Medi Know
Logo Image

Ösophaguskarzinom

Speiseröhrenkrebs
11 Minuten Lesezeit

Das Ösophaguskarzinom ist eine seltene, aber oft tödliche Krebserkrankung, die vor allem bei Männern im Alter von 50-60 Jahren auftritt. Es werden zwei Hauptformen unterschieden: das Adenokarzinom und das Plattenepithelkarzinom.

Adenokarzinome treten vermehrt in Folge eines Barrett-Ösophagus im unteren Drittel des Ösophagus auf und sind eine der am stärksten zunehmenden Tumorentitäten in westlichen Ländern. Plattenepithelkarzinome treten hauptsächlich im mittleren Drittel des Ösophagus auf und stehen in Zusammenhang mit verschiedenen Risikofaktoren wie Rauchen, heißen Getränken, Nitrosaminen und Alkoholkonsum. Die Symptome des Ösophaguskarzinoms sind oft unspezifisch, wie z.B. Dysphagie oder Druckgefühl, was dazu führt, dass die Erkrankung oft erst spät erkannt wird. Bei etwa 40% der Patienten ist das Ösophaguskarzinom bei der Diagnosestellung noch operabel. Die Prognose ist meist schlecht, da der Tumor früh in umliegende Strukturen metastasiert. Circa 50% der Patienten versterben im ersten Jahr nach der Diagnosestellung.

  • Inzidenz: Ösophaguskarzinom ist eine relativ seltene Krebsart in Deutschland, mit einer geschätzten jährlichen Inzidenz von etwa 6-8 Fällen pro 100.000 Einwohner.
  • Geschlechtsverteilung: Männer sind deutlich häufiger betroffen als Frauen, mit einem Verhältnis von etwa 3-4:1, was auf Unterschiede in Risikofaktoren und Lebensgewohnheiten zurückgeführt werden kann
  • Altersverteilung: Das mittlere Erkrankungsalter liegt bei Männern bei  67 Jahren und bei Frauen bei etwa 71 Jahren
 Plattenepithelkarzinom des ÖsophagusAdenokarzinom des Ösophagus
Endogene Risikofaktoren
  • Achalasie (Stasis)
  • Divertikel
  • Stenosen durch Verätzungen
  • Plummer-Vinson-Syndrom (s.u.)
  • Höheres Alter (60-70)
  • GERD
  • Barrett-Ösophagus (Präkanzerose)
  • Achalasie
  • Stenosen durch Verätzungen
  • Übergewicht
Exogene Risikofaktoren
  • Alkoholkonsum
  • Rauchen
  • HPV-Infektion (Typen 16, 18, 31, 33)
  • Nitrosamine
  • Betelnüsse
  • Aflatoxine
  • Bestrahlung
  • Rauchen

     

 Info
Plummer-Vinson-Syndrom

Das Plummer-Vinson-Syndrom ist gekennzeichnet durch das Auftreten der folgenden Trias: Eisenmangelanämie (mikrozytäre, hypochrome Anämie), Dysphagie, Ösophagusmembranen. Durch einen länger bestehenden, schweren Eisenmangel kann es zu Atrophien und Entzündungsreaktionen der Mund- und Ösophagusschleimhaut kommen. Es stellt einen Risikofaktor für das Auftreten von Plattenepithelkarzinomen des Ösophagus dar.

Adenokarzinom des Ösophagus

Das Adenokarzinom tritt fast ausschließlich im unteren Drittel des Ösophagus auf, da es sich pathophysiologisch auf dem Boden einer gastroösophagealen Refluxkrankheit entwickelt.

Plattenepithelkarzinom des Ösophagus

Das Plattenepithelkarzinom tritt vor allem an den 3 physiologischen Engstellen des Ösophagus auf:

  1. Enge: oberer Ösophagussphinkter
  2. Enge: linker Bronchus und Aorta Überkreuzung
  3. Enge: unterer Ösophagussphinkter

Häufigkeit: Mittleres Ösophagusdrittel (ca. 50% der Fälle) > distales Ösophagusdrittel > proximales Ösophagusdrittel

  • Das Ösophaguskarzinom ist lange asymptomatisch
  • Das Leitsymptom ist die Dysphagie:
    • Diese ist häufig schnell fortschreitend zunächst für feste Nahrung und später ggf. auch für Flüssigkeiten
    • Bei Beginn einer Dysphagie lässt sich annehmen, dass bereits 2/3 der Ösophaguswand infiltriert sind
  • Weitere Symptome:
    • Regurgitation, Sodbrennen, Halitosis (Mundgeruch), Schluckauf, Heiserkeit
    • Hämatemesis, Meläna (Teerstuhl)
  • Zeichen einer fortgeschrittenen Erkrankung
    • Persistente Dysphagie
    • Retrosternale Schmerzen
    • Virchow-Lymphknoten (s.u.)
    • Heiserkeit, chronischer Husten, Pneumonie
  • Auswirkungen auf den Allgemeinzustand
    • Gewichtsverlust bis zur Anorexie
    • Dehydratation
    • Anämie
 Achtung

Wenn eine Person über 50 Jahre alt ist und eine neu aufgetretene Dysphagie aufweist, sollte ein Ösophaguskarzinom als  Ursache in Betracht gezogen werden.

Anamnese & körperliche Untersuchung

  • ÖGD mit Biopsie aus suspekten Arealen (Goldstandard)
Ösophaguskarzinom
Adenokarzinom am gastroösophagealen Übergang
  • Bildgebende Verfahren:
Bildgebendes VerfahrenAnwendungsbereich
Sonografie Abdomen und HalsInitialdiagnostik, Ausschluss von Lebermetastasen und zervikalen Lymphknotenmetastasen
Endoskopischer Ultraschall (= EUS)Beurteilung der Infiltrationstiefe des Tumors und der benachbarten Lymphknoten
ÖsophagusbreischluckObsolet
Computertomografie (= CT)Primäres Staging von Hals, Thorax und Abdomen bei neu diagnostiziertem Ösophaguskarzinom
Magnetresonanztomografie (= MRT)Ersatzverfahren oder Ergänzung zu CT/EUS
Positronenemissionstomografie (= PET)M-Staging bei lokal fortgeschrittenen Tumoren
 Achtung

Beim Ösophaguskarzinom spielt die Bestimmung von Tumormarkern keine Rolle.

Stagingdiagnostik

  • Endoskopischer Ultraschall (EUS) + CT-Scan (Thorax & Abdomen) sind die Mittel der Wahl, um die Operabilität des Tumors einschätzen zu können
  • Sitzt der Tumor im mittleren oder oberen Drittel sollte eine Laryngoskopie & Bronchoskopie erfolgen
  • Am besten geeignet für die Metastasensuche ist ein PET-Scan. Nach Lebermetastasen kann zudem per Leberfunktionstests, transkutanem Ultraschall oder laparoskopisch gesucht werden.
  • Die TNM-Stadien sind bei malignen Tumoren des Ösophagus bis zum Rektum sehr ähnlich. Die Buchstaben T, N und M stehen für Tumorgröße und -infiltrationstiefe, Lymphknotenbefall und Metastasierung. Jede dieser Kategorien kann weiter unterteilt werden, um die genaue Ausdehnung des Tumors zu beschreiben

TNM-Klassifikation des Ösophaguskarzinoms

Tumorausdehnung

T1aInfiltration der Lamina propria oder Muscularis mucosae
T1bInfiltration der Submukosa
T2Infiltration der Muscularis propria
T3Infiltration der Adventitia
T4aInfiltration von Zwerchfell, Pleura, V. azygos, Perikard
T4bInfiltration anderer benachbarter Strukturen (z.B. Trachea, Aorta, Wirbelkörper)
Metastasierung
N0Keine Lymphknotenbefall
N11–2 regionäre Lymphknoten betroffen
N23–6 regionäre Lymphknoten betroffen
N3≥7 regionäre Lymphknoten betroffen
M1Fernmetastasen nachgewiesen
  • Andere Krankheiten des Ösophagus:
    • Achalasie: Motilitätsstörung des Ösophagus mit Dysphagie und Regurgitation
    • Divertikel: Ausstülpungen der Ösophaguswand, die Symptome wie Schluckbeschwerden und Regurgitation verursachen können
    • Gutartige Stenosen: Verursacht durch chronische Entzündungen (z.B. Ösophagitis), benigne Tumore oder nach therapeutischen Eingriffen
  • Extrinsische Kompression:
    • Aortenaneurysma: Erweiterung der Aorta, die Druck auf den Ösophagus ausüben kann
    • Mediastinaler Tumor/Adenopathie: Tumore oder vergrößerte Lymphknoten im Mediastinum, die den Ösophagus komprimieren
    • Osteophyten: Knochenwucherungen an der Wirbelsäule
    • Zysten (z.B. in der Lunge): Flüssigkeitsgefüllte Blasen

Je nach Tumorlokalisation und -stadium stehen verschiedene Therapieoptionen zur Verfügung, darunter eine endoskopische oder chirurgische Resektion, perioperative Chemotherapie, präoperative Radiochemotherapie, definitive Radiochemotherapie oder palliative Therapie. In der folgenden Tabelle sind diese Therapieoptionen sowie ihre Indikationen und Durchführungen zusammengefasst.

TherapieIndikationDurchführungZiel
Endoskopische ResektionTumorstadien bis T1, N0, M0Endoskopische Mukosaresektion (EMR) oder endoskopische Submukosa-resektion (ESD) bei Barrett-ÖsophagusKomplette Resektion (R0), ansonsten chirurgisches Verfahren
Chirurgische ResektionTumorstadium T2, T3 und T4 oder bei N+, M0 nach neoadjuvanter Chemotherapie (Adenokarzinom) bzw. Radiochemotherapie (Plattenepithelkarzinom)Minimal-invasive oder offen-chirurgische Verfahren
→ Magenhochzug 
Alternativ: Kolon oder Jejunum-Interponat
Komplette Resektion (R0) des Tumors und der regionären Lymphknoten
Perioperative Chemotherapie
(Neoadjuvante + adjuvante Chemotherapie)
Adenokarzinome und AEGs der Kategorie T3 und resektable T4-KarzinomeKombination aus 5-FU, Folinsäure, Docetaxel und OxaliplatinVerbesserung der Operationsbedin-gungen durch Down-Staging (Tumorverkleinerung)
Präoperative Radiochemo-therapiePlattenepithelkarzinome der Kategorie T3 und resektable T4-Karzinome, Adenokarzinome und AEGs der Kategorie T3 und resektable T4-KarzinomeChemotherapie mit 5-FU und Cisplatin, RadiotherapieVerbesserte Operationsbedin-gungen, Reduktion von Rezidiven, gesteigerte Überlebenswahr-scheinlichkeit
Definitive Radiochemo-therapieKontraindikationen gegenüber Operation (unabhängig vom histologischen Karzinom-Typ), lokalisierte Plattenepithelkarzinome des zervikalen Ösophagus 
(1. Wahl)
Kombination von Radio- und ChemotherapiePotenziell kurative Alternative zur chirurgischen Therapie
Palliative ChemotherapieAdeno- und Plattenepithelkarzinome, die wegen lokaler Ausbreitung oder Fernmetastasierung (M+) nicht kurativ therapiert werden könnenChemotherapie und Immuntherapie, Stentimplantationen, palliative Resektion, AnalgesiePalliative Symptomkontrolle

Adenokarzinome des gastroösophagealen Übergangs (AEG-Karzinome)

Für Adenokarzinome am gastroösophagealen Übergang wird die Siewert-Klassifikation verwendet. Abhängig von der Lokalisation werden unterschiedliche OP-Schemata angewendet. Das AEG-Karzinom Typ I entsteht meist aus dem Barrett-Ösophagus, während bei Typ II und III häufig eine Helicobacter-pylori-Infektion vorliegt.

AEG 
Typ
LokalisationOP-Schema
Typ I

Punkt des zentralen Wachstums 1-5 cm proximal der Z-linie

(Meist aus dem Barrett-Ösophagus hervorgegangen)

Adenokarzinom des gastroösophagealen Übergangs (AEG-Karzinome)
Subtotale 
Ösophagektomie
Typ IIPunkt des zentralen Wachstums 1 cm proximal bis 2 cm distal der Z-linieTranshiatal erweiterte 
Gastrektomie
Typ IIIPunkt des zentralen Wachstums 2-5 cm distal der Z-linie (Magenkarzinom)Gastrektomie

Metastasierung

Die Metastasierung erfolgt beim Ösophaguskarzinom lymphogen und spät hämatogen.

  • Lymphogen:
    • Zervikale Lymphknoten (primär Nodi lymphatici jugulares anteriores 
      und supraklavikuläre Lymphknoten) 
    • Thorakal: Mediastinale, supraklavikuläre und subdiaphragmale Lymphnoten 
    • Abdominell: Nodi lymphatici coeliaci und Magenlymphknoten der kleinen Kurvatur
  • Hämatogen:
    • Leber > Lunge > Knochen
 Info
Virchow-Lymphknoten

Der Virchow-Lymphknoten ist ein Lymphknoten, der sich links oberhalb der Clavicula befindet und Lymphflüssigkeit aus dem Gastrointestinaltrakt erhält. Wenn dieser Lymphknoten vergrößert ist, kann dies ein Hinweis auf eine Metastasierung aus dem Gastrointestinaltrakt sein, insbesondere aus dem Magen. Dieses Phänomen wird als Virchow-Troisier-Zeichen bezeichnet. Die körperliche Untersuchung sollte die Untersuchung der supraklavikulären Lymphknoten beinhalten, da eine solche Veränderung auf eine fortgeschrittene Tumorerkrankung hinweisen kann

Weitere Komplikationen

  • Aspirationspneumonie
  • Mediastinitis
  • Ösophagotracheale Fistelbildung ebenfalls assoziiert mit Pneumonie oder Hämoptysis
  • Ösophageale Stenose
  • Retrosternale Schmerzen (durch Invasion von Nerven, der Pleura oder dem Periost der Vertebrae)
  • Überlebensraten: Die 5-Jahres-Überlebensrate für Ösophaguskarzinom in Deutschland liegt bei etwa 10%. Diese relativ niedrige Rate spiegelt die Tatsache wider, dass die Erkrankung oft in einem fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert wird (schlechte Prognose)
  • Karzinome im unteren Drittel des Ösophagus weisen in der Regel eine bessere Prognose auf als solche im mittleren oder oberen Drittel
Lernkarte Ösophaguskarzinom
 
Zuletzt aktualisiert am 07.08.2026
Mallory-Weiss-Syndrom vs. Boerhaave-Syndrom
Akute Gastritis
Deine Medizin-Lernplattform
Jetzt weiterlesen
Zugang zu diesem und über 800 weiteren leitlinienbasierten Artikeln, unserem einzigartigen medizinischen AI-Tutor und Quiz