Die Hypoglykämie ist ein medizinischer Notfall, bei dem der Blutzuckerspiegel unter den physiologisch erforderlichen Bereich absinkt und dadurch insbesondere die Energieversorgung des Gehirns gefährdet wird. Da ein einheitlicher Grenzwert nur eingeschränkt aussagekräftig ist, erfolgt die Diagnosesicherung anhand der Whipple-Trias:
Hypoglykämische Symptomatik
Niedriger Blutzuckerwert
Besserung der Beschwerden nach Glukosegabe
Typische Symptome sind Zeichen der autonomen Gegenregulation wie Kaltschweißigkeit, Tremor, Heißhunger und Tachykardie sowie neurologische Auffälligkeiten wie Verwirrtheit, Vigilanzminderung, Krampfanfälle oder Bewusstlosigkeit.
Im Rettungsdienst stehen die rasche Erkennung der Hypoglykämie, die Sicherstellung der zerebralen Glukoseversorgung sowie die kontinuierliche Überwachung der Vitalfunktionen im Vordergrund.
Therapeutisch wird bei ausreichend wachen Patient:innen eine orale Glukosegabe angestrebt, während bei Bewusstseinsstörungen eine intravenöse Glukosegabe mit engmaschiger Blutzuckerkontrolle erforderlich ist.
Um den Einstieg in das Thema Hypoglykämie etwas zu erleichtern, wird im Folgenden ein Fall beschrieben, wie er sich präklinisch ereignen könnte.
Das Szenario
Einsatzmeldung:
Stichwort: Bewusstseinsstörung
Ort: Zuhause, Wohnzimmer
Alarmzeit: 15:37 Uhr
Anrufer: Ehepartner
Anzahl der Betroffenen: 1
Zusatzinfo: Patient ist bekannter Diabetiker Typ 1
Lageeinweisung vor Ort:
Beim Eintreffen finden die Rettungskräfte einen bewusstlosen 50-jährigen Patienten auf der Couch liegend vor. Der Ehepartner gibt an, dass der Patient seit mehreren Stunden nichts gegessen hat und das Insulin via Pumpe abgegeben wird. Das Wohnzimmer ist warm, der Patient trägt leichte Kleidung. Auf dem Tisch stehen scheinbar unberührte Wasserflaschen. Der Ehepartner wirkt besorgt und bestätigt, dass solche Situationen bereits mehrfach vorgekommen sind.
Ersteindruck nach xABCDE-Schema
Um sich einen ersten umfassenden Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten in einer Notfallsituation zu verschaffen, bietet sich das xABCDE-Schema an. Um die Arbeit mit dem Schema zu veranschaulichen, ist hier ein xABCDE-Schema abgebildet, wie es im Falle einer Ersteinschätzung bei einer Patientin oder einem Patienten mit Hypoglykämie aussehen könnte.
Es handelt sich dabei um die Befunde, die innerhalb der ersten paar Minuten erhoben werden können. Erweiterte Diagnostik und Abfragen sind natürlich von Bedeutung, jedoch würde zum Beispiel die Anlage eines 12-Kanal-EKG in diesem Fall hinten angestellt und taucht zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf.
x
Keine kritischen Blutungen
A
Atemwege frei
Schleimhäute rosig
Patient nicht ansprechbar
Kein A-Problem
B
Inspektorisch:
Thoraxexkursion normal
Keine Verletzungen oder Abnormalitäten sichtbar
Keine gestauten Halsvenen sichtbar
Mäßige Tachypnoe, Atemfrequenz: 16/min
Auskultatorisch:
Beidseits vesikuläres Atemgeräusch
Keine Atemnebengeräusche
Palpatorisch:
Thorax insgesamt stabil
Kein B-Problem
C
Hautkolorit blass
Insgesamt kaltschweißig
Recap-Zeit: 3 Sekunden
Große Blutungsräume ohne Zeichen auf akute Blutungen
Palpation des Pulses am Handgelenk
Rhythmisch
Schwach tastbar
Tachykard
Mittelbares C-Problem
D
Bewusstlos
GCS 3
Öffnen der Augen: 1
Beste verbale Reaktion: 1
Beste motorische Reaktion: 1
Pupillenkontrolle:
Isokor
Mittelweit
Lichtreagibel
Blutzucker: 28 mg/dl
Akutes D-Problem
E
Keine Verletzungen ersichtlich
Symptome:
Bewusstlosigkeit
Zittern, schweißnass
Allergien/Infektionen: keine bekannt
Medikamente: Insulin via Insulinpumpe
Patientengeschichte: bekannter Diabetes mellitus Typ I, rezidivierende Hypoglykämien
Letzte Mahlzeit: vor 8 Stunden, nur eine kleine Mahlzeit
Ereignis:
Keine Nahrungsaufnahme in den letzten Stunden
Insulingabe am Morgen via Pumpe
Risikofaktoren: unregelmäßiges Essverhalten
Kein E-Problem
Achtung
Das hier gezeigte Assessment vermittelt nur einen exemplarischen ersten Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten. Im Verlauf der Behandlung müssen weitere Maßnahmen ergriffen und Informationen gesammelt werden. Das Schema erhebt daher keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern soll lediglich einen praktischen Einstieg in das Thema ermöglichen.
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Definition
Hypoglykämie
Eine Hypoglykämie wird in der Regel bei einem Blutzuckerwert von unter 45–50 mg/dl definiert. Bereits ab Werten von unter 70 mg/dL setzen jedoch physiologische Gegenregulationsmechanismen des Körpers ein.
Zur Diagnosesicherung dient die Whipple-Trias:
Blutzucker <50 mg/dl
Hypoglykämische Symptomatik (Tachykardie, Palpitationen, Müdigkeit bis zum Koma etc.)
Minderung der Symptomatik bei Anheben des Glucosespiegels
Info
Die meisten Geräte in Deutschland geben den Blutzuckerspiegel in der Einheit mg/dl an. Einige Geräte sind jedoch auf mmol/l eingestellt. Der Umrechnungsfaktor beträgt 18, daher sollte die Einheit unbedingt beachtet werden.
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Hypoglykämie bei Diabetes mellitus
Die häufigste Ursache einer Hypoglykämie bei Patient:innen mit Diabetes mellitus ist eine Überdosierung blutzuckersenkender Medikamente, insbesondere von Insulin, Sulfonylharnstoffen oder Gliniden. Auch Medikamenteninteraktionen können das Risiko erhöhen.
Begünstigt wird eine Hypoglykämie zudem durch:
Körperliche Anstrengung bei unveränderter Medikation
Ausgelassene oder verspätete Mahlzeiten
Alkoholkonsum, insbesondere nach Alkoholexzessen
Eingeschränkte Nierenfunktion, wodurch die Wirkung von Medikamenten verlängert sein kann
Kognitive Einschränkungen mit erhöhtem Risiko für Medikationsfehler
Autonome Neuropathie oder wiederholte Hypoglykämien, wodurch Warnsymptome abgeschwächt sein können
Info
Eine besondere Form stellt die postprandiale Hypoglykämie in frühen Stadien des Diabetes mellitus Typ 2 dar.
Hypoglykämie ohne Diabetes mellitus
Auch bei Personen ohne Diabetes können Hypoglykämien auftreten. Mögliche Ursachen sind:
Medikamente, Drogen oder Toxine
Alkoholkonsum
Cannabiskonsum
Weitere Ursachen sind postprandiale Hypoglykämien, beispielsweise bei:
Magenentleerungsstörungen
Dumping-Syndrom nach Magenoperationen oder bariatrischen Eingriffen
Endokrine und metabolische Ursachen
Störungen hormoneller Regelkreise können ebenfalls zu Hypoglykämien führen, beispielsweise:
Nebennierenrindeninsuffizienz
Hypopituitarismus
Ausgeprägte Hypothyreose
Zustand nach Resektion eines Phäochromozytoms
Schwere Allgemeinerkrankungen
Eine Hypoglykämie kann zudem im Rahmen schwerer Erkrankungen auftreten, beispielsweise bei:
Chronischer Niereninsuffizienz
Leberinsuffizienz
Sepsis oder septischem Schock
Kachexie bei Tumorerkrankungen oder Essstörungen
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Merke
Reminder: physiologische Grundlagen
Glukose als Hauptenergieträger des Gehirns: Das Gehirn kann nur Glukose, Ketonkörper und Laktat als Energiequelle nutzen
Begrenzte Glukosespeicher des Gehirns: Das Gehirn verfügt über keine relevanten Energiespeicher und ist daher auf eine kontinuierliche Glukosezufuhr angewiesen
Physiologische Gegenregulation: Sinkt der Blutzuckerspiegel unter etwa 70 mg/dl, werden gegenregulatorische Hormone freigesetzt, um die Glukoseversorgung lebenswichtiger Organe sicherzustellen
Neuroglukopenie: Eine unzureichende Glukoseversorgung des Gehirns führt zu neurologischen Symptomen wie Verwirrtheit, Sehstörungen, Krampfanfällen oder Bewusstlosigkeit
Insulin: senkt den Blutzuckerspiegel, indem es die Glukoseaufnahme in die Zellen fördert und die Glykogensynthese stimuliert
Glukagon: Gegenspieler von Insulin, erhöht den Blutzuckerspiegel durch Mobilisierung von Glykogen und Förderung der Glukoneogenese
Stresshormone: Adrenalin und Cortisol erhöhen ebenfalls den Blutzuckerspiegel, um in Stresssituationen Energie bereitzustellen
Pathophysiologische Mechanismen
Übermäßige Insulinwirkung: Insulinüberdosierung oder autonome Insulinsekretion (z.B. Insulinom) → Glukoseaufnahme in Muskel- und Fettzellen ↑ → Blutglukosespiegel ↓
Gestörte Glukosebereitstellung: Leberinsuffizienz, Alkoholintoxikation oder längere Nahrungskarenz → Gluconeogenese ↓ und Glykogenolyse ↓ → endogene Glukosefreisetzung ↓ → Blutglukosespiegel ↓
Alkoholbedingte Hypoglykämie: Ethanolabbau → NADH ↑ → Pyruvat wird zu Laktat reduziert → Gluconeogenese ↓ → Blutglukosespiegel ↓
Hormonelle Gegenregulation
Sinkt der Blutglukosespiegel unter etwa 70 mg/dl, aktiviert der Körper eine mehrstufige hormonelle Gegenregulation, um die Glukoseversorgung lebenswichtiger Organe, insbesondere des Gehirns, aufrechtzuerhalten.
Glucagon: Aktivierung der Adenylatcyclase → cAMP ↑ → Glykogenolyse ↑ und Gluconeogenese ↑ → Blutglukosespiegel ↑
Cortisol (verzögerte hormonelle Gegenregulation): Gluconeogenese ↑ und periphere Glukoseaufnahme ↓ → Stabilisierung des Blutglukosespiegels
Regulatorisches Hormon
Wirkung auf den Blutzucker
Wirkmechanismus
Insulin
↓
Glukoseaufnahme ↑
Glykogensynthese ↑
Gluconeogenese ↓
Glucagon
↑
Glykogenolyse ↑
Gluconeogenese ↑
Adrenalin
↑
Aktivierung der sympathoadrenalen Gegenregulation
Glykogenolyse ↑
Insulinsekretion ↓
Cortisol
↑
Gluconeogenese ↑
periphere Glukoseaufnahme ↓
Akute Folgen der Hypoglykämie
Merke
Bei Unterschreiten des physiologischen Blutzuckerbereichs aktiviert der Organismus zunächst autonome Gegenregulationsmechanismen mit sympathischer Aktivierung, bevor es im weiteren Verlauf infolge der verminderten zerebralen Glukoseversorgung zu neurologischen Ausfallerscheinungen kommt.
Parasympathische Symptome: Aktivierung des Parasympathikus → Heißhunger, Übelkeit und Erbrechen
Neuroglukopene Symptome: Glukosemangel im Gehirn → Konzentrationsstörungen, Verwirrtheit, Sehstörungen, Sprachstörungen, Gangunsicherheit und Reizbarkeit
Im weiteren Verlauf können Krampfanfälle, Bewusstlosigkeit und schließlich ein hypoglykämisches Koma auftreten
Hirnödem bei schwerer Hypoglykämie
Ein Hirnödem stellt eine seltene, jedoch potenziell lebensbedrohliche Komplikation einer schweren und länger anhaltenden Hypoglykämie dar.
Durch den ausgeprägten Glukosemangel steht den Nervenzellen nicht mehr ausreichend Energie zur Verfügung. Der daraus resultierende ATP-Mangel führt zum Ausfall energieabhängiger Zellmembranpumpen, primär der Na⁺/K⁺-ATPase. Infolgedessen gerätdie Regulation von Natrium, Kalium und Wasser in der Zelle aus dem Gleichgewicht.
Na⁺ strömt vermehrt in die Zellen ein → Wasser folgt osmotisch → Zellschwellung ↑→ zytotoxisches Hirnödem
Info
Besonders betroffen sind Astrozyten, da sie eine zentrale Rolle im zerebralen Glukosestoffwechsel spielen und empfindlich auf Energiemangel reagieren.
Bei länger anhaltender Hypoglykämie oder nach einer raschen Reperfusion des zuvor energiedefizienten Hirngewebes durch Glukosegabe kann zusätzlich die Blut-Hirn-Schranke geschädigt werden. Die dadurch erhöhteGefäßpermeabilität ermöglicht den Übertritt von Flüssigkeit und Plasmaproteinen in den Extrazellulärraum.
Reperfusion des zuvor energiedefizienten Hirngewebes → Bildung reaktiver Sauerstoffspezies (ROS) → Permeabilität der Blut-Hirn-Schranke ↑ → Flüssigkeitsübertritt ins Interstitium ↑ → vasogenes Hirnödem ↑
Dadurch können zytotoxisches und vasogenes Hirnödem gleichzeitig auftreten und einander verstärken, was zu einem Anstieg des intrakraniellen Drucks und einer weiteren Verschlechterung der zerebralen Funktion führen kann.
Merke
Zusammenfassung: die kritischen Probleme der Hypoglykämie
Unzureichende Glukoseversorgung des Gehirns → neuronaler Energiemangel → neuroglukopene Symptome
Zunehmender Glukosemangel im ZNS → gestörte Hirnfunktion → Verwirrtheit, Bewusstseinsstörung und neurologische Ausfälle
Schwere oder prolongierte Hypoglykämie → Gefahr irreversibler neurologischer Schäden bis zum Tod
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Achtung
Ein kaltschweißiger Patient mit Bewusstseinsstörung und bekannter Diabetesanamnese ist hochverdächtig auf eine Hypoglykämie! Eine sofortige Blutzuckermessung ist entscheidend.
Typische Zeichen
Unruhe und Nervosität: Ausdruck der sympathischen Gegenregulation
Schwitzen: Kaltschweißigkeit als frühes Warnzeichen
Blässe: Vasokonstriktion durch Sympathikusaktivierung
Tachykardie und Palpitationen: adrenerge Reaktion auf den Glukosemangel
Konzentrationsstörungen: frühes Zeichen der zerebralen Glukoseunterversorgung
Kopfschmerzen
Verwirrtheit und Desorientierung
Sprachstörungen
Tremor
Übelkeit und Erbrechen
Reizbarkeit, Wesensveränderung oder Aggressivität
Schwere / generalisierte Symptome
Ausgeprägte Bewusstseinsstörung: Somnolenz bis Koma
Krampfanfälle (Konvulsionen): Zeichen einer schweren Neuroglukopenie
Fokale neurologische Defizite: Paresen, Parästhesien oder Blickdeviation
Apathie: Fortschreitende Einschränkung der zerebralen Funktion
Koma: Endstadium der unbehandelten schweren Hypoglykämie
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Anamnese
Merke
Wichtig ist der Hinweis, ob eine Diabetes-Erkrankung besteht oder ein anderer Umstand der Lebensführung der betroffenen Person darauf schließen lässt, dass die Kohlenhydratzufuhr mit dem Bedarf nicht konform gehen könnte.
S (Symptome): Typische Beschwerden umfassen adrenerge Symptome wie Zittern, Kaltschweißigkeit und Unruhe sowie neuroglukopenische Symptome wie Verwirrtheit, Bewusstseinsstörungen oder Krampfanfälle
A (Allergien, Infektionen): Infektionen können den Blutzucker beeinflussen
M (Medikation): Insulin und Sulfonylharnstoffe zählen zu den häufigsten Ursachen medikamentös bedingter Hypoglykämien. Auch nach dem Absetzen einer Kortikosteroidtherapie kann eine relative Hypoglykämie auftreten
P (Patientengeschichte): bekannter Diabetes mellitus, Ernährungsumstellung, Essstörung
L (Letzte Mahlzeit): Ausgelassene oder verspätete Mahlzeiten, Fastenperioden oder eine kohlenhydratarme Ernährung
E (Ereignis): Körperliche Belastung, Alkoholkonsum oder interkurrente Erkrankungen (z.B. Infektionen) können den Insulinbedarf verändern und eine Hypoglykämie begünstigen
R (Risiko): Erbrechen, Durchfall, Nahrungsmangel sowie Elektrolytstörungen
S (Schwangerschaft): Bei Patientinnen mit Gestationsdiabetes können eine Insulintherapie sowie die erhöhte Stoffwechselaktivität in der Schwangerschaft das Risiko für iatrogene Hypoglykämien erhöhen
Tipp
Nutze Schemata
Um die Anamnese strukturiert durchzuführen, bietet es sich an, Schemata, wie das SAMPLERS oder OPQRST-Schema zu nutzen. Am obigen Beispiel haben wir Fragen und Befunde dargestellt, die bei dem Verdacht auf eine Hypogklykämie abgefragt werden sollten und vorliegen könnten.
Körperliche Untersuchung
Inspektion:
Blässe: Ausdruck einer peripheren Vasokonstriktion im Rahmen der adrenergen Gegenregulation
Kaltschweißigkeit: Folge einer gesteigerten sympathischen Aktivierung bei sinkendem Blutzuckerspiegel
Tremor oder Zittern: Typisches adrenerges Warnsymptom der Hypoglykämie
Unruhe oder Angst: Zeichen der autonomen Gegenregulation und beginnenden zerebralen Glukoseunterversorgung
Heißhunger: Aktivierung hypothalamischer und parasympathischer Gegenregulationsmechanismen
Bewusstseinsstörung: Verwirrtheit, Desorientierung oder Vigilanzminderung als Ausdruck einer Neuroglukopenie
Neurologische Auffälligkeiten: Mögliche Sprachstörungen, Gangunsicherheit, fokale Defizite oder Krampfanfälle bei schwerer Hypoglykämie
Palpation:
Kalte, feuchte Haut: typischer Befund bei ausgeprägter sympathischer Aktivierung
Tachykarder Puls: Häufige Folge der adrenergen Gegenregulation
Palpitationen: subjektiv wahrnehmbares Herzklopfen als Ausdruck der vegetativen Aktivierung
Muskeltonus: In der Regel normal
Krampfaktivität oder fokale neurologische Defizite sprechen für eine schwere Neuroglukopenie
Perkussion:
Unauffälliger Klopfschall: In der Regel zeigt sich ein sonorer Klopfschall ohne pathologische Dämpfungs- oder Tympaniezonen
Auffällige Perkussionsbefunde sprechen eher für Begleiterkrankungen als für die Hypoglykämie selbst
Auskultation:
Normales Atemgeräusch: Typischerweise vesikuläres Atemgeräusch ohne Nebengeräusche
Auffällige Auskultationsbefunde sprechen eher für Begleiterkrankungen als für die Hypoglykämie selbst
Vitalparameter
Parameter
Typischer Befund / Veränderung
Pathophysiologischer Hintergrund
Herzfrequenz
Häufig Tachykardie, gelegentlich Palpitationen
Sympathikusaktivierung mit vermehrter Ausschüttung von Adrenalin und Noradrenalin als Gegenregulation auf den Glukosemangel
Blutdruck
Meist normal bis leicht erhöht, selten erniedrigt bei ausgeprägter Erschöpfung
Adrenerge Gegenregulation führt zu Vasokonstriktion und kurzfristiger Blutdrucksteigerung
Atemfrequenz
Meist normal bis leicht erhöht
Stressreaktion und gesteigerte sympathische Aktivität, bei schwerer Hypoglykämie kompensatorisch erhöhte Atemarbeit möglich
Temperatur
Meist normal bis leicht erniedrigt
Vasokonstriktion und Kaltschweißigkeit können die Wärmeabgabe erhöhen
Sauerstoffsättigung
In der Regel normwertig
Hypoglykämie verursacht keine primäre Störung von Ventilation oder Oxygenierung
Blutzucker
Erniedrigt
Übermäßige Insulinwirkung oder unzureichende Glukosebereitstellung führen zu einer verminderten Glukosekonzentration im Blut
Orientierende neurologische Untersuchung
Vigilanz: Beurteilung des Bewusstseinszustands, beispielsweise mittels GCS-Score
Sprache: Überprüfung von Sprachverständnis und Sprachproduktion auf Hinweise für neurologische Defizite
Pupillenstatus: Kontrolle von Pupillengröße, Symmetrie und Lichtreaktion sowie möglicher Blickabweichungen
Motorik: orientierende Kraftprüfung der oberen und unteren Extremitäten unter Beachtung von Seitendifferenzen
Fokalneurologische Zeichen: Fazialisparese, Hemiparese, Sensibilitätsstörungen oder andere Herdzeichen als Hinweis auf eine neurologische Ursache des Bewusstseinsverlustes
Tipp
FokalneurologischeDefizite sprechen gegeneineHypoglykämie und erfordern die Abklärung alternativer Ursachen, insbesondere eines zerebrovaskulären Ereignisses oder anderer neurologischer Erkrankungen.
Weiterführende apparative Diagnostik
12-Kanal-EKG:
Tachykardie: Typisches Zeichen der sympathoadrenergen Gegenregulation als Reaktion auf die Hypoglykämie
QT-Zeit-Verlängerung: Kann bei Hypoglykämie auftreten → erhöhtes Risiko für ventrikuläre Arrhythmien (z.B. Torsade-de-Pointes)
Rhythmusstörungen: Möglich insbesondere bei ausgeprägter Hypoglykämie → adrenerge Überstimulation, QT-Zeit-Verlängerung, Elektrolytverschiebungen oder Hypoxie begünstigen das Auftreten kardialer Arrhythmien
Tipp
Das 12-Kanal-EKG dient dem Ausschluss hypoglykämiebedingter Herzrhythmusstörungen sowie dem Nachweis von Repolarisations- oder Leitungsstörungen.
Differenzialdiagnosen
Differenzialdiagnose
Typische Symptome
Abgrenzung / Hinweise
Ischämischer Schlaganfall
Hemiparese, Fazialisparese
Aphasie
Fokale neurologische Defizite
Blutzuckermessung zur Abgrenzung, hypoglykämische Symptome bessern sich nach Glucosegabe
Synkope
Kurzzeitiger Bewusstseinsverlust
Rasche Reorientierung
Kollapsereignis
Meist keine vegetativen Hypoglykämiezeichen wie Tremor, Schwitzen oder Heißhunger
Epileptischer Anfall
Tonisch-klonische Krämpfe
Postiktale Desorientierung
Zungenbiss, Urinabgang
Hinweise auf Krampfanfall, typische postiktale Phase, Zungenbiss oder Enuresis
Intoxikation (Alkohol, Medikamente)
Bewusstseinsstörung
Pupillenveränderungen
Koordinationsstörungen
Alkoholgeruch
Blutzuckermessung zur Differenzierung
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Info
Die dargestellten Maßnahmen orientieren sich an den Empfehlungen des Deutschen Berufsverbands Rettungsdienst (DBRD) und werden durch weitere spezifische, leitliniengerechte Maßnahmen ergänzt, um eine strukturierte und evidenzbasierte Versorgung von Patient:innen sicherzustellen.
Merke
Die Hauptziele des Rettungsdienstes bei einer Hypoglykämie sind die frühzeitige Erkennung des erniedrigten Blutzuckerspiegels, die Sicherung der Vitalfunktionen sowie die rasche Normalisierung des Blutzuckers durch Glukosegabe. Da hypoglykämische Symptome zahlreiche neurologische Notfälle imitieren können, kommt der zeitnahen Blutzuckermessung eine zentrale Bedeutung zu.
Basismaßnahmen
Lagerung:
Bei erhaltenem Bewusstsein und Schutzreflexen: Oberkörperhochlagerung möglich
Bei Bewusstseinsstörung oder Vigilanzminderung: stabile Seitenlage zur Aspirationsprophylaxe, alternativ Flachlagerung mit permanenter Überwachung der Atemwege
Sauerstoffgabe: Bedarfsgerechte Sauerstofftherapie bei SpO₂ < 94 % oder respiratorischer Beeinträchtigung
Angepasstes Atemwegsmanagement: Bei Bewusstseinsstörung oder Verlust der Schutzreflexe sind die Atemwege konsequent freizuhalten und regelmäßig zu kontrollieren. Je nach Vigilanzzustand können Atemwegshilfen (z.B. Guedel- oder Wendltubus) erforderlich sein
Monitoring und Basisdiagnostik: Kontinuierliche Überwachung mittels EKG, SpO₂, Blutdruck- und Atemfrequenzkontrollen sowie wiederholte Blutzuckermessungen zur Therapiekontrolle
Orale Glukosegabe: Bei ausreichend guter Bewusstseinslage kann die Glukosezufuhr oral erfolgen
Hierfür eignen sich sowohl medizinische Glukoselösungen als auch zuckerhaltige Speisen und Getränke
Zur längerfristigen Stabilisierung des Blutzuckerspiegels sollten anschließend komplexe Kohlenhydrate verabreicht werden, beispielsweise Vollkornbrot mit Honig oder andere kohlenhydratreiche Nahrungsmittel
Venöser Zugang: Anlage eines i.v.-Zugangs zur Glukosegabe und für weiterführende therapeutische Maßnahmen
Wärmeerhalt: Vermeidung einer Auskühlung durch konsequente Wärmeerhaltungsmaßnahmen, insbesondere bei bewusstseinsgestörten Patient:innen
Spezifische Maßnahmen
Glucosegabe: Bei einer Hypoglykämie (< 60 mg/dL) oder einer relativen Hypoglykämie als Ursache der Symptomatik soll zur Sicherstellung einer ausreichenden zerebralen Glukoseversorgung eine intravenöse Gabe von Glucose erfolgen
Erwachsene und Kinder > 5 Jahre: 5-10 g i.v., ggf. wiederholte Gaben bis BZ ausgeglichen
Kinder < 5 Jahren 0,2 g/kgKG i.v., ggf. wiederholte Gaben bis BZ ausgeglichen
Alternativ Glucagongabe:
Erwachsene und Kinder > 25 kg 1 mg i.m., alternativ 3 mg i.n.
Kinder < 25 kg 0,5 mg i.m.
Achtung
Glukose darf nur über einen korrekt liegenden i.v.-Zugang injiziert werden. Das Eindringen hochprozentiger Glukose ins Gewebe als Paravasat kann Nekrosen verursachen.
Achtung
Bei erschöpften Glykogenspeichern (z.B. nach längerem Fasten)oder gestörter Glukoneogenese ist die Wirkung von Glukagon häufig unzureichend.
Tipp
Eine rasche Besserung nach Glukosegabe bestätigt die Diagnose einer Hypoglykämie. Bleibt die Symptomatik bestehen, sollte differenzialdiagnostisch weitergeforscht werden.
Volumenmanagement:
Gabe von Vollelektrolytlösungen nur bei Hypotonie oder Hypovolämie
Keine routinemäßige Volumentherapie bei hämodynamisch stabilen Patient:innen
Thiamin: Bei Verdacht auf chronischen Alkoholabusus, Mangelernährung oder andere Risikofaktoren für einen Thiaminmangel sollte frühzeitig Thiamin (Vitamin B1) 100 mg i.v. verabreicht werden. Dadurch kann insbesondere bei gefährdeten Patient:innen die Entwicklung bzw. Verschlechterung einer Wernicke-Enzephalopathie verhindert werden
Transportentscheidung
Nicht jede Hypoglykämie erfordert zwangsläufig einen Transport in ein Krankenhaus. Nach erfolgreicher Behandlung und vollständiger Rückbildung der Symptome kann in ausgewählten Fällen ein Verbleib im häuslichen Umfeld erwogen werden.
Info
Voraussetzungen für einen Verbleib vor Ort
Die betroffene Person ist vollständig reorientiert, kennt die eigene Erkrankung und versteht die empfohlenen Maßnahmen
Es stehen zuverlässige Angehörige, Betreuungspersonen oder Pflegekräfte zur Verfügung, die den weiteren Verlauf beobachten, bei Bedarf den Blutzucker kontrollieren und im Notfall Hilfe verständigen können
Es bestehen keine Hinweise auf eine absichtliche Überdosierung, einen Suizidversuch oder eine relevante Alkoholintoxikation
Es liegt keine Überdosierung von Langzeitinsulin oder von oralen Antidiabetika mit erhöhtem Hypoglykämierisiko (insbesondere Sulfonylharnstoffe oder Glinide) vor
Patient:in wurde über die Risiken einer erneuten Hypoglykämie aufgeklärt und versteht die notwendigen Verhaltensmaßnahmen:
Engmaschige Blutzuckerkontrollen in den nächsten Stunden
Sofortige Blutzuckermessung bei erneut auftretenden Symptomen
Ausreichende Kohlenhydrat- und Flüssigkeitszufuhr nach dem Ereignis
Sind sämtliche Kriterien erfüllt, kann nach individueller Risikoabwägung ein Verbleib im häuslichen Umfeld erwogen werden. Zusätzlich sollte eine zeitnahe hausärztliche oder diabetologische Vorstellung empfohlen werden.
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Patient:innen mit Insulinpumpe
Bei Patient:innen mit einer Insulinpumpe kann eine Hypoglykämie durch eine Fehlprogrammierung, einen technischen Defekt oder eine fortlaufende Basalinsulinabgabe trotz fehlender Nahrungsaufnahme verursacht werden.
Pumpe ausschalten oder trennen, um die weitere Insulinzufuhr zu unterbrechen
Pumpe und Insulinreservoir nicht entfernen, da diese für die spätere Analyse durch das Klinikpersonal relevant sein können
Unverzügliche Blutzuckerkontrolle und Glukosegabe unabhängig vom Zustand der Pumpe
Transport in eine Notaufnahme unter Angabe des Pumpentyps sowie des Zeitpunkts der Abschaltung
Info
Bei automatisiertenInsulinpumpensystemen (AID-/Hybrid-Closed-Loop-Systemen) kann eine Fehlkalibrierung des Systems zur Hypoglykämie beitragen.
Therapie mit Sulfonylharnstoffen oder Gliniden
Sulfonylharnstoffe und Glinide (z.B. Glimepirid oder Gliquidon) stimulieren die körpereigene Insulinfreisetzung weitgehend unabhängig vom aktuellen Blutzuckerspiegel. Aufgrund ihrer teilweise langen Wirkdauer können wiederholt Hypoglykämien auftreten.
Sofortige Glukosegabe entsprechend dem klinischen Zustand
Stationäre Überwachung empfohlen, da rezidivierende Hypoglykämien auch nach initialer Besserung möglich sind
Merke
Insbesondere bei eingeschränkterNierenfunktion kann es trotz erfolgreicher Erstbehandlung erneut zu einer Hypoglykämie kommen.
Patient:innen mit Hypoglykämiewahrnehmungsstörung
Bei wiederholten Hypoglykämien kann die physiologische Gegenregulation abgeschwächt sein. Betroffene Patient:innen entwickeln häufig keine typischen Warnsymptome mehr.
Typische Merkmale:
Fehlende oder nur geringe Warnzeichen
Plötzlich auftretende Bewusstseinsstörungen
Häufig kein Tremor, Schwitzen oder Herzrasen
Präklinische Konsequenz:
Niedrige Schwelle für eine Blutzuckermessung
Engmaschige klinische Überwachung
Frühzeitige Glukosegabe bei entsprechender Symptomatik oder grenzwertigen Blutzuckerwerten
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Zielkrankenhaus
Grundsätzlich sollten Patient:innen mit einer Hypoglykämie in eine Klinik mit internistischer Notaufnahme transportiert werden. Die Auswahl der Zielklinik richtet sich dabei nach der Schwere der Symptomatik, dem Risiko für erneute Hypoglykämien sowie möglichen Begleiterkrankungen oder Komplikationen.
Persistierende Hypoglykämie oder anhaltende neurologische Symptomatik → Akutkrankenhaus mit Notaufnahme zur weiteren Diagnostik und Therapie
Bewusstseinsstörung, Krampfanfälle oder prolongierte Neuroglukopenie → Klinik mit Intensiv- bzw. Überwachungsmöglichkeiten
Sulfonylharnstoff- oder Glinid-Therapie → stationäre Aufnahme aufgrund des Risikos rezidivierender Hypoglykämien
Patient:innen mit Insulinpumpe, unklarer Ursache oder Verdacht auf Fehlfunktion eines Insulinabgabesystems → Klinik mit diabetologischer Expertise
Begleitende schwere Erkrankungen, z.B. Sepsis, Leber- oder Niereninsuffizienz → Klinik mit entsprechender internistischer Versorgungsmöglichkeit
Transportbegleitende Maßnahmen
Transportzielzeit: Zügiger Transport mit frühzeitiger Voranmeldung bei persistierender Symptomatik oder erhöhtem Risiko für erneute Hypoglykämien
Lagerung:
Bei erhaltenem Bewusstsein und Schutzreflexen: Oberkörperhochlagerung möglich
Bei Bewusstseinsstörung oder Vigilanzminderung: stabile Seitenlage zur Aspirationsprophylaxe, alternativ Flachlagerung mit kontinuierlicher Atemwegskontrolle
Monitoring: Kontinuierliche Überwachung von EKG, Blutdruck, Herzfrequenz, SpO₂, Atemfrequenz und Bewusstseinslage
Blutzuckerkontrolle: Wiederholte Blutzuckermessungen zur Überprüfung des Therapieerfolgs und zum frühzeitigen Erkennen rezidivierender Hypoglykämien
Glukosegabe: Fortführung bzw. Wiederholung der Glukosegabe bei erneutem Abfall des Blutzuckerspiegels oder persistierender Symptomatik
Sauerstofftherapie: Bedarfsgerechte Sauerstoffgabe bei respiratorischer Beeinträchtigung
Absaugbereitschaft: Insbesondere bei Bewusstseinsstörung, Erbrechen oder Krampfanfällen zur Reduktion des Aspirationsrisikos
Wärmeerhalt: Vermeidung einer Auskühlung durch geeignete Wärmeerhaltungsmaßnahmen
Übergabe in der Klinik
Strukturierte Übergabe nach standardisierten Schemata wie SINNHAFT oder ISOBAR
Übergabe relevanter Informationen zu:
Zeitpunkt der Hypoglykämie und initialem Blutzuckerwert
Verabreichten Glukosemengen und weiteren Medikamenten
Aktuellen Vitalparametern und Blutzuckerwerten
Vorbestehendem Diabetes mellitus, Insulinpumpe oder antidiabetischer Medikation
Ansprechen auf die Therapie und aktuellem klinischen Zustand
Patient:innen mit persistierender Bewusstseinsstörung, Krampfanfällen oder rezidivierenden Hypoglykämien sollten direkt an das Schockraumteam übergeben werden
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Definition
Definition
Hypoglykämie
Eine Hypoglykämie wird in der Regel bei einem Blutzuckerwert von unter 45–50 mg/dl definiert. Bereits ab Werten von unter 70 mg/dL setzen jedoch physiologische Gegenregulationsmechanismen des Körpers ein.
Zur Diagnosesicherung dient die Whipple-Trias
Ursachen
Diabetes mellitus: Häufigste Ursache sind Insulinüberdosierungen oder die Einnahme von Sulfonylharnstoffen bzw. Gliniden
Hypoglykämie ohne Diabetes: Möglich durch Medikamente, Drogen, Alkohol oder postprandial bei Magenentleerungsstörungen
Endokrine Ursachen: Nebennierenrindeninsuffizienz, Hypopituitarismus oder ausgeprägte Hypothyreose können die Glukosehomöostase stören
Schwere Allgemeinerkrankungen: Leberinsuffizienz, chronische Niereninsuffizienz, Sepsis oder Kachexie können ebenfalls zu Hypoglykämien führen
Pathophysiologie
Eine Hypoglykämie entsteht durch eine übermäßige Insulinwirkung oder eine verminderte Glukosebereitstellung. Ursachen sind beispielsweise eine Insulinüberdosierung, Sulfonylharnstoffe, Alkoholintoxikation oder längere Nahrungskarenz
Hormonelle Gegenregulation: Sinkt der Blutzuckerspiegel unter etwa 70 mg/dL, werden Glucagon, Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol freigesetzt. Diese steigern die Glykogenolyse und Gluconeogenese, um den Blutzuckerspiegel wieder anzuheben
Adrenerge Symptome (Frühphase): Durch die Aktivierung des Sympathikus treten Schwitzen, Tremor, Tachykardie, Blässe, Unruhe und Heißhunger auf
Neuroglukopene Symptome: Der Glukosemangel im Gehirn führt zu Konzentrationsstörungen, Verwirrtheit, Sehstörungen, Sprachstörungen, Gangunsicherheit und Verhaltensauffälligkeiten
Schwere Hypoglykämie: Bei fortschreitender Neuroglukopenie können Krampfanfälle, Bewusstlosigkeit und ein hypoglykämisches Koma auftreten
Alkohol als Risikofaktor: Alkohol hemmt die Gluconeogenese in der Leber und kann insbesondere bei fehlender Nahrungsaufnahme schwere Hypoglykämien begünstigen
Merke: Das Gehirn verfügt über keine relevanten Glukosespeicher und ist auf eine kontinuierliche Glukosezufuhr angewiesen. Daher können neurologische Symptome bereits früh auftreten
Klinischer Eindruck
Typische Zeichen:
Unruhe und Nervosität: Ausdruck der sympathischen Gegenregulation
Schwitzen: Kaltschweißigkeit als frühes Warnzeichen
Blässe: Vasokonstriktion durch Sympathikusaktivierung
Tachykardie und Palpitationen: adrenerge Reaktion auf den Glukosemangel
Konzentrationsstörungen: frühes Zeichen der zerebralen Glukoseunterversorgung
Kopfschmerzen
Verwirrtheit und Desorientierung
Sprachstörungen
Tremor
Übelkeit und Erbrechen
Reizbarkeit, Wesensveränderung oder Aggressivität
Schwere / generalisierte Symptome:
Ausgeprägte Bewusstseinsstörung: Somnolenz bis Koma
Krampfanfälle (Konvulsionen): Zeichen einer schweren Neuroglukopenie
Fokale neurologische Defizite: Paresen, Parästhesien oder Blickdeviation
Apathie: Fortschreitende Einschränkung der zerebralen Funktion
Koma: Endstadium der unbehandelten schweren Hypoglykämie
Diagnostik
Inspektion:
Blässe: Ausdruck einer peripheren Vasokonstriktion im Rahmen der adrenergen Gegenregulation
Kaltschweißigkeit: Folge einer gesteigerten sympathischen Aktivierung bei sinkendem Blutzuckerspiegel
Tremor oder Zittern: Typisches adrenerges Warnsymptom der Hypoglykämie
Unruhe oder Angst: Zeichen der autonomen Gegenregulation und beginnenden zerebralen Glukoseunterversorgung
Heißhunger: Aktivierung hypothalamischer und parasympathischer Gegenregulationsmechanismen
Bewusstseinsstörung: Verwirrtheit, Desorientierung oder Vigilanzminderung als Ausdruck einer Neuroglukopenie
Neurologische Auffälligkeiten: Mögliche Sprachstörungen, Gangunsicherheit, fokale Defizite oder Krampfanfälle bei schwerer Hypoglykämie
Palpation:
Kalte, feuchte Haut: typischer Befund bei ausgeprägter sympathischer Aktivierung
Tachykarder Puls: Häufige Folge der adrenergen Gegenregulation
Palpitationen: subjektiv wahrnehmbares Herzklopfen als Ausdruck der vegetativen Aktivierung
Muskeltonus: In der Regel normal
Krampfaktivität oder fokale neurologische Defizite sprechen für eine schwere Neuroglukopenie
Perkussion:
Unauffälliger Klopfschall: In der Regel zeigt sich ein sonorer Klopfschall ohne pathologische Dämpfungs- oder Tympaniezonen
Auffällige Perkussionsbefunde sprechen eher für Begleiterkrankungen als für die Hypoglykämie selbst
Auskultation:
Normales Atemgeräusch: Typischerweise vesikuläres Atemgeräusch ohne Nebengeräusche
Auffällige Auskultationsbefunde sprechen eher für Begleiterkrankungen als für die Hypoglykämie selbst
Therapie
Merke
Die Hauptziele des Rettungsdienstes bei einer Hypoglykämie sind die frühzeitige Erkennung des erniedrigten Blutzuckerspiegels, die Sicherung der Vitalfunktionen sowie die rasche Normalisierung des Blutzuckers durch Glukosegabe. Da hypoglykämische Symptome zahlreiche neurologische Notfälle imitieren können, kommt der zeitnahen Blutzuckermessung eine zentrale Bedeutung zu.
Basismaßnahmen:
Lagerung:
Bei erhaltenem Bewusstsein und Schutzreflexen: Oberkörperhochlagerung möglich
Bei Bewusstseinsstörung oder Vigilanzminderung: stabile Seitenlage zur Aspirationsprophylaxe, alternativ Flachlagerung mit permanenter Überwachung der Atemwege
Sauerstoffgabe: Bedarfsgerechte Sauerstofftherapie bei SpO₂ < 94 % oder respiratorischer Beeinträchtigung
Angepasstes Atemwegsmanagement: Bei Bewusstseinsstörung oder Verlust der Schutzreflexe sind die Atemwege konsequent freizuhalten und regelmäßig zu kontrollieren. Je nach Vigilanzzustand können Atemwegshilfen (z.B. Guedel- oder Wendltubus) erforderlich sein
Monitoring und Basisdiagnostik: Kontinuierliche Überwachung mittels EKG, SpO₂, Blutdruck- und Atemfrequenzkontrollen sowie wiederholte Blutzuckermessungen zur Therapiekontrolle
Orale Glukosegabe: Bei ausreichend guter Bewusstseinslage kann die Glukosezufuhr oral erfolgen
Hierfür eignen sich sowohl medizinische Glukoselösungen als auch zuckerhaltige Speisen und Getränke
Zur längerfristigen Stabilisierung des Blutzuckerspiegels sollten anschließend komplexe Kohlenhydrate verabreicht werden, beispielsweise Vollkornbrot mit Honig oder andere kohlenhydratreiche Nahrungsmittel
Venöser Zugang: Anlage eines i.v.-Zugangs zur Glukosegabe und für weiterführende therapeutische Maßnahmen
Wärmeerhalt: Vermeidung einer Auskühlung durch konsequente Wärmeerhaltungsmaßnahmen, insbesondere bei bewusstseinsgestörten Patient:innen
Spezifische Maßnahmen:
Glucosegabe: Bei einer Hypoglykämie (< 60 mg/dL) oder einer relativen Hypoglykämie als Ursache der Symptomatik soll zur Sicherstellung einer ausreichenden zerebralen Glukoseversorgung eine intravenöse Gabe von Glucose erfolgen
Erwachsene und Kinder > 5 Jahre: 5-10 g i.v., ggf. wiederholte Gaben bis BZ ausgeglichen
Kinder < 5 Jahren 0,2 g/kgKG i.v., ggf. wiederholte Gaben bis BZ ausgeglichen
Alternativ Glucagongabe:
Erwachsene und Kinder > 25 kg 1 mg i.m., alternativ 3 mg i.n.
Kinder < 25 kg 0,5 mg i.m.
Besondere Situationen
Patient:innen mit Insulinpumpe → bei Patient:innen mit einer Insulinpumpe kann eine Hypoglykämie durch eine Fehlprogrammierung, einen technischen Defekt oder eine fortlaufende Basalinsulinabgabe trotz fehlender Nahrungsaufnahme verursacht werden
Therapie mit Sulfonylharnstoffen oder Gliniden → Sulfonylharnstoffe und Glinide (z.B. Glimepirid oder Gliquidon) stimulieren die körpereigene Insulinfreisetzung weitgehend unabhängig vom aktuellen Blutzuckerspiegel. Aufgrund ihrer teilweise langen Wirkdauer können wiederholt Hypoglykämien auftreten
Patient:innen mit Hypoglykämiewahrnehmungsstörung → bei wiederholten Hypoglykämien kann die physiologische Gegenregulation abgeschwächt sein. Betroffene Patient:innen entwickeln häufig keine typischen Warnsymptome mehr
Transport
Grundsätzlich sollten Patient:innen mit einer Hypoglykämie in eine Klinik mit internistischer Notaufnahme transportiert werden. Die Auswahl der Zielklinik richtet sich dabei nach der Schwere der Symptomatik, dem Risiko für erneute Hypoglykämien sowie möglichen Begleiterkrankungen oder Komplikationen.
Persistierende Hypoglykämie oder anhaltende neurologische Symptomatik → Akutkrankenhaus mit Notaufnahme zur weiteren Diagnostik und Therapie
Bewusstseinsstörung, Krampfanfälle oder prolongierte Neuroglukopenie → Klinik mit Intensiv- bzw. Überwachungsmöglichkeiten
Sulfonylharnstoff- oder Glinid-Therapie → stationäre Aufnahme aufgrund des Risikos rezidivierender Hypoglykämien
Patient:innen mit Insulinpumpe, unklarer Ursache oder Verdacht auf Fehlfunktion eines Insulinabgabesystems → Klinik mit diabetologischer Expertise
Begleitende schwere Erkrankungen, z.B. Sepsis, Leber- oder Niereninsuffizienz → Klinik mit entsprechender internistischer Versorgungsmöglichkeit
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