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Hörsturz (RD)

Ohrinfarkt
34 Minuten Lesezeit

Ein Hörsturz ist ein plötzlich auftretender, meist einseitiger Innenohrhörverlust ohne erkennbare Ursache. Häufig wird er von Tinnitus, einem Druck- oder Wattegefühl im betroffenen Ohr sowie gelegentlich von leichtem bis mäßigem Schwindel begleitet.

Obwohl ein Hörsturz nur selten vital bedrohlich ist, erfordert er eine strukturierte präklinische Einschätzung. Insbesondere zentrale Ursachen, wie ein Hirnstamm- oder Kleinhirninfarkt, müssen ausgeschlossen werden. 

Anschließend sollte eine zeitnahe Zuweisung in eine geeignete Klinik mit HNO-Fachabteilung, bei Verdacht auf eine zentrale Ursache in eine Stroke Unit, erfolgen, um eine frühzeitige Diagnostik und Therapie zu ermöglichen.

Um den Einstieg in das Thema Hörsturz etwas zu erleichtern, wird im Folgenden ein Fall beschrieben, wie er sich präklinisch ereignen könnte.

Das Szenario

Einsatzmeldung:

  • Stichwort: HNO-sonstiges
  • Ort: Arztpraxis
  • Alarmzeit: 09:32 Uhr
  • Anrufer:in: Hausärztin
  • Anzahl der betroffenen Personen: 1
  • Zusatzinfo:
    • Patientin, weiblich, 58 Jahre alt
    • Hört plötzlich links nichts mehr
    • Schwindel

Lageeinweisung vor Ort:

Beim Eintreffen an der Einsatzstelle werdet ihr von einer medizinischen Fachangestellten der Hausarztpraxis empfangen und zum Behandlungsraum geführt.

Die Lage ist wie folgt:

  • Die Patientin sitzt auf der Untersuchungsliege und ist wach, ansprechbar sowie vollständig orientiert
  • Sie berichtet über einen plötzlich aufgetretenen Hörverlust des linken Ohres, der vor etwa einer Stunde eingesetzt hat
  • Zusätzlich beschreibt sie ein diffuses Druckgefühl im linken Ohr sowie Schwindel beim raschen Aufrichten
  • Vorbestehende Erkrankungen oder Beschwerden des Ohres sind nicht bekannt
  • Neurologische Ausfälle wie Lähmungen oder Sprachstörungen bestehen nach Angaben der Patientin nicht
  • Die Hausärztin hat eine akute Otitis media klinisch ausgeschlossen und bittet um den Transport in eine Klinik mit HNO-Fachabteilung zur weiteren Diagnostik und Behandlung
Fallbeispiel Hörsturz

Ersteindruck nach xABCDE-Schema

Um sich einen ersten umfassenden Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten in einer Notfallsituation zu verschaffen, bietet sich das xABCDE-Schema an. Um die Arbeit mit dem Schema zu veranschaulichen, ist hier ein xABCDE-Schema abgebildet, wie es im Falle einer Ersteinschätzung bei einer Patientin oder einem Patienten mit Hörsturz aussehen könnte. 

Es handelt sich dabei um die Befunde, die innerhalb der ersten paar Minuten erhoben werden können. Erweiterte Diagnostik und Abfragen sind natürlich von Bedeutung, jedoch würde zum Beispiel die Messung des Blutzuckers in diesem Fall hintenangestellt und taucht zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf.

x

  • Keine kritischen Blutungen

 

A

  • Atemwege frei
  • Schleimhäute rosig
  • Pat. spricht selbständig

Kein 
A-Problem

B

  • Inspektorisch:
    • Thoraxexkursion bds. normal
    • Inspektorisch unauffällig
    • Keine gestaute Halsvenen sichtbar
  • Auskultatorisch:
    • Vesikuläres Atemgeräusch bds. hörbar
  • Palpatorisch:
    • Keine Krepitation spürbar
    • Thorax insgesamt stabil

Kein
B-Problem

C

  • Hautkolorit rosig
  • Recap-Zeit: < 2 Sekunden
  • Große Blutungsräume ohne Zeichen auf akute Blutungen
  • Palpation des Pulses am Handgelenk
    • Rhythmisch
    • Gut tastbar

Kein
C-Problem

D

  • Wach, orientiert, ansprechbar
  • GCS 15
    • Öffnen der Augen: 4
    • Beste verbale Reaktion: 5
    • Beste motorische Reaktion: 6
  • Pupillenkontrolle:
    • Isokor
    • Mittelweit
    • Lichtreagibel

Kein 
D-Problem

E

  • Keine weiteren Verletzungen ersichtlich
  • Symptome:
    • Seit 1 h linksseitiger Hörverlust
    • Leichter Schwindel und Druckgefühl im Ohr
  • Allergien/Infektionen: keine Allergien
  • Medikamente: keine Dauermedikation und/oder Akutmedikation
  • Patientengeschichte: bisher keine Probleme mit den Ohren oder dem Hörvermögen
  • Letzte Mahlzeit: Frühstück um 8 Uhr
  • Ereignis:
    • Kein Trauma, keine vergangenen Reisen
    • Symptomatik trat aus Ruhe auf
  • Risikofaktoren: keine

 

Mittelbares
E-Problem

 Achtung

Das hier gezeigte Assessment vermittelt nur einen exemplarischen ersten Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten. Im Verlauf der Behandlung müssen weitere Maßnahmen ergriffen und Informationen gesammelt werden. Das Schema erhebt daher keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern soll lediglich einen praktischen Einstieg in das Thema ermöglichen.

 Definition
Hörsturz

Ein Hörsturz ist ein plötzlich auftretender, meist einseitiger Innenohrhörverlust, der ohne erkennbare Ursache entsteht und nicht durch eine Störung der Schallleitung erklärt werden kann. Häufig treten zusätzlich Tinnitus, ein Druck- oder Völlegefühl im betroffenen Ohr sowie Schwindel auf.

Klassifikation

Ein Hörsturz kann sowohl nach dem Ausmaß des Hörverlustes als auch nach dem betroffenen Frequenzbereich eingeteilt werden.

Einteilung nach dem Schweregrad:

SchweregradHörschwelle (dB)Typische Auswirkungen
Normales Hörvermögen< 20Keine Hörbeeinträchtigung
Leichter Hörverlust20 bis < 35Leichte Verständigungsschwierigkeiten
Mäßiger Hörverlust35 bis < 50Verständigung in normaler Gesprächslautstärke erschwert
Mäßig schwerer Hörverlust50 bis < 65Deutlich eingeschränktes Sprachverstehen
Schwerer Hörverlust65 bis < 80Sprachverstehen nur noch eingeschränkt möglich
Sehr schwerer Hörverlust80 bis < 95Wahrnehmung überwiegend lauter Geräusche
Taubheit≥ 95Kein Sprachverständnis

Einteilung nach dem betroffenen Frequenzbereich:

FormMerkmal
TieftonhörsturzBetrifft überwiegend tiefe Frequenzen
MitteltonhörsturzBetrifft überwiegend mittlere Frequenzen, seltene Form
HochtonhörsturzBetrifft überwiegend hohe Frequenzen, häufigste Form
Pankochleärer HörsturzBetrifft das gesamte Frequenzspektrum
 Merke

Die genaue Pathogenese des Hörsturzes ist bis heute nicht abschließend geklärt. Wahrscheinlich handelt es sich um ein multifaktorielles Geschehen, bei dem mehrere Mechanismen zusammenwirken können.

  • Durchblutungsstörungen der Cochlea: vermutlich häufigster Pathomechanismus. Eine verminderte Blutversorgung kann zu einer Minderversorgung der Haarzellen und dadurch zu einem akuten Innenohrhörverlust führen
  • Zelluläre Dysfunktion der Haarzellen: Störungen der äußeren oder inneren Haarzellen können die Schalltransduktion beeinträchtigen und einen plötzlichen Hörverlust verursachen
  • Entzündliche Prozesse des Innenohrs: diskutiert werden virale oder immunvermittelte Entzündungsreaktionen, die zu einer Funktionsstörung der Cochlea führen können
  • Psychische Belastungen und Stress: zwischen psychischen Belastungssituationen und dem Auftreten eines Hörsturzes besteht eine Assoziation. Ein ursächlicher Zusammenhang konnte bislang jedoch nicht eindeutig nachgewiesen werden
 Achtung

Ein plötzlich auftretender Hörverlust kann verschiedene Ursachen haben. Deshalb müssen bei Verdacht auf einen Hörsturz stets Differenzialdiagnosen berücksichtigt und ausgeschlossen werden.

 Merke
Reminder: Physiologische Grundlagen
Äußere Ohr und Mittelohr
  • Schallaufnahme: Die Ohrmuschel sammelt die Schallwellen und leitet sie über den äußeren Gehörgang zum Trommelfell, das durch den Schalldruck in Schwingung versetzt wird
  • Schallübertragung: Die Schwingungen des Trommelfells werden über die Gehörknöchelchen (Hammer, Amboss und Steigbügel) verstärkt und auf das ovale Fenster des Innenohrs übertragen
  • Innenohrmechanik: Die Bewegung des ovalen Fensters versetzt die Peri- und Endolymphe in Schwingung. Dadurch entsteht eine Wanderwelle auf der Basilarmembran, wobei unterschiedliche Frequenzen an unterschiedlichen Abschnitten maximal ausgelenkt werden (Tonotopie)
  • Signalwandlung: Die Auslenkung der Basilarmembran verbiegt die Stereozilien der Haarzellen im Corti-Organ. Dadurch werden mechanische Reize in elektrische Nervenimpulse umgewandelt und über den N. cochlearis weitergeleitet
  • Zentrale Verarbeitung: Die Hörinformationen gelangen über die Hörbahn mit mehreren Umschaltstationen bis zur primären Hörrinde (Heschl-Querwindungen) im Temporallappen. Erst dort erfolgt die bewusste Wahrnehmung und Verarbeitung der Schallreize.

Die Pathophysiologie des Hörsturzes ist komplex und bislang nicht vollständig geklärt. Vermutlich tragen mehrere Mechanismen zur Entstehung bei.

Gestörte Durchblutung des Innenohrs

  • Minderdurchblutung der Cochlea: Die Cochlea wird über die A. labyrinthi als Endarterie ohne Kollateralgefäße versorgt. Bereits geringe Perfusionsstörungen können daher zu einer Ischämie führen
  • Vasospasmus: Stress oder eine katecholaminbedingte Gefäßverengung können die Durchblutung zusätzlich vermindern
  • Mikrozirkulationsstörung: Mikrothromben, eine erhöhte Blutviskosität oder Störungen der Kapillardurchblutung verschlechtern die Perfusion der Cochlea
  • Zellschädigung: Sauerstoff- und Nährstoffmangel führen zu oxidativem Stress und schließlich zum Untergang von Haarzellen und Spiralganglienzellen
Aufbau der Cochlea
Aufbau der Cochlea

Zelluläre Schädigung der Haarzellen

  • Gestörter Ionenhaushalt: Veränderungen des Kalium- und Calciumhaushalts beeinträchtigen die Funktion der Haarzellen
  • Energieversagen: Oxidativer Stress und Mitochondrienfunktionsstörungen führen zu einer verminderten Energieversorgung der Zellen
  • Irreversibler Zelluntergang: Apoptose oder Nekrose der Haarzellen kann zu einem dauerhaften Hörverlust führen, da sich diese Zellen nicht regenerieren
Corti-Organ
Corti-Organ

Entzündliche und immunologische Prozesse

  • Autoimmunreaktion: Autoimmunprozesse gegen Innenohrstrukturen können eine vaskulitische Entzündung der Cochlea verursachen
  • Virale Schädigung: Virusinfektionen können Haarzellen oder das Gefäßendothel direkt schädigen oder eine immunvermittelte Entzündungsreaktion auslösen
  • Chronische Entzündung: Anhaltende Entzündungsprozesse können die Funktion des Innenohrs weiter beeinträchtigen

Psychovegetative Faktoren

  • Stressreaktion: Emotionale oder körperliche Belastungen aktivieren das sympathische Nervensystem
  • Vasokonstriktion: Die Freisetzung von Adrenalin und Noradrenalin führt zu einer Gefäßverengung und verminderten Durchblutung des Innenohrs
  • Verstärkung bestehender Gefäßschäden: Bereits vorhandene mikrovaskuläre Veränderungen können dadurch zusätzlich verschlechtert werden

Weitere begünstigende Faktoren

  • Ototoxische Substanzen: Medikamente wie Cisplatin, Aminoglykoside oder Schleifendiuretika können Haarzellen und Synapsen schädigen
  • Metabolische Erkrankungen: Diabetes mellitus oder arterielle Hypertonie fördern Endothelschäden und Vaskulopathien
  • Virusassoziierte Innenohrentzündungen: Auch Infektionen, z.B. nach Zoster oticus, Mumps oder Influenza, werden als mögliche Auslöser diskutiert

Auswirkungen auf das Hörvermögen

  • Sensorineuraler Hörverlust: Typischerweise kommt es zu einer plötzlich auftretenden einseitigen Hörminderung
  • Begleitsymptome: Häufig treten zusätzlich Tinnitus oder ein Druckgefühl im Ohr auf
  • Therapeutische Konsequenz: Eine frühzeitig eingeleitete steroidbasierte Therapie kann entzündliche oder immunologische Prozesse abschwächen und die Heilung begünstigen
 Achtung

Ein einseitiger Hörverlust kann selten ein Frühsymptom eines Schlaganfalls im vertebrobasilären Stromgebiet sein und sollte daher differenzialdiagnostisch stets berücksichtigt werden.

 Merke
Zusammenfassung: Die kritischen Probleme eines Hörsturzes
  • Minderdurchblutung der Cochlea kann durch Vasospasmen, Mikrothromben oder Mikrozirkulationsstörungen entstehen und zu einer Ischämie des Innenohrs führen
  • Der resultierende Sauerstoff- und Nährstoffmangel verursacht oxidativen Stress und schädigt die Haarzellen sowie Spiralganglienzellen der Cochlea
  • Störungen des Ionenhaushalts, Mitochondrienfunktionsstörungen, Entzündungsreaktionen oder Autoimmunprozesse können die Schädigung des Innenohrs zusätzlich verstärken
  • Stressbedingte Vasokonstriktion und begünstigende Faktoren wie Diabetes mellitus, arterielle Hypertonie oder ototoxische Substanzen können das Risiko eines Hörsturzes erhöhen
  • Die Schädigung der sensorischen Haarzellen führt zu einer plötzlich auftretenden sensorineuralen Hörminderung, häufig begleitet von Tinnitus oder einem Druckgefühl im Ohr. Eine frühzeitig eingeleitete steroidbasierte Therapie kann entzündliche oder immunologische Prozesse abschwächen und die Heilung begünstigen.

Typische Zeichen

  • Plötzlicher einseitiger Hörverlust: akut einsetzende Schallempfindungsschwerhörigkeit kochleärer Genese mit unterschiedlich ausgeprägter Hörminderung bis zum vollständigen Sprachverständnisverlust auf der betroffenen Seite
  • Tinnitus: meist hochfrequent, rauschend oder pfeifend, gelegentlich bereits vor dem eigentlichen Hörverlust als Warnsignal auftretend
  • Druck- oder Wattegefühl im Ohr: häufiges Begleitsymptom, teilweise zusätzlich mit einem pelzigen Gefühl im Bereich der Ohrmuschel
  • Keine Ohrschmerzen: typischerweise bestehen keine Schmerzen und kein gerötetes Trommelfell, wodurch entzündliche Ursachen wie eine Otitis weniger wahrscheinlich sind

Generalisierte Zeichen 

  • Schwindel und Gangunsicherheit: Treten bei einer vestibulären Beteiligung des Innenohrs auf und können unterschiedlich stark ausgeprägt sein
  • Vegetative und psychische Begleitsymptome: Benommenheit, Angst, Panik, Übelkeit, Schweißausbrüche oder Unruhe können insbesondere bei ausgeprägtem Schwindel auftreten
  • Selten beidseitiger Hörverlust: In den meisten Fällen ist nur ein Ohr betroffen; eine beidseitige Hörminderung tritt nur selten auf
 Tipp

Auch ohne sichtbare Befunde können Hörsturz und begleitender Schwindel für Betroffene sehr belastend sein. Eine ruhige, empathische Betreuung und das Ernstnehmen der subjektiven Beschwerden sind daher wichtige Bestandteile der Versorgung.

 Achtung
Red Flags
  • Ausgeprägter Schwindel: insbesondere bei Fallneigung oder Nystagmus sollte an eine vestibuläre oder zentrale Ursache gedacht werden
  • Neurologische Begleitsymptome: Sehstörungen, Dysarthrie oder Paresen sprechen für den Verdacht auf eine zerebrale Ursache
  • Besondere Risikokonstellationen: ein beidseitiger Hörverlust erfordert eine sofortige Klinikeinweisung

Anamnese

  • S (Symptome): Plötzlich auftretender, meist einseitiger Hörverlust, häufig begleitet von Tinnitus, Druck- oder Wattegefühl im Ohr sowie gelegentlich leichtem Schwindel. Das Ereignis wird von Betroffenen oft als stark bedrohlich empfunden und kann Angst, Unruhe, Übelkeit oder Schweißausbrüche auslösen
    • Red Flags: Ausgeprägter Schwindel mit Fallneigung oder Nystagmus, neurologische Begleitsymptome (z.B. Sehstörungen, Dysarthrie oder Paresen) sowie ein beidseitiger Hörverlust 
  • A (Allergien, Infektionen): Medikamentenallergien (insbesondere gegen Analgetika, Glucocorticoide oder Antibiotika) sowie kürzlich durchgemachte oder bestehende Virusinfektionen (z.B. Herpes, Influenza, Mumps oder COVID-19) erfragen
  • M (Medikation): Aktuelle Medikamente dokumentieren, insbesondere ototoxische Substanzen (z.B. Aminoglykoside, Cisplatin oder Schleifendiuretika)
    • Zusätzlich nach bereits erfolgter Eigenmedikation (z.B. Schmerzmittel oder Cortisonpräparate) fragen
  • P (Patientengeschichte): Frühere Hörstürze, Tinnitus, Morbus Menière oder andere Innenohrerkrankungen sowie Hypertonie, Diabetes mellitus, Autoimmunerkrankungen und aktuelle Stressbelastungen erfragen
  • L (Letzte …): Zeitpunkt des Beginns der Hörminderung dokumentieren. Zusätzlich nach kürzlich durchgemachten Infekten sowie Flug- oder Tauchereignissen fragen, um druckbedingte Ursachen auszuschließen
  • E (Ereignis): Die Beschwerden beginnen meist plötzlich und ohne Trauma, teilweise nach Stress, Lärmexposition oder einem Infekt
  • R (Risiken): Hypertonie, Diabetes mellitus, Arteriosklerose, Nikotinabusus, chronischer Stress, Schlafmangel sowie berufliche oder private Lärmbelastung können das Risiko eines Hörsturzes erhöhen
  • S (Schwangerschaft): Bei Patientinnen nach einer bestehenden Schwangerschaft fragen, da dies Einfluss auf die weitere Diagnostik und eine mögliche Glucocorticoidtherapie haben kann
 Tipp
Nutze Schemata

Um die Anamnese strukturiert durchzuführen, bietet es sich an, Schemata, wie das SAMPLERS oder OPQRST-Schema zu nutzen. Am obigen Beispiel haben wir Fragen und Befunde dargestellt, die bei dem Verdacht auf einen Hörsturz abgefragt werden sollten und vorliegen könnten.

Körperliche Untersuchung

Inspektion:

  • Allgemeinzustand: meist unauffälliger Allgemeinzustand, Betroffene wirken jedoch häufig verunsichert, ängstlich oder angespannt aufgrund des plötzlich aufgetretenen Hörverlusts
  • Gangbild: Bei vestibulärer Beteiligung können Gangunsicherheit, Schwanken oder eine Fallneigung auffallen
  • Ohr: äußerlich in der Regel keine sichtbaren Auffälligkeiten (keine Rötung, Schwellung oder Sekretion)

Palpation:

  • Puls: überwiegend normofrequent und regelmäßig. Eine Tachykardie kann als vegetative Reaktion auf die akute Belastung auftreten
  • Rekapillarisierungszeit: in der Regel unauffällig (< 2 Sekunden)
  • Ohr und Mastoid: meist kein Druckschmerz über Ohrmuschel, äußerem Gehörgang oder Mastoid
    • Ein Druckschmerz spricht eher für eine andere Ursache (z. B. Otitis oder Mastoiditis)

Perkussion:

  • Keine charakteristischen Befunde: die Perkussion besitzt beim Hörsturz keinen diagnostischen Stellenwert und ergibt typischerweise keine wegweisenden Befunde.

Auskultation:

  • Keine charakteristischen Befunde: die Auskultation liefert beim Hörsturz keine wegweisenden Befunde und dient hauptsächlich dem Ausschluss anderer Erkrankungen

Vitalparameter

ParameterTypischer Befund / VeränderungPathophysiologischer Hintergrund
HerzfrequenzMeist normwertig, gelegentlich leicht tachykardEmotionale Stressreaktion → Sympathikusaktivierung → Adrenalin-/Noradrenalinausschüttung → Herzfrequenz
BlutdruckMeist normwertig bis leicht erhöhtPsychische Belastung oder Angst → Sympathikusaktivierung → Katecholaminausschüttung → Blutdruck ↑
AtemfrequenzMeist normwertig, gelegentlich leicht erhöhtStress- oder Angstreaktion → flachere, beschleunigte Atmung bzw. leichte Hyperventilation, keine primäre respiratorische Störung
TemperaturIn der Regel normwertigKeine entzündliche oder infektiöse Genese eines Hörsturzes → keine temperaturbedingten Veränderungen zu erwarten
Sauerstoffsättigung (SpO₂)In der Regel normwertigKeine Beeinträchtigung von Ventilation oder Oxygenierung durch einen Hörsturz
BlutzuckerMeist normwertig, gelegentlich leicht erhöhtStressreaktion → Katecholaminausschüttung → gesteigerte Glukosefreisetzung → vorübergehende leichte Stresshyperglykämie möglich

Orientierende neurologische Untersuchung

 Merke

Ziel: Ausschluss zentraler Ursachen, insbesondere eines Schlaganfalls im Bereich von Hirnstamm oder Kleinhirn.

  • Vigilanz: Beurteilung des Bewusstseinszustands (z.B. mittels GCS) → ein isolierter Hörsturz geht nicht mit einer Vigilanzminderung einher
  • Sprache: Überprüfung von Sprachverständnis und Sprachproduktion → Aphasie oder Dysarthrie sprechen für eine zentrale Ursache
  • Pupillenstatus: Kontrolle von Pupillengröße, Symmetrie, Lichtreaktion sowie Augenbewegungen. Anisokorie, Blickabweichungen oder Blicklähmungen sind Warnzeichen für eine Hirnstammläsion
  • Motorik: orientierende Kraftprüfung der oberen und unteren Extremitäten unter Beachtung von Seitendifferenzen sowie Durchführung eines Arm- und Beinhalteversuchs
  • Sensibilität: Prüfung auf seitendifferente Sensibilitätsstörungen oder Hypästhesien als Hinweis auf ein zentrales neurologisches Defizit
  • Faziale Motorik: Kontrolle auf hängende Mundwinkel oder andere Zeichen einer Fazialisparese
  • Stand und Gang: Beurteilung von Gangbild und Standstabilität. Eine leichte Unsicherheit kann bei vestibulärer Beteiligung auftreten → Ataxie, deutliche Fallneigung oder gerichtetes Schwanken sprechen eher für eine zentrale Ursache
 Achtung

Ein isolierter Hörsturz geht nicht mit fokalneurologischen Defiziten einher. Zusätzliche neurologische Auffälligkeiten sprechen bis zum Beweis des Gegenteils für einen Schlaganfall und erfordern den sofortigen Transport in eine Stroke Unit.

Weiterführende apparative Diagnostik

  • 12-Kanal-EKG: Ausschluss kardialer Differenzialdiagnosen sowie Beurteilung von Herzfrequenz und Herzrhythmus
    • Sinusrhythmus: Typischerweise unauffälliges EKG; gelegentlich leichte Tachykardie als Ausdruck von Stress oder Sympathikusaktivierung
    • Differenzialdiagnostik: Pathologische EKG-Befunde sprechen gegen einen isolierten Hörsturz und erfordern die Abklärung einer kardialen oder zentral-vaskulären Ursache (z.B. Arrhythmie oder akutes Koronarsyndrom)
 Merke
Präklinische Entscheidungsfindung
  • Plötzlich einseitiger, schmerzloser Hörverlust ohne neurologische Begleitsymptome?
    • Verdacht auf Hörsturz → zeitnaher Transport in eine Klinik mit HNO-Fachabteilung
  • Zusätzliche neurologische Auffälligkeiten (z.B. ausgeprägter Schwindel mit Fallneigung, Dysarthrie, Sehstörungen, Paresen oder Bewusstseinsstörung)?
    • Verdacht auf Schlaganfall → sofortiger Transport in eine Stroke Unit mit Voranmeldung
  • Ohrenschmerzen, Fieber oder Otorrhoe?
    • Verdacht auf eine entzündliche Ursache (z.B. Otitis oder Labyrinthitis) → weitere Abklärung und entsprechende Therapie

Differenzialdiagnosen

DifferenzialdiagnoseTypische SymptomeAbgrenzung und Hinweise
Schlaganfall / ZNS-ErkrankungHörverlust, Schwindel sowie Sprach-, Sensibilitäts- oder MotorikstörungenNeurologische Defizite sprechen gegen einen isolierten Hörsturz → sofortige neurologische Untersuchung und Transport in eine Stroke Unit
Akustisches TraumaPlötzlicher Hörverlust nach Knall- oder Explosionstrauma, Tinnitus, ggf. OhrblutungTypischer Auslöser in der Anamnese, ggf. Trommelfellverletzung oder weitere Ohrverletzungen
BarotraumaHörminderung nach Tauchen oder Flug, Ohrschmerzen, SchwindelDruckbedingter Auslöser, ggf. Trommelfellveränderungen oder Innenohrverletzung
Labyrinthitis / Otitis media oder externaOhrschmerzen, Fieber, Sekretion, Hörminderung, ggf. SchwindelEntzündungszeichen sprechen gegen einen idiopathischen Hörsturz
Morbus MenièreAnfallsartiger Drehschwindel, Tinnitus, Druckgefühl und HörverlustRezidivierende Schwindelattacken sind typisch → Abklärung durch HNO erforderlich
Virusassoziierte InnenohrerkrankungenHörverlust, Tinnitus, Fieber, ggf. Hautveränderungen oder BläschenBegleitende Infektzeichen oder typische Hautbefunde sprechen gegen einen idiopathischen Hörsturz
Toxische oder metabolische UrsachenHörverlust nach Einnahme ototoxischer Medikamente oder bei StoffwechselerkrankungenMedikamenten- und Eigenanamnese sind richtungsweisend → meist kein akuter Notfall
Psychogene HörstörungInkonsistente Beschwerden ohne objektivierbare HörminderungAusschlussdiagnose nach Ausschluss organischer Ursachen
 Info

Die dargestellten Maßnahmen orientieren sich an den Empfehlungen des Deutschen Berufsverbands Rettungsdienst (DBRD) und werden durch weitere spezifische, leitliniengerechte Maßnahmen ergänzt, um eine strukturierte und evidenzbasierte Versorgung von Patient:innen sicherzustellen.

 Merke

Primäres Ziel ist ein rascher, stressfreier Transport in eine geeignete Fachabteilung. Eine kausale Therapie ist präklinisch nicht möglich, da die Ursache nicht sicher bestimmbar ist.

Basismaßnahmen

  • Lagerung: symptomadaptierte Lagerung nach Wohlbefinden → bei Schwindel Oberkörper leicht erhöht und unnötige Kopfbewegungen vermeiden
  • Monitoring und Basisdiagnostik: Kontinuierliche Überwachung mittels EKG, SpO₂, Blutdruck-, Herzfrequenz-, Atemfrequenz- und Temperaturkontrolle
  • Sauerstoffgabe: bedarfsorientierte Sauerstofftherapie bei Hypoxämie oder respiratorischer Beeinträchtigung → eine routinemäßige Sauerstoffgabe ist nicht erforderlich
  • Venöser Zugang: Anlage eines intravenösen Zugangs bei ausgeprägter Symptomatik oder notwendiger Medikamentengabe 
  • Angst- und Stressreduktion: beruhigende Gesprächsführung und empathische Betreuung
  • Komplikationen erkennen: neurologische Begleitsymptome, ausgeprägter Schwindel mit Fallneigung, Bewusstseinsstörungen oder ein beidseitiger Hörverlust sprechen gegen einen isolierten Hörsturz und erfordern die Abklärung einer zentralen Ursache, insbesondere eines Schlaganfalls
  • Zielklinik: nach Herstellung der Transportfähigkeit Transport in eine Klinik mit HNO-Fachabteilung. Bei Verdacht auf einen Schlaganfall oder andere neurologische Ursachen sofortiger Transport in eine Stroke Unit mit entsprechender Voranmeldung

Spezifische Maßnahmen

  • Antiemese/Schwindeltherapie: Bei Übelkeit, Erbrechen oder ausgeprägtem Schwindel oder Kinetose Gabe eines Antiemetikums, bevorzugt Dimenhydrinat 62 mg i.v.
 Info

Hochdosierte Glucocorticoide (z.B. Prednisolon 250 mg i.v.) wurden in der Vergangenheit empfohlen. Die HODOKORT-Studie (2024) zeigte jedoch keinen therapeutischen Vorteil gegenüber einer niedrigeren Dosierung, jedoch mehr Nebenwirkungen. Daher wird eine hochdosierte Glucocorticoidtherapie heute nicht mehr empfohlen.

Akustisches Trauma

 Definition
Akustisches Trauma

Ein akustisches Trauma entsteht durch eine extreme Schalldruckeinwirkung (z.B. Knall, Explosion oder starke Lärmbelastung) und stellt einen Notfall der Sinnesorgane dar.

  • Besonderheiten: Plötzliche Hörminderung, Tinnitus sowie je nach Schweregrad Schmerzen, Trommelfellruptur, Schwindel oder Übelkeit
  • Therapeutische Besonderheiten: Ruhige Umgebung schaffen, weitere Lärmbelastung vermeiden, symptomorientierte Therapie (z.B. Schmerz- und Schwindelkontrolle) sowie zeitnahe HNO-ärztliche Vorstellung
  • Klinische Bedeutung: Unbehandelt drohen eine bleibende Schwerhörigkeit, ein chronischer Tinnitus, eine Perilymphfistel oder eine Trommelfellruptur. Nach Explosionstrauma müssen zusätzlich weitere Verletzungen ausgeschlossen werden
  • Zielklinik: Transport in eine HNO-Klinik oder eine Klinik mit entsprechender Diagnostik (Otoskopie, Audiometrie, ggf. CT). Bei Explosionstrauma ggf. Versorgung in einem Traumazentrum bzw. einer Klinik mit Polytraumaversorgung.

Toxische und metabolische Hörstörungen

 Definition
Toxische und metabolische Hörstörungen

Toxische und metabolische Hörstörungen entstehen durch eine Schädigung der Haarzellen oder des Hörnervs infolge von Medikamenten, Stoffwechselstörungen oder Autoimmunprozessen.

  • Besonderheiten: Meist beidseitige, symmetrische und progrediente Hörminderung, häufig begleitet von Tinnitus und gelegentlich Schwindel. Typische Auslöser sind Aminoglykoside, Cisplatin, Schleifendiuretika, Chinin, Niereninsuffizienz, Diabetes mellitus oder Autoimmunerkrankungen
  • Pathophysiologische Besonderheiten: Ototoxische Medikamente schädigen die Haarzellen der Cochlea oder des Vestibularorgans. Metabolische Erkrankungen führen über Mikrozirkulationsstörungen, Hypoxie oder oxidativen Stress zu einer Schädigung des Innenohrs
  • Klinische Bedeutung: Unbehandelt drohen eine irreversible Innenohrschwerhörigkeit, Gleichgewichtsstörungen sowie eine dauerhaft eingeschränkte Kommunikationsfähigkeit. Die Medikamenten- und Vorerkrankungsanamnese ist daher von besonderer Bedeutung
  • Präklinische Bedeutung: Meist kein akuter Notfall, jedoch frühzeitiges Erkennen einer möglichen ototoxischen Medikamentenwirkung oder systemischen Grunderkrankung, Durchführung eines Basismonitorings und zeitnahe ärztliche Vorstellung.

Zielkrankenhaus

Grundsätzlich richtet sich die Wahl des Zielkrankenhauses nach dem Verdacht auf einen isolierten Hörsturz, dem Vorliegen neurologischer Begleitsymptome sowie möglichen Differenzialdiagnosen oder Komplikationen.

  • Isolierter Hörsturz: zeitnaher Transport in eine Klinik mit HNO-Fachabteilung zur weiteren Diagnostik (Otoskopie, Audiometrie) und Therapie
  • Verdacht auf Schlaganfall oder andere zentrale Ursache: sofortiger Transport in eine Stroke Unit oder ein Krankenhaus mit neurologischer Akutversorgung
  • Akustisches Trauma oder Barotrauma: Transport in eine HNO-Klinik, bei Explosionstrauma oder Polytrauma in ein Traumazentrum mit entsprechender HNO- und unfallchirurgischer Versorgung

Transportbegleitende Maßnahmen

  • Monitoring: Kontinuierliche Überwachung von EKG, Blutdruck, Herzfrequenz, Sauerstoffsättigung, Atemfrequenz und Vigilanz
  • Lagerung:
    • Kreislaufstabile Patient:innen: symptomadaptierte Lagerung → bei Schwindel Oberkörper leicht erhöht und unnötige Kopfbewegungen vermeiden
    • Neurologisch auffällige Patient:innen: Flachlagerung mit erhöhtem Oberkörper 
  • Sauerstofftherapie: bedarfsorientierte Sauerstoffgabe bei Hypoxämie oder respiratorischer Beeinträchtigung
  • Medikamentöse Therapie: ggf. Fortführung einer begonnenen antiemetischen, antivertiginösen oder analgetischen Therapie mit regelmäßiger Reevaluation der Beschwerden 
  • Patient:innenbetreuung: ruhige Gesprächsführung, empathische Betreuung sowie Vermeidung zusätzlicher Lärm- und Stressreize
  • Dokumentation: Erfassung von Symptombeginn, Verlauf der Hörminderung, Begleitsymptomen, erhobenen Vitalparametern sowie sämtlichen präklinisch durchgeführten Maßnahmen und deren Wirkung

Übergabe in der Klinik

  • Strukturierte Übergabe nach einem standardisierten Schema (z.B. SINNHAFT oder ISOBAR)
  • Übergabe relevanter Informationen zu:
    • Zeitpunkt des Beginns der Hörminderung und bisheriger Verlauf
    • Betroffener Seite sowie Ausprägung des Hörverlusts
    • Begleitsymptomen (Tinnitus, Schwindel, Übelkeit, Druckgefühl im Ohr)
    • Neurologischen Auffälligkeiten (z.B. Sprachstörungen, Paresen, Sensibilitätsstörungen oder Bewusstseinsstörungen)
    • Vorangegangenem Knall-, Lärm-, Tauch- oder Flugereignis
    • Bekannten Innenohrerkrankungen, Vorerkrankungen, aktuellen Medikamenten sowie möglichen ototoxischen Arzneimitteln
    • Erhobenen Vitalparametern und deren Verlauf
    • Durchgeführte Maßnahmen (z.B. Sauerstoffgabe, antiemetische oder antivertiginöse Therapie) einschließlich deren Wirkung
  • Verdacht auf Komplikationen: Hinweise auf einen Schlaganfall, ein akustisches Trauma, ein Barotrauma oder andere zentrale Ursachen ausdrücklich kommunizieren
  • Hochrisikopatient:innen: Bei Verdacht auf einen Schlaganfall oder andere neurologische Notfälle frühzeitige Übergabe an das zuständige Stroke-Team bzw. neurologische Akutteam veranlassen

Definition

 Definition
Hörsturz

Ein Hörsturz ist ein plötzlich auftretender, meist einseitiger Innenohrhörverlust, der ohne erkennbare Ursache entsteht und nicht durch eine Störung der Schallleitung erklärt werden kann. Häufig treten zusätzlich Tinnitus, ein Druck- oder Völlegefühl im betroffenen Ohr sowie Schwindel auf.

Ursachen

 Merke

Die genaue Pathogenese des Hörsturzes ist bis heute nicht abschließend geklärt. Wahrscheinlich handelt es sich um ein multifaktorielles Geschehen, bei dem mehrere Mechanismen zusammenwirken können.

  • Durchblutungsstörungen der Cochlea: vermutlich häufigster Pathomechanismus. Eine verminderte Blutversorgung kann zu einer Minderversorgung der Haarzellen und dadurch zu einem akuten Innenohrhörverlust führen
  • Zelluläre Dysfunktion der Haarzellen: Störungen der äußeren oder inneren Haarzellen können die Schalltransduktion beeinträchtigen und einen plötzlichen Hörverlust verursachen
  • Entzündliche Prozesse des Innenohrs: diskutiert werden virale oder immunvermittelte Entzündungsreaktionen, die zu einer Funktionsstörung der Cochlea führen können
  • Psychische Belastungen und Stress: zwischen psychischen Belastungssituationen und dem Auftreten eines Hörsturzes besteht eine Assoziation. Ein ursächlicher Zusammenhang konnte bislang jedoch nicht eindeutig nachgewiesen werden

Pathophysiologie

 Info

Die Pathophysiologie des Hörsturzes ist komplex und bislang nicht vollständig geklärt. Vermutlich tragen mehrere Mechanismen zur Entstehung bei.

  • Eine Minderdurchblutung der Cochlea gilt als wichtiger Entstehungsmechanismus, da die A. labyrinthi eine Endarterie ohne Kollateralgefäße ist
  • Oxidativer Stress, Ionenhaushaltsstörungen, Mitochondrienfunktionsstörungen sowie entzündliche oder immunologische Prozesse können die Haarzellen des Innenohrs schädigen
  • Weitere Risikofaktoren sind Stress, Diabetes mellitus, arterielle Hypertonie, ototoxische Medikamente sowie virusassoziierte Innenohrentzündungen
  • Die Schädigung der Haarzellen führt zu einer sensorineuralen Hörminderung, häufig begleitet von Tinnitus oder einem Druckgefühl im Ohr

Klinischer Eindruck

  • Plötzlicher einseitiger Hörverlust: akut einsetzende Schallempfindungsschwerhörigkeit kochleärer Genese mit unterschiedlich ausgeprägter Hörminderung bis zum vollständigen Sprachverständnisverlust auf der betroffenen Seite
  • Tinnitus: meist hochfrequent, rauschend oder pfeifend, gelegentlich bereits vor dem eigentlichen Hörverlust als Warnsignal auftretend
  • Druck- oder Wattegefühl im Ohr: häufiges Begleitsymptom, teilweise zusätzlich mit einem pelzigen Gefühl im Bereich der Ohrmuschel
  • Keine Ohrschmerzen: typischerweise bestehen keine Schmerzen und kein gerötetes Trommelfell, wodurch entzündliche Ursachen wie eine Otitis weniger wahrscheinlich sind
 Achtung
Red Flags
  • Ausgeprägter Schwindel: insbesondere bei Fallneigung oder Nystagmus sollte an eine vestibuläre oder zentrale Ursache gedacht werden
  • Neurologische Begleitsymptome: Sehstörungen, Dysarthrie oder Paresen sprechen für den Verdacht auf eine zerebrale Ursache
  • Besondere Risikokonstellationen: ein beidseitiger Hörverlust erfordert eine sofortige Klinikeinweisung

Diagnostik

Inspektion:

  • Allgemeinzustand: meist unauffälliger Allgemeinzustand, Betroffene wirken jedoch häufig verunsichert, ängstlich oder angespannt aufgrund des plötzlich aufgetretenen Hörverlusts
  • Gangbild: Bei vestibulärer Beteiligung können Gangunsicherheit, Schwanken oder eine Fallneigung auffallen
  • Ohr: äußerlich in der Regel keine sichtbaren Auffälligkeiten (keine Rötung, Schwellung oder Sekretion)

Palpation:

  • Puls: überwiegend normofrequent und regelmäßig. Eine Tachykardie kann als vegetative Reaktion auf die akute Belastung auftreten
  • Rekapillarisierungszeit: in der Regel unauffällig (< 2 Sekunden)
  • Ohr und Mastoid: meist kein Druckschmerz über Ohrmuschel, äußerem Gehörgang oder Mastoid
    • Ein Druckschmerz spricht eher für eine andere Ursache (z. B. Otitis oder Mastoiditis)

Perkussion:

  • Keine charakteristischen Befunde: die Perkussion besitzt beim Hörsturz keinen diagnostischen Stellenwert und ergibt typischerweise keine wegweisenden Befunde.

Auskultation:

  • Keine charakteristischen Befunde: die Auskultation liefert beim Hörsturz keine wegweisenden Befunde und dient hauptsächlich dem Ausschluss anderer Erkrankungen

Therapie

Basismaßnahmen:

  • Lagerung: symptomadaptierte Lagerung nach Wohlbefinden → bei Schwindel Oberkörper leicht erhöht und unnötige Kopfbewegungen vermeiden
  • Monitoring und Basisdiagnostik: Kontinuierliche Überwachung mittels EKG, SpO₂, Blutdruck-, Herzfrequenz-, Atemfrequenz- und Temperaturkontrolle
  • Sauerstoffgabe: bedarfsorientierte Sauerstofftherapie bei Hypoxämie oder respiratorischer Beeinträchtigung → eine routinemäßige Sauerstoffgabe ist nicht erforderlich
  • Venöser Zugang: Anlage eines intravenösen Zugangs bei ausgeprägter Symptomatik oder notwendiger Medikamentengabe 
  • Angst- und Stressreduktion: beruhigende Gesprächsführung und empathische Betreuung
  • Komplikationen erkennen: neurologische Begleitsymptome, ausgeprägter Schwindel mit Fallneigung, Bewusstseinsstörungen oder ein beidseitiger Hörverlust sprechen gegen einen isolierten Hörsturz und erfordern die Abklärung einer zentralen Ursache, insbesondere eines Schlaganfalls
  • Zielklinik: nach Herstellung der Transportfähigkeit Transport in eine Klinik mit HNO-Fachabteilung. Bei Verdacht auf einen Schlaganfall oder andere neurologische Ursachen sofortiger Transport in eine Stroke Unit mit entsprechender Voranmeldung

Spezifische Maßnahmen:

  • Antiemese/Schwindeltherapie: Bei Übelkeit, Erbrechen oder ausgeprägtem Schwindel oder Kinetose Gabe eines Antiemetikums, bevorzugt Dimenhydrinat 62 mg i.v.

Besondere Situationen

 Definition
Akustisches Trauma

Ein akustisches Trauma entsteht durch eine extreme Schalldruckeinwirkung (z.B. Knall, Explosion oder starke Lärmbelastung) und stellt einen Notfall der Sinnesorgane dar.

 Definition
Toxische und metabolische Hörstörungen

Toxische und metabolische Hörstörungen entstehen durch eine Schädigung der Haarzellen oder des Hörnervs infolge von Medikamenten, Stoffwechselstörungen oder Autoimmunprozessen.

Transport

Grundsätzlich richtet sich die Wahl des Zielkrankenhauses nach dem Verdacht auf einen isolierten Hörsturz, dem Vorliegen neurologischer Begleitsymptome sowie möglichen Differenzialdiagnosen oder Komplikationen.

  • Isolierter Hörsturz: zeitnaher Transport in eine Klinik mit HNO-Fachabteilung zur weiteren Diagnostik (Otoskopie, Audiometrie) und Therapie
  • Verdacht auf Schlaganfall oder andere zentrale Ursache: sofortiger Transport in eine Stroke Unit oder ein Krankenhaus mit neurologischer Akutversorgung
  • Akustisches Trauma oder Barotrauma: Transport in eine HNO-Klinik, bei Explosionstrauma oder Polytrauma in ein Traumazentrum mit entsprechender HNO- und unfallchirurgischer Versorgung
 Tipp

Wenn ihr mehr Informationen und weitere therapeutische Maßnahmen erfahren möchtet, empfehlen wir euch die verlinkten Artikel aus dem klinischen Bereich.

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Zuletzt aktualisiert am 21.07.2026
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