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Opioide in der Anästhesie

5 Minuten Lesezeit

Die Opioide sind eine Wirkstoffgruppe, welche an den körpereigenen Opioidrezeptoren ihre Wirkung entfalten. Da bei einer Stressreaktion (Bsp.: Kampf ums Überleben) die Schmerzwahrnehmung stören würde, wird diese durch Ausschüttung endogener Opioidpeptide (β-Endorphin, Enkephalin, Dynorphin) auf Rückenmarksebene (spinal) und im Gehirn (supraspinal) gehemmt. Derselbe Mechanismus wird pharmakologisch bei der Gabe von exogenen Opioiden genutzt. Die Hauptwirkung der Opioide ist damit die Analgesie.

  • Agonismus oder Partialagonismus an den endogenen Opioidrezeptoren (μ-/κ-/δ- Rezeptoren)
  • Präsynapse: Bindung führt zur Senkung von intrazellulärem cAMP. Dadurch wird der Einstrom von Calcium in die Präsynapse und damit die Transmitterfreisetzung (Glutamat) reduziert
  • Postsynapse: Bindung führt zu einer erhöhten Öffnungswahrscheinlichkeit von postsynaptischen Kaliumkanälen. Der Ausstrom von Kalium (positiv geladene Ionen) führt zu einer Hyperpolarisation, wodurch ebenfalls die Signalweiterleitung unterdrückt wird
Übersicht über spinale Wirkorte verschiedener Opioid- und Nicht-Opioid-Analgetika
 Info
Opiate vs. Opioide

Opiate werden Substanzen genannt, die aus dem Schlafmohn (Papaver somniferum) gewonnen werden können (zum Beispiel Morphin oder Codein). Opioide ist ein Sammelbegriff für natürliche und synthetische Stoffe, die morphinartige Eigenschaften aufweisen und an Opioidrezeptoren wirksam sind. Das heißt, alle Opiate sind Opioide, aber nicht alle Opioide sind Opiate!

In der Anästhesie werden vor allem Opioid-Analgetika aus der Fentanyl-Gruppe verwendet.

Opioide:(WHO-Stufe III)Analgetische Potenz im Vergleich zu MorphinWirkdauerBesonderheiten
Alfentanil3010–15 min
  • Bei kurzen operativen Eingriffen
  • Im Vergleich zu Fentanyl schnellerer Wirkeintritt und kürzere Wirkdauer
  • Häufiger Thoraxrigidität
Fentanyl12030–40 min
  • Stark analgetisch
  • Kumulation im Fettgewebe bei kontinuierlicher Applikation 
    Kontextsensitive Halbwertszeit
  • Applikationsformen: u.a. oral, sublingual, buccal, nasal, transdermal (als Pflaster), intravenös
Remifentanil20010 min
  • Inaktivierung durch unspezifische Esterasen → Beste Steuerbarkeit, kurze Wirkdauer
  • Vorteilhaft bei Leber- und Niereninsuffizienz (keine Dosisanpassung notwendig)
  • Keine Kumulation
  • Steht im Verdacht eine Opioid-induzierten Hyperalgesie (OIH) auszulösen →  paradoxe Schmerzempfindlichkeit
SufentanilCa. 100030 min
  • Höchste analgetische Potenz aller in der Humanmedizin zugelassenen Opioide
  • Geringere Akkumulationsgefahr im Vergleich zu Fentanyl (geringere kontextsensitive Halbwertszeit)
 Achtung

Aufgrund der kurzen Wirkdauer von Remifentanil muss zur postoperativen Schmerztherapie vor Beendigung der Operation weitere Analgetika verabreicht werden!

Im postoperativen Verlauf kommen oft weniger potente Opioide wie Piritramid oder Pethidin zum Einsatz.

Opioide:
(WHO-Stufe III)
Analgetische Potenz im Vergleich zu MorphinBesonderheiten
Piritramid0,7
  • Standardopioid zur intravenösen postoperativen Schmerztherapie
  • Weniger emetogen, kreislaufdepressiv und euphorisierend als Morphin
Pethidin0,1-0,2
  • Postoperative Schmerztherapie
  • Postoperatives Shivering
  • Cave: aktiver Metabolit Norpethidin kann bei Niereninsuffizienz akkumulieren → Auslösung von Krampfanfällen
  • Einsatz bei Gallenkoliken, Divertikulitis (weniger spasmogen)
  • Keine Kombination mit MAO-Hemmern Risiko eines Serotonin-Syndrom
 Merke

Merkhilfe: SOME OATS (einige Haferflocken)

  • S: Sedierung
  • O: Obstipation
  • M: Miosis, Mediatorfreisetzung → Histamin → Juckreiz, Miktionsbeschwerden (Harnverhalt)
  • E: Erbrechen
  • O: Orthostatische Hypotonie
  • A: Atemdepression, resp. Azidose, Abhängigkeit, Anstieg des Hirndrucks (primär durch CO₂-Retention aufgrund der Hypoventilation)
  • T: Thoraxrigidität (bei schneller i.v.-Gabe), Toleranz
  • S: Schwitzen
 Tipp

Opioidabhängige Patient:innen haben in der Regel einen erhöhten Opioidbedarf. Der Partialagonist Buprenorphin kann zu Entzugssymptomen führen und ist daher bei opioidabhängigen Patient:innen kontraindiziert.

  • Naloxon (Opioidrezeptor-Antagonist)
 Achtung

Naloxon hat eine kürzere Halbwertszeit als die meisten Opioide. Es kann daher zu einem Rebound-Phänomen mit Remorphinisierung kommen!

WirkstoffeEinleitung 
in μg/kgKG i.v. 
(Erwachsene)
Aufrechterhaltung
Bolusgabe in μg/kgKG i.v.Kontinuierliche Gabe in μg/kgKG/Std. i.v.
Alfentanil10–2510–1515–45
Fentanyl2–41–2 1–5
Remifentanil0,5–1 6–30 (≙ 0,1–0,5 μg/kgKG/min )
Sufentanil0,2–0,50,1–0,20,3–1,5
 Dosierungsvorschläge
Piritramid 7,5–15 mg langsam i.v.
PethidinEinzeldosis: 50 mg i.v. 
Infusion: 15–35 mg/Std.
  • S3-Leitlinie: Analgesie, Sedierung und Delirmanagement in der Intensivmedizin, Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI)
  • Freissmuth et al.: Pharmakologie und Toxikologie. Springer 2012, ISBN: 978-3-642-12353-5.
  • Karow, Lang-Roth: Allgemeine und Spezielle Pharmakologie und Toxikologie 2012
  • Lüllmann et al.: Pharmakologie und Toxikologie. 15. Auflage Thieme 2002, ISBN: 3-133-68515-5
  • Wehling: Klinische Pharmakologie. 2. Auflage Thieme 2011, ISBN: 978-3-131-60282-4
Zuletzt aktualisiert am 04.05.2026
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