Die Hodentorsion ist eine akute, lebensbedrohliche Erkrankung, bei der der Hoden sich um den Samenstrang verdreht. Das kann die Durchblutung des Hodens unterbrechen und innerhalb von 6 Stunden zu irreversiblen Schäden führen. Typische Symptome sind plötzlich einsetzende, starke Schmerzen im Hoden, Übelkeit und Erbrechen. Eine rasche Diagnose und der sofortige Transport in ein urologisches Zentrum sind entscheidend, um den Hoden zu retten.
Um den Einstieg in das Thema Hodentorsion etwas zu erleichtern, wird im Folgenden ein Fall beschrieben, wie er sich präklinisch ereignen könnte.
Das Szenario
Einsatzmeldung:
Stichwort: Akuter Schmerz/unklarer Befund im Unterbauch
Ort: Privathaushalt
Alarmzeit: 15:35 Uhr
Anrufer: Mutter des Patienten
Anzahl der Betroffenen: 1 (16-jähriger Junge)
Zusatzinfo:
Plötzlich einsetzende Schmerzen
Keine Verletzung
Der Patient ist blass und schwitzt stark
Lageeinweisung vor Ort:
Beim Eintreffen des Rettungsdienstes steht die Mutter vor dem Wohnhaus und weist euch den Weg in die Wohnung.
Die Lage ist wie folgt:
Der Patient liegt auf dem Sofa in embryonaler Haltung
Er greift sich immer wieder an den Unterbauch und den Hoden
Er wirkt blass, schwitzt stark und gibt an, dass die Schmerzen sehr plötzlich und extrem stark einsetzten
Der Schmerz begann als er von der Couch aufgestanden sei
Ersteindruck nach xABCDE-Schema
Um sich einen ersten umfassenden Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten in einer Notfallsituation zu verschaffen, bietet sich das xABCDE-Schema an. Um die Arbeit mit dem Schema zu veranschaulichen, ist hier ein xABCDE-Schema abgebildet, wie es im Falle einer Ersteinschätzung bei einer Patientin oder einem Patienten mit Hodentorsion aussehen könnte.
Es handelt sich dabei um die Befunde, die innerhalb der ersten paar Minuten erhoben werden können. Erweiterte Diagnostik und Abfragen sind natürlich von Bedeutung, jedoch würde zum Beispiel die Messung des Blutzuckers in diesem Fall hintangestellt und taucht zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf.
x
Keine kritischen Blutungen
A
Atemwege frei
Schleimhäute rosig
Patient spricht selbständig
Kein A-Problem
B
Inspektorisch:
Thoraxexkursion beidseits physiologisch
Keine Zyanose
Auskultatorisch:
Beidseits vesikuläres Atemgeräusch
Keine Nebengeräusche
Palpatorisch:
Thorax insgesamt stabil
SpO2: 98%
Kein B-Problem
C
Hautkolorit blass
Insgesamt schweißig
Rekap-Zeit: 2 Sekunden
Große Blutungsräume ohne Zeichen auf akute Blutungen
Palpation des Pulses am Handgelenk
Rhythmisch
Gut tastbar
Tachykard, 105/min
Kein C-Problem
D
Wach, orientiert, ansprechbar
GCS 15
Öffnen der Augen: 4
Beste verbale Reaktion: 5
Beste motorische Reaktion: 6
Pupillenkontrolle:
Isokor
Mittelweit
Lichtreagibel
Kein D-Problem
E
Keine Verletzungen ersichtlich
Symptome:
Starke Schmerzen im rechten Hoden
Starke Schmerzen im Unterbauch
Panik
Allergien/Infektionen: Keine bekannt
Medikamente: Weder Dauermedikation vorhanden noch Akutmedikation genommen
Patientengeschichte: Keine Vorerkrankungen
Letzte Mahlzeit (wegen möglicher Narkoseinleitung): Vor 4 Stunden
Ereignis:
Akut aufgetretene Schmerzen ohne erinnerliches Trauma
Der Schmerz begann als der Patient von der Couch aufgestanden sei
Risikofaktoren: Junger Mann
Akutes E-Problem
Achtung
Das hier gezeigte Assessment vermittelt nur einen exemplarischen ersten Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten. Im Verlauf der Behandlung müssen weitere Maßnahmen ergriffen und Informationen gesammelt werden. Das Schema erhebt daher keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern soll lediglich einen praktischen Einstieg in das Thema ermöglichen.
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Definition
Hodentorsion
Bei der Hodentorsion kommt es zu einer Rotation des Hodens um den Samenstrang (Funiculus spermaticus). Die Verdrehung führt zunächst zu einer Behinderung des venösen Abflusses und im weiteren Verlauf zur Unterbrechung der arteriellen Perfusion. Die resultierende Ischämie kann innerhalb weniger Stunden zu einer irreversiblen Nekrose des Hodens führen.
Klassifikation
Intravaginale Torsion: Diese Form ist bei Jugendlichen am häufigsten. Die Verdrehung erfolgt innerhalb der Tunica vaginalis
Extravaginale Torsion: Diese Form betrifft Neugeborene. Hier erfolgt die Drehung außerhalb der Tunica vaginalis, meist in den ersten Lebenstagen
Epidemiologie
Inzidenz: Etwa 4–7 Fälle pro 100.000 Jungen unter 18 Jahren pro Jahr
Altersverteilung: Eine Hodentorsion kann grundsätzlich in jedem Lebensalter auftreten, zeigt jedoch zwei Häufigkeitsgipfel:
1. Lebensjahr, insbesondere bei Neugeborenen
12. bis 18. Lebensjahr, in dem etwa 65 % aller Hodentorsionen auftreten
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Ursachen
Idiopathische Hodentorsion: häufigste Ursache. Eine abnorme Beweglichkeit des Hodens ermöglicht die Verdrehung um den Samenstrang. Auslöser können sportliche Aktivität, abrupte Bewegungen oder eine kräftige Kontraktion des Musculus cremaster bzw. dartos sein
Traumatische Hodentorsion: Seltene Form nach einem stumpfen Trauma des Skrotum. Die Diagnose wird häufig verzögert gestellt, da die Beschwerden zunächst dem Trauma zugeschrieben werden
Prä- und perinatale Hodentorsion: Betrifft überwiegend Neugeborene und tritt meist als extravaginale Torsion auf. Begünstigende Faktoren sind unter anderem Geburtstraumata oder ein niedriges Geburtsgewicht
Risikofaktoren
Bell-Clapper-Anomalie: häufigste anatomische Prädisposition. Durch die fehlende Fixierung des Hodens an der Tunica vaginalis besteht eine erhöhte Beweglichkeit mit gesteigertem Torsionsrisiko
Hodenhochstand: Ein retinierter oder verspätet deszendierter Hoden erhöht das Risiko einer Hodentorsion
Pendelhoden: Wiederholtes Hochgleiten des Hodens infolge einer ausgeprägten Kremasterkontraktion kann eine Verdrehung des Samenstrangs begünstigen
Intermittierende Hodentorsion: Wiederkehrende, spontan rückläufige Hodenschmerzen können auf bereits stattgehabte unvollständige Torsionen hinweisen und gelten als wichtiger Risikofaktor für eine vollständige Hodentorsion
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Merke
Reminder: Physiologische Grundlagen
Der Samenstrang (Funiculus spermaticus) enthält die A. testicularis, den Plexus pampiniformis, Lymphgefäße und Nervenfasern. Über ihn erfolgen die arterielle Blutversorgung, der venöse Blutabfluss, der Lymphabfluss sowie die Innervation des Hodens
Der Samenstrang verläuft durch den Leistenkanal. Der Hoden ist von der Tunica vaginalis umgeben und besitzt dadurch eine gewisse Beweglichkeit im Skrotum
Physiologischerweise ist der Hoden ausreichend fixiert und kann sich nicht frei um den Samenstrang drehen
Ist diese Fixierung gestört, beispielsweise bei einer Bell-Clapper-Anomalie, kann sich der Hoden um den Samenstrang verdrehen. Dies bildet die anatomische Voraussetzung für eine Hodentorsion
Die Hodentorsion entsteht durch eine Verdrehung des Hodens mit dem Samenstrang innerhalb des Skrotum. Dadurch werden zunächst der venöse Abfluss und im weiteren Verlauf auch die arterielle Blutversorgung unterbrochen. Die resultierende Ischämie führt unbehandelt innerhalb weniger Stunden zu einer Infarzierung und Nekrose des Hodengewebes.
Ablauf der Hodentorsion
Verdrehung des Samenstrangs: der Hoden rotiert meist um mehr als 180° und verdreht dabei den Samenstrang mit seinen versorgenden Gefäßen
Venöse Abflussstörung: zunächst werden die Venen komprimiert → venöser Rückstau und Ödembildung im Hoden
Druckanstieg im Hoden: das zunehmende Stauungsödem erhöht den interstitiellen Gewebedruck, wodurch die arteriellen Gefäße zunehmend komprimiert werden
Arterielle Minderdurchblutung: die Einengung der Arterien führt zu einer verminderten Perfusion des Hodens und einer fortschreitenden Ischämie
Ischämie und Nekrose: der vollständige Verschluss der Blutversorgung führt zu Gewebehypoxie, Thrombosen und schließlich zur hämorrhagischen Infarzierung des Hodens
Hodentorsion: Vergleich zwischen Normalbefund und verdrehtem Samenstrang
Verlauf und Folgen der Ischämie
Frühphase: Innerhalb der ersten 2–6 Stunden kann der Hoden durch eine rasche Detorquierung häufig noch erhalten werden
Irreversible Schädigung: Nach etwa 6 Stunden steigt das Risiko einer irreversiblen Hodennekrose deutlich an. Häufig ist dann eine Orchiektomie erforderlich
Langzeitfolgen: Auch nach erfolgreicher Wiederherstellung der Durchblutung besteht ein erhöhtes Risiko für eine eingeschränkte Fruchtbarkeit, vermutlich infolge von Ischämie-Reperfusionsschäden
Hoden (Testis) und Hodensack (Skrotum)
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Typische Zeichen
Akuter Hodenschmerz: Plötzlich einsetzender, stärkster einseitiger Schmerz im Skrotum mit rascher Zunahme der Schmerzintensität
Schmerzausstrahlung: Ausstrahlung in Leiste, Unterbauch oder seltener in die Flanke durch gemeinsame segmentale Innervation
Hochstand des Hodens: Betroffener Hoden häufig hochgezogen und querstehend als Ausdruck der Verdrehung des Samenstrangs
Schwellung und Rötung des Skrotum Im Verlauf zunehmende Schwellung, Rötung und Überwärmung durch venöse Abflussstörung und Ödembildung
Generalisierte Zeichen
Übelkeit und Erbrechen: Häufige Begleitsymptome infolge der ausgeprägten Schmerz- und vegetativen Reaktion
Vegetative Aktivierung: Blässe, Kaltschweißigkeit und Tachykardie als Ausdruck der starken Schmerzreaktion
Unruhe: Betroffene wirken häufig schmerzgeplagt und finden keine schmerzlindernde Position
Fieber: spricht nicht für eine unkomplizierte Hodentorsion und sollte an Differenzialdiagnosen wie Epididymitis oder Orchitis denken lassen
Allgemeinzustandsverschlechterung: Kreislaufbeeinträchtigung oder Vigilanzminderung sind untypisch und können auf fortgeschrittene Komplikationen oder andere Ursachen hinweisen
Zunehmende Schwellung und livide Verfärbung des Skrotum
Übelkeit und Erbrechen in Kombination mit akutem Hodenschmerz
Persistierende oder rasch progrediente Schmerzsymptomatik
Tipp
Insbesondere bei jungen Kindern kann sich eine Hodentorsion mit unspezifischen Bauchschmerzen, Unruhe oder Weinen präsentieren. Ein Hodenschmerz wird häufig nicht spontan angegeben, da die Schmerzlokalisation schwerfällt oder Scham eine gezielte Schilderung der Beschwerden verhindert.
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Anamnese
S (Symptome): Plötzlich einsetzender, stärkster einseitiger Hodenschmerz, häufig mit Ausstrahlung in Leiste, Unterbauch oder die Flanke. Typisch sind Schwellung, Rötung und Hochstand des Hodens. Häufig bestehen Übelkeit, Erbrechen und Kaltschweißigkeit.
Red Flags: Beschwerden seit mehr als 6 Stunden, zunehmende Schwellung oder livide Verfärbung des Skrotum sowie persistierende starke Schmerzen sprechen für eine fortgeschrittene Ischämie
A (Allergien, Infektionen): Relevante Medikamentenallergien (z.B. gegen Analgetika, Antibiotika oder Narkosemedikamente) erfragen. Zusätzlich nach aktuellen oder kürzlich aufgetretenen Infektionen, insbesondere einer Epididymitis oder Orchitis, fragen, da diese wichtige Differenzialdiagnosen der Hodentorsion darstellen
M (Medikation): Aktuelle Dauermedikation (z.B. Antikoagulanzien oder Analgetika) sowie bereits eingenommene Schmerzmittel und deren Wirkung erfragen
P (Patientengeschichte): Frühere Hodentorsionen, Operationen im Genitalbereich (z.B. Orchidopexie), Hodenhochstand, Pendelhoden, Traumata oder wiederkehrende Hodenschmerzen erfragen. Auch eine familiäre Belastung kann relevant sein
L (Letzte…): Zeitpunkt und Art der letzten Nahrungsaufnahme erfragen, da häufig eine notfallmäßige Operation erforderlich ist
E (Ereignis): Die Beschwerden beginnen meist plötzlich, häufig in Ruhe oder nach körperlicher Aktivität. Ein Trauma kann vorausgegangen sein, ist jedoch keine Voraussetzung für eine Hodentorsion
R (Risiko): Jugendliches Alter, Bell-Clapper-Anomalie, Hodenhochstand, Pendelhoden, rezidivierende unvollständige Torsionen sowie eine familiäre Disposition erhöhen das Risiko einer Hodentorsion
S (Schwangerschaft):
Tipp
Nutze Schemata
Um die Anamnese strukturiert durchzuführen, bietet es sich an, Schemata, wie das SAMPLERS oder OPQRST-Schema zu nutzen. Am obigen Beispiel haben wir Fragen und Befunde dargestellt, die bei dem Verdacht auf eine Hodentorsion abgefragt werden sollten und vorliegen könnten.
Körperliche Untersuchung
Inspektion:
Skrotum: Beurteilung von Rötung, Schwellung, Asymmetrie sowie einem Hochstand des betroffenen Hodens
Hodenposition: Der betroffene Hoden steht häufig hoch und quer; die Skrotalhaut kann gespannt erscheinen
Merke
Das Fehlen äußerlich sichtbarer Veränderungen schließt eine Hodentorsion nicht aus.
Palpation:
Hoden: ausgeprägter Druckschmerz, häufig verhärteter, prall gespannter und hochstehender Hoden
Kremasterreflex: Auf der betroffenen Seite meist nicht auslösbar; Seitenvergleich durchführen
Prehn-Zeichen: typischerweise negativ. Die Schmerzen bleiben beim Anheben des Hodens unverändert oder nehmen zu
Abdomen: Systematische, vorsichtige Palpation zum Ausschluss anderer Ursachen eines akuten Unterbauchs
Info
Prehn-Zeichen
Das Prehn-Zeichen hilft bei der Differenzierung zwischen einer Hodentorsion und einer Epididymitis. Der Hoden wird dabei durch das medizinische Personal oder den Patienten selbst angehoben.
Anheben des Hodens wird als schmerzhaft empfunden: Prehn-Zeichen negativ → Hodentorsion, DD: Hodentrauma
Anheben des Hodens wird als Schmerzentlastung empfunden: Prehn-Zeichen positiv → Epididymitis
Perkussion:
Keine Perkussion des Skrotum → liefert keinen diagnostischen Zusatznutzen und verstärkt lediglich die Schmerzen
Auskultation:
Herz und Lunge: Auskultatorisch sind in der Regel keine charakteristischen Veränderungen zu erwarten
Abdomen: Darmgeräusche größtenteils regelrecht. Auffällige Befunde sollten an Differenzialdiagnosen wie eine Skrotalhernie denken lassen
Vitalparameter
Parameter
Typischer Befund / Veränderung
Pathophysiologischer Hintergrund
Herzfrequenz
Meist normwertig, bei starken Schmerzen häufig Tachykardie
Meist normwertig, bei ausgeprägter Schmerzsymptomatik häufig erhöht
Stress- und Schmerzreaktion → Katecholaminausschüttung → Blutdruck ↑
Atemfrequenz
Meist normwertig bis leicht erhöht
Schmerzbedingte Stressreaktion mit flacherer, beschleunigter Atmung
Temperatur
In der Regel normwertig
Fieber spricht gegen eine isolierte Hodentorsion und eher für eine entzündliche Ursache, z.B. Epididymitis oder Orchitis
Sauerstoffsättigung
In der Regel normwertig
Keine direkte Beeinträchtigung von Ventilation oder Oxygenierung durch eine Hodentorsion
Blutzucker
In der Regel normwertig
Keine direkte Stoffwechselstörung
Orientierende neurologische Untersuchung
Eine neurologische Untersuchung ist nur bei Vigilanzminderung, unklarer Schmerzursache oder Verdacht auf eine andere zugrunde liegende Erkrankung erforderlich
Weiterführende apparative Diagnostik
12-Kanal-EKG: Ausschluss kardialer Differenzialdiagnosen sowie Beurteilung von Herzfrequenz und Herzrhythmus
Tachykardie: häufig Ausdruck der ausgeprägten Schmerzreaktion oder vegetativen Aktivierung
POCUS / eFAST: Ergänzende präklinische Sonografie zum Ausschluss wichtiger Differenzialdiagnosen. Bei klinisch eindeutiger Hodentorsion nicht erforderlich.
Freie Flüssigkeit: Nachweis freier intraabdomineller Flüssigkeit als Hinweis auf Blutung oder andere akute intraabdominelle Ursachen
Harntrakt: Ausschluss einer Hydronephrose oder anderer urologischer Ursachen, z.B. einer Harnleiterobstruktion
Aortenbeurteilung: Ausschluss eines abdominellen Aortenaneurysmas bei entsprechender Klinik
Achtung
Eine Diagnosesicherung ist mit dem präklinischen Ultraschallnicht möglich und darf den zeitkritischen Transport bei Verdacht auf eine Hodentorsion nicht verzögern.
Info
Die Innerklinisch durchgeführte farbkodierte Duplexsonografie ist die Methode der Wahl zum Nachweis einer verminderten oder fehlenden Hodendurchblutung.
Positives Prehn-Zeichen, Kremasterreflex meist erhalten → Fieber spricht eher für eine Entzündung
Hodentrauma / Hodenruptur
Schmerzen nach direktem Trauma, Schwellung, Hämatom
Trauma erklärt die Beschwerden, eine Hodentorsion muss dennoch ausgeschlossen werden
Appendizitis
Unterbauchschmerzen, Übelkeit, Fieber
Leeres Skrotum oder Hoden im Leistenkanal möglich, Abdomen immer mituntersuchen
Nierenkolik
Flanken- oder Unterbauchschmerzen mit Ausstrahlung in Leiste oder Hoden, Unruhe
Typischerweise Flankenschmerz, häufig Hämaturie und Klopfschmerz im Nierenlager
Hodenhochstand mit Einklemmung
Leisten- oder Unterbauchschmerzen, leeres Skrotum
Immer an einen nicht deszendierten Hoden denken → hohe Torsionsgefahr
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Info
Die dargestellten Maßnahmen orientieren sich an den Empfehlungen des Deutschen Berufsverbands Rettungsdienst (DBRD) und werden durch weitere spezifische, leitliniengerechte Maßnahmen ergänzt, um eine strukturierte und evidenzbasierte Versorgung von Patient:innen sicherzustellen.
Merke
Das präklinische Therapieziel besteht in einer ausreichenden Analgesie, einer patientengerechten Lagerung sowie der Herstellung der Transportfähigkeit. Anschließend sollte der schnellstmögliche Transport in eine Klinik mit urologischer Versorgung erfolgen.
Basismaßnahmen
Lagerung:
Kreislaufstabile Patienten: Schmerzadaptierte Lagerung entsprechend dem individuellen Komfort
Kreislaufinstabile Patienten: Flachlagerung
Monitoring und Basisdiagnostik: Kontinuierliche Überwachung mittels EKG, SpO₂, Blutdruck-, Atemfrequenz- und Temperaturkontrolle
Sauerstoffgabe: bedarfsorientierte Sauerstofftherapie bei Hypoxämie, respiratorischer Beeinträchtigung oder Kreislaufinstabilität
Venöser Zugang: Anlage eines intravenösen Zugangs zur Analgesie
Nahrungskarenz: Keine orale Nahrungs- oder Flüssigkeitsaufnahme aufgrund der hohen Wahrscheinlichkeit einer notfallmäßigen Operation
Zeitkritischen Verlauf beachten: Jede Verzögerung erhöht das Risiko eines irreversiblen Hodenschadens. Die Zeit seit Schmerzbeginn sollte dokumentiert und bei der Übergabe ausdrücklich kommuniziert werden
Zielklinik: Nach Herstellung der Transportfähigkeit schnellstmöglicher Transport in eine Klinik mit urologischer Versorgung
Spezifische Maßnahmen
Volumenmanagement: Moderate Gabe von balancierten Vollelektrolytlösungen als Erhaltungsinfusion zur Sicherstellung eines ausreichenden Flüssigkeitshaushalts
Analgesie: Stufenweise Schmerztherapie mit Nicht-Opioid-Analgetika, z.B. Paracetamol 1000 mg i.v. oder Metamizol 0,5 - 1 g i.v. und bei Bedarf Opioiden, z.B. Fentanyl 0,05 mg i.v. titriert bis gewünschte Wirkung, max. Dosis: 0,2 mg
Antiemese: Bei Übelkeit oder Erbrechen Gabe eines Antiemetikums, z.B. Ondansetron4 mg i.v. oder Dimenhydrinat 62 mg i.v.
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Perinatale Hodentorsion
Die perinatale Hodentorsion tritt intrauterin oder unmittelbar nach der Geburt auf und verläuft häufig ohne typische Schmerzsymptomatik.
Besonderheiten: Asymmetrisches Skrotum sowie vergrößerter, verhärteter Hoden; meist extravaginale Hodentorsion
Therapeutische Besonderheiten: Operative Vorstellung zur Sicherung der Diagnose und Fixation des gesunden Hodens
Klinische Bedeutung: Der betroffene Hoden ist bei Diagnosestellung meist irreversibel geschädigt
Intermittierende Hodentorsion
Bei der intermittierenden Hodentorsion kommt es zu einer vorübergehenden Verdrehung des Samenstrangs mit spontaner Rückbildung der Beschwerden.
Besonderheiten: wiederkehrende, plötzlich einsetzende Hodenschmerzen mit spontaner Besserung
Therapeutische Besonderheiten: Auch nach Beschwerderückgang urologische Abklärung erforderlich
Klinische Bedeutung: Erhöhtes Risiko für eine vollständige Hodentorsion
Traumatische Hodentorsion
Eine Hodentorsion kann auch nach einem stumpfen Hodentrauma auftreten und wird dabei leicht übersehen.
Besonderheiten: Schmerzen und Schwellung nach Trauma
Therapeutische Besonderheiten: Eine Hodentorsion muss trotz vorausgegangenem Trauma immer ausgeschlossen werden
Klinische Bedeutung: Verzögerte Diagnosestellung erhöht das Risiko eines Hodenverlustes
Hodentorsion bei Hodenhochstand
Bei einem Hodenhochstand kann die Hodentorsion atypisch verlaufen und diagnostisch erschwert sein.
Besonderheiten: Häufig Unterbauch- oder Leistenschmerzen bei leerem Skrotum
Therapeutische Besonderheiten: Sorgfältige Untersuchung der Leistenregion und frühzeitige urologische Vorstellung
Klinische Bedeutung: Erhöhtes Torsionsrisiko und häufig verzögerte Diagnosestellung
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Zielkrankenhaus
Grundsätzlich richtet sich die Wahl des Zielkrankenhauses nach dem Verdacht auf eine Hodentorsion, dem Zeitpunkt des Schmerzbeginns sowie möglichen Komplikationen.
Verdacht auf Hodentorsion: Schnellstmöglicher Transport in ein Krankenhaus mit urologischer Versorgung und operativer Behandlungsmöglichkeit
Kinder und Jugendliche: Vorstellung in einer Kinderklinik bzw. einem Zentrum mit pädiatrisch-urologischer oder kinderchirurgischer Expertise, sofern zeitnah erreichbar und ohne relevante Transportverzögerung
Transportbegleitende Maßnahmen
Monitoring: Kontinuierliche Überwachung von EKG, Blutdruck, Herzfrequenz, Sauerstoffsättigung und Vigilanz
Sauerstofftherapie: bedarfsorientierte Sauerstoffgabe bei Hypoxie, respiratorischer Beeinträchtigung oder hämodynamischer Instabilität
Analgesie: Fortführung einer begonnenen Schmerztherapie mit regelmäßiger Reevaluation
Dokumentation: Erfassung von Symptombeginn, Schmerzverlauf, klinischen Untersuchungsbefunden, Vitalparametern sowie durchgeführten Maßnahmen
Zeitmanagement: Der Zeitpunkt des Schmerzbeginns sollte dokumentiert und bereits während des Transports an die Zielklinik kommuniziert werden, da er für die Therapieentscheidung und Prognose entscheidend ist
Übergabe in der Klinik
Strukturierte Übergabe nach standardisierten Schemata wie SINNHAFT oder ISOBAR
Übergabe relevanter Informationen zu:
Zeitpunkt des Schmerzbeginns und bisheriger Verlauf
Schmerzlokalisation und Ausstrahlung
Begleitsymptomen (z. B. Übelkeit, Erbrechen)
Klinischen Untersuchungsbefunden (Hodenhochstand, Kremasterreflex, Prehn-Zeichen, Schwellung oder Rötung)
Relevante Vorerkrankungen (z. B. Hodenhochstand, frühere Hodentorsion, Orchidopexie) sowie aktuelle Medikation
Erhobenen Vitalparametern und deren Verlauf
Durchgeführte Maßnahmen (Analgesie, Sauerstoffgabe) und deren Wirkung
Zeitkritischer Notfall: Der Verdacht auf eine Hodentorsion sollte ausdrücklich kommuniziert werden, damit die urologische Versorgung frühzeitig vorbereitet werden kann
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Definition
Definition
Hodentorsion
Bei der Hodentorsion kommt es zu einer Rotation des Hodens um den Samenstrang (Funiculus spermaticus). Die Verdrehung führt zunächst zu einer Behinderung des venösen Abflusses und im weiteren Verlauf zur Unterbrechung der arteriellen Perfusion. Die resultierende Ischämie kann innerhalb weniger Stunden zu einer irreversiblen Nekrose des Hodens führen.
Ursachen
Idiopathische Hodentorsion: häufigste Ursache. Eine abnorme Beweglichkeit des Hodens ermöglicht die Verdrehung um den Samenstrang. Auslöser können sportliche Aktivität, abrupte Bewegungen oder eine kräftige Kontraktion des Musculus cremaster bzw. dartos sein
Traumatische Hodentorsion: Seltene Form nach einem stumpfen Trauma des Skrotum. Die Diagnose wird häufig verzögert gestellt, da die Beschwerden zunächst dem Trauma zugeschrieben werden
Prä- und perinatale Hodentorsion: Betrifft überwiegend Neugeborene und tritt meist als extravaginale Torsion auf. Begünstigende Faktoren sind unter anderem Geburtstraumata oder ein niedriges Geburtsgewicht
Pathophysiologie
Verdrehung des Samenstrangs: der Hoden rotiert meist um mehr als 180° und verdreht dabei den Samenstrang mit seinen versorgenden Gefäßen
Venöse Abflussstörung: zunächst werden die Venen komprimiert → venöser Rückstau und Ödembildung im Hoden
Druckanstieg im Hoden: das zunehmende Stauungsödem erhöht den interstitiellen Gewebedruck, wodurch die arteriellen Gefäße zunehmend komprimiert werden
Arterielle Minderdurchblutung: die Einengung der Arterien führt zu einer verminderten Perfusion des Hodens und einer fortschreitenden Ischämie
Ischämie und Nekrose: der vollständige Verschluss der Blutversorgung führt zu Gewebehypoxie, Thrombosen und schließlich zur hämorrhagischen Infarzierung des Hodens
Klinischer Eindruck
Akuter Hodenschmerz: Plötzlich einsetzender, stärkster einseitiger Schmerz im Skrotum mit rascher Zunahme der Schmerzintensität
Schmerzausstrahlung: Ausstrahlung in Leiste, Unterbauch oder seltener in die Flanke durch gemeinsame segmentale Innervation
Hochstand des Hodens: Betroffener Hoden häufig hochgezogen und querstehend als Ausdruck der Verdrehung des Samenstrangs
Schwellung und Rötung des Skrotum Im Verlauf zunehmende Schwellung, Rötung und Überwärmung durch venöse Abflussstörung und Ödembildung
Diagnostik
Inspektion:
Skrotum: Beurteilung von Rötung, Schwellung, Asymmetrie sowie einem Hochstand des betroffenen Hodens
Hodenposition: Der betroffene Hoden steht häufig hoch und quer; die Skrotalhaut kann gespannt erscheinen
Merke
Das Fehlen äußerlich sichtbarer Veränderungen schließt eine Hodentorsion nicht aus.
Palpation:
Hoden: ausgeprägter Druckschmerz, häufig verhärteter, prall gespannter und hochstehender Hoden
Kremasterreflex: Auf der betroffenen Seite meist nicht auslösbar; Seitenvergleich durchführen
Prehn-Zeichen: typischerweise negativ. Die Schmerzen bleiben beim Anheben des Hodens unverändert oder nehmen zu
Abdomen: Systematische, vorsichtige Palpation zum Ausschluss anderer Ursachen eines akuten Unterbauchs
Info
Prehn-Zeichen
Das Prehn-Zeichen hilft bei der Differenzierung zwischen einer Hodentorsion und einer Epididymitis. Der Hoden wird dabei durch das medizinische Personal oder den Patienten selbst angehoben.
Anheben des Hodens wird als schmerzhaft empfunden: Prehn-Zeichen negativ → Hodentorsion, DD: Hodentrauma
Anheben des Hodens wird als Schmerzentlastung empfunden: Prehn-Zeichen positiv → Epididymitis
Perkussion:
Keine Perkussion des Skrotum → liefert keinen diagnostischen Zusatznutzen und verstärkt lediglich die Schmerzen
Auskultation:
Herz und Lunge: Auskultatorisch sind in der Regel keine charakteristischen Veränderungen zu erwarten
Abdomen: Darmgeräusche größtenteils regelrecht. Auffällige Befunde sollten an Differenzialdiagnosen wie eine Skrotalhernie denken lassen
Therapie
Basismaßnahmen:
Lagerung:
Kreislaufstabile Patient:innen: Schmerzadaptierte Lagerung entsprechend dem individuellen Komfort
Kreislaufinstabile Patient:innen: Flachlagerung
Monitoring und Basisdiagnostik: Kontinuierliche Überwachung mittels EKG, SpO₂, Blutdruck-, Atemfrequenz- und Temperaturkontrolle
Sauerstoffgabe: bedarfsorientierte Sauerstofftherapie bei Hypoxämie, respiratorischer Beeinträchtigung oder Kreislaufinstabilität
Venöser Zugang: Anlage eines intravenösen Zugangs zur Analgesie
Nahrungskarenz: Keine orale Nahrungs- oder Flüssigkeitsaufnahme aufgrund der hohen Wahrscheinlichkeit einer notfallmäßigen Operation
Zeitkritischen Verlauf beachten: Jede Verzögerung erhöht das Risiko eines irreversiblen Hodenschadens. Die Zeit seit Schmerzbeginn sollte dokumentiert und bei der Übergabe ausdrücklich kommuniziert werden
Zielklinik: Nach Herstellung der Transportfähigkeit schnellstmöglicher Transport in eine Klinik mit urologischer Versorgung
Spezifische Maßnahmen:
Volumenmanagement: Moderate Gabe von balancierten Vollelektrolytlösungen als Erhaltungsinfusion zur Sicherstellung eines ausreichenden Flüssigkeitshaushalts
Analgesie: Stufenweise Schmerztherapie mit Nicht-Opioid-Analgetika, z.B. Paracetamol 1000 mg i.v. oder Metamizol 0,5 - 1 g i.v. und bei Bedarf Opioiden, z.B. Fentanyl 0,05 mg i.v. titriert bis gewünschte Wirkung, max. Dosis: 0,2 mg
Antiemese: Bei Übelkeit oder Erbrechen Gabe eines Antiemetikums, z.B. Ondansetron4 mg i.v. oder Dimenhydrinat 62 mg i.v.
Besondere Situationen
Perinatale Hodentorsion: Tritt intrauterin oder kurz nach der Geburt auf und verläuft häufig schmerzlos. Der betroffene Hoden ist bei Diagnosestellung meist nicht mehr vital.
Intermittierende Hodentorsion: Wiederkehrende Hodenschmerzen mit spontaner Beschwerdebesserung können auf eine unvollständige Torsion hinweisen und gelten als Warnzeichen für eine vollständige Hodentorsion.
Traumatische Hodentorsion: Auch nach einem stumpfen Hodentrauma muss eine Hodentorsion ausgeschlossen werden. Schmerzen dürfen nicht allein dem Trauma zugeschrieben werden.
Hodentorsion bei Hodenhochstand: Häufig atypische Beschwerden mit Leisten- oder Unterbauchschmerzen und leerem Skrotum. Die Diagnose ist erschwert, das Torsionsrisiko jedoch erhöht.
Transport
Grundsätzlich richtet sich die Wahl des Zielkrankenhauses nach dem Verdacht auf eine Hodentorsion, dem Zeitpunkt des Schmerzbeginns sowie möglichen Komplikationen.
Verdacht auf Hodentorsion: Schnellstmöglicher Transport in ein Krankenhaus mit urologischer Versorgung und operativer Behandlungsmöglichkeit
Kinder und Jugendliche: Vorstellung in einer Kinderklinik bzw. einem Zentrum mit pädiatrisch-urologischer oder kinderchirurgischer Expertise, sofern zeitnah erreichbar und ohne relevante Transportverzögerung
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Tipp
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Urologische Diagnostik
Männliche Geschlechtsorgane (Einleitung)
Hoden (Testis) und Hodensack (Skrotum)
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