Hypothermie ist definiert als eine Absenkung der Körperkerntemperatur unter 35 °C. Sie entsteht, wenn der Wärmeverlust die körpereigene Wärmeproduktion und die physiologischen Kompensationsmechanismen übersteigt. Man unterscheidet eine primäre Hypothermie infolge äußerer Kälteeinwirkung von einer sekundären Hypothermie, die durch eine gestörte Thermoregulation oder verminderte Wärmeproduktion, beispielsweise bei Intoxikationen, Endokrinopathien oder schweren Grunderkrankungen, verursacht wird.
Mit sinkender Körperkerntemperatur nehmen Stoffwechsel, Herz-Kreislauf-Funktion, Atmung und Bewusstseinslage kontinuierlich ab. Gleichzeitig steigt das Risiko für lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen bis zum Kreislaufstillstand.
Präklinisch stehen das Verhindern weiterer Wärmeverluste, eine kontrollierte Wiedererwärmung, die Vermeidung von Afterdrop und Bergungstod durch eine schonende Lagerung und einen erschütterungsarmen Transport sowie die frühzeitige Auswahl einer geeigneten Zielklinik im Vordergrund.
Erfrierungen sind lokale Kälteschäden, die durch Gefrierprozesse im Gewebe entstehen. Die Behandlung umfasst einen konsequenten Wärmeerhalt, eine gewebeschonende Versorgung sowie bei schweren oder tiefen Erfrierungen den Transport in ein spezialisiertes Zentrum, vorzugsweise ein Verbrennungszentrum.
Um den Einstieg in das Thema Hypothermie etwas zu erleichtern, wird im Folgenden ein Fall beschrieben, wie er sich präklinisch ereignen könnte.
Das Szenario
Einsatzmeldung:
Stichwort: Hypothermie
Ort: Parkbank, Innenstadt
Alarmzeit: 05:30 Uhr
Anrufer:in: Passant
Anzahl der betroffenen Personen: 1
Zusatzinfo: 75-jährige Patientin
Lageeinweisung vor Ort:
Beim Eintreffen des Rettungsdienstes sitzt die Patientin auf einer Parkbank. Ein zufällig vorbeikommender Passant steht neben ihr und macht durch Winken auf die Situation aufmerksam.
Die Lage ist wie folgt:
Die Patientin ist auf laute Ansprache erweckbar
Sie wirkt starr, teilnahmslos und reagiert nur verzögert
Es besteht eine Lippenzyanose
Der Passant bemerkte den auffälligen Zustand der Patientin und setzte daraufhin den Notruf ab
Umgebungstemperatur: −2 °C, leichter Wind
Äußere Verletzungen sind nicht erkennbar
Ersteindruck nach xABCDE-Schema
Um sich einen ersten umfassenden Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten in einer Notfallsituation zu verschaffen, bietet sich das xABCDE-Schema an. Um die Arbeit mit dem Schema zu veranschaulichen, ist hier ein xABCDE-Schema abgebildet, wie es im Falle einer Ersteinschätzung bei einer Patientin oder einem Patienten mit Hypothermie aussehen könnte.
Es handelt sich dabei um die Befunde, die innerhalb der ersten paar Minuten erhoben werden können. Erweiterte Diagnostik und Abfragen sind natürlich von Bedeutung, jedoch würde zum Beispiel die Anlage eines 12-Kanal-EKG in diesem Fall hintangestellt und taucht zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf.
X
Keine kritischen Blutungen
A
Atemwege frei
Schleimhäute blass
Patientin reagiert auf Ansprache
Kein A-Problem
B
Inspektorisch:
Thoraxexkursion beidseits verlangsamt und flach
Keine Halsvenenstauung sichtbar
Badypnoe, Atemfrequenz bei 10/Minute
Zyanose sichtbar
Auskultatorisch:
Beidseits vesikuläres Atemgeräusch
Palpatorisch:
Thorax insgesamt stabil
SpO2: 88 %
Akutes B-Problem
C
Hautkolorit blass
Rekap-Zeit: >2 Sekunden
Große Blutungsräume ohne Zeichen auf akute Blutungen
Palpation des Pulses an der A. radialis:
Rhythmisch
Schlecht tastbar
Bradykard 53/Minute
Blutdruck 90/60 mmHg
Mittelbares C-Problem
D
Reagiert auf Ansprache, desorientiert
GCS 12
Öffnen der Augen: 3
Beste verbale Reaktion: 4
Beste motorische Reaktion: 5
Pupillenkontrolle:
Isokor
Beidseits Lichtreagibel
Blutzucker: 70 mg/dl
Mittelbares D-Problem
E
Keine Verletzungen ersichtlich
Temperatur 29 °C
Symptome:
Somnolent
Zyanose
Muskelstarre
Allergien / Infektionen: Unbekannt
Medikamente: Ramipril
Patientengeschichte: Unbekannt
Letzte Mahlzeit: Unbekannt
Ereignis: Vermutlich eingeschlafen, vorher einige Bier konsumiert
Risikofaktoren: Unbekannt
Akutes E-Problem
Achtung
Das hier gezeigte Assessment vermittelt nur einen exemplarischen ersten Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten. Im Verlauf der Behandlung müssen weitere Maßnahmen ergriffen und Informationen gesammelt werden. Das Schema erhebt daher keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern soll lediglich einen praktischen Einstieg in das Thema ermöglichen.
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Definition
Hypothermie
Die Hypothermie ist definiert als eine Absenkung der Körperkerntemperatur unter 35 °C.
Klassifikation
Die Hypothermie wird anhand der Körperkerntemperatur in fünf Schweregrade eingeteilt:
Stadium I (milde Hypothermie): Körperkerntemperatur 32–35 °C
Stadium II (moderate Hypothermie): Körperkerntemperatur 28–32 °C
Stadium III (schwere Hypothermie): Körperkerntemperatur 24–28 °C
Stadium IV (Scheintod): Körperkerntemperatur <24 °C
Stadium V (irreversibler Kältetod): Tod durch Hypothermie
Info
Für den irreversiblen Kältetod (Stadium V) besteht kein allgemein anerkannter Temperaturgrenzwert. In der Literatur wird vereinzelt eine Körperkerntemperatur <13,7 °C genannt.
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Info
Die Ursachen der Hypothermie lassen sich in eine primäre Form durch äußere Kälteeinwirkung sowie eine sekundäre Form infolge einer gestörten Thermoregulation oder Wärmeproduktion einteilen.
Form
Mechanismus
Typische Ursachen
Primäre Hypothermie
Übermäßiger Wärmeverlust durch äußere Kälteeinwirkung übersteigt die körpereigenen Kompensationsmechanismen
Aufenthalt in kalter oder feuchter Umgebung, Unfälle in Eis und Schnee, längerer Aufenthalt im Wasser, längerer Aufenthalt im Freien
Sekundäre Hypothermie
Gestörte Wärmeproduktion oder Thermoregulation infolge einer Grunderkrankung oder Intoxikation
Schwere systemische Erkrankungen, metabolische oder zentralnervöse Störungen, Intoxikationen
Ursachen und prädisponierende Faktoren der Hypothermie
Umweltbedingte Wärmeverluste: Kälte, Nässe, längerer Aufenthalt im Wasser, Schnee sowie längerer Aufenthalt im Freien
Endokrine und metabolische Ursachen: Hypothyreose, Hypoglykämie, Nebennierenrindeninsuffizienz und Hypophyseninsuffizienz
Neurologische Erkrankungen: Hypothalamusstörungen, komplettes Querschnittsyndrom, Schädel-Hirn-Trauma, Subarachnoidalblutung, Hirninfarkt und Parkinson-Syndrom
Intoxikationen: Alkohol, Drogen, Barbiturate, Benzodiazepine und trizyklische Antidepressiva
Schwere Allgemeinerkrankungen: Sepsis, Schock, Polytrauma, Verbrennungen, Unterernährung sowie eingeschränkte Leber- oder Nierenfunktion
Besonders gefährdete Personengruppen: Ältere Menschen, Säuglinge und insbesondere Neugeborene sowie Personen mit berufsbedingter oder sonstiger längerer Kälteexposition
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Merke
Reminder: Physiologische Grundlagen
Körpertemperatur:
Die Körperkerntemperatur wird unter physiologischen Bedingungen trotz wechselnder Umgebungsbedingungen in einem engen Bereich von etwa 36,5–37,5 °C konstant gehalten
Viele enzymatische und biochemische Prozesse laufen bei einer Körperkerntemperatur von etwa 37 °C optimal ab
Zwischen Körperkern und Körperschale besteht ein Temperaturgefälle, wobei die Körperschale deutlich stärker von der Umgebungstemperatur beeinflusst wird
Physiologische Temperaturschwankungen:
Die Körpertemperatur unterliegt einem zirkadianen Rhythmus mit Schwankungen von etwa ±0,5 °C, wobei die niedrigsten Werte am frühen Morgen und die höchsten Werte am frühen Abend gemessen werden
In der zweiten Zyklushälfte steigt die Basaltemperatur unter dem Einfluss von Progesteron physiologisch um etwa 0,5 °C an
Regelzentrum der Thermoregulation:
Der Hypothalamus fungiert als zentrales Steuerzentrum der Thermoregulation
Zentrale und periphere Thermorezeptoren erfassen kontinuierlich die Körpertemperatur und übermitteln diese an den Hypothalamus
Der Hypothalamus vergleicht den Ist-Wert mit dem Soll-Wert und aktiviert bei Abweichungen geeignete Gegenregulationsmechanismen
Physiologische Reaktion auf Kälte:
Vasokonstriktion vermindert den Wärmeverlust über die Haut
Kältezittern steigert die Wärmeproduktion
Verhaltensanpassungen (z.B. warme Kleidung oder Aufsuchen einer warmen Umgebung) unterstützen die Wärmeerhaltung
Eine Hypothermie entsteht, wenn die Wärmeabgabe die Wärmeproduktion und die körpereigenen Kompensationsmechanismen übersteigt. Dadurch sinkt die Körperkerntemperatur auf unter 35 °C.
Mechanismen des Wärmeverlustes
Konduktion (Wärmeleitung): direkte Wärmeübertragung an kalte Oberflächen oder Flüssigkeiten → z.B. Kontakt mit kaltem Boden oder Eis
Konvektion (Wärmeströmung): Wärmeverlust durch bewegte Luft oder Wasser → Wind und Strömung verstärken die Auskühlung
Wärmestrahlung (Radiation): Kontinuierliche Abgabe von Infrarotwärme an die kältere Umgebung
Evaporation (Verdunstung): Wärmeverlust durch Verdunstung von Wasser oder Schweiß auf Haut, Kleidung oder Haaren
Wasserexposition: Wasser besitzt eine etwa 20–30-fach höhere Wärmeleitfähigkeit als Luft → besonders rasche Auskühlung des Körpers
Initiale Kältekompensation
Hautdurchblutung - Vasokonstriktion
Sympathikusaktivierung: Kälte aktiviert den Sympathikus → Ausschüttung von Noradrenalin
Periphere Vasokonstriktion: Noradrenalin aktiviert α₁-Adrenozeptoren der Hautgefäße → Verminderung der Hautdurchblutung
Wärmeerhalt: Der reduzierte Blutfluss zur Haut senkt die Wärmeabgabe und erhält die Temperatur im Körperkern
Kreislaufzentralisation: Das Blut wird bevorzugt zu den lebenswichtigen Organen umverteilt und sichert deren Perfusion
Grenzen der Kompensation: Bei anhaltender Kälte reichen die körpereigenen Gegenregulationsmechanismen nicht mehr aus → die Körperkerntemperatur sinkt weiter ab
Merke
Die periphere Vasokonstriktion schützt zunächst die Körperkerntemperatur, indem sie die Wärmeabgabe reduziert. Gleichzeitig entsteht jedoch ein ausgeprägtes Temperaturgefälle zwischen Körperkern und Körperschale, wodurch das Risiko für lokale Kälteschäden und Erfrierungen deutlich zunimmt.
Übergang zur manifesten Hypothermie
Erschöpfung der Kompensation: Hält die Kälteexposition an oder ist die Wärmeproduktion vermindert, reichen Vasokonstriktion und Kältezittern nicht mehr aus, um den Wärmeverlust auszugleichen
Abnahme der Stoffwechselaktivität: Mit sinkender Körperkerntemperatur verlangsamen sich enzymatische und zelluläre Stoffwechselprozesse, wodurch die Wärmeproduktion weiter abnimmt
Sistieren des Kältezitterns: Beim Ausbleiben des Muskelzitterns entfällt ein wesentlicher Mechanismus der Wärmebildung, wodurch die Auskühlung weiter beschleunigt wird
Verstärkende Faktoren:Bewusstseinsstörungen, Immobilität, Intoxikationen und Grunderkrankungen können die Wahrnehmung der Kälte sowie aktive Gegenmaßnahmen verhindern und die Hypothermie zusätzlich verschlimmern
Somnolenz, Muskelstarre, Sistieren des Kältezitterns, Bradykardie, flache unregelmäßige Atmung, Hypoglykämie und Hypoxie
24–28 °C
Lähmungsphase
Sopor bis Koma, Bradypnoe, ausgeprägte Bradykardie, Hypotonie, hohes Risiko für Kammerflimmern
<24 °C
Scheintod
Kaum oder keine nachweisbaren Vitalzeichen, extreme Bradykardie, Kammerflimmern oder Asystolie
Detaillierte Auswirkungen auf das Organsystem
Organsystem
Pathophysiologische Auswirkungen
Herz-Kreislauf-System
Frühe Phase: Die Sympathikusaktivierung führt zunächst zu Tachykardie und einer erhöhten kardialen Belastung
Fortschreitende Hypothermie: Mit sinkender Körperkerntemperatur nehmen Herzfrequenz, Kontraktilität und Erregungsleitung kontinuierlich ab
Atmung und Sauerstoffhaushalt
Frühe Phase: Initial kommt es häufig zu einer Hyperventilation
Fortschreitende Hypothermie: Mit sinkender Körpertemperatur nehmen Atemfrequenz und Atemtiefe ab, wodurch eine Hypoventilation entsteht
Nervensystem
Frühe Phase: Erste Zeichen sind Konzentrationsstörungen, eingeschränktes Urteilsvermögen und Ataxie
Fortschreitende Hypothermie: Mit sinkender Körperkerntemperatur nimmt das Bewusstsein kontinuierlich ab und reicht von Somnolenz über Sopor bis zum Koma
Stoffwechsel und Säure-Basen-Haushalt
Frühe Phase: Das Kältezittern steigert den Stoffwechsel und erhöht den Energieverbrauch. Durch die Sympathikusaktivierung kann zunächst eine Hyperglykämie auftreten
Fortschreitende Hypothermie: Mit dem Sistieren des Kältezitterns sinken Stoffwechselaktivität und Wärmeproduktion. Es können Hypoglykämie und eine metabolische Azidose entstehen
Niere und Flüssigkeitshaushalt
Frühe Phase: Kälte führt zu einer Kältediurese mit vermehrter Urinausscheidung
Fortschreitende Hypothermie: Durch den Flüssigkeitsverlust entwickeln sich Hypovolämie und Dehydratation
Gerinnung
Fortschreitende Hypothermie: Die Aktivität der Gerinnungsfaktoren nimmt ab und die Thrombozytenfunktion wird gehemmt
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Stadium
Körperkerntemperatur
Klinische Merkmale
Pathophysiologische Phase
I: Milde Hypothermie
32–35 °C
Frieren, Kältezittern, klare Bewusstseinslage, blasse Haut, Tachykardie und Hyperventilation; metabolische Azidose und Hyperglykämie möglich
Erregungsstadium: Der Körper versucht durch Kältezittern und periphere Vasokonstriktion die Wärmeproduktion zu steigern und Wärmeverluste zu reduzieren.
II: Moderate Hypothermie
28–32 °C
Ausbleiben des Kältezitterns, Somnolenz, Muskelstarre, Bradykardie, flache oder unregelmäßige Atmung, Hypoglykämie und Hypoxie
Erschöpfungsphase: Stoffwechselaktivität sowie Herz-Kreislauf- und Atemfunktion nehmen deutlich ab.
III: Schwere Hypothermie
24–28 °C
Sopor bis Koma, ausgeprägte Bradykardie, Hypotonie, Bradypnoe sowie hohes Risiko für Kammerflimmern
Lähmungsphase: Zunehmende Depression lebenswichtiger Funktionen mit hoher Gefahr schwerer Herzrhythmusstörungen.
IV: Scheintod (reversibel)
< 24 °C
Keine oder nur minimale Vitalzeichen; EKG häufig mit Kammerflimmern oder Asystolie
Endstadium der Kreislauf- und Atemdepression: Unter bestimmten Bedingungen durch kontrollierte Wiedererwärmung noch potenziell reversibel.
V: Irreversibler Kältetod
< ca. 13,7 °C
Irreversible Organschäden, keine Überlebensmöglichkeit
Terminale Phase: Endgültiger Organfunktionsverlust mit irreversiblem Tod durch Kälteeinwirkung.
Achtung
Es soll nicht alleine anhand der Temperaturbestimmung auf den Schweregrad der Hypothermie geschlossen werden. Diese können, je nach Patient:innensituation, eine große Bandbreite aufweisen.
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Anamnese
S (Symptome):Kältezittern, Muskelstarre, Bewusstseinsveränderungen, Atemveränderungen, Herzrhythmus sowie Taubheitsgefühle oder Schmerzen erfragen. Zusätzlich Beginn und Verlauf der Symptomatik erfassen
A (Allergien): Relevante Medikamentenallergien oder bekannte Unverträglichkeiten erfragen
M (Medikation): Aktuelle Dauer- und Bedarfsmedikation sowie Alkohol- oder Drogenkonsum erfragen. Auch eine mögliche Überdosierung oder Mischintoxikation berücksichtigen
P (Patientengeschichte): Relevante metabolische, endokrinologische, neurologische, psychiatrische oder kardiovaskuläre Vorerkrankungen erfragen. Ebenso nach einer akuten Infektion, einem Trauma oder einer Immobilisation fragen
L (Letzte…): Zeitpunkt sowie Art und Menge der letzten Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme erfragen. Zusätzlich nach Erbrechen oder Durchfall fragen
E (Ereignis):Zeitpunkt der letzten Sichtung, Auffindeort, Dauer und Art der Kälteexposition erfragen. Hinweise auf Nässe, kaltes Wasser, einen Lawinen- oder Ertrinkungsunfall sowie ein mögliches Trauma berücksichtigen
R (Risiko):Kälte, Nässe, Wind, Immobilisation, Alkoholkonsum, Unterernährung, Erschöpfung oder ein längerer Aufenthalt im Freien erhöhen das Risiko einer Hypothermie
S (Schwangerschaft): Bei Patientinnen nach einer bestehenden Schwangerschaft fragen, da diese Einfluss auf das weitere Vorgehen haben kann.
Tipp
Nutze Schemata
Um die Anamnese strukturiert durchzuführen, bietet es sich an, Schemata wie das SAMPLERS oder OPQRST-Schema zu nutzen. Am obigen Beispiel haben wir Fragen und Befunde dargestellt, die bei dem Verdacht auf eine Hypothermie abgefragt werden sollten und vorliegen könnten.
Körperliche Untersuchung
Inspektion:
Hautkolorit:blasse, marmorierte oder zyanotische Haut als Zeichen der peripheren Vasokonstriktion und verminderten Gewebeperfusion
Muskelaktivität:Kältezittern als physiologische Kompensationsreaktion bei leichter Hypothermie, bei fortschreitender Hypothermie Sistieren des Kältezitterns
Muskeltonus:Muskelstarre oder Rigidität als Ausdruck einer fortgeschrittenen Hypothermie
Bewusstseinslage:Verwirrtheit, Somnolenz, Sopor oder Koma als Hinweis auf eine zunehmende Beeinträchtigung des Zentralnervensystems
Atmung: initial Tachypnoe, später flache Atmung, Bradypnoe oder Apnoe mit zunehmender Atemdepression
Weitere Befunde: Hinweise auf Erfrierungen, Verletzungen, Nässe oder eine relevante Kälteexposition beachten
Palpation:
Hauttemperatur: kalter Körperstamm als Hinweis auf eine Hypothermie, insbesondere wenn keine zuverlässige Körperkerntemperaturmessung möglich ist
Rekapillarisierungszeit: verlängerte Rekapillarisierungszeit als Hinweis auf eine eingeschränkte periphere Perfusion infolge der Vasokonstriktion
Pulsqualität:bradykarder, unregelmäßiger oder fadenförmiger Puls als Ausdruck einer fortgeschrittenen Hypothermie
Bewegung: Bei Verdacht auf ein Trauma auf Schmerzen, Fehlstellungen und Verletzungszeichen achten. Hypotherme Patient:innen möglichst schonend bewegen, um Afterdrop und Bergungstod zu vermeiden
Perkussion:
Der Perkussionsversuch sollte physiologisch ausfallen. Ist das nicht so, muss differenzialdiagnostisch gedacht werden
Auskultation:
Lunge: auf eine zunehmende Hypoventilation, Bradypnoe oder fehlende Atemgeräusche als Zeichen einer schweren Hypothermie achten
Vitalparameter
Parameter
Typischer Befund und Veränderung
Pathophysiologischer Hintergrund
Herzfrequenz
Initial häufig Tachykardie, mit sinkender Körperkerntemperatur Bradykardie bis zu Asystolie
Frühe Sympathikusaktivierung, später verminderte Erregungsbildung und Erregungsleitung des Myokards
Blutdruck
Anfangs normwertig bis leicht erhöht, später häufig Hypotonie
Initial periphere Vasokonstriktion, anschließend sinkende Herzleistung und reduziertes Herzzeitvolumen
Atemfrequenz
Initial Tachypnoe, später Bradypnoe bis Apnoe
Zunehmende Depression des Atemzentrums und verminderter Stoffwechsel
Körperkerntemperatur
< 35 °C, Schweregrad abhängig von der gemessenen Temperatur
Maßgeblicher Parameter zur Klassifikation der Hypothermie und zur Therapieplanung
Sauerstoffsättigung
Häufig schwer messbar oder unzuverlässig
Periphere Vasokonstriktion kann die Pulsoxymetrie verfälschen
Blutzucker
Initial Hyperglykämie, später Hypoglykämie möglich
Frühe Katecholaminausschüttung, später erschöpfte Energiereserven und verminderter Stoffwechsel
Orientierende neurologische Untersuchung
Vigilanz: Beurteilung der Bewusstseinslage, beispielsweise mittels GCS-Score, und Erfassung von Verwirrtheit, Somnolenz, Sopor oder Koma
Sprache: Orientierende Prüfung von Sprachverständnis und Sprachproduktion, sofern die betroffene Person ausreichend wach und kooperationsfähig ist
Pupillenstatus: Kontrolle von Pupillengröße, Seitengleichheit, Form und Lichtreaktion sowie möglicher Auffälligkeiten
Blickmotorik: Beurteilung auf Blickdeviationen, eine diskonjugierte Augenstellung oder andere auffällige Augenbewegungen
Motorik: orientierende Kraftprüfung der oberen und unteren Extremitäten unter Beachtung von Seitendifferenzen und möglichen Paresen
Sensibilität: orientierende Prüfung auf Taubheitsgefühle, Sensibilitätsstörungen oder Seitenunterschiede
Weiterführende apparative Diagnostik
12-Kanal-EKG: Beurteilung von Herzfrequenz, Herzrhythmus und typischen EKG-Veränderungen der Hypothermie
Sinusbradykardie: Typischerweise regelmäßiger Sinusrhythmus mit deutlich verlangsamter Herzfrequenz
Osborn-(J-)Wellen: charakteristische, dromedarhöckerförmige Anhebung am J-Punkt als typischer EKG-Befund einer Hypothermie → häufig in den Ableitungen II sowie V4–V6 nachweisbar
Herzrhythmusstörungen: Mit zunehmender Hypothermie steigt das Risiko für Vorhof- und Kammerarrhythmien sowie einen unregelmäßigen Herzrhythmus
Kammerflimmern: Bei schwerer Hypothermie besteht eine hohe Gefahr lebensbedrohlicher ventrikulärer Arrhythmien, insbesondere eines Kammerflimmerns
Verlaufsbeurteilung: Die Ausprägung der Osborn-(J-)Wellen korreliert häufig mit dem Schweregrad der Hypothermie und bildet sich im Verlauf der Wiedererwärmung meist zurück
Osborn Welle EKGTypische Osborn-Wellen (J-Wellen) im EKG bei Hypothermie
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Definition
Erfrierungen
Erfrierungen sind lokaleGewebeschädigungen durch Kälteexposition. Meist sind schlecht geschützte Regionen wie Finger, Nase oder Ohren betroffen.
Pathophysiologie
Kälteexposition: Periphere Vasokonstriktion zur Zentralisation des Kreislaufs → Temperaturgefälle zwischen Körperkern und Akren
Eiskristallbildung: Gewebetemperatur < 0 °C → intra- und extrazelluläre Eiskristalle schädigen Zellmembranen und stören den Zellstoffwechsel
Endothelschaden: Eiskristalle schädigen das Endothel der Mikrozirkulation → gestörte Gefäßfunktion
Mikrovaskuläre Thrombosierung: Endothelschädigung aktiviert die Hämostase → Bildung kleiner Gefäßthromben
Ischämie: Vasokonstriktion, Mikrothromben und gestörte Mikrozirkulation → verminderte Sauerstoffversorgung des Gewebes
Ödem und Nekrose: Anhaltende Ischämie → Ödembildung sowie oberflächliche bis tiefe Gewebsnekrosen
Vorgänge bei der Wiedererwärmung:
Reperfusion: Wiedererwärmung stellt die Gewebedurchblutung wieder her → Reperfusionsschaden durch Entzündungsreaktionen und oxidativen Stress kann die Gewebeschädigung verstärken
Schweregrad: Ausmaß der Gewebeschädigung hängt von der initialen Kälteexposition und der nachfolgenden Reperfusion ab
Verzögerte Gewebeschädigung: Schädigungsprozesse setzen sich nach dem Auftauen fort → endgültiges Ausmaß der Erfrierung häufig erst nach Stunden bis Tagen beurteilbar
Symptomatik
Stadium
Symptomatik
Nach Wiedererwärmung bzw. im Verlauf
I
Blasse Haut, Schwellung und Schmerzen
Erythem und Ödembildung möglich
II
Blau-rote Hautverfärbung und Blasenbildung
Oberflächliche Blasen, bei schweren Verläufen hämorrhagische Blasen
III
Einzelne, meist kaum schmerzhafte Gewebsnekrosen
Tiefer Gewebeschaden möglich; endgültiges Ausmaß initial häufig noch nicht sicher beurteilbar
IV
Vollständige Gewebsnekrose
Ausgedehnter, tiefer Gewebeverlust mit möglicher Demarkation im Verlauf
Erfrierungen Grad IV
Therapie
Hypothermie behandeln: Begleitende Hypothermie frühzeitig erkennen und vorrangig behandeln. Kälteexposition beenden sowie nasse Kleidung, einschnürende Gegenstände und Schmuck vorsichtig entfernen
Gewebeschonung: Erfrorene Körperteile nicht belasten oder unnötig bewegen. Reiben, Massieren und die Anwendung direkter trockener Hitze vermeiden, um zusätzliche Gewebeschäden zu verhindern
Analgesie: Frühzeitige, bedarfsgerechte Schmerztherapie, da die Wiedererwärmung und Erfrierungen häufig mit starken Schmerzen verbunden sind
Immobilisation: Betroffene Extremitäten schienen und vor weiteren mechanischen Belastungen schützen
Zielklinik: Nach Herstellung der Transportfähigkeit zügiger Transport in ein geeignetes Krankenhaus. Bei schweren Erfrierungen möglichst Transport in ein Verbrennungszentrum oder ein anderes spezialisiertes Zentrum mit entsprechender Behandlungserfahrung
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Info
Die dargestellten Maßnahmen orientieren sich an den Empfehlungen des Deutschen Berufsverbands Rettungsdienst (DBRD) und werden durch weitere spezifische, leitliniengerechte Maßnahmen ergänzt, um eine strukturierte und evidenzbasierte Versorgung von Patient:innen sicherzustellen.
Merke
Das primäre Ziel der präklinischen Versorgung besteht darin, einen weiterenWärmeverlustzuverhindern, die Patient:innen kontrolliert wiederzuerwärmen, kältebedingte Komplikationen durch unnötigeBewegungen zu vermeiden und eine schnelle Transportfähigkeit zu gewährleisten.
Basismaßnahmen
Lagerung:
Kreislaufstabile Patient:innen: schonende Lagerung und Vermeidung unnötiger Bewegungen, insbesondere ab Hypothermie-Stadium II, ggf. Immobilisation erwägen
Schwer unterkühlte Patient:innen: äußerst vorsichtiger Transport und Umlagerung → Vermeidung eines Afterdrops
Monitoring und Basisdiagnostik: Kontinuierliche Überwachung mittels EKG, SpO₂, Blutdruck- und Körperkerntemperaturmessung.
Lebenszeichen bei Verdacht auf schwere Hypothermie bis zu 1 Minute prüfen
Regelmäßige Verlaufskontrollen der Körperkerntemperatur zur Stadieneinteilung und Steuerung der Wiedererwärmung durchführen → auf Bradykardien und ventrikuläre Arrhythmien achten.
Wärmeerhalt: Nasse Kleidung entfernen und weitere Kälteexposition beenden
Passive Wiedererwärmung durch Ganzkörperisolation, Decken, eine warme Umgebung sowie das Vermeiden von Zugluft
Aktive Wiedererwärmung, z.B. durch spezielle Wärmedecken, sollte zunächst am Körperstamm erfolgen
Atemwegsmanagement und Sauerstofftherapie:
Freihalten der Atemwege und bedarfsorientierte Sauerstoffgabe bei Hypoxämie oder Atemdepression
Die Indikation zur Sauerstofftherapie sollte großzügig gestellt werden, insbesondere wenn die Pulsoxymetrie aufgrund kalter Extremitäten und peripherer Vasokonstriktion nur eingeschränkt zuverlässig ist
Frühzeitige Beutel-Masken-Beatmung bei unzureichender Spontanatmung, ggf. eskalierende Atemwegssicherung
Venöser Zugang: Frühzeitige Anlage eines intravenösen Zugangs zur Medikamenten- und Infusionstherapie
Orale Flüssigkeitsgabe: Bei wachen und kooperativen Patient:innen können warme, zuckerhaltige Getränke verabreicht werden
Komplikationen erkennen:Afterdrop, Herzrhythmusstörungen, Kreislaufinstabilität und Herzstillstand frühzeitig erkennen und die Therapie entsprechend eskalieren.
Afterdrop: Weiteres Absinken der Körperkerntemperatur durch unnötige Bewegungen oder eine vorzeitige Erwärmung der Extremitäten
Herzrhythmusstörungen: Bradykardien und ventrikuläre Arrhythmien können durch den Rückstrom kalten Blutes aus der Peripherie begünstigt werden
Kreislaufinstabilität: Ein systolischer Blutdruck < 90 mmHg oder ventrikuläre Arrhythmien sprechen für eine schwere Hypothermie und erfordern den Transport in eine geeignete Zielklinik
Herzstillstand: Hypothermie ist eine potenziell reversible Ursache des Kreislaufstillstands. Die Reanimation erfolgt unter Berücksichtigung der hypothermiespezifischen Anpassungen.
Zielklinik: Nach Herstellung der Transportfähigkeit rascher Transport in eine Klinik mit geeigneten Möglichkeiten zur Behandlung schwerer Hypothermien.
Bei Kreislaufinstabilität, schweren Herzrhythmusstörungen oder Reanimationspflicht frühzeitige Voranmeldung und Transport in ein Zentrum mit extrakorporaler Wiedererwärmung (ECLS/ECMO)
Tipp
Bereits vor der Aufnahme der Patient:innen den Patientenraum des RTW erwärmen, um einen weiteren Wärmeverlust zu verhindern und die passive Wiedererwärmung zu unterstützen.
Merke
Afterdrop
Durch unnötige Bewegungen oder eine vorzeitige Erwärmung der Extremitäten strömt kaltes Blut aus der Peripherie zurück zum Körperkern. Die dadurch verursachte erneute Absenkung der Körperkerntemperatur kann lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen bis zum Kreislaufstillstand (Bergungstod) auslösen.
Spezifische Maßnahmen
Analgesie: bedarfsorientierte Schmerztherapie bei Begleitverletzungen. Eine routinemäßige Analgesie ist bei Hypothermie nicht erforderlich
Medikamentengabe: Bei einer Körperkerntemperatur < 30 °C zurückhaltende Medikamentengabe, da Wirkung und Elimination vermindert sein können und eine Akkumulation droht
Volumenmanagement: bedarfsgerechte Volumentherapie bei arterieller Hypotonie oder klinischen Zeichen eines Volumenmangels. Hierfür sollten bevorzugt angewärmte, balancierte Vollelektrolytlösungen verwendet werden
Info
Volumenbedarf bei Wiedererwärmung
Mit zunehmender Wiedererwärmung kommt es zur peripheren Vasodilatation. Dadurch verteilt sich mehr Blut in das erweiterte Gefäßbett der Extremitäten, sodass das zentral verfügbare Blutvolumen vorübergehend abnimmt. Dies kann einen Blutdruckabfall begünstigen und den Bedarf einer bedarfsgerechten Volumentherapie erhöhen.
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Besonderheiten der Reanimation bei Hypothermie
Zerebroprotektiver Effekt: Die Hypothermie reduziert den zerebralen Stoffwechsel und erhöht die Hypoxietoleranz. Dadurch sind auch längere Reanimationszeiten mit gutem neurologischem Outcome möglich.
„Nobody is dead until warm and dead“: Eine Hypothermie kann einen Scheintod vortäuschen. Deshalb sollte die Reanimation bis zur ausreichenden Wiedererwärmung fortgeführt werden, sofern keine sicheren Todeszeichen vorliegen.
Herzempfindlichkeit: Das hypotherme Myokard ist stark reizempfindlich. Bereits geringe Bewegungen oder grobe Umlagerungen können Kammerflimmern auslösen. Patient:innen daher möglichst schonend bewegen.
Intermittierende CPR: Ist eine kontinuierliche Reanimation (z. B. während der Bergung) nicht möglich, gelten folgende Empfehlungen:
< 28 °C:5 Minuten CPR, anschließend maximal 5 Minuten Pause
< 20 °C:5 Minuten CPR, anschließend maximal 10 Minuten Pause
Körperkerntemperatur
Maßnahmen
< 30 °C
Einmalige Adrenalingabe, weitere erst ab KKT von über 30° C
Wenn Kammerflimmern mit 3 Schocks nicht beherrschbar ist, sollen weitere Defibrillation verschoben werden, bis die Kerntemperatur > 30 °C beträgt
> 30 °C
Die Verabreichungsintervalle für Medikamente verdoppeln sich auf 6-10 Minuten
> 35 °C
Normale Verabreichungsintervalle der Medikamente, wie bei normothermen Patient:innen
Die Hypothermie ist bei den möglichen reversiblen Ursachen der Reanimation in den H´s und HITS aufgeführt
Transportziel sollte ein Zentrum mit der Möglichkeit zum Extracorporeal Life Support (ECLS) oder zur Extracorporeal Membrane Oxygenation (ECMO) sein, um eine kontrollierte Wiedererwärmung bei gleichzeitiger Perfusion lebenswichtiger Organe zu gewährleisten
Für einen längeren Transport kann ein mechanisches CPR-Gerät sinnvoll sein
Polytrauma
Polytraumatisierte Patient:innen können durch direkte Kälteexposition, hämorrhagischen Schock, Anästhetika, Muskelrelaxanzien und Wärmeverlust durch Entkleiden eine geringere Körperkerntemperatur aufweisen
Tödliche Trias: Koagulopathie, Azidose und Hypothermie führen zu einer erhöhten Mortalität
Prävention durch Wärmeerhalt ist deshalb essenziell
Lawinenunfälle
Durch abrutschende oder aufgewirbelte Schneemassen wird eine Person teilweise oder vollständig verschüttet
Lebensbedrohliche Komplikationen sind Hypoxie, Trauma und Hypothermie
Reanimation: Bei einem Kreislaufstillstand nach einem Lawinenunfall sollte die Reanimation mit 5 initialen Beatmungen begonnen werden, da die Hypoxie die häufigste Ursache des Kreislaufstillstands ist
Verschüttungsdauer < 60 Minuten: Durchführung einer Standard-ALS-Reanimation gemäß den aktuellen Reanimationsleitlinien
Verschüttungsdauer > 60 Minuten: Bei freien Atemwegen und fehlenden Zeichen einer aussichtslosen Situation Reanimationsmaßnahmen fortführen und Transport in ein Zentrum mit Möglichkeit zur extrakorporalen Wiedererwärmung (ECLS/ECMO)
Ertrinkungsunfälle
Pathophysiologie: Durch Immersion oder Submersion kommt es zunächst zu Atemanhalten und häufig zu Panik. Mit zunehmender Hypoxie setzt der Atemreiz ein → Aspiration von Flüssigkeit, ggf. Laryngospasmus, schließlich Hypoxämie und respiratorische Insuffizienz
Reanimation: Bei einem hypoxisch bedingten Kreislaufstillstand nach Ertrinken sollte die Reanimation mit 5 initialen Beatmungen begonnen werden
Hypothermie: Ertrinkungsunfälle gehen insbesondere bei kaltem Wasser häufig mit einer Hypothermie einher. Diese beeinflusst das präklinische Management und kann eine reversible Ursache eines Kreislaufstillstands darstellen
Tipp
OhrthermometerkönnenfalschniedrigeWerteliefern, wenn sich im Ohr Wasser oder Schnee finden und nicht mit der tatsächlichen Körperkerntemperatur übereinstimmen,
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Zielklinik
Grundsätzlich richtet sich die Wahl der Zielklinik nach dem Hypothermiestadium, dem klinischen Zustand, der Kreislaufstabilität sowie der Notwendigkeit einer aktiven oder invasiven Wiedererwärmung.
Hypothermie Stadium I: Krankenhaus mit internistischer oder notfallmedizinischer Versorgung → bei unkompliziertem Verlauf meist konservative Behandlung und Überwachung
Hypothermie Stadium II ohne kardiale Instabilität: Krankenhaus mit Möglichkeiten zur aktiven Wiedererwärmung. Bei unzureichendem Erwärmungserfolg können interne Wiedererwärmungsverfahren (z. B. Thermokatheter oder Dialyse) erforderlich sein
Hypothermie Stadium II mit kardialer Instabilität sowie Stadium III: Transport in ein ECLS-fähiges Zentrum, insbesondere bei systolischem Blutdruck < 90 mmHg, ventrikulären Herzrhythmusstörungen, Herzfrequenz < 45/min, Körperkerntemperatur < 30 °C bei jungen gesunden bzw. < 32 °C bei älteren oder vorerkrankten Patient:innen oder Kreislaufstillstand
Schwere oder tiefe Erfrierungen: möglichst Transport in ein Verbrennungszentrum oder ein anderes spezialisiertes Zentrum mit Erfahrung in der Behandlung von Erfrierungsverletzungen
Transportbegleitende Maßnahmen
Monitoring: kontinuierliche Überwachung von EKG, Blutdruck, Herzfrequenz, Sauerstoffsättigung, Atemfrequenz, Körperkerntemperatur, Vigilanz sowie bei beatmeten Patient:innen Kapnometrie
Lagerung: schonende Lagerung und möglichst erschütterungsarmer Transport. Ab Hypothermie Stadium II unnötige Bewegungen vermeiden, um einen Afterdrop und kältebedingte Herzrhythmusstörungen zu verhindern
Wiedererwärmung: Passive oder aktive Wiedererwärmung während des Transports fortführen. Eine isolierte Erwärmung der Extremitäten vermeiden, um den Rückstrom kalten Blutes zum Körperkern zu verhindern
Atemwegsmanagement: Atemwege freihalten und bei Bedarf Atemwegssicherung sowie Beatmung durchführen. Bei fehlenden Schutzreflexen oder respiratorischer Insuffizienz frühzeitig eine Atemwegssicherung erwägen
Volumentherapie: Fortführung einer bedarfsgerechten Volumentherapie mit angewärmten balancierten Vollelektrolytlösungen entsprechend der hämodynamischen Situation
Dokumentation: Erfassung von Unfallmechanismus, Dauer und Art der Kälteexposition, Körperkerntemperatur, Hypothermiestadium, Vitalparametern, Herzrhythmus, durchgeführten Wiedererwärmungsmaßnahmen, verabreichten Medikamenten sowie sämtlichen präklinischen Maßnahmen
Übergabe in der Klinik
Strukturierte Übergabe nach einem standardisierten Schema, z.B. SINNHAFT oder ISOBAR
Übergabe relevanter Informationen zu:
Vermutetem Unfallmechanismus sowie Art und Dauer der Kälteexposition
Hypothermiestadium und gemessener Körperkerntemperatur
Initialem neurologischen, respiratorischen und hämodynamischen Status
Verlauf der Vitalparameter, insbesondere Herzrhythmus, Blutdruck, Herzfrequenz, Sauerstoffsättigung und Körperkerntemperatur
Durchgeführten Wiedererwärmungsmaßnahmen, Sauerstofftherapie, Atemwegsmanagement, Beatmung, Volumentherapie und verabreichten Medikamenten einschließlich deren Wirkung
Bestehenden Begleitverletzungen, relevanten Vorerkrankungen oder einer sekundären Hypothermie
Verdacht auf Komplikationen: Hinweise auf Afterdrop, ventrikuläre Herzrhythmusstörungen, kardiale Instabilität, Kreislaufstillstand oder andere relevante Komplikationen ausdrücklich kommunizieren
Hochrisikopatient:innen: Bei Hypothermie Stadium III, kardialer Instabilität, Kreislaufstillstand oder geplanter extrakorporaler Wiedererwärmung (ECLS) frühzeitige Übergabe an das zuständige Schockraum-, Intensiv- oder ECLS-Team
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Definition
Definition
Hypothermie
Die Hypothermie ist definiert als eine Absenkung der Körperkerntemperatur unter 35 °C.
Die Hypothermie wird anhand der Körperkerntemperatur in fünf Schweregrade eingeteilt:
Stadium I (milde Hypothermie): Körperkerntemperatur 32–35 °C
Stadium II (moderate Hypothermie): Körperkerntemperatur 28–32 °C
Stadium III (schwere Hypothermie): Körperkerntemperatur 24–28 °C
Stadium IV (Scheintod): Körperkerntemperatur <24 °C
Stadium V (irreversibler Kältetod): Tod durch Hypothermie
Ursachen
Form
Mechanismus
Typische Ursachen
Primäre Hypothermie
Übermäßiger Wärmeverlust durch äußere Kälteeinwirkung übersteigt die körpereigenen Kompensationsmechanismen
Aufenthalt in kalter oder feuchter Umgebung, Unfälle in Eis und Schnee, längerer Aufenthalt im Wasser, längerer Aufenthalt im Freien
Sekundäre Hypothermie
Gestörte Wärmeproduktion oder Thermoregulation infolge einer Grunderkrankung oder Intoxikation
Schwere systemische Erkrankungen, metabolische oder zentralnervöse Störungen, Intoxikationen
Pathophysiologie
Eine Hypothermie entsteht, wenn die Wärmeabgabe die Wärmeproduktion und die körpereigenen Kompensationsmechanismen übersteigt. Dadurch sinkt die Körperkerntemperatur auf unter 35 °C.
Somnolenz, Muskelstarre, Sistieren des Kältezitterns, Bradykardie, flache unregelmäßige Atmung, Hypoglykämie und Hypoxie
24–28 °C
Lähmungsphase
Sopor bis Koma, Bradypnoe, ausgeprägte Bradykardie, Hypotonie, hohes Risiko für Kammerflimmern
<24 °C
Scheintod
Kaum oder keine nachweisbaren Vitalzeichen, extreme Bradykardie, Kammerflimmern oder Asystolie
Klinischer Eindruck
Stadium
Körperkerntemperatur
Klinische Merkmale
Pathophysiologische Phase
I: Milde Hypothermie
32–35 °C
Frieren, Kältezittern, klare Bewusstseinslage, blasse Haut, Tachykardie und Hyperventilation; metabolische Azidose und Hyperglykämie möglich
Erregungsstadium: Der Körper versucht durch Kältezittern und periphere Vasokonstriktion die Wärmeproduktion zu steigern und Wärmeverluste zu reduzieren.
II: Moderate Hypothermie
28–32 °C
Ausbleiben des Kältezitterns, Somnolenz, Muskelstarre, Bradykardie, flache oder unregelmäßige Atmung, Hypoglykämie und Hypoxie
Erschöpfungsphase: Stoffwechselaktivität sowie Herz-Kreislauf- und Atemfunktion nehmen deutlich ab.
III: Schwere Hypothermie
24–28 °C
Sopor bis Koma, ausgeprägte Bradykardie, Hypotonie, Bradypnoe sowie hohes Risiko für Kammerflimmern
Lähmungsphase: Zunehmende Depression lebenswichtiger Funktionen mit hoher Gefahr schwerer Herzrhythmusstörungen.
IV: Scheintod (reversibel)
< 24 °C
Keine oder nur minimale Vitalzeichen; EKG häufig mit Kammerflimmern oder Asystolie
Endstadium der Kreislauf- und Atemdepression: Unter bestimmten Bedingungen durch kontrollierte Wiedererwärmung noch potenziell reversibel.
V: Irreversibler Kältetod
< ca. 13,7 °C
Irreversible Organschäden, keine Überlebensmöglichkeit
Terminale Phase: Endgültiger Organfunktionsverlust mit irreversiblem Tod durch Kälteeinwirkung.
Diagnostik
Inspektion:
Hautkolorit:blasse, marmorierte oder zyanotische Haut als Zeichen der peripheren Vasokonstriktion und verminderten Gewebeperfusion
Muskelaktivität:Kältezittern als physiologische Kompensationsreaktion bei leichter Hypothermie, bei fortschreitender Hypothermie Sistieren des Kältezitterns
Muskeltonus:Muskelstarre oder Rigidität als Ausdruck einer fortgeschrittenen Hypothermie
Bewusstseinslage:Verwirrtheit, Somnolenz, Sopor oder Koma als Hinweis auf eine zunehmende Beeinträchtigung des Zentralnervensystems
Atmung: initial Tachypnoe, später flache Atmung, Bradypnoe oder Apnoe mit zunehmender Atemdepression
Weitere Befunde: Hinweise auf Erfrierungen, Verletzungen, Nässe oder eine relevante Kälteexposition beachten
Palpation:
Hauttemperatur: kalter Körperstamm als Hinweis auf eine Hypothermie, insbesondere wenn keine zuverlässige Körperkerntemperaturmessung möglich ist
Rekapillarisierungszeit: verlängerte Rekapillarisierungszeit als Hinweis auf eine eingeschränkte periphere Perfusion infolge der Vasokonstriktion
Pulsqualität:bradykarder, unregelmäßiger oder fadenförmiger Puls als Ausdruck einer fortgeschrittenen Hypothermie
Bewegung: Bei Verdacht auf ein Trauma auf Schmerzen, Fehlstellungen und Verletzungszeichen achten. Hypotherme Patient:innen möglichst schonend bewegen, um Afterdrop und Bergungstod zu vermeiden
Perkussion:
Der Perkussionsversuch sollte physiologisch ausfallen. Ist das nicht so, muss differenzialdiagnostisch gedacht werden
Auskultation:
Lunge: auf eine zunehmende Hypoventilation, Bradypnoe oder fehlende Atemgeräusche als Zeichen einer schweren Hypothermie achten
Erfrierungen
Definition
Erfrierungen
Erfrierungen sind lokaleGewebeschädigungen durch Kälteexposition. Meist sind schlecht geschützte Regionen wie Finger, Nase oder Ohren betroffen.
Stadium
Symptomatik
Nach Wiedererwärmung bzw. im Verlauf
I
Blasse Haut, Schwellung und Schmerzen
Erythem und Ödembildung möglich
II
Blau-rote Hautverfärbung und Blasenbildung
Oberflächliche Blasen, bei schweren Verläufen hämorrhagische Blasen
III
Einzelne, meist kaum schmerzhafte Gewebsnekrosen
Tiefer Gewebeschaden möglich; endgültiges Ausmaß initial häufig noch nicht sicher beurteilbar
IV
Vollständige Gewebsnekrose
Ausgedehnter, tiefer Gewebeverlust mit möglicher Demarkation im Verlauf
Therapie
Merke
Das primäre Ziel der präklinischen Versorgung besteht darin, einen weiterenWärmeverlustzuverhindern, die Patient:innen kontrolliert wiederzuerwärmen, kältebedingte Komplikationen durch unnötigeBewegungen zu vermeiden und eine schnelle Transportfähigkeit zu gewährleisten.
Lagerung:
Kreislaufstabile Patient:innen: schonende Lagerung und Vermeidung unnötiger Bewegungen, insbesondere ab Hypothermie-Stadium II, ggf. Immobilisation erwägen
Schwer unterkühlte Patient:innen: äußerst vorsichtiger Transport und Umlagerung → Vermeidung eines Afterdrops
Monitoring und Basisdiagnostik: Kontinuierliche Überwachung mittels EKG, SpO₂, Blutdruck- und Körperkerntemperaturmessung.
Lebenszeichen bei Verdacht auf schwere Hypothermie bis zu 1 Minute prüfen
Regelmäßige Verlaufskontrollen der Körperkerntemperatur zur Stadieneinteilung und Steuerung der Wiedererwärmung durchführen → auf Bradykardien und ventrikuläre Arrhythmien achten.
Wärmeerhalt: Nasse Kleidung entfernen und weitere Kälteexposition beenden
Passive Wiedererwärmung durch Ganzkörperisolation, Decken, eine warme Umgebung sowie das Vermeiden von Zugluft
Aktive Wiedererwärmung, z.B. durch spezielle Wärmedecken, sollte zunächst am Körperstamm erfolgen
Atemwegsmanagement und Sauerstofftherapie:
Freihalten der Atemwege und bedarfsorientierte Sauerstoffgabe bei Hypoxämie oder Atemdepression
Die Indikation zur Sauerstofftherapie sollte großzügig gestellt werden, insbesondere wenn die Pulsoxymetrie aufgrund kalter Extremitäten und peripherer Vasokonstriktion nur eingeschränkt zuverlässig ist
Frühzeitige Beutel-Masken-Beatmung bei unzureichender Spontanatmung, ggf. eskalierende Atemwegssicherung
Venöser Zugang: Frühzeitige Anlage eines intravenösen Zugangs zur Medikamenten- und Infusionstherapie
Orale Flüssigkeitsgabe: Bei wachen und kooperativen Patient:innen können warme, zuckerhaltige Getränke verabreicht werden
Komplikationen erkennen:Afterdrop, Herzrhythmusstörungen, Kreislaufinstabilität und Herzstillstand frühzeitig erkennen und die Therapie entsprechend eskalieren.
Afterdrop: Weiteres Absinken der Körperkerntemperatur durch unnötige Bewegungen oder eine vorzeitige Erwärmung der Extremitäten
Herzrhythmusstörungen: Bradykardien und ventrikuläre Arrhythmien können durch den Rückstrom kalten Blutes aus der Peripherie begünstigt werden
Kreislaufinstabilität: Ein systolischer Blutdruck < 90 mmHg oder ventrikuläre Arrhythmien sprechen für eine schwere Hypothermie und erfordern den Transport in eine geeignete Zielklinik
Herzstillstand: Hypothermie ist eine potenziell reversible Ursache des Kreislaufstillstands. Die Reanimation erfolgt unter Berücksichtigung der hypothermiespezifischen Anpassungen.
Zielklinik: Nach Herstellung der Transportfähigkeit rascher Transport in eine Klinik mit geeigneten Möglichkeiten zur Behandlung schwerer Hypothermien.
Bei Kreislaufinstabilität, schweren Herzrhythmusstörungen oder Reanimationspflicht frühzeitige Voranmeldung und Transport in ein Zentrum mit extrakorporaler Wiedererwärmung (ECLS/ECMO)
Besondere Situationen
Besonderheiten der Reanimation bei Hypothermie:
Körperkerntemperatur
Maßnahmen
< 30 °C
Einmalige Adrenalingabe, weitere erst ab KKT von über 30° C
Wenn Kammerflimmern mit 3 Schocks nicht beherrschbar ist, sollen weitere Defibrillation verschoben werden, bis die Kerntemperatur > 30 °C beträgt
> 30 °C
Die Verabreichungsintervalle für Medikamente verdoppeln sich auf 6-10 Minuten
> 35 °C
Normale Verabreichungsintervalle der Medikamente, wie bei normothermen Patient:innen
Transport
Grundsätzlich richtet sich die Wahl der Zielklinik nach dem Hypothermiestadium, dem klinischen Zustand, der Kreislaufstabilität sowie der Notwendigkeit einer aktiven oder invasiven Wiedererwärmung.
Hypothermie Stadium I: Krankenhaus mit internistischer oder notfallmedizinischer Versorgung → bei unkompliziertem Verlauf meist konservative Behandlung und Überwachung
Hypothermie Stadium II ohne kardiale Instabilität: Krankenhaus mit Möglichkeiten zur aktiven Wiedererwärmung. Bei unzureichendem Erwärmungserfolg können interne Wiedererwärmungsverfahren (z. B. Thermokatheter oder Dialyse) erforderlich sein
Hypothermie Stadium II mit kardialer Instabilität sowie Stadium III: Transport in ein ECLS-fähiges Zentrum, insbesondere bei systolischem Blutdruck < 90 mmHg, ventrikulären Herzrhythmusstörungen, Herzfrequenz < 45/min, Körperkerntemperatur < 30 °C bei jungen gesunden bzw. < 32 °C bei älteren oder vorerkrankten Patient:innen oder Kreislaufstillstand
Schwere oder tiefe Erfrierungen: möglichst Transport in ein Verbrennungszentrum oder ein anderes spezialisiertes Zentrum mit Erfahrung in der Behandlung von Erfrierungsverletzungen
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Extrakorporale Membranoxygenierung (ECMO)
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