Ein Krampfanfall entsteht durch eine plötzlich auftretende, unkontrollierte elektrische Entladung von Nervenzellen im Gehirn, die zu einer vorübergehenden Störung der normalen Hirnfunktion führt. Dabei kann entweder das gesamte Gehirn oder nur ein umschriebenes Hirnareal betroffen sein. Neben einer strukturierten Anamnese ist insbesondere die genaue Erhebung des Anfallshergangs, der beobachteten Symptome sowie möglicher Auslöser von großer Bedeutung.
Zu den häufigsten Ursachen zählen eine bekannte Epilepsie, Infektionen des zentralen Nervensystems, Schädel-Hirn-Traumata, Elektrolytstörungen, Hypoglykämien sowie Intoxikationen oder Entzugssyndrome. Diese Faktoren können die neuronale Erregbarkeit erhöhen und dadurch die individuelle Krampfschwelle herabsetzen.
Grundsätzlich werden fokale und generalisierte Anfälle unterschieden. Im präklinischen Management stehen die Sicherung der Vitalfunktionen, der Schutz vor Folgeverletzungen sowie die rasche Beendigung anhaltender Krampfaktivität im Vordergrund. Ebenso ist die Wahl einer geeigneten Zielklinik entscheidend, um eine zeitnahe Diagnostik und weiterführende Therapie sicherzustellen.
Besondere Aufmerksamkeit erfordert die Eklampsie in der Schwangerschaft, da hier spezifische diagnostische und therapeutische Maßnahmen notwendig sind.
Um den Einstieg in das Thema Krampfanfall etwas zu erleichtern, wird im Folgenden ein Fall beschrieben, wie er sich präklinisch ereignen könnte.
Das Szenario
Einsatzmeldung:
- Stichwort: „Krampfanfall“
- Ort: Wohnzimmer eines Einfamilienhauses
- Alarmzeit: 21:30 Uhr
- Anrufer:in: Ehefrau
- Anzahl der Betroffenen: 1 Person
- Zusatzinfo:
- 42-jähriger, männlicher Patient
- Bekannte Epilepsie
- Patient ist nicht ansprechbar
Lageeinweisung vor Ort:
Beim Eintreffen des Rettungsdienstes liegt der Patient in Seitenlage auf dem Wohnzimmerboden. Die Ehefrau hat die Tür geöffnet.
- Der Patient ist somnolent und reagiert nur verzögert auf Ansprache
- Er zeigt eine ausgeprägte Muskelerschlaffung und bleibt zunächst orientierungslos
- Laut Ehefrau begann der Krampfanfall plötzlich mit Versteifung der Extremitäten, gefolgt von Zuckungen des gesamten Körpers und dauerte ungefähr 2 Minuten an
- Danach blieb der Patient für etwa 1 Minute tief bewusstlos
- Laut Ehefrau hat er heute seine Antikonvulsiva nicht eingenommen und klagte über Schlafmangel und Kopfschmerzen

Ersteindruck nach xABCDE-Schema
Um sich einen ersten umfassenden Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten in einer Notfallsituation zu verschaffen, bietet sich das xABCDE-Schema an. Um die Arbeit mit dem Schema zu veranschaulichen, ist hier ein xABCDE-Schema abgebildet, wie es im Falle einer Ersteinschätzung bei einer Patientin oder einem Patienten mit Krampfanfall aussehen könnte.
Es handelt sich dabei um die Befunde, die innerhalb der ersten paar Minuten erhoben werden können. Erweiterte Diagnostik und Abfragen sind natürlich von Bedeutung, jedoch die Anlage eines 12-Kanal-EKG in diesem Fall hintangestellt und taucht zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf.
x |
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A |
| Kein |
B |
| Kein |
C |
| Kein |
D |
| Akutes |
E |
| Kein |
AchtungDas hier gezeigte Assessment vermittelt nur einen exemplarischen ersten Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten. Im Verlauf der Behandlung müssen weitere Maßnahmen ergriffen und Informationen gesammelt werden. Das Schema erhebt daher keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern soll lediglich einen praktischen Einstieg in das Thema ermöglichen.
DefinitionEpileptischer Anfall:
Ein epileptischer Anfall ist ein vorübergehendes Auftreten von Anzeichen und/oder Symptomen aufgrund einer pathologisch exzessiven oder synchronen neuronalen Aktivität im Gehirn. Er ist meist ein selbstlimitierendes Ereignis, dessen spontanes Sistieren auf Mechanismen beruht, die bisher weitgehend unverstanden sind.
DefinitionEpilepsie:
Epilepsie ist eine chronische Erkrankung des Gehirns, die durch eine anhaltende Neigung gekennzeichnet ist, wiederholt spontane epileptische Anfälle auszulösen. Die Diagnose Epilepsie wird gestellt, wenn mindestens zwei unprovozierte Anfälle in einem Abstand von mehr als 24 Stunden aufgetreten sind.
DefinitionStatus epilepticus:
Als Status epilepticus bezeichnet man einen epileptischen Anfall, der länger als 5 Minuten anhält, oder zwei aufeinander folgende epileptische Anfälle ohne Wiedererlangung des Bewusstseins.
InfoTerminologie
Streng genommen gelten die Begriffe „einfach fokal“ und „komplex fokal“ in der medizinischen Terminologie als veraltet. Die moderne Terminologie legt Wert darauf, den Bewusstseinszustand genauer zu beschreiben. Somit werden Bezeichnungen wie „fokaler Anfall mit erhaltenem Bewusstsein“ oder „fokaler Anfall mit eingeschränktem Bewusstsein“ verwendet.
Im klinischen Alltag und in der Epileptologie werden weiterhin die obigen etablierten Begriffe verwendet, auch wenn sie nicht immer den offiziellen Terminologien entsprechen.
Klassifikation
- Fokale Anfälle: Ursprung in einer Hirnhälfte; mit erhaltenem oder eingeschränktem Bewusstsein, ggf. Übergang in einen bilateral tonisch-klonischen Anfall
- Generalisierte Anfälle: Von Beginn an beide Hirnhälften betroffen, z.B. Absencen, tonisch-klonische, myoklonische, tonische, klonische oder atonische Anfälle
- Anfälle unbekannten Beginns: Anfallsbeginn nicht beobachtet oder nicht sicher zuzuordnen
- Unklassifizierte Anfälle: Keine eindeutige Einordnung aufgrund unzureichender Informationen möglich
Epileptische Anfälle können durch zahlreiche innere und äußere Faktoren ausgelöst oder begünstigt werden. Die Kenntnis möglicher Auslöser erleichtert die Ursachenfindung und hilft, potenziell reversible Ursachen frühzeitig zu erkennen und zu behandeln.
| Ursachen und Faktoren | Beispiele und Besonderheiten |
|---|---|
| Substanzabhängige Ursachen |
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| Systemische Ursachen |
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| Situative Auslöser |
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| Medikamentöse Ursachen |
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| Therapiefehler / iatrogene Ursachen |
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AchtungWeiterhin können Infektionen des ZNS und der Meningen, Schädel-Hirn-Traumata, Tumore, Schlaganfall oder Hypoxie Krampfanfälle auslösen.
MerkePhysiologische Grundlagen
- Neuronale Erregbarkeit:
- Im Normalzustand arbeiten erregende (z. B. Glutamat) und hemmende (z. B. GABA) Neurotransmitter im Gleichgewicht, um eine kontrollierte Weiterleitung von Nervenimpulsen sicherzustellen
- Krampfschwelle (Reizschwelle):
- Beschreibt den individuellen Punkt, ab dem eine Übererregbarkeit von Nervenzellen einen epileptischen Anfall auslösen kann
- Sie ist nicht konstant, sondern kann durch verschiedene Faktoren beeinflusst werden, zum Beispiel durch körperliche Belastung, Medikamente, Schlafmangel, Erkrankungen oder Stoffwechselstörungen
- Beruht auf einem empfindlichen Gleichgewicht zwischen erregenden und hemmenden Prozessen im Gehirn
- Elektrolyte:
- Die Funktion von Neuronen hängt von einem stabilen Konzentrationsgleichgewicht von Ionen wie Natrium, Kalium, Kalzium und Chlorid ab, das durch Ionenkanäle und Transporter aufrechterhalten wird
- Besonders Hyponatriämie, Hypokalzämie und Hypoglykämie erhöhen die neuronale Erregbarkeit und senken dadurch die Krampfschwelle
- Hirnstoffwechsel:
- Das Gehirn benötigt eine konstante Energieversorgung durch Glukose und Sauerstoff, um den hohen Energiebedarf für die synaptische Aktivität und die Aufrechterhaltung des Membranpotentials zu decken
Grundprinzipien
- Ein Krampfanfall entsteht durch eine plötzlich auftretende, unkontrollierte elektrische Entladung der Neuronen im gesamten Gehirn oder in Teilen davon → Überschreiten der Krampfschwelle
- Dadurch wird die normale Funktion der betroffenen Hirnregion gestört, was je nach Lokalisation unterschiedliche Symptome auslösen kann, z.B. motorische, sensorische, vegetative oder psychische Veränderungen.
- Pathophysiologisch liegt dem Anfall ein Ungleichgewicht zwischen erregenden und hemmenden neuronalen Prozessen zugrunde
- Überwiegt die erregende Aktivität, insbesondere durch glutamatvermittelte Depolarisation → gesteigerte Erregbarkeit der Nervenzellen (Hyperexzitabilität)
- Die überschießende elektrische Aktivität kann sich anschließend auf weitere Hirnareale ausbreiten und so zum Anfallsgeschehen führen
Zelluläre Prozesse
- Neuronale Erregung: Erregende Neurotransmitter öffnen Na⁺- oder Ca²⁺-Kanäle an der Nervenzelle → positive Ionen strömen in die Zelle ein → Depolarisation der Nervenzelle → erhöhte Wahrscheinlichkeit eines Aktionspotenzials
- Neuronale Hemmung: GABA- und Glycin-Synapsen sorgen dafür, dass Cl- in die Zelle einströmt oder K⁺ aus der Zelle ausströmt → Nervenzelle wird weniger erregbar (Hyperpolarisation) → Aktionspotenziale werden erschwert
- Verlust des Gleichgewichts zwischen Erregung und Hemmung: verminderte inhibitorische Kontrolle oder gesteigerte exzitatorische Transmission → Nervenzellen werden zunehmend aktiviert → Überschreitung der Reizschwelle → synchronisierte Aktionspotenziale größerer Nervenzellverbände → epileptischer Anfall
- Verstärkung während des Anfalls: hochfrequente neuronale Entladungen führen zu:
- Na⁺ intrazellulär ↑
- K⁺ extrazellulär ↑
- Glutamatfreisetzung ↑
- Folge: weitere Steigerung der neuronalen Erregbarkeit und Ausbreitung der epileptischen Aktivität → Gefahr eines Status epilepticus
Akute Gefahren während des Anfalls
- Generalisierte Muskelaktivität → erhöhter Sauerstoffverbrauch und gesteigerter Energiebedarf
- Bewusstseinsstörung oder Bewusstseinsverlust → Verlust von Schutzreflexen → Aspirationsgefahr
- Beeinträchtigte Atmung während des Anfalls → Hypoventilation und Hypoxie möglich
- Unkontrollierte Muskelkontraktionen und Sturzereignisse → Gefahr von Verletzungen
MerkeZusammenfassung: Die kritischen Probleme eines Krampfanfalls
- Unkontrollierte elektrische Entladungen im Gehirn → gesteigerte neuronale Erregbarkeit → epileptischer Anfall
- Verlust des Gleichgewichts zwischen Erregung und Hemmung → synchronisierte Aktivierung großer Nervenzellverbände
- Anhaltende neuronale Übererregung → zunehmende Ausbreitung der epileptischen Aktivität → Gefahr eines Status epilepticus
- Gefahren während des Anfalls:
- Generalisierte Muskelaktivität → erhöhter Sauerstoffverbrauch und gesteigerter Energiebedarf
- Bewusstseinsstörung oder Bewusstseinsverlust → Verlust von Schutzreflexen → Aspirationsgefahr
- Beeinträchtigte Atmung während des Anfalls → Hypoventilation und Hypoxie möglich
- Unkontrollierte Muskelkontraktionen und Sturzereignisse → Gefahr von Verletzungen
Typische Zeichen
MerkeKrampfanfälle zeigen ein vielfältiges und komplexes klinisches Bild, das je nach Anfallsart stark variieren kann. Ein fundiertes Wissen über die spezifischen Anzeichen der unterschiedlichen Anfallsformen ermöglicht, die Art des Anfalls präzise zu erkennen.
| Anfallsart | Typische Symptome |
|---|---|
| Generalisierter tonisch-klonischer Anfall |
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| Fokaler Anfall mit erhaltenem Bewusstsein |
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| Fokaler Anfall mit Bewusstseinsstörung |
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| Jackson-Anfall |
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| Sekundär generalisierter Anfall |
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| Postiktale Phase |
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Generalisierte Zeichen

- Zyanose: Mögliche Folge einer vorübergehend unzureichenden Atmung während des Anfalls
- Zungenbiss: Typischerweise Bissverletzungen der Zunge, häufig im Rahmen eines generalisierten tonisch-klonischen Anfalls
- Tachykardie: Ausdruck der vegetativen Aktivierung während und nach dem Anfall
- Sekundäre Verletzungen: Häufig Sturzverletzungen, insbesondere im Bereich von Kopf, Gesicht oder Extremitäten
- Schwitzen: Vegetatives Begleitsymptom infolge einer sympathischen Aktivierung
- Zittern: Kann während des Anfalls oder in der postiktalen Phase auftreten
Anamnese
MerkeNeben der standardisierten Anamnese ist eine explizite Anamnese zu dem Hergang und den genauen Umständen des Krampfanfalls vonnöten.
Folgende Fragen können dabei helfen:
- Wie genau verlief der Anfall, und welche motorischen Symptome traten auf?
- Lag eine Bewusstseinsstörung vor?
- Liegt eine Amnesie für die Dauer des Anfalls vor?
- Gab es eine Reorientierungsphase und wie lange dauerte diese?
- Bestehen in der Vorgeschichte bereits Anfälle oder Synkopen?
- S (Symptome): Abhängig von der Art des Krampfanfalls
- Generalisierter Krampfanfall? → Initialschrei, tonisch-klonische Krämpfe, Bewusstlosigkeit, häufig Zungenbiss und/oder Abgang von Urin oder Stuhl, postiktale Phase, Schaum vor dem Mund, Zyanose
- Einfach fokaler Krampfanfall? → Motorische Zuckungen, vegetative Symptomatik, Sensibilitätsstörungen, oft nur ein Teil des Körpers betroffen, keine Bewusstseinsstörung
- Komplex fokaler Krampfanfall? → selbe Symptomatik wie einfach fokaler Anfall + Bewusstseinsstörung
- Status epilepticus? → Anfallsdauer > 5 Minuten oder 2 aufeinanderfolgende Anfälle innerhalb von 5 Minuten ohne Wiedererlangen des Bewusstseins
- Postiktale Phase? → Langsame Reorientierung, Somnolenz, neurologische Defizite
- A (Allergien, Infektionen): bekannte Allergien und Hinweise auf fieberhafte Infektionen. Bei Fieber und neurologischen Symptomen an Meningitis oder Enzephalitis denken
- M (Medikation): Bei bekannter Epilepsie → Einnahme von Antikonvulsiva; ggf. auslösende Medikamente (z.B. Antipsychotika)
- P (Patientengeschichte): bekannte Epilepsie, frühere Anfälle sowie Vorerkrankungen wie Schädel-Hirn-Trauma, Hirntumoren, Schlaganfall oder Alkoholabhängigkeit
- Bekannte Epilepsie spricht für ein Anfallsrezidiv
- Neurologische Vorerkrankungen können auf eine symptomatische Ursache hinweisen
- L (Letzte…): Zeitpunkt der letzten Nahrungsaufnahme, Medikamenteneinnahme und des letzten Anfalls
- Hinweise auf Hypoglykämien oder Elektrolytstörungen berücksichtigen
- E (Ereignis): mögliche Auslöser wie Schlafmangel, Alkohol, Drogen, Fieber, körperliche Belastung oder Trauma
- Fremdanamnese durch Zeug:innen oder Angehörige häufig hilfreich
- R (Risiko): Nichteinnahme von Medikamenten, Elektrolytstörungen, Infektionen sowie Alkohol- oder Drogenentzug als wichtige Risikofaktoren
- S (Schwangerschaft): Bei Patientinnen im gebärfähigen Alter nach einer Schwangerschaft fragen → bei Krampfanfall und Hypertonie an eine Eklampsie denken
TippNutze Schemata
Um die Anamnese strukturiert durchzuführen, bietet es sich an, Schemata, wie das SAMPLERS oder OPQRST-Schema zu nutzen. Am obigen Beispiel haben wir Fragen und Befunde dargestellt, die bei dem Verdacht auf einen Krampfanfall abgefragt werden sollten und vorliegen könnten.
Klinische Untersuchung
Inspektion:
- Zungenbiss: Typischerweise lateraler Zungenbiss als Hinweis auf einen generalisierten tonisch-klonischen Anfall
- Urin- und/oder Stuhlabgang: Ausdruck einer vorübergehenden vegetativen Enthemmung während des Anfalls
- Schaumbildung vor dem Mund: Folge einer vermehrten Speichelproduktion bei gleichzeitig eingeschränkter Schluckfunktion
- Zyanose: Möglicher Hinweis auf eine vorübergehende Apnoe oder respiratorische Einschränkung während der tonischen Phase
- Tonisch-klonische Krampfaktivität: initiale Muskelversteifung (tonische Phase) mit anschließend rhythmischen Muskelzuckungen (klonische Phase)
- Vegetative Begleitsymptomatik: Schwitzen, Tachykardie, Mydriasis, Blutdruckanstieg oder Tremor als Ausdruck einer sympathischen Aktivierung
- Postiktale Phase: Somnolenz, Verwirrtheit, verzögerte Reorientierung oder fokal-neurologische Defizite (z.B. Todd´sche Parese)
Palpation:
- Erhöhter Muskeltonus: Generalisierter tonischer Hartspann während der Anfallsphase
- Muskelschmerzen oder Druckdolenz: Häufig postiktal infolge ausgeprägter Muskelaktivität
- Verletzungszeichen: Hämatome, Abschürfungen oder Druckschmerzen als Folge eines Sturzes während des Anfalls
- Bissverletzungen im Mundbereich: Verletzungen von Zunge oder Mundschleimhaut als typischer Hinweis auf einen generalisierten tonisch-klonischen Anfall
- Tachykarder Puls: Möglicher Ausdruck einer vegetativen Aktivierung nach dem Anfall
Perkussion:
- Unauffälliger Klopfschall: In der Regel zeigt sich ein sonorer Klopfschall.
- Auffällige Befunde sprechen eher für Begleiterkrankungen wie einen Pneumothorax oder Pleuraerguss als für den Krampfanfall selbst
Auskultation:
- Unauffällige Auskultation: Typischerweise regelrechte Atemgeräusche ohne Nebengeräusche
- Pathologische Befunde wie Rasselgeräusche, Stridor oder eine persistierende Atemstörung können auf Komplikationen wie Aspiration oder andere Begleiterkrankungen hinweisen
Vitalparameter
| Parameter | Während des Anfalls | Postiktale Phase | Pathophysiologischer Hintergrund |
|---|---|---|---|
| Atemfrequenz | Unregelmäßige Atmung, kurzzeitige Apnoe möglich | Meist rasche Normalisierung, gelegentlich vertiefte Atmung | Vorübergehende Störung der zentralen Atemregulation während des Anfalls mit anschließender kompensatorischer Erholung |
| Herzfrequenz | Häufig Tachykardie | Normalisierung innerhalb weniger Minuten | Vegetative Aktivierung mit vermehrter Ausschüttung von Katecholaminen |
| Blutdruck | Häufig vorübergehend erhöht | Meist Normalisierung, gelegentlich leichte Hypotonie | Sympathikusaktivierung während des Anfalls mit nachfolgender vegetativer Erholung |
| Sauerstoffsättigung | Vorübergehend erniedrigt, insbesondere bei Apnoe | Meist rasche Erholung auf Normwerte | Eingeschränkte Ventilation während der Krampfaktivität kann zu einer verminderten Oxygenierung führen |
| etCO₂ | Schwankend, je nach Ventilation erhöht oder erniedrigt | Normalisierung nach Sistieren des Anfalls | Veränderungen der alveolären Ventilation beeinflussen die CO₂-Elimination |
| Temperatur | Normal bis leicht erhöht | Gelegentlich subfebrile Temperaturen | Erhöhte Muskelaktivität während des Anfalls steigert den Energieumsatz und die Wärmeproduktion |
| Blutzucker | Häufig normwertig oder leicht erhöht | Meist Normalisierung | Freisetzung von Stresshormonen (Adrenalin, Noradrenalin, Cortisol) führt zur Mobilisierung von Glukose |
Differenzialdiagnosen
| Differenzialdiagnose | Symptome und Hinweise | Unterscheidungsmerkmale |
|---|---|---|
| Synkope |
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| Hypoglykämie |
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| Intoxikation (Alkohol, Drogen, Medikamente) |
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| Schlaganfall / strukturelle Läsion |
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| Fieberkrampf |
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| Hyperventilationstetanie |
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| Psychogener / dissoziativer Anfall (PNES) |
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InfoDie dargestellten Maßnahmen orientieren sich an den Empfehlungen des Deutschen Berufsverbands Rettungsdienst (DBRD) und werden durch weitere spezifische, leitliniengerechte Maßnahmen ergänzt, um eine strukturierte und evidenzbasierte Versorgung von Patient:innen sicherzustellen.
MerkeFür den Rettungsdienst ist es entscheidend, zwischen einem selbstlimitierenden Anfall und einem Status epilepticus oder einer anderen akut behandlungsbedürftigen Ursache zu differenzieren. Auf dieser Grundlage werden die therapeutischen Maßnahmen eingeleitet.
Ziel der präklinischen Behandlung ist die Unterbrechung anhaltender Krampfaktivität, die Vermeidung sekundärer Hirnschäden durch Hypoxie oder Trauma sowie die Identifikation und Behandlung möglicher Auslöser (z.B. Hypoglykämie, Elektrolytstörungen oder Intoxikationen).
Basismaßnahmen
- Schutz von Patient:innen: Umgebung sichern, Patient:innen vor Verletzungen schützen, Kopf und Extremitäten polstern, gefährliche Gegenstände entfernen
- Überwachung der Atemwege: Wenn möglich Atemwege freihalten, keine Gegenstände in den Mund einführen, lockeren Zahnersatz oder Fremdkörper nach Möglichkeit entfernen,
- Lagerung:
- Während des Anfalls: keine Fixierung, Kopf weich lagern und vor Verletzungen schützen
- Nach dem Anfall: Bei erhaltener Spontanatmung stabile Seitenlage zur Aspirationsprophylaxe, alternativ Rückenlage mit kontinuierlicher Atemwegskontrolle
- Sauerstoffgabe: Während des Anfalls frühzeitige hochdosierte Sauerstofftherapie zur Vermeidung bzw. Behandlung einer Hypoxämie
- Kontinuierliches Monitoring: EKG-, SpO₂-, Atemfrequenz- und Blutdrucküberwachung; zusätzlich frühzeitige Blutzuckerkontrolle zum Ausschluss einer Hypoglykämie (komplettes Monitoring erst nach Beendigung des Anfalls möglich)
- Venöser Zugang: Anlage eines i.v.-Zugangs zur Medikamentengabe und für weiterführende therapeutische Maßnahmen
- Die Anlage kann während eines aktiven Krampfanfalls erschwert sein
- Nach Möglichkeit sollte auf Zugänge in der Ellenbeuge verzichtet werden, da bei erneuter Krampfaktivität ein erhöhtes Risiko für Dislokation oder Abknicken des Zugangs besteht
- Wärmeerhalt: Vermeidung einer Auskühlung durch geeignete Wärmeerhaltungsmaßnahmen
Spezifische Maßnahmen
Medikamentöse Anfallstherapie:
MerkeDie medikamentöse Therapie zur Krampfbeendigung erfolgt nach einem Stufenschema.
- Benzodiazepine, z.B. Midazolam:
- Bei etabliertem i.v.-Zugang
<40 kgKG: 5 mg i.v., >40 kgKG: 10 mg i.v., ggf. 1x wiederholen - Alternative Verabreichungsmöglichkeiten:
- Intramuskulär
<40 kgKG: 5 mg i.m., >40 kgKG: 10 mg i.m., ggf. 1x wiederholen - Intranasal
<40 kgKG: 5 mg i.n., >40 kgKG: 10 mg i.n., ggf. 1x wiederholen
- Intramuskulär
- Bei etabliertem i.v.-Zugang
- Antikonvulsiva, z.B. Levetiracetam
60 mg/kgKG i.v. über 10 Minuten als Kurzinfusion, max. 4500 mg, Kinder: 40 mg/kgKG i.v. - Narkoseeinleitung, mittels folgender Optionen:
- Propofol
2 mg/kgKG i.v., ggf. Dosisanpassung bei pädiatrischen Patient:innen - Midazolam
0,2 mg/kgKG i.v., ggf. Dosisanpassung bei pädiatrischen Patient:innen - Thiopental
5 mg/kgKG i.v., ggf. Dosisanpassung bei pädiatrischen Patient:innen
- Propofol
TippNarkoseeinleitung und Atemwegssicherung:
Zur Rapid Sequence Induction (RSI) kann eine Kombination aus Propofol
1–2 mg/kgKG i.v. , Esketamin0,5–1 mg/kgKG i.v. und einem Relaxans, z.B. Rocuronium1 mg/kgKG i.v. , verwendet werden.Die Leitlinie zum Status epilepticus empfiehlt Ketamin formal erst in der Stufe 4 des EEG-gesicherten superrefraktären Status epilepticus. In der klinischen Praxis kann die Kombination aus Propofol und (Es-)Ketamin jedoch bereits bei therapierefraktären Verläufen sinnvoll sein.
AchtungAlkoholassoziierter Krampfanfall:
Bei einem alkoholinduzierten Krampfanfall wird Thiamin (Vitamin B1)
100 mg i.v. verabreicht, da chronischer Alkoholkonsum oft zu einem ausgeprägten Thiaminmangel führt.
InfoBei refraktärem, fokalem Anfall ohne Bewusstseinsverlust kann auf eine Narkose verzichtet werden.
Postiktale Phase
Kausale Therapie der zugrunde liegenden Anfallsursache, etwa Glukosegabe bei Hypoglykämie, Antipyrese bei Fieber
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Fieberkrampf bei Kindern
DefinitionEin Fieberkrampf ist ein durch Fieber ausgelöster, selbstlimitierender Krampfanfall bei Kindern, häufig im Alter von 6 Monaten bis 5 Jahren, ohne dass eine zugrunde liegende neurologische Erkrankung vorliegt.
Medikamentöse Therapie:
- Diazepam
< 15 KG: 5 mg rektal, > 15 KG: 10 mg rektal, ggf. Wiederholungsgabe nach 10 Minuten - Bei > 38,5 °C zusätzlich antipyretische Therapie erwägen, z.B. Paracetamol
10-15 mg/kgKG rektal, Tageshöchstdosis beachten → 60 mg/kgKG
MerkeDie meisten fieberbedingten Krampfanfälle sind kurz und enden spontan innerhalb von 3 Minuten, sodass keine medikamentöse Akuttherapie erforderlich ist. Dauert ein Anfall jedoch länger als 5 Minuten, sistiert er in der Regel nicht mehr spontan und soll medikamentös unterbrochen werden.
Eklampsie
DefinitionEklampsie ist eine schwerwiegende Komplikation der Präeklampsie, die durch generalisierte, tonisch-klonische Krampfanfälle in der Schwangerschaft gekennzeichnet ist.
Die Rettung der Mutter steht im Vordergrund. Dementsprechend können hier alle Medikamente eingesetzt werden, die auch beim klassischen Krampfanfall eingesetzt werden, obwohl sie im Verdacht stehen, teratogen zu sein, da das Überleben des Kindes nur durch das Überleben der Mutter gesichert ist. Dazu ist die Durchbrechung eines Status epilepticus notwendig.
Medikamentöse Therapie:
- Zusätzlich zur Therapie eines Status epilepticus: Magnesium
4-6 g i.v. in 50 ml über 15-20 Minuten als Kurzinfusion - Bei exzessiven Blutdruckwerten über 200/100 mmHg ist eine vorsichtige, antihypertensive Therapie, z.B. mit Urapidil, indiziert
- CAVE: Nicht unter 150 mmHg systolisch senken, um eine plazentare Minderversorgung und mögliche Schädigung des Ungeborenen zu vermeiden
MerkeWarnzeichen für einen Krampfanfall im Sinne einer Eklampsie sind Kopfschmerzen und Sehstörungen in der Schwangerschaft!
Häufig geht der Anfall mit einem Blutdruck von über 180 mmHg systolisch einher. Er kann aber auch ohne Bluthochdruck auftreten. Bei der neurologischen Untersuchung findet sich meist eine Hyperreflexie.
Bekannter Alkoholabusus oder entzugsinduzierter Krampfanfall
Zusätzlich zur Therapie des Status epilepticus: Thiamin
MerkeThiamingabe
Die Rolle von Thiamin im Energiestoffwechsel:
- Thiamin (Vitamin B1) ist essenziell für den Kohlenhydratstoffwechsel, vornehmlich für die aerobe Glukoseverwertung in den Nervenzellen
- Ein Thiaminmangel führt zu einer gestörten ATP-Produktion in den Mitochondrien, was die Nervenzellen schädigt
- Neuronen sind besonders empfindlich gegenüber einem Energiemangel, was eine exzessive neuronale Erregung und Krampfanfälle begünstigt
Thiamin wird bei alkoholinduzierten Krampfanfällen verabreicht, da chronischer Alkoholismus häufig zu einem Thiaminmangel führt. Dieser kann zu neurologischen Störungen, insbesondere zur Wernicke-Enzephalopathie, beitragen.
Zielkrankenhaus
Grundsätzlich sollte der Transport in ein Krankenhaus mit Notaufnahme mit neurologischer Fachkompetenz sowie der Möglichkeit zur Intensivüberwachung erfolgen. Die Auswahl der Zielklinik richtet sich nach der Schwere des Anfalls, dem neurologischen Zustand sowie dem Vorliegen von Begleitverletzungen oder Komplikationen.
- Prolongierter oder wiederholter Anfall (Status epilepticus) → Transport in Klinik mit neurologischer Fachabteilung und intensivmedizinischer Überwachungsmöglichkeit
- Erstmaliger Krampfanfall → Transport in eine neurologische Klinik zur Abklärung
- Bekannte Epilepsie mit rascher Erholung → Entscheidung über Transport nach klinischer Einschätzung und Rücksprache mit der erkrankten Person
- Fieberkrampf bei Kindern → Zielklinik mit pädiatrischer Fachabteilung
- Eklampsie → Zielklinik mit geburtshilflicher Abteilung (Bereitschaft für eine Sectio). Je nach Schwere ist zudem eine intensivmedizinische Betreuung erforderlich
Transportbegleitende Maßnahmen
- Sauerstofftherapie: bedarfsorientierte Sauerstoffgabe, bei respiratorischer Beeinträchtigung hochdosierte Sauerstofftherapie zur Sicherstellung einer ausreichenden Oxygenierung
- Monitoring: Kontinuierliche Überwachung von EKG, Blutdruck, SpO₂, Atemfrequenz und Bewusstseinslage
- Atemwegsmanagement: Freihalten der Atemwege, Aspirationsprophylaxe sowie Vorbereitung auf eine mögliche Atemwegssicherung bei Vigilanzminderung oder anhaltender Krampfaktivität
- Wärmeerhalt: Vermeidung einer Auskühlung durch Wärmeerhaltungsmaßnahmen und angewärmte Infusionslösungen
Übergabe in der Klinik
- Strukturierte Übergabe nach standardisierten Schemata wie SINNHAFT oder ISOBAR
- Übergabe relevanter Informationen zu:
- Zeitpunkt und Dauer des Anfalls
- Beobachtete Anfallssemiologie (z.B. tonisch-klonische Krämpfe, Blickdeviation, Automatismen)
- Zungenbiss, Einnässen oder Verletzungsfolgen
- Vitalparametern und Monitoringwerten
- Durchgeführten Maßnahmen und verabreichten Medikamenten einschließlich Dosierung
- Reaktion auf die Therapie und aktueller neurologischer Zustand
- Anfallsfreiheit oder fortbestehende Krampfaktivität bei Übergabe
- Kritische Patient:innen, insbesondere bei Status epilepticus, respiratorischer Insuffizienz, anhaltender Bewusstseinsstörung oder unklarer neurologischer Symptomatik, sollten direkt an das Schockraum-, Intensiv- oder Neurologieteam übergeben werden.
Definition:
DefinitionEpileptischer Anfall:
Ein epileptischer Anfall ist ein vorübergehendes Auftreten von Anzeichen und/oder Symptomen aufgrund einer pathologisch exzessiven oder synchronen neuronalen Aktivität im Gehirn. Er ist meist ein selbstlimitierendes Ereignis, dessen spontanes Sistieren auf Mechanismen beruht, die bisher weitgehend unverstanden sind.
DefinitionEpilepsie:
Epilepsie ist eine chronische Erkrankung des Gehirns, die durch eine anhaltende Neigung gekennzeichnet ist, wiederholt spontane epileptische Anfälle auszulösen. Die Diagnose Epilepsie wird gestellt, wenn mindestens zwei unprovozierte Anfälle in einem Abstand von mehr als 24 Stunden aufgetreten sind.
DefinitionStatus epilepticus:
Als Status epilepticus bezeichnet man einen epileptischen Anfall, der länger als 5 Minuten anhält, oder zwei aufeinander folgende epileptische Anfälle ohne Wiedererlangung des Bewusstseins.
Ursachen
- Alkohol- oder Benzodiazepinentzug: Häufige Ursache erworbener Krampfanfälle durch gesteigerte neuronale Erregbarkeit
- Drogenkonsum: Amphetamine, Kokain oder Heroin können epileptische Anfälle auslösen
- Fieber: Insbesondere bei Kindern als Auslöser von Fieberkrämpfen
- Elektrolytstörungen: Vor allem Hypo-/Hypernatriämie oder Hypokalzämie können Krampfanfälle verursachen
- Hypoglykämie: Häufige reversible Ursache von Krampfanfällen und Bewusstseinsstörungen
- Eklampsie: Krampfanfälle in der Schwangerschaft, meist in Kombination mit Hypertonie
- Schlafmangel: Häufiger Trigger durch Senkung der Anfallsschwelle
- Fotostimulation: Auslösung durch blinkende Lichter oder Stroboskope
- Hyperventilation und Stress: Können bei prädisponierten Personen Anfälle provozieren
- Extreme körperliche Belastung: Möglicher Auslöser bei bestehender Anfallsneigung
- Medikamente: Beispielsweise Antidepressiva, Antipsychotika, Antibiotika, Tramadol oder Theophyllin können die Anfallsschwelle senken
- Therapiefehler: Unregelmäßige Einnahme oder abruptes Absetzen von Antikonvulsiva erhöht das Risiko für Krampfanfälle und Status epilepticus deutlich
AchtungWeiterhin können Infektionen des ZNS und der Meningen, Schädel-Hirn-Traumata, Tumore, Schlaganfall oder Hypoxie Krampfanfälle auslösen.
Pathophysiologie:
- Ein Krampfanfall entsteht durch eine plötzlich auftretende, unkontrollierte elektrische Entladung der Neuronen im gesamten Gehirn oder in Teilen davon → Überschreiten der Krampfschwelle
- Dadurch wird die normale Funktion der betroffenen Hirnregion gestört, was je nach Lokalisation unterschiedliche Symptome auslösen kann, z.B. motorische, sensorische, vegetative oder psychische Veränderungen.
- Pathophysiologisch liegt dem Anfall ein Ungleichgewicht zwischen erregenden und hemmenden neuronalen Prozessen zugrunde
- Überwiegt die erregende Aktivität, insbesondere durch glutamatvermittelte Depolarisation → gesteigerte Erregbarkeit der Nervenzellen (Hyperexzitabilität)
- Die überschießende elektrische Aktivität kann sich anschließend auf weitere Hirnareale ausbreiten und so zum Anfallsgeschehen führen
- Gefahren während des Anfalls:
- Generalisierte Muskelaktivität → erhöhter Sauerstoffverbrauch und gesteigerter Energiebedarf
- Bewusstseinsstörung oder Bewusstseinsverlust → Verlust von Schutzreflexen → Aspirationsgefahr
- Beeinträchtigte Atmung während des Anfalls → Hypoventilation und Hypoxie möglich
- Unkontrollierte Muskelkontraktionen und Sturzereignisse → Gefahr von Verletzungen
Klinischer Eindruck
- Generalisierter tonisch-klonischer Anfall: Bewusstlosigkeit, tonisch-klonische Krämpfe, Zungenbiss, möglicher Urinabgang, postiktale Verwirrtheit
- Fokaler Anfall mit erhaltenem Bewusstsein: Lokalisierte Muskelzuckungen, Sensibilitätsstörungen, Sehstörungen oder andere fokale Symptome bei erhaltenem Bewusstsein
- Fokaler Anfall mit Bewusstseinsstörung: Bewusstseinsminderung, starrer Blick, Automatismen (z. B. Schmatzen, Nesteln), anschließende Verwirrtheit
- Jackson-Anfall: Ausbreitung motorischer Symptome entlang einer Extremität, z. B. von den Fingern über die Hand zum Arm
- Sekundär generalisierter Anfall: initial fokale Symptome mit anschließendem Übergang in einen generalisierten tonisch-klonischen Anfall
- Postiktale Phase: Müdigkeit, Somnolenz, Desorientierung, Kopfschmerzen, Muskelschmerzen, ggf. Todd’sche Parese
- Status epilepticus: Anhaltende oder rezidivierende Krampfaktivität ohne vollständige Bewusstseinserholung zwischen den Anfällen; neurologischer Notfall
Diagnostik
Inspektion:
- Zungenbiss: Typischerweise lateraler Zungenbiss als Hinweis auf einen generalisierten tonisch-klonischen Anfall
- Urin- und/oder Stuhlabgang: Ausdruck einer vorübergehenden vegetativen Enthemmung während des Anfalls
- Schaumbildung vor dem Mund: Folge einer vermehrten Speichelproduktion bei gleichzeitig eingeschränkter Schluckfunktion
- Zyanose: Möglicher Hinweis auf eine vorübergehende Apnoe oder respiratorische Einschränkung während der tonischen Phase
- Tonisch-klonische Krampfaktivität: initiale Muskelversteifung (tonische Phase) mit anschließend rhythmischen Muskelzuckungen (klonische Phase)
- Vegetative Begleitsymptomatik: Schwitzen, Tachykardie, Mydriasis, Blutdruckanstieg oder Tremor als Ausdruck einer sympathischen Aktivierung
- Postiktale Phase: Somnolenz, Verwirrtheit, verzögerte Reorientierung oder fokal-neurologische Defizite (z.B. Todd´sche Parese)
Palpation:
- Erhöhter Muskeltonus: Generalisierter tonischer Hartspann während der Anfallsphase
- Muskelschmerzen oder Druckdolenz: Häufig postiktal infolge ausgeprägter Muskelaktivität
- Verletzungszeichen: Hämatome, Abschürfungen oder Druckschmerzen als Folge eines Sturzes während des Anfalls
- Bissverletzungen im Mundbereich: Verletzungen von Zunge oder Mundschleimhaut als typischer Hinweis auf einen generalisierten tonisch-klonischen Anfall
- Tachykarder Puls: Möglicher Ausdruck einer vegetativen Aktivierung nach dem Anfall
Perkussion:
- Unauffälliger Klopfschall: In der Regel zeigt sich ein sonorer Klopfschall.
- Auffällige Befunde sprechen eher für Begleiterkrankungen wie einen Pneumothorax oder Pleuraerguss als für den Krampfanfall selbst
Auskultation:
- Unauffällige Auskultation: Typischerweise regelrechte Atemgeräusche ohne Nebengeräusche
- Pathologische Befunde wie Rasselgeräusche, Stridor oder eine persistierende Atemstörung können auf Komplikationen wie Aspiration oder andere Begleiterkrankungen hinweisen
Therapie Status epilepticus
Basismaßnahmen:
- Schutz von Patient:innen: Umgebung sichern, Patient:innen vor Verletzungen schützen, Kopf und Extremitäten polstern, gefährliche Gegenstände entfernen
- Überwachung der Atemwege: Wenn möglich Atemwege freihalten, keine Gegenstände in den Mund einführen, lockeren Zahnersatz oder Fremdkörper nach Möglichkeit entfernen,
- Lagerung:
- Während des Anfalls: keine Fixierung, Kopf weich lagern und vor Verletzungen schützen
- Nach dem Anfall: Bei erhaltener Spontanatmung stabile Seitenlage zur Aspirationsprophylaxe, alternativ Rückenlage mit kontinuierlicher Atemwegskontrolle
- Sauerstoffgabe: Während des Anfalls frühzeitige hochdosierte Sauerstofftherapie zur Vermeidung bzw. Behandlung einer Hypoxämie
- Kontinuierliches Monitoring: EKG-, SpO₂-, Atemfrequenz- und Blutdrucküberwachung; zusätzlich frühzeitige Blutzuckerkontrolle zum Ausschluss einer Hypoglykämie (komplettes Monitoring erst nach Beendigung des Anfalls möglich)
- Venöser Zugang: Anlage eines i.v.-Zugangs zur Medikamentengabe und für weiterführende therapeutische Maßnahmen
- Die Anlage kann während eines aktiven Krampfanfalls erschwert sein
- Nach Möglichkeit sollte auf Zugänge in der Ellenbeuge verzichtet werden, da bei erneuter Krampfaktivität ein erhöhtes Risiko für Dislokation oder Abknicken des Zugangs besteht
- Wärmeerhalt: Vermeidung einer Auskühlung durch geeignete Wärmeerhaltungsmaßnahmen
Spezifische Maßnahmen:
- Benzodiazepine, z.B. Midazolam:
- Bei etabliertem i.v.-Zugang
<40 kgKG: 5 mg i.v., >40 kgKG: 10 mg i.v., ggf. 1x wiederholen - Alternative Verabreichungsmöglichkeiten:
- Intramuskulär
<40 kgKG: 5 mg i.m., >40 kgKG: 10 mg i.m., ggf. 1x wiederholen - Intranasal
<40 kgKG: 5 mg i.n., >40 kgKG: 10 mg i.n., ggf. 1x wiederholen
- Intramuskulär
- Bei etabliertem i.v.-Zugang
- Antikonvulsiva, z.B. Levetiracetam
60 mg/kgKG i.v. über 10 Minuten als Kurzinfusion, max. 4500 mg, Kinder: 40 mg/kgKG i.v. - Narkoseeinleitung, mittels folgender Optionen:
- Propofol
2 mg/kgKG i.v., ggf. Dosisanpassung bei pädiatrischen Patient:innen - Midazolam
0,2 mg/kgKG i.v., ggf. Dosisanpassung bei pädiatrischen Patient:innen - Thiopental
5 mg/kgKG i.v., ggf. Dosisanpassung bei pädiatrischen Patient:innen
- Propofol
Besondere Situationen
- Fieberkrampf bei Kindern → Diazepam rektal als Alternative möglich
- Eklampsie → Ziel RR-Werte beachten und Magnesiumgabe erwägen
Transport
Grundsätzlich sollte der Transport in ein Krankenhaus mit Notaufnahme mit neurologischer Fachkompetenz sowie der Möglichkeit zur Intensivüberwachung erfolgen. Die Auswahl der Zielklinik richtet sich nach der Schwere des Anfalls, dem neurologischen Zustand sowie dem Vorliegen von Begleitverletzungen oder Komplikationen.
- Prolongierter oder wiederholter Anfall (Status epilepticus) → Transport in Klinik mit neurologischer Fachabteilung und intensivmedizinischer Überwachungsmöglichkeit
- Erstmaliger Krampfanfall → Transport in eine neurologische Klinik zur Abklärung
- Bekannte Epilepsie mit rascher Erholung → Entscheidung über Transport nach klinischer Einschätzung und Rücksprache mit der erkrankten Person
- Fieberkrampf bei Kindern → Zielklinik mit pädiatrischer Fachabteilung
- Eklampsie → Zielklinik mit geburtshilflicher Abteilung (Bereitschaft für eine Sectio). Je nach Schwere ist zudem eine intensivmedizinische Betreuung erforderlich
TippWenn ihr mehr Informationen und weitere therapeutische Maßnahmen erfahren möchtet, empfehlen wir euch die verlinkten Artikel aus dem klinischen Bereich.
Epilepsie
- S2k-Leitlinie Status epilepticus im Erwachsenenalter, Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN
- Erster epileptischer Anfall und Epilepsien im Erwachsenenalter, Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN)
- Krampfanfälle, retten – Notfallsanitäter. 1. Auflage. Stuttgart: Thieme; 2023
- S1-Leitlinie Fieberkrämpfe im Kindesalter, Gesellschaft für Neuropädiatrie e.V. (GNP)
- S2k-Leitlinie Hypertensive Erkrankungen in der Schwangerschaft (HES): Diagnostik und Therapie, Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e.V. (DGGG)
- Status epilepticus, Neurologische Notfälle. Hrsg. 2., überarbeitete Auflage. Stuttgart: Georg Thieme Verlag KG; 2023
- DBRD - Deutscher Berufsverband Rettungsdienst e.V., Musteralgorithmen 2026, Version 11, Stand: 27.02.2026


