Eine Sedativa-Intoxikation entsteht durch eine Überdosierung zentral dämpfender Substanzen, z.B. Benzodiazepine, Barbiturate, Z-Substanzen oder andere Hypnotika. Je nach Ausmaß der Intoxikation und möglichen Begleitfaktoren handelt es sich um einen potenziell lebensbedrohlichen Notfall.
Durch die verstärkte Hemmung des zentralen Nervensystems kommt es typischerweise zu:
- Vigilanzminderung bis zum Koma
- Atemdepression
- verminderten Schutzreflexen
- Bradykardie und Hypotonie
Besonders gefährlich sind Mischintoxikationen, insbesondere mit Alkohol oder Opioiden, da sich die zentral dämpfende Wirkung verstärkt und das Risiko einer schweren Ateminsuffizienz deutlich zunimmt.
Präklinisch stehen die Sicherung von Atemweg, Atmung und Kreislauf, eine engmaschige Überwachung der Vitalparameter sowie die symptomorientierte Therapie im Vordergrund. Bei unzureichender Spontanatmung haben Atemwegsmanagement und Beatmung höchste Priorität.
Flumazenil kann als spezifisches Antidot bei einer gesicherten Benzodiazepin- oder Z-Substanzen-Monointoxikation eingesetzt werden. Bei unklarer Intoxikation oder Mischintoxikation sollte es jedoch nicht routinemäßig verabreicht werden. Durch die Aufhebung der protektiven Benzodiazepinwirkung können Krampfanfälle und schwere Herzrhythmusstörungen ausgelöst oder verstärkt werden. Da die Wirkdauer von Flumazenil kürzer ist als die vieler Benzodiazepine, besteht zudem das Risiko einer erneuten Sedierung (Rebound-Effekt) und die Notwendigkeit einer engmaschigen Überwachung.
Um den Einstieg in das Thema Intoxikation mit Sedativa etwas zu erleichtern, wird im Folgenden ein Fall beschrieben, wie er sich präklinisch ereignen könnte.
Das Szenario
Einsatzmeldung:
- Stichwort: Bewusstlosigkeit
- Ort: Wohnung, Schlafzimmer
- Alarmzeit: 19:10 Uhr
- Anrufer:in: Partner
- Anzahl der Betroffenen: 1
- Zusatzinfo:
- Weiblich, 24 Jahre alt
- Verdacht auf Einnahme einer großen Menge Benzodiazepinen + Alkohol
- Suizidale Absicht
- Polizei ist ebenfalls alarmiert
Lageeinweisung vor Ort:
Beim Eintreffen des Rettungsdienstes erwartet der sichtlich aufgelöste Partner das Team und führt es ins Schlafzimmer. Dort liegt die Patientin regungslos auf dem Bett.
Die Lage ist wie folgt:
- Die Patientin ist soporös und reagiert auf Schmerzreize lediglich verlangsamt und ungezielt
- Die Atemfrequenz beträgt 9/min bei regelmäßiger Atmung
- Es besteht eine deutliche Lippenzyanose
- Auf dem Nachttisch befinden sich zwei leere Diazepam-Blisterpackungen, eine leere Weinflasche sowie ein handschriftlicher Abschiedsbrief
- Der Partner berichtet, er habe die Patientin gegen 19:00 Uhr bewusstlos aufgefunden und unmittelbar den Notruf gewählt
- Weiterhin gibt er an, dass die Patientin an einer Depression leidet und regelmäßig Diazepam einnimmt
- Äußere Verletzungszeichen sind nicht erkennbar

Ersteinschätzung nach xABCDE-Schema
Um sich einen ersten umfassenden Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten in einer Notfallsituation zu verschaffen, bietet sich das xABCDE-Schema an. Um die Arbeit mit dem Schema zu veranschaulichen, ist hier ein xABCDE-Schema abgebildet, wie es im Falle einer Ersteinschätzung bei einer Patientin oder einem Patienten mit einer Intoxikation mit Sedativa aussehen könnte.
Es handelt sich dabei um die Befunde, die innerhalb der ersten paar Minuten erhoben werden können. Erweiterte Diagnostik und Abfragen sind natürlich von Bedeutung, jedoch würde zum Beispiel die Anlage eines 12-Kanal-EKG in diesem Fall hinten angestellt und taucht zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf.
x |
|
|
A |
|
Kein |
B |
| Akutes |
C |
| Akutes |
D |
| Akutes |
E |
| Kein |
AchtungDas hier gezeigte Assessment vermittelt nur einen exemplarischen ersten Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten. Im Verlauf der Behandlung müssen weitere Maßnahmen ergriffen und Informationen gesammelt werden. Das Schema erhebt daher keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern soll lediglich einen praktischen Einstieg in das Thema ermöglichen.
DefinitionSedativaintoxikation
Eine Sedativaintoxikation ist eine akute Vergiftung durch sedierend wirkende Substanzen und stellt je nach Ausmaß einen potenziell lebensbedrohlichen Notfall dar. Dazu zählen insbesondere Benzodiazepine, Barbiturate, Z-Substanzen und andere Hypnotika.
Charakteristisch ist eine dosisabhängige Dämpfung des zentralen Nervensystems mit Bewusstseinsminderung, Atemdepression und verminderten Schutzreflexen.
Übersicht sedierender Substanzklassen
| Substanzklasse | Beispiele | Typische Anwendung und Besonderheiten |
|---|---|---|
| Benzodiazepine | Diazepam, Lorazepam, Midazolam, Oxazepam, Temazepam, Flunitrazepam, Alprazolam | Anxiolyse, Sedierung, Prämedikation vor Anästhesien sowie Antikonvulsivum |
| Barbiturate | Thiopental, Phenobarbital, Methohexital | Narkoseeinleitung und Antikonvulsivum; aufgrund der geringen therapeutischen Breite heute nur noch eingeschränkt eingesetzt |
| Z-Substanzen | Zolpidem, Zopiclon, Eszopiclon | Kurzzeittherapie von Schlafstörungen; benzodiazepinähnlicher Wirkmechanismus mit meist geringeren Hang-over-Effekten |
| Weitere Sedativa/Hypnotika | Propofol, Etomidat, Clonidin, Dexmedetomidin, (Es-)Ketamin (dissoziativ), Alkohol | Sedierung in der Intensiv- und Notfallmedizin, Narkoseeinleitung oder Anxiolyse; Ketamin wirkt primär dissoziativ |
| Sedierende Antidepressiva | Mirtazapin, Doxepin, Trimipramin | Vor allem zur Behandlung von Depressionen; aufgrund ihrer sedierenden Wirkung teilweise auch zur Schlafanstoßung eingesetzt |
| Sedierende Antipsychotika (niederpotent) | Melperon, Promethazin, Pipamperon, Levomepromazin | Sedierung und Behandlung von Unruhe oder Agitation, insbesondere in der Psychiatrie und Intensivmedizin |
Häufige Ursachen
- Akzidentelle Überdosierung: Häufig durch Dosierungsfehler, versehentliche Mehrfacheinnahme oder relevante Arzneimittelwechselwirkungen
- Suizidale Intoxikation: Gezielte Einnahme hoher Dosen von Benzodiazepinen, Barbituraten oder anderen Sedativa
- Mischintoxikationen: gleichzeitige Einnahme von Sedativa mit Alkohol, Opioiden, Antidepressiva oder Antipsychotika
- Abhängigkeit und Missbrauch: Langfristiger Konsum mit schrittweiser Dosiserhöhung und Kontrollverlust
- Krimineller Missbrauch (K.-o.-Tropfen): Einsatz von Substanzen wie GHB, GBL, Flunitrazepam oder Temazepam
- Fehlgebrauch in der Medizin: Überdosierte Sedierung, beispielsweise in der Anästhesie oder Intensivmedizin
Risikofaktoren
- Psychiatrische Erkrankungen: Menschen mit Angststörungen, Depressionen oder Persönlichkeitsstörungen haben ein erhöhtes Risiko für eine Sedativa-Intoxikation
- Chronische Schmerzen und Schlafstörungen: Eine langfristige Behandlung mit Sedativa kann das Risiko für Fehlgebrauch, Abhängigkeit und Überdosierung erhöhen
- Hohes Lebensalter: Eine verminderte Metabolisierung sowie Polypharmazie begünstigen das Auftreten von unbeabsichtigten Intoxikationen
- Bestehende Suchterkrankungen und Mischintoxikationen: Besonders bei einer Abhängigkeit von Alkohol, Opioiden oder anderen psychoaktiven Substanzen steigt das Risiko für schwere Sedativa-Intoxikationen
MerkeEine akute Sedativa-Intoxikation entsteht häufig durch Überdosierungen, Mischintoxikationen oder einen Fehlgebrauch sedierender Medikamente. Das Risiko wird insbesondere durch psychiatrische Erkrankungen, Polypharmazie, hohes Alter sowie den gleichzeitigen Konsum anderer zentral dämpfender Substanzen zusätzlich erhöht.
MerkeReminder: Physiologische Grundlagen
- GABA (γ-Aminobuttersäure) ist der wichtigste hemmende Neurotransmitter des zentralen Nervensystems
- GABA entsteht aus Glutamat durch die Glutamatdecarboxylase
- Die Wirkung von GABA wird über zwei Rezeptorsubtypen vermittelt:
- GABAA-Rezeptor: ligandengesteuerter Cl⁻-Kanal → Cl⁻-Einstrom ↑ → Hyperpolarisation der Nervenzelle → verminderte neuronale Erregbarkeit
- GABAB-Rezeptor: G-Protein-gekoppelter Rezeptor → präsynaptische Hemmung der Neurotransmitterfreisetzung und verminderte Aktivität spinaler Motoneurone
- Physiologische Funktionen des GABA-Systems:
- Angstregulation: Hemmung limbischer Netzwerke reduziert Angst und emotionale Erregung.
- Schlaf und Sedierung: Dämpfung neuronaler Aktivität fördert Schlaf und reduziert die Wachheit.
- Muskeltonus: Hemmung spinaler Motoneurone trägt zur Regulation des Muskeltonus bei.
- Krampfschutz: Erhöhung der neuronalen Reizschwelle verhindert überschießende neuronale Entladungen.
- Pathophysiologische Bedeutung: Eine verminderte GABA-vermittelte Hemmung führt zu einer gesteigerten neuronalen Erregbarkeit und kann Muskelrigidität sowie Krampfanfälle begünstigen.
Die akute Sedativa-Intoxikation entsteht durch eine übermäßige Hemmung neuronaler Aktivität im zentralen Nervensystem. Die meisten Sedativa verstärken die GABA-vermittelte inhibitorische Neurotransmission, insbesondere über den GABAA-Rezeptor, wodurch die neuronale Erregbarkeit deutlich abnimmt.
Die daraus resultierende ZNS-Depression bildet die Grundlage für die charakteristischen klinischen Symptome der Sedativa-Intoxikation.
Mechanismen der akuten Intoxikation
- Verstärkte inhibitorische Neurotransmission: Übermäßige Aktivierung des GABA-Systems führt zu einer verminderten neuronalen Erregbarkeit und einer ausgeprägten zentralen Dämpfung.
- Großhirn und Formatio reticularis: Verminderte Aktivität kortikaler und retikulärer Strukturen → Somnolenz, Sopor bis Koma
- Atemzentrum: Verminderter zentraler Atemantrieb und abgeschwächte Schutzreflexe → Hypoventilation, Hyperkapnie und respiratorische Azidose
- Atemmuskulatur: Verminderter Muskeltonus der oberen Atemwege und Atemhilfsmuskulatur → Atemwegsverlegung und Aspirationsgefahr
- Herz-Kreislauf-System: Verminderter Sympathikotonus sowie teilweise direkte kardiovaskuläre Dämpfung → Hypotonie und Bradykardie
- Folge: Fortschreitende Atemdepression verursacht Hypoxie, die unbehandelt zu Atem- oder Herz-Kreislauf-Stillstand führen kann
| Organ | Mechanismus | Klinische Folge |
|---|---|---|
| Gehirn | Verminderte neuronale Erregbarkeit | Somnolenz, Sopor bis Koma |
| Atemzentrum | Verminderter Atemantrieb | Hypoventilation, Hyperkapnie, respiratorische Azidose |
| Atemwege | Verminderte Schutzreflexe und Muskeltonus | Aspirationsgefahr, Atemwegsverlegung |
| Herz-Kreislauf-System | Verminderter Sympathikotonus und kardiale Depression | Hypotonie, Bradykardie |
| Skelettmuskulatur | Zentrale Muskelrelaxation | Muskelschwäche, Sturzgefahr |
Wirkmechanismus der wichtigsten Sedativa
Benzodiazepine:

- Mechanismus: Positive allosterische Modulation des GABAA-Rezeptors → erhöhte Öffnungsfrequenz der Cl⁻-Kanäle → verstärkte Hyperpolarisation der Nervenzellen → verminderte neuronale Erregbarkeit
- Folgen: Sedierung, Anxiolyse, Muskelrelaxation, Amnesie und Antikonvulsion
- Besonderheit: Eine isolierte Benzodiazepin-Intoxikation verursacht meist keine lebensbedrohliche Atemdepression. Das Risiko steigt deutlich bei Mischintoxikationen, speziell mit Alkohol oder Opioiden
Barbiturate:
- Mechanismus: Verstärken die GABA-vermittelte Hemmung und hemmen zusätzlich exzitatorische Signalwege im ZNS
- Folgen: ausgeprägte ZNS-Depression mit schwerer Atemdepression, Bewusstlosigkeit sowie kardiovaskulärer Depression
- Besonderheit: Aufgrund der geringen therapeutischen Breite können bereits vergleichsweise geringe Überdosierungen lebensbedrohlich sein
GHB/GBL:
- Mechanismus: wirken überwiegend über GABAerge Signalwege und verursachen eine ausgeprägte zentrale Dämpfung
- Folgen: rasch einsetzender Bewusstseinsverlust, Bradykardie und Atemdepression
- Besonderheit: Die Wirkung kann abrupt einsetzen und ebenso rasch wieder nachlassen, wodurch der klinische Verlauf stark schwanken kann
Gemeinsame pathophysiologische Endstrecke
Unabhängig vom auslösenden Sedativum führt die zunehmende ZNS-Depression letztlich zu:
- Herabgesetztem Atemantrieb
- Vermindertem Muskeltonus und abgeschwächten Schutzreflexen
- Hypoventilation mit Hyperkapnie und Hypoxie
- Kreislaufdepression mit Hypotonie und Bradykardie
- im Extremfall zu Atem- und Herz-Kreislauf-Stillstand
MerkeZusammenfassung: Die kritischen Probleme bei einer akuten Intoxikation mit Sedativa
- Die verstärkte GABA-vermittelte Hemmung verursacht eine ausgeprägte Depression des zentralen Nervensystems
- Klinisch stehen Bewusstseinsstörung, Atemdepression und Verlust der Schutzreflexe im Vordergrund
- Die fortschreitende Hypoventilation führt zu Hyperkapnie, Hypoxie und unbehandelt zu Atemstillstand sowie Herz-Kreislauf-Stillstand
- Besonders Mischintoxikationen mit Alkohol oder Opioiden erhöhen das Risiko eines lebensbedrohlichen Verlaufs erheblich
Typische Zeichen
AchtungEine Intoxikation mit Sedativa führt zu einer charakteristischen Kombination aus Vigilanzminderung, Bradypnoe und motorischer Verlangsamung (verlangsamte Bewegungen).
- Bewusstseinsstörung: Zentrale Dämpfung mit Verlangsamung, Benommenheit, Somnolenz, Sopor oder Koma sowie zunehmend verminderter Reaktion auf Ansprache und Schmerzreize
- Motorische Auffälligkeiten: Ungelenkigkeit, Ataxie, Muskelrelaxation und verlangsamte Bewegungen, insbesondere bei älteren Patient:innen erhöhtes Sturzrisiko
- Atemdepression: Bradypnoe, Hypoventilation bis zur CO₂-Narkose durch zentrale Atemdepression, Gefahr eines Atemstillstands, insbesondere bei Mischintoxikationen mit Opioiden oder Alkohol
- Bradykardie und Hypotonie: Folge der zentralen und peripheren Dämpfung bis zum Kreislaufversagen
- Pupillen: meist normal groß bis leicht verengt bei erhaltener Lichtreaktion
- Kognitive Veränderungen: Desorientierung, Verwirrtheit und kognitive Einschränkungen; gelegentlich paradoxe Erregungszustände, insbesondere bei älteren Patient:innen
- Schwerer Verlauf: tiefe Bewusstlosigkeit, fehlende Schutzreflexe, Schnappatmung oder Atemstillstand
Generalisierte Zeichen
- Hypothermie: Verminderte Thermoregulation durch zentrale Dämpfung sowie längeres regungsloses Liegen können zu einer Unterkühlung führen
- Hypoglykämie: insbesondere bei einer Kombination mit Alkohol möglich. Alkohol hemmt die hepatische Gluconeogenese, während Sedativa die Nahrungsaufnahme und die Wahrnehmung von Warnsymptomen beeinträchtigen
- Übelkeit und Erbrechen: Folge der zentralen Dämpfung oder einer Mischintoxikationen (z.B. mit GHB)
- Hautveränderungen: kühle, feuchte Haut und gelegentlich Blässe infolge von Hypothermie und Hypotonie, bei Hypoglykämie ist auch Kaltschweißigkeit möglich
Anamnese
- S (Symptome): Vigilanzminderung bis Koma, motorische Verlangsamung und Bradypnoe
- Auf Hinweise für eine Mischintoxikation (z.B. Alkoholgeruch) sowie Erbrechen oder eine mögliche Aspiration achten
- A (Allergien, Infektionen): Nach Arzneimittelallergien und Hinweisen auf Infektionen fragen, um andere Ursachen der Bewusstseinsstörung auszuschließen
- M (Medikation): Aktuelle Dauermedikation sowie die Einnahme von Benzodiazepinen, Z-Substanzen, Psychopharmaka oder anderen zentral dämpfenden Substanzen erfassen → besonderes Augenmerk auf mögliche Mischintoxikationen legen.
- P (Patientengeschichte): Nach psychiatrischen Erkrankungen, Depressionen, chronischem Alkoholkonsum, Substanzmissbrauch sowie früheren Suizidversuchen fragen
- L (Letzte…): Zeitpunkt der letzten Medikamenteneinnahme, der vermuteten Intoxikation sowie der letzten Nahrungsaufnahme erfragen. Diese Informationen sind insbesondere hinsichtlich der Resorptionsphase und des Aspirationsrisikos relevant
- E (Ereignis): Die Situation möglichst anhand der 6-W-Fragen rekonstruieren:
- Was wurde eingenommen?
- Wann erfolgte die Einnahme?
- Welche Menge wurde aufgenommen?
- Wie erfolgte die Aufnahme?
- Warum wurde die Substanz eingenommen?
- Wer kann zusätzliche Informationen geben?
- Zusätzlich auf Tablettenverpackungen, Medikamentenblister, Flaschen oder einen möglichen Abschiedsbrief achten
- R (Risiko): Eine Polytoxikomanie, insbesondere in Kombination mit Alkohol, Opioiden oder anderen zentral dämpfenden Substanzen, erhöht das Risiko einer schweren Atem- und Kreislaufdepression
- S (Schwangerschaft): Bei Spätexposition → Gefahr der fetalen Sedierung mit Atemdepression und Herzrhythmusstörungen
TippNutze Schemata
Um die Anamnese strukturiert durchzuführen, bietet es sich an, Schemata, wie das SAMPLERS oder OPQRST-Schema zu nutzen. Am obigen Beispiel haben wir Fragen und Befunde dargestellt, die bei dem Verdacht auf eine Intoxikation mit Sedativa abgefragt werden sollten und vorliegen könnten.
MerkeInformationseinholung bei Intoxikationen
Bei Verdacht auf eine Intoxikation sollte frühzeitig das zuständige Giftinformationszentrum kontaktiert werden.
Dort können wichtige Informationen eingeholt werden zu:
- Toxizität und Wirkmechanismus der aufgenommenen Substanz
- Zu erwartendem klinischen Verlauf und möglichen Komplikationen
- Indikation und Nutzen einer Giftentfernung (z.B. Dekontamination, Antidottherapie oder Hämodialyse)
- Erforderlichen spezifischen Maßnahmen, wie intensivmedizinischer Überwachung oder weiterführender Therapie
- Empfehlungen zur präklinischen und klinischen Behandlung sowie zur geeigneten Zielklinik
Körperliche Untersuchung
Inspektion:
- Allgemeinzustand: Ausgeprägte Vigilanzminderung bis zum Koma als Ausdruck der zentralnervösen Dämpfung
- Atemmuster: Bradypnoe, flache oder unregelmäßige Atmung infolge der Hemmung des Atemzentrums, im schweren Verlauf Ateminsuffizienz oder Atemstillstand
- Zyanose: bläuliche Verfärbung der Lippen oder Akren als Zeichen einer fortgeschrittenen Hypoxämie infolge der Atemdepression
- Haut: häufig blass, kühl oder kaltschweißig
- Hinweise auf Intoxikation: Alkoholgeruch, Tablettenreste, Blister, Medikamentenverpackungen oder Einstichstellen können Hinweise auf eine Sedativa- oder Mischintoxikation liefern
Palpation:
- Puls: häufig hypotoner, schwach tastbarer Puls infolge der zentralen und peripheren Kreislaufdämpfung
- Muskeltonus: typischerweise vermindert mit schlaffer Muskulatur
- Hauttemperatur: häufig kühle Haut oder kühle Extremitäten aufgrund der Kreislaufdepression und Hypothermie
Perkussion:
- Der Perkussionsbefund sollte physiologisch ausfallen. Ist das nicht so, muss differenzialdiagnostisch gedacht werden.
Auskultation:
- Lunge: häufig abgeschwächtes Atemgeräusch infolge der Hypoventilation, bei Aspiration können Rasselgeräusche auftreten
Vitalparameter
| Parameter | Typischer Befund / Veränderung | Pathophysiologischer Hintergrund |
|---|---|---|
| Herzfrequenz | Häufig Bradykardie, bei ausgeprägter Hypoxie ggf. Rhythmusstörungen | Verstärkte parasympathische Aktivität und verminderter Sympathikustonus infolge der zentralen GABA-Wirkung → Herzfrequenz ↓ |
| Blutdruck | Meist Hypotonie, bei Mischintoxikationen (z.B. Alkohol oder Opioide) häufig stärker ausgeprägt | Zentrale Vasodilatation, verminderte adrenerge Stimulation und negative Inotropie → Blutdruck ↓ |
| Atemfrequenz | Bradypnoe bis Apnoe, ggf. Cheyne-Stokes-Atmung | Hemmung des Atemzentrums im Hirnstamm → verminderte CO₂-Empfindlichkeit → Atemantrieb ↓ |
| Körpertemperatur | Häufig Hypothermie, insbesondere bei längerer Immobilisation | Verminderte Thermoregulation und reduzierte Stoffwechselaktivität → Wärmeverlust ↑ |
| Sauerstoffsättigung | Meist vermindert, bei schwerer Intoxikation ausgeprägte Hypoxämie | Hypoventilation führt zu einer gestörten alveolären Oxygenierung → SpO₂ ↓ |
| etCO₂ | Erhöht (Hyperkapnie) | Verminderte alveoläre Ventilation → CO₂-Retention → etCO₂ ↑ |
| Blutzucker | Meist normwertig, bei Mischintoxikation mit Alkohol Hypoglykämie möglich | Sedativa beeinflussen den Glukosestoffwechsel kaum. Alkohol hemmt die Gluconeogenese → BZ-Kontrolle zum Ausschluss einer Hypoglykämie als Differenzialdiagnose |
Orientierende neurologische Untersuchung
- Vigilanz: Beurteilung des Bewusstseinszustands, z.B. mittels der Glasgow Coma Scale (GCS). Typisch ist eine Vigilanzminderung bis zum Koma infolge der zentralnervösen Dämpfung
- Pupillenstatus: Kontrolle von Pupillengröße, Symmetrie und Lichtreaktion. Meist zeigen sich isokore, normale bis leicht verengte Pupillen mit erhaltener oder leicht verlangsamter Lichtreaktion
- Motorik: Prüfung von Muskeltonus, Reflexstatus und spontanen Bewegungen. Typisch sind psychomotorische Verlangsamung, verminderter Muskeltonus sowie abgeschwächte Reflexe
- Fokalneurologische Zeichen: Untersuchung auf Hemiparese, Fazialisparese, Sensibilitätsstörungen oder andere Herdzeichen. Deren Vorliegen spricht eher für eine Differenzialdiagnose (z.B. Schlaganfall oder intrakranielle Blutung) als für eine isolierte Sedativa-Intoxikation
- Krampfaktivität: Inspektion auf Zeichen eines stattgefundenen oder anhaltenden Krampfanfalls. Krampfanfälle sind bei einer reinen Sedativa-Intoxikation selten und treten eher bei Hypoxie oder Mischintoxikationen (z.B. mit Alkohol oder Tramadol) auf
Weiterführende apparative Diagnostik
- 12-Kanal-EKG: Ausschluss kardialer Differenzialdiagnosen sowie Erkennung von Rhythmusstörungen oder medikamentös bedingten EKG-Veränderungen
- Herzfrequenz: meist Bradykardie oder Normokardie
- Tachykardie: spricht eher für eine Mischintoxikation (z.B. Alkohol oder Psychostimulanzien) oder eine andere Ursache
- QT-Zeit: QT-Verlängerung spricht eher für Methadon, trizyklische Antidepressiva, SSRI oder Neuroleptika
MerkeEKG-Veränderungen sind bei einer reinen Sedativa-Intoxikation meist unauffällig oder unspezifisch.
Mögliche Differenzialdiagnosen
| Differenzialdiagnose | Typische Symptome | Abgrenzung und Hinweise |
|---|---|---|
| Opioidintoxikation | Bewusstseinsstörung, Atemdepression | Typische Miosis, ggf. Injektionsspuren → Naloxon meist wirksam |
| Dimenhydrinat- oder Antihistaminikaintoxikation | Vigilanzminderung, Unruhe, Verwirrtheit | Mydriasis, Tachykardie, trockene Haut und Harnverhalt sprechen für ein anticholinerges Syndrom |
| Neuroleptika-Überdosierung | Sedierung, Vigilanzminderung, Atemdepression | QT-Zeit-Verlängerung, Rigor oder Hyperthermie, ggf. malignes neuroleptisches Syndrom |
| Hypoglykämie | Bewusstseinsstörung, Somnolenz bis Koma | Kaltschweißigkeit, Tachykardie, Blutzuckermessung wegweisend → rasche Besserung nach Glukosegabe |
| Postiktale Phase | Vigilanzminderung, Verlangsamung | Hinweise auf Krampfanfall, z.B. Zungenbiss, Einnässen oder beobachtetes Anfallsereignis |
| Hepatische Enzephalopathie | Bewusstseinsstörung, Verwirrtheit | Asterixis, Ikterus, Foetor hepaticus sowie bekannte Lebererkrankung |
| Hypoxisch-ischämische Enzephalopathie | Bewusstseinsstörung, Myoklonien | Typischerweise nach Reanimation oder globaler Hypoxie |
| Wernicke-Enzephalopathie | Bewusstseinsstörung, Verwirrtheit | Ataxie, Okulomotorikstörungen und chronischer Alkoholmissbrauch sprechen dafür |
| ZNS-Infektion (Meningitis / Enzephalitis) | Fieber, Verwirrtheit, Vigilanzminderung | Meningismus, Kopfschmerzen oder fokalneurologische Defizite |
| Schlaganfall / Hirnblutung | Bewusstseinsstörung, neurologische Ausfälle | Hemiparese, Fazialisparese oder andere Herdzeichen; plötzlicher Symptombeginn |
| Schädel-Hirn-Trauma | Vigilanzminderung, Bewusstseinsstörung | Traumanamnese, Kopfverletzungen oder Pupillenauffälligkeiten weisen auf ein SHT hin |
InfoDie dargestellten Maßnahmen orientieren sich an den Empfehlungen des Deutschen Berufsverbands Rettungsdienst (DBRD) und werden durch weitere spezifische, leitliniengerechte Maßnahmen ergänzt, um eine strukturierte und evidenzbasierte Versorgung von Patient:innen sicherzustellen.
MerkeDie primären Maßnahmen bei einer Sedativa-Intoxikation umfassen die Sicherstellung von Atemweg, Atmung und Kreislauf sowie eine symptomorientierte Therapie. Flumazenil ist nur bei gesicherter Benzodiazepin- oder Z‑Substanzen‑Monointoxikation indiziert.
Basismaßnahmen
- Lagerung:
- Bewusstseinsklare Patient:innen: stabile, komfortable Lagerung
- Bewusstseinsgestörte Patient:innen mit erhaltener Spontanatmung: Seitenlage zur Aspirationsprophylaxe, alternativ Rückenlage bei kontinuierlicher Atemwegsüberwachung und Absaugbereitschaft.
- Bewusstseinsgestörte Patient:innen mit respiratorischer Insuffizienz: Rückenlage mit konsequentem Atemwegsmanagement
- Monitoring und Basisdiagnostik: kontinuierliche Überwachung mittels EKG, SpO₂, Blutdruck, Atemfrequenz und Kapnometrie
- Venöser Zugang: Anlage eines intravenösen Zugangs zur Medikamentengabe (z.B. Naloxon) sowie bei Bedarf zur Volumen- und Kreislauftherapie
- Atemwegsmanagement und Sauerstofftherapie:
- Freihalten der Atemwege und bedarfsorientierte Sauerstoffgabe bei Hypoxämie oder Atemdepression
- Frühzeitige Beutel-Masken-Beatmung bei unzureichender Spontanatmung, ggf. eskalierende Atemwegssicherung
- Komplikationen erkennen: Persistierende Atemdepression, Aspirationsereignis, Mischintoxikationen oder Krampfanfälle frühzeitig erkennen und behandeln
- Zielklinik: nach Stabilisierung Transport in eine geeignete Klinik. Bei persistierender Atemdepression, wiederholter Antidotgaben oder Verdacht auf langwirksame Benzodiazepine bzw. Mischintoxikationen Intensivüberwachung
Spezifische Maßnahmen
- Antidottherapie: Flumazenil
Erwachsene: initial 0,2 mg i.v., Wiederholung mit 0,1 mg i.v. alle 60 Sekunden bis ausreichende Wirkung, max. 1 mg, Kinder: initial 0,01 mg/kgKG, Wiederholung alle 45 Sekunden bis gewünschte Wirkung, max. 0,05 mg/kgKG kann als spezifisches Antidot zur Aufhebung der Wirkung von Benzodiazepinen eingesetzt werden - Volumenmanagement: bedarfsgerechte Volumentherapie mit balancierten Vollelektrolytlösungen entsprechend der hämodynamischen Situation
- Aktivkohle: Frühzeitige Gabe von Aktivkohle
Erwachsene: 50-100 g oral, Kinder: 1 g/kgKG, max. 50 g (bei geeigneter Indikation und erhaltener Schutzreflexe bzw. nach Intubation) zur Verminderung der gastrointestinalen Wirkstoffresorption
InfoEine Intubation ausschließlich zur Aktivkohle-Gabe sollte nicht routinemäßig erfolgen. Sie kommt nur bei zu erwartender lebensbedrohlicher Intoxikation nach individueller Nutzen-Risiko-Abwägung infrage.
AchtungKeine routinemäßige Flumazenilgabe: Bei unklarer Intoxikation oder vermuteter Mischintoxikation (insbesondere mit trizyklischen Antidepressiva) sollte Flumazenil nicht verabreicht werden. Durch die Aufhebung der protektiven Benzodiazepinwirkung können Krampfanfälle und schwere Herzrhythmusstörungen ausgelöst oder verstärkt werden.
InfoRebound-Effekt
Flumazenil hat eine kürzere Wirkdauer (ungefähr 60 Minuten) als viele Benzodiazepine. Wirkstoffe mit langer Halbwertszeit, wie Diazepam, verbleiben nach Abbau von Flumazenil weiterhin im Körper. Sobald Flumazenil abgebaut wird, besetzen die Benzodiazepine erneut die Rezeptoren → Rückkehr der Atemdepression und Bewusstlosigkeit.
Intoxikation mit Hypnotika und Barbituraten
Barbiturate (z.B. Thiopental) und Hypnotika (z.B. Propofol) führen zu einer ausgeprägten zentralnervösen Dämpfung mit raschem Übergang von tiefer Sedierung bis zum Koma. Typisch sind eine schwere Atemdepression und ein erhöhtes Aspirationsrisiko.
Die Therapie besteht primär in der Sicherung der Atemwege, einer assistierten oder kontrollierten Beatmung sowie einer engmaschigen intensivmedizinischen Überwachung.
Bei hämodynamischer Instabilität sind eine bedarfsgerechte Volumentherapie und bei persistierender Hypotonie die Gabe von Vasopressoren erforderlich. Ursache sind die durch Barbiturate und Propofol hervorgerufene periphere Vasodilatation, die verminderte Myokardkontraktilität und die daraus resultierende Hypotonie.
AchtungEin spezifisches Antidot steht nicht zur Verfügung. Flumazenil ist bei Intoxikationen mit Barbituraten oder anderen Hypnotika wirkungslos.
Zielklinik
Grundsätzlich richtet sich die Wahl der Zielklinik nach dem klinischen Schweregrad, dem Ausmaß der Atemdepression, der Notwendigkeit einer Atemwegssicherung sowie dem Verdacht auf eine Mischintoxikation oder weitere Komplikationen.
- Leichte Sedativa-Intoxikation: Krankenhaus mit internistischer Versorgung, bei anhaltender Vigilanzminderung oder Risikofaktoren stationäre Überwachung
- Schwere Sedativa-Intoxikation: Klinik mit Intensivmedizin, insbesondere bei persistierender Atemdepression, notwendiger Beatmung oder Atemwegssicherung
- Mischintoxikation oder Komplikationen: Krankenhaus mit intensivmedizinischer Versorgung, insbesondere bei Krampfanfällen, Herzrhythmusstörungen, hämodynamischer Instabilität oder unklarer Intoxikation
Transportbegleitende Maßnahmen
- Monitoring: Kontinuierliche Überwachung von EKG, Blutdruck, Herzfrequenz, Sauerstoffsättigung, Atemfrequenz, Vigilanz sowie Kapnometrie
- Lagerung:
- Bewusstseinsklare Patient:innen: stabile, komfortable Lagerung
- Respiratorische Insuffizienz: Rückenlage mit Atemwegsmanagement und Beatmung
- Sauerstofftherapie: bedarfsgerechte Sauerstoffgabe bei Hypoxämie, Atemdepression oder respiratorischer Insuffizienz
- Atemwegsmanagement: Freihalten der Atemwege, Absaugbereitschaft sowie ggf. Beutel-Masken-Beatmung oder Atemwegssicherung
- Volumentherapie: Fortführung einer bedarfsgerechten Volumentherapie entsprechend der hämodynamischen Situation
- Dokumentation: Erfassung der vermuteten Substanz (falls bekannt), Zeitpunkt der Einnahme, verabreichte Medikamente (z. B. Flumazenil) einschließlich Wirkung, Vitalparameter sowie sämtlicher präklinischer Maßnahmen
Übergabe in der Klinik
- Strukturierte Übergabe nach standardisiertem Schema, z.B. SINNHAFT oder ISOBAR
- Übergabe relevanter Informationen zu:
- Vermuteter oder gesicherter Sedativa-Aufnahme (Substanz, Applikationsweg, Menge)
- Zeitpunkt der Einnahme bzw. Auffindesituation
- Initialem neurologischen und respiratorischen Status
- Atemfrequenz, Sauerstoffsättigung, etCO₂ und weiteren Vitalparametern
- Durchgeführten Maßnahmen (Sauerstoffgabe, Beatmung, Atemwegssicherung, Aktivkohle, Flumazenil) einschließlich deren Wirkung
- Verdacht auf Mischintoxikation oder relevante Begleiterkrankungen
- Verdacht auf Komplikationen: Hinweise auf Aspiration, persistierende Atemdepression, Krampfanfälle, Herzrhythmusstörungen oder hämodynamische Instabilität ausdrücklich kommunizieren
- Hochrisikopatient:innen: Bei notwendiger Beatmung, persistierender Atemdepression, Mischintoxikation oder intensivpflichtigem Verlauf frühzeitige Übergabe an das zuständige Schockraum- bzw. Intensivteam
Definition
DefinitionSedativaintoxikation
Eine Sedativaintoxikation ist eine akute Vergiftung durch sedierend wirkende Substanzen und stellt je nach Ausmaß einen potenziell lebensbedrohlichen Notfall dar. Dazu zählen insbesondere Benzodiazepine, Barbiturate, Z-Substanzen und andere Hypnotika.
Charakteristisch ist eine dosisabhängige Dämpfung des zentralen Nervensystems mit Bewusstseinsminderung, Atemdepression und verminderten Schutzreflexen.
Ursachen
- Akzidentelle Überdosierung: Häufig durch Dosierungsfehler, versehentliche Mehrfacheinnahme oder relevante Arzneimittelwechselwirkungen
- Suizidale Intoxikation: Gezielte Einnahme hoher Dosen von Benzodiazepinen, Barbituraten oder anderen Sedativa
- Mischintoxikationen: gleichzeitige Einnahme von Sedativa mit Alkohol, Opioiden, Antidepressiva oder Antipsychotika
- Abhängigkeit und Missbrauch: Langfristiger Konsum mit schrittweiser Dosiserhöhung und Kontrollverlust
- Krimineller Missbrauch (K.-o.-Tropfen): Einsatz von Substanzen wie GHB, GBL, Flunitrazepam oder Temazepam
- Fehlgebrauch in der Medizin: Überdosierte Sedierung, beispielsweise in der Anästhesie oder Intensivmedizin
Pathophysiologie
- Verstärkte inhibitorische Neurotransmission: Übermäßige Aktivierung des GABA-Systems führt zu einer verminderten neuronalen Erregbarkeit und einer ausgeprägten zentralen Dämpfung.
- Großhirn und Formatio reticularis: Verminderte Aktivität kortikaler und retikulärer Strukturen → Somnolenz, Sopor bis Koma
- Atemzentrum: Verminderter zentraler Atemantrieb und abgeschwächte Schutzreflexe → Hypoventilation, Hyperkapnie und respiratorische Azidose
- Atemmuskulatur: Verminderter Muskeltonus der oberen Atemwege und Atemhilfsmuskulatur → Atemwegsverlegung und Aspirationsgefahr
- Herz-Kreislauf-System: Verminderter Sympathikotonus sowie teilweise direkte kardiovaskuläre Dämpfung → Hypotonie und Bradykardie
- Folge: Fortschreitende Atemdepression verursacht Hypoxie, die unbehandelt zu Atem- oder Herz-Kreislauf-Stillstand führen kann
| Organ | Mechanismus | Klinische Folge |
|---|---|---|
| Gehirn | Verminderte neuronale Erregbarkeit | Somnolenz, Sopor bis Koma |
| Atemzentrum | Verminderter Atemantrieb | Hypoventilation, Hyperkapnie, respiratorische Azidose |
| Atemwege | Verminderte Schutzreflexe und Muskeltonus | Aspirationsgefahr, Atemwegsverlegung |
| Herz-Kreislauf-System | Verminderter Sympathikotonus und kardiale Depression | Hypotonie, Bradykardie |
| Skelettmuskulatur | Zentrale Muskelrelaxation | Muskelschwäche, Sturzgefahr |
Klinischer Eindruck
- Bewusstseinsstörung: Zentrale Dämpfung mit Verlangsamung, Benommenheit, Somnolenz, Sopor oder Koma sowie zunehmend verminderter Reaktion auf Ansprache und Schmerzreize
- Motorische Auffälligkeiten: Ungelenkigkeit, Ataxie, Muskelrelaxation und verlangsamte Bewegungen, insbesondere bei älteren Patient:innen erhöhtes Sturzrisiko
- Atemdepression: Bradypnoe, Hypoventilation bis zur CO₂-Narkose durch zentrale Atemdepression, Gefahr eines Atemstillstands, insbesondere bei Mischintoxikationen mit Opioiden oder Alkohol
- Bradykardie und Hypotonie: Folge der zentralen und peripheren Dämpfung bis zum Kreislaufversagen
- Pupillen: meist normal groß bis leicht verengt bei erhaltener Lichtreaktion
- Kognitive Veränderungen: Desorientierung, Verwirrtheit und kognitive Einschränkungen; gelegentlich paradoxe Erregungszustände, insbesondere bei älteren Patient:innen
- Schwerer Verlauf: tiefe Bewusstlosigkeit, fehlende Schutzreflexe, Schnappatmung oder Atemstillstand
Diagnostik
Inspektion:
- Allgemeinzustand: Ausgeprägte Vigilanzminderung bis zum Koma als Ausdruck der zentralnervösen Dämpfung
- Atemmuster: Bradypnoe, flache oder unregelmäßige Atmung infolge der Hemmung des Atemzentrums, im schweren Verlauf Ateminsuffizienz oder Atemstillstand
- Zyanose: bläuliche Verfärbung der Lippen oder Akren als Zeichen einer fortgeschrittenen Hypoxämie infolge der Atemdepression
- Haut: häufig blass, kühl oder kaltschweißig
- Hinweise auf Intoxikation: Alkoholgeruch, Tablettenreste, Blister, Medikamentenverpackungen oder Einstichstellen können Hinweise auf eine Sedativa- oder Mischintoxikation liefern
Palpation:
- Puls: häufig hypotoner, schwach tastbarer Puls infolge der zentralen und peripheren Kreislaufdämpfung
- Muskeltonus: typischerweise vermindert mit schlaffer Muskulatur
- Hauttemperatur: häufig kühle Haut oder kühle Extremitäten aufgrund der Kreislaufdepression und Hypothermie
Perkussion:
- Der Perkussionsbefund sollte physiologisch ausfallen. Ist das nicht so, muss differenzialdiagnostisch gedacht werden.
Auskultation:
- Lunge: häufig abgeschwächtes Atemgeräusch infolge der Hypoventilation, bei Aspiration können Rasselgeräusche auftreten
Therapie
Basismaßnahmen:
- Lagerung:
- Bewusstseinsklare Patient:innen: stabile, komfortable Lagerung
- Bewusstseinsgestörte Patient:innen mit erhaltener Spontanatmung: Seitenlage zur Aspirationsprophylaxe, alternativ Rückenlage bei kontinuierlicher Atemwegsüberwachung und Absaugbereitschaft.
- Bewusstseinsgestörte Patient:innen mit respiratorischer Insuffizienz: Rückenlage mit konsequentem Atemwegsmanagement
- Monitoring und Basisdiagnostik: kontinuierliche Überwachung mittels EKG, SpO₂, Blutdruck, Atemfrequenz und Kapnometrie
- Venöser Zugang: Anlage eines intravenösen Zugangs zur Medikamentengabe (z.B. Naloxon) sowie bei Bedarf zur Volumen- und Kreislauftherapie
- Atemwegsmanagement und Sauerstofftherapie:
- Freihalten der Atemwege und bedarfsorientierte Sauerstoffgabe bei Hypoxämie oder Atemdepression
- Frühzeitige Beutel-Masken-Beatmung bei unzureichender Spontanatmung, ggf. eskalierende Atemwegssicherung
- Komplikationen erkennen: Persistierende Atemdepression, Aspirationsereignis, Mischintoxikationen oder Krampfanfälle frühzeitig erkennen und behandeln
- Zielklinik: nach Stabilisierung Transport in eine geeignete Klinik. Bei persistierender Atemdepression, wiederholter Antidotgaben oder Verdacht auf langwirksame Benzodiazepine bzw. Mischintoxikationen Intensivüberwachung
Spezifische Maßnahmen:
- Antidottherapie: Flumazenil
Erwachsene: initial 0,2 mg i.v., Wiederholung mit 0,1 mg i.v. alle 60 Sekunden bis ausreichende Wirkung, max. 1 mg, Kinder: initial 0,01 mg/kgKG, Wiederholung alle 45 Sekunden bis gewünschte Wirkung, max. 0,05 mg/kgKG kann als spezifisches Antidot zur Aufhebung der Wirkung von Benzodiazepinen eingesetzt werden - Volumenmanagement: bedarfsgerechte Volumentherapie mit balancierten Vollelektrolytlösungen entsprechend der hämodynamischen Situation
- Aktivkohle: Frühzeitige Gabe von Aktivkohle
Erwachsene: 50-100 g oral, Kinder: 1 g/kgKG, max. 50 g (bei geeigneter Indikation und erhaltener Schutzreflexe bzw. nach Intubation) zur Verminderung der gastrointestinalen Wirkstoffresorption
AchtungKeine routinemäßige Flumazenilgabe: Bei unklarer Intoxikation oder vermuteter Mischintoxikation (insbesondere mit trizyklischen Antidepressiva) sollte Flumazenil nicht verabreicht werden. Durch die Aufhebung der protektiven Benzodiazepinwirkung können Krampfanfälle und schwere Herzrhythmusstörungen ausgelöst oder verstärkt werden.
Besondere Situationen
- Barbiturate (z.B. Thiopental) und Hypnotika (z.B. Propofol) verursachen eine ausgeprägte zentralnervöse Dämpfung bis zum Koma
- Typisch sind schwere Atemdepression, Aspirationsgefahr sowie Hypotonie durch Vasodilatation und verminderte Myokardkontraktilität
- Die Therapie ist rein symptomatisch und umfasst die Sicherung der Atemwege, assistierte oder kontrollierte Beatmung, Volumentherapie und bei Bedarf Vasopressoren
- Merke: Ein spezifisches Antidot existiert nicht. Flumazenil ist bei Barbiturat- und Hypnotikaintoxikationen wirkungslos
Transport
Grundsätzlich richtet sich die Wahl der Zielklinik nach dem klinischen Schweregrad, dem Ausmaß der Atemdepression, der Notwendigkeit einer Atemwegssicherung sowie dem Verdacht auf eine Mischintoxikation oder weitere Komplikationen.
- Leichte Sedativa-Intoxikation: Krankenhaus mit internistischer Versorgung, bei anhaltender Vigilanzminderung oder Risikofaktoren stationäre Überwachung
- Schwere Sedativa-Intoxikation: Klinik mit Intensivmedizin, insbesondere bei persistierender Atemdepression, notwendiger Beatmung oder Atemwegssicherung
- Mischintoxikation oder Komplikationen: Krankenhaus mit intensivmedizinischer Versorgung, insbesondere bei Krampfanfällen, Herzrhythmusstörungen, hämodynamischer Instabilität oder unklarer Intoxikation
TippWenn ihr mehr Informationen und weitere therapeutische Maßnahmen erfahren möchtet, empfehlen wir euch die verlinkten Artikel aus dem klinischen Bereich.
Benzodiazepine Flumazenil
- S3-Leitlinie Medikamentenbezogene Störungen, Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e.V. (DGPPN)
- SOP Intoxikation. Teil 2: Toxidrome, Notfallmedizin up2date 2020; 15(04): 339 - 344
- Benzodiazepin-Intoxikation und Intoxikation mit Z-Substanzen (Zolpidem /Zopiclon), Neurologie compact. 9., vollständig überarbeitete Auflage. Stuttgart: Thieme; 2022. ISBN: 978-3-13-243035-8
- Hoegberg LCG, Gosselin S, Buckley NA, Wood DM, Shepherd G, Hanley J, et al: Recommendations from the Clinical Toxicology Recommendations Collaborative on the administration of activated charcoal in acute oral overdose. Clinical Toxicology, 2026;0:1–127. doi: 10.1080/15563650.2025.2609807
- Penninga EI, Graudal N, Ladekarl MB, Jürgens G: Adverse Events Associated with Flumazenil Treatment for the Management of Suspected Benzodiazepine Intoxication-A Systematic Review with Meta-Analyses of Randomised Trials. Basic Clin Pharmacol Toxicol 2016;118:37–44. doi: https://doi.org/10.1111/bcpt.12434


