Die Urolithiasis bezeichnet die Bildung von Harnsteinen in den Nieren oder ableitenden Harnwegen. Klinisch relevant wird sie vor allem, wenn ein Stein den Harnleiter (Ureter) verlegt und dadurch eine akute Harnabflussstörung mit Nierenkolik verursacht.
Die Nierenkolik ist durch plötzlich einsetzende, stärkste kolikartige Flankenschmerzen gekennzeichnet. Typisch ist eine Ausstrahlung in den Unterbauch, die Leiste oder die Genitalregion. Häufig treten vegetative Begleitsymptome wie Übelkeit, Erbrechen, Kaltschweißigkeit und eine ausgeprägte motorische Unruhe auf.
Besondere Aufmerksamkeit erfordern Warnzeichen einer komplizierten Urolithiasis. Fieber, Schüttelfrost, Anurie, Kreislaufinstabilität oder eine Einzelniere können auf eine infizierte Harnabflussstörung, Urosepsis oder eine relevante Nierenfunktionsstörung hinweisen und stellen einen urologischen Notfall dar.
Präklinisch stehen eine frühzeitige und suffiziente Analgesie, das Erkennen von Red Flags sowie der zeitnahe Transport in eine Klinik mit urologischer Versorgung im Vordergrund.
Um den Einstieg in das Thema Nierensteinleiden etwas zu erleichtern, wird im Folgenden ein Fall beschrieben, wie er sich präklinisch ereignen könnte.
Beim Eintreffen werdet ihr von der Tochter des Patienten empfangen, die euch direkt zum Patienten führt.
Dieser sitzt am Esstisch, hält sich schmerzbedingt die rechteFlanke und wirkt kaltschweißig sowie sichtlich unruhig
Die Beschwerden seien plötzlich während des Abendessens aufgetreten. Hinweise auf ein Trauma bestehen nicht
Der Patient berichtet von bereits mehrfach aufgetretenen Nierensteinen in der Vorgeschichte
Die aktuelle Schmerzsymptomatik empfindet er als gleichwertigzudendamaligenEpisoden
Ersteindruck nach xABCDE-Schema
Um sich einen ersten umfassenden Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten in einer Notfallsituation zu verschaffen, bietet sich das xABCDE-Schema an. Um die Arbeit mit dem Schema zu veranschaulichen, ist hier ein xABCDE-Schema abgebildet, wie es im Falle einer Ersteinschätzung bei einer Patientin oder einem Patienten mit Nierensteinleiden aussehen könnte.
Es handelt sich dabei um die Befunde, die innerhalb der ersten paar Minuten erhoben werden können. Erweiterte Diagnostik und Abfragen sind natürlich von Bedeutung, jedoch würde zum Beispiel die Messung des Blutzuckers in diesem Fall hintangestellt und taucht zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf.
x
Keine kritischen Blutungen
A
Atemwege frei
Schleimhäute rosig
Pat. spricht selbständig
Kein A-Problem
B
Inspektorisch:
Thoraxexkursion bds. normal
Inspektorisch unauffällig
Keine gestauten Halsvenen
Auskultatorisch:
Vesikuläres Atemgeräusch bds.
Palpatorisch:
Keine Krepitation spürbar
Thorax insgesamt stabil
Atemfrequenz: 18/min
SpO2: 99 %
Kein B-Problem
C
Hautkolorit rosig
Insgesamt kaltschweißig
Recap-Zeit: <2 Sekunden
Große Blutungsräume ohne Zeichen auf akute Blutungen
Das hier gezeigte Assessment vermittelt nur einen exemplarischen ersten Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten. Im Verlauf der Behandlung müssen weitere Maßnahmen ergriffen und Informationen gesammelt werden. Das Schema erhebt daher keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern soll lediglich einen praktischen Einstieg in das Thema ermöglichen.
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Definition
Urolithiasis
Urolithiasis bezeichnet das Auftreten von Harnsteinen innerhalb der harnableitenden Organe. Die Steine entstehen durch die Ausfällung und Kristallisation gelöster Substanzen im Urin und können sich in der Niere, im Harnleiter, in der Harnblase oder seltener in der Harnröhre befinden.
Definition
Nierenkolik
Die Nierenkolik ist eine plötzlich einsetzende, sehr starke, krampfartige Schmerzattacke, die meist durch eine akute Harnabflussstörung infolge eines Harnsteins im Ureter verursacht wird. Der Harnstau führt zu einer Druckerhöhung im Harntrakt sowie zu reflektorischen Spasmen der Harnleitermuskulatur, wodurch die typischen kolikartigen Schmerzen entstehen.
Lokalisation
Nephrolithiasis: Harnstein befindet sich im Nierenbecken oder Nierenkelchsystem
Ureterolithiasis: Harnstein liegt im Harnleiter und kann den Harnabfluss behindern
Zystolithiasis: Harnstein befindet sich in der Harnblase
Urethralithiasis: Harnstein liegt in der Harnröhre und kann zu einer akuten Harnabflussstörung führen
Epidemiologie
Häufigkeitsgipfel: Erkrankungen treten bevorzugt zwischen dem 30. und 60. Lebensjahr auf
Geschlechtsverteilung: Männer sind häufiger betroffen als Frauen
Prävalenz: Etwa 5 % der Bevölkerung in Deutschland entwickeln im Laufe ihres Lebens Harnsteine
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Info
Die Nierenkolik entsteht in den meisten Fällen durch einen Harnstein, der den Harnleiter verlegt und eine akute Harnabflussstörung verursacht. Die Entstehung von Harnsteinen wird durch Stoffwechselstörungen, Harnwegsinfektionen, Flüssigkeitsmangel und anatomische Abflussbehinderungen begünstigt.
Harnsteine: häufigste Ursache einer Nierenkolik. Meist handelt es sich um Calciumoxalat-, Harnsäure-, Struvit- oder Zystinsteine, die den Harnleiter verlegen und eine akute Harnabflussstörung verursachen
Stoffwechselstörungen: eine Hyperkalzämie, Hyperurikämie oder Hyperoxalurie begünstigt die Kristallbildung und erhöht das Risiko für Harnsteine
Ernährung und Flüssigkeitsmangel: eine geringe Flüssigkeitszufuhr sowie eine eiweiß- oder purinreiche Ernährung führen zu einer erhöhten Konzentration steinbildender Substanzen im Urin
Harnwegsinfektionen: insbesondere ureasebildende Bakterien wie Proteus oder Klebsiella fördern die Entstehung von Struvitsteinen.
Anatomische Abflussstörungen: Veränderungen wie Ureterabgangsstenosen, Tumoren oder eine retroperitoneale Fibrose können den Harnabfluss behindern und die Steinbildung begünstigen
Medikamente: bestimmte Arzneimittel, z.B. Aciclovir, Sulfonamide oder eine hochdosierte Vitamin-D-Therapie, können durch Kristallbildung oder Veränderungen der Urinzusammensetzung zur Steinentstehung beitragen
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Merke
Reminder: physiologische Grundlagen
Das Harnsystem dient der Bildung, dem Transport und der Ausscheidung von Urin. Es besteht aus Nieren, Harnleitern, Harnblase und Harnröhre.
Niere (Ren):
Bildet durch Filtration des Blutes den Urin
Reguliert den Flüssigkeits- und Elektrolythaushalt
Der gebildete Urin wird über die Nierenkelche in das Nierenbecken geleitet
Harnleiter (Ureter):
Muskuläre Verbindung zwischen Nierenbecken und Harnblase
Transportiert den Urin durch peristaltische Kontraktionen zur Harnblase
Besitzt drei physiologische Engstellen, an denen Harnsteine besonders häufig stecken bleiben:
Übergang vom Nierenbecken in den Harnleiter
Kreuzung der Beckengefäße
Einmündung in die Harnblase
Harnblase (Vesica urinaria):
Speichert den Urin bis zur Miktion
Kann sich je nach Füllungszustand erheblich ausdehnen
Harnröhre (Urethra):
Leitet den Urin aus der Harnblase nach außen
Beim Mann zusätzlich Transportweg für das Ejakulat
Das Nierensteinleiden (Urolithiasis) entsteht durch eine Übersättigung des Urins mit steinbildenden Substanzen, wodurch Kristalle entstehen, zu größeren Konkrementen anwachsen und im Harntrakt verbleiben können. Die daraus resultierenden mechanischen Reizungen und Abflussstörungen bilden die Grundlage für zahlreiche Beschwerden und Komplikationen.
Im Folgenden wird die Pathophysiologie der Nierenkolik als häufigste und klinisch bedeutsamste Manifestation der Urolithiasis erläutert.
Harnabflussstörung und Druckanstieg
Steinimpaktion: Ein Harnstein bleibt meist an einer physiologischen Engstelle des Harnleiters hängen → Behinderung des Harnabflusses
Harnstau: Rückstau des Urins bis in das Nierenbeckenkelchsystem → Anstieg des intraluminalen Drucks
Kapseldehnung: Der erhöhte Druck führt zur Dehnung von Nierenbecken und Nierenkapsel → Aktivierung nozizeptiver Schmerzrezeptoren
Engstellen des Harnleiters
Entstehung der Nierenkolik
Verstärkte Ureterperistaltik: Der Harnleiter versucht durch kräftige Kontraktionen das Hindernis zu überwinden → sogenannte Steintransportkontraktionen
Muskelspasmen: Unkoordinierte Kontraktionen der glatten Muskulatur führen zu den typischen kolikartigen Schmerzen
Lokale Entzündungsreaktion: Reizung der Harnleiterwand durch den Stein → Freisetzung von Entzündungsmediatoren → zusätzliche Schmerzverstärkung
Verstärkte Ureterperistaltik
Schmerzausstrahlung und vegetative Reaktion
Nervenleitung: Schmerzimpulse werden über viszerale Afferenzen der Segmente Th11–L1 weitergeleitet
Typische Ausstrahlung: Schmerzen ziehen von der Flanke über den Unterbauch in die Leiste, Hoden oder Labien
Vegetative Symptome: Aktivierung des sympathischen Nervensystems → Übelkeit, Erbrechen, Schwitzen und ausgeprägte Unruhe
Folgen eines anhaltenden Harnstaus
Nierendurchblutung: Anhaltender Druckanstieg im Nierenbeckenkelchsystem kann die Perfusion des Nierenparenchyms vermindern und zu einer ischämischen Gewebeschädigung führen
Nierenfunktionsstörung: Erhöhter intratubulärer Druck senkt die glomeruläre Filtrationsrate (GFR) → Gefahr einer postrenalen akuten Nierenfunktionseinschränkung; bei länger bestehender Obstruktion droht ein dauerhafter Funktionsverlust des betroffenen Nierenanteils
Mechanische Komplikationen: Persistierende Obstruktion kann zu Hydronephrose, Fornixruptur mit Urinaustritt ins Retroperitoneum (Urinom) oder Harnextravasation mit nachfolgender Entzündungs- bzw. Abszessbildung führen
Infektiöse Komplikationen: Gestauter Urin begünstigt die Entstehung einer infizierten Harnstauungsniere oder Pyelonephritis. Bei systemischer Ausbreitung droht eine Urosepsis mit Hypotonie, Organdysfunktion und Multiorganversagen
Langzeitfolgen: Chronischer Harnstau kann zu interstitieller Fibrose, sekundärer arterieller Hypertonie und chronischer Niereninsuffizienz führen. Zusätzlich kann ein vesikoureteraler Reflux mit Narbenbildung und Refluxnephropathie entstehen
Merke
Zusammenfassung: Die kritischen Probleme der Nierenkolik
Harnstein im Ureter führt zur Harnabflussstörung und verursacht einen Rückstau des Urins bis in das Nierenbecken
Der resultierende Druckanstieg dehnt Nierenbecken und Nierenkapsel → Aktivierung von Schmerzrezeptoren und Entstehung der typischen Nierenkolik
Kräftige Steintransportkontraktionen und lokale Entzündungsreaktionen des Harnleiters verstärken die kolikartigen Schmerzen zusätzlich
Anhaltender Harnstau kann zu Nierenfunktionsstörung, Hydronephrose, infizierter Harnstauungsniere oder einer Urosepsis führen
Unbehandelte Obstruktionen bergen das Risiko einer irreversiblen Nierenschädigung bis hin zur chronischen Niereninsuffizienz
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Info
Beschwerden entstehen meist erst dann, wenn ein Stein aus dem Nierenbeckenkelchsystem in den Harnleiter übertritt und dort eine Harnabflussstörung mit nachfolgender Nierenkolik verursacht.
Typische Zeichen
Kolikartige Flanken- oder Bauchschmerzen: Plötzlich einsetzende, stärkste Schmerzen mit wellenförmigem Verlauf und wechselnder Intensität
Schmerzausstrahlung: Ausstrahlung je nach Steinlage in Epigastrium, Unterbauch, Leiste, Hoden oder Labien
Ausgeprägte Unruhe: Betroffene finden meist keine schmerzlindernde Position und wechseln ständig die Körperhaltung
Hämaturie: Mikro- oder Makrohämaturie durch Schleimhautverletzungen im Bereich des Harntrakts
Miktionsbeschwerden: Häufiger Harndrang (Pollakisurie) oder Schmerzen beim Wasserlassen (Dysurie), insbesondere bei tief sitzenden Harnleitersteinen
Verminderte Urinausscheidung:Oligurie oder Anurie können auf eine ausgeprägte Harnabflussbehinderung, insbesondere bei kompletter oder beidseitiger Verlegung, hinweisen
Schmerzlokalisation
Die Schmerzverteilung bei einer Nierenkolik wird maßgeblich durch die Lokalisation des Harnsteins bestimmt. Je nach Lage des Steins können die Beschwerden von der Flanke bis in den Unterbauch oder die Genitalregion ausstrahlen.
Lokalisation des Steins
Typische Schmerzlokalisation und Ausstrahlung
Besonderheiten und Hinweise
Nierenkelch oder Nierenbecken
Flanke, Rücken oder Oberbauch
Häufig asymptomatisch; Beschwerden meist erst bei Übergang in den Harnleiter
Oberer Harnleiter
Flanke, Rücken oder Oberbauch
Beginn der Kolik typischerweise in der Flanke, häufig mit Übelkeit und Erbrechen
Mittlerer Ureter (im Bereich der Kreuzung mit den Iliakalgefäßen)
Seitlicher Unterbauch
Kann rechts eine Appendizitis bzw. links eine Sigmadivertikulitis imitieren
Unterer Harnleiter (prävesikaler Abschnitt)
Leiste, Hoden (♂), Labien (♀) oder unterer Unterbauch
Häufig zusätzlich Dysurie, Pollakisurie und Harndrang
Intramuraler Ureter oder Harnblasenstein
Suprapubischer Bereich
Typisch sind Miktionsbeschwerden und gelegentlich plötzlicher Harnstopp
Schmerzlokalisation Nierenkolik
Generalisierte Zeichen
Übelkeit und Erbrechen: Häufige Begleitsymptome durch reflektorische vegetative Reaktionen
Vegetative Aktivierung: Schweißausbruch, Blässe und Tachykardie als Ausdruck der starken Schmerzreaktion
Darmatonie: Reflektorischer paralytischer Subileus mit geblähtem Abdomen möglich
Fieber und Schüttelfrost: Hinweis auf eine komplizierte Urolithiasis mit Harnwegsinfektion oder beginnende Urosepsis
Oligurie oder Anurie: Möglich bei vollständiger oder beidseitiger Harnabflussbehinderung
Allgemeinzustandsverschlechterung: Kreislaufbeeinträchtigung und Vigilanzminderung können auf eine schwere Komplikation hinweisen
Achtung
Red Flags
Fieber oder Schüttelfrost
Anurie oder ausgeprägte Oligurie
Zeichen einer Urosepsis (Hypotonie, Tachykardie, Vigilanzminderung)
Einzelniere oder beidseitige Obstruktion
Therapierefraktäre Schmerzen oder persistierendes Erbrechen
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Anamnese
S (Symptome): Plötzlich einsetzender, stärkster kolikartiger Flankenschmerz mit typischer Ausstrahlung in Unterbauch, Leiste oder Genitalregion. Häufig bestehen Übelkeit, Erbrechen, Unruhe, Kaltschweißigkeit sowie Hämaturie
Red Flags: Fieber, Schüttelfrost, Oligurie oder Anurie sowie anhaltende Schmerzen können auf eine komplizierte Urolithiasis mit Harnstau oder Urosepsis hinweisen.
A (Allergien, Infektionen): Relevante Medikamentenallergien (z.B. Analgetika, Antibiotika oder Kontrastmittel) sowie aktuelle oder rezidivierende Harnwegsinfektionen erfragen
M (Medikation): Aktuelle Dauermedikation (z.B. Diuretika, Allopurinol oder Antibiotika) sowie bereits eingenommene Schmerzmittel erfragen. Wichtig sind bereits erfolgte Schmerztherapien sowie deren Wirkung
P (Patientengeschichte): Frühere Nieren- oder Harnleitersteine, rezidivierende Harnwegsinfektionen, Gicht, Stoffwechselerkrankungen oder bekannte Fehlbildungen der Harnwege erfragen. Auch eine familiäre Belastung kann relevant sein
L (Letzte…): Zeitpunkt und Auffälligkeiten der letzten Miktion (Menge, Farbe, Schmerzen) sowie der letzten Flüssigkeitsaufnahme, Mahlzeit und des letzten Stuhlgangs erfragen
E (Ereignis): Beschwerden treten häufig plötzlich auf, teilweise nach Flüssigkeitsmangel, körperlicher Belastung oder Erschütterung.
R (Risiko):Geringe Trinkmenge, protein-, purin- oder oxalatreiche Ernährung, starkes Schwitzen, Bewegungsmangel sowie steinbegünstigende Medikamente erhöhen das Risiko einer Urolithiasis
S (Schwangerschaft): Bei Patientinnen nach einer bestehenden Schwangerschaft fragen, da diese Einfluss auf Diagnostik und Therapie haben kann
Tipp
Nutze Schemata
Um die Anamnese strukturiert durchzuführen, bietet es sich an, Schemata wie das SAMPLERS oder OPQRST-Schema zu nutzen. Am obigen Beispiel haben wir Fragen und Befunde dargestellt, die bei dem Verdacht auf ein Nierensteinleiden abgefragt werden sollten und vorliegen könnten.
Körperliche Untersuchung
Inspektion:
Motorische Unruhe: Patient:innen wirken häufig stark schmerzgeplagt, wechseln ständig die Position und finden keine schmerzlindernde Haltung („herumwerfender Patient“)
Allgemeinzustand: Blässe und Kaltschweißigkeit als Ausdruck der vegetativen Schmerzreaktion; bei komplizierten Verläufen ggf. Zeichen einer Kreislaufinstabilität
Auskultation
Darmgeräusche: meist regelrechte Peristaltik, bei reflektorischem Subileus können die Darmgeräusche abgeschwächt sein
Lunge: Normalerweise sind auskultatorisch keine charakteristischen Veränderungen zu erwarten
Palpation
Flankenschmerz: Druckschmerz über dem betroffenen Nierenlager, Schmerzen können in Leiste oder Genitalregion ausstrahlen
Abdomen: meist weiches Abdomen ohne Abwehrspannung oder Loslassschmerz
Harnblase: Bei Harnverhalt kann suprapubisch eine prall gefüllte Harnblase tastbar sein
Merke
Peritonismus: Abwehrspannung oder Loslassschmerz sprechen nicht für eine unkomplizierte Nierenkolik und sollten an Differenzialdiagnosen oder eine komplizierte Urolithiasis denken lassen.
Perkussion:
Nierenklopfschmerz: positives Giordano-Zeichen (Nierenklopfschmerz) über dem betroffenen Nierenlager spricht für eine Reizung der Niere oder ableitenden Harnwege
Abgrenzung: typischerweise keine diffuse Perkussionsdämpfung oder Hinweise auf freie Flüssigkeit wie bei anderen intraabdominellen Erkrankungen
Tipp
Durchführung des Nierenklopfschmerz-Tests (Giordano-Zeichen)
Lagerung: Patient:in sitzt oder steht. Alternativ ist die Untersuchung auch in Rückenlage bei frei zugänglicher Flanke möglich
Untersuchungstechnik: Eine Hand wird flach über das Nierenlager (zwischen 12. Rippe und Lendenwirbelsäule) gelegt. Anschließend erfolgt ein vorsichtiges Beklopfen des Handrückens mit der Faust der anderen Hand (indirekte Perkussion). Alternativ kann die Flanke direkt vorsichtig beklopft werden
Positives Giordano-Zeichen: Bereits leichtes Beklopfen löst einen deutlichen Schmerz über dem betroffenen Nierenlager aus. Dies spricht für eine Reizung der Niere oder der ableitenden Harnwege, z.B. bei Urolithiasis, Pyelonephritis oder Paranephritis
Negatives Giordano-Zeichen: Kein oder lediglich unspezifischer lokaler Druckschmerz über dem Nierenlager
Vitalparameter
Parameter
Typischer Befund / Veränderung
Pathophysiologischer Hintergrund
Herzfrequenz
Meist normwertig, bei starken Schmerzen häufig Tachykardie
Meist normwertig, bei ausgeprägter Schmerzsymptomatik häufig erhöht
Stress- und Schmerzreaktion → Katecholaminausschüttung → Blutdruck ↑
Atemfrequenz
Meist normwertig bis leicht erhöht
Schmerzbedingte Stressreaktion mit flacherer, beschleunigter Atmung; Schonatmung möglich
Temperatur
In der Regel normwertig
Fieber spricht für eine komplizierte Urolithiasis, z.B. Pyelonephritis oder Urosepsis
Sauerstoffsättigung
In der Regel normwertig
Keine direkte Beeinträchtigung von Ventilation oder Oxygenierung durch eine Nierenkolik
Blutzucker
In der Regel normwertig
Keine direkte Stoffwechselstörung; ausgeprägter Schmerz kann vorübergehend zu einer leichten Stresshyperglykämie führen
Orientierende neurologische Untersuchung
Vigilanz: Beurteilung des Bewusstseinszustands, beispielsweise mittels GCS-Score
Sprache: Überprüfung von Sprachverständnis und Sprachproduktion auf Hinweise für neurologische Defizite
Pupillenstatus: Kontrolle von Pupillengröße, Symmetrie und Lichtreaktion sowie möglicher Blickabweichungen
Motorik: orientierende Kraftprüfung der oberen und unteren Extremitäten unter Beachtung von Seitendifferenzen
Fokalneurologische Zeichen: Fazialisparese, Hemiparese, Sensibilitätsstörungen oder andere Herdzeichen als Hinweis auf eine neurologische Ursache
Weiterführende apparative Diagnostik
12-Kanal-EKG: Ausschluss kardialer Differenzialdiagnosen sowie Beurteilung von Herzfrequenz und Herzrhythmus
Tachykardie: häufig Ausdruck von Schmerz, Stress oder einer beginnenden systemischen Entzündungsreaktion
Differenzialdiagnostik: insbesondere bei atypischen Beschwerden oder unklarem Schmerzbild zum Ausschluss eines akuten Koronarsyndroms oder Aortensyndroms sinnvoll
POCUS / eFAST: ergänzende präklinische Sonografie zur Erkennung von Komplikationen und wichtigen Differenzialdiagnosen
Harntrakt: Nachweis einer Hydronephrose als Hinweis auf eine Harnabflussstörung; gelegentlich Darstellung echoreicher Konkremente mit dorsalem Schallschatten.
Aortenbeurteilung: Ausschluss eines abdominellen Aortenaneurysmas oder einer Aortendissektion bei entsprechender Klinik
Freie Flüssigkeit: Nachweis freier intraabdomineller Flüssigkeit als Hinweis auf Blutung, Perforation oder andere akute Ursachen
Appendixdarstellung: je nach Untersuchungsbedingungen gelegentlich möglich, präklinisch jedoch häufig eingeschränkt
Ultraschall der linken Niere mit Steinnachweis
Info
Die präklinischeSonografie sollte den zeitnahen Transport in die Klinik nichtverzögern. In den meisten Fällen ist die Symptomatik so richtungsweisend, dass der Ultraschall präklinisch keinen entscheidenden Zusatznutzen bietet.
Unterbauchschmerzen, ggf. vaginale Blutung oder Zyklusstörung
Schwangerschaft ausschließen → Ovarialtorsion verursacht meist plötzlich einsetzende einseitige Schmerzen
Zystitis / Prostatitis
Dysurie, Pollakisurie, suprapubische Schmerzen
Meist keine typische Nierenkolik → bei Fieber an aufsteigende Infektion denken
Inkarzerierte Hernie
Leisten- oder Bauchschmerzen, tastbare Schwellung, Übelkeit
Klinische Untersuchung der Leistenregion obligat → Gefahr einer Strangulation
Mesenterialischämie
Starke Bauchschmerzen bei oft diskretem Untersuchungsbefund
Schmerz deutlich stärker als der klinische Befund vermuten lässt → lebensbedrohlicher Notfall
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Info
Die dargestellten Maßnahmen orientieren sich an den Empfehlungen des Deutschen Berufsverbands Rettungsdienst (DBRD) und werden durch weitere spezifische, leitliniengerechte Maßnahmen ergänzt, um eine strukturierte und evidenzbasierte Versorgung von Patient:innen sicherzustellen.
Merke
Das präklinische Therapieziel besteht in einer ausreichenden Analgesie, einer patientengerechten Lagerung sowie der Herstellung der Transportfähigkeit. Anschließend sollte der zeitnahe Transport in eine Klinik mit urologischer Versorgungsmöglichkeit erfolgen.
Basismaßnahmen
Lagerung:
Kreislaufstabile Patient:innen: Schmerzadaptierte Lagerung, häufig Schonhaltung mit leicht angezogenen Beinen
Kreislaufinstabile Patient:innen: Flachlagerung und frühzeitige Kreislaufstabilisierung
Monitoring und Basisdiagnostik: Kontinuierliche Überwachung mittels EKG, SpO₂, Blutdruck-, Atemfrequenz- und Temperaturkontrolle
Sauerstoffgabe: bedarfsorientierte Sauerstofftherapie bei Hypoxämie, respiratorischer Beeinträchtigung oder Kreislaufinstabilität
Venöser Zugang: Anlage eines intravenösen Zugangs zur Analgesie sowie bei Bedarf zur Volumentherapie mit balancierten Vollelektrolytlösungen
Nahrungskarenz: Keine orale Nahrungs- oder Flüssigkeitsaufnahme aufgrund einer möglichen operativen Intervention
Komplikationen erkennen:Fieber und Schüttelfrost sprechen für eine Urosepsis, Oligurie oder Anurie für eine relevante Harnabflussstörung, Bauchdeckenspannung oder Peritonismus für eine mögliche Perforation oder andere Ursachen eines akuten Abdomens.
Zielklinik: Nach Herstellung der Transportfähigkeit zügiger Transport in eine Klinik mit urologischer Versorgung; bei Fieber, Anurie, Urosepsis oder anderen Komplikationen frühzeitige Voranmeldung und priorisierter Transport
Spezifische Maßnahmen
Volumenmanagement:
Kreislaufstabile Patient:innen ohne Exsikkose: Moderate Gabe balancierter Vollelektrolytlösungen zur Aufrechterhaltung der Normovolämie
Exsikkose, Hypotonie oder Sepsis: Volumentherapie mit balancierten Vollelektrolytlösungen20–30 ml/kgKG, angepasst an die jeweilige Situation
Harnstauungsniere oder Anurie: keine forcierte Flüssigkeitsgabe, bis die Harnabflussverhältnisse geklärt sind
Analgesie: Frühzeitige und suffiziente Schmerztherapie. Metamizol 0,5 - 1g i.v. gilt als Mittel der ersten Wahl
Alternativ Paracetamol 15 mg/kgKG, max. 1000 mg i.v.
Bei unzureichender Wirkung Eskalation mit Opioiden, z.B. Fentanyl 0,05 mg i.v. titriert bis gewünschte Wirkung, max. Dosis: 0,2 mg
Antiemese: Bei Übelkeit oder Erbrechen Gabe eines Antiemetikums, z.B. Ondansetron4 mg i.v. oder Dimenhydrinat62 mg i.v.
Tipp
Butylscopolamin bei Nierenkolik
Butylscopolamin wird bei der Nierenkolik nicht als Standardtherapie empfohlen.
Die spasmolytische Wirkung auf den Harnleiter ist in therapeutischer Dosierung klinisch kaum relevant. Eine deutliche Relaxation des Ureters tritt erst bei Dosierungen oberhalb der zugelassenen Höchstdosis auf, bei denen das Risiko anticholinerger Nebenwirkungen deutlich ansteigt. Mittel der ersten Wahl zur Schmerztherapie bleiben daher Metamizol oder ein NSAR.
Info
NSAR oder Metamizol statt Opioide
Aktuelle Leitlinien empfehlen NSAR (z.B. Diclofenac) und Metamizol als Analgetika der ersten Wahl bei der Nierenkolik. Sie erzielen eine mindestens gleichwertige, teilweise sogar bessere Schmerzlinderung als Opioide und weisen dabei ein günstigeres Nebenwirkungsprofil auf. Paracetamol kann bei Kontraindikationen gegen NSAR oder ergänzend eingesetzt werden. Opioide sollten als Reserveanalgetika nur bei unzureichender Wirkung oder Kontraindikationen gegenüber Nicht-Opioid-Analgetika verwendet werden.
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Harnwegsinfektion und Urosepsis
Eine Harnwegsinfektion bei gleichzeitig bestehender Harnabflussstörung stellt einen urologischen Notfall dar. Der infizierte Harn kann nicht abfließen und begünstigt die Entstehung einer Pyelonephritis, einer infizierten Harnstauungsniere oder einer Urosepsis.
Besonderheiten: Fieber, Schüttelfrost, Flankenschmerzen, reduzierter Allgemeinzustand sowie Zeichen einer Sepsis wie Hypotonie, Tachykardie oder Vigilanzstörung
Therapeutische Besonderheiten: frühzeitige Analgesie, Sepsismanagement, engmaschiges Monitoring und priorisierter Transport in eine Klinik mit urologischer Versorgung
Klinische Bedeutung:Fieber in Kombination mit einer Nierenkolik gilt bis zum Beweis des Gegenteils als Hinweis auf eine infizierte Harnabflussstörung und erfordert eine dringende Harnableitung, da ohne Therapie ein septischer Schock und Multiorganversagen drohen
Harnstauungsniere
Eine anhaltende Harnabflussbehinderung führt zum Rückstau des Urins bis in das Nierenbeckenkelchsystem und kann die Nierenfunktion akut gefährden.
Besonderheiten: Flankenschmerzen, Oligurie oder Anurie, sonografisch häufig Nachweis einer Hydronephrose
Therapeutische Besonderheiten:keine forcierte Volumentherapie; rasche urologische Vorstellung zur Entlastung der Harnwege
Klinische Bedeutung: Unbehandelt drohen eine postrenale akute Nierenfunktionseinschränkung, eine infizierte Harnstauungsniere sowie eine Urosepsis
Fornixruptur
Durch den ausgeprägten Druckanstieg im Nierenbeckenkelchsystem kann es zum Einriss eines Nierenkelchs (Fornix) mit Austritt von Urin in das Retroperitoneum (Urinom) kommen.
Besonderheiten: zunehmende Flankenschmerzen trotz Analgesie oder persistierende Beschwerden
Therapeutische Besonderheiten: Analgesie, Monitoring und zeitnahe urologische Versorgung
Klinische Bedeutung: Gefahr einer Harnextravasation, sekundären Infektion oder Abszessbildung
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Zielkrankenhaus
Grundsätzlich richtet sich die Wahl des Zielkrankenhauses nach dem klinischen Schweregrad, dem Verdacht auf Komplikationen sowie der Notwendigkeit einer urologischen Intervention.
Unkomplizierte Nierenkolik: Krankenhaus mit urologischer Abteilung zur weiteren Diagnostik und konservativer oder interventioneller Therapie
Komplizierte Urolithiasis (Fieber, infizierte Harnstauungsniere, Anurie, Einzelniere, Fornixruptur oder Urosepsis): Krankenhaus mit 24-Stunden-urologischer Interventionsmöglichkeit und intensivmedizinischer Versorgung, da häufig eine sofortige Harnableitung erforderlich ist
Schwangere: Klinik mit urologischer und gynäkologisch-geburtshilflicher Expertise, insbesondere bei unklarer Symptomatik oder Verdacht auf Komplikationen
Transportbegleitende Maßnahmen
Monitoring: Kontinuierliche Überwachung von EKG, Blutdruck, Herzfrequenz, Sauerstoffsättigung, Atemfrequenz und Vigilanz.
Lagerung:
Kreislaufstabile Patient:innen: Schmerzadaptierte Lagerung entsprechend dem individuellen Schmerzempfinden
Hämodynamisch instabile Patient:innen: Flachlagerung und kreislaufgerechtes Management
Sauerstofftherapie: bedarfsorientierte Sauerstoffgabe bei Hypoxämie, respiratorischer Beeinträchtigung oder Kreislaufinstabilität
Volumentherapie: Fortführung einer balancierten Vollelektrolytlösung entsprechend Volumenstatus und Hämodynamik. Keine forcierte Flüssigkeitsgabe bei Verdacht auf Harnabflussstörung oder Anurie
Analgesie und Antiemese: Fortführung der begonnenen Schmerz- und Antiemesetherapie mit regelmäßiger Reevaluation von Schmerzintensität und Vitalparametern
Dokumentation: Erfassung von Symptombeginn, Schmerzverlauf, Vitalparametern, Urinauffälligkeiten sowie sämtlichen präklinisch durchgeführten Maßnahmen und deren Wirkung
Übergabe in der Klinik
Strukturierte Übergabe nach standardisierten Schemata nach SINNHAFT oder ISOBAR
Übergabe relevanter Informationen zu:
Zeitpunkt des Symptombeginns und Schmerzverlauf
Schmerzlokalisation und Schmerzausstrahlung
Begleitsymptomen (Übelkeit, Erbrechen, Hämaturie, Dysurie, Pollakisurie, Oligurie oder Anurie)
Fieber, Schüttelfrost oder weitere Hinweise auf eine infizierte Harnabflussstörung
Bekannte Urolithiasis, Vorerkrankungen, Einzelniere sowie aktuelle Medikation
Schwangerschaftsstatus bei gebärfähigen Patientinnen
Erhobenen Vitalparametern und deren Verlauf
Durchgeführte Maßnahmen (Analgesie, Antiemese, Volumentherapie, Sauerstoffgabe) einschließlich deren Wirkung
Verdacht auf Komplikationen: Hinweise auf infizierte Harnstauungsniere, Urosepsis, Anurie, Fornixruptur oder hämodynamische Instabilität ausdrücklich kommunizieren
Hochrisikopatient:innen: Bei Verdacht auf Urosepsis, Anurie, Einzelniere, Fornixruptur oder Kreislaufinstabilität frühzeitige Übergabe an das zuständige Schockraumteam veranlassen
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Definition
Definition
Urolithiasis
Urolithiasis bezeichnet das Auftreten von Harnsteinen innerhalb der harnableitenden Organe. Die Steine entstehen durch die Ausfällung und Kristallisation gelöster Substanzen im Urin und können sich in der Niere, im Harnleiter, in der Harnblase oder seltener in der Harnröhre befinden.
Definition
Nierenkolik
Die Nierenkolik ist eine plötzlich einsetzende, sehr starke, krampfartige Schmerzattacke, die meist durch eine akute Harnabflussstörung infolge eines Harnsteins im Ureter verursacht wird. Der Harnstau führt zu einer Druckerhöhung im Harntrakt sowie zu reflektorischen Spasmen der Harnleitermuskulatur, wodurch die typischen kolikartigen Schmerzen entstehen.
Nephrolithiasis: Harnstein befindet sich im Nierenbecken oder Nierenkelchsystem
Ureterolithiasis: Harnstein liegt im Harnleiter und kann den Harnabfluss behindern
Zystolithiasis: Harnstein befindet sich in der Harnblase
Urethralithiasis: Harnstein liegt in der Harnröhre und kann zu einer akuten Harnabflussstörung führen
Ursachen
Info
Die Nierenkolik entsteht in den meisten Fällen durch einen Harnstein, der den Harnleiter verlegt und eine akute Harnabflussstörung verursacht. Die Entstehung von Harnsteinen wird durch Stoffwechselstörungen, Harnwegsinfektionen, Flüssigkeitsmangel und anatomische Abflussbehinderungen begünstigt.
Pathophysiologie
Steinimpaktion: Ein Harnstein bleibt meist an einer physiologischen Engstelle des Harnleiters hängen → Behinderung des Harnabflusses
Harnstau und Druckanstieg: Rückstau des Urins bis in das Nierenbeckenkelchsystem → Anstieg des intraluminalen Drucks und Dehnung von Nierenbecken sowie Nierenkapsel
Verstärkte Ureterperistaltik: Der Harnleiter versucht das Konkrement durch kräftige Steintransportkontraktionen zu überwinden → unkoordinierte Muskelspasmen verursachen die typischen kolikartigen Schmerzen
Lokale Entzündungsreaktion: Reizung der Harnleiterwand durch den Stein → Freisetzung von Entzündungsmediatoren und zusätzliche Schmerzverstärkung
Schmerzausstrahlung und vegetative Reaktion: Schmerzleitung über viszerale Afferenzen der Segmente Th11–L1 → Ausstrahlung von der Flanke in Unterbauch, Leiste sowie Hoden bzw. Labien; Aktivierung des vegetativen Nervensystems mit Übelkeit, Erbrechen, Schwitzen und Unruhe
Folgen und Komplikationen:
Nierendurchblutung: Anhaltender Druckanstieg im Nierenbeckenkelchsystem kann die Perfusion des Nierenparenchyms vermindern und zu einer ischämischen Gewebeschädigung führen
Nierenfunktionsstörung: Erhöhter intratubulärer Druck senkt die glomeruläre Filtrationsrate (GFR) → Gefahr einer postrenalen akuten Nierenfunktionseinschränkung; bei länger bestehender Obstruktion droht ein dauerhafter Funktionsverlust des betroffenen Nierenanteils
Mechanische Komplikationen: Persistierende Obstruktion kann zu Hydronephrose, Fornixruptur mit Urinaustritt ins Retroperitoneum (Urinom) oder Harnextravasation mit nachfolgender Entzündungs- bzw. Abszessbildung führen
Infektiöse Komplikationen: Gestauter Urin begünstigt die Entstehung einer infizierten Harnstauungsniere oder Pyelonephritis. Bei systemischer Ausbreitung droht eine Urosepsis mit Hypotonie, Organdysfunktion und Multiorganversagen
Langzeitfolgen: Chronischer Harnstau kann zu interstitieller Fibrose, sekundärer arterieller Hypertonie und chronischer Niereninsuffizienz führen. Zusätzlich kann ein vesikoureteraler Reflux mit Narbenbildung und Refluxnephropathie entstehen
Klinischer Eindruck
Typische Zeichen:
Kolikartige Flanken- oder Bauchschmerzen: Plötzlich einsetzende, stärkste Schmerzen mit wellenförmigem Verlauf und wechselnder Intensität
Schmerzausstrahlung: Ausstrahlung je nach Steinlage in Epigastrium, Unterbauch, Leiste, Hoden oder Labien
Ausgeprägte Unruhe: Betroffene finden meist keine schmerzlindernde Position und wechseln ständig die Körperhaltung
Hämaturie: Mikro- oder Makrohämaturie durch Schleimhautverletzungen im Bereich des Harntrakts
Miktionsbeschwerden: Häufiger Harndrang (Pollakisurie) oder Schmerzen beim Wasserlassen (Dysurie), insbesondere bei tief sitzenden Harnleitersteinen
Verminderte Urinausscheidung:Oligurie oder Anurie können auf eine ausgeprägte Harnabflussbehinderung, insbesondere bei kompletter oder beidseitiger Verlegung, hinweisen
Diagnostik
Inspektion:
Motorische Unruhe: Patient:innen wirken häufig stark schmerzgeplagt, wechseln ständig die Position und finden keine schmerzlindernde Haltung („herumwerfender Patient“)
Allgemeinzustand: Blässe und Kaltschweißigkeit als Ausdruck der vegetativen Schmerzreaktion; bei komplizierten Verläufen ggf. Zeichen einer Kreislaufinstabilität
Auskultation
Darmgeräusche: meist regelrechte Peristaltik, bei reflektorischem Subileus können die Darmgeräusche abgeschwächt sein
Lunge: Normalerweise sind auskultatorisch keine charakteristischen Veränderungen zu erwarten
Palpation
Flankenschmerz: Druckschmerz über dem betroffenen Nierenlager, Schmerzen können in Leiste oder Genitalregion ausstrahlen
Abdomen: meist weiches Abdomen ohne Abwehrspannung oder Loslassschmerz
Harnblase: Bei Harnverhalt kann suprapubisch eine prall gefüllte Harnblase tastbar sein
Perkussion:
Nierenklopfschmerz: positives Giordano-Zeichen (Nierenklopfschmerz) über dem betroffenen Nierenlager spricht für eine Reizung der Niere oder ableitenden Harnwege
Abgrenzung: typischerweise keine diffuse Perkussionsdämpfung oder Hinweise auf freie Flüssigkeit wie bei anderen intraabdominellen Erkrankungen
Therapie
Basismaßnahmen:
Lagerung:
Kreislaufstabile Patient:innen: Schmerzadaptierte Lagerung, häufig Schonhaltung mit leicht angezogenen Beinen
Kreislaufinstabile Patient:innen: Flachlagerung und frühzeitige Kreislaufstabilisierung
Monitoring und Basisdiagnostik: Kontinuierliche Überwachung mittels EKG, SpO₂, Blutdruck-, Atemfrequenz- und Temperaturkontrolle
Sauerstoffgabe: bedarfsorientierte Sauerstofftherapie bei Hypoxämie, respiratorischer Beeinträchtigung oder Kreislaufinstabilität
Venöser Zugang: Anlage eines intravenösen Zugangs zur Analgesie sowie bei Bedarf zur Volumentherapie mit balancierten Vollelektrolytlösungen
Nahrungskarenz: Keine orale Nahrungs- oder Flüssigkeitsaufnahme aufgrund einer möglichen operativen Intervention
Komplikationen erkennen:Fieber und Schüttelfrost sprechen für eine Urosepsis, Oligurie oder Anurie für eine relevante Harnabflussstörung, Bauchdeckenspannung oder Peritonismus für eine mögliche Perforation oder andere Ursachen eines akuten Abdomens.
Zielklinik: Nach Herstellung der Transportfähigkeit zügiger Transport in eine Klinik mit urologischer Versorgung; bei Fieber, Anurie, Urosepsis oder anderen Komplikationen frühzeitige Voranmeldung und priorisierter Transport
Spezifische Maßnahmen:
Volumenmanagement:
Kreislaufstabile Patient:innen ohne Exsikkose: Moderate Gabe balancierter Vollelektrolytlösungen zur Aufrechterhaltung der Normovolämie
Exsikkose, Hypotonie oder Sepsis: Volumentherapie mit balancierten Vollelektrolytlösungen20–30 ml/kgKG , angepasst an die jeweilige Situation
Harnstauungsniere oder Anurie: keine forcierte Flüssigkeitsgabe, bis die Harnabflussverhältnisse geklärt sind
Analgesie: Frühzeitige und suffiziente Schmerztherapie. Metamizol 0,5 - 1g i.v. gilt als Mittel der ersten Wahl
Alternativ Paracetamol 15 mg/kgKG, max. 1000 mg i.v.
Bei unzureichender Wirkung Eskalation mit Opioiden, z.B. Fentanyl 0,05 mg i.v. titriert bis gewünschte Wirkung, max. Dosis: 0,2 mg
Antiemese: Bei Übelkeit oder Erbrechen Gabe eines Antiemetikums, z.B. Ondansetron4 mg i.v. oder Dimenhydrinat62 mg i.v.
Besondere Situationen
Harnwegsinfektion und Urosepsis: Fieber in Kombination mit einer Nierenkolik spricht bis zum Beweis des Gegenteils für eine infizierte Harnabflussstörung; unbehandelt drohen septischer Schock und Multiorganversagen.
Harnstauungsniere: Anhaltende Harnabflussbehinderung kann zu einer postrenalen akuten Nierenfunktionseinschränkung führen; eine rasche urologische Entlastung ist erforderlich.
Fornixruptur: Erhöhter Druck im Nierenbeckenkelchsystem kann zu einem Einriss des Fornix mit Harnextravasation (Urinom) führen; Gefahr einer sekundären Infektion oder Abszessbildung.
Schwangere: Diagnostik und Therapie sollten strahlenarm erfolgen; wichtige Differenzialdiagnosen sind Extrauteringravidität, Adnextorsion und Pyelonephritis.
Einzelniere oder beidseitige Obstruktion: Bereits eine kurzzeitige Harnabflussstörung kann zu einer akuten Nierenfunktionseinschränkung führen und erfordert eine dringliche urologische Vorstellung.
Transport
Grundsätzlich richtet sich die Wahl des Zielkrankenhauses nach dem klinischen Schweregrad, dem Verdacht auf Komplikationen sowie der Notwendigkeit einer urologischen Intervention.
Unkomplizierte Nierenkolik: Krankenhaus mit urologischer Abteilung zur weiteren Diagnostik und konservativer oder interventioneller Therapie
Komplizierte Urolithiasis (Fieber, infizierte Harnstauungsniere, Anurie, Einzelniere, Fornixruptur oder Urosepsis): Krankenhaus mit 24-Stunden-urologischer Interventionsmöglichkeit und intensivmedizinischer Versorgung, da häufig eine sofortige Harnableitung erforderlich ist
Schwangere: Klinik mit urologischer und gynäkologisch-geburtshilflicher Expertise, insbesondere bei unklarer Symptomatik oder Verdacht auf Komplikationen
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