Eine obere gastrointestinale Blutung (OGIB) bezeichnet eine Blutung aus dem oberen Abschnitt des Verdauungstraktes, der von der Speiseröhre bis zum Duodenum reicht (proximal des Treitz-Bands). Sie kann akut auftreten und stellt häufig eine medizinische Notfallsituation dar.
Es wird unterschieden zwischen:
Variköser Blutung: Blutung aus Ösophagus- oder Fundusvarizen, meist verursacht durch portale Hypertension
Nicht-variköser Blutung: Blutungen anderer Ursachen, beispielsweise Ulkusblutung, erosive Gastritis oder Mallory-Weiss-Läsion
Merke
Typische Symptome sind Hämatemesis (Bluterbrechen bei akuter Blutung), ggf. Hämatinerbrechen (kaffeesatzartiges Erbrechen bei sistierter oder geringer Blutung) und Meläna (schwarzer, teerartiger Stuhl). Hämatochezie (Frischblut im Stuhlgang) tritt selten bei oberer GI-Blutung auf und weist dabei in der Regel auf eine massive Blutung hin.
Arteriovenöse Malformationen (AVM), vaskuläre Gefäßfehlbildungen mit rezidivierendem Blutungsrisiko
Dieulafoy-Läsion (punktförmige arterielle Gefäßfehlbildung mit rezidivierender, oft massiver Blutung)
Merke
Differentialdiagnostisch müssen auch Blutungsquellen im Nasen-Rachen-Raum ausgeschlossen werden („Pseudo-Hämatemesis“).
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Merke
Red Flags sind Warnsymptome, die auf eine akut lebensbedrohliche Ursache hinweisen und ein sofortiges Handeln erfordern.
Red Flags
(Massives) Erbrechen von Frischblut
Schockzeichen
Hypotonie
Tachykardie
Vigilanzminderung
Blässe und Kaltschweißigkeit
Marmorierte Haut
Bekannte Leberzirrhose oder vorbestehende Ösophagusvarizen (hohes Risiko für schwere Varizenblutung)
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Sauerstoffgabe, falls Hypoxämie oder Schockzeichen
Intravenöser Zugang: Bei Schock mind. 2 großlumige Zugänge (z. B. 18G oder größer)
12-Kanal-EKG
Blutgasanalse (BGA):
Hb, Hämatokrit
Laktat (Frühzeichen eines Schocks als Marker für eine Gewebshypoperfusion)
pH, pCO₂, pO₂
Laboruntersuchungen:
Kleines Blutbild (Hb, Thrombozyten)
Gerinnung (Quick/INR, PTT, ggf. Faktor Xa-Spiegel bei DOAKs)
Elektrolyte, Kreatinin, Harnstoff
Leberwerte (AST, ALT, γ-GT, Bilirubin)
LDH
CRP, ggf. PCT
Blutzucker
Kreuzblut, Blutgruppe, ggf. Anforderung von 2–4 Erythrozytenkonzentraten
Merke
Hb-Wert bleibt initial normwertig, da durch akuten Volumenverlust noch keine Hämodilution erfolgt. Vitalparameter sind daher zur Ersteinschätzung sensitiver.
Ersteinschätzung und initiale Therapie
Kreislaufstatus beurteilen
Red Flags prüfen (s. Abschnitt „Red Flags“)
Atemwegssicherung bei:
Vigilanzminderung
Schwerer Hämatemesis mit Aspirationsgefahr
Volumentherapie bei Schockzeichen:
Balancierte kristalloiden Lösungen bevorzugen
Ggf. Katecholamine zur Kreislaufstabilisierung (Ziel: MAP 65–70 mmHg)
Defi-Patches bei instabilen Patient:innen mit erhöhtem kardiovaskulärem Risiko oder Reanimationsgefahr
Erythrozytentransfusion bei:
Hb < 7-8 g/dl → auf Transfusionstrigger achten
Unabhängig vom Hb bei massiver Blutung + Schock
Gerinnungsmanagement:
Antikoagulation antagonisieren (z. B. Vitamin-K-Antagonisten mit PPSB + Vitamin K)
Thrombozytenaggregationshemmer bei Primärprophylaxe pausieren; bei Sekundärprophylaxe nur bei lebensbedrohlicher Blutung
Tranexamsäure nur bei Hyperfibrinolyse
Tipp
Die strukturierte Versorgung erfolgt nach dem xABCDE-Schema, das in Notfallsituationen standardisiert angewendet wird.
Digitale rektale Untersuchung: obligat bei GI-Blutung
Hämoccult-Test (bei stabilen Patient:innen zur Klärung okkulter Blutung)
Scores zur Risikostratifizierung:
Glasgow-Blatchford-Score (GBS): für präendoskopische Einschätzung
Rockall-Score: prognostisch, v. a. postendoskopisch relevant
Abdomensonographie
CT-Abdomen (bei unklarer Blutungsquelle oder instabilen Patient:innen)
Ggf. Endoskopie
Merke
Frühzeitige ÖGD bei:
Hämodynamischer Instabilität
Hämatemesis
Verdacht auf variköse Blutung
→ Nüchtern lassen!
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Symptome
Anamnese/ Untersuchung / Diagnostik
Ösophagusvarizenblutung
Blutung:
Hämatemesis (Frischblut oder Kaffeesatz-Erbrechen)
Ggf. Meläna
Schocksymptomatik:
Hypotonie
Tachykardie
Blässe & Kaltschweißigkeit
Vigilanzminderung,
Marmorierte Haut
Tachypnoe
Hinweiszeichen für Leberzirrhose: Ikterus, Aszites
Anamnese/Risikofaktoren:
Leberzirrhose (häufigste Ursache)
Alkoholabusus
Zustand nach GI-Blutung
Untersuchung:
Stigmata der Leberzirrhose (z. B. Spider naevi, Gynäkomastie, Aszites, Caput medusae)
Oesophago-Gastro-Duodenoskopie (ÖGD zur Diagnosesicherung) → Bei Ulcera im Duodenum ist eine Biopsie zur Malignitätsabklärung nicht erforderlich, da diese fast immer gutartig sind
Röntgen-Abdomen bei V. a. Perforation
Cave: Es sind auch asymptomatische Verläufe möglich (v.a.bei NSAR)
Heftiges Erbrechen, Würgen oder Husten vor dem Blutungsereignis, z.B. bei Alkoholkonsum, gastrointestinalem Infekt, Bullimie
Untersuchung:
Palpation: Druckschmerz im Oberbauch
Labor:
Ggf. Anämie bei chronischer Blutung
Ggf. erhöhte Leberwerte bei Alkoholabusus
Bildgebung:
Gastroskopie (diagnostisch und ggf. therapeutisch)
Ggf. Zeichen einer Lebererkrankung im Ultraschall
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S2k-Leitlinie, Gastrointestinale Blutung, Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS)