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Lungenuntersuchung

18 Minuten Lesezeit

Die körperliche Untersuchung der Lunge umfasst Inspektion, Palpation, Perkussion und Auskultation. Bei der Inspektion wird die Atembewegung, Hautfarbe und Thoraxform beurteilt. Die Palpation dient der Feststellung von Thoraxbewegungen und Vibrationen (Stimmfremitus). Die Perkussion ermöglicht die Unterscheidung zwischen luftgefülltem und festem Gewebe durch Abklopfen des Thorax, wobei ein sonorer Klopfschall normal ist und Dämpfung auf Flüssigkeit oder Gewebeverdichtung hinweist. Die Auskultation erfolgt mit dem Stethoskop zur Beurteilung der Atemgeräusche, wobei normale vesikuläre Atemgeräusche von pathologischen Geräuschen wie Rasselgeräuschen, Giemen oder Stridor unterschieden werden. Diese Untersuchung hilft, Erkrankungen wie Pneumonie, Pleuraerguss oder obstruktive Lungenerkrankungen zu diagnostizieren.

 Merke

Die Anamnese umfasst das Erfragen der Beschwerden sowie der (Leidens-)Geschichte des Patienten/ der Patientin. Eine gründliche Anamnese bildet die Grundlage für die folgende Diagnosestellung.

In der pulmologischen Anamnese sollte insbesondere nach den folgenden Symptomen, Vorerkrankungen und Risikofaktoren gefragt werden:

  • Symptome:
    • Husten: Dauer, Art (trocken, produktiv)
    • Auswurf: Menge, Farbe, Konsistenz
    • Atemnot: Häufigkeit, mögliche Auslöser, Tageszeit
    • Thoraxschmerzen: Ort, Charakter, Auslöser
    • Hämoptoe (Bluthusten): Häufigkeit, Menge, Farbe des Bluts
    • Begleitende Symptome: Fieber, ungewollter Gewichtsverlust, Nachtschweiß
  • Allergien:
    • Bekannte Allergien/Unverträglichkeiten
  • Medikamente:
    • Einnahme von Medikamenten, insbesondere von solchen mit möglichen Auswirkungen auf die Lunge (z.B. Bronchodilatatoren, Glukokortikoide, etc.)
  • Vorerkrankungen:
    • Asthma: Diagnose, Therapie, Auslöser, Exazerbationen
    • Chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD): Schweregrad, Raucheranamnese, Exazerbationen
    • Pneumonie: Anzahl der Episoden, Therapie
    • Interstitielle Lungenerkrankungen: Diagnose, Inhalation schädlicher Noxen (z.B. Gase, Stäube, Tabakrauch)
    • Lungenkarzinom: Rauch- und Umweltexposition, Familienanamnese
  • Risikofaktoren:
    • Raucheranamnese: aktueller Raucherstatus, Dauer des Rauchens, Pack-years
    • Berufliche Exposition: Gase, Stäube, Chemikalien, Asbest
    • Umweltexposition: Allergene, Luftverschmutzung, Schadstoffe
    • Familiäre Anamnese: Lungenkrankheiten, genetische Prädispositionen
    • Infektionen: Häufigkeit von Atemwegsinfektionen, Tuberkulose-Risiko
 Tipp

Ein "Pack-year" entspricht dem Rauchen von einer Packung Zigaretten pro Tag für ein Jahr. Eine Person, die beispielsweise 10 Jahre lang täglich 40 Zigaretten (2 Packungen) geraucht hat, kommt auf 20 Pack-years.

Auswurf

AuswurffarbeMögliche medizinische Bedeutung
Gelb-grün
Bakterielle Infektionen
Grün
Pseudomonas-Infektion
Gräulich
Pneumokoniose (Staublunge) oder bakterieller Infekt im Abheilungsprozess

Weiß-glasig

 

Virale Infektionen (z.B. virale Bronchitis)
Blutig
Blut
Zeichen für eine Pneumonie, starkes Husten, Malignom, Lungenembolie, Tuberkulose, Fremdkörperaspiration oder nach Nasenbluten (Epistaxis), Herzinsuffizienz, selten: pulmorenale Syndrome, Lungenabszess oder Aspergillom

Bräunlich-schwarz

 

Altes Blut
Konsistenz 
SchaumigLungenstauung/Lungenödem
ZähflüssigMukoviszidose, Asthma bronchiale

Die Untersuchung der Lunge erfolgt bei freiem Oberkörper der Patient:innen und besteht aus vier Teiluntersuchungen: Inspektion, Palpation, Perkussion und Auskultation.

Die Untersuchung der Lunge erfolgt bei freiem Oberkörper der Patient:innen und besteht aus vier Teiluntersuchungen: Inspektion, Palpation, Perkussion und Auskultation.

Inspektion

Thoraxformen

Übersicht über verschiedene Fehlstellungen der Wirbelsäule:

Übersicht über verschiedene Fehlstellungen der Wirbelsäule

Auf folgende Charakteristika ist zu achten:

  • Thoraxform und Fehlstellungen der Wirbelsäule (s.o.)
  • Atemfrequenz: sollte über eine Minute hinweg ausgezählt werden (Tachypnoe >20 Atemzüge/min, Bradypnoe <10 Atemzüge/min)
  • Achte auf pathologische Atemmuster:
AtmungAtmungsmusterBeschreibungAuftreten
Normal
Physiologisches Atemmuster
Normopnoe (10-20 Atemzüge/min)Physiologisches Atemmuster
Schnappatmung
Schnappatmung
Einzelne tiefe Atemzüge gefolgt von AtempausenBei Kreislaufstillstand
Kußmaul-Atmung
Kußmaul-Atmung
Regelmäßige, tiefe AtemzügeAzidose-Atmung (z.B. bei metabolischer Azidose)
Cheyne-Stokes-Atmung
Cheyne-Stokes-Atmung
Zyklisches Atemmuster mit abwechselnd zunehmender und abnehmender Atemtiefe, gefolgt von einer AtempauseBei Schädigung des Atemzentrums 
(z.B. Schlaganfall)
Biot-Atmung
Biot-Atmung
Gruppen gleichmäßig tiefer Atemzüge, unterbrochen durch Perioden von AtempausenBei Schädigung des Atemzentrums (z.B. bei erhöhtem Hirndruck oder Hirntumoren)
  • Zeichen der Dyspnoe
    • Einsatz der Atemhilfsmuskulatur (z.B. Kutschersitz)
    • Lippenbremse: Ausatmung bei kleiner Mundöffnung, führt zu erhöhtem Druck in den Atemwegen und verhindert insbesondere bei obstruktiven Lungenerkrankungen den Atemwegskollaps
    • Orthopnoe: Besserung der Dyspnoe durch eine erhöhte Lagerung des Oberkörpers (Symptom der Linksherzinsuffizienz)
    • Interkostale Einziehungen (insbesondere bei Kindern)
  • Zeichen einer Hypoxie:
    • Zyanose (bläuliche Verfärbung der Haut bzw. Schleimhaut)
    • Trommelschlägelfinger (kolbenförmig aufgetriebene Fingerendglieder)
    • Uhrglasnägel (vergrößerte, rundlich geformte Nägel mit Wölbung nach unten)
Zeichen einer Hypoxie
  • Hinweise auf Rauchen
    • Gelbliche Verfärbung der Finger und Nägel des Zeige- und Mittelfingers
    • Gelbliche Verfärbung der Zähne oder des Bartes
    • Geruch nach Rauch 

Die Hände werden flächig auf den Rücken der Person gelegt. Nun wird auf die Atemsymmetrie geachtet. Thoraxkompressionen sollten mit beiden Händen von lateral sowie von ventrodorsal durchgeführt werden. Normalerweise ist der Thorax stabil und die Palpation ist schmerzlos möglich. Spürst du Krepitationen, könnte eine Fraktur vorliegen. Ein palpatorisches Knistern kann auf ein Hautemphysem hinweisen. 

Stimmfremitus

  • Prüfung der Weiterleitung tieffrequenter Töne
  • Hände seitlich auf den Rücken der Person legen und diese mit tiefer Stimme „99“ sagen lassen
  • Verstärkte Vibration deutet auf pulmonale Infiltration hin (z.B. Pneumonie, Lungenstauung)
  • Verminderte Vibration entsteht durch Luft oder Flüssigkeit im Pleuraspalt (z.B. Pneumothorax oder Pleuraerguss)
Stimmfremitus

Die indirekte Perkussion wird in allen Abschnitten der Lunge im direkten Seitenvergleich in einem mäanderförmigen Verlauf von kranial nach kaudal durchgeführt. Für die Perkussion von dorsal kann das dargestellte Perkussionsschema verwendet werden. Bei der Perkussion von ventral ist besonders auf die Perkussion der Lungenspitzen oberhalb der Clavicula und des rechten Mittellappens zu achten.

Perkussion der Lunge
 Tipp

Durch die Leber ist die untere Lungengrenze der rechten Lunge häufig ca. 1 cm höher.

Der Klopfschall wird nach folgenden Qualitäten beurteilt:

  • Sonor = physiologisch
  • Hypersonor: lauter, langer und tiefer Ton (durch übermäßigen Luftgehalt, 
    z.B. Pneumothorax oder Lungenemphysem)
  • Hyposonor/gedämpft: leiser, kurzer und hoher Ton (durch vermehrte Flüssigkeit, z.B. Pleuraerguss oder Pneumonie)
  • Tympanitisch: lauter, langer und tiefer Ton über luftgefüllten Darmschlingen 
 Achtung

Pathologien, die kleiner als 4-5 cm sind, können mit der indirekten Perkussion nicht erkannt werden.

Bestimmung der Lungengrenzen und Atemverschieblichkeit

Die indirekte Perkussion dient außerdem zur Beurteilung der Lungengrenzen und der Atemverschieblichkeit der Lunge. Die physiologische Verschieblichkeit beträgt 
5-6 cm (ca. 2-3 Fingerbreiten).

  • Durchführung:
    • Bitte die Person so tief wie möglich auszuatmen (maximale Exspiration) und dann die Luft kurz anzuhalten ➜ Perkussion von kranial nach kaudal entlang der Skapularlinie
    • Die Lungengrenze befindet sich beim Übergang von sonorem Klopfschall zu gedämpftem Klopfschall ➜ vorsichtige Markierung mit dem Fingernagel
    • Wiederholung bei maximaler Inspiration ➜ Bestimmung der Atemverschieblichkeit
Atemverschieblichkeit der Lunge

 

Die Auskultation erfolgt in einer aufrecht sitzenden Position mit Atmung durch den geöffneten Mund. Die Auskultation sollte nicht durch die Kleidung der Patient:innen erfolgen, da dadurch die Atemgeräusche gedämpft werden und der Befund verfälscht werden kann. Anschließend wird das Stethoskop wie in der Abbildung – jeweils im Seitenvergleich – angesetzt. An jedem Auskultationspunkt sollte ein Atemzyklus mit vollständiger Ein- und Ausatmung auskultiert werden.

 

Auskultation der Lunge
AuskultationsbefundBeschreibungMögliche Ursache
Physiologische Atemgeräusche
Vesikulär (peripheres Atemgeräusch)Niederfrequentes, leises GeräuschNormaler Befund
Bronchialatmen über der Trachea (zentrales Atemgeräusch)Über der Trachea als hochfrequentes, lautes GeräuschNormaler Befund über den zentralen Atemwegen
EntfaltungsknisternFeines Knistern am Ende der Inspiration, verschwindet nach wenigen AtemzügenEntfaltung unbelüfteter Lungenabschnitte
Pathologische Atemgeräusche
Bronchialatmen über peripherem LungengewebeHochfrequentes, lautes Geräusch durch Verdichtung der LungePneumonie, Atelektase
Abgeschwächtes oder fehlendes AtemgeräuschLeises oder fehlendes AtemgeräuschÜberblähung, Pneumothorax, Pleuraerguss
Diskontinuierliche Nebengeräusche (früher: feuchte Rasselgeräusche)
Feinblasige RasselgeräuscheVergleichbar mit dem Reiben von Haaren zwischen den FingernPneumonie, interstitielles Lungenödem
Grobblasige RasselgeräuscheWie grobblasiges BlubbernAlveoläres Lungenödem, Bronchiektasen
Knisterrasseln (Sklerosiphonie)Wie, wenn man durch hohen Schnee läuft, vor allem endinspiratorisch und basalLungenfibrose
PleurareibenWie Leder, das aneinander gerieben wird („Lederknarren“)Pleuritis sicca
Kontinuierliche Nebengeräusche (früher: trockene Rasselgeräusche)
Brummen (engl. rhonchi)Niederfrequentes GeräuschFlottierender Schleim/Sekrete in großen Atemwegen
Giemen (engl. wheeze)Lautes hochfrequentes Pfeifen, das bei Luftbewegung durch verengte Atemwege entstehtHochgradige Verengungen der Atemwege, (z.B. Asthma, COPD)
Inspiratorischer StridorHochfrequentes Geräusch, oft bereits ohne Stethoskop hörbarVerengung der oberen Atemwege (Epiglottis, Fremdkörper)

Bronchophonie

Bei der Bronchophonie wird die Schallleitung hochfrequenter Töne durch Auskultation geprüft, während die untersuchte Person das Wort „sechsundsechzig“ flüstert. Hohe Frequenzen werden normalerweise durch das Lungengewebe gedämpft. Eine verstärkte Übertragung deutet auf pathologische Verdichtungen des Lungengewebes hin, wie sie z.B. bei einer Pneumonie auftreten. Luft- oder Flüssigkeitsansammlungen (z.B. Pneumothorax oder Pleuraerguss) können die Übertragung einschränken und die Bronchophonie vermindern.

Bronchophonie
 Tipp

Zu Beginn der klinischen Praxis kann es herausfordernd sein, auskultatorische Befunde sicher zu identifizieren. Es ist empfehlenswert, bei Patient:innen mit bekannten Atemwegserkrankungen wie Asthma, COPD oder Lungenfibrose gezielt die Auskultation zu üben, um charakteristische Geräusche besser kennenzulernen und zu verinnerlichen.

Zuletzt aktualisiert am 24.04.2026
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