus, Exophthalmus oder Fraktur der Orbitawand beziehungsweise des Orbitabodens
Mund und Zähne
Mundraum auf Blutungen, Schleimhautverletzungen, lockere oder fehlende Zähne, Knochenfragmente und Mundbodenhämatome untersuchen; Zahnstellung beurteilen
Aspirationsgefährdende Zahn- oder Knochenfragmente, Unterkieferfraktur, Mittelgesichtsfraktur oder veränderte Okklusion
Kieferfunktion
Mundöffnung und Mundschluss, Schmerzen bei Bewegung, Abweichung des Unterkiefers und Zahnkontakt kontrollieren
Kieferklemme, Kiefersperre, Deviation oder Okklusionsstörung
Palpation:
Druckschmerz: Kopfhaut, Schädelkalotte, Nasenbein, Orbitarand, Jochbein, Jochbogen und Unterkiefer vorsichtig auf lokale Druckschmerzen untersuchen → kann auf eine knöcherne Verletzung hinweisen
Stufenbildung: Eine tastbare Unterbrechung oder Verschiebung der normalen Knochenkontur spricht für eine dislozierte Fraktur
Krepitation: tastbares Reiben von Knochenfragmenten kann ein Frakturzeichen sein → nicht gezielt provozieren und Untersuchung bei Feststellung beenden
Instabilität: Eine ungewöhnliche Beweglichkeit des Gesichtsschädels oder Unterkiefers spricht deutlich für eine Fraktur → nicht wiederholt prüfen und weitere Manipulationen vermeiden
Kiefergelenk: Bei vorsichtiger Mundöffnung auf Druckschmerz, Bewegungseinschränkung, Seitendifferenz oder Abweichung des Unterkiefers achten
Perkussion:
Da dieser Artikel sich auf die Versorgung von äußerlich sichtbaren Wunden beschränkt, ist eine Perkussion in den meisten Fällen nicht wegweisend.
Auskultation:
Auffällige, pfeifende, brodelnde oder rasselnde Atemgeräusche können auf Blut, Sekret, Fremdkörper oder eine Verlegung der Atemwege hinweisen
Therapie
Spezielle Maßnahmen bei Kopfhautverletzungen:
Befund
Maßnahmen
Aktive Kopfhautblutung
Blutung zunächst durch direkte manuelle Kompression kontrollieren und anschließend einen Druckverband anlegen. Bei persistierender Blutung gezielter Einsatz von Hämostyptika
Platz- oder Risswunde
Grobe, oberflächliche Verschmutzungen vorsichtig entfernen, die Wunde steril abdecken und mit einem Verband versorgen
Penetrierende Verletzung
Eingedrungene Fremdkörper nicht entfernen, sondern gegen Bewegung stabilisieren und einen schnellen Transport veranlassen
Spezielle Maßnahmen bei Gesichtsfrakturen:
Befund
Maßnahmen
Mittelgesichtsfraktur
Atemweg engmaschig beurteilen und Blut beziehungsweise Sekret vorsichtig absaugen
Orbitafraktur
Sehschärfe, Pupillenreaktion und Augenbeweglichkeit überprüfen und auf Doppelbilder achten
Periorbitale Schwellung oder Emphysem
Oberkörper hochlagern und vorsichtig kühlen. Drucksteigerungen in den Nasennebenhöhlen vermeiden → nicht schnäuzen und beim Niesen den Mund öffnen
Penetrierende Augenverletzung
Auge nicht manipulieren und keinen Druck ausüben. Fremdkörper belassen, stabilisieren und eine sofortige augenärztliche Versorgung veranlassen
Zahn- oder Knochenfragmente im Atemweg
Lose und gut sichtbare Fremdkörper vorsichtig entfernen und Aspirationsgefahr beachten
Kieferfraktur
Unnötige Manipulationen und Repositionsversuche vermeiden. Atemweg engmaschig überwachen
Besondere Situationen
Patient:innen mit Frakturen im Gesichtsbereich und Zahnverletzungen sollen in eine Klinik mit einer Fachabteilung für Mund-,Kiefer- und Gesichtschirurgie (MKG) transportiert werden. Hier können sowohl knöcherne Gesichtsfrakturen als auch Zahn und Weichteilverletzungen versorgt werden.
Transport
Die Wahl des Zielkrankenhauses richtet sich nach Verletzungsmuster und -schwere, Atemwegsgefährdung, Blutverlust, neurologischem und okulärem Befund, Begleitverletzungen, Unfallmechanismus sowie der erforderlichen definitiven Versorgung.
Leichte Kopfhaut- oder Gesichtsverletzungen: Bei einer kleinen, oberflächlichen Einzelverletzung mit stabilen Vitalfunktionen, kontrollierter Blutung und unauffälligem neurologischem Befund kann eine ambulante chirurgische oder fachärztliche Versorgung ausreichen
Kopfplatzwunden oder Skalpierungsverletzungen: Transport in eine Klinik mit chirurgischer Fachabteilung, sofern keine Begleitverletzungen eine spezialisierte Versorgung erforderlich machen
Gesichtsfrakturen: Transport in eine Klinik mit einer Fachabteilung für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie (MKG) sowie geeigneter Bildgebung
Augenbeteiligung: Bei eingeschränkter Augenbeweglichkeit, Doppelbildern, Visusminderung, Pupillenauffälligkeiten oder anderen Hinweisen auf eine Augenverletzung ist eine sofortige Versorgung durch eine augenärztliche Fachabteilung erforderlich
Isolierte Zahnverletzungen: Ohne weitere Verletzungen kann die Versorgung in einer zahnärztlichen Notfallambulanz oder einer Klinik mit zahnmedizinischem Notdienst erfolgen
Schwere Kopf- oder Gesichtsverletzungen: Bei Atemwegsgefährdung, unkontrollierter Blutung, GCS ≤ 8, zunehmender Bewusstseinsstörung, Pupillenstörung, fokal-neurologischen Ausfällen, Krampfanfällen, offenem oder frontobasalem Schädeltrauma, Liquorrhö, Polytrauma oder einer sehbedrohenden Orbitaverletzung ist ein geeignetes Traumazentrum mit den erforderlichen Fachdisziplinen anzustreben
Instabile Patient:innen oder lange Transportstrecken: Lebensrettende Maßnahmen und die Herstellung der Transportfähigkeit haben Vorrang. Danach erfolgt der schnellstmögliche Transport in das nächstgelegene geeignete Krankenhaus; bei Bedarf schließt sich eine Sekundärverlegung an
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