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Parasymphatikus (Pharmakologie)

10 Minuten Lesezeit

Der Abschnitt behandelt den Parasympathikus und seine pharmakologische Beeinflussung. Der Parasympathikus, Teil des autonomen Nervensystems, fördert die "Rest-and-Digest"-Reaktionen und wirkt als Gegenspieler zum Sympathikus. Die pharmakologische Beeinflussung umfasst Parasympathomimetika bzw. Cholinergika, die die Wirkung von Acetylcholin nachahmen und die parasympathische Aktivität fördern. 
Direkte Parasympathomimetika wirken direkt an den cholinergen Rezeptoren und stimulieren deren Aktivität. 
Indirekte Parasympathomimetika erhöhen die Konzentration von Acetylcholin, indem sie den Abbau durch Hemmung der Acetylcholinesterase verhindern. Parasympatholytika bzw. Anticholinergika hemmen die Wirkung von Acetylcholin und reduzieren die parasympathische Aktivität, indem sie die cholinergen Rezeptoren blockieren.

Vegetatives Nervensystem

  • Das vegetative Nervensystem (autonomes Nervensystem) kontrolliert Prozesse, die sich weitestgehend der willkürlichen Kontrolle entziehen
  • Es steuert lebenswichtige Funktionen wie die Verdauung, die Atmung und den Stoffwechsel.
  • Auch bestimmte Organe wie die Geschlechtsorgane oder die inneren Augenmuskeln werden vom vegetativen Nervensystem beeinflusst.
  • Das vegetative Nervensystem kann in drei Komponenten eingeteilt werden:
    1. Sympathisches Nervensystem
    2. Parasympathisches Nervensystem
    3. Enterisches Nervensystem

Vergleich von Sympathikus und Parasympathikus

 SympathikusParasympathikus
Wirkung
  • Aktivierung
  • Leistungssteigerung
  • Angriff oder Flucht
  • Dämpfung
  • Ruhe und Verdauung
Merkhilfe

„Fight or Flight“

„Rest and Digest“

Präganglionäre TransmitterAcetylcholin 
Postganglionäre Transmitter 
  • Noradrenalin (NA)
  • Nebennierenmark: Adrenalin (95%), NA (5%)
  • Cave: bei Schweißdrüsen erfolgt die sympathische Innervation ebenfalls über Acetylcholin 
  • Acetylcholin
Rezeptoren
  • Adrenozeptoren (α₁,α2, β₁, β23)
  • Cholinorezeptoren (nikotinerg, muskarinerg)
  • Cholinorezeptoren (nikotinerg, muskarinerg)

Parasympathikus (PSY)

  • Der Parasympathikus vermittelt seine Wirkung über den Transmitter Acetylcholin, denn dieser wird sowohl vom 1. Neuron (präganglionär) als auch vom 2. Neuron (postganglionär) ausgeschüttet (Reminder: beim Sympathikus schüttet das 2. Neuron v.a. Noradrenalin aus)
  • Durch die Acetylcholinesterase (AChE) wird das Acetylcholin im synaptischen Spalt in Acetat und Cholin gespalten
  • Das Cholin wird anschließend wieder in das Neuron aufgenommen 

Rezeptoren

  • Im Ganglion (der Umschaltung vom 1. auf das 2. Neuron) finden sich nikotinerge Acetylcholinrezeptoren (nACh/n-Cholinozeptoren – Liganden gesteuerter Ionenkanal)
  • An den Zielorganen wird die Wirkung über muskarinerge Acetylcholinrezeptoren (mACh/m-Cholinozeptoren – G-Protein gekoppelte Rezeptoren) vermittelt
    ⟶ M1: Nervenzellen , M2: Herz, M3: glatte Muskulatur und Drüsen, M4 und M5: Gehirn (u.a. Striatum, Hippocampus)

Parasympathikus-Wirkung

Organsystem Wirkung

Auge

 

 

Auge
Miosis (Pupillenverengung), Kammerabfluss verbessert

Speicheldrüsen

 

Speicheldrüsensekretion erhöht

Bronchien

 

Bronchokonstriktion erhöht, Steigerung der Bronchialsekretion

Herz

 

Herz
Negativ chronotrop (Bradykardie), Negativ inotrop (nur an Vorhöfen), Negativ dromotrop

Magen

 

Magen
Magensaftsekretion erhöht

Darm

 

 

Peristaltik erhöht, Sphinktertonus verringert

Blase

 

 

Blase
Detrusor-Muskulatur erhöht, Sphinktertonus verringert

Blutgefäße

 

 

Vasodilatation erhöht

Haut

 

Haut
Schwitzen (durch Sympathikus innerviert)

Man unterscheidet:

  1. Parasympatholytika bzw. Anticholinergika (hemmen den PSY)
  2. Parasympathomimetika bzw. Cholinergika (aktivieren den PSY)
    • Direkte Parasympathomimetika (binden direkt an mACh-Rezeptoren)
    • Indirekte Parasympathomimetika (hemmen die AChE)
Parasympatholytika und Parasympathomimetika
  • Nachahmung (Mimesis) der Wirkung des Parasympathikus
  • Die folgende Übersicht zeigt die physiologische Wirkung des Parasympathikus an seinen Zielorganen

Nebenwirkungen der Parasympathomimetika 

  • Ähnlich zur Wirkung des PSY
  • Auge
    • Miosis (Pupillenverengung)
    • Sehstörungen
    • Transiente Myopie (Kurzsichtigkeit)
  • Systemisch
    • Hypersalivation (vermehrte Speichelproduktion)
    • Bronchokonstriktion (Cave bei Asthma und COPD)
    • Bradykardie (durch die negativ chronotrope Wirkung)
    • Herzrhythmusstörungen bis zum AV-Block (durch die negativ dromotrope Wirkung)
    • Magenulzera (durch vermehrte Magensaftsekretion)
    • Übelkeit und Erbrechen (durch die verstärkte Peristaltik)
    • Vermehrter Harndrang
    • Hyperhidrosis (vermehrtes Schwitzen)

Direkte Parasympathomimetika

 Merke

Direkte Parasympathomimetika sind Muskarinrezeptor-Agonisten.

  • Wirkung:
    • Die direkten Parasympathomimetika wirken agonistisch auf den mACh-Rezeptor
  • Wirkstoffe und Indikationen:
    • Pilocarpin
      • Behandlung der Mundtrockenheit
      • Glaukom
      • Diagnostik der Mukoviszidose (Zystische Fibrose): Schweißtest
    • Carbachol
      • Glaukom
    • Bethanechol
      • Neurogene Blasenentleerungsstörung (verbessert Miktion)
      • Blasenatonie

Indirekte Parasympathomimetika 

 Merke

Indirekte Parasympathomimetika sind Acetylcholinesterasehemmer.

  • Wirkung:
    • Indirekte Wirkung auf den mACh-Rezeptor durch Hemmung der Acetylcholinesterase → Mehr ACh im synaptischen Spalt
  • Wirkstoffe und Indikationen
Wirkstoffe  Indikationen
Reversible indirekte Parasympathomimetika
  • Pyridostigmin
  • Neostigmin
  • Distigmin
  • Myasthenia gravis
  • Darm- und Blasenatonie
  • Antagonisierung nicht-depolarisierender Muskelrelaxantien 
  • Physostigmin (i.v.)
  • Anticholinerges Syndrom
    • Bsp.: Intoxikation mit Atropin oder trizyklischen Antidepressiva
  • Edrophonium (kurzwirksam)
  • Edrophonium-Test
    → Diagnostik der Myasthenia gravis, kurzfristige Verbesserung der Symptomatik
  • Donepezil
  • Rivastigmin
  • Galantamin
  • Leichte bis mittelschwere Demenz
Irreversible indirekte Parasympathomimetika
  • Alkylphosphate (Insektizide wie Parathion) ⟶ giftig
 
  • Wirkung:
    • Parasympatholytika sind kompetitive Antagonisten an den muskarinergen Acetylcholinrezeptoren
    • Die Wirkungen und Nebenwirkungen der Anticholinergika werden in der folgenden Übersicht anhand der Leitsubstanz Atropin verdeutlicht
Organsystem WirkungenNebenwirkungen
Auge
Auge
Mydriasis, Verengung des KammerwinkelsGlaukom 
Mund
Speicheldrüse
Speichelproduktion ↓Mundtrockenheit
Lunge
Bronchus
Bronchodilatation 
Herz
Herz
Positiv chronotrop (HF steigt↑), positiv dromotropTachykardie
Magen
Magen
Magensaftproduktion ↓pH steigt
Darm
Peristaltik ↓Darmatonie, Obstipation
Blase
Blase
Tonusabnahme ↓Harnverhalt
Gefäße
Gefäße
Abnahme der Vasodilatation 
Drüsen
Trocken
Schweißsekretion ↓Fieber, Hautrötung

Atropin

  • Indikationen:
    • Bradykardie
    • Vergiftung mit Alkylphosphaten
    • Überdosierung von Parasympathomimetika (Bsp.: Physostigmin)
    • Therapeutisches Mydriatikum (Wirkdauer bis zu 10 Tagen)

Weitere Anticholinergika

  • Die anderen Anticholinergika wirken spezifischer oder haben eine bessere Pharmakokinetik als Atropin
Wirkstoffe   Indikationen
  • Tropicamid

 

Auge
  • Diagnostisches kurzwirksames Mydriatikum (zur Spiegelung des Augenhintergrundes)
  • Ipratropiumbromid (SAMA: Short-Acting Muscarinic Antagonist)
  • Tiotropiumbromid (LAMA: Long-Acting Muscarinic Antagonist)

 

  • Inhalative Anwendung zur Bronchodilatation
    • COPD
    • Asthma bronchiale
  • Oxybutynin
  • Darifenacin
  • Tolterodin

 

Blase
  • Tonusabnahme des Detrusor vesicae
    • Dranginkontinenz
    • Imperativer Harndrang
    • Häufiger Harndrang (Pollakisurie)
  • Scopolamin

 

Übergeben
  • Zentral dämpfend
  • Antiemetisch wirksam
    • Verwendung bei Kinetosen (Reisekrankheit)
  • Butylscopolamin

 

Darm
  • Nicht ZNS-gängig (keine Sedierung)
  • Spasmolytikum im GI-Trakt sowie der Gallen- und Harnwege
  • Biperiden
  • Behandlung von extrapyramidalmotorischen Störungen (EPS) wie Frühdyskinesien oder parkinsonoide Nebenwirkungen 
  • Kontraindikationen:
    • Leiten sich von den Nebenwirkungen ab
      • Engwinkelglaukom
      • Paralytischer Ileus, Colitis ulcerosa
      • Tachykardie
      • Benigne Postatahyperplasie (Gefahr eines Harnverhalts)
      • Hyperthyreose
      • Demenz
      • Myasthenia gravis
 Achtung

Anticholinerges Syndrom: „Feuerrot, glühend heiß, strohtrocken, total verrückt!“ (bei Überdosierung von Anticholinergika) 

Cave: Zurückhaltende Gabe von Anticholinergika bei älteren Patient:innen

  • Freissmuth et al.: Pharmakologie und Toxikologie. Springer 2012, ISBN: 978-3-642-12353-5.
  • Karow, Lang-Roth: Allgemeine und Spezielle Pharmakologie und Toxikologie 2012
  • Lüllmann et al.: Pharmakologie und Toxikologie. 15. Auflage Thieme 2002, ISBN: 3-133-68515-5
  • Wehling: Klinische Pharmakologie. 2. Auflage Thieme 2011, ISBN: 978-3-131-60282-4
Zuletzt aktualisiert am 21.01.2026
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