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Maschinelle Beatmung

19 Minuten Lesezeit

Die maschinelle Beatmung ist ein entscheidender Bestandteil der Anästhesie. Sie kommt bei fehlender oder unzureichender Spontanatmung zum Einsatz (respiratorische Insuffizienz). Die maschinelle Ventilation durch das Beatmungsgerät ermöglicht einen kontrollierten Gasaustausch mit Oxygenierung und CO2-Elimination. Dabei können das Atemzugvolumen (AZV, Vt)/Inspirationsdruck (Pinsp), die Atemfrequenz (f), PEEP, Inspirations-Exspirations-Verhältnis (I/E) und der inspiratorische Sauerstoffgehalt präzise gesteuert werden.

Das Atmungssystem lässt sich in zwei Kompartimente unterteilen:

  1. Die Lunge als Gasaustauschorgan
  2. Die Atempumpe (Atemmuskulatur, Atemzentrum etc.).

Entsprechend wird die respiratorische Insuffizienz in Lungenparenchymschaden (Oxygenierungsproblem) und Atempumpversagen (Ventilationsproblem) unterteilt.

Respiratorische Insuffizienz
 Definition

Maschinelle Beatmung: Medizinisches Verfahren zur Unterstützung oder vollständigen Übernahme der Atmungsfunktion einer Person durch ein Beatmungsgerät (Respirator), das die kontrollierte Zufuhr von Sauerstoff und die Entfernung von Kohlendioxid (CO2) sicherstellt.

Vergleich von physiologischer Atmung und maschineller Beatmung

Physiologisch wird bei der Inspiration ein Unterdruck erzeugt, der das Atemgas in die Lunge „saugt“. Bei der maschinellen Beatmung wird im Gegensatz dazu ein Überdruck erzeugt, der das Atemgas in die Lunge „presst“.

Hämodynamische Effekte der maschinellen Beatmung:

  • Erhöhter intrathorakaler Druck
  • Erhöhter pulmonaler Gefäßwiderstand (PVR)
  • Erhöhte rechtsventrikuläre Nachlast
  • Erniedrigte rechtsventrikuläre Vorlast
  • Erniedrigte linksventrikuläre Vorlast
  • Abfall des Herzzeitvolumens
Vergleich von physiologischer Atmung und maschineller Beatmung

Übersicht über verschiedene Formen der Beatmung

Bei den verschiedenen Unterkategorien der maschinellen Beatmung kann eine grobe Unterscheidung zwischen assistierter und kontrollierter Beatmung vorgenommen werden, wobei diese wiederum volumen- oder druckbasiert sein können.

 Assistierte BeatmungKontrollierte Beatmung
DefinitionSynchronisierte Unterstützung bei erhaltener SpontanatmungBeatmungsgerät übernimmt komplett die physiologische Atmungsfunktion
→ Fehlende oder stark eingeschränkte Spontanatmung
BeatmungVolumen-unterstütztDruckunterstütztVolumen-kontrolliertDruckkontrolliert

Im Allgemeinen werden volumen- und druckkontrollierte Beatmungsformen als gleichwertig angesehen, sofern die Grenzwerte der lungenprotektiven Beatmung eingehalten werden.

 Volumenkontrollierte Beatmung (VCV)Druckkontrollierte Beatmung (PCV)
Beatmungzyklus
Volumenkontrollierte Beatmung (VCV)
Druckkontrollierte Beatmung (PCV)
Einstellbare Beatmungsparameter
  • Atemzugvolumen (AZV, Vt,Tidalvolumen)
  • Beatmungsfrequenz (f)
  • PEEP
  • Inspirations-Exspirations-Verhältnis (I/E) 
    → Aus dem eingestellten Atemzugvolumen resultiert ein entsprechender Beatmungsdruck (Pinsp)
    → Drucklimitierung (Pmax)
  • Inspirationsdruck (Pinsp)
  • Beatmungsfrequenz (f)
  • PEEP
  • Inspirations-Exspirations-Verhältnis (I/E) 
    → Aus dem eingestellten Inspirationsdruck resultiert abhängig von der Compliance der Lunge das applizierte Atemzugvolumen

Vorteile

  • Konstantes Atemzugvolumen auch bei intraoperativen pulmonalen Druckveränderungen
    → z.B. Laparoskopie
  • Gute Druckkontrolle mit geringerer Gefahr eines Barotraumas
  • Konstantes inspiratorisches Druckplateau und der dezelerierende Flow → Öffnung kollabierter Alveolen

Nachteile

  • Potentielle Gefahr eines Barotraumas durch hohen Spitzendruck
    → Es sollte eine Drucklimitierung (Pmax ≤30 cmH₂O) eingestellt werden
  • Pulmonale Druckveränderungen können mit schwankenden Atemzugvolumina einhergehen 
    → Gefahr der Hyper- oder Hypoventilation mit konsekutiver respiratorischer Alkalose oder Azidose
  • Bsp.: Laparoskopie: Kapnoperitoneum führt zu einem erhöhten pulmonalen Druck → Geringeres Atemzugvolumen → Pinsp muss angepasst werden, um eine ausreichende Ventilation zu gewährleisten

PEEP (Positive EndExspiratory Pressure)

  • Definition: Positiver Druck, der am Ende der Ausatmung in den Atemwegen aufrechterhalten wird, um die Lungenbelüftung zu verbessern und das Kollabieren der Alveolen zu verhindern
  • Vorteile:
    • Verbesserte Oxygenierung der Lunge durch Offenhalten der Alveolen
    • Erhöhte funktionelle Residualkapazität (FRC)
    • Senkung der linksventrikulären Vorlast
    • Verbesserte Compliance
      → Maschinelle Beatmung: geringere Beatmungsdrücke notwendig
      → Bei erhaltener Spontanatmung: reduzierte Atemarbeit
  • Nachteile: insbesondere bei hohem PEEP
    • Erhöhter intrathorakaler Druck 
      → Reduzierter venöser Rückstrom zum Herzen → Reduziertes Herz-Zeit-Volumen
      → Erhöhter Hirndruck durch verminderten venösen Abfluss
    • Erhöhter intrapulmonaler Druck
      → Ab einem bestimmten Druckniveau nimmt die Compliance der Lunge wieder ab
      → Barotrauma
  • Standardeinstellung: 5–7 cmH2O
 Info

PEEP beim kardialen Lungenödem

PEEP beim kardialen Lungenödem

Inspirationsdruck (Pinsp)

  • Definition: der vom Beatmungsgerät während der Inspiration erzeugte Druck, um die Atemgase in die Lungen zu befördern
  • Allgemein:
    • Bei PCV: direkt einstellbar
    • Bei VCV: der Inspirationsdruck resultiert aus dem eingestellten Atemzugvolumen → Drucklimitierung
  • Standardeinstellung: ~10–15 cmH2O (Lungengesunde)

Inspiratorische Sauerstofffraktion (FiO2)

  • Definition: Volumenanteil von Sauerstoff im eingeatmeten Gasgemisch
  • Bereich: 0,21 bis 1,0 (21 % bis 100 %)
  • Allgemein:
    • Durch Applikation von 100 % Sauerstoff bei Ein- und Ausleitung kann eine Sauerstoffreserve aufgebaut werden → Verlängert die Zeit bis zum Auftreten einer Hypoxie
    • Resorptionsatelektasen
    • Eine hohe FiO2 (>60 %) über mehrere Tage führt durch reaktive Sauerstoffspezies zu Gewebeschädigung und Lungenfibrose

Atemzugvolumen (Vt, Tidalvolumen)

  • Definition: während eines Beatmungs- bzw. Atemzyklus ein- und ausgeatmetes Volumen
  • Allgemein
    • Bei VCV: direkt einstellbar
    • Bei PCV: Atemzugvolumen resultiert aus eingestelltem Inspirationsdruck (Pinsp) und der Compliance der Lunge
  • Zielwert: 6–8 ml/kgKG (Ideales Körpergewicht)

Beatmungsfrequenz

  • Definition: Anzahl der Atemzüge pro Zeiteinheit (meist Minuten)
  • Allgemein
    • Bei Einstellung auf ausreichendes Atemzugvolumen achten
    • Auf Veränderungen der pH und paCO2-Werte bei Hyper- oder Hypoventilation achten
    • Vermeidung von „Air-Trapping“ (Anstieg des endexspiratorischen Lungenvolumens durch zu hohe Atemfrequenz)
 Tipp

Atemfrequenz (min) = 60/Atemzykluszeit (sek). Die Atemzykluszeit ist von Beginn der Inspiration bis Ende der Exspiration. Bsp. Atemzykluszeit von 6 sek: 60/6= 10/min. Die Atemfrequenz beträgt 10 Atemzüge pro Minute.

Inspirations-Exspirations-Verhältnis (I/E, Atemzeitverhältnis)

  • Definition: Verhältnis von Inspirationszeit zu Exspirationszeit
  • Allgemein
  • Physiologisch:
    • Erwachsene: 1:1,5 bis 1:2,5
    • Kindern: 1:1
  • Intraoperativ: ~1:1,5 bis 1:2
  • Bei Obstruktion (z.B. COPD): bei zu kurzer Exspirationszeit ist bei obstruktiver Lungenerkrankung keine vollständige Ausatmung mehr möglich → Es kann zu einer sukzessiven Überblähung der Lunge kommen („Air-Trapping“)
 Achtung

Eine Beatmung mit umgekehrtem Atmungszeitverhältnis (Inspirationszeit > Exspirationszeit) wird nicht empfohlen.

Flow (Gasflow)

  • Inspirationsflow:
    • Flussgeschwindigkeit eines bestimmten Atemvolumens bei Inspiration (l/min)
    • Je größer der Inspirationsflow ist, desto schneller erfolgt die Dehnung der Lunge
  • Frischgasflow:
    • Von außen zugeführte Frischgasmenge
    • Bei Ein- und Ausleitung: hoher Frischgasflow (4–6 l/min) wichtig für das rasche An- und Abfluten der Inhalationsanästhetika
    • Intraoperativ: Minimal-Flow-Narkose (Frischgasflow: 0,5 l/min) oder Low-Flow-Narkose (Frischgasflow: 1 l/min) → Reduzierter Verbrauch von Narkosegasen durch Rückatmung

Grundeinstellungen des Beatmungsgeräts:

  • Beatmungsform: PCV oder VCV
  • PEEP: 5–7 cmH2O
  • Pinsp: 10–15 cmH2O einstellen bzw. anstreben
  • FiO2
    • Bei Ein- und Ausleitung: 1,0 → Um Sauerstoffreserve aufzubauen
    • Intraoperativ: ~0,4–0,8 (je nach Standard der Klinik und Vorerkrankungen)
  • Atemzugvolumen: 6–8 ml/kgKG (Standardgewicht) einstellen bzw. anstreben
  • Beatmungsfrequenz: 10–12/min
  • I/E: 1:2 (~ Inspirationszeit Tinsp= 1,7 sek)
  • Frischgasflow: initial 4–6 l/min, im Verlauf reduzieren

Beispielhafte Darstellung eines Monitors eines Beatmungsgeräts

Beispielhafte Darstellung eines Monitors eines Beatmungsgeräts

Lungenprotektive Beatmung (bei Acute Respiratory Distress Syndrome/ARDS)

Das Acute Respiratory Distress Syndrome (ARDS) ist eine schwere hypoxämische respiratorische Insuffizienz, die durch eine akute Schädigung der Lunge gekennzeichnet ist. Es ist charakterisiert durch eine erhöhte Permeabilität der alveokapillären Membran, eine Entzündungsreaktion und die Ausbildung eines Lungenödems. Durch eine lungenprotektive Einstellung der Beatmungsparameter sollen beatmungsbedingte Schäden (Baro- oder Volutrauma) vermieden werden.

  • Atemzugvolumen (VT): 6 ml/kgKG Ideales Körpergewicht (4–8 ml/kgKG Ideales Körpergewicht) → Um Volutrauma zu vermeiden
  • Plateaudruck (Pplat): ≤30 cmH₂O → Um Barotrauma zu vermeiden
  • Driving Pressure (ΔP = Pplat – PEEP): <14-15 cmH2O als prognostisch relevanter Zielparameter
  • PEEP: Individuell titriert, häufig initial 8–15 cmH2O, angepasst an Oxygenierung und Compliance
  • Atemfrequenz: 12–20/min, bei Hyperkapnie ggf. moderat steigerbar unter Beachtung von Air Trapping
  • Inspirations-/Exspirationsverhältnis (I:E): Meist 1:1 bis 1:2, ausreichend lange Exspirationszeit zur Vermeidung eines intrinsischen PEEP
  • Oxygenierungsziel: SpO: 92–96 %, PaO: 70–90 mmHg
  • FiO₂: Niedrigstmöglicher Wert zur Erreichung des Oxygenierungsziels → Vermeidung von Sauerstofftoxizität bei längerer Beatmung
  • Permissive Hyperkapnie: erhöhte PaCO-Werte tolerierbar, sofern pH ≥7,2 aufrechterhalten wird
  1. Abfall der Sauerstoffsättigung
  2. Auffällige Kapnografiebefunde
  3. Bronchospasmus

Abfall der Sauerstoffsättigung

  • Initial: FiO2 auf 1,0 erhöhen
  • DOPES“ (Ursachen) herausfinden und beheben

DOPES-Schema

 Definition

Kapnografie ist eine Überwachungstechnik, die kontinuierlich den Kohlendioxidgehalt in der Atemluft eines Patienten misst und die Daten grafisch als Kurve (Kapnogramm) darstellt. 

Kapnometrie hingegen bezieht sich auf das einmalige direkte Messung des Kohlendioxid-Gehalts in der ausgeatmeten Luft.

1.Normale Kapnografiekurve

  • (1) Abatmung des Totraumvolumens mit geringem CO2-Gehalt
  • (2) Anstieg: Abatmung CO2-haltiger Luft aus den Alveolen
  • (3) Plateauphase: die Kurve steigt nur noch langsam an die Luft kommt fast ausschließlich aus den Alveolen
    → Der höchste CO2-Wert wird am Ende des Plateaus erreicht (endtidaler CO2-Partialdruck/etCO2)
  • (4) In der Inspiration fällt die Kurve fällt steil ab
Normale Kapnografiekurve

2. Erniedrigte Kapnografiekurve

  • Erklärung: weniger CO2 wird abgeatmet (<30 mmHg)
  • Mögliche Ursachen:
    • Hyperventilation
    • Reduzierter Stoffwechsel (Hypothermie)
Erniedrigte Kapnografiekurve

3. Erhöhte Kapnografiekurve

  • Erklärung: mehr CO2 wird abgeatmet (>45 mmHg)
  • Mögliche Ursachen:
    • Hypoventilation
    • Gesteigerte CO2-Produktion (z.B. maligne Hyperthermie)
Erhöhte Kapnografiekurve

4. Schräges Plateau: „Sägezahn- oder Haifischkonfiguration“

  • Erklärung: verzögerte Entleerung der Alveolen
  • Mögliche Ursachen:
    • Obstruktion (Asthma, COPD)
    • Verlegung von Tubus oder Beatmungsschlauch
Schräges Plateau: „Sägezahn- oder Haifischkonfiguration“

5. Unterbrechung des Kurvenverlaufs

  • Erklärung: der normale Kurvenverlauf wird durch Einschnitte oder Auslenkungen kurzfristig unterbrochen
  • Mögliche Ursachen:
    • Pressen durch Patient:innen
    • Spontanatmungsversuche
    • Druck von außen auf den Thorax (z.B. durch Operateur)
Unterbrechung des Kurvenverlaufs

6. Oszillation der Kurve

  • Erklärung: pulssynchrone Oszillation während der Inspiration
  • Mögliche Ursachen:
    • Mangelnder Frischgasfluss
Oszillation der Kapnografiekurve

7. Fehlender Abfall auf die Nullinie

  • Erklärung: inspiratorisches CO2 
    (CO2-Rückatmung)
  • Mögliche Ursachen:
    • Atemkalk verbraucht
    • Beatmungsgerät falsch konnektiert
Fehlender Abfall der Kapnografiekurve auf die Nullinie

8. Abfallen der Kurve

  • Erklärung: die anfänglich normale Kurve wird mit jedem Atemzug flacher
  • Mögliche Ursachen:
    • Low-Output-Syndrom: Lungenembolie, Myokardinfarkt
    • Ösophageale Fehlintubation (Abatmung von CO2 aus dem Magen)
Abfallen der Kapnografiekurve
  • Ursächlichen Reiz stoppen
  • FiO2 auf 1,0 erhöhen, Frischgasfluss (>10 l/min)
  • Manuelle Beatmung 
    → Häufig erschwerte Beatmung
    → „Air-Trapping“ mit fehlender Füllung des Beatmungsbeutels bei Exspiration
  • Narkose vertiefen (Propofol, Inhalationsanästhetika)
  • Bronchospasmolyse: β2-Sympathomimetika
    • Intravenös: Reproterol (0,09 mg i.v. als langsame Injektion über 30 bis 60 sek)
    • Inhalativ: Salbutamol (1–2 Sprühstöße bei Inspiration über Tube Inhaler)
Zuletzt aktualisiert am 04.05.2026
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