Ein Hörsturz ist ein plötzlich auftretender, meist einseitiger Innenohrhörverlust ohne erkennbare Ursache. Häufig wird er von Tinnitus, einem Druck- oder Wattegefühl im betroffenen Ohr sowie gelegentlich von leichtem bis mäßigem Schwindel begleitet.
Obwohl ein Hörsturz nur selten vital bedrohlich ist, erfordert er eine strukturierte präklinische Einschätzung. Insbesondere zentrale Ursachen, wie ein Hirnstamm- oder Kleinhirninfarkt, müssen ausgeschlossen werden.
Anschließend sollte eine zeitnahe Zuweisung in eine geeignete Klinik mit HNO-Fachabteilung, bei Verdacht auf eine zentrale Ursache in eine Stroke Unit, erfolgen, um eine frühzeitige Diagnostik und Therapie zu ermöglichen.
Um den Einstieg in das Thema Hörsturz etwas zu erleichtern, wird im Folgenden ein Fall beschrieben, wie er sich präklinisch ereignen könnte.
Das Szenario
Einsatzmeldung:
Stichwort: HNO-sonstiges
Ort: Arztpraxis
Alarmzeit: 09:32 Uhr
Anrufer:in: Hausärztin
Anzahl der betroffenen Personen: 1
Zusatzinfo:
Patientin, weiblich, 58 Jahre alt
Hört plötzlich links nichts mehr
Schwindel
Lageeinweisung vor Ort:
Beim Eintreffen an der Einsatzstelle werdet ihr von einer medizinischen Fachangestellten der Hausarztpraxis empfangen und zum Behandlungsraum geführt.
Die Lage ist wie folgt:
Die Patientin sitzt auf der Untersuchungsliege und ist wach, ansprechbar sowie vollständig orientiert
Sie berichtet über einen plötzlich aufgetretenen Hörverlust des linken Ohres, der vor etwa einer Stunde eingesetzt hat
Zusätzlich beschreibt sie ein diffuses Druckgefühl im linken Ohr sowie Schwindel beim raschen Aufrichten
Vorbestehende Erkrankungen oder Beschwerden des Ohres sind nicht bekannt
Neurologische Ausfälle wie Lähmungen oder Sprachstörungen bestehen nach Angaben der Patientin nicht
Die Hausärztin hat eine akute Otitis media klinisch ausgeschlossen und bittet um den Transport in eine Klinik mit HNO-Fachabteilung zur weiteren Diagnostik und Behandlung
Ersteindruck nach xABCDE-Schema
Um sich einen ersten umfassenden Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten in einer Notfallsituation zu verschaffen, bietet sich das xABCDE-Schema an. Um die Arbeit mit dem Schema zu veranschaulichen, ist hier ein xABCDE-Schema abgebildet, wie es im Falle einer Ersteinschätzung bei einer Patientin oder einem Patienten mit Hörsturz aussehen könnte.
Es handelt sich dabei um die Befunde, die innerhalb der ersten paar Minuten erhoben werden können. Erweiterte Diagnostik und Abfragen sind natürlich von Bedeutung, jedoch würde zum Beispiel die Messung des Blutzuckers in diesem Fall hintenangestellt und taucht zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf.
x
Keine kritischen Blutungen
A
Atemwege frei
Schleimhäute rosig
Pat. spricht selbständig
Kein A-Problem
B
Inspektorisch:
Thoraxexkursion bds. normal
Inspektorisch unauffällig
Keine gestaute Halsvenen sichtbar
Auskultatorisch:
Vesikuläres Atemgeräusch bds. hörbar
Palpatorisch:
Keine Krepitation spürbar
Thorax insgesamt stabil
Kein B-Problem
C
Hautkolorit rosig
Recap-Zeit: < 2 Sekunden
Große Blutungsräume ohne Zeichen auf akute Blutungen
Palpation des Pulses am Handgelenk
Rhythmisch
Gut tastbar
Kein C-Problem
D
Wach, orientiert, ansprechbar
GCS 15
Öffnen der Augen: 4
Beste verbale Reaktion: 5
Beste motorische Reaktion: 6
Pupillenkontrolle:
Isokor
Mittelweit
Lichtreagibel
Kein D-Problem
E
Keine weiteren Verletzungen ersichtlich
Symptome:
Seit 1 h linksseitiger Hörverlust
Leichter Schwindel und Druckgefühl im Ohr
Allergien/Infektionen: keine Allergien
Medikamente: keine Dauermedikation und/oder Akutmedikation
Patientengeschichte: bisher keine Probleme mit den Ohren oder dem Hörvermögen
Letzte Mahlzeit: Frühstück um 8 Uhr
Ereignis:
Kein Trauma, keine vergangenen Reisen
Symptomatik trat aus Ruhe auf
Risikofaktoren: keine
Mittelbares E-Problem
Achtung
Das hier gezeigte Assessment vermittelt nur einen exemplarischen ersten Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten. Im Verlauf der Behandlung müssen weitere Maßnahmen ergriffen und Informationen gesammelt werden.Das Schema erhebt daher keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern soll lediglich einen praktischen Einstieg in das Thema ermöglichen.
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Definition
Hörsturz
Ein Hörsturz ist ein plötzlich auftretender, meist einseitiger Innenohrhörverlust, der ohne erkennbare Ursache entsteht und nicht durch eine Störung der Schallleitung erklärt werden kann. Häufig treten zusätzlich Tinnitus, ein Druck- oder Völlegefühl im betroffenen Ohr sowie Schwindel auf.
Klassifikation
Ein Hörsturz kann sowohl nach dem Ausmaß des Hörverlustes als auch nach dem betroffenen Frequenzbereich eingeteilt werden.
Einteilung nach dem Schweregrad:
Schweregrad
Hörschwelle (dB)
Typische Auswirkungen
Normales Hörvermögen
< 20
Keine Hörbeeinträchtigung
Leichter Hörverlust
20 bis < 35
Leichte Verständigungsschwierigkeiten
Mäßiger Hörverlust
35 bis < 50
Verständigung in normaler Gesprächslautstärke erschwert
Mäßig schwerer Hörverlust
50 bis < 65
Deutlich eingeschränktes Sprachverstehen
Schwerer Hörverlust
65 bis < 80
Sprachverstehen nur noch eingeschränkt möglich
Sehr schwerer Hörverlust
80 bis < 95
Wahrnehmung überwiegend lauter Geräusche
Taubheit
≥ 95
Kein Sprachverständnis
Einteilung nach dem betroffenen Frequenzbereich:
Form
Merkmal
Tieftonhörsturz
Betrifft überwiegend tiefe Frequenzen
Mitteltonhörsturz
Betrifft überwiegend mittlere Frequenzen, seltene Form
Hochtonhörsturz
Betrifft überwiegend hohe Frequenzen, häufigste Form
Pankochleärer Hörsturz
Betrifft das gesamte Frequenzspektrum
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Merke
Die genaue Pathogenese des Hörsturzes ist bis heute nicht abschließend geklärt. Wahrscheinlich handelt es sich um ein multifaktorielles Geschehen, bei dem mehrere Mechanismen zusammenwirken können.
Durchblutungsstörungen der Cochlea: vermutlich häufigster Pathomechanismus. Eine verminderte Blutversorgung kann zu einer Minderversorgung der Haarzellen und dadurch zu einem akuten Innenohrhörverlust führen
Zelluläre Dysfunktion der Haarzellen: Störungen der äußeren oder inneren Haarzellen können die Schalltransduktion beeinträchtigen und einen plötzlichen Hörverlust verursachen
Entzündliche Prozesse des Innenohrs: diskutiert werden virale oder immunvermittelte Entzündungsreaktionen, die zu einer Funktionsstörung der Cochlea führen können
Psychische Belastungen und Stress: zwischen psychischen Belastungssituationen und dem Auftreten eines Hörsturzes besteht eine Assoziation. Ein ursächlicher Zusammenhang konnte bislang jedoch nicht eindeutig nachgewiesen werden
Achtung
Ein plötzlich auftretender Hörverlust kann verschiedene Ursachen haben. Deshalb müssen bei Verdacht auf einen Hörsturz stets Differenzialdiagnosen berücksichtigt und ausgeschlossen werden.
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Merke
Reminder: Physiologische Grundlagen
Schallaufnahme: Die Ohrmuschel sammelt die Schallwellen und leitet sie über den äußeren Gehörgang zum Trommelfell, das durch den Schalldruck in Schwingung versetzt wird
Schallübertragung: Die Schwingungen des Trommelfells werden über die Gehörknöchelchen (Hammer, Amboss und Steigbügel) verstärkt und auf das ovale Fenster des Innenohrs übertragen
Innenohrmechanik: Die Bewegung des ovalen Fensters versetzt die Peri- und Endolymphe in Schwingung. Dadurch entsteht eine Wanderwelle auf der Basilarmembran, wobei unterschiedliche Frequenzen an unterschiedlichen Abschnitten maximal ausgelenkt werden (Tonotopie)
Signalwandlung: Die Auslenkung der Basilarmembran verbiegt die Stereozilien der Haarzellen im Corti-Organ. Dadurch werden mechanische Reize in elektrische Nervenimpulse umgewandelt und über den N. cochlearis weitergeleitet
Zentrale Verarbeitung: Die Hörinformationen gelangen über die Hörbahn mit mehreren Umschaltstationen bis zur primären Hörrinde (Heschl-Querwindungen) im Temporallappen. Erst dort erfolgt die bewusste Wahrnehmung und Verarbeitung der Schallreize.
Die Pathophysiologie des Hörsturzes ist komplex und bislang nicht vollständig geklärt. Vermutlich tragen mehrere Mechanismen zur Entstehung bei.
Gestörte Durchblutung des Innenohrs
Minderdurchblutung der Cochlea: Die Cochlea wird über die A. labyrinthi als Endarterie ohne Kollateralgefäße versorgt. Bereits geringe Perfusionsstörungen können daher zu einer Ischämie führen
Vasospasmus: Stress oder eine katecholaminbedingte Gefäßverengung können die Durchblutung zusätzlich vermindern
Mikrozirkulationsstörung: Mikrothromben, eine erhöhte Blutviskosität oder Störungen der Kapillardurchblutung verschlechtern die Perfusion der Cochlea
Zellschädigung: Sauerstoff- und Nährstoffmangel führen zu oxidativem Stress und schließlich zum Untergang von Haarzellen und Spiralganglienzellen
Aufbau der Cochlea
Zelluläre Schädigung der Haarzellen
Gestörter Ionenhaushalt: Veränderungen des Kalium- und Calciumhaushalts beeinträchtigen die Funktion der Haarzellen
Energieversagen: Oxidativer Stress und Mitochondrienfunktionsstörungen führen zu einer verminderten Energieversorgung der Zellen
Irreversibler Zelluntergang: Apoptose oder Nekrose der Haarzellen kann zu einem dauerhaften Hörverlust führen, da sich diese Zellen nicht regenerieren
Corti-Organ
Entzündliche und immunologische Prozesse
Autoimmunreaktion: Autoimmunprozesse gegen Innenohrstrukturen können eine vaskulitische Entzündung der Cochlea verursachen
Virale Schädigung: Virusinfektionen können Haarzellen oder das Gefäßendothel direkt schädigen oder eine immunvermittelte Entzündungsreaktion auslösen
Chronische Entzündung: Anhaltende Entzündungsprozesse können die Funktion des Innenohrs weiter beeinträchtigen
Psychovegetative Faktoren
Stressreaktion: Emotionale oder körperliche Belastungen aktivieren das sympathische Nervensystem
Vasokonstriktion: Die Freisetzung von Adrenalin und Noradrenalin führt zu einer Gefäßverengung und verminderten Durchblutung des Innenohrs
Verstärkung bestehender Gefäßschäden: Bereits vorhandene mikrovaskuläre Veränderungen können dadurch zusätzlich verschlechtert werden
Weitere begünstigende Faktoren
Ototoxische Substanzen: Medikamente wie Cisplatin, Aminoglykoside oder Schleifendiuretika können Haarzellen und Synapsen schädigen
Metabolische Erkrankungen: Diabetes mellitus oder arterielle Hypertonie fördern Endothelschäden und Vaskulopathien
Virusassoziierte Innenohrentzündungen: Auch Infektionen, z.B. nach Zoster oticus, Mumps oder Influenza, werden als mögliche Auslöser diskutiert
Auswirkungen auf das Hörvermögen
Sensorineuraler Hörverlust: Typischerweise kommt es zu einer plötzlich auftretenden einseitigen Hörminderung
Begleitsymptome: Häufig treten zusätzlich Tinnitus oder ein Druckgefühl im Ohr auf
Therapeutische Konsequenz: Eine frühzeitig eingeleitete steroidbasierte Therapie kann entzündliche oder immunologische Prozesse abschwächen und die Heilung begünstigen
Achtung
Ein einseitiger Hörverlust kann selten ein Frühsymptom eines Schlaganfalls im vertebrobasilären Stromgebiet sein und sollte daher differenzialdiagnostischstetsberücksichtigt werden.
Merke
Zusammenfassung: Die kritischen Probleme eines Hörsturzes
Minderdurchblutung der Cochlea kann durch Vasospasmen, Mikrothromben oder Mikrozirkulationsstörungen entstehen und zu einer Ischämie des Innenohrs führen
Der resultierende Sauerstoff- und Nährstoffmangel verursacht oxidativen Stress und schädigt die Haarzellen sowie Spiralganglienzellen der Cochlea
Störungen des Ionenhaushalts, Mitochondrienfunktionsstörungen, Entzündungsreaktionen oder Autoimmunprozesse können die Schädigung des Innenohrs zusätzlich verstärken
Stressbedingte Vasokonstriktion und begünstigende Faktoren wie Diabetes mellitus, arterielle Hypertonie oder ototoxische Substanzen können das Risiko eines Hörsturzes erhöhen
Die Schädigung der sensorischen Haarzellen führt zu einer plötzlich auftretenden sensorineuralen Hörminderung, häufig begleitet von Tinnitus oder einem Druckgefühl im Ohr. Eine frühzeitig eingeleitete steroidbasierte Therapie kann entzündliche oder immunologische Prozesse abschwächen und die Heilung begünstigen.
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Typische Zeichen
Plötzlicher einseitiger Hörverlust: akut einsetzende Schallempfindungsschwerhörigkeit kochleärer Genese mit unterschiedlich ausgeprägter Hörminderung bis zum vollständigen Sprachverständnisverlust auf der betroffenen Seite
Tinnitus: meist hochfrequent, rauschend oder pfeifend, gelegentlich bereits vor dem eigentlichen Hörverlust als Warnsignal auftretend
Druck- oder Wattegefühl im Ohr: häufiges Begleitsymptom, teilweise zusätzlich mit einem pelzigen Gefühl im Bereich der Ohrmuschel
Keine Ohrschmerzen: typischerweise bestehen keine Schmerzen und kein gerötetes Trommelfell, wodurch entzündliche Ursachen wie eine Otitis weniger wahrscheinlich sind
Generalisierte Zeichen
Schwindel und Gangunsicherheit: Treten bei einer vestibulären Beteiligung des Innenohrs auf und können unterschiedlich stark ausgeprägt sein
Vegetative und psychische Begleitsymptome:Benommenheit, Angst, Panik, Übelkeit, Schweißausbrüche oder Unruhe können insbesondere bei ausgeprägtem Schwindel auftreten
Selten beidseitiger Hörverlust: In den meisten Fällen ist nur ein Ohr betroffen; eine beidseitige Hörminderung tritt nur selten auf
Tipp
Auch ohne sichtbare Befunde können Hörsturz und begleitender Schwindel für Betroffene sehr belastend sein. Eine ruhige, empathische Betreuung und das Ernstnehmen der subjektiven Beschwerden sind daher wichtige Bestandteile der Versorgung.
Achtung
Red Flags
Ausgeprägter Schwindel: insbesondere bei Fallneigung oder Nystagmus sollte an eine vestibuläre oder zentrale Ursache gedacht werden
Neurologische Begleitsymptome: Sehstörungen, Dysarthrie oder Paresen sprechen für den Verdacht auf eine zerebrale Ursache
Besondere Risikokonstellationen: ein beidseitiger Hörverlust erfordert eine sofortige Klinikeinweisung
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Anamnese
S (Symptome): Plötzlich auftretender, meist einseitiger Hörverlust, häufig begleitet von Tinnitus, Druck- oder Wattegefühl im Ohr sowie gelegentlich leichtem Schwindel. Das Ereignis wird von Betroffenen oft als stark bedrohlich empfunden und kann Angst, Unruhe, Übelkeit oder Schweißausbrüche auslösen
Red Flags:Ausgeprägter Schwindel mit Fallneigung oder Nystagmus, neurologische Begleitsymptome (z.B. Sehstörungen, Dysarthrie oder Paresen) sowie ein beidseitiger Hörverlust
A (Allergien, Infektionen): Medikamentenallergien (insbesondere gegen Analgetika, Glucocorticoide oder Antibiotika) sowie kürzlich durchgemachte oder bestehende Virusinfektionen (z.B. Herpes, Influenza, Mumps oder COVID-19) erfragen
M (Medikation): Aktuelle Medikamente dokumentieren, insbesondere ototoxische Substanzen (z.B. Aminoglykoside, Cisplatin oder Schleifendiuretika)
Zusätzlich nach bereits erfolgter Eigenmedikation (z.B. Schmerzmittel oder Cortisonpräparate) fragen
P (Patientengeschichte): Frühere Hörstürze, Tinnitus, Morbus Menière oder andere Innenohrerkrankungen sowie Hypertonie, Diabetes mellitus, Autoimmunerkrankungen und aktuelle Stressbelastungen erfragen
L (Letzte …): Zeitpunkt des Beginns der Hörminderung dokumentieren. Zusätzlich nach kürzlich durchgemachten Infekten sowie Flug- oder Tauchereignissen fragen, um druckbedingte Ursachen auszuschließen
E (Ereignis): Die Beschwerden beginnen meist plötzlich und ohne Trauma, teilweise nach Stress, Lärmexposition oder einem Infekt
R (Risiken):Hypertonie, Diabetes mellitus, Arteriosklerose, Nikotinabusus, chronischer Stress, Schlafmangel sowie berufliche oder private Lärmbelastung können das Risiko eines Hörsturzes erhöhen
S (Schwangerschaft): Bei Patientinnen nach einer bestehenden Schwangerschaft fragen, da dies Einfluss auf die weitere Diagnostik und eine mögliche Glucocorticoidtherapie haben kann
Tipp
Nutze Schemata
Um die Anamnese strukturiert durchzuführen, bietet es sich an, Schemata, wie das SAMPLERS oder OPQRST-Schema zu nutzen. Am obigen Beispiel haben wir Fragen und Befunde dargestellt, die bei dem Verdacht auf einen Hörsturz abgefragt werden sollten und vorliegen könnten.
Körperliche Untersuchung
Inspektion:
Allgemeinzustand: meist unauffälliger Allgemeinzustand, Betroffene wirken jedoch häufig verunsichert, ängstlich oder angespannt aufgrund des plötzlich aufgetretenen Hörverlusts
Gangbild: Bei vestibulärer Beteiligung können Gangunsicherheit, Schwanken oder eine Fallneigung auffallen
Ohr: äußerlich in der Regel keine sichtbaren Auffälligkeiten (keine Rötung, Schwellung oder Sekretion)
Palpation:
Puls: überwiegend normofrequent und regelmäßig. Eine Tachykardie kann als vegetative Reaktion auf die akute Belastung auftreten
Rekapillarisierungszeit: in der Regel unauffällig (< 2 Sekunden)
Ohr und Mastoid: meist kein Druckschmerz über Ohrmuschel, äußerem Gehörgang oder Mastoid
Ein Druckschmerz spricht eher für eine andere Ursache (z. B. Otitis oder Mastoiditis)
Perkussion:
Keine charakteristischen Befunde: die Perkussion besitzt beim Hörsturz keinen diagnostischen Stellenwert und ergibt typischerweise keine wegweisenden Befunde.
Auskultation:
Keine charakteristischen Befunde: die Auskultation liefert beim Hörsturz keine wegweisenden Befunde und dient hauptsächlich dem Ausschluss anderer Erkrankungen
Ziel: Ausschluss zentraler Ursachen, insbesondere eines Schlaganfalls im Bereich von Hirnstamm oder Kleinhirn.
Vigilanz: Beurteilung des Bewusstseinszustands (z.B. mittels GCS) → ein isolierter Hörsturz geht nicht mit einer Vigilanzminderung einher
Sprache: Überprüfung von Sprachverständnis und Sprachproduktion → Aphasie oder Dysarthrie sprechen für eine zentrale Ursache
Pupillenstatus: Kontrolle von Pupillengröße, Symmetrie, Lichtreaktion sowie Augenbewegungen. Anisokorie, Blickabweichungen oder Blicklähmungen sind Warnzeichen für eine Hirnstammläsion
Motorik: orientierende Kraftprüfung der oberen und unteren Extremitäten unter Beachtung von Seitendifferenzen sowie Durchführung eines Arm- und Beinhalteversuchs
Sensibilität: Prüfung auf seitendifferente Sensibilitätsstörungen oder Hypästhesien als Hinweis auf ein zentrales neurologisches Defizit
Faziale Motorik: Kontrolle auf hängende Mundwinkel oder andere Zeichen einer Fazialisparese
Stand und Gang: Beurteilung von Gangbild und Standstabilität. Eine leichte Unsicherheit kann bei vestibulärer Beteiligung auftreten → Ataxie, deutliche Fallneigung oder gerichtetes Schwanken sprechen eher für eine zentrale Ursache
Achtung
Ein isolierter Hörsturz geht nicht mit fokalneurologischen Defiziten einher. Zusätzliche neurologische Auffälligkeiten sprechen bis zum Beweis des Gegenteils für einen Schlaganfall und erfordern den sofortigen Transport in eine Stroke Unit.
Weiterführende apparative Diagnostik
12-Kanal-EKG: Ausschluss kardialer Differenzialdiagnosen sowie Beurteilung von Herzfrequenz und Herzrhythmus
Sinusrhythmus: Typischerweise unauffälliges EKG; gelegentlich leichte Tachykardie als Ausdruck von Stress oder Sympathikusaktivierung
Differenzialdiagnostik: Pathologische EKG-Befunde sprechen gegen einen isolierten Hörsturz und erfordern die Abklärung einer kardialen oder zentral-vaskulären Ursache (z.B. Arrhythmie oder akutes Koronarsyndrom)
Merke
Präklinische Entscheidungsfindung
Plötzlich einseitiger, schmerzloser Hörverlust ohne neurologische Begleitsymptome?
Verdacht auf Hörsturz → zeitnaher Transport in eine Klinik mit HNO-Fachabteilung
Zusätzliche neurologische Auffälligkeiten (z.B. ausgeprägter Schwindel mit Fallneigung, Dysarthrie, Sehstörungen, Paresen oder Bewusstseinsstörung)?
Verdacht auf Schlaganfall → sofortiger Transport in eine Stroke Unit mit Voranmeldung
Ohrenschmerzen, Fieber oder Otorrhoe?
Verdacht auf eine entzündliche Ursache (z.B. Otitis oder Labyrinthitis) → weitere Abklärung und entsprechende Therapie
Differenzialdiagnosen
Differenzialdiagnose
Typische Symptome
Abgrenzung und Hinweise
Schlaganfall / ZNS-Erkrankung
Hörverlust, Schwindel sowie Sprach-, Sensibilitäts- oder Motorikstörungen
Neurologische Defizite sprechen gegen einen isolierten Hörsturz → sofortige neurologische Untersuchung und Transport in eine Stroke Unit
Akustisches Trauma
Plötzlicher Hörverlust nach Knall- oder Explosionstrauma, Tinnitus, ggf. Ohrblutung
Typischer Auslöser in der Anamnese, ggf. Trommelfellverletzung oder weitere Ohrverletzungen
Barotrauma
Hörminderung nach Tauchen oder Flug, Ohrschmerzen, Schwindel
Druckbedingter Auslöser, ggf. Trommelfellveränderungen oder Innenohrverletzung
Entzündungszeichen sprechen gegen einen idiopathischen Hörsturz
Morbus Menière
Anfallsartiger Drehschwindel, Tinnitus, Druckgefühl und Hörverlust
Rezidivierende Schwindelattacken sind typisch → Abklärung durch HNO erforderlich
Virusassoziierte Innenohrerkrankungen
Hörverlust, Tinnitus, Fieber, ggf. Hautveränderungen oder Bläschen
Begleitende Infektzeichen oder typische Hautbefunde sprechen gegen einen idiopathischen Hörsturz
Toxische oder metabolische Ursachen
Hörverlust nach Einnahme ototoxischer Medikamente oder bei Stoffwechselerkrankungen
Medikamenten- und Eigenanamnese sind richtungsweisend → meist kein akuter Notfall
Psychogene Hörstörung
Inkonsistente Beschwerden ohne objektivierbare Hörminderung
Ausschlussdiagnose nach Ausschluss organischer Ursachen
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Info
Die dargestellten Maßnahmen orientieren sich an den Empfehlungen des Deutschen Berufsverbands Rettungsdienst (DBRD) und werden durch weitere spezifische, leitliniengerechte Maßnahmen ergänzt, um eine strukturierte und evidenzbasierte Versorgung von Patient:innen sicherzustellen.
Merke
Primäres Ziel ist ein rascher, stressfreier Transport in eine geeignete Fachabteilung. Eine kausale Therapie ist präklinisch nicht möglich, da die Ursache nicht sicher bestimmbar ist.
Basismaßnahmen
Lagerung: symptomadaptierte Lagerung nach Wohlbefinden → bei Schwindel Oberkörper leicht erhöht und unnötige Kopfbewegungen vermeiden
Monitoring und Basisdiagnostik: Kontinuierliche Überwachung mittels EKG, SpO₂, Blutdruck-, Herzfrequenz-, Atemfrequenz- und Temperaturkontrolle
Sauerstoffgabe:bedarfsorientierte Sauerstofftherapie bei Hypoxämie oder respiratorischer Beeinträchtigung → eine routinemäßige Sauerstoffgabe ist nicht erforderlich
Venöser Zugang: Anlage eines intravenösen Zugangs bei ausgeprägter Symptomatik oder notwendiger Medikamentengabe
Angst- und Stressreduktion: beruhigende Gesprächsführung und empathische Betreuung.
Komplikationen erkennen:neurologische Begleitsymptome, ausgeprägter Schwindel mit Fallneigung, Bewusstseinsstörungen oder ein beidseitiger Hörverlust sprechen gegen einen isolierten Hörsturz und erfordern die Abklärung einer zentralen Ursache, insbesondere eines Schlaganfalls
Zielklinik: nach Herstellung der Transportfähigkeit Transport in eine Klinik mit HNO-Fachabteilung. Bei Verdacht auf einen Schlaganfall oder andere neurologische Ursachen sofortiger Transport in eine Stroke Unit mit entsprechender Voranmeldung
Spezifische Maßnahmen
Antiemese/Schwindeltherapie: Bei Übelkeit, Erbrechen oder ausgeprägtem Schwindel oder Kinetose Gabe eines Antiemetikums, bevorzugt Dimenhydrinat62 mg i.v.
Info
Hochdosierte Glucocorticoide (z.B. Prednisolon 250 mg i.v.) wurden in der Vergangenheit empfohlen. Die HODOKORT-Studie (2024) zeigte jedoch keinen therapeutischen Vorteil gegenüber einer niedrigeren Dosierung, jedoch mehr Nebenwirkungen. Daher wird eine hochdosierte Glucocorticoidtherapie heute nicht mehr empfohlen.
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Akustisches Trauma
Definition
Akustisches Trauma
Ein akustisches Trauma entsteht durch eine extreme Schalldruckeinwirkung (z.B. Knall, Explosion oder starke Lärmbelastung) und stellt einen Notfall der Sinnesorgane dar.
Besonderheiten: Plötzliche Hörminderung, Tinnitus sowie je nach Schweregrad Schmerzen, Trommelfellruptur, Schwindel oder Übelkeit
Therapeutische Besonderheiten: Ruhige Umgebung schaffen, weitere Lärmbelastung vermeiden, symptomorientierte Therapie (z.B. Schmerz- und Schwindelkontrolle) sowie zeitnahe HNO-ärztliche Vorstellung
Klinische Bedeutung: Unbehandelt drohen eine bleibende Schwerhörigkeit, ein chronischer Tinnitus, eine Perilymphfistel oder eine Trommelfellruptur. Nach Explosionstrauma müssen zusätzlich weitere Verletzungen ausgeschlossen werden
Zielklinik: Transport in eine HNO-Klinik oder eine Klinik mit entsprechender Diagnostik (Otoskopie, Audiometrie, ggf. CT). Bei Explosionstrauma ggf. Versorgung in einem Traumazentrum bzw. einer Klinik mit Polytraumaversorgung.
Toxische und metabolische Hörstörungen
Definition
Toxische und metabolische Hörstörungen
Toxische und metabolische Hörstörungen entstehen durch eine Schädigung der Haarzellen oder des Hörnervs infolge von Medikamenten, Stoffwechselstörungen oder Autoimmunprozessen.
Besonderheiten: Meist beidseitige, symmetrische und progrediente Hörminderung, häufig begleitet von Tinnitus und gelegentlich Schwindel. Typische Auslöser sind Aminoglykoside, Cisplatin, Schleifendiuretika, Chinin, Niereninsuffizienz, Diabetes mellitus oder Autoimmunerkrankungen
Pathophysiologische Besonderheiten: Ototoxische Medikamente schädigen die Haarzellen der Cochlea oder des Vestibularorgans. Metabolische Erkrankungen führen über Mikrozirkulationsstörungen, Hypoxie oder oxidativen Stress zu einer Schädigung des Innenohrs
Klinische Bedeutung: Unbehandelt drohen eine irreversible Innenohrschwerhörigkeit, Gleichgewichtsstörungen sowie eine dauerhaft eingeschränkte Kommunikationsfähigkeit. Die Medikamenten- und Vorerkrankungsanamnese ist daher von besonderer Bedeutung
Präklinische Bedeutung: Meist kein akuter Notfall, jedoch frühzeitiges Erkennen einer möglichen ototoxischen Medikamentenwirkung oder systemischen Grunderkrankung, Durchführung eines Basismonitorings und zeitnahe ärztliche Vorstellung.
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Zielkrankenhaus
Grundsätzlich richtet sich die Wahl des Zielkrankenhauses nach dem Verdacht auf einen isolierten Hörsturz, dem Vorliegen neurologischer Begleitsymptome sowie möglichen Differenzialdiagnosen oder Komplikationen.
Isolierter Hörsturz: zeitnaher Transport in eine Klinik mit HNO-Fachabteilung zur weiteren Diagnostik (Otoskopie, Audiometrie) und Therapie
Verdacht auf Schlaganfall oder andere zentrale Ursache: sofortiger Transport in eine Stroke Unit oder ein Krankenhaus mit neurologischer Akutversorgung
Akustisches Trauma oder Barotrauma: Transport in eine HNO-Klinik, bei Explosionstrauma oder Polytrauma in ein Traumazentrum mit entsprechender HNO- und unfallchirurgischer Versorgung
Transportbegleitende Maßnahmen
Monitoring: Kontinuierliche Überwachung von EKG, Blutdruck, Herzfrequenz, Sauerstoffsättigung, Atemfrequenz und Vigilanz
Lagerung:
Kreislaufstabile Patient:innen: symptomadaptierte Lagerung → bei Schwindel Oberkörper leicht erhöht und unnötige Kopfbewegungen vermeiden
Neurologisch auffällige Patient:innen: Flachlagerung mit erhöhtem Oberkörper
Sauerstofftherapie: bedarfsorientierte Sauerstoffgabe bei Hypoxämie oder respiratorischer Beeinträchtigung
Medikamentöse Therapie: ggf. Fortführung einer begonnenen antiemetischen, antivertiginösen oder analgetischen Therapie mit regelmäßiger Reevaluation der Beschwerden
Patient:innenbetreuung: ruhige Gesprächsführung, empathische Betreuung sowie Vermeidung zusätzlicher Lärm- und Stressreize
Dokumentation: Erfassung von Symptombeginn, Verlauf der Hörminderung, Begleitsymptomen, erhobenen Vitalparametern sowie sämtlichen präklinisch durchgeführten Maßnahmen und deren Wirkung
Übergabe in der Klinik
Strukturierte Übergabe nach einem standardisierten Schema (z.B. SINNHAFT oder ISOBAR)
Übergabe relevanter Informationen zu:
Zeitpunkt des Beginns der Hörminderung und bisheriger Verlauf
Betroffener Seite sowie Ausprägung des Hörverlusts
Begleitsymptomen (Tinnitus, Schwindel, Übelkeit, Druckgefühl im Ohr)
Neurologischen Auffälligkeiten (z.B. Sprachstörungen, Paresen, Sensibilitätsstörungen oder Bewusstseinsstörungen)
Vorangegangenem Knall-, Lärm-, Tauch- oder Flugereignis
Bekannten Innenohrerkrankungen, Vorerkrankungen, aktuellen Medikamenten sowie möglichen ototoxischen Arzneimitteln
Erhobenen Vitalparametern und deren Verlauf
Durchgeführte Maßnahmen (z.B. Sauerstoffgabe, antiemetische oder antivertiginöse Therapie) einschließlich deren Wirkung
Verdacht auf Komplikationen: Hinweise auf einen Schlaganfall, ein akustisches Trauma, ein Barotrauma oder andere zentrale Ursachen ausdrücklich kommunizieren
Hochrisikopatient:innen: Bei Verdacht auf einen Schlaganfall oder andere neurologische Notfälle frühzeitige Übergabe an das zuständige Stroke-Team bzw. neurologische Akutteam veranlassen
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Definition
Definition
Hörsturz
Ein Hörsturz ist ein plötzlich auftretender, meist einseitiger Innenohrhörverlust, der ohne erkennbare Ursache entsteht und nicht durch eine Störung der Schallleitung erklärt werden kann. Häufig treten zusätzlich Tinnitus, ein Druck- oder Völlegefühl im betroffenen Ohr sowie Schwindel auf.
Ursachen
Merke
Die genaue Pathogenese des Hörsturzes ist bis heute nicht abschließend geklärt. Wahrscheinlich handelt es sich um ein multifaktorielles Geschehen, bei dem mehrere Mechanismen zusammenwirken können.
Durchblutungsstörungen der Cochlea: vermutlich häufigster Pathomechanismus. Eine verminderte Blutversorgung kann zu einer Minderversorgung der Haarzellen und dadurch zu einem akuten Innenohrhörverlust führen
Zelluläre Dysfunktion der Haarzellen: Störungen der äußeren oder inneren Haarzellen können die Schalltransduktion beeinträchtigen und einen plötzlichen Hörverlust verursachen
Entzündliche Prozesse des Innenohrs: diskutiert werden virale oder immunvermittelte Entzündungsreaktionen, die zu einer Funktionsstörung der Cochlea führen können
Psychische Belastungen und Stress: zwischen psychischen Belastungssituationen und dem Auftreten eines Hörsturzes besteht eine Assoziation. Ein ursächlicher Zusammenhang konnte bislang jedoch nicht eindeutig nachgewiesen werden
Pathophysiologie
Info
Die Pathophysiologie des Hörsturzes ist komplex und bislang nicht vollständig geklärt. Vermutlich tragen mehrere Mechanismen zur Entstehung bei.
Eine Minderdurchblutung der Cochlea gilt als wichtiger Entstehungsmechanismus, da die A. labyrinthi eine Endarterie ohne Kollateralgefäße ist
Oxidativer Stress, Ionenhaushaltsstörungen, Mitochondrienfunktionsstörungen sowie entzündliche oder immunologische Prozesse können die Haarzellen des Innenohrs schädigen
Weitere Risikofaktoren sind Stress, Diabetes mellitus, arterielle Hypertonie, ototoxische Medikamente sowie virusassoziierte Innenohrentzündungen
Die Schädigung der Haarzellen führt zu einer sensorineuralen Hörminderung, häufig begleitet von Tinnitus oder einem Druckgefühl im Ohr
Klinischer Eindruck
Plötzlicher einseitiger Hörverlust: akut einsetzende Schallempfindungsschwerhörigkeit kochleärer Genese mit unterschiedlich ausgeprägter Hörminderung bis zum vollständigen Sprachverständnisverlust auf der betroffenen Seite
Tinnitus: meist hochfrequent, rauschend oder pfeifend, gelegentlich bereits vor dem eigentlichen Hörverlust als Warnsignal auftretend
Druck- oder Wattegefühl im Ohr: häufiges Begleitsymptom, teilweise zusätzlich mit einem pelzigen Gefühl im Bereich der Ohrmuschel
Keine Ohrschmerzen: typischerweise bestehen keine Schmerzen und kein gerötetes Trommelfell, wodurch entzündliche Ursachen wie eine Otitis weniger wahrscheinlich sind
Achtung
Red Flags
Ausgeprägter Schwindel: insbesondere bei Fallneigung oder Nystagmus sollte an eine vestibuläre oder zentrale Ursache gedacht werden
Neurologische Begleitsymptome: Sehstörungen, Dysarthrie oder Paresen sprechen für den Verdacht auf eine zerebrale Ursache
Besondere Risikokonstellationen: ein beidseitiger Hörverlust erfordert eine sofortige Klinikeinweisung
Diagnostik
Inspektion:
Allgemeinzustand: meist unauffälliger Allgemeinzustand, Betroffene wirken jedoch häufig verunsichert, ängstlich oder angespannt aufgrund des plötzlich aufgetretenen Hörverlusts
Gangbild: Bei vestibulärer Beteiligung können Gangunsicherheit, Schwanken oder eine Fallneigung auffallen
Ohr: äußerlich in der Regel keine sichtbaren Auffälligkeiten (keine Rötung, Schwellung oder Sekretion)
Palpation:
Puls: überwiegend normofrequent und regelmäßig. Eine Tachykardie kann als vegetative Reaktion auf die akute Belastung auftreten
Rekapillarisierungszeit: in der Regel unauffällig (< 2 Sekunden)
Ohr und Mastoid: meist kein Druckschmerz über Ohrmuschel, äußerem Gehörgang oder Mastoid
Ein Druckschmerz spricht eher für eine andere Ursache (z. B. Otitis oder Mastoiditis)
Perkussion:
Keine charakteristischen Befunde: die Perkussion besitzt beim Hörsturz keinen diagnostischen Stellenwert und ergibt typischerweise keine wegweisenden Befunde.
Auskultation:
Keine charakteristischen Befunde: die Auskultation liefert beim Hörsturz keine wegweisenden Befunde und dient hauptsächlich dem Ausschluss anderer Erkrankungen
Therapie
Basismaßnahmen:
Lagerung: symptomadaptierte Lagerung nach Wohlbefinden → bei Schwindel Oberkörper leicht erhöht und unnötige Kopfbewegungen vermeiden
Monitoring und Basisdiagnostik: Kontinuierliche Überwachung mittels EKG, SpO₂, Blutdruck-, Herzfrequenz-, Atemfrequenz- und Temperaturkontrolle
Sauerstoffgabe:bedarfsorientierte Sauerstofftherapie bei Hypoxämie oder respiratorischer Beeinträchtigung → eine routinemäßige Sauerstoffgabe ist nicht erforderlich
Venöser Zugang: Anlage eines intravenösen Zugangs bei ausgeprägter Symptomatik oder notwendiger Medikamentengabe
Angst- und Stressreduktion: beruhigende Gesprächsführung und empathische Betreuung.
Komplikationen erkennen:neurologische Begleitsymptome, ausgeprägter Schwindel mit Fallneigung, Bewusstseinsstörungen oder ein beidseitiger Hörverlust sprechen gegen einen isolierten Hörsturz und erfordern die Abklärung einer zentralen Ursache, insbesondere eines Schlaganfalls
Zielklinik: nach Herstellung der Transportfähigkeit Transport in eine Klinik mit HNO-Fachabteilung. Bei Verdacht auf einen Schlaganfall oder andere neurologische Ursachen sofortiger Transport in eine Stroke Unit mit entsprechender Voranmeldung
Spezifische Maßnahmen:
Antiemese/Schwindeltherapie: Bei Übelkeit, Erbrechen oder ausgeprägtem Schwindel oder Kinetose Gabe eines Antiemetikums, bevorzugt Dimenhydrinat 62 mg i.v.
Besondere Situationen
Definition
Akustisches Trauma
Ein akustisches Trauma entsteht durch eine extreme Schalldruckeinwirkung (z.B. Knall, Explosion oder starke Lärmbelastung) und stellt einen Notfall der Sinnesorgane dar.
Definition
Toxische und metabolische Hörstörungen
Toxische und metabolische Hörstörungen entstehen durch eine Schädigung der Haarzellen oder des Hörnervs infolge von Medikamenten, Stoffwechselstörungen oder Autoimmunprozessen.
Transport
Grundsätzlich richtet sich die Wahl des Zielkrankenhauses nach dem Verdacht auf einen isolierten Hörsturz, dem Vorliegen neurologischer Begleitsymptome sowie möglichen Differenzialdiagnosen oder Komplikationen.
Isolierter Hörsturz: zeitnaher Transport in eine Klinik mit HNO-Fachabteilung zur weiteren Diagnostik (Otoskopie, Audiometrie) und Therapie
Verdacht auf Schlaganfall oder andere zentrale Ursache: sofortiger Transport in eine Stroke Unit oder ein Krankenhaus mit neurologischer Akutversorgung
Akustisches Trauma oder Barotrauma: Transport in eine HNO-Klinik, bei Explosionstrauma oder Polytrauma in ein Traumazentrum mit entsprechender HNO- und unfallchirurgischer Versorgung
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