Logo Image

Hypoparathyreoidismus

Hypoparathyroidismus, Nebenschilddrüseninsuffizienz
10 Minuten Lesezeit

Hypoparathyreoidismus ist eine endokrinologische Erkrankung, bei der die Nebenschilddrüsen nicht ausreichend oder gar kein Parathormon (PTH) produzieren. 

PTH ist ein zentrales Hormon zur Regulation des Calcium- und Phosphathaushalts. Ein Mangel an PTH führt zu einer gestörten Calciumhomöostase, die typischerweise mit Hypocalcämie, Hyperphosphatämie und einer verminderten Synthese von aktivem Vitamin D einhergeht.

Klinisch stehen Symptome der Hypocalcämie im Vordergrund. Dazu zählen u.a. Parästhesien, Muskelkrämpfe, Karpopedalspasmen und Krampfanfälle. Mögliche Langzeitfolgen sind Basalganglienverkalkungen, Katarakte und renale Komplikationen wie Nierensteine oder Nephrokalzinose. Im EKG zeigt sich meist eine Verlängerung der QT-Zeit.

Diagnostisch findet sich eine Hypocalcämie bei inadäquat niedrigem Parathormonspiegel. Typischerweise besteht gleichzeitig eine Hyperphosphatämie und häufig auch ein erniedrigter Calcitriol-Spiegel als Folge der reduzierten PTH-Wirkung.

Die Dauertherapie umfasst die orale Substitution von Calcium und aktivem Vitamin D (z. B. Calcitriol). Das Ziel besteht darin, eine stabile Normocalcämie bei möglichst normokalzurischer Situation zu erreichen, um renale Komplikationen zu vermeiden. In therapierefraktären Fällen kann zusätzlich rekombinantes Parathormon (rhPTH) verabreicht werden.

 Definition

Beim Hypoparathyreoidismus handelt es sich um eine endokrinologische Erkrankung, die durch eine unzureichende oder fehlende Sekretion von Parathormon durch die Nebenschilddrüsen gekennzeichnet ist. Die dadurch entstehende Hypocalcämie geht typischerweise mit Zeichen neuromuskulärer Übererregbarkeit einher.

  • Gesamtprävalenz: 20-40/100.000
  • Postoperativer Hypoparathyreoidismus: häufigste Form (80-90 % der Fälle)
  • Iatrogen:
    • Häufigste Ursache: operative Eingriffe an der Schilddrüse (80-90 % der Fälle)
    • Seltener: Bestrahlungen im Halsbereich
  • Angeboren (genetische Ursachen):
    • DiGeorge-Syndrom (22q11.2-Deletion) → Hypoplasie oder Aplasie der Nebenschilddrüsen
    • Autoimmune polyglanduläre Syndrome (z.B. APS Typ I)
    • Isolierte Gendefekte (z.B. CASR, GCM2)
  • Langanhaltender und schwerwiegender Magnesiummangel
  • Infiltrative und destruktive Prozesse: z.B. Hämochromatose, Metastasen
 Merke

Operative Eingriffe an der Schilddrüse sind mit Abstand die häufigste Ursache des Hypoparathyreoidismus.

Physiologische Grundlagen

PTH-Sekretion: 

Parathormon (PTH) wird von den Hauptzellen der Nebenschilddrüsen gebildet. Die Sekretion wird über calciumsensitive Rezeptoren (CaSR) reguliert. Bei einem Anstieg des Calciumspiegels wird die PTH-Sekretion über den CaSR gehemmt. Sinkt der Calciumspiegel, führt dies zu einer gesteigerten PTH-Sekretion.

Schilddrüse und Nebenschilddrüsen
Schilddrüse und Nebenschilddrüse
 Merke
PTH-Sekretion
  • Regulation: Sekretion in Abhängigkeit des extrazellulären Ca2+-Spiegels
    • Extrazelluläres Calcium → Aktivierung calciumsensitiver Rezeptoren → PTH-Sekretion
    • Extrazelluläres Calcium→ Hemmung calciumsensitiver Rezeptoren → PTH-Sekretion

Einfluss von PTH auf den Calcium- und Phosphathaushalt:

PTH ist an der Regulation des Calcium- und Phosphathaushalts beteiligt. Seine primäre Aufgabe besteht darin, den Calciumspiegel im Blut konstant zu halten. Dabei unterscheidet man folgende Hauptmechanismen:

  • Knochen: Aktivierung der Osteoklasten → Freisetzung von Calcium und Phosphat
  • Niere:
    • Ausscheidung von Phosphat und Bikarbonat↑
    • Rückresorption von Phosphat
    • Rückresorption von Calcium
    • Calcitriolsynthese↑
  • Darm: Resorption von Calcium↑ (→ Indirekt über gesteigerte Calcitriolsynthese) 
 Tipp

Merkhilfe: Parathormon stellt Calcium parat!”

Calciumstoffwechsel

Pathophysiologie

  • Ausgangspunkt: unzureichende oder fehlende Sekretion von PTH durch die Nebenschilddrüsen
    • Pathophysiologische Konsequenzen des PTH-Mangels:
      • Knochen: Knochenresorption↓ → Freisetzung von Calcium und Phosphat
      • Niere:
        • Rückresorption von Calcium↓ → renaler Calciumverlust↑
        • Rückresorption von Phosphat↑ → Hyperphosphatämie
        • Calcitriolsynthese↓ → intestinale Calciumresorption↓

Insgesamt führen die pathophysiologischen Mechanismen zu einer Hypocalcämie und Hyperphosphatämie. Diese Elektrolytstörungen manifestieren sich insbesondere in typischen neuromuskulären Symptomen und können langfristig auch systemische Folgen verursachen.

 Info
Neuromuskuläre & kardiale Erregbarkeit bei Hypocalcämie
  • Hypocalcämie (extrazelluläres Ca2+↓):
    • Neuromuskuläre Erregbarkeit↑ (Tetanie)
    • Kardiale Erregbarkeit↓ (Hemmung calciumsensitiver Kaliumkanäle → Verlängerung des Aktionspotenzials → Verlängerung der QT-Zeit)
  • Leitsymptom: Tetanie (niedrige Calciumkonzentrationen → neuromuskuläre Erregbarkeit):
    • Muskelkrämpfe & -schmerzen
    • Kribbelparästhesien (typischerweise perioral)
    • Karpopedalspasmen: Pfötchenstellung der Hände, Spitzfußstellung
    • Organbezogene Spasmen: Bronchospasmen, Gallenkoliken, Stenokardien etc.
    • Generalisierte Hyperreflexie
Morbus Fahr
Morbus Fahr
  • Psychische Auffälligkeiten:
    • Konzentrationsstörungen
    • Reizbarkeit, Angst, Depression
    • Schlafstörungen
  • Kardiale Symptome:
    • Störungen der kardialen Reizleitung → Verlängerung der QT-Zeit → Gefahr ventrikulärer Rhythmusstörungen (Torsade-de-Pointes-Tachykardie)
    • Abnahme der kardialen Pumpfunktion ("Low-Output-Syndrom")
  • Weitere langfristige Symptome:
    • Hautveränderungen, Alopezie, brüchige Nägel
    • Zahnentwicklungsstörungen
    • Paradoxe Verkalkungen (durch Hyperphosphatämie trotz erniedrigter Calciumspiegel):
      • Tetanischer Katarakt (Verkalkung der Augenlinse)
      • Morbus Fahr (Verkalkung der Basalganglien)

Anamnese

  • Typische Symptome: Parästhesien, Muskelkrämpfe, psychische Auffälligkeiten etc.
  • Vorgeschichte: Zustand nach Schilddrüsen- / Nebenschilddrüsenoperation?
  • Familienanamnese: Hinweise auf genetische Ursache (z.B. frühzeitige Kataraktoperationen?)

Körperliche Untersuchung

Die Hypocalcämie im Rahmen eines Hypoparathyreoidismus geht mit einer gesteigerten neuromuskulären Erregbarkeit einher. Diese lässt sich klinisch mithilfe des Chvostek- und des Trousseau-Zeichens nachweisen.

Trousseau-Zeichen
Trousseau-Zeichen

Chvostek-Zeichen:

  • Durchführung: Beklopfen des N. facialis (ca. 2 cm ventral des Ohrläppchens)
  • Positiv: Kontraktion der Gesichtsmuskulatur (z. B. Mundwinkel, Nasenflügel, Augenlid)

Trousseau-Zeichen:

  • Durchführung: Aufpumpen einer Blutdruckmanschette über den systolischen Blutdruck
  • Positiv: Pfötchenstellung (krampfartige Kontraktion der Finger- und Handmuskulatur)

Labor

  • Typische Trias:
    • Serum-Calcium
    • Serum-Phosphat
    • PTH↓ oder „unangemessen normal“ 
 Merke

Diagnosekriterium: Hypocalcämie + inadäquat niedriges PTH!

 Info

Bei vorliegender Hypocalcämie ist eine kompensatorische Erhöhung des Parathormonspiegels zu erwarten. Bleibt diese physiologische Reaktion aus, liegt eine gestörte PTH-Sekretion vor, was wiederum auf einen Hypoparathyreoidismus schließen lässt.

  • Zusätzliche Parameter:
    • Magnesium: normal oder ↓
    • Vitamin D: normal oder ↓
    • Alkalische Phosphatase: normal
 Info

Im EKG zeigt sich häufig eine Verlängerung der QT-Zeit.

  • Andere Ursachen einer Hypocalcämie:
    • Pseudohypoparathyreoidismus (genetisch bedingte Endorganresistenz gegenüber PTH → Bildung und Sekretion von PTH sind jedoch nicht beeinträchtigt → PTH↑)
    • Malabsorptionssyndrome (intestinale Hypocalcämie)
    • Chronische Nierenfunktionsstörung
    • Akute Pankreatitis
    • Vitamin-D-Mangel oder -Resistenz (Calciumresorption im Darm↓→ sekundäre Hypocalcämie)
  • Differentialdiagnosen der normocalcämischen Tetanie:
    • Hyperventilationstetanie (respiratorische Alkalose)
    • Schwere Hypokaliämie
    • Infektionskrämpfe

Akuttherapie

  • Vorgehen bei Tetanie:
    • Blutentnahme (für spätere Calciumbestimmung)
    • 10 %ige Calciumgluconatlösung i.v. (langsame Injektion, um unangenehmes Wärmegefühl zu vermeiden)
    • Bei Dauertetanie (Status tetanicus) ist ggf. eine Dauerinfusion mit Calciumgluconat notwendig

Dauertherapie

Therapieziele:

  • Serum-Calcium im unteren Referenzbereich (Substitution von Calcium in hohen Mengen → Hyperkalzurie → Risiko für Nierensteine und Nephrokalzinose↑)
  • Vermeiden einer Hyperphosphatämie
  • 25-OH-Vitamin D3 und Magnesiumspiegel im Normbereich
 Merke

Der Calciumspiegel sollte möglichst im unteren Referenzbereich liegen, um das Risiko für Komplikationen wie Nephrolithiasis oder Nephrokalzinose zu minimieren.

Medikamentöse Therapie:

  • Konventionelle Therapie:
    • Calciumsubstitution:
      • Steigerung des intestinalen Calciumangebots
      • 500–1500 mg Calciumionen/Tag p.o. (2-3 Einzeldosen)
    • Vitamin-D-Analoga:
      • Calcitriol (1,25(OH)₂-D3) oder Alfacalcidol (1α-OH-D3)
      • Steigerung der intestinalen Calciumresorption
      • Dosierung individuell
      • 25-OH-Vitamin-D ist bei Hypoparathyreoidismus wirkungslos (Umwandlung in aktive Form wird durch PTH stimuliert)
    • Magnesiumsubstitution bei Bedarf
  • Rekombinantes PTH (Hormonersatztherapie):
    • Präparat: rhPTH (1-84)
    • Indikation: unzureichende Wirkung, Verträglichkeitsprobleme oder Komplikationen (z.B. Nephrokalzinose, Nephrolithiasis, Hyperphosphatämie) unter konventioneller Therapie 
 Achtung

Achtung bei Patient:innen unter Digitalis-Therapie: Calcium und Digitalis wirken synergistisch, weshalb es insbesondere bei gleichzeitiger Verabreichung zu potenziell lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörungen kommen kann.

Nachsorge:

  • Laborkontrollen:
    • Regelmäßige Bestimmung von Calcium, Phosphat, Magnesium, 25-OH-Vitamin-D und Kreatinin (bei stabiler Einstellung mind. 1 x jährlich; initial und bei Symptomen häufiger)
    • Regelmäßige Kontrolle der Calciumausscheidung im 24-Stunden-Sammelurin
  • Apparative Kontrollen:
    • Bei Vorliegen einer Hyperkalzurie alle 6-12 Monate Nierensonografie → Ausschluss einer Nephrokalzinose oder Nephrolithiasis
    • Ophtalmologische Untersuchungen mind. 1 x jährlich → frühzeitiges Erkennen von Kalzifikationen der Cornea
  • Regelmäßige Evaluation der Lebensqualität

Bei gut eingestellter medikamentöser Behandlung kann in den meisten Fällen Beschwerdefreiheit erreicht werden. 

Um therapieassoziierte Risiken (z.B. Nephrokalzinose bei Hypercalcämie) und krankheitsbedingte Folgekomplikationen (z.B. tetanischer Katarakt) frühzeitig zu erkennen, sind regelmäßige laborchemische und apparative Verlaufskontrollen erforderlich.

Zudem sollten alle Patient:innen über die Symptome einer Hypercalcämie aufgeklärt werden und einen entsprechenden Notfallausweis mitführen.

  • S1-Leitlinie Hypoparathyreoidismus und Pseudohypoparathyreoidismus, 2022, Deutsche Gesellschaft für Kinderendokrinologie und -diabetologie (DGKED) e.V.
  • Suttorp N et al.: Harrisons Innere Medizin, Georg Thieme Verlag, 2020, ISBN: 978-3-132-43524-7
  • Herrmann F, Karger S: Endokrinologie für die Praxis, Georg Thieme Verlag, 2015, ISBN: 978-3-131-95107-6
  • Herold G et al.: Innere Medizin, De Gruyter, 2021, ISBN: 978-3-11-073889-6
Zuletzt aktualisiert am 14.07.2025
Hyperparathyreoidismus
Adrenogenitales Syndrom
Deine Medizin-Lernplattform
Jetzt weiterlesen
Zugang zu diesem und über 800 weiteren leitlinienbasierten Artikeln, unserem einzigartigen medizinischen AI-Tutor und Quiz