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Pathologien des R/S-Umschlags

10 Minuten Lesezeit

Die R- und S-Zacken sind physiologisch spitze und schmale Zacken. Über den Brustwandableitungen kommt es zur sogenannten R-Progression.

Das R wird zunehmend höher, während das S an Tiefe verliert. In der Folge kommt es zu einem Punkt, bei dem das R erstmals größer als das S wird. Dieser Punkt wird als R/S-Umschlag bezeichnet. Er liegt physiologisch zwischen V2 und V3 bzw. V3 und V4.

Wenn das R in den Ableitungen V2 bis V5 nur langsam an Größe zunimmt und es zu einem verspäteten R/S-Umschlag kommt, bezeichnet man dies als verzögerter R-Aufbau.

Besteht gar kein R in den Ableitungen V1-V3, nennt man dies R-Verlust.

Wenn auch in der Ableitung V6 noch ein tiefes S bestehen bleibt, wird dies als S-Persistenz bezeichnet.

R/S-Umschlag

Es gibt vielfältige Ursachen für eine gestörte R-Progression bzw. S-Persistenz. Einige Erkrankungen können isoliert zu einer gestörten R-Progression oder S-Persistenz führen. Meistens treten diese jedoch zusammen auf.

Ursachen für eine verlangsamte R-Progression können ein abgelaufener Vorderwandinfarkt oder eine Linksherzhypertrophie sein.

Eine S-Persistenz kann durch eine Rechtsherzbelastung, z. B. bei einer Lungenarterienembolie, hervorgerufen werden.

Beide Pathologien können ebenfalls durch eine abnorme Thoraxkonstellation (z. B. Adipositas) oder einen fehlerhaften Elektrodensitz verursacht sein. Darüber hinaus können sie Ausdruck intraventrikulärer Leitungsstörungen sein, insbesondere eines linksanterioren Hemiblocks, eines linksposterioren Hemiblocks oder eines Rechtsschenkelblocks.

Abgelaufener Vorderwandinfarkt im EKG

Schauen wir uns einmal am Beispiel an, welche Befunde den Verdacht eines abgelaufenen Vorderwandinfarktes bestätigen.

In diesem Beispiel liegt eine gestörte R-Progression vor. Der R/S-Umschlag ist verspätet in V4/V5 zu finden. Ein Q ist in den Ableitungen V1-V4 verdächtig und bestätigt somit den Verdacht eines abgelaufenen Vorderwandinfarktes. In diesem Beispiel besteht eine QS-Konfiguration in V1. Eine QS-Konfiguration in den Ableitungen V1-V4, macht einen abgelaufenen Vorderwandinfarkt sehr wahrscheinlich.

EKG-Fallbeispiel: Abgelaufener Vorderwandinfarkt und Ventrikelaneurysma
Abgelaufener Vorderwandinfarkt und Ventrikelaneurysma mit pathologischen Q-Zacken
Siehe auch EKG-Fallbeispiel 11
Kardiale Hypertrophie im EKG

Eine R-Progression und S-Persistenz kann Hinweise für das Vorliegen einer kardialen Hypertrophie geben.

Bei einer Druck- oder Volumenbelastung kommt es zu einer Hypertrophie der Herzmuskelzellen. Hierdurch verändert sich auch die Erregungsleitung. Je mehr Herzmuskelzellen erregt werden, desto höher das elektrische Potenzial. Durch die dickere Herzwand kann es ebenfalls zu Erregungsrückbildungsstörungen kommen. Wenn es z. B. bei einem Bluthochdruck zur Belastung und Hypertrophie des linken Ventrikels kommt, nimmt das Potenzial im Bereich des linken Ventrikels zu.

Linksherzhypertrophie im EKG

Durch die Verschiebung der elektrischen Herzachse bei einer linksventrikulären Hypertrophie resultiert ein Links- bzw. überdrehter Linkstyp und eine Zunahme der R-Zacke in I, aVL, V5 und V6. In den entgegengesetzten Ableitungen, also III, aVF und V1-V3 kommt es entsprechend zu einer tiefen S-Zacke.

Um eine linksventrikuläre Hypertrophie zu bestätigen, kann man den Sokolow-Lyon-Index errechnen. Hierzu schaut man sich das tiefste S in V1 oder V2 und die höchste R-Zacke in V5 oder V6 an und addiert deren Amplituden.

In dem rechts dargestellten EKG würde man die Tiefe des S in V2 und die Höhe des R in V6 addieren. Die Summe ergibt den Sokolow-Lyon-Index. In diesem Beispiel würde der Index also 4 mV betragen. Ist der Index größer als 3,5 mV, so ergibt sich der Hinweis für eine linksventrikuläre Hypertrophie.

Die T-Negativierung in V5 und V6 gibt einen Hinweis auf eine höhergradige Hypertrophie mit einer Myokardschädigung.

Rechtsherzhypertrophie im EKG

Bei einer rechtsventrikulären Hypertrophie liegt meistens ein Steil- oder Rechts- bzw. überdrehter Rechtstyp vor. Reziprok zur linksventrikulären Hypertrophie lassen sich hier erhöhte R-Zacken in den rechtspräkordialen Ableitungen (v. a. V1, ggf. V2) finden. In den linkspräkordialen Ableitungen (V5, V6) kommt es zur Ausbildung eines tiefen S. Der Sokolow-Lyon-Index wird hier aus dem höchsten R in V1 oder V2 und dem tiefsten S in V5 oder V6 gebildet. Als Grenzwert gilt 1,05 mV.

 Merke
MerkmalLinksherzhypertrophieRechtsherzhypertrophie
AchslageLinkstyp, ggf. überdrehter LinkstypRechtstyp oder Steiltyp, ggf. überdrehter Rechtstyp
Erhöhte R-ZackeV5, V6V1, ggf. V2
Erhöhte S-ZackeV1–V3V5, V6
Sokolow-Lyon-IndexS in V1 oder V2 + R in V5 oder V6 = >3,5 mVR in V1 oder V2 + S in V5 oder V6 = >1,05 mV

Für ein praktisches EKG-Fallbeispiel zum Thema zum Üben der EKG-Auswertung siehe: EKG-Fallbeispiel 11

Für viele weitere praktische EKG-Fallbeispiele zum Üben siehe Ordner EKG-Fallbeispiele oder EKG-Fallbeispiele-Kurs.

EKG-Fallbeispiel: Abgelaufener Vorderwandinfarkt und Ventrikelaneurysma
Siehe auch EKG-Fallbeispiel 11
Zuletzt aktualisiert am 28.01.2026
Pathologische Q-Zacke
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