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Icterus neonatorum

Neugeborenenikterus, Neugeborenengelbsucht
SK
7 Minuten Lesezeit

Der Icterus neonatorum bezeichnet das Auftreten eines Ikterus (Gelbfärbung der Haut und Schleimhäute) bei Neugeborenen. Während dies in den meisten Fällen ein physiologischer Prozess ist, der durch die besonderen Stoffwechselbedingungen nach der Geburt bedingt ist, kann ein Ikterus auch pathologisch sein. Etwa 50 % aller Neugeborenen zeigen in den ersten Lebenstagen einen physiologischen Ikterus, der in der Regel harmlos verläuft und keine spezifische Therapie erfordert. Zeigen sich jedoch Abweichungen in der zeitlichen Entwicklung, eine besonders starke Ausprägung oder zusätzliche Symptome, spricht man von einem pathologischen Neugeborenenikterus. Dieser kann Ausdruck schwerwiegender Erkrankungen sein und sollte differenzialdiagnostisch abgeklärt werden.

Eine besondere Bedeutung kommt der Überwachung der Bilirubinwerte zu, da ein Überschreiten bestimmter Grenzwerte potenziell neurotoxisch ist und zur sogenannten Bilirubinenzephalopathie führen kann. Frühzeitige diagnostische und therapeutische Maßnahmen, wie die Phototherapie, haben die Prognose dieser häufigen neonatalen Problematik jedoch erheblich verbessert.

Der physiologische Neugeborenenikterus ist ein häufiges Phänomen, das bei reifen und gesunden Neugeborenen ohne begleitende pathologische Symptome auftritt.

Definition und Charakteristika

  • Tritt typischerweise zwischen dem 3. und 10. Lebenstag auf, mit einem Maximum der Bilirubinwerte um den 5. Lebenstag
  • Die Bilirubinwerte überschreiten in der Regel 18 mg/dl nicht
  • Klinisch zeigt sich eine Gelbfärbung der Haut, Schleimhäute und Skleren, andere Symptome fehlen
Neugeborenenikterus
Neugeborenenikterus
Neugeborenenikterus mit Gelbfärbung der Skleren
Neugeborenenikterus mit Gelbfärbung der Skleren

Pathophysiologie

Der physiologische Neugeborenenikterus resultiert aus einer Kombination verschiedener Faktoren, die alle mit der postnatalen Anpassung des Bilirubinmetabolismus zusammenhängen:

  1. Erhöhte Bilirubinproduktion:
    • Neugeborene haben relativ hohe Hämoglobinwerte und Erythrozytenzahlen im Vergleich zu Erwachsenen (2-3-fach erhöhte Bilirubinproduktion als Erwachsene)
    • Die Lebensdauer der fetalen Erythrozyten ist verkürzt (70–90 Tage), was zu einem gesteigerten Erythrozytenabbau und somit einer erhöhten Bilirubinfreisetzung führt
  2. Trimenon-Reduktion:
    • Der Übergang von fetalem Hämoglobin (HbF) zu adultem Hämoglobin (HbA) führt zu einem vermehrten Abbau von Hämoglobin. Dabei sinkt der Hämoglobinwert im Verlauf der ersten Lebensmonate physiologisch von ca. 15 g/dl auf etwa 10 g/dl
  3. Unreife Leberstoffwechselprozesse:
    • Die Aktivität der UDP-Glukuronosyltransferase in der Leber, die indirektes Bilirubin in wasserlösliches direktes Bilirubin umwandelt, ist in den ersten Lebenstagen noch eingeschränkt
  4. Verzögerte Darmpassage:
    • Eine langsame Darmmotilität bei Neugeborenen führt zu einer verstärkten Rückresorption von Bilirubin über den enterohepatischen Kreislauf
 Merke

Die Ursache des physiologischen Ikterus ist immer ein Anstieg des indirekten Bilirubins (prähepatisch und intrahepatisch bedingt)

Ein pathologischer Ikterus weist deutliche Abweichungen vom typischen Verlauf des physiologischen Ikterus auf und kann mit schwerwiegenden Erkrankungen assoziiert sein.

Definition und Formen

  1. Icterus praecox:
    • Auftreten eines Bilirubinwerts von >7 mg/dl innerhalb der ersten 24 Stunden
  2. Icterus gravis:
    • Gesamtbilirubinwerte >18 mg/dl
  3. Icterus prolongatus:
    • Persistierende erhöhte Bilirubinwerte nach dem 10. Lebenstag
  4. Ikterus mit neurologischen Symptomen:
    • Hinweis auf eine akute oder chronische Bilirubinenzephalopathie
 Merke

Freies Bilirubin kann die Blut-Hirn-Schranke überwinden - zu hohe Werte führen zum klinischen Bild der Bilirubinenzephalopathie mit neuroloschen Schäden.

Klinische Relevanz der Bilirubinenzephalopathie

  • Akut:
    • Symptome wie Trinkschwäche, Lethargie und muskuläre Hypotonie im frühen Stadium können schnell in schwerwiegendere Manifestationen wie Fieber, Krampfanfälle und Apnoen übergehen
  • Chronisch (Kernikterus):
    • Häufigkeit ca. 0,001%
    • Entwickelt sich bei unbehandeltem, persistierend hohem Bilirubin. Typische Folgeerscheinungen sind Zerebralparese, choreo-athetotische Bewegungsstörungen, Hör- und Sprachstörungen sowie Intelligenzminderung

Ätiologie

Zu den häufigsten Ursachen eines pathologischen Ikterus zählen:

  • Infektionen: z. B. neonatale Sepsis
  • Hämolytische Erkrankungen:
    • Morbus haemolyticus neonatorum
    • Glucose-6-Phosphat-Dehydrogenase-Mangel
    • Hereditäre Sphärozytose
  • Stoffwechselstörungen:
    • Crigler-Najjar-Syndrom
    • Galaktosämie
    • Konnatale Hypothyreose
  • Still-Ikterus:
    • Ursache unklar, vermutet wird eine Hemmung der hepatischen Bilirubinverarbeitung durch Stoffe in der Muttermilch
 Merke

Der pathologische Ikterus kann sowohl durch einen Anstieg des indirekten Bilirubins als auch durch einen erhöhten Anteil des direkten Bilirubins verursacht sein.

1. Anamnese

  • Erhebung von begünstigenden Faktoren:
    • Frühgeburtlichkeit oder niedrige Gestationsdauer (<38 Wochen)
    • Geburtstrauma (z.B. Hämatombildung)
    • Familiäre Disposition für Stoffwechselstörungen oder hämolytische Erkrankungen
  • Ergebnisse des Neugeborenen-Screenings:
    • Hinweise auf Stoffwechselerkrankungen oder genetische Störungen

2. Körperliche Untersuchung

  • Ausmaß der Gelbfärbung von Haut, Skleren und Schleimhäuten
  • Suche nach zusätzlichen Symptomen wie Trinkschwäche, Lethargie oder Hypotonie, die auf eine Bilirubinenzephalopathie hinweisen können

3. Bestimmung der Bilirubinwerte

  • Differenzierung zwischen indirektem Bilirubin (prä- und intrahepatische Ursachen) und direktem Bilirubin (posthepatische Ursachen)
  • Regelmäßige Verlaufskontrollen, um den Anstieg der Bilirubinwerte zu überwachen

4. Bestimmung der Phototherapiegrenze

Die Entscheidung zur Phototherapie richtet sich nach dem Lebensalter, dem Gestationsalter und dem Vorliegen von Risikofaktoren wie Hämolysezeichen

  • Reifgeborene ohne Hämolysezeichen (Lebensalter > 72 Stunden):
    • Phototherapiegrenze = 20 mg/dl
  • Lebensalter < 72 Stunden:
    • Reduktion der Phototherapiegrenze um 2 mg/dl pro 24 Stunden
  • Frühgeborene (Gestationsalter < 38 Wochen):
    • Formel: Phototherapiegrenze (mg/dl) = aktuelles Gestationsalter in Wochen – 20

Die Behandlung richtet sich nach der Ursache und Schwere des Ikterus:

Allgemeine Maßnahmen

  • Optimierung der Ernährung:
    • Häufiges Stillen oder Zufüttern von Formula-Nahrung zur Anregung der Darmperistaltik und Reduktion des enterohepatischen Kreislaufs

Spezifische Maßnahmen

  • Phototherapie:
    • Blaulicht (430–490 nm) wandelt indirektes Bilirubin in wasserlösliches Lumirubin um, das renal und biliär ausgeschieden wird
Phototherapie mit Blaulicht bei Neugeborenem
Phototherapie eines Neugeborenenikterus mit Blaulicht
  • Ultima Ratio:
    • Intravenöse Immunglobuline oder Austauschtransfusionen bei stark erhöhten Bilirubinwerten (> 25 mg/dL) oder Gefahr einer Bilirubinenzephalopathie

Dank moderner Diagnose- und Therapiemethoden ist die Prognose des Neugeborenenikterus in den meisten Fällen gut. Ein frühzeitiges Erkennen und die adäquate Behandlung pathologischer Verläufe sind entscheidend, um schwerwiegende Komplikationen wie den Kernikterus zu vermeiden. Die enge Überwachung durch erfahrene Ärztinnen und Ärzte ist ein zentraler Bestandteil des klinischen Managements.

Zuletzt aktualisiert am 02.12.2024
Morbus haemorrhagicus neonatorum
Systemische Neugeboreneninfektion
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