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Leitsymptom: Obere gastrointestinale Blutung

Obere GI-Blutung
ME
7 Minuten Lesezeit

Eine obere gastrointestinale Blutung (OGIB) bezeichnet eine Blutung aus dem oberen Abschnitt des Verdauungstraktes, der von der Speiseröhre bis zum Duodenum reicht (proximal des Treitz-Bands). Sie kann akut auftreten und stellt häufig eine medizinische Notfallsituation dar.

Es wird unterschieden zwischen:

  • Variköser Blutung: Blutung aus Ösophagus- oder Fundusvarizen, meist verursacht durch portale Hypertension
  • Nicht-variköser Blutung: Blutungen anderer Ursachen, beispielsweise Ulkusblutung, erosive Gastritis oder Mallory-Weiss-Läsion
 Merke

Typische Symptome sind Hämatemesis (Bluterbrechen bei akuter Blutung), ggf. Hämatinerbrechen (kaffeesatzartiges Erbrechen bei sistierter oder geringer Blutung) und Meläna (schwarzer, teerartiger Stuhl). Hämatochezie (Frischblut im Stuhlgang) tritt selten bei oberer GI-Blutung auf und weist dabei in der Regel auf eine massive Blutung hin.

Hinweise auf eine GI-Blutung

 Achtung
Akut lebensbedrohliche Differentialdiagnosen
  • Ösophagus- oder Fundusvarizenblutung, insbesondere bei portaler Hypertension und hämorrhagischem Schock
  • Ösophagusruptur (Boerhaave-Syndrom), typisch nach massivem Erbrechen, oft mit retrosternalen Schmerzen und Luftemphysem

Weitere Differentialdiagnosen:

  • Ulcus ventriculi (häufigste Ursache der nicht-varikösen oberen GI-Blutung)
  • Ulcus duodeni
  • Gastroduodenale Erosionen (inkl. erosive Gastritis, erosive Duodenitis)
  • Ösophagitis
  • Mallory-Weiss-Syndrom (Schleimhauteinriss am gastroösophagealen Übergang nach Erbrechen)
  • Malignome im oberen Gastrointestinaltrakt (z. B. Ösophagus- oder Magenkarzinom)
  • Angiodysplasien (typischerweise chronisch-rezidivierende Blutungen)
  • Arteriovenöse Malformationen (AVM), vaskuläre Gefäßfehlbildungen mit rezidivierendem Blutungsrisiko
  • Dieulafoy-Läsion (punktförmige arterielle Gefäßfehlbildung mit rezidivierender, oft massiver Blutung)
 Merke

Differentialdiagnostisch müssen auch Blutungsquellen im Nasen-Rachen-Raum ausgeschlossen werden („Pseudo-Hämatemesis“).

 Merke

Red Flags sind Warnsymptome, die auf eine akut lebensbedrohliche Ursache hinweisen und ein sofortiges Handeln erfordern.

Red Flags

  • (Massives) Erbrechen von Frischblut
  • Schockzeichen
    • Hypotonie
    • Tachykardie
    • Vigilanzminderung
    • Blässe und Kaltschweißigkeit
    • Marmorierte Haut
  • Bekannte Leberzirrhose oder vorbestehende Ösophagusvarizen (hohes Risiko für schwere Varizenblutung)

Basismaßnahmen 

  • Monitoring: Kontinuierlich, inkl. RR, HF, EKG, SpO₂
  • Sauerstoffgabe, falls Hypoxämie oder Schockzeichen
  • Intravenöser Zugang: Bei Schock mind. 2 großlumige Zugänge (z. B. 18G oder größer)
  • 12-Kanal-EKG
  • Blutgasanalse (BGA):
    • Hb, Hämatokrit
    • Laktat (Frühzeichen eines Schocks als Marker für eine Gewebshypoperfusion)
    • pH, pCO₂, pO₂
  • Laboruntersuchungen:
    • Kleines Blutbild (Hb, Thrombozyten)
    • Gerinnung (Quick/INR, PTT, ggf. Faktor Xa-Spiegel bei DOAKs)
    • Elektrolyte, Kreatinin, Harnstoff
    • Leberwerte (AST, ALT, γ-GT, Bilirubin)
    • LDH
    • CRP, ggf. PCT
    • Blutzucker
    • Kreuzblut, Blutgruppe, ggf. Anforderung von 2–4 Erythrozytenkonzentraten
 Merke

Hb-Wert bleibt initial normwertig, da durch akuten Volumenverlust noch keine Hämodilution erfolgt. Vitalparameter sind daher zur Ersteinschätzung sensitiver.

Ersteinschätzung und initiale Therapie

  • Kreislaufstatus beurteilen
  • Red Flags prüfen (s. Abschnitt „Red Flags“)
  • Atemwegssicherung bei:
    • Vigilanzminderung
    • Schwerer Hämatemesis mit Aspirationsgefahr
  • Volumentherapie bei Schockzeichen:
    • Balancierte kristalloiden Lösungen bevorzugen
    • Ggf. Katecholamine zur Kreislaufstabilisierung (Ziel: MAP 65–70 mmHg)
    • Defi-Patches bei instabilen Patient:innen mit erhöhtem kardiovaskulärem Risiko oder Reanimationsgefahr
  • Erythrozytentransfusion bei:
    • Hb < 7-8 g/dl → auf Transfusionstrigger achten
    • Unabhängig vom Hb bei massiver Blutung + Schock
  • Gerinnungsmanagement:
    • Antikoagulation antagonisieren (z. B. Vitamin-K-Antagonisten mit PPSB + Vitamin K)
    • Thrombozytenaggregationshemmer bei Primärprophylaxe pausieren; bei Sekundärprophylaxe nur bei lebensbedrohlicher Blutung
    • Tranexamsäure nur bei Hyperfibrinolyse
 Tipp

Die strukturierte Versorgung erfolgt nach dem xABCDE-Schema, das in Notfallsituationen standardisiert angewendet wird.

Fremd- und EigenanamneseDiagnostik und ScoresBildgebung
  • Fragen zur Blutung:
    • Akut vs. chronisch
    • Dauer
    • Häufigkeit
    • Hämatemesis
    • Hämatinerbrechen (Kaffeesatzerbrechen)
    • Meläna (Teerstuhl)
    • Hämatochezie
  • Begleitsysmptome
  • Vormedikation
    • Duale Thrombozytenaggregationshemmung (DAPT)
    • Antikoagulation (z.B. Vitamin-K-Antagonisten, Heparin, DOAKs)
    • Nicht-steroide Antirheumatika
  • Vorerkrankungen
    • Leberzirrhose
    • Ulkusanamnese, H. pylori
    • Refluxkrankheit, Gastritis, bekannte Malignome
    • Zustand nach GI-Operation
    • Suchterkrankung (insb. Alkohol)
  • Inspektion, Auskultation, Palpation (Druckschmerz, Abwehrspannung, Tumoren)
  • Digitale rektale Untersuchung: obligat bei GI-Blutung
  • Hämoccult-Test (bei stabilen Patient:innen zur Klärung okkulter Blutung)
  • Scores zur Risikostratifizierung:
    • Glasgow-Blatchford-Score (GBS): für präendoskopische Einschätzung
    • Rockall-Score: prognostisch, v. a. postendoskopisch relevant
  • Abdomensonographie
  • CT-Abdomen (bei unklarer Blutungsquelle oder instabilen Patient:innen)
  • Ggf. Endoskopie

     Merke

    Frühzeitige ÖGD bei:

    • Hämodynamischer Instabilität
    • Hämatemesis
    • Verdacht auf variköse Blutung

    → Nüchtern lassen!

 SymptomeAnamnese/ Untersuchung / Diagnostik
Ösophagusvarizenblutung
  • Blutung:
    • Hämatemesis (Frischblut oder Kaffeesatz-Erbrechen)
    • Ggf. Meläna
  • Schocksymptomatik:
    • Hypotonie
    • Tachykardie
    • Blässe & Kaltschweißigkeit
    • Vigilanzminderung,
    • Marmorierte Haut
    • Tachypnoe
  • Hinweiszeichen für Leberzirrhose: Ikterus, Aszites
  • Anamnese/Risikofaktoren:
    • Leberzirrhose (häufigste Ursache)
    • Alkoholabusus
    • Zustand nach GI-Blutung
  • Untersuchung:
    • Stigmata der Leberzirrhose (z. B. Spider naevi, Gynäkomastie, Aszites, Caput medusae)
    • Recap-Zeit / Zentralisierung
  • Labor:
    • Koagulopathie: Verlängerte PTT, erniedrigter Quick
    • D-Dimere erhöht (reaktive Hyperfibrinolyse)
    • Ggf. erniedrigtes Albumin, erhöhte Leberwerte, Anämie
  • Bildgebung:
    • Sonografie Abdomen: Beurteilung von Leberparenchym, Aszites
  • Cave: Blutung kann schleichend beginnen
Ulcus ventriculi
  • Blutung:
    • Hämatemesis und/oder Meläna bei akuter Blutung
  • Abdominelle Symptome:
    • Epigastrische Schmerzen, unabhängig von Mahlzeiten oder postprandial
    • Schmerzbesserung nach Antazidaeinnahme
    • Völlegefühl, Übelkeit, Erbrechen
    • Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust, Sodbrennen
  • Anamnese:
    • Risikofaktoren: HP-Infektion, NSAR / Glucocorticoide, Alkoholkonsum, Stress
  • Untersuchung:
    • Paplation: Druckschmerz im Oberbauch
    • Bei Perforation: Peritonismus, Abwehrspannung
  • Labor:
    • Hb: Anämie bei chronischer Blutung
  • Bildgebung:
    • Oesophago-Gastro-Duodenoskopie (ÖGD zur Diagnosesicherung + Biopsie zum Malignitätsausschluss obligat)
    • Röntgen-Abdomen bei V. a. Perforation
  • Cave: Es sind auch asymptomatische Verläufe möglich
Ulcus duodeni
  • Blutung:
    • Hämatemesis und/oder Meläna bei akuter Blutung
  • Abdominelle Symptome:
    • Epigastrische Schmerzen, typischerweise nüchtern / nachts
    • Besserung nach Nahrungsaufnahme oder Antazida
    • Übelkeit, Völlegefühl, Erbrechen, Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust
  • Anamnese:
    • Risikofaktoren: HP-Infektion, NSAR / Glucocorticoide, Alkoholkonsum, Stress
  • Untersuchung:
    • Palpation: Druckschmerz im Oberbauch
    • Bei Perforation: Peritonismus, Abwehrspannung
  • Labor:
    • Hb: Anämie bei chronischer Blutung
  • Bildgebung:
    • Oesophago-Gastro-Duodenoskopie (ÖGD zur Diagnosesicherung) → Bei Ulcera im Duodenum ist eine Biopsie zur Malignitätsabklärung nicht erforderlich, da diese fast immer gutartig sind
    • Röntgen-Abdomen bei V. a. Perforation
  • Cave: Es sind auch asymptomatische Verläufe möglich (v.a.bei NSAR)
Ösophagusruptur (Boerhaave-Syndrom)
  • Blutung:
    • Akute Hämatemesis
  • Symptome:
    • Retrosternaler Vernichtungsschmerz
    • Dyspnoe
    • Dysphagie
    • Ggf. Zyanose
    • Haut-/Mediastinalemphysem
    • Schockzeichen bei hämorragischem Schock
  • Im Verlauf:
    • Fieber und Mediastinitis
 Merke

Mackler-Trias:

  • Explosionsartiges Erbrechen
  • Akuter thorakaler Schmerz („retrosternaler Vernichtungsschmerz“)
  • Haut- oder Mediastinalemphysem
  • Anamnese:
    • Explosives Erbrechen, meist nach Alkoholkonsum, schwerer Mahlzeit oder starkem Husten
  • Untersuchung:
    • Haut-Knistern (subkutanes Emphysem)
  • EKG meist unauffällig
  • Labor/BGA
    • Im Verlauf: erhöhte Entzündungszeichen
    • Ggf. Hb-Abfall, ggf. Hypoxie, Laktaterhöhung im Schock
  • Bildgebung:
    • Röntgen-Thorax: Mediastinalemphysem, evtl. Pneumothorax
    • CT Thorax mit Kontrast: Pneumomediastinum
    • Ösophagographie mit wasserlöslichem KM (Gastrografin)
    • Endoskopie (vorsichtig, nur wenn keine Perforation vorliegt)


 

Mallory-Weiss-Syndrom
  • Blutung:
    • Hämatemesis
    • Meläna (bei schwacher, fortlaufender Blutung)
  • Symptome:
    • Übelkeit, Erbrechen, epigastrische Schmerzen, Husten
    • Ggf. Schocksymptomatik bei massiver Blutung
  • Anamnese:
    • Heftiges Erbrechen, Würgen oder Husten vor dem Blutungsereignis, z.B. bei Alkoholkonsum, gastrointestinalem Infekt, Bullimie
  • Untersuchung:
    • Palpation: Druckschmerz im Oberbauch
  • Labor:
    • Ggf. Anämie bei chronischer Blutung
    • Ggf. erhöhte Leberwerte bei Alkoholabusus
  • Bildgebung:
    • Gastroskopie (diagnostisch und ggf. therapeutisch)
    • Ggf. Zeichen einer Lebererkrankung im Ultraschall
  • S2k-Leitlinie, Gastrointestinale Blutung, Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS)
  • S2k-Leitlinie, Helicobacter pylori und gastroduodenale Ulkuskrankheit, Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS)
  • Steffen et al.: Internistische Differenzialdiagnosen, Schattauer GmbH, 2008, ISBN: 978-3-7945-23-42.9
  • Baenkler et al: Kurzlehrbuch Innere Medizin, Georg Thieme Verlag KG, 2021, ISBN: 978-3-13-220000-5
  • Japp et al: Macleods klinische Diagnosen, Elsevier GmbH, 2018, ISBN: 978-3-437-42203-4
Zuletzt aktualisiert am 23.04.2025
Schwindel
Leitsymptom: Untere gastrointestinale Blutung
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