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Kopfhautverletzungen und Gesichtsfrakturen (RD)

Kopfplatzwunde, Gesichtstrauma, Frakturen des Gesichtschädels, Skalpierungsverletzung
51 Minuten Lesezeit

Kopf- und Gesichtsverletzungen können sehr unterschiedlich ausgeprägt sein. Das Spektrum reicht von einer kleinen Kopfhautwunde bis zur komplexen Gesichtsfraktur. Da die Kopfhaut stark durchblutet ist, können Platz- und Skalpierungswunden erheblich bluten. Gesichtsfrakturen können außerdem Kiefer, Nerven und Augen schädigen. Blut und Schwellungen können die Atemwege verlegen.

Präklinisch stehen die Sicherung der Vitalfunktionen, das Freihalten der Atemwege und die Blutstillung im Vordergrund. Fremdkörper bleiben in der Wunde und werden stabilisiert. Frakturen werden möglichst wenig bewegt. Wichtig sind zudem eine ausreichende Schmerztherapie sowie die Kontrolle von Visus, Pupillen, Augenbeweglichkeit, Kieferfunktion und neurologischem Status. Ein Retrobulbärhämatom mit Visusverlust ist ein zeitkritischer Notfall.

Auch bei auffälligen äußeren Verletzungen muss nach Begleitverletzungen gesucht werden. Dazu gehören primär ein Schädel-Hirn-Trauma, Schädelbasis- und HWS-Verletzungen sowie intrakranielle oder okuläre Schäden. Die Untersuchung erfolgt nach dem xABCDE-Schema. Bewusstsein, Atmung und Kreislauf werden wiederholt kontrolliert.

Das Zielkrankenhaus richtet sich nach der Schwere der Verletzung. Gesichtsfrakturen sollten in einer Klinik mit Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie versorgt werden. Bei Atemwegsgefährdung, neurologischen Auffälligkeiten, schweren Verletzungen oder einer Bedrohung des Sehvermögens ist ein geeignetes Traumazentrum erforderlich.

 Info

Dieser Artikel bezieht sich auf Gesichtstraumata und Weichteilverletzungen am Kopf. Intrakranielle Verletzungen sowie pathophysiologische und therapeutische Aspekte eines Schädel-Hirn-Traumas (SHT) werden nicht im Detail behandelt.

Weiterführende Informationen zum Schädel-Hirn-Trauma finden sich im eigenständigen Artikel: Schädel-Hirn-Trauma (RD).

Um den Einstieg in das Thema Gesichts- und Kopfverletzungen etwas zu erleichtern, wird im Folgenden ein Fall beschrieben, wie er sich präklinisch ereignen könnte.

Das Szenario 

Einsatzmeldung:

  • Stichwort: Gesichtsverletzung
  • Ort: Innenstadt, vor einer Kneipe
  • Alarmzeit: 23:48 Uhr
  • Anrufer:in: Polizeibeamtin
  • Anzahl der Betroffenen: 1
  • Zusatzinfo:
    • Männlich, 30 Jahre alt
    • Zustand nach Schlägerei, mehrere Schläge ins Gesicht
    • Polizei ist bereits vor Ort 

Lageeinweisung vor Ort:

Beim Eintreffen des Rettungsdienstes wird ein etwa 30-jähriger, alkoholisierter Patient von zwei Polizeikräften sitzend auf einer Bank betreut. 

Die Lage ist wie folgt:

  • Der Patient ist ansprechbar, aber desorientiert und agitiert
  • An der linken Wange ist eine starke Weichteilschwellung und ein Hämatom sichtbar
  • Über dem Jochbein ist eine Krepitation, sowie dezente Stufenbildung tastbar
  • Er zeigt eine leichte, aber kontinuierliche Blutung aus der linken Nasenhälfte
  • Laut Polizei wurde dem Patienten mehrfach ins Gesicht geschlagen. Seitdem klagt er über starke Schmerzen
Fallbeispiel: Gesichts- und Kopfverletzungen (RD)

Ersteinschätzung nach xABCDE-Schema

Um sich einen ersten umfassenden Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten in einer Notfallsituation zu verschaffen, bietet sich das xABCDE-Schema an. Um die Arbeit mit dem Schema zu veranschaulichen, ist hier ein xABCDE-Schema abgebildet, wie es im Falle einer Ersteinschätzung bei einer Patientin oder einem Patienten mit einer Gesichtsverletzung aussehen könnte.

Es handelt sich dabei um die Befunde, die innerhalb der ersten paar Minuten erhoben werden können. Erweiterte Diagnostik und Abfragen sind natürlich von Bedeutung, jedoch würde zum Beispiel die Anlage eines 12-Kanal-EKG in diesem Fall hinten angestellt und taucht zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf.

x

  • Keine kritischen Blutungen

 

A

  • Atemwege frei
  • Schleimhäute rosig
  • Patient spricht selbstständig

Kein
A-Problem

B

  • Inspektorisch:
    • Thoraxexkursion beidseits physiologisch
    • Keine Halsvenenstauung sichtbar
  • Auskultatorisch:
    • Beidseits vesikuläres Atemgeräusch
  • Palpatorisch:
    • Thorax insgesamt stabil
    • Keine Krepitation spürbar (Thorax)
  • SpO2: 96 %
  • Atemfrequenz: 20/min

Kein  
B-Problem

C

  • Hautkolorit rosig
  • Rekap-Zeit: 2 Sekunden
  • Große Blutungsräume ohne Zeichen auf akute Blutungen
  • Palpation des Pulses am Handgelenk
    • Rhythmisch
    • Gut tastbar
    • Normokard, 92/Minute

Kein
C-Problem

D

  • Ansprechbar, desorientiert, agitiert, alkoholisiert
  • GCS 14
    • Öffnen der Augen: 4
    • Beste verbale Reaktion: 4
    • Beste motorische Reaktion: 6
  • Pupillenkontrolle:
    • Isokor
    • Mittelweit
    • Lichtreagibel

Mittelbares
D-Problem

E

  • Weichteilschwellung und Hämatom an der linken Wange
  • Über dem Jochbein ist eine Krepitation, sowie dezente Stufenbildung tastbar
  • Nasenbluten
  • Temperatur: 35,4 °C
  • Symptome:
    • Gesichtsverletzung
    • Schmerzen
  • Allergien / Infektionen: Keine bekannt
  • Medikamente: Keine Dauer- oder Akutmedikation
  • Patientengeschichte: Keine Vorerkrankungen
  • Letzte Mahlzeit: Abendessen, um ca. 19:00 Uhr
  • Ereignis: Körperliche Auseinandersetzung - mehrere Schläge ins Gesicht
  • Risikofaktoren: Alkoholisiert

Akutes
E-Problem

 Achtung

Das hier gezeigte Assessment vermittelt nur einen exemplarischen ersten Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten mit einer Gesichts- und/oder Kopfverletzung. Im Verlauf der Behandlung müssen weitere Maßnahmen ergriffen und Informationen gesammelt werden. Das Schema erhebt daher keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern soll lediglich einen praktischen Einstieg in das Thema ermöglichen.

 Definition
Kopfhautverletzungen

Verletzungen der Haut und des darunterliegenden Weichteilgewebes am behaarten Kopf. Dazu zählen beispielsweise Schürf-, Riss- und Platzwunden sowie Hämatome.

 Definition
Gesichtsfrakturen

Knochenbrüche im Bereich des Gesichtsschädels. Betroffen sein können unter anderem Nasenbein, Jochbein, Jochbogen, Augenhöhle, Oberkiefer oder Unterkiefer.

Klassifikationen von Gesichts- und Kopfverletzungen

Nach anatomischer Lokalisation:

  • Oberes Gesichtsdrittel: Stirn, Stirnbein, Stirnhöhle
  • Mittleres Gesichtsdrittel: Nasenbein, Jochbein, Oberkiefer, Augenhöhle
  • Unteres Gesichtsdrittel: Unterkiefer, Kinn, Unterlippe
  • Weichteile der Kopfhaut: Stirnhaut, behaarter Schädel, Schläfenregion

Nach Schweregrad (modifiziert nach AO/MKG-Klassifikation):

  • Grad I (leicht): oberflächliche Weichteilverletzungen ohne Knochenbeteiligung, keine Funktionseinschränkung
  • Grad II (mittel): tiefergehende Weichteilschäden, einfache Frakturen ohne Dislokation, mögliche Sensibilitätsstörung
  • Grad III (schwer): komplexe Weichteil- und Knochenverletzungen, dislozierte Frakturen, Orbitabeteiligung, Atemwegsgefährdung

Nach Traumamechanismus:

  • Stumpfes Trauma, z.B. Schlag, Sturzgeschehen
  • Penetrierendes Trauma, z.B. Stichverletzung

Häufige Ursachen

Kopfhautverletzungen und Gesichtsfrakturen entstehen durch eine direkte Gewalteinwirkung auf Kopf oder Gesicht.

  • Stürze: Häufige Ursache von Platzwunden, Hämatomen und Gesichtsfrakturen. Besonders betroffen sind Kinder und ältere Menschen
  • Verkehrsunfälle: Können durch die hohe Krafteinwirkung schwere Kopfhautverletzungen, Skalpierungen und komplexe Gesichtsfrakturen verursachen
  • Sportunfälle: Entstehen beispielsweise durch Zusammenstöße, Stürze oder den Aufprall von Sportgeräten und Bällen
  • Körperverletzung: Schläge oder Tritte gegen Kopf und Gesicht können sowohl Weichteilverletzungen als auch Frakturen verursachen
  • Scharfe Gewalteinwirkung: Schnittverletzungen durch scharfkantige Gegenstände betreffen vorwiegend die Kopfhaut und können mit starken Blutungen einhergehen

Wichtige Verletzungsmechanismen

  • Quetschung und Riss: Stumpfe Gewalt presst die Kopfhaut gegen den Schädelknochen. Dadurch kann eine typische Quetsch-Risswunde beziehungsweise Platzwunde entstehen
  • Zug- und Scherkräfte: Starke Zugbelastungen können die Kopfhaut teilweise oder vollständig vom Schädel ablösen und zu einer Skalpierungsverletzung führen
  • Scharfe Durchtrennung: Scharfkantige Gegenstände verursachen glattrandige Schnittwunden der Kopfhaut
  • Direkter Aufprall: Eine frontale oder seitliche Krafteinwirkung auf das Gesicht kann zu Frakturen von Nasenbein, Jochbein, Jochbogen, Orbita, Oberkiefer oder Unterkiefer führen
  • Lokal begrenzte Gewalteinwirkung: Ein Faustschlag oder ein direkt auftreffender Ball kann beispielsweise eine Orbitafraktur verursachen
 Merke
Reminder: Anatomische und physiologische Grundlagen 

Das Gesicht ist nicht nur funktionell, sondern auch ästhetisch hochrelevant und komplex aufgebaut. Zahlreiche sensible Strukturen verlaufen oberflächennah → das macht das Gesicht sowohl verletzungsanfällig als auch funktionell besonders bedeutsam.

  1. Knochen des Gesichtschädels

    Wichtige Knochenstrukturen:

    1. Os nasale (Nasenbein): häufig bei stumpfen Traumata betroffen
    2. Os zygomaticum (Jochbein): bildet den lateralen Rand der Orbita, stabilisiert das Mittelgesicht
    3. Os frontale (Stirnbein): bildet den oberen Teil der Orbita und die Stirnregion
    4. Os temporale (Schläfenbein): bildet u. a. den Gehörgang, Teil der Schädelbasis
    5. Os parietale (Scheitelbein): bildet den oberen seitlichen Teil des Schädeldachs, kann bei stumpfer Gewalt betroffen sein
    6. Os ethmoidale (Siebbein): bildet Anteile der Nasenhöhle und der medialen Orbitawand
    7. Os sphenoidale (Keilbein): zentraler Schädelknochen, beteiligt an der Orbita und der Schädelbasis
    8. Maxilla (Oberkiefer): zentraler Bestandteil des Mittelgesichts, enthält Sinus maxillaris (Kieferhöhle)
    9. Mandibula (Unterkiefer): beweglich, wichtig für Sprache und Nahrungsaufnahme
    10. Orbita (Augenhöhle): enthält das Auge, empfindlich gegenüber Frakturen
  2. Wichtige Nerven:
    1. N. infraorbitalis (Ast des N. maxillaris): sensible Versorgung von Unterlid, Wange, Oberlippe
    2. N. mentalis (Ast des N. mandibularis): sensible Versorgung von Kinn und Unterlippe
    3. N. facialis (VII): mimische Muskulatur, kann bei tieferen Weichteilverletzungen geschädigt werden
    4. N. trigeminus (V): sensibler Hauptnerv des Gesichts in drei Ästen (V1–V3)
  3. Wichtige Gefäße:
    1. A. facialis: zieht über den Unterkieferwinkel nach vorn, relevante Blutungsquelle
    2. A. temporalis superficialis: gut tastbar, blutet stark bei Schläfenverletzungen
    3. V. facialis: oberflächliches venöses Abflusssystem, klinisch relevant wegen offener Venenverbindungen zur Schädelhöhle → Infektionsgefahr

Kopfhautverletzungen und Gesichtsfrakturen entstehen durch stumpfe oder spitze Gewalteinwirkung sowie durch Zug- und Scherkräfte. Art, Richtung und Stärke der einwirkenden Kraft bestimmen das Verletzungsmuster. Je nach betroffener Struktur können ausgeprägte Blutungen, Funktionsstörungen und lebensbedrohliche Komplikationen auftreten.

  • Kopfhautverletzungen: Mechanische Gewalteinwirkung → Gewebeschädigung → Gefäßverletzung und Blutung → mögliche Durchblutungsstörung, Nekrose oder Wundinfektion
  • Gesichtsfrakturen: Mechanische Gewalteinwirkung → Knochenbruch und Dislokation → Verletzung benachbarter Strukturen → mögliche Funktionsstörung oder Atemwegs- und Visusgefährdung
 Achtung

Insbesondere bei mittelgesichtsnahen Traumen besteht die Gefahr einer begleitenden Schädelbasisfraktur, die zu Liquorrhoe (Liquoraustritt aus Nase oder Ohr), Meningitis (Hirnhautentzündung) oder neurologischen Ausfällen führen kann.

Kopfhautverletzungen entstehen durch stumpfe oder scharfe Gewalteinwirkung sowie durch tangentiale Zug- und Scherkräfte. Je nach Verletzungsmechanismus können Kontusionen, offene Wunden oder ausgedehnte Ablösungen der Kopfhaut auftreten.

Mechanische Gewalteinwirkung → lokale Gewebeschädigung → Gefäßverletzung und Blutung → mögliche Ischämie, Nekrose, Wundinfektion oder Narbenbildung

Mechanische Gewalteinwirkung 

Platzwunde am behaarten Kopf
Platzwunde am behaarten Kopf
  • Stumpfe Gewalteinwirkung: Kompression und Verschiebung des Gewebes → Kontusion, Hämatom oder Quetsch-Risswunde
  • Scharfe Gewalteinwirkung: Einwirkung eines schneidenden oder spitzen Gegenstands → Schnitt- oder Stichverletzung mit möglicher Schädigung tiefer liegender Gefäße, Muskeln und Nerven
  • Tangentiale Zug- und Scherkräfte: Verschiebung der Kopfhaut gegenüber den darunterliegenden Gewebeschichten → Décollement oder Skalpierungsverletzung
 Tipp

Das sichtbare Ausmaß einer Kopfhautwunde lässt nicht sicher auf ihre Tiefe schließen. Insbesondere tangentiale Zug- und Scherkräfte können eine großflächige Ablösung der Kopfhaut verursachen.

Lokale Gewebeschädigung

  • Kontusion: Stumpfe Gewalteinwirkung → Quetschung des Gewebes und Verletzung kleiner Blutgefäße → Schwellung und Hämatombildung
  • Quetsch-Risswunde: Gewebekompression mit anschließendem Zug → unregelmäßige, klaffende Wundränder, Gewebequetschung und häufig starke Blutung
  • Schnittwunde: Einwirkung eines schneidenden Gegenstands → glatte, meist klaffende Wundränder → mögliche Verletzung von Gefäßen, Muskeln, Nerven und weiteren tieferen Strukturen
  • Stichverletzung: Einwirkung eines spitzen Gegenstands → äußerlich möglicherweise kleine Wunde mit tief reichendem Stichkanal → Gefahr der Verletzung tiefer liegender Strukturen
  • Décollement und Skalpierungsverletzung: Tangentiale Zug- und Scherkräfte → teilweise oder vollständige Ablösung von Haut und subkutanem Fettgewebe mitsamt den Gefäßen von der darunterliegenden Faszie

Gefäßverletzung und Blutung

  • Offene Blutung: Durchtrennung von Gefäßen → anhaltende Blutung aus der Kopfhaut, die aufgrund ihres Ausmaßes als kritische äußere Blutung einzustufen sein kann
  • Subkutanes Hämatom: Verletzung kleiner Blutgefäße → begrenzte Einblutung in das Unterhautgewebe → lokale Schwellung
  • Ausgedehntes Kopfweichteilhämatom: Blutung in den Gewebeschichten der Kopfhaut, gegebenenfalls auch subgaleal → großflächige Ausbreitung und möglicher relevanter Blutverlust
  • Ödembildung: Gewebeschädigung und lokale Entzündungsreaktion → erhöhte Gefäßpermeabilität → zunehmende Schwellung

Sekundäre Komplikationen

  • Blut- und Plasmaverlust: Ausgedehnte Kopfhaut- oder Skalpierungsverletzung → möglicher erheblicher Volumenverlust bis zum hämorrhagischen Schock
  • Ischämie und Nekrose: Unterbrechung der Gefäßversorgung bei einer Skalpierung → Minderdurchblutung und möglicher Untergang des abgelösten Weichteillappens
  • Wundinfektion: Kontamination einer offenen Wunde → lokale Infektion und verzögerte Wundheilung
  • Narbenbildung: Ausgedehnte Weichteilschädigung → mögliche kosmetische und funktionelle Beeinträchtigungen
 Merke
Zusammenfassung: die kritischen Probleme bei einer Kopfhautverletzung
  • Kopfhautverletzungen können zu einer kritischen äußeren Blutung führen
  • Bei Skalpierungsverletzungen drohen zusätzlich die Unterbrechung der Gefäßversorgung, eine Nekrose des Weichteillappens sowie ein hoher Blut- und Plasmaverlust
  • Ein hämorrhagischer Schock ist eine mögliche Folge

Gesichtsfrakturen entstehen durch direkte oder fortgeleitete mechanische Kräfte. Das Frakturmuster hängt von der Stärke, der Richtung und der Lokalisation der Gewalteinwirkung ab. Neben den Knochen können auch Weichteile, Gefäße, Nerven, Augen und Atemwege betroffen sein.

Mechanische Gewalteinwirkung → Knochenbruch und Dislokation → regionale Funktionsstörung → Verletzung benachbarter Strukturen → mögliche Atemwegs- oder Visusgefährdung

Mechanismus und Frakturfolgen

  • Stumpfe Gewalteinwirkung: Direkter Aufprall auf das Gesicht → Überschreitung der Belastbarkeit des betroffenen Knochens → Fraktur, Hämatom und Weichteilverletzung
  • Kraftrichtung: Frontal- oder lateral einwirkende Gewalt → unterschiedliche Verteilung der Kräfte innerhalb des Gesichtsschädels → unterschiedlicher Frakturverlauf
  • Hochenergetisches Trauma: Starke Krafteinwirkung → komplexe Gesichtsfrakturen und erhöhtes Risiko relevanter Begleitverletzungen
  • Fragmentverschiebung: Fortgeleitete Gewalteinwirkung und Muskelzug → Dislokation der Knochenfragmente → Fehlstellung, Gesichtsasymmetrie und Funktionsstörung
FrakturregionTypische funktionelle FolgenRelevante Begleitverletzungen und Komplikationen
UnterkieferOkklusionsstörung, eingeschränkte MundöffnungMundbodenhämatom sowie Zahn- und Schleimhautverletzungen
MittelgesichtVeränderter Zusammenbiss, Instabilität des MittelgesichtsAugen-, Weichteil- und Schädelverletzungen sowie relevante Blutungen
Jochbein und JochbogenKieferklemme, Sensibilitätsstörung im Bereich von Wange, Oberlippe oder UnterlidDiplopie und Monokelhämatom
OrbitaDiplopie, gestörte Augenbeweglichkeit und EnophthalmusVerlagerung oder Einklemmung von Orbitagewebe sowie Retrobulbärhämatom
NaseBehinderte NasenatmungEpistaxis und Septumhämatom
Bruchlinien bei Mittelgesichtsfrakturen in der Einteilung nach Le Fort
Bruchlinien bei Mittelgesichtsfrakturen in der Einteilung nach Le Fort

Offene Frakturen

Eine Gesichtsfraktur gilt als offen, wenn der Frakturspalt mit der äußeren Umgebung oder einem kontaminierten Raum verbunden ist.

  • Fraktur im zahntragenden Unterkiefer: Verbindung über Mundhöhle und Parodont → bakterielle Kontamination des Frakturbereichs
  • Folgen: Kontamination der Fraktur → erhöhtes Risiko für Wundheilungsstörung, Wundinfektion und Osteomyelitis
 Info

Die alleinige Beteiligung der Nasenschleimhaut bedeutet nicht automatisch, dass eine offene Fraktur vorliegt. Entscheidend ist die tatsächliche Verbindung des Frakturspalts zu einem kontaminierten Raum.

Orbitafraktur und Augenbeteiligung 

Blow-out-Fraktur (Orbitabodenfraktur)
Blow-out-Fraktur (Orbitabodenfraktur)
  • Blow-out-Fraktur: Bruch des Orbitabodens → Vorwölbung von orbitalem Fettgewebe und gegebenenfalls Augenmuskeln durch den Frakturspalt in den Sinus maxillaris
  • Einklemmung des M. rectus inferior: Fixierung des Muskels oder angrenzender Weichteile im Frakturspalt → blickrichtungsabhängige Motilitätsstörung und Doppelbilder
  • Gefährdung eingeklemmter Strukturen: Kompression des Gewebes → mögliche Beeinträchtigung seiner Blutversorgung → gegebenenfalls rasche operative Versorgung erforderlich
  • Verletzung des N. infraorbitalis: Schädigung des im Orbitaboden verlaufenden Nervs → Taubheitsgefühl oder Sensibilitätsstörung an Wange, Oberlippe und unterem Augenlid
Orbita – knöcherner Aufbau der Augenhöhle
Orbita: knöcherner Aufbau der Augenhöhle
 Merke

Bei einer Orbitafraktur können Fettgewebe und Augenmuskeln in den Frakturspalt verlagert oder dort eingeklemmt werden. 

Retrobulbärhämatom

  • Intraorbitale Blutung: Ansammlung von Blut hinter dem Augapfel → Anstieg des intraorbitalen Drucks → mögliches Orbitakompartmentsyndrom
  • Drucksteigerung: Kompression von Netzhaut und N. opticus → verminderte Durchblutung und mögliche ischämische Schädigung → Gefahr eines bleibenden Visusverlusts
  • Warnzeichen: Exophthalmus, Schmerzen, eingeschränkte Augenbeweglichkeit, Diplopie, Visusminderung, erhöhter Augeninnendruck oder relativer afferenter Pupillendefekt
 Merke

Ein symptomatisches Retrobulbärhämatom ist dagegen ein zeitkritischer Notfall.

Atemwegsgefährdung

  • Blutung und Fremdmaterial: Blut, Zähne oder Knochenfragmente → Verlegung der oberen Atemwege oder Aspiration
  • Weichteilschwellung: Zunehmendes Ödem oder Hämatom → fortschreitende Einengung der Atemwege
  • Mechanische Kiefersperre: Eingeschränkte Mundöffnung → erschwerte oder unmögliche Laryngoskopie und erschwerte Anlage einer supraglottischen Atemwegshilfe
  • Beidseitige paramediane Unterkieferfraktur: Verlagerung von Unterkieferfragment, Mundboden und Zunge nach dorsal → akute Atemwegsverlegung
 Achtung

Schwere Mittelgesichtsverletzungen können durch Blutungen und Schwellungen die Atemwege gefährden. 

Sekundäre Komplikationen

  • Blutungen und Hämatome: Gefäß- und Weichteilverletzungen → relevanter Blutverlust, Schwellung oder Atemwegsgefährdung
  • Infektion: Kontamination einer offenen Fraktur → Wundinfektion, Wundheilungsstörung oder Osteomyelitis
  • Fehlheilung: Verheilen dislozierter Knochenfragmente in Fehlstellung → bleibende Gesichtsasymmetrie oder Okklusionsstörung
  • Persistierende Funktionsstörung: Schädigung von Knochen, Muskeln oder Nerven → anhaltende Einschränkung von Mundöffnung, Sensibilität oder Augenbeweglichkeit
  • Begleitverletzungen: Übertragung der Unfallenergie → mögliches Schädel-Hirn-Trauma, intrakranielle Blutung, HWS-Verletzung, Augenverletzung, Gefäßverletzung oder Liquorfistel
 Merke
Zusammenfassung: die kritischen Probleme bei einer Gesichtsfraktur
  • Gesichtsfrakturen können Okklusion, Mundöffnung, Sensibilität, Augenfunktion und Atemwege beeinträchtigen
  • Ein Retrobulbärhämatom mit Visusminderung, afferentem Pupillendefekt oder fortschreitendem Visusverlust ist ein zeitkritischer Notfall
  • Bei komplexen Gesichtsverletzungen müssen außerdem ein Schädel-Hirn-Trauma, eine HWS- oder Gefäßverletzung und eine mögliche Liquorfistel berücksichtigt werden

Typische Zeichen

Mögliche äußere Befunde bei Kopfverletzungen:

  • Schwellungen, Hämatome und Prellmarken: Hinweise auf eine stumpfe Gewalteinwirkung und mögliche Verletzung tiefer liegender Strukturen
  • Riss- und Platzwunden: Offene Kopfhautverletzungen mit möglicher starker Blutung und Beteiligung tieferer Gewebeschichten
  • Skalpierungsverletzung: Teilweise oder vollständige Ablösung der Kopfhaut → Gefahr eines hohen Blutverlusts und einer gestörten Durchblutung des Weichteillappens
  • Schädeldeformität: Sichtbare oder tastbare Formveränderung → möglicher Hinweis auf eine Schädelfraktur
  • Brillen- oder Monokelhämatom: Ein- oder beidseitige Einblutung um die Augen → möglicher Hinweis auf eine Gesichts- oder Schädelbasisfraktur
  • Battle-Zeichen: Hämatom hinter dem Ohr → möglicher Hinweis auf eine Schädelbasisfraktur
  • Blut-, Liquor- oder Hirngewebeaustritt: Austritt aus Nase, Mund oder Ohren → Warnzeichen einer offenen Schädelverletzung oder Schädelbasisfraktur

Mögliche Befunde einer Gesichtsfraktur:

UntersuchungsregionBefunde
NaseNasenbluten, Schwellung, Druckschmerz, behinderte Nasenatmung oder sichtbare Fehlstellung
MittelgesichtGestörter Zusammenbiss, tastbare Instabilität, ausgeprägte Schwellung oder Gesichtsasymmetrie
UnterkieferFehlbiss, schmerzhafte oder eingeschränkte Mundöffnung, Kieferklemme, Mundbodenhämatom sowie Zahn- oder Schleimhautverletzungen
Jochbein und JochbogenMonokelhämatom, Kieferklemme, vermindertes Empfinden im Bereich der Wange oder Doppelbilder
OrbitaDoppelbilder, eingeschränkte Augenbeweglichkeit, Enophthalmus oder Exophthalmus, Hyposphagma sowie tastbares Hautemphysem

Generalisierte Zeichen

  • Tachykardie: Häufige Reaktion auf Schmerzen und Stress → bei schwachem Puls zusätzlich möglicher Hinweis auf einen relevanten Blutverlust
  • Tachypnoe: Beschleunigte Atmung durch Schmerzen oder Aufregung → kann bei Atemwegsverlegung, Aspiration oder Hypoxie deutlich zunehmen
  • Hypotonie: Möglich bei ausgeprägter Blutung → Warnzeichen einer fortschreitenden Hypovolämie bis zum hämorrhagischen Schock
  • Blässe und kalter Schweiß: Zeichen einer sympathischen Kreislaufreaktion → insbesondere zusammen mit Tachykardie und verlängerter Rekapillarisierungszeit Hinweis auf eine eingeschränkte Perfusion
  • Hypoxämie oder Zyanose: Möglich bei Verlegung der Atemwege durch Blut, Schwellung, Zähne oder Knochenfragmente sowie nach Aspiration
  • Unruhe oder Bewusstseinsstörung: Möglich bei Hypoxie, Kreislaufstörung oder begleitendem Schädel-Hirn-Trauma
  • Übelkeit und Erbrechen: Möglich durch Schmerzen, verschlucktes Blut oder ein begleitendes Schädel-Hirn-Trauma → erhöhte Aspirationsgefahr
 Achtung
„Red Flags“
  • Retrobulbäres Hämatom
  • Atemwegsverlegung
  • Relevante Begleitverletzungen
  • Neurologische Ausfälle
 Merke
Spezielle Anamnese

Die gründliche Unfallanamnese ist essenziell, um den Unfallmechanismus und mögliche Verletzungsmuster einordnen zu können. Trotz oft eindrücklicher Gesichtsverletzungen dürfen potenziell lebensbedrohliche Begleitverletzungen (z.B. Schädel-Hirn-Trauma, HWS-Trauma, intrathorakale oder abdominelle Verletzungen) nicht übersehen werden.

Merke: Nicht vom blutigen Gesicht ablenken lassen! Bei jedem Trauma ist eine systematische Untersuchung nach dem xABCDE-Schema durchzuführen und gezielt nach Begleitverletzungen (mittels STU) zu suchen.

Anamnese

  • S (Symptome):
    • Schmerzen: Lokalisation, Intensität und Zunahme der Beschwerden erfragen
    • Augen: Visusminderung, Visusverlust, Doppelbilder, Schmerzen und eingeschränkte Augenbeweglichkeit erfassen
    • Nase, Mund und Kiefer: Nasenbluten, Blutungen im Mund, Zahnverletzungen, Fehlbiss, Kieferklemme und eingeschränkte Mundöffnung erfassen
    • Kopfhaut und Gesicht: Schwellungen, Hämatome, Platzwunden, Skalpierungsverletzungen, aktive Blutungen und Deformitäten beurteilen
    • Begleitendes SHT: Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Schwindel, Bewusstlosigkeit und Amnesie erfragen. Verwirrtheit, GCS-Abfall, Anisokorie, lichtstarre Pupille, Krampfanfälle oder fokal-neurologische Ausfälle sind Warnzeichen einer intrakraniellen Verletzung. Auch auf Battle-Zeichen, Brillenhämatom sowie Blut-, Liquor- oder Hirngewebeaustritt achten
  • A (Allergien): Relevante Medikamentenallergien und schwere allergische Reaktionen erfragen. Vorhandene Allergiepässe oder Dokumentationen berücksichtigen
  • M (Medikation): Aktuelle Dauermedikation, kürzliche Änderungen sowie Zeitpunkt und Dosis der letzten Einnahme erfragen
    • Besonders relevant sind Antikoagulanzien, Thrombozytenaggregationshemmer, Sedativa und Antiepileptika
    • Bei unklarem Unfallhergang auch Insulin sowie Alkohol- oder Drogenkonsum berücksichtigen
  • P (Patientengeschichte): Neurologische Vorerkrankungen, frühere Gesichts-, Kiefer- oder Augenverletzungen erfragen
    • Zusätzlich Gerinnungsstörungen, vorbestehende Visuseinschränkungen und bei offenen Wunden den Tetanusimpfschutz erfassen
  • L (Letzte …): Zeitpunkt, Art und Menge der letzten Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme erfragen
  • E (Ereignis): Zeitpunkt und Mechanismus des Traumas sowie eine mögliche Bewusstlosigkeit vor, während oder nach dem Ereignis erfragen. Sturzhöhe, Aufprallfläche, direkter Kopf- oder Gesichtsanprall sowie stumpfe, scharfe, penetrierende oder tangentiale Gewalteinwirkungen erfassen
  • R (Risiko): Antikoagulation, Thrombozytenaggregationshemmung, Gerinnungsstörungen, höheres Lebensalter, Hochenergietrauma und einen unklaren Unfallmechanismus berücksichtigen
  • S (Schwangerschaft): Eine bestehende oder mögliche Schwangerschaft erfragen und bei Medikamentengabe, Lagerung und Wahl der Zielklinik berücksichtigen
 Tipp
Nutze Schemata

Um die Anamnese strukturiert durchzuführen, bietet es sich an, Schemata, wie das SAMPLERS oder OPQRST-Schema zu nutzen. Am obigen Beispiel haben wir Fragen und Befunde dargestellt, die bei einer Kopfhautverletzung oder Gesichtsfraktur abgefragt werden sollten und vorliegen könnten.

Körperliche Untersuchung

Inspektion:

BereichWorauf ist zu achten?Mögliche auffällige Befunde
Kopfhaut und SchädelkalotteKopfhaut auf Platz- und Risswunden, Ablederungen, Hämatome, Schwellungen, Prellmarken, Fehlstellungen und knöcherne Defekte untersuchenStarke äußere Blutung, offene Schädelverletzung sowie sicht- oder tastbarer Defekt der Schädelkalotte
Gesicht allgemeinAuf Schwellungen, Hämatome, Prellmarken, Asymmetrien, Fehlstellungen, offene Wunden und Blutungen achtenInstabilität oder Deformierung des Mittelgesichts sowie ausgeprägte Weichteilverletzungen
NaseForm und Stellung der Nase, Nasenatmung, Nasenblutung, Nasenscheidewand und Austritt klarer Flüssigkeit beurteilenNasenfraktur, Septumhämatom oder Rhinoliquorrhö
OhrenAuf Blut oder klare Flüssigkeit aus dem Gehörgang, Verletzungen des Gehörgangs beziehungsweise Trommelfells sowie Hämatome hinter dem Ohr achtenBlut- oder Liquoraustritt aus dem Ohr, Felsenbeinfraktur oder Battle-Zeichen
Augen und OrbitaeAugenlider, Bulbusstellung, Pupillen, Sehvermögen und Augenbeweglichkeit prüfen; auf Monokel- oder Brillenhämatom sowie Hyposphagma achtenDoppelbilder, Visusminderung, Anisokorie, Enophthalmus, Exophthalmus oder Fraktur der Orbitawand beziehungsweise des Orbitabodens
Mund und ZähneMundraum auf Blutungen, Schleimhautverletzungen, lockere oder fehlende Zähne, Knochenfragmente und Mundbodenhämatome untersuchen; Zahnstellung beurteilenAspirationsgefährdende Zahn- oder Knochenfragmente, Unterkieferfraktur, Mittelgesichtsfraktur oder veränderte Okklusion
KieferfunktionMundöffnung und Mundschluss, Schmerzen bei Bewegung, Abweichung des Unterkiefers und Zahnkontakt kontrollierenKieferklemme, Kiefersperre, Deviation oder Okklusionsstörung
Multiple Gesichtsverletzungen
Multiple Gesichtsverletzungen
Battle's sign
Battle's sign

Palpation:

  • Druckschmerz: Kopfhaut, Schädelkalotte, Nasenbein, Orbitarand, Jochbein, Jochbogen und Unterkiefer vorsichtig auf lokale Druckschmerzen untersuchen → kann auf eine knöcherne Verletzung hinweisen
  • Stufenbildung: Eine tastbare Unterbrechung oder Verschiebung der normalen Knochenkontur spricht für eine dislozierte Fraktur
  • Krepitation: tastbares Reiben von Knochenfragmenten kann ein Frakturzeichen sein → nicht gezielt provozieren und Untersuchung bei Feststellung beenden
  • Instabilität: Eine ungewöhnliche Beweglichkeit des Gesichtsschädels oder Unterkiefers spricht deutlich für eine Fraktur → nicht wiederholt prüfen und weitere Manipulationen vermeiden
  • Kiefergelenk: Bei vorsichtiger Mundöffnung auf Druckschmerz, Bewegungseinschränkung, Seitendifferenz oder Abweichung des Unterkiefers achten

Perkussion:

Da dieser Artikel sich auf die Versorgung von äußerlich sichtbaren Wunden beschränkt, ist eine Perkussion in den meisten Fällen nicht wegweisend. 

Auskultation:

Auffällige, pfeifende, brodelnde oder rasselnde Atemgeräusche können auf Blut, Sekret, Fremdkörper oder eine Verlegung der Atemwege hinweisen

Vitalparameter

ParameterTypischer Befund oder VerlaufPathophysiologischer Hintergrund
Herzfrequenz
  • Häufig Tachykardie
  • Bei unkomplizierten Verletzungen auch normwertig
Schmerzen, Angst, Stress und Blutverlust aktivieren den Sympathikus. Eine Bradykardie ist untypisch und kann auf ein begleitendes SHT hinweisen
Blutdruck
  • Anfangs häufig normwertig oder stressbedingt erhöht
  • Bei stärkerem Blutverlust Hypotonie möglich
Blutungen aus der stark durchbluteten Kopfhaut oder dem Mittelgesicht können das zirkulierende Blutvolumen vermindern. Eine Hypotonie sollte auch an weitere Verletzungen denken lassen
Atemfrequenz und Atemmuster
  • Häufig Tachypnoe durch Schmerzen oder Stress
  • Fei Atemwegsverlegung erschwerte, geräuschvolle oder unregelmäßige Atmung möglich
Blut, Schwellungen, Erbrochenes, Zahnfragmente oder zurückfallende Weichteile können den Atemweg einengen. Eine Bewusstseinsstörung erhöht zusätzlich die Aspirationsgefahr
Körpertemperatur
  • Akut keine typische Veränderung
  • Bei längerer Liegedauer oder größerem Blutverlust Hypothermie möglich
Wärmeverlust durch Exposition und Blutverlust; eine Hypothermie beeinträchtigt die Blutgerinnung und kann bestehende Blutungen verstärken
Sauerstoffsättigung
  • Bei unkomplizierten Verletzungen meist normwertig
  • Bei Atemwegsverlegung, Aspiration oder Hypoventilation Abfall der SpO₂ möglich
Blut, Sekret und Schwellungen können Ventilation und Oxygenierung beeinträchtigen. Eine Hypoxie erhöht das Risiko sekundärer Schäden
Blutzucker
  • Keine verletzungsspezifische Veränderung
  • Stressbedingte Hyperglykämie möglich
Die Stressreaktion führt zur Ausschüttung von Katecholaminen und kann den Blutzucker erhöhen. Eine Hypoglykämie muss als mögliche Ursache einer Bewusstseinsstörung ausgeschlossen werden

Orientierende neurologische Untersuchung

  • Vigilanz: Beurteilung der Bewusstseinslage, beispielsweise mithilfe der Glasgow Coma Scale (GCS), sowie Erfassung von Verwirrtheit, Unruhe, Somnolenz, Sopor oder Koma → Bewusstseinsstörungen sind bei isolierten Kopfhautverletzungen oder Gesichtsfrakturen nicht typisch und können auf ein begleitendes Schädel-Hirn-Trauma, eine Hypoxie durch Atemwegsverlegung oder Aspiration, einen relevanten Blutverlust oder weitere Begleitverletzungen hinweisen
  • Mögliche spezifische neurologische Auffälligkeiten:
    • Begleitendes SHT: Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit, Erbrechen, Amnesie, Desorientierung, Krampfanfälle oder ein abnehmender GCS-Wert
    • Fokal-neurologische Schädigung: Paresen, Sensibilitätsstörungen, Sprach-, Koordinations- oder Gesichtsfeldausfälle sowie Hirnnervenstörungen
    • Atemwegsverlegung oder Aspiration: Unruhe, Verwirrtheit oder Vigilanzminderung bei Hypoxie
    • Relevanter Blutverlust: Schwäche, Unruhe, Verwirrtheit oder Bewusstseinsminderung
    • Orbitaverletzung: Visusminderung, Doppelbilder, eingeschränkte Augenbeweglichkeit, Exophthalmus oder Pupillenstörungen 
    • Schädelbasis- oder Felsenbeinfraktur: Anosmie, Hörminderung, Schwindel, Fazialisparese oder andere Hirnnervenausfälle. Möglich sind außerdem Liquoraustritt, Hämatotympanon, Brillenhämatom oder Battle-Zeichen
    • HWS-Begleitverletzung: Parästhesien, Paresen oder Sensibilitätsausfälle an den Extremitäten 

Weiterführende apparative Diagnostik

  • 12-Kanal-EKG: Bei kardialen Beschwerden, auffälligem Herzrhythmus, hämodynamischer Instabilität oder relevanten Vorerkrankungen durchführen → bei stabilen Personen mit isolierter Kopfhautverletzung oder Gesichtsfraktur nicht routinemäßig erforderlich
    • Sinustachykardie: unspezifischer Befund, beispielsweise durch Schmerzen, Stress, Hypoxie oder Blutverlust
    • Bradykardie: Bei ausgeprägter intrakranieller Drucksteigerung möglich → zusammen mit arterieller Hypertonie und unregelmäßiger Atmung Warnzeichen einer Cushing-Reaktion
    • Repolarisationsstörungen: T-Negativierungen, ST-Veränderungen oder eine QT-Verlängerung können bei intrakraniellen Läsionen auftreten, insbesondere bei einer Subarachnoidalblutung, sind jedoch nicht spezifisch
  • POCUS / eFAST: Ergänzende Sonografie bei Verdacht auf Polytrauma, Hochenergietrauma, Kreislaufinstabilität, Hypoxie oder eine Thoraxverletzung erwägen → bei isolierten Kopfhautverletzungen oder Gesichtsfrakturen nicht routinemäßig erforderlich
    • Traumabedingte Begleitverletzungen: Untersuchung auf freie intraabdominelle Flüssigkeit, Pneumothorax, Hämatothorax, Perikarderguss oder Perikardtamponade
 Info

Die dargestellten Maßnahmen orientieren sich an den Empfehlungen des Deutschen Berufsverbands Rettungsdienst (DBRD) und werden durch weitere spezifische, leitliniengerechte Maßnahmen ergänzt, um eine strukturierte und evidenzbasierte Versorgung von Patient:innen sicherzustellen.

 Merke

Das präklinische Therapieziel bei Kopfhautverletzungen und Gesichtsfrakturen besteht in der Sicherung der Vitalfunktionen, der Freihaltung der Atemwege und der Kontrolle äußerer Blutungen. 

Im Vordergrund stehen die Vermeidung von Hypoxie und Aspiration, eine schonende Wundversorgung, die Schmerztherapie sowie das Erkennen begleitender Schädel-Hirn-, HWS- und Augenverletzungen. Ein zeitnaher Transport in eine geeignete Klinik, bei schweren Verletzungen möglichst in ein Traumazentrum, ist anzustreben.

Basismaßnahmen

  • Lagerung: Wache, kreislaufstabile Patienten mit etwa 15–30° erhöhtem Oberkörper lagern. Bei Blutungen aus Mund oder Nase den Kopf leicht nach vorn halten, damit das Blut abfließen kann
  • Sauerstoffgabe: Hypoxämie vermeiden und eine bedarfsorientierte Sauerstofftherapie durchführen
  • Angepasstes Atemwegsmanagement: Sicherung und regelmäßige Kontrolle der Atemwege bei Vigilanzminderung oder Bewusstseinsstörung
  • Monitoring und Basisdiagnostik: Kontinuierliche Überwachung mittels EKG, SpO₂, Blutdruck- und Atemfrequenzkontrollen sowie Kapnografie
  • Blutstillung: Blutungen im Gesichts- und Kopfbereich sind häufig stark und müssen durch gezielte manuelle Kompression und anschließendem sterilem (Druck‑)Verband kontrolliert werden → Bei persistierenden Blutungen oder wenn aufgrund der Lokalisation kein Druckverband angelegt werden kann, sollen gezielt Hämostyptika eingesetzt werden
  • Nasenblutung: Bei einer unkomplizierten Nasenblutung den wachen Patienten nach vorn beugen und den weichen Anteil der Nase komprimieren; Blut nicht schlucken lassen
  • Kühlung: Weichteilverletzungen und Frakturen des Gesichts gehen meist mit Schwellungen einher → eine frühzeitige, dosierte Kühlung mit Coolpacks kann Schwellung und Schmerzen reduzieren
  • Fremdkörper und Frakturen: Eingedrungene Fremdkörper nicht entfernen, sondern umpolstern und stabilisieren. Knochenfragmente oder sichtbare Fehlstellungen nicht reponieren
  • Immobilisation HWS: Bei entsprechendem Unfallmechanismus oder Verdacht auf eine HWS-Verletzung achsengerecht immobilisieren und unnötige Kopfbewegungen vermeiden
  • Augenbeteiligung beachten: Bei Visusveränderung, Doppelbildern oder eingeschränkter Okulomotorik ist eine sofortige augenärztliche Beurteilung erforderlich
 Achtung

Bei Verdacht auf eine Mittelgesichts- oder Schädelbasisfraktur keine Atemwegshilfsmittel über die Nase einführen. Es besteht die erhebliche Gefahr, dass der Tubus durch eine Frakturlinie in den Schädelinnenraum vorgeschoben wird.

 Info
Anlage eines Kopfverbandes
  1. Kompresse auflegen:
    1. Legen Sie eine sterile Mullkompresse direkt auf die Wunde, um die Blutung zu stillen und die Wundfläche abzudecken. Achten Sie darauf, dass die Kompresse die Wunde vollständig bedeckt
  2. Erste Fixierung:
    1. Nehmen Sie ein Verbandpäckchen oder eine Mullbinde und beginnen Sie mit einem waagerechten Verlauf um die Stirn. Diese erste Umwicklung fixiert die Kompresse
  3. Schrägzug unter das Kinn:
    1. Führen Sie die Binde nun schräg über die Kopfseite und hinter das Ohr nach unten. Leiten Sie sie von dort aus unter dem Kinn entlang zur gegenüberliegenden Seite. So verhindern Sie ein Verrutschen des Verbands
  4. Wiederholung zur Stabilisierung:
    1. Wickeln Sie die Binde weiter vom Nacken über den Hinterkopf zur Stirn. Wiederholen Sie diesen Ablauf mehrfach, bis der gesamte Bereich gut abgedeckt und stabilisiert ist. Die Binde sollte gleichmäßig sitzen und keine Druckstellen verursachen
  5. Verband fixieren:
    1. Fixieren Sie das Ende des Verbandes sicher, z.B. durch Einklemmen, Verknoten oder mit einem Pflaster. Kontrollieren Sie abschließend, ob der Verband fest sitzt
Anlage eines Kopfverbandes

Spezifische Maßnahmen

  • Volumenmanagement: Angepasste Volumensubstitution mittels VEL 
  • Schmerztherapie: Bei Bedarf suffiziente Analgesie entsprechend der Schmerzintensität durchführen, z.B. mit Fentanyl 0,05 mg i.v. titriert bis gewünschte Wirkung, max. Dosis: 0,2 mg 
  • Antiemese: Bei Bedarf kann ein Antiemetikum verabreicht werden, z.B. Ondansetron 4 mg i.v. oder Dimenhydrinat 62 mg i.v.
  • Narkose und Atemwegssicherung: Bei entsprechender Indikation, insbesondere fehlenden Schutzreflexen oder Aspirationsgefahr, Einleitung einer Rapid Sequence Induction (RSI) mit anschließender endotrachealer Intubation
    • Primär endotracheale Intubation unter Nutzung von Videolaryngoskopie anstreben
    • Supraglottische Atemwegshilfe: Bei Kiefer-Gesichts-Verletzungen nur eingeschränkt geeignet, da Blut, Schwellungen und eine erhöhte Aspirationsgefahr die Platzierung und eine zuverlässige Beatmung erschweren können

Spezielle Maßnahmen bei Kopfhautverletzungen:

BefundMaßnahmen
Aktive KopfhautblutungBlutung zunächst durch direkte manuelle Kompression kontrollieren und anschließend einen Druckverband anlegen. Bei persistierender Blutung gezielter Einsatz von Hämostyptika
Platz- oder RisswundeGrobe, oberflächliche Verschmutzungen vorsichtig entfernen, die Wunde steril abdecken und mit einem Verband versorgen
Penetrierende VerletzungEingedrungene Fremdkörper nicht entfernen, sondern gegen Bewegung stabilisieren und einen schnellen Transport veranlassen

Spezielle Maßnahmen bei Gesichtsfrakturen:

BefundMaßnahmen
MittelgesichtsfrakturAtemweg engmaschig beurteilen und Blut beziehungsweise Sekret vorsichtig absaugen
OrbitafrakturSehschärfe, Pupillenreaktion und Augenbeweglichkeit überprüfen und auf Doppelbilder achten
Periorbitale Schwellung oder EmphysemOberkörper hochlagern und vorsichtig kühlen. Drucksteigerungen in den Nasennebenhöhlen vermeiden → nicht schnäuzen und beim Niesen den Mund öffnen
Penetrierende AugenverletzungAuge nicht manipulieren und keinen Druck ausüben. Fremdkörper belassen, stabilisieren und eine sofortige augenärztliche Versorgung veranlassen
Zahn- oder Knochenfragmente im AtemwegLose und gut sichtbare Fremdkörper vorsichtig entfernen und Aspirationsgefahr beachten
KieferfrakturUnnötige Manipulationen und Repositionsversuche vermeiden. Atemweg engmaschig überwachen 
 Achtung
Dislozierte Fraktursegmente als Atemwegshindernis

Bei dislozierten Unterkiefersegmenten oder instabilen Mittelgesichtsfrakturen kann es notwendig sein, die betroffenen Strukturen manuell nach vorne (anterior) zu ziehen, um den verlegten Atemweg freizugeben. Eine iatrogene Verletzung durch dieses Manöver ist in der akuten Notfallsituation selten.

 Tipp
Zungenverlagerung bei Kinnmittelstückfraktur

Bei Frakturen des Kinnmittelstücks ist der Esmarch-Handgriff wirkungslos, da die Zunge nicht mehr über den vorderen Unterkiefer stabilisiert wird.

→ Die Zunge muss direkt, z.B. mit einer Magill-Zange, nach vorne gezogen werden, um eine Atemwegsverlegung zu verhindern.

 Info
Auf schwierige Atemwegssicherung einstellen

Die Atemwegssicherung kann bei schweren Gesichtsverletzungen erheblich erschwert oder unmöglich sein. Entsprechend muss frühzeitig mit einem schwierigen Atemweg gerechnet werden und Alternativen müssen vorbereitet und besprochen werden.

Die Unmöglichkeit der Intubation kann in folgenden Fällen auftreten:

  • Komplexe Gesichtstraumata, z. B. Le-Fort-Frakturen oder Unterkieferfrakturen
  • Starke Blutungen aus dem Nasen-Rachen-Raum, die die Sicht massiv einschränken
  • Kieferklemme mit kaum oder nicht möglicher Mundöffnung
  • Makroglossie (vergrößerte Zunge), die den Atemweg mechanisch blockiert
  • Ausgeprägte Schleimhautschwellungen im Mund-Rachen-Bereich

Zahnverlust

Zahnrettungsbox

Für den Transport ausgeschlagener Zähne wird die Verwendung spezieller Zahnrettungsboxen empfohlen. Diese gewährleisten ein physiologisch optimiertes Milieu, das dem der Zahnalveole entspricht. Steht keine solche Box zur Verfügung, kann der Zahn alternativ in einer feuchten, sterilen Kompresse gelagert werden.

 Info

Die Aufbewahrung in Milch wird kontrovers diskutiert: zwar bietet Milch ein weitgehend physiologisches Milieu, sie stellt jedoch auch einen idealen Nährboden für Mikroorganismen dar. Dies kann das Reimplantationspotenzial negativ beeinflussen.

Patient:innen mit Frakturen im Gesichtsbereich und Zahnverletzungen sollen in eine Klinik mit einer Fachabteilung für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie (MKG) transportiert werden. Hier können sowohl knöcherne Gesichtsfrakturen als auch Zahn und Weichteilverletzungen versorgt werden.

 Tipp
Priorisierung:

Sollte ein zeitnaher Transport in eine Klinik mit einer Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie (MKG) aufgrund geografischer Gegebenheiten oder logistischer Einschränkungen nicht primär möglich sein, erfolgt die Priorisierung der Zielklinik nach Dringlichkeit der Befunde:

  1. Frakturen des Gesichtsschädels haben in der Regel die höhere Priorität, besonders wenn die Fraktur mit funktionellen Beeinträchtigungen (z.B. Atemwegskomplikationen, eingeschränkte Mundöffnung) oder starker Blutung einhergeht
  2. Zahnverletzungen (z.B. ausgeschlagener Zahn) sollten zeitnah, idealerweise innerhalb von 1–2 Stunden, mitbehandelt werden, um die Chance auf Reimplantation zu wahren

Die Wahl des Zielkrankenhauses richtet sich nach Verletzungsmuster und -schwere, Atemwegsgefährdung, Blutverlust, neurologischem und okulärem Befund, Begleitverletzungen, Unfallmechanismus sowie der erforderlichen definitiven Versorgung.

  • Leichte Kopfhaut- oder Gesichtsverletzungen: Bei einer kleinen, oberflächlichen Einzelverletzung mit stabilen Vitalfunktionen, kontrollierter Blutung und unauffälligem neurologischem Befund kann eine ambulante chirurgische oder fachärztliche Versorgung ausreichen
  • Kopfplatzwunden oder Skalpierungsverletzungen: Transport in eine Klinik mit chirurgischer Fachabteilung, sofern keine Begleitverletzungen eine spezialisierte Versorgung erforderlich machen
  • Gesichtsfrakturen: Transport in eine Klinik mit einer Fachabteilung für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie (MKG) sowie geeigneter Bildgebung
  • Augenbeteiligung: Bei eingeschränkter Augenbeweglichkeit, Doppelbildern, Visusminderung, Pupillenauffälligkeiten oder anderen Hinweisen auf eine Augenverletzung ist eine sofortige Versorgung durch eine augenärztliche Fachabteilung erforderlich
  • Isolierte Zahnverletzungen: Ohne weitere Verletzungen kann die Versorgung in einer zahnärztlichen Notfallambulanz oder einer Klinik mit zahnmedizinischem Notdienst erfolgen
  • Schwere Kopf- oder Gesichtsverletzungen: Bei Atemwegsgefährdung, unkontrollierter Blutung, GCS ≤ 8, zunehmender Bewusstseinsstörung, Pupillenstörung, fokal-neurologischen Ausfällen, Krampfanfällen, offenem oder frontobasalem Schädeltrauma, Liquorrhö, Polytrauma oder einer sehbedrohenden Orbitaverletzung ist ein geeignetes Traumazentrum mit den erforderlichen Fachdisziplinen anzustreben
  • Instabile Patient:innen oder lange Transportstrecken: Lebensrettende Maßnahmen und die Herstellung der Transportfähigkeit haben Vorrang. Danach erfolgt der schnellstmögliche Transport in das nächstgelegene geeignete Krankenhaus; bei Bedarf schließt sich eine Sekundärverlegung an

Transportbegleitende Maßnahmen

  • Monitoring: kontinuierliche Überwachung von EKG, Blutdruck, Herzfrequenz, SpO₂ und Atemfrequenz
  • Atemwegskontrolle: Atemwege fortlaufend auf Blut, Koagel, Schwellungen, Erbrochenes sowie Zahn- oder Knochenfragmente überprüfen und bei Bedarf unter Sicht absaugen
  • Lagerung: Bei kreislaufstabilen Patient:innen den Oberkörper etwa 15–30° hochlagern und den Kopf neutral halten. Bei Blutungen aus Mund oder Nase ein Abfließen nach außen ermöglichen. Aspirationsschutz und HWS-Schutz beachten
  • Sauerstofftherapie: Hypoxämie vermeiden und bei Bedarf Sauerstoff mit dem Ziel einer Normoxie verabreichen
  • Beatmung: Bei beatmeten Patient:innen eine Normoventilation anstreben und das etCO₂ kontinuierlich überwachen 
  • Analgesie und Narkose: Eine ausreichende Schmerztherapie und bei narkotisierten Patient:innen eine adäquate Narkosetiefe sicherstellen 
  • Blutungs- und Wundkontrolle: Verbände regelmäßig auf Nachblutungen kontrollieren
  • Volumentherapie: Bei relevantem Blutverlust oder Hypotonie eine bedarfsgerechte Volumentherapie durchführen. Bei begleitendem SHT eine Hypotonie vermeiden und beim Erwachsenen einen systolischen Blutdruck von mindestens 90 mmHg anstreben
  • Verlaufskontrolle: Auf zunehmende Atemwegsverlegung, Bewusstseinsminderung, Pupillenveränderungen, Visusverlust, fokale Ausfälle, Krampfanfälle, Hypoxie oder Kreislaufinstabilität achten
  • Wärmeerhalt: Auskühlung vermeiden und eine möglichst normale Körpertemperatur erhalten

Übergabe in der Klinik

Die Übergabe erfolgt strukturiert nach einem standardisierten Schema, beispielsweise SINNHAFT oder ISOBAR

  • Übergabe relevanter Informationen zu:
    • Unfallereignis: Zeitpunkt und Mechanismus des Traumas, einschließlich Sturzhöhe, Aufprall, Fremdkörpereinwirkung und möglicher Bewusstlosigkeit
    • Neurologischer Verlauf: initialer und aktueller GCS-Wert, Pupillenstatus, Motorik, Amnesie, Erbrechen, Krampfanfälle und fokal-neurologische Ausfälle
    • Atemweg und Atmung: Hinweise auf eine Atemwegsgefährdung, Aspiration oder zunehmende Schwellung sowie Verlauf von SpO₂, Atemfrequenz und gegebenenfalls etCO₂
    • Kopfhautverletzung: Art und Ausmaß der Wunde, Blutverlust, durchgeführte Blutstillung, Fremdkörper und Verdacht auf eine offene Schädelverletzung
    • Gesichtsverletzung: Vermutete Frakturlokalisation, Mittelgesichtsinstabilität, Kieferfunktion, Zahnverlust sowie Blutungen aus Mund, Nase oder Ohr
    • Augenbefund: Visus, Pupillen, Augenbeweglichkeit, Doppelbilder und Hinweise auf eine penetrierende oder sehbedrohende Verletzung
    • Begleitverletzungen: Hinweise auf ein SHT, eine Schädelbasis- oder HWS-Verletzung, Liquorrhö oder weitere traumatische Verletzungen
    • Anamnese: Vorerkrankungen, Allergien, Medikamente sowie insbesondere Antikoagulation und Thrombozytenaggregationshemmung, Alkohol- oder Drogenkonsum
    • Maßnahmen und Verlauf: Vitalparameter, Blutverlust und sämtliche durchgeführten Maßnahmen einschließlich Atemwegssicherung, Beatmung, Sauerstoff-, Volumen- und Medikamentengabe sowie deren Wirkung

Definition

 Definition
Kopfhautverletzungen

Verletzungen der Haut und des darunterliegenden Weichteilgewebes am behaarten Kopf. Dazu zählen beispielsweise Schürf-, Riss- und Platzwunden sowie Hämatome.

 Definition
Gesichtsfrakturen

Knochenbrüche im Bereich des Gesichtsschädels. Betroffen sein können unter anderem Nasenbein, Jochbein, Jochbogen, Augenhöhle, Oberkiefer oder Unterkiefer.

Klassifikation von Gesichtsfrakturen nach anatomischer Lokalisation:

  • Oberes Gesichtsdrittel: Stirn, Stirnbein, Stirnhöhle
  • Mittleres Gesichtsdrittel: Nasenbein, Jochbein, Oberkiefer, Augenhöhle
  • Unteres Gesichtsdrittel: Unterkiefer, Kinn, Unterlippe
  • Weichteile der Kopfhaut: Stirnhaut, behaarter Schädel, Schläfenregion

Ursachen

  • Stürze: Häufige Ursache von Platzwunden, Hämatomen und Gesichtsfrakturen. Besonders betroffen sind Kinder und ältere Menschen
  • Verkehrsunfälle: Können durch die hohe Krafteinwirkung schwere Kopfhautverletzungen, Skalpierungen und komplexe Gesichtsfrakturen verursachen
  • Sportunfälle: Entstehen beispielsweise durch Zusammenstöße, Stürze oder den Aufprall von Sportgeräten und Bällen
  • Körperverletzung: Schläge oder Tritte gegen Kopf und Gesicht können sowohl Weichteilverletzungen als auch Frakturen verursachen
  • Scharfe Gewalteinwirkung: Schnittverletzungen durch scharfkantige Gegenstände betreffen vorwiegend die Kopfhaut und können mit starken Blutungen einhergehen

Pathophysiologie

Kopfhautverletzungen und Gesichtsfrakturen entstehen durch stumpfe oder spitze Gewalteinwirkung sowie durch Zug- und Scherkräfte. Art, Richtung und Stärke der einwirkenden Kraft bestimmen das Verletzungsmuster. Je nach betroffener Struktur können ausgeprägte Blutungen, Funktionsstörungen und lebensbedrohliche Komplikationen auftreten.

  • Kopfhautverletzungen: Mechanische Gewalteinwirkung → Gewebeschädigung → Gefäßverletzung und Blutung → mögliche Durchblutungsstörung, Nekrose oder Wundinfektion
  • Gesichtsfrakturen: Mechanische Gewalteinwirkung → Knochenbruch und Dislokation → Verletzung benachbarter Strukturen → mögliche Funktionsstörung oder Atemwegs- und Visusgefährdung
 Achtung

Insbesondere bei mittelgesichtsnahen Traumen besteht die Gefahr einer begleitenden Schädelbasisfraktur, die zu Liquorrhoe (Liquoraustritt aus Nase oder Ohr), Meningitis (Hirnhautentzündung) oder neurologischen Ausfällen führen kann.

Klinischer Eindruck

Mögliche äußere Befunde bei Kopfverletzungen:

  • Schwellungen, Hämatome und Prellmarken: Hinweise auf eine stumpfe Gewalteinwirkung und mögliche Verletzung tiefer liegender Strukturen
  • Riss- und Platzwunden: Offene Kopfhautverletzungen mit möglicher starker Blutung und Beteiligung tieferer Gewebeschichten
  • Skalpierungsverletzung: Teilweise oder vollständige Ablösung der Kopfhaut → Gefahr eines hohen Blutverlusts und einer gestörten Durchblutung des Weichteillappens
  • Schädeldeformität: Sichtbare oder tastbare Formveränderung → möglicher Hinweis auf eine Schädelfraktur
  • Brillen- oder Monokelhämatom: Ein- oder beidseitige Einblutung um die Augen → möglicher Hinweis auf eine Gesichts- oder Schädelbasisfraktur
  • Battle-Zeichen: Hämatom hinter dem Ohr → möglicher Hinweis auf eine Schädelbasisfraktur
  • Blut-, Liquor- oder Hirngewebeaustritt: Austritt aus Nase, Mund oder Ohren → Warnzeichen einer offenen Schädelverletzung oder Schädelbasisfraktur

Mögliche Befunde einer Gesichtsfraktur:

UntersuchungsregionBefunde
NaseNasenbluten, Schwellung, Druckschmerz, behinderte Nasenatmung oder sichtbare Fehlstellung
MittelgesichtGestörter Zusammenbiss, tastbare Instabilität, ausgeprägte Schwellung oder Gesichtsasymmetrie
UnterkieferFehlbiss, schmerzhafte oder eingeschränkte Mundöffnung, Kieferklemme, Mundbodenhämatom sowie Zahn- oder Schleimhautverletzungen
Jochbein und JochbogenMonokelhämatom, Kieferklemme, vermindertes Empfinden im Bereich der Wange oder Doppelbilder
OrbitaDoppelbilder, eingeschränkte Augenbeweglichkeit, Enophthalmus oder Exophthalmus, Hyposphagma sowie tastbares Hautemphysem

Diagnostik

Inspektion:

BereichWorauf ist zu achten?Mögliche auffällige Befunde
Kopfhaut und SchädelkalotteKopfhaut auf Platz- und Risswunden, Ablederungen, Hämatome, Schwellungen, Prellmarken, Fehlstellungen und knöcherne Defekte untersuchenStarke äußere Blutung, offene Schädelverletzung sowie sicht- oder tastbarer Defekt der Schädelkalotte
Gesicht allgemeinAuf Schwellungen, Hämatome, Prellmarken, Asymmetrien, Fehlstellungen, offene Wunden und Blutungen achtenInstabilität oder Deformierung des Mittelgesichts sowie ausgeprägte Weichteilverletzungen
NaseForm und Stellung der Nase, Nasenatmung, Nasenblutung, Nasenscheidewand und Austritt klarer Flüssigkeit beurteilenNasenfraktur, Septumhämatom oder Rhinoliquorrhö
OhrenAuf Blut oder klare Flüssigkeit aus dem Gehörgang, Verletzungen des Gehörgangs beziehungsweise Trommelfells sowie Hämatome hinter dem Ohr achtenBlut- oder Liquoraustritt aus dem Ohr, Felsenbeinfraktur oder Battle-Zeichen
Augen und OrbitaeAugenlider, Bulbusstellung, Pupillen, Sehvermögen und Augenbeweglichkeit prüfen; auf Monokel- oder Brillenhämatom sowie Hyposphagma achtenDoppelbilder, Visusminderung, Anisokorie, Enophthalmus, Exophthalmus oder Fraktur der Orbitawand beziehungsweise des Orbitabodens
Mund und ZähneMundraum auf Blutungen, Schleimhautverletzungen, lockere oder fehlende Zähne, Knochenfragmente und Mundbodenhämatome untersuchen; Zahnstellung beurteilenAspirationsgefährdende Zahn- oder Knochenfragmente, Unterkieferfraktur, Mittelgesichtsfraktur oder veränderte Okklusion
KieferfunktionMundöffnung und Mundschluss, Schmerzen bei Bewegung, Abweichung des Unterkiefers und Zahnkontakt kontrollierenKieferklemme, Kiefersperre, Deviation oder Okklusionsstörung

Palpation:

  • Druckschmerz: Kopfhaut, Schädelkalotte, Nasenbein, Orbitarand, Jochbein, Jochbogen und Unterkiefer vorsichtig auf lokale Druckschmerzen untersuchen → kann auf eine knöcherne Verletzung hinweisen
  • Stufenbildung: Eine tastbare Unterbrechung oder Verschiebung der normalen Knochenkontur spricht für eine dislozierte Fraktur
  • Krepitation: tastbares Reiben von Knochenfragmenten kann ein Frakturzeichen sein → nicht gezielt provozieren und Untersuchung bei Feststellung beenden
  • Instabilität: Eine ungewöhnliche Beweglichkeit des Gesichtsschädels oder Unterkiefers spricht deutlich für eine Fraktur → nicht wiederholt prüfen und weitere Manipulationen vermeiden
  • Kiefergelenk: Bei vorsichtiger Mundöffnung auf Druckschmerz, Bewegungseinschränkung, Seitendifferenz oder Abweichung des Unterkiefers achten

Perkussion:

Da dieser Artikel sich auf die Versorgung von äußerlich sichtbaren Wunden beschränkt, ist eine Perkussion in den meisten Fällen nicht wegweisend. 

Auskultation:

Auffällige, pfeifende, brodelnde oder rasselnde Atemgeräusche können auf Blut, Sekret, Fremdkörper oder eine Verlegung der Atemwege hinweisen

Therapie

Spezielle Maßnahmen bei Kopfhautverletzungen:

BefundMaßnahmen
Aktive KopfhautblutungBlutung zunächst durch direkte manuelle Kompression kontrollieren und anschließend einen Druckverband anlegen. Bei persistierender Blutung gezielter Einsatz von Hämostyptika
Platz- oder RisswundeGrobe, oberflächliche Verschmutzungen vorsichtig entfernen, die Wunde steril abdecken und mit einem Verband versorgen
Penetrierende VerletzungEingedrungene Fremdkörper nicht entfernen, sondern gegen Bewegung stabilisieren und einen schnellen Transport veranlassen

Spezielle Maßnahmen bei Gesichtsfrakturen:

BefundMaßnahmen
MittelgesichtsfrakturAtemweg engmaschig beurteilen und Blut beziehungsweise Sekret vorsichtig absaugen
OrbitafrakturSehschärfe, Pupillenreaktion und Augenbeweglichkeit überprüfen und auf Doppelbilder achten
Periorbitale Schwellung oder EmphysemOberkörper hochlagern und vorsichtig kühlen. Drucksteigerungen in den Nasennebenhöhlen vermeiden → nicht schnäuzen und beim Niesen den Mund öffnen
Penetrierende AugenverletzungAuge nicht manipulieren und keinen Druck ausüben. Fremdkörper belassen, stabilisieren und eine sofortige augenärztliche Versorgung veranlassen
Zahn- oder Knochenfragmente im AtemwegLose und gut sichtbare Fremdkörper vorsichtig entfernen und Aspirationsgefahr beachten
KieferfrakturUnnötige Manipulationen und Repositionsversuche vermeiden. Atemweg engmaschig überwachen 

Besondere Situationen

Patient:innen mit Frakturen im Gesichtsbereich und Zahnverletzungen sollen in eine Klinik mit einer Fachabteilung für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie (MKG) transportiert werden. Hier können sowohl knöcherne Gesichtsfrakturen als auch Zahn und Weichteilverletzungen versorgt werden.

Transport

Die Wahl des Zielkrankenhauses richtet sich nach Verletzungsmuster und -schwere, Atemwegsgefährdung, Blutverlust, neurologischem und okulärem Befund, Begleitverletzungen, Unfallmechanismus sowie der erforderlichen definitiven Versorgung.

  • Leichte Kopfhaut- oder Gesichtsverletzungen: Bei einer kleinen, oberflächlichen Einzelverletzung mit stabilen Vitalfunktionen, kontrollierter Blutung und unauffälligem neurologischem Befund kann eine ambulante chirurgische oder fachärztliche Versorgung ausreichen
  • Kopfplatzwunden oder Skalpierungsverletzungen: Transport in eine Klinik mit chirurgischer Fachabteilung, sofern keine Begleitverletzungen eine spezialisierte Versorgung erforderlich machen
  • Gesichtsfrakturen: Transport in eine Klinik mit einer Fachabteilung für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie (MKG) sowie geeigneter Bildgebung
  • Augenbeteiligung: Bei eingeschränkter Augenbeweglichkeit, Doppelbildern, Visusminderung, Pupillenauffälligkeiten oder anderen Hinweisen auf eine Augenverletzung ist eine sofortige Versorgung durch eine augenärztliche Fachabteilung erforderlich
  • Isolierte Zahnverletzungen: Ohne weitere Verletzungen kann die Versorgung in einer zahnärztlichen Notfallambulanz oder einer Klinik mit zahnmedizinischem Notdienst erfolgen
  • Schwere Kopf- oder Gesichtsverletzungen: Bei Atemwegsgefährdung, unkontrollierter Blutung, GCS ≤ 8, zunehmender Bewusstseinsstörung, Pupillenstörung, fokal-neurologischen Ausfällen, Krampfanfällen, offenem oder frontobasalem Schädeltrauma, Liquorrhö, Polytrauma oder einer sehbedrohenden Orbitaverletzung ist ein geeignetes Traumazentrum mit den erforderlichen Fachdisziplinen anzustreben
  • Instabile Patient:innen oder lange Transportstrecken: Lebensrettende Maßnahmen und die Herstellung der Transportfähigkeit haben Vorrang. Danach erfolgt der schnellstmögliche Transport in das nächstgelegene geeignete Krankenhaus; bei Bedarf schließt sich eine Sekundärverlegung an
 Tipp

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  • Sicherung der Atemwege
  • Endotracheale Intubation
Zuletzt aktualisiert am 17.08.2026
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