Die Opioidintoxikation bezeichnet eine Überdosierung von Opioiden mit potenziell lebensbedrohlicher Beeinträchtigung der Atem- und Kreislauffunktion. Typisch ist die Opioid-Trias aus Vigilanzminderung bis Koma, Atemdepression und Miosis, häufig begleitet von Bradykardie und Hypotonie.
Häufige Ursachen sind der Missbrauch illegaler Opioide (z. B. Heroin oder Fentanyl), eine unbeabsichtigte Überdosierung im Rahmen einer Schmerztherapie oder Mischintoxikationen mit anderen zentral dämpfenden Substanzen.
Präklinisch stehen die Sicherung der Atemwege, eine ausreichende Oxygenierung und Ventilation sowie die titrierte Gabe von Naloxon im Vordergrund. Da die Wirkdauer von Naloxon kürzer sein kann als die vieler Opioide, sind eine engmaschige Überwachung und die frühzeitige Erkennung einer erneuten Atemdepression essenziell.
Um den Einstieg in das Thema Intoxikation mit Opiaten und Opioiden etwas zu erleichtern, wird im Folgenden ein Fall beschrieben, wie er sich präklinisch ereignen könnte.
Das Szenario
Einsatzmeldung:
Stichwort: Bewusstlosigkeit
Ort: öffentlicher Raum, Parkanlage
Alarmzeit: 23:10 Uhr
Anrufer:in: Passantin
Anzahl der Betroffenen: 1
Zusatzinfo:
Männlich, 40 Jahre alt
Verdacht auf Opiatintoxikation
Die Polizei ist ebenfalls alarmiert
Lageeinweisung vor Ort:
Beim Eintreffen des Rettungsdienstes liegt ein etwa 40-jähriger Mann regungslos auf einer Parkbank. Neben ihm befinden sich eine leere Spritze sowie ein Löffel mit Rückständen einer unbekannten Substanz.
Die Lage ist wie folgt:
Der Patient ist bewusstlos und reagiert weder auf Ansprache noch auf Schmerzreize
Bei der Atemkontrolle zeigt sich eine unregelmäßige Atemfrequenz von 6/min
Es besteht eine deutliche Lippenzyanose
Die Pupillen sind beidseits maximal eng (Miosis)
Die Passantin, die den Notruf abgesetzt hat, berichtet, dass der Mann bereits vor ihrem Eintreffen regungslos auf der Parkbank gelegen habe
Äußere Verletzungen sind nicht erkennbar
Ersteinschätzung nach xABCDE-Schema
Um sich einen ersten umfassenden Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten in einer Notfallsituation zu verschaffen, bietet sich das xABCDE-Schema an. Um die Arbeit mit dem Schema zu veranschaulichen, ist hier ein xABCDE-Schema abgebildet, wie es im Falle einer Ersteinschätzung bei einer Patientin oder einem Patienten mit einer Intoxikation mit Opioiden aussehen könnte.
Es handelt sich dabei um die Befunde, die innerhalb der ersten paar Minuten erhoben werden können. Erweiterte Diagnostik und Abfragen sind natürlich von Bedeutung, jedoch würde zum Beispiel die Anlage eines 12-Kanal-EKG in diesem Fall hintenangestellt und taucht zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf.
Das hier gezeigte Assessment vermittelt nur einen exemplarischen ersten Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten. Im Verlauf der Behandlung müssen weitere Maßnahmen ergriffen und Informationen gesammelt werden. Das Schema erhebt daher keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern soll lediglich einen praktischen Einstieg in das Thema ermöglichen.
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Definition
Opioidintoxikation
Eine Opioidintoxikation ist eine akute Vergiftung durch Opiate oder Opioide und stellt einen potenziell lebensbedrohlichen Notfall dar. Charakteristisch ist die Trias aus Bewusstseinsstörung, Atemdepression und beidseitiger Miosis.
Info
Opiate vs. Opioide
Opiate werden Substanzen genannt, die aus dem Schlafmohn (Papaver somniferum) gewonnen werden können (zum Beispiel Morphin oder Codein). Opioide ist ein Sammelbegriff für natürliche und synthetische Stoffe, die morphinartige Eigenschaften aufweisen und an Opioidrezeptoren wirksam sind. Das heißt, alle Opiate sind Opioide, aber nicht alle Opioide sind Opiate!
Schweregradeinteilung
Der Poisoning Severity Score (PSS) dient der standardisierten Einschätzung des klinischen Schweregrads einer Opiatintoxikation.
PSS
Schweregrad
Beschreibung
0
Keine Intoxikation
Keine Symptome
1
Leichte Intoxikation
Leichte, spontan rückläufige Symptome
2
Mittelschwere Intoxikation
Ausgeprägte oder persistierende Symptome
3
Schwere Intoxikation
Lebensbedrohliche Symptomatik
4
Letale Intoxikation
Tod infolge der Vergiftung
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Häufige Ursachen
Überdosierung psychoaktiver Opioide: häufigste Ursache einer Opiatintoxikation.
Meist durch Heroin
Seltener durch verschreibungspflichtige Opioide wie Methadon, Oxycodon oder Fentanyl
Bereits geringe Überdosierungen können aufgrund der starken μ-Rezeptor-Aktivierung zu einer lebensbedrohlichen Atemdepression führen
Iatrogene Opioidüberdosierung: Dosierungsfehler oder eine fehlende Dosisanpassung, z.B. bei Nieren- oder Leberinsuffizienz, erhöhen das Intoxikationsrisiko
Besonders gefährdet sind opioidnaive Patient:innen
Risikofaktoren
Kombination mit zentral dämpfenden Substanzen: Die gleichzeitige Einnahme von Benzodiazepinen, Barbituraten, Alkohol oder anderen Sedativa verstärkt die atemdepressive Wirkung der Opioide erheblich
Toleranzverlust nach Abstinenz: Nach Entzug oder längerer Konsumpause nimmt die Opioidtoleranz ab. Die zuvor gewohnte Dosis kann dadurch bereits eine schwere oder letale Intoxikation auslösen
Psychische und soziale Faktoren:Suchterkrankungen, Depressionen und Suizidversuche erhöhen das Risiko einer Intoxikation. Auch Beikonsum während einer Substitutionstherapie oder der Konsum in psychosozialen Krisensituationen sind häufige Auslöser
Merke
Eine akute Opiat- bzw. Opioidintoxikation entsteht meistdurch eine Überdosierung von Opioiden. Das Risiko wird durch iatrogeneFaktoren, Mischintoxikationen sowie einen VerlustderOpioidtoleranz zusätzlich erhöht.
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Merke
Reminder: Physiologische Grundlagen
Physiologisch übernehmen endogene Opioide (Endorphine, Enkephaline und Dynorphine) die körpereigene
Schmerzhemmung.
Opioide entfalten ihre Wirkung durch die Bindung an Opioidrezeptoren im zentralen und peripheren Nervensystem
Im menschlichen Körper werden drei Opioidrezeptor-Subtypen unterschieden:
μ-Rezeptor (MOR): Analgesie, Euphorie, Atemdepression, Miosis, Bradykardie und Abhängigkeit
κ-Rezeptor (KOR): spinale Analgesie, Sedierung und Dysphorie
δ-Rezeptor (DOR): Analgesie sowie Toleranz- und Abhängigkeitsentwicklung
Opioid-Bindung → Aktivierung inhibitorischer G-Proteine (Gi/o) → Ca²⁺-Einstrom ↓, K⁺-Ausstrom ↑ und Neurotransmitterfreisetzung ↓ (z.B. Glutamat, Substanz P) → Hemmung der Schmerzleitung in Rückenmark und Gehirn
Wichtige pharmakologische Wirkungen:
Analgesie: Hemmung der nozizeptiven Reizweiterleitung zentral und peripher
Atemdepression: Hemmung des Atemzentrums → Hyperkapnie und respiratorische Azidose
Bradykardie und Hypotonie: Parasympathikusaktivierung und Sympathikushemmung
Miosis: Aktivierung des Edinger-Westphal-Kerns
Sedierung: Dämpfung kortikaler und limbischer Netzwerke
Langfristige Opioidexposition führt durch zelluläre Anpassungsprozesse (u.a. NMDA-Rezeptor-Aktivierung) zur Toleranzentwicklung und Abhängigkeit.
Periphere Wirkungen: erhöhter Tonus der glatten Muskulatur begünstigt Obstipation und Harnverhalt
Die akute Opiat- bzw. Opioidintoxikation entsteht durch eine übermäßige Aktivierung der μ-Opioidrezeptoren (MOR) im Zentralnervensystem, insbesondere in den Atem-, Bewusstseins- und Kreislaufzentren des Hirnstamms.
Opioide wirken als Agonisten an diesen G-Protein-gekoppelten Rezeptoren und hemmen die Adenylatcyclase, vermindern den Ca²⁺-Einstrom und fördern den K⁺-Ausstrom. Dadurch sinken die neuronale Erregbarkeit und die Freisetzung exzitatorischer Neurotransmitter wie Glutamat und Substanz P.
Die daraus resultierende zentrale Dämpfung bildet die Grundlage für die charakteristischen klinischen Symptome der Opiatintoxikation.
Mechanismen der akuten Intoxikation
Bindung an μ-Opioidrezeptoren: Opioide aktivieren vorwiegend μ-Opioidrezeptoren im zentralen Nervensystem → Hemmung der neuronalen Erregungsleitung und Neurotransmitterfreisetzung
Atemzentrum: Hemmung der CO₂-Empfindlichkeit und der rhythmischen Atemanregung im Hirnstamm → Hypoventilation, Hyperkapnie → respiratorische Azidose
Zentrale Dämpfung: verminderte Aktivität kortikaler und retikulärer Strukturen → Bewusstseinsstörung bis zum Koma
Pupillen: Aktivierung parasympathischer Bahnen über den Edinger-Westphal-Kern → beidseitige Miosis
Mesolimbisches Belohnungssystem: dopaminerge Aktivierung im ventralen Tegmentum und Nucleus accumbens → Euphorie, seltener Dysphorie
Kardiovaskuläre Wirkung: Vagusaktivierung und verminderter Sympathikotonus → Bradykardie und Hypotonie
Folge: Fortschreitende Atemdepression verursacht Hypoxie, die unbehandelt zu Kreislaufstillstand und Tod führen kann
Organ
Mechanismus
Klinische Folge
Pupillen
Aktivierung des Edinger-Westphal-Kerns
Beidseitige Miosis
Herz-Kreislauf-System
Vagusaktivierung und verminderter Sympathikotonus
Bradykardie, Hypotonie
Gastrointestinaltrakt
Hemmung des Plexus myentericus
Verminderte Motilität → Obstipation
Harnwege
Erhöhter Tonus der glatten Muskulatur
Harnverhalt
Toleranzentwicklung und Sucht
Bei wiederholtem Opioidkonsum passt sich das Nervensystem an die kontinuierliche Aktivierung der μ-Opioidrezeptoren (MOR) an. Dadurch nimmt die Opioidwirkung mit der Zeit ab, sodass für den gleichen Effekt zunehmend höhere Dosen erforderlich sind. Gleichzeitig entstehen neurobiologische Veränderungen, die Entzugssymptome, Craving und die Entwicklung einer Abhängigkeit begünstigen.
Desensibilisierung der μ-Opioidrezeptoren: Down-Regulation und β-Arrestin-vermittelte Internalisierung der Rezeptoren → verminderte Opioidwirkung (Toleranzentwicklung)
Gegenregulation neuronaler Signalwege: Aktivierung von NMDA-Rezeptoren und vermehrte Aktivität der Adenylatcyclase → Hyperalgesie (übermäßig schmerzhafte Wahrnehmung) und Entzugssymptome
Mesolimbisches Belohnungssystem: persistierende dopaminerge Veränderungen → Craving (Suchtdruck) und Suchtentwicklung
Merke
Zusammenfassung: Die kritischen Probleme einer akuten Opioidintoxikation
Aktivierung der μ-Opioidrezeptoren verursacht eine zentrale Dämpfung des Nervensystems
Atemdepression führt zu Hyperkapnie, Hypoxie und schließlich zu Koma oder Kreislaufstillstand
Charakteristisch sind die Trias aus Bewusstseinsstörung, Atemdepression und Miosis
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Info
Opioide hemmen die Weiterleitung nozizeptiver Signale, indem sie die neuronale Erregbarkeit und die Freisetzung exzitatorischer Neurotransmitter reduzieren. Präsynaptisch vermindern sie den Ca²⁺-Einstrom und hemmen dadurch die Freisetzung von Neurotransmittern. Postsynaptisch fördern sie den K⁺-Ausstrom, was zu einer Hyperpolarisation der Nervenzelle führt. Beide Mechanismen unterdrücken die synaptische Schmerzsignalübertragung effektiv.
Opioide wirken als Agonisten oder Partialagonisten an den drei Opioidrezeptor-Subtypen. Alle drei Rezeptoren sind G-Protein-gekoppelte Rezeptoren (Gi/o) und vermitteln ihre Wirkung über inhibitorische Signalwege.
Rezeptor
Wirkung
μ-Rezeptor (MOR)
Analgesie, Euphorie, Atemdepression, Miosis, Bradykardie und Abhängigkeit
κ-Rezeptor (KOR)
spinale Analgesie, Sedierung und Dysphorie
δ-Rezeptor (DOR)
Analgesie sowie Toleranz- und Abhängigkeitsentwicklung
Übersicht über spinale Wirkorte verschiedener Opioid- und Nicht-Opioid-Analgetika
Merke
Je nach Rezeptoraffinität unterscheiden sich die exogenen Opioide in ihrem Wirkungs- und Nebenwirkungsprofil.
Wirkung an der Präsynapse
Opioide hemmen die Adenylatcyclase, wodurch die intrazelluläre cAMP-Konzentration sinkt
Dadurch werden spannungsabhängige Ca²⁺-Kanäle gehemmt, sodass weniger Calcium in die Nervenzelle einströmt
Ohne Ca²⁺ keine Freisetzung exzitatorischer Neurotransmitter wie Glutamat und Substanz P
Die Weiterleitung des Schmerzsignals auf die nachgeschaltete (postsynaptische) Nervenzelle wird dadurch abgeschwächt
Wirkung an der Postsynapse
An der postsynaptischen Membran öffnen Opioide K⁺-Kanäle, wodurch Kalium aus der Nervenzelle ausströmt
Ausstrom positiver Teilchen führt zu einer Hyperpolarisation der Zellmembran und vermindert die Erregbarkeit des Neurons
Die Entstehung neuer Aktionspotenziale wird dadurch erschwert
Zusammenspiel der Mechanismen
Die analgetische Wirkung beruht auf dem Zusammenwirken beider Mechanismen:
Präsynaptisch: verminderte Freisetzung von Neurotransmittern → kein Signal
Postsynaptisch: verminderte Erregbarkeit der Nervenzelle → keine Antwort
Merke
Dadurch wird die Schmerzsignalübertragung im Rückenmark effektiv gehemmt. Sowohl endogene Opioide (z.B. Endorphine und Enkephaline) als auch exogene Opioide (z.B. Morphin oder Fentanyl) nutzen diesen Mechanismus.
Klinische Konsequenzen
Die Aktivierung von Opioidrezeptoren führt zu charakteristischen pharmakologischen Wirkungen:
Analgesie: Hemmung der nozizeptiven Signalübertragung im Rückenmark und Gehirn
Sedierung und Euphorie: Wirkung auf kortikale, limbische und mesolimbische Strukturen
Atemdepression: verminderte CO₂-Empfindlichkeit des Atemzentrums
Obstipation: Hemmung der Motilität durch Wirkung auf das enterische Nervensystem
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Typische Zeichen
Achtung
Eine Intoxikation mit Opiaten und Opioiden führt zu einer charakteristischen Kombination aus Vigilanzminderung, Atemdepression, Bradykardie und Miosis.
Bewusstseinsstörung: zentrale Dämpfung mit Somnolenz, Sopor oder Koma sowie verminderter Reaktion auf Ansprache und Schmerzreize
Atemdepression:Bradypnoe, Hypoventilation oder Apnoe durch Hemmung des Atemzentrums, ggf. Cheyne-Stokes-Atmung
Miosis: Typischerweise beidseits stecknadelkopfgroße Pupillen. Bei Mischintoxikationen können die Pupillen auch isokor oder entrundet sein
Bradykardie und Hypotonie: Folge einer Vagusaktivierung und verminderten Sympathikusaktivität
Zyanose: Ausdruck einer fortschreitenden Hypoxie infolge der Atemdepression
Merke
Im Endstadium unter anhaltender Hypoxie kann sich eine Mydriasis (weite Pupillen) entwickeln.
Leitsymptome einer Intoxikation mit Opioiden
Generalisierte Zeichen
Verminderte Reflexe und Muskeltonus: Folge der ausgeprägten zentralnervösen Dämpfung
Krampfanfälle: Selten, insbesondere bei Intoxikationen mit Tramadol oder hochdosiertem Fentanyl
Hypothermie: verminderte Thermoregulation und längeres regungsloses Liegen können zu einer Unterkühlung führen
QT-Zeit-Verlängerung und Herzrhythmusstörungen: hauptsächlich bei Methadon aufgrund einer Verlängerung der kardialen Repolarisation
Übelkeit und Erbrechen: Folge der Aktivierung der Chemorezeptor-Triggerzone sowie einer veränderten gastrointestinalen Motilität
Obstipation: Verminderte Darmmotilität durch Hemmung des enterischen Nervensystems
Harnverhalt: Erhöhter Tonus der glatten Muskulatur im Bereich der Harnwege
Punktionsspuren: Möglicher Hinweis auf einen intravenösen Opioidkonsum, jedoch nicht obligat
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Anamnese
S (Symptome): Bewusstseinsstörung bis zum Koma, Atemdepression, Miosis sowie Bradykardie
Hinweise auf Drogenkonsum → Drogenutensilien in der Nähe von Patient:innen vorhanden? Einstichstellen?
Hinweise auf suizidale Absicht → leere Tablettenverpackungen? Abschiedsbrief?
Hinweise auf unbeabsichtigte Überdosierung → beispielsweise mehrere Schmerzpflaster
A (Allergien, Infektionen): Gibt es Hinweise auf Allergien oder Infektionen?
M (Medikation): Aktuelle Dauermedikation sowie die Einnahme von Opioiden (z.B. Morphin, Fentanyl, Buprenorphin, Tramadol oder Tilidin), Psychopharmaka und anderen zentral dämpfenden Substanzen erfassen. Besonderes Augenmerk auf einen möglichen Mischkonsum legen
P (Patientengeschichte): Nach einer bekannten Opioidabhängigkeit, Substanzmissbrauch, psychiatrischen Erkrankung sowie relevanten pulmonalen oder kardiovaskulären Vorerkrankungen fragen, da diese das Risiko einer schweren Atemdepression erhöhen können
L (Letzte…): Zeitpunkt der letzten Medikamenteneinnahme, der letzten Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme sowie, wenn bekannt, der Einnahme der ursächlichen Substanz erfragen
Diese Informationen sind insbesondere im Hinblick auf eine mögliche Aspiration oder eine notwendige Notfallnarkose relevant.
E (Ereignis): Die Situation möglichst anhand der 6 W-Fragen rekonstruieren:
Was wurde eingenommen?
Wann erfolgte die Einnahme?
Welche Menge wurde aufgenommen?
Wie erfolgte die Aufnahme?
Warum wurde die Substanz eingenommen?
Wer kann zusätzliche Informationen geben?
R (Risiko): Eine bekannte Opioidabhängigkeit, Polytoxikomanie (insbesondere Mischkonsum mit Alkohol oder Benzodiazepinen), psychiatrische Erkrankungen sowie frühere Intoxikationen oder Suizidversuche erhöhen das Risiko einer schweren Opioidintoxikation
S (Schwangerschaft): Mögliche Schwangerschaft bei Patientinnen erfragen (Risiko für fetale Atemdepression)
Tipp
Nutze Schemata
Um die Anamnese strukturiert durchzuführen, bietet es sich an, Schemata, wie das SAMPLERS oder OPQRST-Schema zu nutzen. Am obigen Beispiel haben wir Fragen und Befunde dargestellt, die bei dem Verdacht auf eine Opioid-Intoxikation abgefragt werden sollten und vorliegen könnten.
Info
Weitere Informationen zur Anamneseerhebung und dem allgemeinen Vorgehen bei Intoxikationen findest du hier: Vorgehen bei Intoxikationen
Körperliche Untersuchung
Inspektion:
Allgemeinzustand: Ausgeprägte Vigilanzminderung bis zum Koma als Ausdruck der zentralnervösen Dämpfung
Atemmuster:Bradypnoe, flache Atmung oder Apnoe infolge der Hemmung des Atemzentrums, ggf. Cheyne-Stokes-Atmung
Pupillen: Typischerweise beidseitige Miosis (stecknadelkopfgroße Pupillen) mit verminderter Lichtreaktion
Haut:blass-graues Hautkolorit, häufig kaltschweißig; bei zunehmender Hypoxie Zyanose der Lippen und Fingernägel
Hinweise auf Opioidkonsum:Einstichstellen, Spritzenspuren, Drogenutensilien oder transdermale Opioidpflaster können Hinweise auf die Ursache liefern
Miosis bei Opioidintoxikation
Palpation:
Puls: häufig Bradykardie, bei schwerer Intoxikation schwach tastbarer Puls infolge Hypotonie
Rekapillarisierungszeit: kann bei ausgeprägter Kreislaufdepression verlängert sein
Hauttemperatur: häufig kühle Extremitäten aufgrund der verminderten peripheren Perfusion
Perkussion:
Der Perkussionsbefund sollte physiologisch ausfallen. Ist das nicht so, muss differenzialdiagnostisch gedacht werden
Auskultation:
Lunge: häufig abgeschwächtes Atemgeräusch infolge der Hypoventilation
Abdomen: verminderte oder fehlende Darmgeräusche durch opioidbedingte Hemmung der Darmmotilität
Vitalparameter
Parameter
Typischer Befund / Veränderung
Pathophysiologischer Hintergrund
Herzfrequenz
Häufig Bradykardie, bei schwerer Hypoxie ggf. Rhythmusstörungen
Vagusaktivierung und Hemmung des Sympathikus → Herzfrequenz ↓
Blutdruck
Meist Hypotonie, bei Mischintoxikationen variabel
Verminderter Sympathikotonus und periphere Vasodilatation → Blutdruck ↓
Atemfrequenz
Bradypnoe bis Apnoe, ggf. Cheyne-Stokes-Atmung
Hemmung des Atemzentrums im Hirnstamm → verminderte CO₂-Empfindlichkeit → Atemantrieb ↓
Körpertemperatur
Häufig Hypothermie, insbesondere bei längerem Liegen
Verminderte Thermoregulation und reduzierte Stoffwechselaktivität
Sauerstoffsättigung
Meist vermindert, bei schwerer Intoxikation ausgeprägte Hypoxämie
Hypoventilation führt zu gestörter Oxygenierung → SpO₂ ↓
Keine direkte Beeinflussung des Glukosestoffwechsels → Messung dient dem Ausschluss einer Hypoglykämie als Differenzialdiagnose
Orientierende neurologische Untersuchung
Vigilanz: Beurteilung des Bewusstseinszustands, z.B. mithilfe des Glasgow Coma Scale (GCS)
Pupillenstatus: Kontrolle von Pupillengröße, Symmetrie und Lichtreaktion. Typischerweise zeigen sich beidseitige Miosis und eine abgeschwächte Lichtreaktion
Motorik: Prüfung auf Muskeltonus, Reflexstatus und spontane Bewegungen. Eine ausgeprägte zentrale Dämpfung kann mit vermindertem Muskeltonus und reduzierten Reflexen einhergehen
Fokalneurologische Zeichen: Untersuchung auf Fazialisparese, Hemiparese, Sensibilitätsstörungen oder andere Herdzeichen. Deren Vorliegen spricht eher für eine Differenzialdiagnose (z.B. Schlaganfall oder intrakranielle Blutung) als für eine isolierte Opiatintoxikation
Krampfaktivität: Inspektion auf Zeichen eines stattgefundenen oder anhaltenden Krampfanfalls, insbesondere bei Intoxikationen mit Tramadol oder im Rahmen von Mischintoxikationen
Weiterführende apparative Diagnostik
12-Kanal-EKG: Ausschluss kardialer Differenzialdiagnosen sowie Erkennung von Rhythmusstörungen oder toxisch bedingten EKG-Veränderungen
Herzfrequenz: meist Bradykardie oder Normokardie
Tachykardie eher Hinweis auf Mischintoxikationen oder andere Ursache
QT-Zeit:QT-Verlängerung typisch bei Methadon sowie einigen Antidepressiva und Antipsychotika
Erniedrigte Körpertemperatur bzw. Zeichen des Volumenmangels
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Info
Die dargestellten Maßnahmen orientieren sich an den Empfehlungen des Deutschen Berufsverbands Rettungsdienst (DBRD) und werden durch weitere spezifische, leitliniengerechte Maßnahmen ergänzt, um eine strukturierte und evidenzbasierte Versorgung von Patient:innen sicherzustellen.
Merke
Die primären Maßnahmen bei einer Opiatintoxikation im Rettungsdienst sind die Sicherstellung einer ausreichenden Atmung sowie die gezielte Antidottherapie mit Naloxon.
Bewusstseinsgestörte Patient:innen mit erhaltener Spontanatmung: Seitenlage zur Aspirationsprophylaxe, alternativ Rückenlage bei kontinuierlicher Atemwegsüberwachung und Absaugbereitschaft.
Bewusstseinsgestörte Patient:innen mit respiratorischer Insuffizienz: Rückenlage mit konsequentem Atemwegsmanagement
Monitoring und Basisdiagnostik: kontinuierliche Überwachung mittels EKG, SpO₂, Blutdruck, Atemfrequenz und Kapnometrie
Giftentfernung: Weitere Wirkstoffaufnahme stoppen, z.B. durch Entfernen transdermaler Opioidpflaster
Atemwegsmanagement und Sauerstofftherapie:
Freihalten der Atemwege und bedarfsorientierte Sauerstoffgabe bei Hypoxämie oder Atemdepression
Frühzeitige Beutel-Masken-Beatmung bei unzureichender Spontanatmung, ggf. eskalierende Atemwegssicherung
Venöser Zugang: Anlage eines intravenösen Zugangs zur Medikamentengabe (z.B. Naloxon) sowie bei Bedarf zur Volumen- und Kreislauftherapie
Komplikationen erkennen: Persistierende Atemdepression, Aspirationsereignis, Mischintoxikationen oder Krampfanfälle frühzeitig erkennen und behandeln
Zielklinik: nach Stabilisierung Transport in eine geeignete Klinik. Bei persistierender Atemdepression, wiederholter Naloxongabe oder Verdacht auf langwirksame Opioide bzw. Mischintoxikationen Intensivüberwachung
Spezifische Maßnahmen
Antidottherapie: Naloxon wird als spezielles Antidot verabreicht, um die Wirkung von Opioiden kompetitiv aufzuheben, insbesondere die Atemdepression und Bewusstseinsstörung
Vital bedrohte Patient:innen, vordergründig Atemdepression oder Apnoephasen: titrierte Gabe von Naloxon Erwachsene: 0,1 mg i.v. oder 0,4-0,8 mg i.m. oder 2 mg i.n., Wiederholung alle 3 Minuten bis ausreichende Spontanatmung vorhanden, Kinder: 0,01 mg/kgKG i.v. oder i.m.
Bei Reanimation: Bolusgabe von Naloxon Erwachsene: 0,4 mg i.v oder 0,8 mg i.m., Wiederholung alle 3 Minuten bis gewünschter Effekt, Kinder: 0,01-0,02 mg/kgKG
Volumenmanagement: bedarfsgerechte Volumentherapie mit balancierten Vollelektrolytlösungen entsprechend der hämodynamischen Situation
Achtung
Das primäre Ziel der Naloxon-Gabe ist die Wiederherstellung einer ausreichenden Spontanatmung, nicht eine vollständige Antagonisierung der Opioidwirkung.
Tipp
Außerhalb von Reanimationssituationen sollte Naloxon zur besseren Dosierbarkeit bei i.v. Gabe auf insgesamt 10 ml Gesamtlösung verdünnt und schrittweise appliziert werden.
Merke
Bei der nasalenGabe ist zu beachten, dass die MengeproNasenloch mit 2,5 ml sehr hoch ist und daher nur als Reserveapplikationsweg verwendet werden sollte.
Info
Rebound-Effekt
Naloxon hat eine kürzere Wirkdauer (30–45 Minuten) als viele Opioide. Wirkstoffe mit langer Halbwertszeit, wie Methadon, Buprenorphin oder Fentanyl, verbleiben nach Abbau von Naloxon weiterhin im Körper.
Sobald Naloxon abgebaut wird, besetzen die Opioide erneut die Rezeptoren → Rückkehr der Atemdepression und Bewusstlosigkeit
Neben der intravenösen Gabe sollte auch eine zusätzliche subkutane Applikation von Naloxon0,4 mg s.c. in Erwägung gezogen werden
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Naloxon: Wirksamkeit bei Intoxikationen mit Buprenorphin
Buprenorphin ist ein partieller μ-Opioidrezeptor-Agonist mit sehr hoher Rezeptoraffinität. Es bindet stärker an den μ-Rezeptor als viele Vollagonisten (z. B. Morphin oder Fentanyl). Auch Naloxon besitzt eine geringere Bindungsaffinität. Dadurch kann Buprenorphin nur schwer vom Rezeptor verdrängt werden. Die Wirkung von Naloxon ist deshalb häufig vermindert oder bleibt aus.
Bei unzureichender Wirkung von Naloxon kann in Einzelfällen Doxapram 1-2 mg/kgKG i.v. über mehrere Minuten als atemstimulierendes Analeptikum erwogen werden.
Info
Klinische Besonderheiten von Buprenorphin
Partieller μ-Opioidrezeptor-Agonist:
Bindet mit sehr hoher Affinität an den μ-Opioidrezeptor
Aktiviert den Rezeptor jedoch nur teilweise
Ceiling-Effekt der Atemdepression:
Mit steigender Dosis nimmt die atemdepressive Wirkung nur bis zu einem bestimmten Punkt zu
Darüber hinaus verstärkt sie sich nicht weiter, wodurch das Risiko einer Apnoe geringer ist als bei Vollagonisten
Vergleich mit Vollagonisten:
Morphin, Fentanyl, Heroin: Mit steigender Dosis nimmt die Atemdepression kontinuierlich zu
Buprenorphin: Die Atemdepression erreicht einen Ceiling-Effekt und steigt oberhalb einer bestimmten Dosis nicht weiter an
Merke
Gefahr der Atemdepression
Obwohl Buprenorphin allein eine geringe Atemdepression verursacht, kann sie bei bestimmten Situationen dennoch auftreten:
Kombination mit Benzodiazepinen, Alkohol, Barbituraten oder anderen ZNS-dämpfenden Substanzen verstärkt die dämpfende Wirkung auf das Atemzentrum
Besonders gefährlich ist die gleichzeitige Einnahme von Benzodiazepinen und Buprenorphin, da beide synergistisch auf die zentrale Dämpfung wirken
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Zielklinik
Grundsätzlich richtet sich die Wahl der Zielklinik nach dem klinischen Schweregrad, dem Ausmaß der Atemdepression sowie dem Verdacht auf eine Mischintoxikation oder weiteren Komplikationen.
Leichte Opioidintoxikation nach erfolgreicher Naloxongabe: Krankenhaus mit internistischer Versorgung, idealerweise mit Intensivmedizin zur weiteren Überwachung
Schwere Opioidintoxikation: Klinik mit Intensivmedizin, insbesondere bei persistierender Atemdepression, notwendiger Beatmung oder wiederholter Naloxongabe
Mischintoxikation oder Komplikationen: Krankenhaus mit intensivmedizinischer und toxikologischer Versorgung, insbesondere bei anhaltender Bewusstseinsstörung, Krampfanfällen oder hämodynamischer Instabilität
Transportbegleitende Maßnahmen
Monitoring: Kontinuierliche Überwachung von EKG, Blutdruck, Herzfrequenz, Sauerstoffsättigung, Atemfrequenz, Vigilanz sowie Kapnometrie
Respiratorische Insuffizienz: Rückenlage mit Atemwegsmanagement und Beatmung
Sauerstofftherapie: bedarfsgerechte Sauerstoffgabe bei Hypoxämie, Atemdepression oder respiratorischer Insuffizienz
Antidottherapie: Fortführung der titrierten Naloxongabe bei erneut auftretender Atemdepression sowie engmaschige Reevaluation
Atemwegsmanagement: Freihalten der Atemwege, Absaugbereitschaft sowie ggf. Beutel-Masken-Beatmung oder Atemwegssicherung
Volumentherapie: Fortführung einer bedarfsgerechten Volumentherapie entsprechend der hämodynamischen Situation
Dokumentation: Erfassung von Substanz (falls bekannt), Zeitpunkt der Einnahme, Naloxongabe einschließlich Wirkung, Vitalparametern sowie sämtlichen präklinischen Maßnahmen
Übergabe in der Klinik
Strukturierte Übergabe nach standardisiertem Schema, z.B. SINNHAFT oder ISOBAR
Übergabe relevanter Informationen zu:
Vermuteter oder gesicherter Opioidaufnahme (Substanz, Applikationsweg, Menge)
Zeitpunkt der Einnahme bzw. Auffindesituation
Initialem neurologischen und respiratorischen Status
Atemfrequenz, Sauerstoffsättigung und weiteren Vitalparametern
Durchgeführter Naloxongabe (Dosis, Applikationsweg und Wirkung)
Erforderlicher Beatmung oder Atemwegssicherung
Verdacht auf Mischintoxikation oder Begleiterkrankungen
Verdacht auf Komplikationen: Hinweise auf Aspirationsereignis, persistierende Atemdepression, Krampfanfälle oder hämodynamische Instabilität ausdrücklich kommunizieren
Hochrisikopatient:innen: Bei langwirksamen Opioiden (z.B. Methadon), wiederholter Naloxongabe, notwendiger Beatmung oder persistierender Atemdepression frühzeitige Übergabe an das zuständige Schockraum- bzw. Intensivteam
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Definition
Definition
Opioidintoxikation
Eine Opioidintoxikation ist eine akute Vergiftung durch Opiate oder Opioide und stellt einen potenziell lebensbedrohlichen Notfall dar. Charakteristisch ist die Trias aus Bewusstseinsstörung, Atemdepression und beidseitiger Miosis.
Info
Opiate vs. Opioide
Opiate werden Substanzen genannt, die aus dem Schlafmohn (Papaver somniferum) gewonnen werden können (zum Beispiel Morphin oder Codein). Opioide ist ein Sammelbegriff für natürliche und synthetische Stoffe, die morphinartige Eigenschaften aufweisen und an Opioidrezeptoren wirksam sind. Das heißt, alle Opiate sind Opioide, aber nicht alle Opioide sind Opiate!
Ursachen
Überdosierung psychoaktiver Opioide: häufigste Ursache einer Opiatintoxikation.
Meist durch Heroin
Seltener durch verschreibungspflichtige Opioide wie Methadon, Oxycodon oder Fentanyl
Bereits geringe Überdosierungen können aufgrund der starken μ-Rezeptor-Aktivierung zu einer lebensbedrohlichen Atemdepression führen
Iatrogene Opioidüberdosierung: Dosierungsfehler oder eine fehlende Dosisanpassung, z.B. bei Nieren- oder Leberinsuffizienz, erhöhen das Intoxikationsrisiko
Besonders gefährdet sind opioidnaive Patient:innen
Pathophysiologie
Mechanismen der akuten Intoxikation:
Bindung an μ-Opioidrezeptoren: Opioide aktivieren vorwiegend μ-Opioidrezeptoren im zentralen Nervensystem → Hemmung der neuronalen Erregungsleitung und Neurotransmitterfreisetzung
Atemzentrum: Hemmung der CO₂-Empfindlichkeit und der rhythmischen Atemanregung im Hirnstamm → Hypoventilation, Hyperkapnie → respiratorische Azidose
Zentrale Dämpfung: verminderte Aktivität kortikaler und retikulärer Strukturen → Bewusstseinsstörung bis zum Koma
Pupillen: Aktivierung parasympathischer Bahnen über den Edinger-Westphal-Kern → beidseitige Miosis
Mesolimbisches Belohnungssystem: dopaminerge Aktivierung im ventralen Tegmentum und Nucleus accumbens → Euphorie, seltener Dysphorie
Kardiovaskuläre Wirkung: Vagusaktivierung und verminderter Sympathikotonus → Bradykardie und Hypotonie
Folge: Fortschreitende Atemdepression verursacht Hypoxie, die unbehandelt zu Kreislaufstillstand und Tod führen kann
Organ
Mechanismus
Klinische Folge
Pupillen
Aktivierung des Edinger-Westphal-Kerns
Beidseitige Miosis
Herz-Kreislauf-System
Vagusaktivierung und verminderter Sympathikotonus
Bradykardie, Hypotonie
Gastrointestinaltrakt
Hemmung des Plexus myentericus
Verminderte Motilität → Obstipation
Harnwege
Erhöhter Tonus der glatten Muskulatur
Harnverhalt
Klinischer Eindruck
Achtung
Eine Intoxikation mit Opiaten und Opioiden führt zu einer charakteristischen Kombination aus Vigilanzminderung, Atemdepression, Bradykardie und Miosis.
Bewusstseinsstörung: zentrale Dämpfung mit Somnolenz, Sopor oder Koma sowie verminderter Reaktion auf Ansprache und Schmerzreize
Atemdepression:Bradypnoe, Hypoventilation oder Apnoe durch Hemmung des Atemzentrums, ggf. Cheyne-Stokes-Atmung
Miosis: Typischerweise beidseits stecknadelkopfgroße Pupillen. Bei Mischintoxikationen können die Pupillen auch isokor oder entrundet sein
Bradykardie und Hypotonie: Folge einer Vagusaktivierung und verminderten Sympathikusaktivität
Zyanose: Ausdruck einer fortschreitenden Hypoxie infolge der Atemdepression
Merke
Im Endstadium unter anhaltender Hypoxie kann sich eine Mydriasis (weite Pupillen) entwickeln.
Leitsymptome einer Intoxikation mit Opioiden
Diagnostik
Inspektion:
Allgemeinzustand: Ausgeprägte Vigilanzminderung bis zum Koma als Ausdruck der zentralnervösen Dämpfung
Atemmuster:Bradypnoe, flache Atmung oder Apnoe infolge der Hemmung des Atemzentrums, ggf. Cheyne-Stokes-Atmung
Pupillen: Typischerweise beidseitige Miosis (stecknadelkopfgroße Pupillen) mit verminderter Lichtreaktion
Haut:blass-graues Hautkolorit, häufig kaltschweißig; bei zunehmender Hypoxie Zyanose der Lippen und Fingernägel
Hinweise auf Opioidkonsum:Einstichstellen, Spritzenspuren, Drogenutensilien oder transdermale Opioidpflaster können Hinweise auf die Ursache liefern
Miosis bei Opioidintoxikation
Palpation:
Puls: häufig Bradykardie, bei schwerer Intoxikation schwach tastbarer Puls infolge Hypotonie
Rekapillarisierungszeit: kann bei ausgeprägter Kreislaufdepression verlängert sein
Hauttemperatur: häufig kühle Extremitäten aufgrund der verminderten peripheren Perfusion
Perkussion:
Der Perkussionsbefund sollte physiologisch ausfallen. Ist das nicht so, muss differenzialdiagnostisch gedacht werden
Auskultation:
Lunge: häufig abgeschwächtes Atemgeräusch infolge der Hypoventilation
Abdomen: verminderte oder fehlende Darmgeräusche durch opioidbedingte Hemmung der Darmmotilität
Bewusstseinsgestörte Patient:innen mit erhaltener Spontanatmung: Seitenlage zur Aspirationsprophylaxe, alternativ Rückenlage bei kontinuierlicher Atemwegsüberwachung und Absaugbereitschaft.
Bewusstseinsgestörte Patient:innen mit respiratorischer Insuffizienz: Rückenlage mit konsequentem Atemwegsmanagement
Monitoring und Basisdiagnostik: kontinuierliche Überwachung mittels EKG, SpO₂, Blutdruck, Atemfrequenz und Kapnometrie
Giftentfernung: Weitere Wirkstoffaufnahme stoppen, z.B. durch Entfernen transdermaler Opioidpflaster
Atemwegsmanagement und Sauerstofftherapie:
Freihalten der Atemwege und bedarfsorientierte Sauerstoffgabe bei Hypoxämie oder Atemdepression
Frühzeitige Beutel-Masken-Beatmung bei unzureichender Spontanatmung, ggf. eskalierende Atemwegssicherung
Venöser Zugang: Anlage eines intravenösen Zugangs zur Medikamentengabe (z.B. Naloxon) sowie bei Bedarf zur Volumen- und Kreislauftherapie
Komplikationen erkennen: Persistierende Atemdepression, Aspirationsereignis, Mischintoxikationen oder Krampfanfälle frühzeitig erkennen und behandeln
Zielklinik: nach Stabilisierung Transport in eine geeignete Klinik. Bei persistierender Atemdepression, wiederholter Naloxongabe oder Verdacht auf langwirksame Opioide bzw. Mischintoxikationen Intensivüberwachung
Spezifische Maßnahmen:
Antidottherapie: Naloxon wird als spezielles Antidot verabreicht, um die Wirkung von Opioiden kompetitiv aufzuheben, insbesondere die Atemdepression und Bewusstseinsstörung
Vital bedrohte Patient:innen, vordergründig Atemdepression oder Apnoephasen: titrierte Gabe von Naloxon 0,1 mg i.v. oder 0,4-0,8 mg i.m. oder 2 mg i.n., Wiederholung alle 3 Minuten bis ausreichende Spontanatmung vorhanden
Bei Reanimation: Bolusgabe von Naloxon 0,4 mg i.v oder 0,8 mg i.m., Wiederholung alle 3 Minuten bis gewünschter Effekt
Volumenmanagement: bedarfsgerechte Volumentherapie mit balancierten Vollelektrolytlösungen entsprechend der hämodynamischen Situation
Besondere Situationen
Naloxon zeigt abgeschwächte Wirksamkeit bei Intoxikationen mit Buprenorphin
Info
Buprenorphin ist ein partieller μ-Opioidrezeptor-Agonist mit sehr hoher Rezeptoraffinität. Es bindet stärker an den μ-Rezeptor als viele Vollagonisten (z. B. Morphin oder Fentanyl). Auch Naloxon besitzt eine geringere Bindungsaffinität. Dadurch kann Buprenorphin nur schwer vom Rezeptor verdrängt werden. Die Wirkung von Naloxon ist deshalb häufig vermindert oder bleibt aus.
Transport
Grundsätzlich richtet sich die Wahl der Zielklinik nach dem klinischen Schweregrad, dem Ausmaß der Atemdepression sowie dem Verdacht auf eine Mischintoxikation oder weiteren Komplikationen.
Leichte Opioidintoxikation nach erfolgreicher Naloxongabe: Krankenhaus mit internistischer Versorgung, idealerweise mit Intensivmedizin zur weiteren Überwachung
Schwere Opioidintoxikation: Klinik mit Intensivmedizin, insbesondere bei persistierender Atemdepression, notwendiger Beatmung oder wiederholter Naloxongabe
Mischintoxikation oder Komplikationen: Krankenhaus mit intensivmedizinischer und toxikologischer Versorgung, insbesondere bei anhaltender Bewusstseinsstörung, Krampfanfällen oder hämodynamischer Instabilität
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Tipp
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Opioide
BGA-Fallbeispiel 19
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