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Körperliche Untersuchung in der Anästhesie

8 Minuten Lesezeit
Körperliche Untersuchung in der Anästhesie

Die körperliche Untersuchung in der Anästhesie legt den Fokus insbesondere auf Herz, Lunge und die Atemwege. Daneben können Punktionsstellen oder Zugangswege für die Regionalanästhesie untersucht oder ein erweitertes hämodynamisches Monitoring durchgeführt werden.

Die Untersuchung des Herzens wird bei freiem Oberkörper und in liegender Position der Patient:innen durchgeführt. Es werden drei Teiluntersuchungen durchgeführt: Inspektion, Palpation und Auskultation (eine ausführliche Erklärung von Anamnese und körperlicher Untersuchung findest du in unserem Untersuchungsheft).

  • Inspektion: Zeichen der Herzinsuffizienz (Beinödeme, gestaute Halsvenen), Zyanose (zentral: bläuliche Verfärbung der Schleimhäute, v.a. der Zunge, peripher: bläuliche Verfärbung peripherer Hautabschnitte, v.a. der Extremitäten), Trommelschlägelfinger, Uhrglasnägel (Ausschüttung von Wachstumsfaktoren aufgrund von Hypoxie)
  • Palpation: Herzspitzenstoß in der Medioklavikularlinie im 5. ICR. Pulsstatus (Rhythmus, Herzfrequenz, Pulsdefizit)
  • Auskultation: Herztöne, Herzgeräusche, Rhythmus, Herzfrequenz
Auskultation Herzklappen
Auskultationspunkte des Herzens
Auskultationsbefunde bei häufigen Herzklappenfehlern
Typische Auskultationsbefunde

Die Untersuchung der Lunge geschieht bei freiem Oberkörper der Patient:innen und besteht aus vier Teiluntersuchungen: Inspektion, Palpation, Perkussion und Auskultation.

  • Inspektion: Patient:in soll tief ein- und ausatmen und wird von ventral nach dorsal begutachtet
    • Thoraxform (Trichterbrust, Fassthorax etc.), Atemfrequenz (Tachypnoe: > 20/min, Bradypnoe <10/min), Zeichen der Dyspnoe (Einsatz der Atemhilfsmuskulatur, Kutschersitz, interkostale Einziehungen insbesondere bei Kindern), Zeichen der Hypoxie (s.o.)
  • Palpation: Thoraxstabilität, Stimmfrenitus
  • Perkussion: Lungengrenzen, Atemverschieblichkeit im Seitenvergleich 
    (ca. 5 cm entspricht ca. 3 Fingerbreiten)
    • Sonor: physiologisch
    • Hypersonor = durch übermäßigen Luftgehalt (z.B. Pneumothorax)
    • Hyposonor/gedämpft = z.B. durch vermehrte Flüssigkeit wie beim Pleuraerguss
  • Auskultation: Atemgeräusche
Auskultationsschema der Lunge
Auskultationsschema der Lunge
AuskultationsbefundBeschreibungMögliche Ursache
Physiologische Atemgeräusche
Vesikulär (peripheres Atemgeräusch)Niederfrequentes, leises GeräuschNormaler Befund
Bronchialatmen über der Trachea (zentrales Atemgeräusch)Über der Trachea als hochfrequentes, lautes GeräuschNormaler Befund über den zentralen Atemwegen
EntfaltungsknisternFeines Knistern am Ende der Inspiration, verschwindet nach wenigen AtemzügenEntfaltung unbelüfteter Lungenabschnitte
Pathologische Atemgeräusche
Bronchialatmen über peripherem LungengewebeHochfrequentes, lautes Geräusch durch Verdichtung der LungePneumonie, Atelektase
Abgeschwächtes oder fehlendes AtemgeräuschLeises oder fehlendes AtemgeräuschÜberblähung, Pneumothorax, Pleuraerguss
Diskontinuierliche Nebengeräusche (früher: feuchte Rasselgeräusche)
Feinblasige RasselgeräuscheVergleichbar mit dem Reiben von Haaren zwischen den FingernPneumonie, interstitielles Lungenödem
Grobblasige RasselgeräuscheWie grobblasiges BlubbernAlveoläres Lungenödem, Bronchiektasen
Knisterrasseln (Sklerosiphonie)Wie, wenn man durch hohen Schnee läuft, vor allem endinspiratorisch und basalLungenfibrose
PleurareibenWie Leder, das aneinander gerieben wird („Lederknarren“)Pleuritis sicca
Kontinuierliche Nebengeräusche (früher: trockene Rasselgeräusche)
Brummen (engl. rhonchi)Niederfrequentes GeräuschFlottierender Schleim/Sekrete in großen Atemwegen
Giemen (engl. wheeze)Lautes hochfrequentes Pfeifen, das bei Luftbewegung durch verengte Atemwege entstehtHochgradige Verengungen der Atemwege, (z.B. Asthma, COPD)
Inspiratorischer StridorHochfrequentes Geräusch, oft bereits ohne Stethoskop hörbarVerengung der oberen Atemwege (Epiglottis, Fremdkörper)

Das Hauptziel der strukturierten Untersuchung der Atemwege besteht darin, die Atemwegspassage zu beurteilen, anatomische Besonderheiten, Vorerkrankungen oder Verletzungen im HNO-Bereich zu erkennen und die optimale Strategie für die Intubation oder Beatmung festzulegen. Eine gründliche Untersuchung der Atemwege ermöglicht es dem Anästhesie-Team, sich angemessen vorzubereiten und unnötigen Stress während der Einleitung zu vermeiden.

UntersuchungHinweis auf einen schwierigen Atemweg
1. Anamnese
  • Bekannter schwieriger Atemweg, Anästhesieausweis
  • Erkrankungen der Halswirbelsäule (z.B. zervikaler Bandscheibenvorfall, Morbus Bechterew etc.)
2. Halsbereich
  • Thyreomentaler Abstand (Patil-Test) <6 cm (Normal: >6,5 cm)
  • Eingeschränkte HWS-Reklination
  • Kräftiger, kurzer Hals mit Bart
  • Pathologien im Halsbereich (Abszesse, Hämatome etc.)
  • Bestrahlung
  • Voroperationen (Neck-Dissection)
3. Oberlippen-Beiß-Test
  • Fliehendes Kinn
  • Protrusion des Unterkiefers vor den Oberkiefer ist nicht möglich
4. Mundhöhle
  • Kleine Mundöffnung <4 cm (z.B. bei Sklerodermie mit Tabaksbeutelmund)
  • Mallampati III–IV (s.u.)
  • Desolater Zahnstatus, lockere Zähne, prominente Schneidezähne
Thyreomentaler Abstand (Patil-Test)
Thyreomentaler Abstand (Patil-Test)

Oberlippen-Beißtest

Der Oberlippen-Beißtest ist ein einfaches, präoperatives Verfahren zur Vorhersage einer schwierigen Intubation. Dabei wird geprüft, ob die unteren Schneidezähne (sofern vorhanden) die Oberlippe erreichen oder bedecken können.

  • Klassifizierung:
    • Klasse I: Untere Schneidezähne können die Oberlippe vollständig bedecken (einfache Intubation)
    • Klasse II: Untere Schneidezähne erreichen die Oberlippe nur teilweise, das Lippenrot wird nicht vollständig verdeckt
    • Klasse III: Untere Schneidezähne erreichen die Oberlippe nicht
  • Bedeutung:
    • Klasse I und II: Weisen auf eine unkomplizierte Atemwegssicherung hin
    • Klasse III: Zeigt eine mögliche schwierige Intubation aufgrund geringeren Platzes im hinteren Rachenraum und reduzierter Kieferbeweglichkeit an

Mallampati-Klassifikation

Zur Erhebung der Mallampati-Klassifikation wird der/die Patient:in gebeten, den Mund so weit wie möglich zu öffnen und die Zunge herauszustrecken. Der/die Patient:in sitzt aufrecht oder steht und hält den Kopf in einer neutralen Position. Ein Mallampati von drei oder vier gilt als Hinweis auf einen schwierigen Atemweg.

 Achtung

Es ist unbedingt darauf zu achten, dass der Test ohne Phonation erfolgt, d. h., die untersuchte Person sollte nicht "Aaah" oder Ähnliches sagen! Zahnprothesen sollten zuvor entfernt werden.

Mallampati-Klassifikation
 Tipp

Die Mallampati-Klassifikation ist Bestandteil der kombinierten Atemwegsbeurteilung und sollte immer zusammen mit weiteren Parametern (z. B. Mundöffnung, thyreomentaler Abstand, HWS-Beweglichkeit) bewertet werden.

 

Zuletzt aktualisiert am 04.05.2026
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