Zusammenfassung
Der Icterus neonatorum bezeichnet das Auftreten eines Ikterus
Eine besondere Bedeutung kommt der Überwachung der Bilirubinwerte zu, da ein Überschreiten bestimmter Grenzwerte potenziell neurotoxisch ist und zur sogenannten Bilirubinenzephalopathie führen kann. Frühzeitige diagnostische und therapeutische Maßnahmen, wie die Phototherapie, haben die Prognose dieser häufigen neonatalen Problematik jedoch erheblich verbessert.
Physiologischer Neugeborenenikterus
Der physiologische Neugeborenenikterus ist ein häufiges Phänomen, das bei reifen und gesunden Neugeborenen ohne begleitende pathologische Symptome auftritt.
Definition und Charakteristika
- Tritt typischerweise zwischen dem 3. und 10. Lebenstag auf, mit einem Maximum der Bilirubinwerte um den 5. Lebenstag
- Die Bilirubinwerte überschreiten in der Regel 18 mg/dl nicht
- Klinisch zeigt sich eine Gelbfärbung der Haut
, Schleimhäute und Skleren, andere Symptome fehlen

“Jaundice in newborn.jpg” von Dr. Hudson, Public domain, via Wikimedia Commons

Quelle: "Fig 1B, In: Smartphone screening for neonatal jaundice via ambient-subtracted sclera chromaticity" von Outlaw F, Nixon M, Odeyemi O, MacDonald LW, Meek J, Leung TS, PLOS ONE, lizenziert unter CC BY 4.0. Bild zugeschnitten
Pathophysiologie
Der physiologische Neugeborenenikterus resultiert aus einer Kombination verschiedener Faktoren, die alle mit der postnatalen Anpassung des Bilirubinmetabolismus zusammenhängen:
- Erhöhte Bilirubinproduktion:
- Neugeborene haben relativ hohe Hämoglobinwerte und Erythrozytenzahlen im Vergleich zu Erwachsenen (2-3-fach erhöhte Bilirubinproduktion als Erwachsene)
- Die Lebensdauer der fetalen Erythrozyten
ist verkürzt (70–90 Tage), was zu einem gesteigerten Erythrozytenabbau und somit einer erhöhten Bilirubinfreisetzung führt
- Trimenon-Reduktion:
- Der Übergang von fetalem Hämoglobin
(HbF) zu adultem Hämoglobin (HbA) führt zu einem vermehrten Abbau von Hämoglobin . Dabei sinkt der Hämoglobinwert im Verlauf der ersten Lebensmonate physiologisch von ca. 15 g/dl auf etwa 10 g/dl
- Der Übergang von fetalem Hämoglobin
- Unreife Leberstoffwechselprozesse:
- Die Aktivität der UDP-Glukuronosyltransferase in der Leber
, die indirektes Bilirubin in wasserlösliches direktes Bilirubin umwandelt, ist in den ersten Lebenstagen noch eingeschränkt
- Die Aktivität der UDP-Glukuronosyltransferase in der Leber
- Verzögerte Darmpassage:
- Eine langsame Darmmotilität bei Neugeborenen führt zu einer verstärkten Rückresorption von Bilirubin
über den enterohepatischen Kreislauf
- Eine langsame Darmmotilität bei Neugeborenen führt zu einer verstärkten Rückresorption von Bilirubin
MerkeDie Ursache des physiologischen Ikterus
ist immer ein Anstieg des indirekten Bilirubins (prähepatisch und intrahepatisch bedingt)
Pathologischer Neugeborenenikterus
Ein pathologischer Ikterus
Definition und Formen
- Icterus praecox:
- Auftreten eines Bilirubinwerts von >7 mg/dl innerhalb der ersten 24 Stunden
- Icterus gravis:
- Gesamtbilirubinwerte >18 mg/dl
- Icterus prolongatus:
- Persistierende erhöhte Bilirubinwerte nach dem 10. Lebenstag
- Ikterus
mit neurologischen Symptomen: - Hinweis auf eine akute oder chronische Bilirubinenzephalopathie
MerkeFreies Bilirubin
kann die Blut -Hirn-Schranke überwinden - zu hohe Werte führen zum klinischen Bild der Bilirubinenzephalopathie mit neuroloschen Schäden.
Klinische Relevanz der Bilirubinenzephalopathie
- Akut:
- Symptome wie Trinkschwäche, Lethargie und muskuläre Hypotonie im frühen Stadium können schnell in schwerwiegendere Manifestationen wie Fieber
, Krampfanfälle und Apnoen übergehen
- Symptome wie Trinkschwäche, Lethargie und muskuläre Hypotonie im frühen Stadium können schnell in schwerwiegendere Manifestationen wie Fieber
- Chronisch (Kernikterus):
- Häufigkeit ca. 0,001%
- Entwickelt sich bei unbehandeltem, persistierend hohem Bilirubin
. Typische Folgeerscheinungen sind Zerebralparese, choreo-athetotische Bewegungsstörungen, Hör- und Sprachstörungen sowie Intelligenzminderung
Ätiologie
Zu den häufigsten Ursachen eines pathologischen Ikterus
- Infektionen: z. B. neonatale Sepsis
- Hämolytische Erkrankungen:
- Morbus haemolyticus neonatorum
- Glucose
-6-Phosphat -Dehydrogenase-Mangel - Hereditäre Sphärozytose
- Morbus haemolyticus neonatorum
- Stoffwechselstörungen:
- Crigler-Najjar-Syndrom
- Galaktosämie
- Konnatale Hypothyreose
- Crigler-Najjar-Syndrom
- Still-Ikterus
: - Ursache unklar, vermutet wird eine Hemmung der hepatischen Bilirubinverarbeitung durch Stoffe in der Muttermilch
- Ursache unklar, vermutet wird eine Hemmung der hepatischen Bilirubinverarbeitung durch Stoffe in der Muttermilch
MerkeDer pathologische Ikterus
kann sowohl durch einen Anstieg des indirekten Bilirubins als auch durch einen erhöhten Anteil des direkten Bilirubins verursacht sein.
Diagnostik
1. Anamnese
- Erhebung von begünstigenden Faktoren:
- Frühgeburtlichkeit
oder niedrige Gestationsdauer (<38 Wochen) - Geburtstrauma
(z.B. Hämatombildung) - Familiäre Disposition für Stoffwechselstörungen oder hämolytische Erkrankungen
- Frühgeburtlichkeit
- Ergebnisse des Neugeborenen-Screenings:
- Hinweise auf Stoffwechselerkrankungen oder genetische Störungen
2. Körperliche Untersuchung
- Ausmaß der Gelbfärbung von Haut, Skleren und Schleimhäuten
- Suche nach zusätzlichen Symptomen wie Trinkschwäche, Lethargie oder Hypotonie, die auf eine Bilirubinenzephalopathie hinweisen können
3. Bestimmung der Bilirubinwerte
- Differenzierung zwischen indirektem Bilirubin
(prä- und intrahepatische Ursachen) und direktem Bilirubin (posthepatische Ursachen) - Regelmäßige Verlaufskontrollen, um den Anstieg der Bilirubinwerte zu überwachen
4. Bestimmung der Phototherapiegrenze
Die Entscheidung zur Phototherapie richtet sich nach dem Lebensalter, dem Gestationsalter und dem Vorliegen von Risikofaktoren wie Hämolysezeichen
- Reifgeborene ohne Hämolysezeichen (Lebensalter > 72 Stunden):
- Phototherapiegrenze = 20 mg/dl
- Lebensalter < 72 Stunden:
- Reduktion der Phototherapiegrenze um 2 mg/dl pro 24 Stunden
- Frühgeborene (Gestationsalter < 38 Wochen):
- Formel: Phototherapiegrenze (mg/dl) = aktuelles Gestationsalter in Wochen – 20
Therapie
Die Behandlung richtet sich nach der Ursache und Schwere des Ikterus
Allgemeine Maßnahmen
- Optimierung der Ernährung:
- Häufiges Stillen oder Zufüttern von Formula
-Nahrung zur Anregung der Darmperistaltik und Reduktion des enterohepatischen Kreislaufs
- Häufiges Stillen oder Zufüttern von Formula
Spezifische Maßnahmen
- Phototherapie:
- Blaulicht (430–490 nm) wandelt indirektes Bilirubin
in wasserlösliches Lumirubin um, das renal und biliär ausgeschieden wird
- Blaulicht (430–490 nm) wandelt indirektes Bilirubin

"Phototherapy1.jpg" von Steph masih, CC BY-SA 4.0, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons
- Ultima Ratio:
- Intravenöse Immunglobuline
oder Austauschtransfusionen bei stark erhöhten Bilirubinwerten (> 25 mg/dL) oder Gefahr einer Bilirubinenzephalopathie
- Intravenöse Immunglobuline
Prognose
Dank moderner Diagnose- und Therapiemethoden ist die Prognose des Neugeborenenikterus in den meisten Fällen gut. Ein frühzeitiges Erkennen und die adäquate Behandlung pathologischer Verläufe sind entscheidend, um schwerwiegende Komplikationen wie den Kernikterus zu vermeiden. Die enge Überwachung durch erfahrene Ärztinnen und Ärzte ist ein zentraler Bestandteil des klinischen Managements.
Quellen
- S2k-Leitlinie: Hyperbilirubinämie des Neugeborenen – Diagnostik und Therapie, Leitlinie der Gesellschaft für Neonatologie und Pädiatrische Intensivmedizin (GNPI)
