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Pankreaskarzinom

Bauchspeicheldrüsenkrebs
10 Minuten Lesezeit

Pankreaskarzinom, auch Bauchspeicheldrüsenkrebs genannt, ist eine aggressive maligne Erkrankung, die von den Zellen der Bauchspeicheldrüse ausgeht. Es wird oft spät diagnostiziert, da frühe Symptome unspezifisch und mild sind. Zu den Risikofaktoren zählen chronische Pankreatitis, Rauchen, Diabetes mellitus, Adipositas und genetische Veranlagung (z.B. BRCA-Mutationen). Typische Symptome im fortgeschrittenen Stadium sind Gewichtsverlust, Oberbauch- und Rückenschmerzen, Ikterus (Gelbsucht) durch Gallengangsobstruktion und Appetitlosigkeit. Die Diagnostik umfasst bildgebende Verfahren wie Ultraschall, CT und MRT, sowie endoskopische Untersuchungen (z.B. Endosonografie) und Biopsien zur histologischen Sicherung. Die Behandlung richtet sich nach dem Stadium des Tumors und umfasst chirurgische Resektion (z.B. Whipple-Operation), Chemotherapie, Strahlentherapie und palliative Maßnahmen zur Symptomlinderung. Die Prognose ist oft ungünstig, insbesondere wenn der Tumor erst in einem fortgeschrittenen Stadium entdeckt wird.

  • Inzidenz: Pankreaskarzinom hat eine Inzidenz von etwa 12 Fällen pro 100.000 Personen pro Jahr, mit steigender Tendenz in vielen Industrienationen
  • Das mittlere Erkrankungsalter liegt zwischen 60 und 80 Jahren
 Merke

Als Hauptrisikofaktor gilt Rauchen.

Erworbene RisikofaktorenEndogene Risikofaktoren
  • Rauchen
  • starker Alkoholkonsum
  • Übergewicht
  • Chronische Pankreatitis
  • Diabetes mellitus Typ 2 (Risikofaktor oder Manifestation)
  • Alter (meist 60-80J.)
  • Genetische Prädisposition
  • Positive Familienanamnese (≥ 2 betroffene Verwandte ersten Grades)
  • BRCA2-, PRSS1-Mutation
  • FAP, HNPCC
  • Tumorentstehung: Akkumulation verschiedener Mutationen, die über Vorstufen (Präkanzerosen) schließlich zur malignen Entartung der Pankreaszellen führt
  • Genetische Mutationen:  Mutationen in Genen wie K-ras, HER2/neu, BRCA1 und BRCA2
  • Angiogenese: Erhöhte Bildung von Blutgefäßen, die den Tumor mit Nährstoffen versorgen und das Tumorwachstum unterstützen.
  • Perineurale Invasion: Tumorzellen infiltrieren periphere Nerven, was zu starken Schmerzen und verstärkter Tumorausbreitung führen kann
 Merke

Am häufigsten tritt das Pankreaskarzinom im Pankreaskopf auf.

Pankreaskarzinom Lokalisation

Mikroskopisch: Pankreaskarzinome sind meist duktale Adenokarzinome. Sie verursachen häufig eine desmoplastische Reaktion. Das bedeutet, dass der Tumor die Bildung von kollagenreichem Bindegewebe induziert. Seltener entwickeln sich Karzinome aus den sekretbildenden Azinuszellen (azinäre Adenokarzinome) oder aus neuroendokrinen Zellen (Insulinom, Glucagonom, VIPom oder Gastrinom). Andere, seltenere bösartige Neubildungen des Pankreas sind Zystadenokarzinom, Sarkom, Lymphom, Pankreatoblastom.

 Merke

Pankreaskarzinome werden i.d.R. spät symptomatisch. Die Klinik ist unspezifisch.

  • Trias unspezifischer Symptome:
    • abdominelle Beschwerden (Appetitlosigkeit, 
      Gewichtsverlust, Übelkeit, Oberbauchschmerzen)
    • Unspezifische Rückenschmerzen
    • Neuauftreten eines Diabetes mellitus
  • Symptome aufgrund lokaler Obstruktion (v.a. Caput):
    • Schmerzloser Ikterushäufigstes Erstsymptom 
      des Pankreaskopfkarzinoms 
    • Dunkler Urin, heller Stuhl
    • Steatorrhoe
    • Diarrhoe
  • Frühe Metastasierung 
  • Starke Rückenschmerzen durch Infiltration des Ganglion coeliacum 
  • Akute Pankreatitis durch Obstruktion
  • Magenausgangsstenose
  • Paraneoplastische Syndrome:
    • Thrombophlebitis migrans (Trousseau-Syndrom): Rezidivierende Thrombophlebitiden (oberflächliche Venenentzündungen), an verschiedenen Orten lokalisiert
    • Thrombophilie (Milzvenenthrombose, Beinvenenthrombose)
 Tipp

Bei unklaren Thrombosen sollte an ein malignes Tumorleiden (insbesondere Pankreaskarzinom, aber auch Prostata- und pulmonale Karzinome: "3P") gedacht werden.

Das Pankreaskarzinom wächst lokal infiltrierend. Es kann zur Ausbildung einer Peritonealkarzinose mit Aszites kommen. Außerdem metastasieren diese Karzinome lymphogen, hämatogen (in Leber, Lunge, Knochen) und perineural. Letzteres ist eine der Ursachen für Rezidive nach Resektion. Bei Lebermetastasen kann es zu einem hepatischen Ikterus mit eingeschränkter Leberfunktion kommen.

Anamnese und klinische Untersuchung

  • Erhebung von Symptomen wie Gewichtsverlust, Oberbauchschmerzen, Ikterus und Appetitlosigkeit
  • Abdominelle Untersuchung: Ikterus, ggf. Courvoisier-Zeichen
 Info
Courvoisier-Zeichen

Das Courvoisier-Zeichen bezeichnet die schmerzlose prallelastische Dilatation der Gallenblase (≠Murphy-Zeichen), die bei Palpation des Abdomens tastbar ist.

Die Dilatation der Gallenblase wird durch eine Obstruktion des Ductus choledochus mit Reflux in die Gallenblase verursacht. Dieses Phänomen findet sich beim Pankreaskarzinom und beim distalen Gallengangskarzinom (dCCA).

Laboranalyse des Blutes

  • Bei Cholestase: ↑AP, GGT & direktes Bilirubin (posthepatischer Ikterus) bei Pankreaskopfkarzinom 
  • Bei begleitender Pankreatitis: ↑Lipase
  • Tumormarker zur Verlaufskontrolle: CA19-9 & CEA 

Bildgebung

  • Sonografie des Abdomens: primäre Screeningmethode, ggf. “double duct sign“ (Dilatation von Gallengang & Pankreasgang), Lebermetastasen, Doppelflintenphänomen durch gestaute intrahepatische Gallengänge
  • CT mit Kontrastmittel: bei unklarem Befund in der Sonografie, vor geplanter OP
  • MRT: “One-stop-shop“-MRT (MRT + MRT-Angiografie + MRCP) mit Sonografie am sensitivsten
  • Endosonografie: Visualisierung der Infiltrationstiefe 
  • ERCP: zur Beurteilung der Gallen- und Pankreasgänge (Erweiterungen, Einrisse, Stenosen), Interventionsmöglichkeit mit Stenteinlage
  • Feinnadelpunktion:
    • Nicht erforderlich vor kurativer Operation mit eindeutigem bildgebenden Befund
    • Obligat vor palliativer Therapie
 Achtung

Bei der Feinnadelpunktion ist eine kritische Indikationsstellung erforderlich. Es können Stichkanalmetastasen auftreten.

Eine kurative Therapie mittels R0-Resektion ist nur selten möglich (ca. 10-20%). Auch nach Resektion beträgt die 5-Jahres-Überlebensrate nur ca. 20%. Es stehen folgende Therapieoptionen zur Verfügung:

TherapieoptionBeschreibung
Operation
  • Pankreaskopfkarzinom
  • Pyloruserhaltende partielle Duodenopankreatektomie (nach Traverso-Longmire) mit Entfernung von:
    • Duodenumanteilen
    • Pankreaskopf
    • Gallenblase
    • Ductus choledochus
  • Partielle Duodenopankreatektomie ("Whipple-OP")
    • Indikation: bei Infiltration des Bulbus duodeni
    • Zusätzlich Entfernung des Pylorus und des Bulbus duodeni
  • Karzinome des Pankreaskorpus und -schwanzes
    • Subtotale Pankreaslinksresektion mit Splenektomie
    • Totale Duodenopankreatektomie: vollständige Pankreas- und Milzresektion (Splenektomie)
Adjuvante Therapie
  • 4–8 Wochen nach OP kann eine adjuvante Therapie über 6 Monate durchgeführt werden, um das Risiko von Rezidiven zu reduzieren:
  • Verwendete Therapieschemata: Gemcitabin, FOLFIRINOX (Folinsäure, 5-Fluorouracil, Irinotecan, Oxaliplatin), Paclitaxel
Palliative Therapie
  • In fortgeschrittenen metastasierten Stadien ist eine palliative Chemotherapie indiziert → ↑ Überlebenszeit
  • Verwendete Therapieschemata
    • Gemcitabin als Monotherapie
    • Gemcitabin und der EGFR-Tyrosinkinase-Inhibitor Erlotinib zeigen bessere Wirksamkeit, wenn sie kombiniert verabreicht werden
    • Gemcitabin und nab-Paclitaxel
    • FOLFIRINOX
Behandlung der Komplikationen
  • Bei Ikterus: ERCP mit Stenteinlage oder biliodigestive Anastomose
  • Bei Duodenum Stenose (durch massiges Pankreaskopfkarzinom): Gastroenterostomie oder Stenteinlage
  • Bei therapieresistenten Schmerzen: Blockade des Ganglion coeliacum
  • Exokrine Pankreasinsuffizienz: Substitution von Pankreasenzymen
  • Meist werden Pankreaskarzinome erst in einem inoperablen Stadium mit schlechter Prognose entdeckt
    • Dies liegt zum einen an den unspezifischen und spät auftretenden Symptomen und zum anderen an dem frühen infiltrativen Wachstum und der lymphogenen/hämatogenen Metastasierung dieser Tumorentität
  • Die mittlere Lebenserwartung bei Diagnosestellung beträgt 3-12 Monate
 Tipp

Karzinome, die direkt an der Papilla duodeni major (Papilla Vateri) lokalisiert sind, haben eine größere Chance auf Früherkennung, da durch die Obstruktion der Gallengänge frühzeitig ein Ikterus auftreten kann.

Es gibt verschiedene Neoplasien des endokrinen Systems der Bauchspeicheldrüse, die benigne oder maligne sein können. Außerdem können sie funktionell (hormonproduzierend) oder nicht funktionell (nicht hormonproduzierend) sein. Abgesehen vom funktionellen Status ist die Klinik oft unspezifisch. Die Diagnose wird durch die Klinik, Laborparameter bestimmter Hormone und bildgebende Verfahren gestellt. 

 Merke

Allgemeine Tumormarker für neuroendokrine Tumore sind Chromogranin A und neuronenspezifische Enolase (NSE).

TypCharakteristikaDiagnostik und Therapie
Insulinom
  • Definition: Tumor der pankreatischen β-Zellen
  • Meist benigne, in 10% maligne
  • Whipple-Trias:
    • 1.Hypoglykämie <45mg/dl
    • 2.Symptome der Hypoglykämie: Schwitzen, Zittern, Tachykardie, Verwirrtheit
    • 3. Besserung nach Glukosegabe
  • Assoziiert mit MEN1-Syndrom
  • Diagnostik:
    • Insulin, Glucose, C-Peptid
    • Fastentest
  • Therapie:
    • Resektion
    • Gabe von Octreotid (Somatostatin-Analogon): hemmt die Insulinausschüttung
    • Bei Metastasen: Diazoxid
Gastrinom
  • Definition: Tumor von gastrinproduzierenden Zellen
  • 60-70% maligne
  • Zollinger-Ellison-Syndrom:
    • Bauchschmerzen bei Ulcus ventriculi
    • Reflux
  • Diarrhoe, Steatorrhoe
  • Assoziiert mit MEN1-Syndrom
  • Diagnostik:
    • ↑↑↑ Nüchterngastrin-Spiegel (Hypergastrinämie)
    • Sekretin-Stimulationstest & Somatostatin-Rezeptor-Szintigrafie
  • Therapie:
    • Chirurgische Resektion + Lymphadenektomie im Gastrinom-Dreieck & Magensäurehemmer in hoher Dosis, Somatostatin-Analoga
VIPom
  • Definition: Tumor von VIP-produzierenden Zellen (vasoaktive intestinale Peptid)
  • Klinik ähnlich einer Cholera-Infektion („pankreatische Cholera“)
  • Verner-Morrison-Syndrom/ WDHA-Syndrom:
    • Wässrige
      Diarrhoen
    • Hypokaliämie
    • Achlorhydrie
    • schwere Dehydratation
  • Flush-Symptomatik
    häufig maligne
  • hohes Letalitätsrisiko & schlechte Prognose bei malignen Formen
  • Diagnostik  
    • VIP-Bestimmung
  • Therapie
    • Flüssigkeits- und Elektrolytsubstitution,
    • Therapie mit Somatostatin Analoga (reduziert die Diarrhoe)
    • Resektion
    • Palliative Chemotherapie
Glukagonom
  • Definition: Tumor der pankreatischen α-Zellen
  • häufiger bei Frauen
  • Klinik des Diabetes Mellitus (Hyperglykämie)
  • Läsionen der Haut: Erythema necrolyticum migrans
  • Anämie & Gewichtsverlust 
  • Diagnostik:
    • ↑↑ Glukagonwerte
    • ↑↑ Glukose
  • Therapie:  
    • Resektion/palliative Chemotherapie
Karzinoid-Syndrom
  • Definition: Sekretion von Serotonin, Bradykininen, Tachykininen und Histaminen aus neuroendokrinen Zellen
  • selten im Pankreas; Ursprung in chromaffinen Zellen
  • Klinik: Karzinoid-Syndrom
    • Diarrhoe
    • Bauchkrämpfe
    • Flush-Symptomatik
    • Karzinoid-Herzerkrankung
  • Meist erst nach Metastasierung in die Leber symptomatisch
  • Diagnostik:
    • 5-Hydroxyindolessigsäure (5-HIES) im 24-Stunden-Sammelurin 
      → Nebenprodukt von Serotonin
    • Echokardiografie
  • Therapie:  
    • Resektion
    • Octreotid
    • Ggf. Chemotherapie

 

Lernkarte Pankreaskarzinom
 
  • S3-Leitlinie Exokrines Pankreaskarzinom, Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten e.V. (DGVS)
  • S3-Leitlinie Pankreatitis, Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten e.V. (DGVS)
Zuletzt aktualisiert am 07.08.2026
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