Zusammenfassung
Die Unfallchirurgie oder auch Traumatologie befasst sich als „Verletzungschirurgie“ mit der Versorgung von Verletzungen des Bewegungsapparates (Knochen, Bänder, Sehnen, Muskulatur).
Dabei steht vor allem die Behandlung von Knochenbrüchen im Vordergrund.
Hilfreich für die Behandlung oben genannter Verletzungen ist das Verständnis, wie diese entstehen (Traumamechanismus). Dieses Verständnis erfordert jedoch klinische Erfahrung und ist ein Grund, wieso Assistenzärztinnen und Assistenzärzte zu Beginn ihrer Tätigkeit häufig in der Notaufnahme eingesetzt werden. Dort lernen

Knochen
Trotz seiner starren Eigenschaften, unterliegt der Knochen einem ständigen Umbauprozess, der sich an der Belastung des Knochens orientiert. Dabei besteht Knochen neben Knochenzellen (Osteoblasten, Osteozyten, Osteoklasten) aus einer extrazellulären Knochenmatrix.
TippWird Knochen nicht belastet, beispielsweise durch lange Bettlägerigkeit
, überwiegt der Knochenabbau. Daher fördert die frühzeitige Mobilisierung nach einer OP den Heilungsverlauf.
Aufbau und Bestandteile von Knochengewebe
Von außen wird der Knochen von der Knochenhaut, dem Periost, umgeben. Diese ist stark durchblutet und sensibel innerviert. Ein Anprall des Schienbeins
Unter dem Periost beginnt der Knochen mit seiner Rindenschicht, Kortikalis oder auch Substantia compacta genannt. Diese Schicht ist besonders „kompakt“ (dicht) und grenzt sich von der darunter gelegenen schwammartigen (trabekulären) Spongiosa oder Substantia spongiosa ab. Deren Trabekel (Knochenbälkchen) richten sich entlang der Belastungsrichtung aus, um eine bestmögliche Stabilität zu gewährleisten. Zwischen den Trabekeln befindet sich ein Hohlraum, die sogenannte Markhöhle (Cavum medullare, gefüllt mit Knochenmark). Bereits bei der Geburt
Man unterscheidet Röhrenknochen von Platten Knochen und kurzen Knochen. Zu den Röhrenknochen zählen die Knochen des Ober- und Unterarmes, die Knochen des Oberschenkels und Unterschenkels, sowie diese der Finger und Zehen. Dabei sind Röhrenknochen aus einer Diaphyse (Schaft) und zwei Epiphysen (Enden) aufgebaut, die über zwei Metaphysen (Wachstumszonen) verbunden sind.
MerkeZu den platten Knochen zählen die Schädelknochen, Schulterblätter
, Rippen , die Beckenknochen und das Sternum . Kurze Knochen sind beispielsweise die Handwurzel- oder Fußwurzelknochen .
InfoDurch die Aufteilung in eine dichte Rinde und eine trabekuläre innere Substanz wird Knochen leicht und stabil zugleich. Dadurch spart sich der Körper bei Bewegung Energie!
Die Knochenmatrix bezeichnet Bestandteile, die von den Zellen produziert und aus dem Zellinneren herausgeschleust werden. Diese lagern sich um die Zellen wie eine Art funktioneller „Zement“ an und sind für die physikalischen Eigenschaften des Knochens verantwortlich.
InfoBei der Glasknochenkrankheit (Synthesestörung organischer Matrix) ist der Knochen zwar fest aber nicht elastisch und bricht daher leicht. Bei der Rachitis
oder Osteomalazie (Synthesestörung anorganischer Matrix) ist der Knochen zwar elastisch aber nicht fest und verbiegt sich daher leicht.
Man unterscheidet ebenfalls verschiedene Knochenzellen. Osteoblasten sind für den Aufbau von Knochen verantwortlich. Diese bilden aktive Knochenmatrix und werden nach vollbrachter Arbeit (eingebettet in Knochenmatrix) als Osteozyten bezeichnet. Osteoklasten hingegen sind für den Abbau des Knochens verantwortlich. Hierfür bilden sie einerseits ein saures Milieu, um die anorganische Knochenmatrix (Knochensalze, Hydroxylapatit) zu lösen, andererseits bilden sie Enzyme für den Abbau der organischen Knochenmatrix.
Knochenbrüche
„Klassische“ traumatische Frakturen entstehen durch übermäßige Krafteinwirkung von außen, beispielsweise bei einem Sturz aus großer Höhe. Bei pathologischen Frakturen kommt es bereits bei normaler Belastung aufgrund einer Knochenschwäche zum Bruch. Dauerhafte Belastungen eines Knochens können zu einer weiteren Form, den sogenannten Stress- oder Ermüdungsfrakturen, führen.
MerkeHäufige Ursachen für eine Knochenschwäche sind beispielsweise die Osteoporose
oder Knochentumoren.
InfoDie Marschfraktur ist ein Beispiel für Stress- oder Ermüdungsfrakturen und tritt durch dauerhafte Belastung der Fußknochen
, beispielsweise auf langen Märschen, auf.
Knochenheilung
Das Verständnis der Knochenheilung ist für die Versorgung essenziell. Bei Verletzungen des Knochens entsteht ein Bruchspalt, dessen Eigenschaften entscheiden, ob der Knochen dort wieder zusammenwächst oder nicht. Dabei spielen die Bruchspaltgröße (räumlich), das Milieu im Bruchspalt (biochemisch) sowie die Bewegung oder Ruhe (mechanisch) eine Rolle. Ist die Heilung über eine längere Zeit gestört, entsteht ein „Falschgelenk“, auch Pseudarthrose genannt.
Sind die Bruchfragmente wie bei nicht-dislozierten (nicht-verschobenen) Frakturen dicht aneinander, kommt es unter optimalen Bedingungen zu einer direkten Knochenheilung. Ist der Bruchspalt größer, kommt es zur indirekten Knochenheilung. Hierbei bildet sich ein Übergangsgewebe mit knorpeligem Anteil, ähnlich einer Narbe
TippTrotz dem Stellenwert der Ruhigstellung sollten die katabolen Effekte bei zu langer Ruhigstellung bedacht werden. Eine Balance zwischen Ruhe und Mobilisierung
ist wichtig.
MerkeDie “3-R-Prinzipien“ der Frakturbehandlung beinhalten die Reposition, Retention und Rehabilitation.
Grundlagen der Osteosynthese
In diesem Kapitel stellen wir die gängigsten Osteosyntheseverfahren (Zusammenfügen der Knochen) vor, nennen Beispiele für deren Anwendung und zeigen außerdem Vor- und Nachteile, die bei der Auswahl der geeigneten Methode eine Rolle spielen.
Zu den gängigsten Osteosyntheseverfahren gehören:
- Schraubenosteosynthese
- Plattenosteosynthese
- Nagelosteosynthese
- Drahtosteosynthese
- Fixateur externe
Schraubenosteosynthese
Die Schraubenosteosynthese wird häufig in Kombination mit anderen Osteosyntheseverfahren wie beispielsweise der Plattenosteosynthese angewandt. Alleine kommen Schrauben vor allem bei Frakturen am Innenknöchel, den Handwurzelknochen
TippDie Gewinde von Spongiosaschrauben sind breiter als die der Kortikalisschrauben, um in der trabekulären Spongiosa Halt zu finden.
Man unterscheidet selbstschneidende (schneidende Spitze) von nicht-schneidenden Schrauben. Letztere benötigen vor dem Einschrauben eine Vorbohrung. In Abhängigkeit von dem Knochenabschnitt, der adressiert werden soll, unterscheidet man außerdem Kortikalisschrauben (flaches, enges Gewinde) von Spongiosaschrauben (breites, höheres Gewinde).
Nicht direkt abhängig von der Schraubenart, sondern von der Art der Einbringung unterscheidet man Zugschrauben von Stellschrauben. Stellschrauben werden vor allem bei Weber-C

Plattenosteosynthese
Die Plattenosteosynthese ist eine weitverbreitete Art der Osteosynthese und wird zum Beispiel bei distalen Radiusfrakturen
Es gibt demnach die klassische Kortikalisplatte (auch Standardplatte, Kompressionsplatte oder konventionelle Platte
- Rundlochplatte: klassische nicht winkelstabile Verschraubung
- DCP (dynamic compression plate): Ovale, schräg abgeflachte Löcher, durch horizontalen Shift der Schraube beim Eindrehen wird Kompression erzeugt

- LC-DCP (limited contact DCP): DCP mit minimierter Auflagefläche zur Schonung der periostalen Durchblutung

DCP: Nach Befestigung mit einer neutralen Kortikalisschraube in einem frakturnahen Schraubenloch (1) folgt die frakturferne Bohrung im Gleitloch (2). Beim Hereindrehen der Schraube interagiert die runde Seite des Schraubenkopfes mit der schräg verlaufenden Plattenlochebene und wird zur Lochmitte abgedrängt (3). Dabei bewegt sich das dazugehörige Fragment mit und es kommt zur interfragmentären Kompression (4).
Eine Alternative bieten Verriegelungsplatten (auch Verblockungsplatten genannt). Deren Schraubenlöcher und die dazugehörigen Schraubenköpfe sind mit Gewinden versehen und werden damit winkelstabil verbunden. Dadurch muss die Platte
Hybridplatten bieten durch Kombinationslöcher die Möglichkeit, Kortikalis-Standardschrauben (meist als interfragmentäre Zugschraube) und winkelstabile Schrauben (zur Rotations- und Achsstabilität) kombiniert einzusetzen, um die Vorteile beider Plattensysteme nutzen zu können.
- LCP (locking compression plate): Löcher, die zur Hälfte mit Gewinde ausgestattet sind und entweder zur winkelstabilen oder konventionellen Verschraubung genutzt werden können

Generell können Platten über die gesamte Plattenlänge offen oder über kleine Schnitte getunnelt (eingeschoben) am Knochen angebracht werden.
Nagelosteosynthese
Die (Mark-)Nagelosteosynthese wird vor allem bei den großen Röhrenknochen Femur
Man unterscheidet antegrade (proximaler Zugang) von retrograden (distaler Zugang) Nägeln. Beispielsweise ist der PFN (proximaler Femurnagel) ein anterograd verlaufender Nagel zur Versorgung proximaler Femurfrakturen
Vor allem im Bereich der unteren Extremität kann die anschließende axiale Stauchung den Heilungsprozess unterstützen. Ob eine Stauchung zugelassen wird, ist abhängig von der Art der Verriegelung. Hier wird die statische Verriegelung, bei der die Bolzen den Nagel in einer Position mit dem Knochen verriegeln, von der dynamischen Verriegelung unterschieden, bei der die Bolzen über ein Gleitloch feine axiale Bewegungen zulassen.
Vorteile der Marknägel sind das minimalinvasive Zugangsportal, sowie im Vergleich zur Plattenosteosynthese die Schonung der periostalen Durchblutung.
Im Vergleich zur Platten- und Schraubenosteosynthese sind periimplantäre Frakturen häufiger, aus dem meist gelenknahen Eintrittspunkt können Verletzungen der Gelenke resultieren und ein nicht zu unterschätzendes Risiko sind Fettembolien. Durch das Einbringen des Nagels kommt es immer zu einem Eindringen von Fett aus dem Knochenmark in die Blutbahn. Dabei können gesunde Lungen
AchtungIst die Lungenfunktion beispielsweise bei einem Polytrauma eingeschränkt, kann eine primäre Nagelosteosynthese durch die Fettembolie zu einem akuten Lungenversagen führen!
Eine besondere Nagelart stellt die elastische und dünne ESIN (elastische stabile intramedulläre Nagelosteosynthese) dar. Diese wird beispielsweise bei kindlichen Unterarmfrakturen oder Claviculafrakturen
Ein weiteres Einsatzgebiet von Nägeln sind die Arthrodesen (Versteifungsoperationen). Beispielsweise kann eine Arthrodese des Sprunggelenks
Drahtosteosynthese
Die häufigste Form der Drahtosteosynthese ist die Bohr-Draht- oder K-Draht- bzw. Kirschner-Draht-Osteosynthese. Die von Dr. Kirschner entwickelten Edelstahlstifte sind auf einer Seite geschärft und ermöglichen durch perkutane Bohrung eine minimalinvasive Methode, Knochenabschnitte miteinander zu verbinden oder als Anker für die Traktion von Knochen zu dienen.
Bei kleinen Fragmenten und besonders im Bereich des Handgelenks
Auch dienen K-Drähte als Anker für Zuggurtungsosteosynthesen, wie beispielsweise bei Olekranonfrakturen am Ellenbogen.
Ein weiteres Drahtosteosyntheseverfahren stellt die Drahtcerclage bzw. die Zuggurtung dar. Dabei werden Knochenfragmente mit einem biegsamen Draht umschlungen (Cerclage) oder in Kombination mit anderen Osteosynthesearten wie K-Drähten unter Zug stabilisiert (Zuggurtung). Cerclagen kommen beispielsweise bei Schaftfrakturen der Röhrenknochen und bei Frakturen des Sternums
Fixateur externe
Ein Fixateur externe ist eine weichteilschonende Osteosynthesemethode und dient als minimalinvasives Haltesystem vor allem zur vorübergehenden Frakturstabilisierung bei deutlich beeinträchtigter Weichteilsituation (z.B. Polytraumata oder offene Frakturen) vor der im Verlauf sekundären definitiven Versorgung nach Weichteilkonsolidierung. Dabei werden sogenannte Schanzschrauben perkutan in die Fragmente geschraubt, diese über die Schrauben reponiert und die Schrauben extern über Backen und Kraftträger stabilisiert. Man unterscheidet klassische externe Fixateure mit Gleitstangen als Kraftträger von Ringfixateuren mit kreisförmigen Kraftträgern, sowie Hybridsystemen. Dabei kann ein Ringfixateur im Spezialfall auch zur Knochen-längengewinnung durch Kallusdistraktion (Ilizarov-Fixateur) verwendet werden.
AO-Klassifikation
Um Frakturen einheitlich beschreiben zu können, wurde die AO-Klassifikation der Arbeitsgemeinschaft für Osteosynthesefragen geschaffen. Hierbei werden Brüche mit einem 4-stelligen Code beschrieben.
Dabei wird zunächst der betroffene Knochen mit einer Zahl (1–9) benannt, anschließend wird die Position innerhalb des Knochens mit einer Zahl (1–5) aufgezeigt, darauffolgend wird die Komplexität durch einen Buchstaben (A–C) benannt und anschließend wird noch der Schweregrad innerhalb der Komplexität mit einer Zahl (1–3) ergänzt.
Die Komplexität beschreibt bei diaphysären Frakturen (2), ob eine einfache (A), keilförmige (B) oder komplexe | mehrfragmentäre Fraktur (C) vorliegt. Bei proximalen (1) oder distalen (3) Frakturen beschreibt sie, ob keine (A), eine partielle (B) oder vollständige Gelenkbeteiligung (C) vorliegt.
Bei der Positionsbezeichnung wird für die Scapula
InfoEine distale Radiusfraktur
mit vollständiger Gelenkbeteiligung ist beispielsweise eine 2(R)3C Fraktur.

