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Notfälle während des Wochenbetts (RD)

19 Minuten Lesezeit
Stillendes Neugeborenes

Notfälle im Wochenbett können akut lebensbedrohlich verlaufen und erfordern ein gezieltes, einfühlsames Vorgehen. Zu den häufigsten Komplikationen zählen: Thromboembolien, Infektionen (bis zur Sepsis), psychische Krisen, Milchstau/Mastitis und Verletzungen durch Unfälle oder Gewalt. Auch wenn Patientinnen, die auf den ersten Blick stabil wirken, sollten stets gründlich untersucht und ernst genommen werden. 
Das Neugeborene muss als eigenständiges, potentiell versorgungsbedürftiges Individuum behandelt werden.

Oft besteht eine gewisse Berührungsangst mit gynäkologischen und geburtshilflichen Themen im Rettungsdienst. Um die Angst etwas zu beruhigen, findet ihr hier alles Wichtige zu Notfällen im Wochenbett

Um den Einstieg in das Thema Wochenbett etwas zu erleichtern, wird im Folgenden ein Fall beschrieben, wie er sich präklinisch ereignen könnte.

Das Szenario

Einsatzmeldung:

  • Stichwort: "Fieber und Brustschmerz nach Geburt"
  • Ort: Wohnung, 3. Obergeschoss, ohne Aufzug
  • Alarmzeit: 08:34 Uhr
  • Anrufer:in: Besorgter Ehemann
  • Anzahl der betroffenen Personen: 1 Patientin
  • Zusatzinfo:
    • Vor 9 Tagen spontan entbunden
    • Klagt über Brustschmerzen und Fieber

Lageeinweisung vor Ort:

Beim Eintreffen des Rettungsdienstes steht der Ehemann an der Straße und weist euch den Weg zur Wohnung. 

Die Lage ist wie folgt:

  • 32-jährige Patientin sitzt auf dem Sofa, wirkt blass und leicht abgeschlagen
  • Das Neugeborene liegt schlafend in einer Babyschale daneben
  • Die Patientin klagt über einseitige, zunehmende Schmerzen in der linken Brust mit Spannungsgefühl und Rötung. Seit dem Vortag habe sie Fieber und könne nicht mehr richtig stillen. Die Brust sei verhärtet und sehr empfindlich
  • Der Ehemann berichtet, dass sie in der Nacht Schüttelfrost gehabt habe
Fallbeispiel: Notfälle im Wochenbett

Ersteindruck nach xABCDE-Schema

Um sich einen ersten umfassenden Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten in einer Notfallsituation zu verschaffen, bietet sich das xABCDE-Schema an. Um die Arbeit mit dem Schema zu veranschaulichen, ist hier ein xABCDE-Schema abgebildet, wie es im Falle einer Ersteinschätzung bei einer Patientin oder einem Patienten mit Mastitis aussehen könnte. 

Es handelt sich dabei um die Befunde, die innerhalb der ersten paar Minuten erhoben werden können. Erweiterte Diagnostik und Abfragen sind natürlich von Bedeutung, jedoch würde zum Beispiel die Messung des Blutzuckers in diesem Fall hintangestellt und taucht zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf.

x

  • Keine kritischen Blutungen

 

Check

A

  • Atemwege frei
  • Schleimhäute rosig
  • Pat. spricht selbständig
Check

Kein 
A-Problem

B

  • Inspektorisch:
    • Thoraxexkursion bds. normal
    • Inspektorisch unauffällig
    • Keine gestauten Halsvenen
  • Auskultatorisch:
    • Vesikuläres Atemgeräusch bds.
  • Palpatorisch:
    • Keine Krepitation spürbar
    • Thorax insgesamt stabil
Check

 

Kein 
B-Problem

C

  • Hautkolorit rosig
  • Recap-Zeit: 2 Sekunden
  • Große Blutungsräume ohne Zeichen auf akute Blutungen
  • Palpation des Pulses am Handgelenk:
    • Rhythmisch
    • Gut tastbar
    • Normokard
Check

Kein
C-Problem

D

  • Wach, orientiert, ansprechbar
  • GCS 15
    • Öffnen der Augen: 4
    • Beste verbale Reaktion: 5
    • Beste motorische Reaktion: 6
  • Pupillenkontrolle:
    • Isokor
    • Mittelweit
    • Lichtreagibel
Check

Kein 
D-Problem

E

  • Keine weiteren Verletzungen ersichtlich
  • Symptome:
    • Fieber bei 38,6 °C
    • Schmerz in der linken Brust mit deutlicher Rötung und Schwellung
    • Brust scheint überwärmt zu sein
  • Allergien/Infektionen: keine
  • Medikamente: Keine Dauermedikation und/oder Akutmedikation
    • Bedarfsmedikation: heute Einnahme von Paracetamol 500 mg
  • Patientengeschichte: Spontangeburt vor 9 Tagen, erste Geburt, Pat. stillt
  • Letzte Mahlzeit: gestern Abend
  • Ereignis:
    • Schmerz besteht seit zwei Tagen, verhält sich progredient
    • Seit gestern Fieber
  • Risikofaktoren: Erstes Kind, entsprechend wenig Erfahrung 
Ausrufezeichen

Akutes 
E-Problem

 Achtung

Das hier gezeigte Assessment vermittelt nur einen exemplarischen ersten Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten. Im Verlauf der Behandlung müssen weitere Maßnahmen ergriffen und Informationen gesammelt werden. Das Schema erhebt daher keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern soll lediglich einen praktischen Einstieg in das Thema ermöglichen.

 Definition

Wochenbett (Puerperium): Zeitraum von der Geburt bis etwa sechs Wochen postpartal, in dem physiologische Rückbildungsprozesse der Schwangerschaftsveränderungen stattfinden. Dazu zählen die Rückbildung (Involution) des Uterus, hormonelle Umstellungen, die Initialisierung und Etablierung der Laktation (Milchproduktion) sowie die Anpassung von Immunsystem, Kreislauf und Stoffwechsel an den nicht-schwangeren Zustand.

Einteilung:

  • Postplazentarperiode: die ersten drei Stunden nach der Geburt → erhöhtes Blutungsrisiko
  • Frühwochenbett: Tag 1–10 → erhöhtes Risiko für Infektionen und hypertensive Schwangerschaftserkrankungen
  • Spätwochenbett: Tag 11 bis ca. 6 Wochen postpartal → psychische Anpassung, erhöhtes Thromboserisiko, Stillen

Einige Fachquellen unterscheiden auch das erweiterte Wochenbett bis zur vollständigen Rückbildung aller geburtsbedingten Veränderungen, was mehrere Monate dauern kann.

 Merke
Reminder: Physiologische Grundlagen 
  • Rückbildung des Uterus und Wundheilung der Plazentahaftstelle
    • Die Plazenta hinterlässt eine offene Stelle in der Uteruswand, welche sich physiologisch selbst verschließt
    • Da der Uterus auf etwa da 20-fache der ursprünglichen Größe innerhalb der Schwangerschaft wächst, findet die Rückbildung meist langsam und stetig statt
  • Hormoneller Shift: Abfall von Progesteron und Östrogen, Anstieg von Prolaktin
  • Stillbeginn durch Prolaktin (Milchproduktion) und Oxytocin (Milchejektion):
    • Hierbei ist auch entscheidend, ob die Frau stillt oder ob sie beispielsweise abpumpt. Zu einer vollständigen Anamnese gehören diese Fragen immer dazu
  • Erhöhte Gerinnungsneigung zur Blutstillung (Hyperkoagulabilität):
    • Die hormonelle Umstellung nach der Geburt hebt das Risiko für thromboembolische Ereignisse um ein Vielfaches an
    • Teilweise wird hier auch eine Antikoagulation, z.B. mittels Heparin, empfohlen
  • Immunsystem vorübergehend supprimiert, sodass auch vormals kleine Infekte einen größeren systemischen Effekt vorweisen können
  • Kreislaufanpassungen durch Blutverlust, Diurese, veränderte Gefäßspannung: Oft passt der Körper sich innerhalb weniger Tage wieder an die jetzt herrschenden Gegebenheiten an

Komplikationen im Wochenbett entstehen meist durch Störungen der natürlichen Rückbildung, Infektion von vulnerablen Strukturen, hormonelle Instabilitäten oder durch thromboembolische Prozesse. Das Zusammenspiel aus physischer Belastung, hormoneller Umstellung, Schlafmangel und emotionalem Stress erhöht die Vulnerabilität erheblich.

Eine pauschale Einschätzung von Wöchnerinnen ist dabei kaum möglich, da jede Frau ein anderes Erleben der Geburt und der postpartalen Phase beschreibt. Bei Frauen, die bereits zuvor geboren haben, kann auf vorhergehende Erfahrungen zurückgegriffen werden. Diese sollten innerhalb des Einsatzes abgefragt werden. 

 Tipp

Auch wenn die Frau kein weiteres Kind im Haus hat, kann sie bereits zuvor schwanger gewesen sein oder auch zuvor ein Kind geboren haben. Eine explizite Frage nach vorherigen Schwangerschaften sollte also nie ausbleiben. 

 Merke
Begünstigende Faktoren für Komplikationen im Wochenbett
  • Operationen oder invasive Eingriffe unter der Geburt
  • Stillprobleme oder Milchstau
  • Vorbestehende Thrombophilie (Gerinnungsneigung)
  • Mangelnde Unterstützung im häuslichen Umfeld oder niedriger sozialer Status
  • Psychische Vorbelastung oder Geburtskomplikationen
  • Kulturelle, sprachliche oder soziale Barrieren, die den Zugang zu medizinischer Aufklärung, Nachsorge oder Hilfe erschweren
  • Fehlende oder unzureichende Hebammenbetreuung
  • Belastende äußere Umstände wie finanzielle Sorgen, Wohnsituation, Isolation durch fehlendes soziales Netz oder zusätzliche Kinderbetreuungspflichten
Mastitis puerperalis
Mastitis der rechten Brust einer Wöchnerin

Symptome: 

  • Schmerzhafte, gespannte und gerötete Brust
  • Ggf. Fieber und Krankheitsgefühl
  • Teils auch eitriges Sekret aus den Brustwarzen austretend

Diagnostik: 

  • Anamnese
    • Hat die Patientin ähnliche Symptome zuvor gehabt? (z.B. in vorherigen Schwangerschaften)
    • Bestehen weitere Infektzeichen?
  • Inspektion und Palpation der Brust
    • Hierbei muss die Privatsphäre der Frau beachtet werden
  • Messung der Körpertemperatur
 Achtung

Immer auch an eine Sepsis denken! Die Infektion der Brustdrüse kann sich auch systemisch ausbreiten und so zu einem akut lebensbedrohlichen Notfall werden. 

Maßnahmen: 

  • Brust regelmäßig entleeren (Stillen, Abpumpen)
  • Kühlen
    • In der Akutsituation kann sowohl die Kühlung als auch eine Massage unter warmem, laufendem Wasser der Linderung helfen
  • Ggf. NSAR
    • Informationen zur Medikamentengabe in der Schwangerschaft und Stillzeit bietet die Seite Embryotox
  • Hausmittel:
    • Warme Umschläge vor dem Stillen zur Förderung des Milchflusses, kalte Quarkwickel oder Kohlblätter nach dem Stillen zur Schmerzlinderung
    • Ruhe und ausreichende Flüssigkeitszufuhr
    • Unterstützende Massagen der Brust von außen nach innen während des Stillens
 Achtung

Unbehandelt besteht die Gefahr von einer Abszessbildung, welcher sich ebenfalls systemisch ausbreiten kann. Die Weiterversorgung durch spezialisierte Stellen, wie Hebammen, Geburtshelfer oder ärztliches Personal ist also dringend empfohlen.

 Definition

Die Subinvolutio uteri beschreibt eine verzögerte oder unzureichende Rückbildung der Gebärmutter nach der Geburt. Normalerweise verkleinert sich die Gebärmutter innerhalb von 5–6 Wochen wieder auf ihre ursprüngliche Größe (etwa 50 g). Die Spätatonie ist eine potenziell lebensbedrohliche Komplikation, bei der die Kontraktionsfähigkeit des Uterus innerhalb von 24 Stunden bis 12 Wochen postpartal erneut ausbleibt. Dadurch kann es zu starken vaginalen Blutungen kommen.

Symptome:

  • Uterushochstand, teigig-weicher Uterus bei Palpation
  • Verminderter oder ausbleibender Lochialfluss  → Lochialstau (Lochien, auch Wochenfluss genannt, ist der Ausfluss aus der Gebärmutter nach einer Geburt, der aus Blut, Geweberesten, Schleim und Bakterien bestehen)
  • Intermittierende oder zunehmende vaginale Blutung
  • Ggf. subfebrile Temperaturen
  • Allgemeines Krankheitsgefühl, ggf. Bauchschmerzen

Diagnostik:

  • Anamnese: Blutungsverhalten, Geruch der Lochien (bei Infekt: übelriechend), Fieber
  • Abdominelle Palpation: Uterushochstand oder Druckschmerz
  • Inspektion der Blutung: Menge, Farbe, Koagel
  • Vitalparameter: Zeichen von Volumenmangel, Infektzeichen

Maßnahmen:

  • Intravenöser Zugang, Monitoring, ggf. Volumengabe bei Blutung
  • Oberkörperflachlagerung bei Schockzeichen, ggf. Beine hoch
  • Transport zur Gynäkologie bei:
    • Sichtbarer starker Blutung
    • Allgemeinzustand ↓
    • Verdacht auf Lochialstau / Subinvolutio / Spätatonie
  • Keine vaginale Manipulation präklinisch
  • Bei Fieber → V. a. Endomyometritis → Sepsis bedenken
 Merke

Spätatonien können noch Wochen nach der Geburt auftreten. Besonders gefährlich und rettungsdienstlich relevant sind sie, da sich die Wöchnerinnen zu diesem Zeitpunkt meist nicht mehr in stationärer Betreuung befinden.

 Info
  • Lochialstau durch Koagel/Eihautreste kann Uterusrückbildung behindern
  • Plazentareste oder Infektionen sind häufige Ursachen postpartaler Blutung
  • Erste Menstruation ≠ pathologische Blutung → Differentialdiagnose beachten (ab 5.–6. Woche postpartum)
 Definition

Die puerperale Endometritis beschreibt eine bakterielle Infektion der Gebärmutterschleimhaut (Dezidua) im Wochenbett, meist nach Sectio oder vaginal-operativer Entbindung. Die Dezidua ist die hormonell umgewandelte Gebärmutterschleimhaut (Endometrium), die sich in der Schwangerschaft zur Aufnahme und Ernährung des Embryos ausbildet. In schweren Fällen kann sich die Infektion auf das Myometrium, das Peritoneum oder systemisch ausbreiten.

Symptome:

  • Fieber ≥ 38 °C, häufig erstes Leitsymptom
  • Unterbauchschmerzen, weicher, druckdolenter Uterus
  • Übelriechender vaginaler Ausfluss (Lochien)
  • Allgemeines Krankheitsgefühl, ggf. Tachykardie

Risikofaktoren:

  • Sectio, v. a. sekundär
  • Manuelle Plazentalösung
  • Plazentareste, schlechte Hygienebedingungen
  • Mangelnde Mobilisation

Präklinische Diagnostik:

  • Anamnese: Geburtsmodus (vaginal/Sectio), Fieberbeginn, Lochien, Mobilisation
  • Vitalparameter: RR, HF, Temp., SpO₂, Vigilanz
  • Palpation des Abdomens: weicher, schmerzhafter Uterus
  • Inspektion der Lochien (Farbe, Geruch, Menge)

Maßnahmen:

  • Intravenöser Zugang, Monitoring
  • Frühzeitiger Transport in eine Klinik mit gynäkologischer Expertise
  • Bei Sepsiszeichen: Notarzt nachfordern, Volumengabe erwägen
 Merke

Ein unklares Fieber im Wochenbett gilt bis zum Beweis des Gegenteils als Endometritis. Ein zügiger Transport für eine sofortige gynäkologische Abklärung und ggf. antibiotische Therapie ist essenziell.

 Definition

Die Gruppe-A-Streptokokken-Sepsis (GAS-Sepsis) beschreibt eine seltene, aber hochakute und lebensbedrohliche Wochenbettinfektion mit Streptococcus pyogenes. Typischerweise innerhalb der ersten 48 Stunden postpartal. Sie ist ein medizinischer Notfall mit hoher Letalität.

Symptome:

  • Plötzliches hohes Fieber, Schüttelfrost
  • Diffuse Unterbauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen
  • Putrider Vaginalausfluss
  • Tachykardie, Hypotonie, Verwirrtheit (qSOFA-Score auffällig)
  • Rasche Kreislaufdekompensation, Zeichen eines toxischen Schocks

Diagnostik:

  • Anamnese: rascher Beginn nach Geburt, Fieber, Kreislaufveränderungen
  • Vitalparameter: HF, RR, Temperatur, Vigilanz → Früherkennung von Sepsis!
  • Inspektion der Lochien, ggf. Hinweis auf putriden Ausfluss
  • Bewusstseinslage prüfen: Agitiertheit oder beginnende Vigilanzminderung

Maßnahmen:

  • Notarzt nachfordern
  • Schocklage, O₂-Gabe, Volumengabe nach ärztlicher Anordnung
  • Intravenöser Zugang, Monitoring, zügiger Transport
  • Keine Verzögerung durch umfangreiche Diagnostik
  • Zielklinik mit intensivmedizinischer Versorgung
 Merke

Eine GAS-Sepsis kann sich auch bei ansonsten komplikationsloser Geburt entwickeln. Die Sterblichkeit bei toxischem Verlauf liegt trotz Therapie bei bis zu 30–50 %.

 Achtung

Treten Fieber, Bauchschmerzen, Hypotonie und Vigilanzstörung <48 Std. postpartal auf, muss immer an eine Gruppe-A-Streptokokken-Sepsis gedacht werden. Ein rascher Transport mit zügigem Therapiebeginn kann Leben retten.

 Definition

Eine Wochenbettdepression oder postpartale Depression ist eine affektive Störung, die sich im Wochenbett entwickelt – meist innerhalb der ersten Wochen nach der Geburt. Sie betrifft etwa 10–15 % aller Gebärenden (jede zehnte Mutter).

Symptome:

  • Stimmungstief
  • Freudlosigkeit (Anhedonie)
  • Sozialer Rückzug
  • Antriebslosigkeit
  • Schlafstörungen (auch unabhängig vom Stillrhythmus)
  • Schuldgefühle, Selbstzweifel
  • Konzentrationsstörungen
  • Desinteresse am Säugling bis hin zu Tötungsgedanken (Suizid oder Tötung des Kindes)
 Merke

Wochenbettdepressionen entwickeln sich oft schleichend. Häufig zeigen sich bereits pränatal depressive Symptome oder es liegt eine psychiatrische Vorgeschichte vor. Die Betroffenen wirken oft funktional im Umgang mit dem Kind, zeigen aber im Hintergrund deutliche psychische Belastung.

Diagnostik:

  • Beobachtung des Verhaltens (Affekt, Mimik, Interaktion mit dem Kind)
  • Anamnese (inkl. psychiatrischer Vorerkrankungen)
  • Einbeziehung von Angehörigen zur Einschätzung des Verlaufes
  • Screening-Instrumente (z. B. Edinburgh Postnatal Depression Scale, EPDS)

Maßnahmen:

  • In erster Linie beruhigende Gespräche und niedrigschwellige psychologische Begleitung
  • Bei Hinweisen auf Suizidalität ist eine engmaschige Überwachung indiziert
  • Einbindung von Hebamme, Hausarzt, Sozialdienst
 Info

Beachte, dass das Kind ggf. mit der Mutter untergebracht werden muss, sollte eine stationäre Unterbringung notwendig sein und ein Stillwunsch bestehen

Die Trennung von Mutter und Kind ist bei einer Depression nicht per se erforderlich, sollte jedoch im Einzelfall geprüft werden, insbesondere bei Verdacht auf Suizidalität oder Vernachlässigungstendenzen.

 Definition

Die Wochenbettpsychose oder postpartale Psychose ist ein psychiatrischer Notfall, der meist innerhalb der ersten 3 Wochen nach der Geburt auftritt. Sie ist selten (ca. 0,1–0,2 % der Gebärenden= jede tausendste Mutter betroffen), aber potenziell lebensbedrohlich für Mutter und Kind.

Symptome:

  • Verlauf:
    • Schleichend, mit initial vergleichbarem Verlauf zur Wochenbettdepression (Freudlosigkeit, Interessensverlust und Konzentrationsstörungen
    • Abrupter Beginn möglich, mit unmittelbarer psychotischer Symptomatik
  • Ich-Störungen (z.B. Gedankeneingebung, Gedankenentzug, Gedankenausbreitung)
  • Wahn (z.B. Verfolgungswahn, Schuldwahn)
  • Halluzinationen (z.B. kommentierenden Stimmen)
  • Desorganisiertes und sprunghaftes Verhalten
  • Schlaflosigkeit trotz Erschöpfung
  • Fremdaggressivität (in ca. 4 % der Fälle kommt es zur Kindstötung) oder Eigengefährdung

Diagnostik:

  • Verhaltensbeobachtung in Kontakt- und Rückzugssituationen
  • Fremdanamnese durch Angehörige (Vorsicht bei Interpretation!)
  • Beurteilung der Interaktion mit dem Kind und im isolierten Zustand
  • Ausschluss somatischer Ursachen (z. B. Elektrolytstörungen, Infektionen, Schilddrüsenfunktionsstörung)

Maßnahmen:

  • Ruhiger Umgang
  • Patientin nicht allein lassen bei Verdacht auf Suizid-/Fremdgefährdung
  • Fremdanamnese durch Angehörige einholen
  • Psychiatrische Vorstellung vorbereiten, ggf. Zuweisung über PsychKG
  • Notarzt hinzuziehen, wenn Eigen-/Fremdgefährdung vorliegt
  • Bei Widerstand und akuter Gefährdung: Transport ggf. mit polizeilicher Unterstützung nach PsychKG 
 Merke
Voraussetzungen für eine Einweisung nach PsychKG:
  • Ärztliches Zeugnis mit Einschätzung einer psychischen Erkrankung UND gegenwärtige, erhebliche Eigen- oder Fremdgefährdung
  • Beteiligung einer Amtsperson (z. B. Amtsperson der Feuerwehr 24h-Vertretung der
    Verwaltungsbehörden)
 Info
PsychKG (Psychisch-Kranken-Gesetz) im Rettungsdienst
  • Nicht jede psychische Störung oder Suchterkrankung rechtfertigt eine Unterbringung nach PsychKG
  • Suizidalität allein ist keine Diagnose, sondern Teil der Gefährdungsbewertung
  • Eine Patientin, die einwilligungsfähig ist und keine akute Gefährdung aufweist, darf nicht gegen ihren Willen untergebracht werden
  • Wenn keine Einwilligungsfähigkeit, eine akute Gefährdung und Hinweise auf eine somatische Erkrankung vorliegen, kann der Transport auch über § 34 StGB („rechtfertigender Notstand“) erfolgen
Behandlungsindikation ohne Einwilligung im Rettungsdienst
 Merke
Thrombembolien im Wochenbett
  • Häufigkeit: Etwa 1 von 1 000 Geburten ist von einer Thrombose oder Lungenembolie betroffen
  • Ursache: Nach der Geburt besteht eine natürliche Gerinnungsaktivierung, um Blutverluste zu begrenzen
  • Risiko: Trotz fehlender vollständiger Zahlen gelten Thrombembolien als eine der häufigsten Todesursachen im Wochenbett

Das Risiko für eine TVT ist im Wochenbett aufgrund der physiologischen Hyperkoagulabilität sowie zusätzlicher Risikofaktoren deutlich erhöht:

  • Präeklampsie
  • Zustand nach Sectio caesarea
  • Immobilisation oder Bettruhe postpartal
  • Gewichtszunahme in der Schwangerschaft
Beinvenenthrombose des rechten Unterschenkels

Symptome:

  • Schwellung, Spannungsgefühl oder Schmerzen (meist einseitig, v. a. Unterschenkel oder Wade)
  • Druckschmerz, z. B. Wadenkompressionsschmerz
  • Umfangsdifferenz der Beine
  • Ggf. Überwärmung und Hautverfärbung des betroffenen Beins

Diagnostik:

  • Inspektion beider Beine (Farbe, Schwellung, Seitenvergleich)
  • Palpation auf Druckschmerz (v. a. Wade und Leiste)
  • Umfangvergleich der Unterschenkel (z. B. 10 cm unterhalb der Tuberositas tibiae)
  • Keine apparative Diagnostik im Rettungsdienst möglich – klinischer Verdacht reicht für Transportindikation aus!

Maßnahmen:

  • Lagerung: Entlastende Unterpolsterung des betroffenen Beins
  • Keine aktive Mobilisation!
  • Beengende Kleidung entfernen
  • Intravenöser Zugang, Monitoring, ggf. O₂-Gabe
  • Transport in Klinik mit Möglichkeit zur Dopplersonografie (Gefäßdiagnostik)
 Tipp

Wenn keine Anamnese möglich ist, können Hinweise auf Risikofaktoren auch im Mutterpass oder im gelben U-Heft des Kindes gefunden werden.

Symptome:

  • Akute Dyspnoe, Tachypnoe, Unruhe
  • Tachykardie, ggf. Hypotonie
  • Thoraxschmerzen (meist atemabhängig)
  • Synkope oder Kreislaufkollaps
  • Ggf. Zyanose, Angstgefühl, Blässe

Diagnostik:

  • Vitalzeichenkontrolle: Tachykardie, Hypotonie, SpO₂↓
  • Atemfrequenz und Atemtiefe (Tachypnoe, ggf. Dyspnoe sichtbar)
  • EKG-Monitoring: evtl. unspezifische Zeichen wie Sinustachykardie, SIQIII-Typ (selten), P-pulmonale oder Rechtsschenkelblock
  • Klinische Einschätzung bei Risikokonstellation: Luftnot + Tachykardie postpartal = immer an LAE denken!
  • Innerklinisch: Bildgebung (CT-Angio) oder Labordiagnostik (D-Dimere zum Ausschluss, BGA)

Maßnahmen:

  • Oberkörperhochlagerung
  • Sauerstoffgabe, Monitoring, intravenöser Zugang
  • Keine Mobilisation!
  • Notarzt nachfordern bei instabiler Kreislage oder V. a. Hochrisiko-LAE
  • Transport in Klinik mit CT-Angiografie und intensivmedizinischer Anbindung
 Info

Die Symptomatik, Diagnostik und Akuttherapie orientieren sich an der Standardvorgehensweise bei nicht-schwangeren Patient:innen. Die Besonderheit liegt v. a. in der erhöhten Inzidenz postpartal und der Gefahr einer Fehleinschätzung, da Symptome wie Tachykardie oder Luftnot auch physiologisch postpartal auftreten können.

 Definition

Hypertensive Schwangerschaftserkrankungen umfassen verschiedene Krankheitsbilder, die mit erhöhtem Blutdruck nach der 20. SSW einhergehen. Auch im Wochenbett können diese Komplikationen neu auftreten oder sich verschlechtern. Besonders kritische hypertensive Schwangerschaftserkrankungen sind die Präeklampsie, die Eklampsie und das HELLP-Syndrom, da sie mit Organbeteiligung, potenziell lebensbedrohlichen Verläufen und einem hohen Risiko für mütterliche und fetale Komplikationen einhergehen.

  • Präeklampsie: Hypertonie + Proteinurie/Organmanifestation
  • Eklampsie: Präeklampsie + generalisierte tonisch-klonische Krämpfe
  • HELLP-Syndrom: Hämolyse, Transaminasenerhöhung, Thrombozytopenie < 100 G/l

Symptome:

  • Kopfschmerzen, Sehstörungen
  • Ggf. neurologische Auffälligkeiten, Unruhe, Verwirrtheit
  • Bei Eklampsie: Tonisch-klonische Krämpfe
  • Bei HELLP: Allgemeinzustand ↓, Oberbauchschmerzen, Übelkeit, ggf. Ikterus, Petechien, Hämatomneigung 

Diagnostik:

  • Anamnese mit typischen Beschwerden (Kopf-/Oberbauchschmerz, Sehstörungen)
  • Blutdruckmessung
  • Neurologischer Status: Vigilanz, Pupillen, Krampfereignis

Maßnahmen:

  • Intravenöser Zugang, Monitoring (RR, EKG, SpO2), Lagerung mit erhöhtem Oberkörper
  • Krampfanfall: Notarzt nachfordern, Magnesiumsulfat i. v.
  • Transport in Klinik mit gynäkologischer oder internistischer Expertise
  • Bei Bewusstseinsstörung: intravenösen Zugang etablieren, Aspiration verhindern
 Achtung

Hypertensive Schwangerschaftserkrankungen gelten nicht mit der Geburt als beendet. Besonders in den ersten 7 Tagen postpartum besteht ein erhöhtes Risiko für Exazerbation oder Erstmanifestation.

Symptome: 

  • Verletzungen
  • Verwirrtheit bei Beteiligung des ZNS
  • Weinen, Stimmungsschwankungen oder andere psychische Begleitsymptomatik
  • Anzeichen von Misshandlung
    • Verwahrlosung der Kinder / des Kindes
    • Schlechter Pflegezustand
    • Multiple Verletzungen unterschiedlichen Alters
 Tipp
Die Augen offen halten

Bei Verdacht auf Fremdgewalt ist besondere Aufmerksamkeit geboten:

  • Unplausible Verletzungsmuster, zerstörte Einrichtung, widersprüchliche Aussagen
  • Pflegezustand des Neugeborenen und Wissen der Eltern z.B. zum Trinkverhalten, Stuhlgang oder Entwicklung beachten
  • Auch andere Kinder im Haushalt begutachten; ggf. Mitnahme in Klinik zum Schutz

Merke: Wortgetreue Dokumentation relevanter Aussagen kann entscheidend sein. Die Einschätzung erfolgt stets situativ und individuell.

Maßnahmen: 

  • Wundversorgung
  • Psychische Einschätzung
  • Sicherstellung eines ruhigen und geschützten Umfelds und emotionale Zuwendung
    • Trennung vom möglichen Täter (bei Verdacht)
    • Gesprächsangebot ohne Druck
    • Keine Konfrontation mit Vorwürfen
  • Ggf. Polizeimeldung, Kinderschutz einleiten, PSNV-Team
  • Bei unerklärlichem Trauma der Mutter sollte das Neugeborene auch kurz untersucht werden
 Merke

Auch das Rettungspersonal braucht nach traumatisierenden Einsätzen oft ein Debriefing. Sollte das Gespräch mit dem Kollegen oder der Kollegin im Anschluss an den Einsatz nicht ausreichend helfen, kann die PSU (psychosoziale Unterstützung) des jweiligen Rettungsdiensteses kontaktiert werden. 

Dort kann in einem geschütztem Rahmen das Erlebte mit speziell ausgebildetem Rettungsdienstpersonal nachbesprochen werden. Das ist auch zeitversetzt nach dem Einsatzgeschehen möglich. 

Wochenbett-Einteilung:

  • Postplazentarperiode: 0–3 h → hohes Blutungsrisiko
  • Frühwochenbett: Tag 1–10 → Infektions- und Präeklampsierisiko
  • Spätwochenbett: Tag 11–42 → Thrombosen, psychische Krisen, Stillprobleme

Physiologische Veränderungen:

  • Rückbildung des Uterus (Involution)
  • Hormonumstellung: ↓Östrogen/Progesteron, ↑Prolaktin/Oxytocin
  • Hyperkoagulabilität (→ ↑Thromboserisiko)
  • Temporäre Immunsuppression (→ ↑Infektrisiko)

Milchstau / Mastitis:

  • Symptome: gerötete, gespannte Brust, Fieber, Schüttelfrost
  • Maßnahmen: Brust entleeren, kühlen, NSAR, ggf. Antibiotika → bei Sepsisverdacht: Notarzt
  • Achtung: Gefahr systemischer Ausbreitung → Abszess/Sepsis

Subinvolutio uteri / Spätatonie:

  • Symptome: Uterushochstand, ausbleibender Wochenfluss, Fieber, Blutung
  • Maßnahmen: Monitoring, Volumengabe, gynäkologische Abklärung
  • Achtung: Kein vaginaler Eingriff präklinisch!

Puerperale Endometritis:

  • Symptome: Fieber ≥ 38 °C, Unterbauchschmerzen, übelriechender Ausfluss
  • Risikofaktoren: Sectio, Plazentareste, Hygienemängel
  • Maßnahmen: Transport in gynäkologische Klinik, ggf. Antibiotikatherapie

GAS-Sepsis (Gruppe-A-Streptokokken):

  • Symptome: rascher Verlauf, Schockzeichen, putrider Ausfluss, Fieber, Hypotonie
  • Maßnahmen: Notarzt, Schockmanagement, Zielklinik mit ITS
  • Merke: Lebensbedrohlicher Notfall, Letalität bis 50 %

Wochenbettdepression:

  • Symptome: Anhedonie, Rückzug, Schlafstörungen, Suizidgedanken
  • Maßnahmen: Beobachtung, EPDS, Einbindung Angehöriger, ggf. Psychotherapie
  • Achtung: Suizidalität immer ernst nehmen, ggf. Schutzmaßnahmen einleiten

Wochenbettpsychose:

  • Symptome: Wahnsymptome, Halluzinationen, Desorientiertheit, Ich-Störungen
  • Maßnahmen: Notarzt, PsychKG prüfen, Transport mit Polizei möglich
  • Merke: Psychiatrischer Notfall, Gefahr für Mutter und Kind

TVT (tiefe Beinvenenthrombose):

  • Symptome: einseitige Beinschwellung/-schmerz, Spannungsgefühl
  • Maßnahmen: keine Mobilisation, Transport mit Monitoring
  • Merke: Wochenbett = Hyperkoagulabilität → hohes Thromboserisiko

LAE (Lungenarterienembolie):

  • Symptome: Dyspnoe, Tachypnoe, Thoraxschmerz, Synkope
  • Maßnahmen: Notarzt, Hochlagerung, O₂, Transport in CT-Klinik
  • Merke: LAE ist eine der häufigsten Todesursachen postpartal

Hypertensive Schwangerschaftserkrankungen:

  • Präeklampsie: Hypertonie + Organbeteiligung
  • Eklampsie: zusätzlich tonisch-klonische Krämpfe
  • HELLP: Hämolyse, ↑Transaminasen, Thrombozytopenie
  • Maßnahmen: Notarzt, ggf. Magnesiumsulfat bei Krämpfen, Monitoring, Klinik

Traumata / Gewalt:

  • Hinweise: multiple Verletzungen, widersprüchliche Angaben, schlechter Pflegezustand Neugeborenes
  • Maßnahmen: Gesprächsangebot, ggf. Polizei/Kinderschutz, Dokumentation im Wortlaut
  • Merke: Auch das Kind mitdenken – Untersuchung und Schutz ggf. erforderlich
Zuletzt aktualisiert am 05.08.2025
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