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Lungenkarzinom

Bronchialkarzinom, Lungenkrebs
23 Minuten Lesezeit

Das Lungenkarzinom (auch Bronchialkarzinom, Lungenkrebs) ist einer der häufigsten Tumore. Der wichtigste Risikofaktor für die Entstehung des Lungenkarzinoms ist das Rauchen. Das Lungenkarzinom wird nach Histologie, Prognose und Therapie in das kleinzellige Lungenkarzinom (= small cell lung cancer, SCLC) und das nicht-kleinzellige Lungenkarzinom (= non small lung cancer, NSCLC) unterteilt. Histologisch handelt es sich bei Lungenkarzinomen meist um Plattenepithelkarzinome, Adenokarzinome oder seltener neuroendokrine Tumoren. Klinisch werden die Patient:innen mit persistierendem Husten, Dyspnoe, thorakalen Schmerzen, Gewichtsverlust und Hämoptysen, also blutigem Sputum, auffällig. Insbesondere beim SCLC können paraneoplastische Syndrome auftreten. Das Lungenkarzinom erfordert eine umfassende Diagnostik und Staging-Untersuchungen. Zur Diagnosestellung ist eine Biopsie mit anschließender histologischer Untersuchung obligat. Therapeutisch kommen Operation, Strahlentherapie, Chemotherapie und individualisierte Therapien in Frage. Die Prognose des Lungenkarzinoms ist insgesamt ungünstig. Dies liegt unter anderem an der späten Diagnosestellung und Therapie aufgrund fehlender Frühsymptome.

Lungenkarzinome in 3D-Rekonstruktion eines CTs und im pathologischen Präparat
  • Das Lungenkarzinom ist die zweithäufigste Krebserkrankung bei Männern und die dritthäufigste bei Frauen
  • Insgesamt erkranken Männer häufiger
  • Die Inzidenz liegt in Europa bei etwa 50/100.000 Einwohner
  • Das mittlere Erkrankungsalter liegt beim SCLC bei 67 Jahren und beim NSCLC bei 69 Jahren
  • Das Lungenkarzinom geht mit einer hohen Letalität einher → Bei Männern ist das Lungenkarzinom die häufigste, bei Frauen die zweithäufigste Krebstodesursache.

Hauptrisikofaktoren für die Entstehung eines Lungenkarzinoms sind:

  • Rauchen: Zigarettenrauch ist für etwa 85% der Lungenkarzinome verantwortlich. Dabei bestimmen die Dauer und die Menge (gemessen in Pack-years = Anzahl Jahre x Anzahl Schachteln pro Tag) des Rauchens das Risiko, ein Lungenkarzinom zu entwickeln, auch Passivrauchen erhöht das Risiko
  • Exposition gegenüber beruflichen Karzinogenen: Asbest, Chrom, Arsen, Haloether, ionisierende Stoffe, Nickel, PAH (polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe)
  • Exposition gegenüber anderen inhalativen Reizstoffen: Verkehrsabgase, Feinstaub, Radon, etc.
  • Genetische Prädisposition: Erkrankung eines Elternteils erhöht das Erkrankungsrisiko für die Kinder
  • Lungenerkrankungen mit Ausbildung von Narbengewebe prädisponieren insbesondere zur Entwicklung von Adenokarzinomen: Chronisch-entzündliche Erkrankungen, Tuberkulose 
  • Wie bei vielen Erkrankungen wird auch beim Lungenkarzinom ein Zusammenwirken von genetischer Prädisposition und Umweltfaktoren vermutet
  • Auf der Grundlage von genetischen Veränderungen und der Exposition gegenüber Risikofaktoren kommt es zur Epitheldysplasie

Einteilung in kleinzelliges und nicht-kleinzelliges Lungenkarzinom

  • Die Unterscheidung in „Kleinzeller“ und „Nicht-Kleinzeller“ erfolgt anhand von histologischen Aspekten, der Zellteilungsrate und dem Wachstumsverhalten
  • Da das kleinzellige Lungenkarzinom sehr schnell wächst, hat die Einteilung therapeutische und prognostische Konsequenzen
 Kleinzelliges Lungenkarzinom (SCLC = small cell lung cancer)Nicht-kleinzelliges Lungenkarzinom (NSCLC = non-small lung cancer)
Anteil15% aller Lungenkarzinome85% aller Lungenkarzinome
Histologie
  • Neuroendokrine Tumore
  • Plattenepithelkarzinom (35%)
  • Adenokarzinom (40%)
  • Großzelliges Karzinom (10%)
  • Neuroendokrine Tumore, Mischformen
Lokalisation
  • Häufiger zentral lokalisiert
  • Zentral (Plattenepithelkarzinome) oder peripher (Adenokarzinome) lokalisiert
Besonderheiten
  • Hohe Zellteilungsrate, sehr kurze Tumorverdopplungszeit (10 – 50 Tage)
  • Sekretion aktiver neuroendokriner Stoffe, dadurch häufige paraneoplastische Syndrome (z.B. ACTH, Calcitonin)
  • Niedrigere Zellteilungsrate
Prognose
  • Schlechte Prognose
  • Selten kurative Therapieoptionen
  • Prognose etwas besser
  • Häufiger kurative Therapieansätze

Histopathologische Klassifikation:

  • Die häufigsten histologischen Formen des Lungenkarzinoms sind das Adenokarzinom, das Plattenepithelkarzinom und neuroendokrine Tumore
  • Seltenere Formen sind das bronchioloalveoläres Karzinom (auch: Alveolarzellkarzinom, diffus wachsendes Adenokarzinom entlang der Bronchialwände, wenig invasiv), großzellige Karzinome und weitere histologische Mischformen
  • Einige Merkmale der wichtigsten histologischen Typen sind in der folgenden Tabelle aufgeführt
 AdenokarzinomPlattenepithelkarzinomNeuroendokrine Tumore 
Anteil40% aller NSCLC45% aller NSCLC

Meistens SCLC 

Seltener NSCLC 

Risikofaktoren
  • Häufigster Tumor bei Nichtrauchenden
  • Mehr weibliche Patientinnen erkranken
  • Mehr männliche Patienten erkranken
  • Häufiger bei Raucher:innen 
 
Lokalisation
  • Häufiger peripheres Wachstum
  • Häufiger zentrales Wachstum (im Bereich der Haupt- und Segmentbronchien)
  • Zentrales Wachstum
Pathologie
  • Drüsen- und Schleimbildung
  • Subtypen: minimal invasiv, präinvasiv, invasiv lepidisch, azinär, mikropapillär
  • Tumor des Bronchialepithels
  • Subtypen: verhornend, nicht-verhornend, basaloid
  • Aus neuroendokrinen Zellen der Bronchialschleimhaut
  • Subtypen: kleinzelligen Lungenkarzinom, großzelliges neuroendokrines Lungenkarzinom, Karzinoide
Histologie
Adenokarzinom der Lunge
Adenokarzinom der Lunge 
Verhornendes Plattenepithelkarzinom der Lunge
Verhornendes Plattenepithelkarzinom 
Neuroendokriner Tumor (positive Chromogranin A-Färbung)
Neuroendokriner Tumor (positive Chromogranin A Färbung)

 Weitere histologische Typen:

  • Großzelliges Karzinom
  • Histologische Mischformen: Adenosquamöses Karzinom 
 Tipp

Tipp: Die Symptome eines Lungenkarzinoms resultieren aus drei Hauptfaktoren:

  1. Lokales Tumorwachstum: lokale Invasion ins umliegende Gewebe und Obstruktion der Atemwege
  2. Metastasierung: Absiedelungen des Primärtumors in anderen Körperregionen
  3. Paraneoplastischen Symptome: durch den Tumor verursachte, systemische Effekte, die nicht direkt durch die lokale Tumorpräsenz oder Metastasen zu erklären sind

1. Lokales Tumorwachstum

  • Frühe Symptome können sein:
    • Chronischer Husten
    • Zentraler Tumor: eher Dyspnoe und Stridor durch Obstruktion der Atemwege
    • Peripherer Tumor: eher Thoraxschmerzen durch Infiltration der Pleura
    • B-Symptomatik: Fieber, ungewollter Gewichtsverlust (>10% in den letzten 6 Monaten), Nachtschweiß
    • Lymphknotenschwellungen
  • Spätsymptome sind:
    • Hämoptysen: Blutiges Sputum 
    • Pleuraergüsse: Oft blutig 
    • Zeichen der Invasivität: Parese des N. laryngeus recurrens oder des N. phrenicus, Dysphagie bei Kompression des Ösophagus , Heiserkeit, obere Einflussstauung
    • Zeichen der Hypoxämie: Nagelveränderungen (Trommelschlägelfinger, Uhrglasnägel)
    • Tumorkachexie
 Achtung

Es gibt keine spezifischen Frühsymptome des Lungenkarzinoms. Daher sollte bei folgenden Symptomen immer an das Vorliegen eines Lungenkarzinoms gedacht werden: 

  • Neu aufgetretene Bronchitis, Asthma bronchiale oder rezidivierende Pneumonien bei Patient:innenenalter >40 Jahre
  • Therapieresistente Erkältungen oder persistierender Husten und Patientenalter >40 Jahre 
  • Hämoptysen

Spezielle klinische Merkmale bei einzelnen Formen des Lungenkarzinoms:

  • Pancoast-Tumor: Peripheres Lungenkarzinom der Pleurakuppel mit Infiltration von Thoraxwand und umliegenden Strukturen
    • Horner-Syndrom durch Infiltration von Strukturen des Ganglion stellatum 
      Ptosis, Miosis, Pseudoenophthalmus, (ggf. auch Anhidrosis)
    • Infiltration des Plexus brachialis
       ➜ Sensibilitätsstörungen im Schulter- und Armbereich
    • Einengung der Halsvenen ➜ Obere Einflussstauung, Gesichtsödem
    • Ggf. lokale Knochendestruktion 
      ➜ Rippenschmerzen
Pancoast-Tumor rechts im Röntgen-Thorax

2. Symptome durch Metastasen

  • Lymphogene Metastasen: Lymphknotenschwellungen vor allem hilär und mediastinal
  • Hämatogene Metastasierung: 
  • Gehirn➜ Kopfschmerzen, Paresen
  • Knochen➜ Knochenschmerzen, pathologische Fraktur
  • Leber ➜ Appetitlosigkeit, Ikterus, Oberbauchschmerzen
  • Nebennieren➜ oft asymptomatisch
Metastasierung beim Lungenkarzinom

3. Paraneoplastische Syndrome

 Merke

Paraneoplastische Syndrome kommen vor allem bei SCLC und neuroendokrinen Tumoren vor. 

  • Überproduktion von ADH ➜ Syndrom der inadäquaten ADH-Sekretion (SIADH): Erhöhte ADH-Spiegel bewirken eine Hyponatriämie, die zu Müdigkeit, Verwirrung und Krampfanfällen führen kann
  • Ektope Produktion von ACTH ➜ Cushing-Syndrom: Eine abnormale Ausschüttung des adrenokortikotropen Hormons (ACTH) durch den Tumor führt zu Symptomen wie stammbetonte Adipositas, Bluthochdruck und Hautveränderungen
  • Produktion von IGF-1 ➜ Hypoglykämien: Der Tumor produziert Insulin-ähnliche Wachstumsfaktoren, die zu niedrigen Blutzuckerspiegeln und damit verbundenen Symptomen wie Zittern, Schwitzen und Bewusstseinsverlust führen
  • Produktion von Parathormon-ähnlichen Peptiden (PTHrP) ➜ Pseudohyperparathyreoidismus mit Hyperkalzämien: Parathormon-ähnliche Peptide führen zu erhöhten Kalziumspiegeln im Blut, was zu Nierensteinen, Gelenkschmerzen und Ulcus ventriculi (“Stein, Bein und Magenpein“) führen kann
  • Produktion von Antikörpern gegen präsynaptische Kalziumkanäle➜ Lambert-Eaton-Syndrom: Myasthenie-ähnlichem Syndrom mit belastungsabhängiger Schwäche der proximalen Extremitäten, tritt meist bereits vor der Diagnose der Tumorerkrankung auf
  • Antineuronale Antikörper (Anti-Hu, Anti-Yo) ➜ Paraneoplastische Polyneuropathie und paraneoplastische zerebelläre Degeneration
  • Immunologische Reaktion ➜ Polymyositis, Dermatomyositis: Eine Fehlsteuerung des Immunsystems führt zu Entzündungen der Muskeln und der Haut
  • Periostale Reaktionen ➜ Hypertrophe pulmonale Osteoarthropathie (Pierre-Marie-Bamberger-Syndrom): Dieses Syndrom umfasst Knochenschwellungen und Schmerzen in den Röhrenknochen, Trommelschlägelfinger und Uhrglasnägel, zu 90 % assoziiert mit dem nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom
  • Hämatologische Veränderungen ➜ Thrombozytose, Thromboseneigung, Phlebitis migrans, Anämie
 Achtung

Da kleinzellige Lungenkarzinome schnell wachsen, kommt der Früherkennung und Frühdiagnostik eine besondere Bedeutung zu. 

Anamnese

  • Aktuelle Anamnese: Symptomatik, Verlauf, Begleitsymptomatik, Husten, therapierefraktäre Verläufe von Atemwegsinfektionen
  • Vegetative Anamnese: B-Symptomatik mit Fieber, Gewichtsverlust, Nachtschweiß
  • Medikamentenanamnese
  • Vorerkrankungen: chronische Erkrankungen, frühere Krebserkrankungen
  • Sozialanamnese, Berufsanamnese: Exposition gegenüber inhalativen Schadstoffen
  • Risikofaktoren: Rauchen 
  • Familienanamnese: Krebserkrankungen in der Familie 

Körperliche Untersuchung

  • Allgemeiner Zustand: Beurteilung des Ernährungszustands, Hinweise auf einen Gewichtsverlust (Kleidung sitzt locker, Gürtel enger, Hautfalten)
  • Inspektion: Haut und sichtbare Schleimhäute auf Zyanose oder Blässe untersuchen, Überprüfung auf vergrößerte Lymphknoten, insbesondere im Hals- und Klavikularbereich, obere Einflussstauung, Nagelveränderungen
  • Palpation: Abtasten der Lymphknotenstationen (Hals, Achseln, supra- und infraklavikulär)
  • Perkussion: Bei Pleuraerguss: hyposonor
  • Auskultation: Überprüfung auf pathologische Atemgeräusche wie Stridor oder Rasselgeräusche
  • Orientierende neurologische Untersuchung 

Labor

  • Ausschluss von Differentialdiagnosen:
    • Blutbild, Elektrolyte, Nierenwerte, Leberwerte, LDH
  • Bei Verdacht auf eine respiratorische Insuffizienz 
  • Tumormarker: Haben nur wenig Relevanz und werden nicht standardmäßig bestimmt, wenn V.a. ein Lungenkarzinom besteht
    • CYFRA-21-2: Kann vor allem bei NSCLC erhöht sein 
    • NSE: Neuronen-spezifische Enolase: kann bei SCLC erhöht sein
    • LDH: Marker für Zellzerfall, kann bei SCLC erhöht sein

Bildgebende Verfahren

  • Röntgen-Thorax:
    • Indikation: Immer indiziert als Basisdiagnostik zum Staging des Lungenkarzinoms, Lokalisationsdiagnostik
    • Weitere Informationen zur praktischen Befundung siehe Neoplasien im Röntgen-Thorax
  • CT-Thorax:
    • Indikation: Immer indiziert zum Staging des Lungenkarzinoms, Lokalisationsdiagnostik 
    • Durchführung mit Kontrastmittel 
    • Häufig als CT-Thorax + Abdomen durchgeführt (direkter Nachweis von Leber- oder Nebennierenmetastasen
Peripheres Bronchial-Karzinom im Röntgen-Thorax
Peripheres Bronchial-Karzinom im Röntgen-Thorax
CT-Aufnahme eines peripheren Bronchialkarzinoms
Derselbe Tumor im CT

Karzinomverdächtige Befunde in der Bildgebung (Röntgen-Thorax, CT)

  • Pulmonale Rundherde
    • Unscharf begrenzte Transparenzminderungen
    • Ggf. mit Einschmelzungen oder nekrotisch verändert
    • Ggf. mit Spiculae (spitze, ausstrahlende Ausläufer)
    • Größenzunahme im Vergleich zu früheren Aufnahmen
    • Keine Verkalkungen
  • Stenosierter Bronchus mit distaler Atelektasenbildung, poststenotischer Pneumonie oder poststenotischer Überblähung
  • Vergrößerte hiläre oder mediastinale Lymphknoten
  • Pleuraerguss
 Achtung

Jeder pulmonale Rundherd gilt bis zum Beweis des Gegenteils als Lungenkarzinom!

Histologische Sicherung der Diagnose

  • Indikation: Zur Diagnosesicherung sollte immer eine Biopsie des verdächtigen Rundherdes erfolgen
  • Möglichkeiten der Probengewinnung:
    • Transbronchiale Biopsie: Durchführung einer Bronchoskopie mit endobronchialem Ultraschall, auch Feinnadelbiopsie mediastinaler Lymphknoten möglich, ggf. auch transösophageale Biopsie möglich 
    • Transthorakale Biopsien: Bei peripheren Rundherden, CT- oder Sonografie-gesteuert
    • Thorakoskopische Biopsie: VATS = Video assistierte Thorakoskopie mit Probenentnahme, seltener mit offener Thorakotomie 
CT-gesteuerte Biopsie eines Lungenrundherds

Staging-Untersuchungen

Nach Diagnosestellung des Lungenkarzinoms durch die histologische Diagnosesicherung, schließen sich Staginguntersuchungen an. Diese dienen der TNM-Klassifikation, Lokalisationsdiagnostik, Ausschluss von Fernmetastasen und Evaluation der Therapiemöglichkeiten.

  • CT-Thorax mit Kontrastmittel: 
    • Falls noch nicht bei Primärdiagnostik erfolgt
  • Schädel-MRT
    • Indikation: Ausschluss von Hrinmetastasen bei Diagnose eines Lungenkarzinoms mit kurativer Therapieindikation 
    • Alternativ kann auch ein CT des Schädels mit Kontrastmittel durchgeführt werden
  • Sonografie der Leber :
    • Indikation: abdominelle Metastasen vor allem Leber- und Nierenmetastasen
  • CT-Abdomen: ergänzend zur Abdomensonografie
  • Knochenszintigrafie:
    • Indikation: Ausschluss von Knochenmetastasen 
  • PET-CT
    • Indikation: Ausschluss von Fernmetastasen; Detektion von Knochenmetastasen; zur Ausbreitungsdiagnostik als Alternative zum CT-Thorax 
      ➜ Durchführung vor allem bei kurativer Therapieindikation zum Ausschluss von Kontraindikationen
    • Sehr sensitiv einen bisher unbekannten Primärtumor detektieren

Pleurapunktion

  • Indikation: Maligner Pleuraerguss, zytologische Untersuchung auf maligne Zellen
  • Ausschluss einer pleuralen Beteiligung 

Lungenfunktionsdiagnostik

  • Indikation: Präoperativ bei kurativem Therapieansatz
  • Die Lungenfunktionsdiagnostik sollte immer vor invasiven, diagnostischen und/oder therapeutischen Schritten stehen, da hierdurch die Operabilität überprüft wird
  • Patient:innen gelten als operabel und können sich einer Pneumektomie unterziehen, wenn folgende Werte der Lungenfunktionsdiagnostik vorliegen:
    • FEV1 >2 Liter oder 80% des Sollwertes
    • Diffusionskapazität / DLCO >60% des Sollwertes 
  • Für eine Lobektomie gelten ähnliche Grenzwerte:
    • FEV1 >1,5 Liter oder 80% des Sollwertes 
    • Diffusionskapazität / DLCO > 60% des Sollwertes
  • Bei grenzwertigen Befunden kann ergänzend eine Lungenszintigrafie oder eine Spiroergometrie durchgeführt werden

Histopathologie

Genauere histopathologische Untersuchungen nach Biopsie erlauben prognostische Einschätzungen und Hinweise auf Therapiemöglichkeiten 

  • Immunphänotypisierung
  • Molekularpathologische Untersuchungen: Mutationsanalysen von Tumorzellen, z.B. Untersuchung auf Mutationen von BRAF-V600E-Mutation, EGFR, ALK-Translokationen, PD-L1-Expression, etc. 
  • Tuberkulose: Kann Ursache eines pulmonalen Rundherdes sein
  • Lungenmetastasen zum Beispiel Mammakarzinome und kolorektale Karzinome
  • Pleuramesotheliom: Asbest-assoziierte Krebserkrankung
  • Benigne Lungenveränderungen: Fibrome, Chondrome, etc.
  • Sarkoidose: kann eine hiläre Lymphadenopathie verursachen
  • Andere Ursachen von chronischem Husten: Chronische Bronchitis, COPD, Asthma bronchiale

Therapeutische Strategien bei Lungenkarzinom werden je nach Klassifikation des Tumors und Tumorstadium eingesetzt.

  • Vor Therapieentscheidung erfolgt die Besprechung in der Tumorkonferenz
  • Einige der Therapieansätze befinden sich noch in klinischer Forschung
  • Zusätzliche bestimmende Faktoren sind: 
    • Der Allgemeinzustand der Patient:innen (ECOG)
    • Alter
    • Staging
    • Vorerkrankungen
    • Patient:innenwille

Therapieoptionen

Die Therapie des Lungenkarzinoms beinhaltet die folgenden Therapieansätze:

  • Operation: + mediastinale, interlobäre, hiläre Lymphknotendissektion, über VATS oder offene Thorakotomie 
    • Pneumektomie bei zentralen Tumoren
    • Lobektomie/Bilobektomie mit oder ohne Manschettenresektion 
    • Keilresektion: Kleinere, periphere Tumore
  • Radiotherapie: Neoadjuvant und adjuvant
  • Radiotherapie des Schädels
    • Indikation: Kurativer Therapieansatz des SCLC, wenn sich der Tumor in Remission befindet
  • Chemotherapie: Neoadjuvant oder adjuvant 
    • Eingesetzte Substanzen je nach Klassifikation und Therapieregimen: Etoposid, Carboplatin, Cisplatin, Docetaxel, Gemcitabin, Atezolizumab
    • Die Wahl der Chemotherapeutika und ihrer Kombination mit anderen Substanzen wird anhand von histologischen Untersuchungen, Mutationsanalysen und Therapieansprechen getroffen
  • PD-L1-Antagonisten (Durvalumab, Pembrolizumab): Bei histologischen Nachweisen von hoher PD-L1-Expression 
  • VEGF-Inhibitoren (Bevacizumab, Nintendanib, Ramucirumab): Einsatz auch bei fehlenden Treibermutationen möglich in Kombination mit Chemotherapie
  • Individuelle systemische Therapien („Targeted therapies“) nach Mutationsnachweis für folgende Mutationen: 
    • Tyrosinkinase-sensitive EGFR-Mutation: Erlotinib, Afatinib, Gefitinib
    • BRAF-V600E-Mutation
    • ALK-Translokation
    • ROS1-Translokation
    • NTREK-Alteration
    • RET-Alteration
    • cMET-Alteration

Supportive Therapie

  • Frühzeitig palliative Therapiekonzepte in Betracht ziehen
  • Schmerztherapie (WHO-Stufenschema)
  • Behandlung von Knochenmetastasen: Bisphosphonate, Denosumab (Antikörper gegen den RANK-Liganden ➜ hemmt den Knochenabbau durch Osteoklasten), Strahlentherapie
  • Pleurodese bei rezidivierenden Pleuraergüssen
  • Bronchoskopie: Stentimplantation bei Obstruktion, Ablation oder Koagulation von Tumoranteilen in den Bronchien
  • Antiemetische Therapie
  • Anxiolytische Therapie 
  • Behandlung paraneoplastischer Syndrome
  • Da die Diagnose des SCLC meistens spät gestellt wird, kommt häufig nur noch eine systemische Therapie in Betracht
  • Die Therapieentscheidung richtet sich nach der Einteilung in very limited, limited und extensive disease (angelehnt an die UICC-Stadien) ➜ Diese Einteilung ist übersichtlicher, um die Therapieentscheidung nach der Ausbreitung des Tumors zu richten
  • Das SCLC spricht initial meistens gut auf die Chemotherapie an, besitzt aber schlechte Heilungschancen
  • Operation: nur im Stadium der very limited disease ➜ Heilung möglich
  • Radiochemotherapie: Neoadjuvant zu Verkleinerung des Tumors, adjuvant
    • Wahl der Chemotherapeutika: Kombination von Cisplatin + Etoposid, Einsatz und Kombination anderer Substanzen möglich
    • Für targeted therapies fehlt es bisher an Ergebnissen in Studien
    • In allen Stadien prophylaktische Schädelbestrahlung 
Klassifikation und Therapie des SCLC
StadiumMerkmaleAnteilTherapie
Very limited disease
  • Entspricht T1, T2 / N0, N1
  • Metastasen in ipsilateralen LK perihilär
  • Kein maligner Pleuraerguss
  • Keine vollständige Atelektase
5%
  • Kurativer Therapieansatz
  • Operation  
  • Adjuvant (Radio-) Chemotherapie
  • Schädelbestrahlung
  • Alternative: definitive Radiochemotherapie
Limited disease
  • Entspricht T1–T 4, N2–N3
  • LK-Metastasen ipsilateral und kontralateral möglich
  • Keine Infiltration der Thoraxwand
  • Kein maligner Pleuraerguss
20%

➜Tumorausdehnung ermöglicht Therapie

  • Formal kurativer Therapieansatz
  • Definitive Radiochemotherapie
  • Ggf. Schädelbestrahlung
Extensive disease
  • Entspricht M1
  • Kontralaterale LK-Metastasen, supraklavikulär
  • Infiltration der Thoraxwand
  • Maligner Pleuraerguss
  • Lymphangiosis carcinomatosa
75%

➜Tumor zu ausgedehnt für kurative Therapie

  • Palliativer Therapieansatz
  • Chemotherapie: Etoposid + Carboplatin + Atezolizumab
  • Ggf. Radiotherapie des Mediastinums
  • Ggf. Schädelbestrahlung oder MRT-Kontrollen des Schädels

Anmerkungen:

  • Die Einteilung soll die Therapieentscheidung beim SCLC übersichtlicher gestalten
  • Dabei werden die TNM-Stadien durch weitere Merkmale ergänzt, um die lokale Ausdehnung des Tumors besser einschätzen zu können 
 Merke

Die Therapieentscheidung wird anhand der UICC-Stadien getroffen.

Kurativer Therapieansatz: Bis Stadium IIIA

  • Operation: Radikale Lobektomie mit Lymphknotendissektion
  • Alternativen:
    • Parenchymsparende Operationen bei funktioneller Inoperabilität
    • Alternativ: Radiotherapie bei funktioneller Inoperabilität
  • Radiotherapie:
    • Lokale Radiatio bei Infiltration der Thoraxwand
    • Neoadjuvante Radiochemotherapie bei Pancoast-Tumor
  • Chemotherapie: Adjuvant nach Operation in den Stadien II bis IIIA und N2-Lymphknotenstatus
    • Wahl der Chemotherapeutika ist abhängig von der histologischen Tumorentität und den Treibermutationen
  • Therapie mit Durvalumab: Bei PD-L1-positiven Befunden nach Operation 

Palliativer Therapieansatz: Ab Stadium IIIB

  • Chemotherapie: Platinhaltig, ggf. + Bevacizumab
    • Häufig eingesetzte Kombination: Cisplatin + Etoposid
  • Pebrolizumab, Atezolizumab: Bei hoher Expression von PD-L1 (>50%)
  • Individuelle systemische Therapien bei nachgewiesenen Mutationen als Kombinationstherapie zur Chemotherapie oder als Alternative (s.o.)
 Achtung

Der palliative Therapieansatz wird teils schon ab dem Stadium IIIA durchgesetzt ➜ Sobald sehr ausgedehnte oder fixierte Lymphknotenmetastasen vorliegen.

Klassifikation und Therapie des NSCLC anhand der UICC-Stadien
UICCTNM 

Merkmale

Weitere Informationen siehe TNM-Klassifikation

Therapie
0TisCarcinoma in situ
  • Kurativer Therapieansatz: Operation
I

IA: T1, N0

IB: T2a, N0

  • Größter Durchmesser ≤5 cm
  • Kein Lymphknotenbefall
  • Kurativer Therapieansatz: Operation
II

IIA: T2b, N0

IIB: T1, N1

  T2a,b, N1

  T3, N0

  • Größter Durchmesser ≤7 cm
  • Höchstens ipsilaterale LK peribronchial, hilär, intrapulmonal betroffen
  • Tumorausbreitung auf eine Lunge begrenzt 
  • Kurativer Therapieansatz: Operation
  • Adjuvante Chemotherapie
  • Neoadjuvante Chemotherapie ist eine Option 
III

IIIA: T1, N2

  T2a,b, N2

  T3, N1

  T4, N0/N1

  • Alle Tumorgrößen
  • Betroffene Lymphknoten: ipsilateral, peribronchial und/oder intrapulmona
  • Nur eine Seite betroffen 

CAVE: Sehr heterogenes Stadium; teils weitere Einteilung in Untergruppen 

  • Kurativer Therapieansatz bis Stadium IIIA
  • Operation
  • Adjuvante Chemotherapie
  • Neoadjuvante Radiatio des Mediastinums bei N2 erwägen
  • Neoadjuvante Chemotherapie ist eine Option
  • Durvalumab erwägen (abhängig von PD-L1-Expression)

IIIB: T1, N3

  T2a,b, N3

  T3, N2

  T4, N2

IIIC: T3, N3

  T4, N3

  • Alle Tumorgrößen
  • Variabler Lymphkotenbefall, auch der kontralateralen Seite 
  • Palliative Radiochemotherapie
  • Alternative: Neoadjuvante Radiatio und Operation, adjuvante Radiatio
  • Durvalumab erwägen (abhängig von PD-L1-Expression)
  • Ausnahme: Bei solitären Metastasen kurative Therapieansätze möglich
IVM1a, M1b
  • Kontralateraler Tumor, Pleuraerguss, Pleurainfiltration
  • Isolierte Fernmetastase
  • Palliative Chemotherapie
  • Lokaltherapie der Metastasen, Bestrahlung von Hirnmetastasen
  • Ausnahme: Bei solitären Metastasen kurative Therapieansätze möglich 
VM1c 
  • Multiple Fernmetastasen 
 

Metastasierung

  • Hämatogen: Gehirn, Knochen, Leber, Nebennieren
  • Lymphogen: Lymphknoten (mediastinal, supraklavikulär), pulmonal 
  • Lymphangiosis carcinomatosa: Verbreitung von Tumorzellen entlang der Lymphbahnen 

Weitere Komplikationen: 

  • Nervenschädigung durch Kompression: N. phrenicus, Zwerchfellhochstand
  • Maligne Pleuraergüsse
  • Pulmonale Blutungen durch Tumoreinbruch
  • Lungenembolie
  • Die wichtigste Komponente der Prävention ist die Raucherentwöhnung und Vermeidung von Passivrauchen
  • Bei Patient:innen mit beruflichen Risiken sollte der Arbeitsschutz überprüft, regelmäßig kontrolliert und wenn nötig verbessert werden, z.B. nach Asbestexposition
  • Das Lungenkarzinom besitzt durch die fehlenden Frühsymptome und daraus resultierend späte Diagnosestellung generell eine sehr schlechte Prognose
  • Die schlechteste Prognose besitzt das kleinzellige Lungenkarzinom
  • Die Prognose ist abhängig von der Klassifikation des Lungenkarzinoms, histologischen Subtypen, Tumorstadium und –größe und vom Allgemeinzustand der Patient:innen 
  • Die 5-Jahres-Überlebensrate beträgt zwischen 10 und 20%
  • Bei der Diagnosestellung sind nur ca. 35% der Lungenkarzinome noch operabel
  • Molekulare Veränderungen, die speizifische Therapieansätze ermöglichen, können die Prognose verbessern
Algorithmus Lungenkarzinom
Lernkarte Lungenkarzinom
 
Zuletzt aktualisiert am 07.08.2026
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