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Hodentorsion (RD)

Akutes Skrotum
29 Minuten Lesezeit

Die Hodentorsion ist eine akute, lebensbedrohliche Erkrankung, bei der der Hoden sich um den Samenstrang verdreht. Das kann die Durchblutung des Hodens unterbrechen und innerhalb von 6 Stunden zu irreversiblen Schäden führen. Typische Symptome sind plötzlich einsetzende, starke Schmerzen im Hoden, Übelkeit und Erbrechen. Eine rasche Diagnose und der sofortige Transport in ein urologisches Zentrum sind entscheidend, um den Hoden zu retten.

Um den Einstieg in das Thema Hodentorsion etwas zu erleichtern, wird im Folgenden ein Fall beschrieben, wie er sich präklinisch ereignen könnte.

Das Szenario

Einsatzmeldung: 

  • Stichwort: Akuter Schmerz/unklarer Befund im Unterbauch
  • Ort: Privathaushalt
  • Alarmzeit: 15:35 Uhr
  • Anrufer: Mutter des Patienten
  • Anzahl der Betroffenen: 1 (16-jähriger Junge)
  • Zusatzinfo:
    • Plötzlich einsetzende Schmerzen
    • Keine Verletzung
    • Der Patient ist blass und schwitzt stark

Lageeinweisung vor Ort: 

Beim Eintreffen des Rettungsdienstes steht die Mutter vor dem Wohnhaus und weist euch den Weg in die Wohnung. 

Die Lage ist wie folgt:

  • Der Patient liegt auf dem Sofa in embryonaler Haltung
  • Er greift sich immer wieder an den Unterbauch und den Hoden
  • Er wirkt blass, schwitzt stark und gibt an, dass die Schmerzen sehr plötzlich und extrem stark einsetzten
  • Der Schmerz begann als er von der Couch aufgestanden sei
Fallbeispiel: Hodentorsion

Ersteindruck nach xABCDE-Schema

Um sich einen ersten umfassenden Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten in einer Notfallsituation zu verschaffen, bietet sich das xABCDE-Schema an. Um die Arbeit mit dem Schema zu veranschaulichen, ist hier ein xABCDE-Schema abgebildet, wie es im Falle einer Ersteinschätzung bei einer Patientin oder einem Patienten mit Hodentorsion aussehen könnte. 

Es handelt sich dabei um die Befunde, die innerhalb der ersten paar Minuten erhoben werden können. Erweiterte Diagnostik und Abfragen sind natürlich von Bedeutung, jedoch würde zum Beispiel die Messung des Blutzuckers in diesem Fall hintangestellt und taucht zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf.

x

  • Keine kritischen Blutungen

 

A

  • Atemwege frei
  • Schleimhäute rosig
  • Patient spricht selbständig

Kein 
A-Problem

B

  • Inspektorisch:
    • Thoraxexkursion beidseits physiologisch
    • Keine Zyanose
  • Auskultatorisch:
    • Beidseits vesikuläres Atemgeräusch
    • Keine Nebengeräusche
  • Palpatorisch:
    • Thorax insgesamt stabil
  • SpO2: 98%

Kein 
B-Problem

C

  • Hautkolorit blass
  • Insgesamt schweißig
  • Rekap-Zeit: 2 Sekunden
  • Große Blutungsräume ohne Zeichen auf akute Blutungen
  • Palpation des Pulses am Handgelenk
    • Rhythmisch
    • Gut tastbar
    • Tachykard, 105/min

Kein 
C-Problem

D

  • Wach, orientiert, ansprechbar
  • GCS 15
    • Öffnen der Augen: 4
    • Beste verbale Reaktion: 5
    • Beste motorische Reaktion: 6
  • Pupillenkontrolle:
    • Isokor
    • Mittelweit
    • Lichtreagibel

Kein 
D-Problem

E

  • Keine Verletzungen ersichtlich
  • Symptome:
    • Starke Schmerzen im rechten Hoden
    • Starke Schmerzen im Unterbauch
    • Panik
  • Allergien/Infektionen: Keine bekannt
  • Medikamente: Weder Dauermedikation vorhanden noch Akutmedikation genommen
  • Patientengeschichte: Keine Vorerkrankungen
  • Letzte Mahlzeit (wegen möglicher Narkoseinleitung): Vor 4 Stunden
  • Ereignis:
    • Akut aufgetretene Schmerzen ohne erinnerliches Trauma
    • Der Schmerz begann als der Patient von der Couch aufgestanden sei
  • Risikofaktoren: Junger Mann  

 

Akutes
E-Problem

 Achtung

Das hier gezeigte Assessment vermittelt nur einen exemplarischen ersten Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten. Im Verlauf der Behandlung müssen weitere Maßnahmen ergriffen und Informationen gesammelt werden. Das Schema erhebt daher keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern soll lediglich einen praktischen Einstieg in das Thema ermöglichen.

 Definition
Hodentorsion

Bei der Hodentorsion kommt es zu einer Rotation des Hodens um den Samenstrang (Funiculus spermaticus). Die Verdrehung führt zunächst zu einer Behinderung des venösen Abflusses und im weiteren Verlauf zur Unterbrechung der arteriellen Perfusion. Die resultierende Ischämie kann innerhalb weniger Stunden zu einer irreversiblen Nekrose des Hodens führen.

Klassifikation

  • Intravaginale Torsion: Diese Form ist bei Jugendlichen am häufigsten. Die Verdrehung erfolgt innerhalb der Tunica vaginalis
  • Extravaginale Torsion: Diese Form betrifft Neugeborene. Hier erfolgt die Drehung außerhalb der Tunica vaginalis, meist in den ersten Lebenstagen

Epidemiologie

  • Inzidenz: Etwa 4–7 Fälle pro 100.000 Jungen unter 18 Jahren pro Jahr
  • Altersverteilung: Eine Hodentorsion kann grundsätzlich in jedem Lebensalter auftreten, zeigt jedoch zwei Häufigkeitsgipfel:
    • 1. Lebensjahr, insbesondere bei Neugeborenen
    • 12. bis 18. Lebensjahr, in dem etwa 65 % aller Hodentorsionen auftreten

Ursachen

  • Idiopathische Hodentorsion: häufigste Ursache. Eine abnorme Beweglichkeit des Hodens ermöglicht die Verdrehung um den Samenstrang. Auslöser können sportliche Aktivität, abrupte Bewegungen oder eine kräftige Kontraktion des Musculus cremaster bzw. dartos sein
  • Traumatische Hodentorsion: Seltene Form nach einem stumpfen Trauma des Skrotum. Die Diagnose wird häufig verzögert gestellt, da die Beschwerden zunächst dem Trauma zugeschrieben werden
  • Prä- und perinatale Hodentorsion: Betrifft überwiegend Neugeborene und tritt meist als extravaginale Torsion auf. Begünstigende Faktoren sind unter anderem Geburtstraumata oder ein niedriges Geburtsgewicht

Risikofaktoren

  • Bell-Clapper-Anomalie: häufigste anatomische Prädisposition. Durch die fehlende Fixierung des Hodens an der Tunica vaginalis besteht eine erhöhte Beweglichkeit mit gesteigertem Torsionsrisiko
  • Hodenhochstand: Ein retinierter oder verspätet deszendierter Hoden erhöht das Risiko einer Hodentorsion
  • Pendelhoden: Wiederholtes Hochgleiten des Hodens infolge einer ausgeprägten Kremasterkontraktion kann eine Verdrehung des Samenstrangs begünstigen
  • Intermittierende Hodentorsion: Wiederkehrende, spontan rückläufige Hodenschmerzen können auf bereits stattgehabte unvollständige Torsionen hinweisen und gelten als wichtiger Risikofaktor für eine vollständige Hodentorsion
 Merke
Reminder: Physiologische Grundlagen 
  • Der Samenstrang (Funiculus spermaticus) enthält die A. testicularis, den Plexus pampiniformis, Lymphgefäße und Nervenfasern. Über ihn erfolgen die arterielle Blutversorgung, der venöse Blutabfluss, der Lymphabfluss sowie die Innervation des Hodens
  • Der Samenstrang verläuft durch den Leistenkanal. Der Hoden ist von der Tunica vaginalis umgeben und besitzt dadurch eine gewisse Beweglichkeit im Skrotum
  • Physiologischerweise ist der Hoden ausreichend fixiert und kann sich nicht frei um den Samenstrang drehen
  • Ist diese Fixierung gestört, beispielsweise bei einer Bell-Clapper-Anomalie, kann sich der Hoden um den Samenstrang verdrehen. Dies bildet die anatomische Voraussetzung für eine Hodentorsion 
Hodenhüllen

Die Hodentorsion entsteht durch eine Verdrehung des Hodens mit dem Samenstrang innerhalb des Skrotum. Dadurch werden zunächst der venöse Abfluss und im weiteren Verlauf auch die arterielle Blutversorgung unterbrochen. Die resultierende Ischämie führt unbehandelt innerhalb weniger Stunden zu einer Infarzierung und Nekrose des Hodengewebes.

Ablauf der Hodentorsion

  1. Verdrehung des Samenstrangs: der Hoden rotiert meist um mehr als 180° und verdreht dabei den Samenstrang mit seinen versorgenden Gefäßen
  2. Venöse Abflussstörung: zunächst werden die Venen komprimiert → venöser Rückstau und Ödembildung im Hoden
  3. Druckanstieg im Hoden: das zunehmende Stauungsödem erhöht den interstitiellen Gewebedruck, wodurch die arteriellen Gefäße zunehmend komprimiert werden
  4. Arterielle Minderdurchblutung: die Einengung der Arterien führt zu einer verminderten Perfusion des Hodens und einer fortschreitenden Ischämie
  5. Ischämie und Nekrose: der vollständige Verschluss der Blutversorgung führt zu Gewebehypoxie, Thrombosen und schließlich zur hämorrhagischen Infarzierung des Hodens
Hodentorsion: Vergleich zwischen Normalbefund und verdrehtem Samenstrang
Hodentorsion: Vergleich zwischen Normalbefund und verdrehtem Samenstrang

Verlauf und Folgen der Ischämie

  • Frühphase: Innerhalb der ersten 2–6 Stunden kann der Hoden durch eine rasche Detorquierung häufig noch erhalten werden
  • Irreversible Schädigung: Nach etwa 6 Stunden steigt das Risiko einer irreversiblen Hodennekrose deutlich an. Häufig ist dann eine Orchiektomie erforderlich
  • Langzeitfolgen: Auch nach erfolgreicher Wiederherstellung der Durchblutung besteht ein erhöhtes Risiko für eine eingeschränkte Fruchtbarkeit, vermutlich infolge von Ischämie-Reperfusionsschäden
Hoden (Testis) und Hodensack (Skrotum)
Hoden (Testis) und Hodensack (Skrotum)

Typische Zeichen 

  • Akuter Hodenschmerz: Plötzlich einsetzender, stärkster einseitiger Schmerz im Skrotum mit rascher Zunahme der Schmerzintensität
  • Schmerzausstrahlung: Ausstrahlung in Leiste, Unterbauch oder seltener in die Flanke durch gemeinsame segmentale Innervation
  • Hochstand des Hodens: Betroffener Hoden häufig hochgezogen und querstehend als Ausdruck der Verdrehung des Samenstrangs
  • Schwellung und Rötung des Skrotum Im Verlauf zunehmende Schwellung, Rötung und Überwärmung durch venöse Abflussstörung und Ödembildung

Generalisierte Zeichen 

  • Übelkeit und Erbrechen: Häufige Begleitsymptome infolge der ausgeprägten Schmerz- und vegetativen Reaktion
  • Vegetative Aktivierung: Blässe, Kaltschweißigkeit und Tachykardie als Ausdruck der starken Schmerzreaktion
  • Unruhe: Betroffene wirken häufig schmerzgeplagt und finden keine schmerzlindernde Position
  • Fieber: spricht nicht für eine unkomplizierte Hodentorsion und sollte an Differenzialdiagnosen wie Epididymitis oder Orchitis denken lassen
  • Allgemeinzustandsverschlechterung: Kreislaufbeeinträchtigung oder Vigilanzminderung sind untypisch und können auf fortgeschrittene Komplikationen oder andere Ursachen hinweisen
 Achtung
Red Flags
  • Plötzlich einsetzender, stärkster einseitiger Hodenschmerz
  • Hochstand oder Querstand des betroffenen Hodens
  • Fehlender Kremasterreflex
  • Zunehmende Schwellung und livide Verfärbung des Skrotum
  • Übelkeit und Erbrechen in Kombination mit akutem Hodenschmerz
  • Persistierende oder rasch progrediente Schmerzsymptomatik
 Tipp

Insbesondere bei jungen Kindern kann sich eine Hodentorsion mit unspezifischen Bauchschmerzen, Unruhe oder Weinen präsentieren. Ein Hodenschmerz wird häufig nicht spontan angegeben, da die Schmerzlokalisation schwerfällt oder Scham eine gezielte Schilderung der Beschwerden verhindert.

Anamnese

  • S (Symptome): Plötzlich einsetzender, stärkster einseitiger Hodenschmerz, häufig mit Ausstrahlung in Leiste, Unterbauch oder die Flanke. Typisch sind Schwellung, Rötung und Hochstand des Hodens. Häufig bestehen Übelkeit, Erbrechen und Kaltschweißigkeit.
    • Red Flags: Beschwerden seit mehr als 6 Stunden, zunehmende Schwellung oder livide Verfärbung des Skrotum sowie persistierende starke Schmerzen sprechen für eine fortgeschrittene Ischämie 
  • A (Allergien, Infektionen): Relevante Medikamentenallergien (z.B. gegen Analgetika, Antibiotika oder Narkosemedikamente) erfragen. Zusätzlich nach aktuellen oder kürzlich aufgetretenen Infektionen, insbesondere einer Epididymitis oder Orchitis, fragen, da diese wichtige Differenzialdiagnosen der Hodentorsion darstellen
  • M (Medikation): Aktuelle Dauermedikation (z.B. Antikoagulanzien oder Analgetika) sowie bereits eingenommene Schmerzmittel und deren Wirkung erfragen
  • P (Patientengeschichte): Frühere Hodentorsionen, Operationen im Genitalbereich (z.B. Orchidopexie), Hodenhochstand, Pendelhoden, Traumata oder wiederkehrende Hodenschmerzen erfragen. Auch eine familiäre Belastung kann relevant sein
  • L (Letzte…): Zeitpunkt und Art der letzten Nahrungsaufnahme erfragen, da häufig eine notfallmäßige Operation erforderlich ist
  • E (Ereignis): Die Beschwerden beginnen meist plötzlich, häufig in Ruhe oder nach körperlicher Aktivität. Ein Trauma kann vorausgegangen sein, ist jedoch keine Voraussetzung für eine Hodentorsion
  • R (Risiko): Jugendliches Alter, Bell-Clapper-Anomalie, Hodenhochstand, Pendelhoden, rezidivierende unvollständige Torsionen sowie eine familiäre Disposition erhöhen das Risiko einer Hodentorsion
  • S (Schwangerschaft):
 Tipp
Nutze Schemata

Um die Anamnese strukturiert durchzuführen, bietet es sich an, Schemata, wie das SAMPLERS oder OPQRST-Schema zu nutzen. Am obigen Beispiel haben wir Fragen und Befunde dargestellt, die bei dem Verdacht auf eine Hodentorsion abgefragt werden sollten und vorliegen könnten.

Körperliche Untersuchung 

Inspektion:

  • Skrotum: Beurteilung von Rötung, Schwellung, Asymmetrie sowie einem Hochstand des betroffenen Hodens
  • Hodenposition: Der betroffene Hoden steht häufig hoch und quer; die Skrotalhaut kann gespannt erscheinen
 Merke

Das Fehlen äußerlich sichtbarer Veränderungen schließt eine Hodentorsion nicht aus.

Palpation:

  • Hoden: ausgeprägter Druckschmerz, häufig verhärteter, prall gespannter und hochstehender Hoden
  • Kremasterreflex: Auf der betroffenen Seite meist nicht auslösbar; Seitenvergleich durchführen
  • Prehn-Zeichen: typischerweise negativ. Die Schmerzen bleiben beim Anheben des Hodens unverändert oder nehmen zu
  • Abdomen: Systematische, vorsichtige Palpation zum Ausschluss anderer Ursachen eines akuten Unterbauchs
 Info
Prehn-Zeichen

Das Prehn-Zeichen hilft bei der Differenzierung zwischen einer Hodentorsion und einer Epididymitis. Der Hoden wird dabei durch das medizinische Personal oder den Patienten selbst angehoben. 

  • Anheben des Hodens wird als schmerzhaft empfunden: Prehn-Zeichen negativ → Hodentorsion, DD: Hodentrauma
  • Anheben des Hodens wird als Schmerzentlastung empfunden: Prehn-Zeichen positiv → Epididymitis 

Perkussion:

  • Keine Perkussion des Skrotumliefert keinen diagnostischen Zusatznutzen und verstärkt lediglich die Schmerzen

Auskultation:

  • Herz und Lunge: Auskultatorisch sind in der Regel keine charakteristischen Veränderungen zu erwarten
  • Abdomen: Darmgeräusche größtenteils regelrecht. Auffällige Befunde sollten an Differenzialdiagnosen wie eine Skrotalhernie denken lassen

Vitalparameter

ParameterTypischer Befund / VeränderungPathophysiologischer Hintergrund
HerzfrequenzMeist normwertig, bei starken Schmerzen häufig TachykardieSchmerzbedingte Sympathikusaktivierung → Adrenalinausschüttung → Herzfrequenz
BlutdruckMeist normwertig, bei ausgeprägter Schmerzsymptomatik häufig erhöhtStress- und Schmerzreaktion → Katecholaminausschüttung → Blutdruck ↑
AtemfrequenzMeist normwertig bis leicht erhöhtSchmerzbedingte Stressreaktion mit flacherer, beschleunigter Atmung
TemperaturIn der Regel normwertigFieber spricht gegen eine isolierte Hodentorsion und eher für eine entzündliche Ursache, z.B. Epididymitis oder Orchitis
SauerstoffsättigungIn der Regel normwertigKeine direkte Beeinträchtigung von Ventilation oder Oxygenierung durch eine Hodentorsion
BlutzuckerIn der Regel normwertigKeine direkte Stoffwechselstörung

Orientierende neurologische Untersuchung

  • Eine neurologische Untersuchung ist nur bei Vigilanzminderung, unklarer Schmerzursache oder Verdacht auf eine andere zugrunde liegende Erkrankung erforderlich

Weiterführende apparative Diagnostik

  • 12-Kanal-EKG: Ausschluss kardialer Differenzialdiagnosen sowie Beurteilung von Herzfrequenz und Herzrhythmus
    • Tachykardie: häufig Ausdruck der ausgeprägten Schmerzreaktion oder vegetativen Aktivierung
  • POCUS / eFAST: Ergänzende präklinische Sonografie zum Ausschluss wichtiger Differenzialdiagnosen. Bei klinisch eindeutiger Hodentorsion nicht erforderlich.
    • Freie Flüssigkeit: Nachweis freier intraabdomineller Flüssigkeit als Hinweis auf Blutung oder andere akute intraabdominelle Ursachen
    • Harntrakt: Ausschluss einer Hydronephrose oder anderer urologischer Ursachen, z.B. einer Harnleiterobstruktion
    • Aortenbeurteilung: Ausschluss eines abdominellen Aortenaneurysmas bei entsprechender Klinik
 Achtung

Eine Diagnosesicherung ist mit dem präklinischen Ultraschall nicht möglich und darf den zeitkritischen Transport bei Verdacht auf eine Hodentorsion nicht verzögern.

 Info

Die Innerklinisch durchgeführte farbkodierte Duplexsonografie ist die Methode der Wahl zum Nachweis einer verminderten oder fehlenden Hodendurchblutung.

Differenzialdiagnosen

DifferenzialdiagnoseTypische SymptomeAbgrenzung / Hinweise
Epididymitis / OrchitisSchleichend zunehmende Hodenschmerzen, Schwellung, Rötung, Fieber, ggf. DysuriePositives Prehn-Zeichen, Kremasterreflex meist erhalten → Fieber spricht eher für eine Entzündung
Hodentrauma / HodenrupturSchmerzen nach direktem Trauma, Schwellung, HämatomTrauma erklärt die Beschwerden, eine Hodentorsion muss dennoch ausgeschlossen werden
Appendizitis Unterbauchschmerzen, Übelkeit, FieberLeeres Skrotum oder Hoden im Leistenkanal möglich, Abdomen immer mituntersuchen
NierenkolikFlanken- oder Unterbauchschmerzen mit Ausstrahlung in Leiste oder Hoden, UnruheTypischerweise Flankenschmerz, häufig Hämaturie und Klopfschmerz im Nierenlager
Hodenhochstand mit EinklemmungLeisten- oder Unterbauchschmerzen, leeres SkrotumImmer an einen nicht deszendierten Hoden denken → hohe Torsionsgefahr
 Info

Die dargestellten Maßnahmen orientieren sich an den Empfehlungen des Deutschen Berufsverbands Rettungsdienst (DBRD) und werden durch weitere spezifische, leitliniengerechte Maßnahmen ergänzt, um eine strukturierte und evidenzbasierte Versorgung von Patient:innen sicherzustellen.

 Merke

Das präklinische Therapieziel besteht in einer ausreichenden Analgesie, einer patientengerechten Lagerung sowie der Herstellung der Transportfähigkeit. Anschließend sollte der schnellstmögliche Transport in eine Klinik mit urologischer Versorgung erfolgen.

Basismaßnahmen 

  • Lagerung:
    • Kreislaufstabile Patienten: Schmerzadaptierte Lagerung entsprechend dem individuellen Komfort
    • Kreislaufinstabile Patienten: Flachlagerung 
  • Monitoring und Basisdiagnostik: Kontinuierliche Überwachung mittels EKG, SpO₂, Blutdruck-, Atemfrequenz- und Temperaturkontrolle
  • Sauerstoffgabe: bedarfsorientierte Sauerstofftherapie bei Hypoxämie, respiratorischer Beeinträchtigung oder Kreislaufinstabilität
  • Venöser Zugang: Anlage eines intravenösen Zugangs zur Analgesie 
  • Nahrungskarenz: Keine orale Nahrungs- oder Flüssigkeitsaufnahme aufgrund der hohen Wahrscheinlichkeit einer notfallmäßigen Operation
  • Zeitkritischen Verlauf beachten: Jede Verzögerung erhöht das Risiko eines irreversiblen Hodenschadens. Die Zeit seit Schmerzbeginn sollte dokumentiert und bei der Übergabe ausdrücklich kommuniziert werden
  • Zielklinik: Nach Herstellung der Transportfähigkeit schnellstmöglicher Transport in eine Klinik mit urologischer Versorgung

Spezifische Maßnahmen

  • Volumenmanagement: Moderate Gabe von balancierten Vollelektrolytlösungen als Erhaltungsinfusion zur Sicherstellung eines ausreichenden Flüssigkeitshaushalts
  • Analgesie: Stufenweise Schmerztherapie mit Nicht-Opioid-Analgetika, z.B. Paracetamol 1000 mg i.v. oder Metamizol 0,5 - 1 g i.v. und bei Bedarf Opioiden, z.B. Fentanyl 0,05 mg i.v. titriert bis gewünschte Wirkung, max. Dosis: 0,2 mg
  • Antiemese: Bei Übelkeit oder Erbrechen Gabe eines Antiemetikums, z.B. Ondansetron 4 mg i.v. oder Dimenhydrinat 62 mg i.v.

Perinatale Hodentorsion

Die perinatale Hodentorsion tritt intrauterin oder unmittelbar nach der Geburt auf und verläuft häufig ohne typische Schmerzsymptomatik.

  • Besonderheiten: Asymmetrisches Skrotum sowie vergrößerter, verhärteter Hoden; meist extravaginale Hodentorsion
  • Therapeutische Besonderheiten: Operative Vorstellung zur Sicherung der Diagnose und Fixation des gesunden Hodens
  • Klinische Bedeutung: Der betroffene Hoden ist bei Diagnosestellung meist irreversibel geschädigt

Intermittierende Hodentorsion

Bei der intermittierenden Hodentorsion kommt es zu einer vorübergehenden Verdrehung des Samenstrangs mit spontaner Rückbildung der Beschwerden.

  • Besonderheiten: wiederkehrende, plötzlich einsetzende Hodenschmerzen mit spontaner Besserung
  • Therapeutische Besonderheiten: Auch nach Beschwerderückgang urologische Abklärung erforderlich
  • Klinische Bedeutung: Erhöhtes Risiko für eine vollständige Hodentorsion

Traumatische Hodentorsion

Eine Hodentorsion kann auch nach einem stumpfen Hodentrauma auftreten und wird dabei leicht übersehen.

  • Besonderheiten: Schmerzen und Schwellung nach Trauma
  • Therapeutische Besonderheiten: Eine Hodentorsion muss trotz vorausgegangenem Trauma immer ausgeschlossen werden
  • Klinische Bedeutung: Verzögerte Diagnosestellung erhöht das Risiko eines Hodenverlustes

Hodentorsion bei Hodenhochstand

Bei einem Hodenhochstand kann die Hodentorsion atypisch verlaufen und diagnostisch erschwert sein.

  • Besonderheiten: Häufig Unterbauch- oder Leistenschmerzen bei leerem Skrotum
  • Therapeutische Besonderheiten: Sorgfältige Untersuchung der Leistenregion und frühzeitige urologische Vorstellung
  • Klinische Bedeutung: Erhöhtes Torsionsrisiko und häufig verzögerte Diagnosestellung

Zielkrankenhaus

Grundsätzlich richtet sich die Wahl des Zielkrankenhauses nach dem Verdacht auf eine Hodentorsion, dem Zeitpunkt des Schmerzbeginns sowie möglichen Komplikationen.

  • Verdacht auf Hodentorsion: Schnellstmöglicher Transport in ein Krankenhaus mit urologischer Versorgung und operativer Behandlungsmöglichkeit
  • Kinder und Jugendliche: Vorstellung in einer Kinderklinik bzw. einem Zentrum mit pädiatrisch-urologischer oder kinderchirurgischer Expertise, sofern zeitnah erreichbar und ohne relevante Transportverzögerung

Transportbegleitende Maßnahmen

  • Monitoring: Kontinuierliche Überwachung von EKG, Blutdruck, Herzfrequenz, Sauerstoffsättigung und Vigilanz
  • Lagerung:
    • Hämodynamisch stabile Patienten: schmerzadaptierte Schonlagerung
    • Hämodynamisch instabile Patienten: Flachlagerung
  • Sauerstofftherapie: bedarfsorientierte Sauerstoffgabe bei Hypoxie, respiratorischer Beeinträchtigung oder hämodynamischer Instabilität
  • Analgesie: Fortführung einer begonnenen Schmerztherapie mit regelmäßiger Reevaluation
  • Dokumentation: Erfassung von Symptombeginn, Schmerzverlauf, klinischen Untersuchungsbefunden, Vitalparametern sowie durchgeführten Maßnahmen
  • Zeitmanagement: Der Zeitpunkt des Schmerzbeginns sollte dokumentiert und bereits während des Transports an die Zielklinik kommuniziert werden, da er für die Therapieentscheidung und Prognose entscheidend ist

Übergabe in der Klinik

  • Strukturierte Übergabe nach standardisierten Schemata wie SINNHAFT oder ISOBAR
  • Übergabe relevanter Informationen zu:
    • Zeitpunkt des Schmerzbeginns und bisheriger Verlauf
    • Schmerzlokalisation und Ausstrahlung
    • Begleitsymptomen (z. B. Übelkeit, Erbrechen)
    • Klinischen Untersuchungsbefunden (Hodenhochstand, Kremasterreflex, Prehn-Zeichen, Schwellung oder Rötung)
    • Relevante Vorerkrankungen (z. B. Hodenhochstand, frühere Hodentorsion, Orchidopexie) sowie aktuelle Medikation
    • Erhobenen Vitalparametern und deren Verlauf
    • Durchgeführte Maßnahmen (Analgesie, Sauerstoffgabe) und deren Wirkung
  • Zeitkritischer Notfall: Der Verdacht auf eine Hodentorsion sollte ausdrücklich kommuniziert werden, damit die urologische Versorgung frühzeitig vorbereitet werden kann

Definition

 Definition
Hodentorsion

Bei der Hodentorsion kommt es zu einer Rotation des Hodens um den Samenstrang (Funiculus spermaticus). Die Verdrehung führt zunächst zu einer Behinderung des venösen Abflusses und im weiteren Verlauf zur Unterbrechung der arteriellen Perfusion. Die resultierende Ischämie kann innerhalb weniger Stunden zu einer irreversiblen Nekrose des Hodens führen.

Ursachen

  • Idiopathische Hodentorsion: häufigste Ursache. Eine abnorme Beweglichkeit des Hodens ermöglicht die Verdrehung um den Samenstrang. Auslöser können sportliche Aktivität, abrupte Bewegungen oder eine kräftige Kontraktion des Musculus cremaster bzw. dartos sein
  • Traumatische Hodentorsion: Seltene Form nach einem stumpfen Trauma des Skrotum. Die Diagnose wird häufig verzögert gestellt, da die Beschwerden zunächst dem Trauma zugeschrieben werden
  • Prä- und perinatale Hodentorsion: Betrifft überwiegend Neugeborene und tritt meist als extravaginale Torsion auf. Begünstigende Faktoren sind unter anderem Geburtstraumata oder ein niedriges Geburtsgewicht

Pathophysiologie

  1. Verdrehung des Samenstrangs: der Hoden rotiert meist um mehr als 180° und verdreht dabei den Samenstrang mit seinen versorgenden Gefäßen
  2. Venöse Abflussstörung: zunächst werden die Venen komprimiert → venöser Rückstau und Ödembildung im Hoden
  3. Druckanstieg im Hoden: das zunehmende Stauungsödem erhöht den interstitiellen Gewebedruck, wodurch die arteriellen Gefäße zunehmend komprimiert werden
  4. Arterielle Minderdurchblutung: die Einengung der Arterien führt zu einer verminderten Perfusion des Hodens und einer fortschreitenden Ischämie
  5. Ischämie und Nekrose: der vollständige Verschluss der Blutversorgung führt zu Gewebehypoxie, Thrombosen und schließlich zur hämorrhagischen Infarzierung des Hodens

Klinischer Eindruck

  • Akuter Hodenschmerz: Plötzlich einsetzender, stärkster einseitiger Schmerz im Skrotum mit rascher Zunahme der Schmerzintensität
  • Schmerzausstrahlung: Ausstrahlung in Leiste, Unterbauch oder seltener in die Flanke durch gemeinsame segmentale Innervation
  • Hochstand des Hodens: Betroffener Hoden häufig hochgezogen und querstehend als Ausdruck der Verdrehung des Samenstrangs
  • Schwellung und Rötung des Skrotum Im Verlauf zunehmende Schwellung, Rötung und Überwärmung durch venöse Abflussstörung und Ödembildung

Diagnostik

Inspektion:

  • Skrotum: Beurteilung von Rötung, Schwellung, Asymmetrie sowie einem Hochstand des betroffenen Hodens
  • Hodenposition: Der betroffene Hoden steht häufig hoch und quer; die Skrotalhaut kann gespannt erscheinen
 Merke

Das Fehlen äußerlich sichtbarer Veränderungen schließt eine Hodentorsion nicht aus.

Palpation:

  • Hoden: ausgeprägter Druckschmerz, häufig verhärteter, prall gespannter und hochstehender Hoden
  • Kremasterreflex: Auf der betroffenen Seite meist nicht auslösbar; Seitenvergleich durchführen
  • Prehn-Zeichen: typischerweise negativ. Die Schmerzen bleiben beim Anheben des Hodens unverändert oder nehmen zu
  • Abdomen: Systematische, vorsichtige Palpation zum Ausschluss anderer Ursachen eines akuten Unterbauchs
 Info
Prehn-Zeichen

Das Prehn-Zeichen hilft bei der Differenzierung zwischen einer Hodentorsion und einer Epididymitis. Der Hoden wird dabei durch das medizinische Personal oder den Patienten selbst angehoben. 

  • Anheben des Hodens wird als schmerzhaft empfunden: Prehn-Zeichen negativ → Hodentorsion, DD: Hodentrauma
  • Anheben des Hodens wird als Schmerzentlastung empfunden: Prehn-Zeichen positiv → Epididymitis 

Perkussion:

  • Keine Perkussion des Skrotumliefert keinen diagnostischen Zusatznutzen und verstärkt lediglich die Schmerzen

Auskultation:

  • Herz und Lunge: Auskultatorisch sind in der Regel keine charakteristischen Veränderungen zu erwarten
  • Abdomen: Darmgeräusche größtenteils regelrecht. Auffällige Befunde sollten an Differenzialdiagnosen wie eine Skrotalhernie denken lassen

Therapie

Basismaßnahmen:

  • Lagerung:
    • Kreislaufstabile Patient:innen: Schmerzadaptierte Lagerung entsprechend dem individuellen Komfort
    • Kreislaufinstabile Patient:innen: Flachlagerung 
  • Monitoring und Basisdiagnostik: Kontinuierliche Überwachung mittels EKG, SpO₂, Blutdruck-, Atemfrequenz- und Temperaturkontrolle
  • Sauerstoffgabe: bedarfsorientierte Sauerstofftherapie bei Hypoxämie, respiratorischer Beeinträchtigung oder Kreislaufinstabilität
  • Venöser Zugang: Anlage eines intravenösen Zugangs zur Analgesie 
  • Nahrungskarenz: Keine orale Nahrungs- oder Flüssigkeitsaufnahme aufgrund der hohen Wahrscheinlichkeit einer notfallmäßigen Operation
  • Zeitkritischen Verlauf beachten: Jede Verzögerung erhöht das Risiko eines irreversiblen Hodenschadens. Die Zeit seit Schmerzbeginn sollte dokumentiert und bei der Übergabe ausdrücklich kommuniziert werden
  • Zielklinik: Nach Herstellung der Transportfähigkeit schnellstmöglicher Transport in eine Klinik mit urologischer Versorgung

Spezifische Maßnahmen:

  • Volumenmanagement: Moderate Gabe von balancierten Vollelektrolytlösungen als Erhaltungsinfusion zur Sicherstellung eines ausreichenden Flüssigkeitshaushalts
  • Analgesie: Stufenweise Schmerztherapie mit Nicht-Opioid-Analgetika, z.B. Paracetamol 1000 mg i.v. oder Metamizol 0,5 - 1 g i.v. und bei Bedarf Opioiden, z.B. Fentanyl 0,05 mg i.v. titriert bis gewünschte Wirkung, max. Dosis: 0,2 mg
  • Antiemese: Bei Übelkeit oder Erbrechen Gabe eines Antiemetikums, z.B. Ondansetron 4 mg i.v. oder Dimenhydrinat 62 mg i.v.

Besondere Situationen

  • Perinatale Hodentorsion: Tritt intrauterin oder kurz nach der Geburt auf und verläuft häufig schmerzlos. Der betroffene Hoden ist bei Diagnosestellung meist nicht mehr vital.
  • Intermittierende Hodentorsion: Wiederkehrende Hodenschmerzen mit spontaner Beschwerdebesserung können auf eine unvollständige Torsion hinweisen und gelten als Warnzeichen für eine vollständige Hodentorsion.
  • Traumatische Hodentorsion: Auch nach einem stumpfen Hodentrauma muss eine Hodentorsion ausgeschlossen werden. Schmerzen dürfen nicht allein dem Trauma zugeschrieben werden.
  • Hodentorsion bei Hodenhochstand: Häufig atypische Beschwerden mit Leisten- oder Unterbauchschmerzen und leerem Skrotum. Die Diagnose ist erschwert, das Torsionsrisiko jedoch erhöht.

Transport

Grundsätzlich richtet sich die Wahl des Zielkrankenhauses nach dem Verdacht auf eine Hodentorsion, dem Zeitpunkt des Schmerzbeginns sowie möglichen Komplikationen.

  • Verdacht auf Hodentorsion: Schnellstmöglicher Transport in ein Krankenhaus mit urologischer Versorgung und operativer Behandlungsmöglichkeit
  • Kinder und Jugendliche: Vorstellung in einer Kinderklinik bzw. einem Zentrum mit pädiatrisch-urologischer oder kinderchirurgischer Expertise, sofern zeitnah erreichbar und ohne relevante Transportverzögerung
 Tipp

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  • Männliche Geschlechtsorgane (Einleitung)
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Zuletzt aktualisiert am 28.06.2026
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