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Pneumo-/ Hämatopneumothorax (RD)

Pneumothorax, Hämatothorax, Hämatopneumothorax
36 Minuten Lesezeit

Ein Pneumothorax bezeichnet das Eindringen von Luft in den Pleuraspalt, wodurch der physiologische Unterdruck verloren geht und es zu einem partiellen oder vollständigen Kollaps der betroffenen Lunge kommt. Beim Hämatopneumothorax befinden sich zusätzlich Blut und Luft im Pleuraspalt, wodurch neben der respiratorischen Beeinträchtigung auch eine relevante Kreislaufgefährdung entstehen kann.

Grundsätzlich wird zwischen dem primären und dem sekundären Spontanpneumothorax, dem traumatischen Pneumothorax sowie dem iatrogenen Pneumothorax unterschieden. Während der primäre Spontanpneumothorax typischerweise bei jungen, schlanken Patient:innen ohne bekannte Lungenerkrankung auftritt, entwickelt sich der sekundäre Spontanpneumothorax meist auf dem Boden einer vorbestehenden Lungenerkrankung.

Zu den typischen Leitsymptomen zählen plötzlich einsetzende Dyspnoe, akute einseitige Thoraxschmerzen, ein abgeschwächtes oder fehlendes Atemgeräusch sowie eine asymmetrische Thoraxexkursion. Bei einem Hämatopneumothorax können zusätzlich Blässe, Hypotonie und Zeichen eines Volumenmangelschocks auftreten.

Die bedeutendste Komplikation stellt der Spannungspneumothorax dar. Durch einen Ventilmechanismus steigt der intrathorakale Druck kontinuierlich an, was zu einer zunehmenden Beeinträchtigung von Atmung und Kreislauf bis zum obstruktiven Schock führen kann. Eine frühzeitige Erkennung und sofortige Entlastung sind daher entscheidend.

Die präklinische Therapie umfasst die hochdosierte Sauerstoffgabe, ein kontinuierliches Monitoring, die Anlage eines i.v.-Zugangs, eine adäquate Analgesie, eine symptomorientierte Lagerung sowie bei Bedarf eine Volumentherapie. Bei ausgewählten Patient:innen, beispielsweise bei einem Hämatopneumothorax, einem beidseitigen Pneumothorax, einem Pneumothorax unter maschineller Beatmung oder bei Zeichen eines Spannungspneumothorax, kann eine präklinische Thoraxdrainage erforderlich werden. 

Um den Einstieg in das Thema Pneumothorax etwas zu erleichtern, wird im Folgenden ein Fall beschrieben, wie er sich präklinisch ereignen könnte.

Das Szenario

Einsatzmeldung:

  • Stichwort: Atemnot, Thoraxschmerz
  • Ort: Fußballplatz
  • Alarmzeit: 11:32
  • Anrufer:in: Trainer
  • Anzahl der betroffenen Personen:  1
  • Zusatzinfo:
    • 21-jähriger, männlicher Patient
    • Akute Atemnot
    • Plötzlicher Thoraxschmerz rechtsseitig

Lageeinweisung vor Ort:

Beim Eintreffen des Rettungsdienstes werden die Einsatzkräfte von mehreren Fußballspielern empfangen und zu einem Patienten auf dem Spielfeld geführt.

Die Lage ist wie folgt:

  • Der 21-jährige Patient ist wach und ansprechbar, wirkt jedoch deutlich beeinträchtigt
  • Er berichtet über eine plötzlich auftretende Atemnot in Verbindung mit stechenden rechtsseitigen Thoraxschmerzen
  • Die Symptomatik sei ohne erkennbaren Auslöser oder vorausgegangenes Trauma aufgetreten
  • Nach Angaben seiner Mannschaftskameraden musste der Patient das Spiel aufgrund der zunehmenden Atemnot abbrechen und konnte den Spielfeldrand nur mit Unterstützung erreichen
Fallbeispiel: Pneumo-/Hämatothorax (RD)

Ersteindruck nach xABCDE-Schema

Um sich einen ersten umfassenden Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten in einer Notfallsituation zu verschaffen, bietet sich das xABCDE-Schema an. Um die Arbeit mit dem Schema zu veranschaulichen, ist hier ein xABCDE-Schema abgebildet, wie es im Falle einer Ersteinschätzung bei einer Patientin oder einem Patienten mit einem Pneumothorax aussehen könnte. 

Es handelt sich dabei um die Befunde, die innerhalb der ersten paar Minuten erhoben werden können. Erweiterte Diagnostik und Abfragen sind natürlich von Bedeutung, jedoch würde zum Beispiel die Messung des Blutzuckers in diesem Fall hintangestellt und taucht zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf.

x
  • Keine kritischen Blutungen
A
  • Atemwege frei
  • Schleimhäute rosig
  • Pat. hat zunehmend Schwierigkeiten beim Sprechen

Kein A-Problem

B
  • Inspektorisch:
    • Thoraxexkursionen einseitig
    • Tachypnoe
    • Keine gestauten Halsvenen sichtbar
    • Reizhusten
  • Auskultatorisch:
    • Kein Atemgeräusch auf der rechten Seite
  • Palpatorisch:
    • Keine Krepitation spürbar
    • Thorax insgesamt stabil
  • SpO2: 92%
  • Atemfrequenz: 22/min

Akutes 
B-Problem

C
  • Hautkolorit rosig
  • Insgesamt kaltschweißig
  • Recap-Zeit: < 2 Sekunden
  • Große Blutungsräume ohne Zeichen auf akute Blutungen
  • Palpation des Pulses am Handgelenk:
    • Rhythmisch
    • Gut tastbar
    • Tachykard
    • Herzfrequenz: 116/min

Mittelbares 
C-Problem

D
  • Wach, orientiert, ansprechbar
  • GCS 15
    • Öffnen der Augen: 4
    • Beste verbale Reaktion: 5
    • Beste motorische Reaktion: 6
  • Pupillenkontrolle:
    • Isokor
    • Mittelweit
    • Prompt lichtreagibel
Check

Kein 
D-Problem

E
  • Keine weiteren Verletzungen ersichtlich
  • Symptome:
    • Plötzliche Atemnot
    • Plötzliches Thoraxschmerz rechtsseitig
    • Angst
  • Allergien/Infektionen: Keine
  • Medikamente: Keine
  • Patientengeschichte: Keine Vorerkrankungen
  • Letzte Mahlzeit: 9:00 Frühstück
  • Ereignis:
    • Symptome während Fußballspiel aufgetreten
    • Keine Fremdeinwirkung
  • Risikofaktoren: Nikotinabusus

Kein
E-Problem

 Achtung

Das hier gezeigte Assessment vermittelt nur einen exemplarischen ersten Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten. Im Verlauf der Behandlung müssen weitere Maßnahmen ergriffen und Informationen gesammelt werden. Das Schema erhebt daher keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern soll lediglich einen praktischen Einstieg in das Thema ermöglichen.

 Definition
Pneumothorax

Der Pneumothorax ist definiert als Luftansammlung in der Pleurahöhle zwischen dem Rippenfell (Pleura parietalis) und dem Lungenfell (Pleura visceralis).

 Definition
Hämatopneumothorax

Ein Hämatopneumothorax bezeichnet die gleichzeitige Ansammlung von Luft und Blut im Pleuraspalt. Liegt ausschließlich eine Blutansammlung ohne Luftbeteiligung vor, wird dies als Hämatothorax bezeichnet.

Klassifikation

Nach Ursache:

  • Primärer Spontanpneumothorax: Auftreten ohne bekannte Lungenerkrankung, meist bei jungen, schlanken Patient:innen
  • Sekundärer Spontanpneumothorax: Auftreten infolge einer vorbestehenden Lungenerkrankung, beispielsweise COPD, Asthma oder Lungenfibrose
  • Traumatischer Pneumothorax: Folge eines stumpfen oder penetrierenden Thoraxtraumas
  • Iatrogener Pneumothorax: Komplikation medizinischer Maßnahmen, beispielsweise nach ZVK-Anlage oder Pleurapunktion
 Info

Etwa 85 % treten als primärer Spontanpneumothorax auf, das heißt ohne bekannte Vorerkrankung der Lunge. Die übrigen 15 % sind sekundäre Ursachen.

Nach Verletzungsmuster

Pneumothorax (offen/geschlossen)
  • Geschlossener Pneumothorax: Verletzung der Pleura visceralis. Luft gelangt aus der Lunge in den Pleuraspalt, ohne dass eine Verbindung zur Außenluft besteht
  • Offener Pneumothorax: Verletzung von Thoraxwand und Pleura parietalis. Dadurch besteht eine direkte Verbindung zwischen Pleuraspalt und Außenluft, sodass Luft von außen in den Pleuraspalt eindringen kann

Sonderformen

  • Spannungspneumothorax: Ventilmechanismus mit fortschreitender Luftansammlung im Pleuraspalt und zunehmendem intrathorakalem Druck
  • Hämatopneumothorax: Gleichzeitige Ansammlung von Luft und Blut im Pleuraspalt
  • Hämatothorax: Ausschließliche Ansammlung von Blut im Pleuraspalt
FormTypische Patient:innen / UrsacheWichtige Risikofaktoren
Primärer Spontanpneumothorax Betrifft vorwiegend junge, schlanke und meist männliche Personen ohne bekannte Lungenerkrankung
  • Rauchen
  • Männliches Geschlecht, großer Körperbau 
  • Genetische Syndrome wie Marfan- oder Ehlers-Danlos-Syndrom
Sekundärer Spontanpneumothorax Tritt überwiegend bei älteren Patient:innen mit vorbestehender Lungenerkrankung auf, beispielsweise COPD, Asthma, Lungenfibrose, Pneumonie, Tuberkulose oder Lungenkarzinom
  • Rauchen
  • Entzündliche oder maligne Lungenerkrankungen
Traumatischer PneumothoraxEntsteht infolge eines stumpfen oder penetrierenden Thoraxtraumas, beispielsweise bei Verkehrsunfällen oder Stichverletzungen
  • Polytrauma
  • Rippenfrakturen sowie Barotrauma, beispielsweise beim Tauchen oder durch Explosionen
Iatrogener PneumothoraxKomplikation medizinischer Maßnahmen, beispielsweise nach ZVK-Anlage, Pleurapunktion oder Lungenbiopsie
  • Eingriffe im Thorax- oder Schlüsselbeinbereich
  • Überdruckbeatmung
HämatopneumothoraxGleichzeitige Ansammlung von Luft und Blut im Pleuraspalt, meist infolge eines Thoraxtraumas oder seltener iatrogen bedingt
  • Penetrierende oder stumpfe Thoraxverletzungen
  • Rippenfrakturen mit Gefäßverletzung
  • Polytrauma
  • Thoraxchirurgische Eingriffe sowie Antikoagulation
 Merke
Reminder: Physiologische Grundlagen

Beide Lungenflügel sind von einer zweiblättrigen serösen Haut umgeben, diese wird Pleura genannt.

  • Lungenfell (Pleura visceralis): Umhüllt die Lunge und ist daher das innere Blatt der Pleura. Am Lungenhilus geht das Lungenfell in das Rippenfell über, dabei entsteht eine Umschlagfalte
  • Rippenfell (Pleura parietalis): Äußeres Blatt der Pleura, bedeckt die Brusthöhle
  • Zwischen den beiden Pleurablättern befindet sich der Pleuraspalt (Cavitas pleuralis), darin befindet sich jeweils 5-10 ml Flüssigkeit. Diese Flüssigkeit dient als „Schmiermittel“, wodurch die Reibung der Pleurablätter während der Atmung minimiert wird
  • Im Pleuraspalt besteht ein Unterdruck, zusammen sorgen diese Adhäsionskräfte dafür, dass sich die Pleurablätter reibungsfrei verschieben können und sich gleichzeitig nicht trennen. Daher bleibt die Lunge offen und „hängt“ an der Thoraxwand
Anatomie Pleuraspalt

Verlust des pleuralen Unterdrucks

  • Luft- und/oder Bluteintritt in den Pleuraspalt: Defekt der Pleura visceralis oder Pleura parietalis → Luft (Pneumothorax) oder Luft und/oder Blut (Hämatopneumothorax) gelangen in den Pleuraspalt → Verlust des pleuralen Unterdrucks
  • Lungenkollaps: Aufhebung der Haftung zwischen Lunge und Thoraxwand → elastische Rückstellkräfte der Lunge überwiegen → partieller oder vollständiger Kollaps der betroffenen Lunge
Pneumothorax vs. Hämatopneumothorax
Hämotopneumothorax vs. Pneumothorax

Resultierende Störungen des respiratorischen Systems

  • Hypoventilation: Kollaps der betroffenen Lungenabschnitte → alveoläre Ventilation ↓ → verminderter Gasaustausch
  • Ventilations-Perfusions-Mismatch: Verminderte Ventilation bei weiterhin bestehender Perfusion → Oxygenierung des Blutes ↓ → Hypoxämie
  • Kompensation: Aktivierung des Atemzentrums durch Hypoxie → Atemfrequenz ↑ → Tachypnoe und Dyspnoe
  • Verminderte Vitalkapazität: Reduktion der funktionellen Lungenoberfläche → Einschränkung der respiratorischen Leistungsfähigkeit
 Info

Das Ausmaß eines Pneumothorax kann stark variieren. In der Regel nehmen die Symptome mit der Größe des kollabierten Lungenanteils zu. Die genaue Ausdehnung lässt sich meist erst durch eine Thoraxröntgenaufnahme im Krankenhaus beurteilen.

Pneumothorax Formen

Mögliche hämodynamische Auswirkungen

  • Beeinträchtigte Oxygenierung: Verminderter Gasaustausch → Sauerstoffangebot im Gewebe ↓
  • Kardiovaskuläre Kompensation: Aktivierung des sympathischen Nervensystems → Herzfrequenz ↑ → Tachykardie
  • Ausgedehnter Pneumothorax: Größerer Funktionsverlust der Lunge → zunehmende Hypoxämie und Belastung des Herz-Kreislauf-Systems
  • Zusätzlich beim Hämatopneumothorax:
    • Hypovolämie: Gefäßverletzung mit Blutung in den Pleuraspalt → intravasaler Volumenverlust → Hypotonie und Schockgefahr
    • Kombinierter Druck- und Volumeneffekt: Ansammlung von Luft und Blut im Pleuraspalt → verstärkter Lungenkollaps sowie reduzierter venöser Rückstrom → Verschlechterung der respiratorischen und hämodynamischen Situation
 Achtung

Blutungen in den Pleuraspalt können mit erheblichen Blutverlusten einhergehen.

Überblick

Pathophysiologischer AspektPneumothoraxHämatopneumothorax
Entstehungsmechanismus
  • Luft gelangt durch eine Pleuraläsion in den Pleuraspalt
  • Luft und Blut gelangen durch eine Pleura- und/oder Gefäßverletzung in den Pleuraspalt
Veränderungen im Pleuraspalt
  • Verlust des physiologischen Unterdrucks
  • Kollaps der betroffenen Lunge
  • Verlust des physiologischen Unterdrucks
  • Zusätzliche Raumforderung durch Blutansammlung
  • Kollaps der betroffenen Lunge
Respiratorische Folgen
  • Verminderte Ventilation
  • Eingeschränkter Gasaustausch
  • Hypoxämie
  • Verminderte Ventilation
  • Eingeschränkter Gasaustausch
  • Hypoxämie
Kardiovaskuläre Folgen
  • Je nach Ausdehnung mögliche hämodynamische Beeinträchtigung
  • Zusätzlicher intravasaler Volumenverlust durch Blutung
  • Gefahr einer Hypovolämie und hämodynamischen Instabilität
Klinische Konsequenz
  • Vorwiegend respiratorische Beeinträchtigung
  • Kombination aus respiratorischer und hämodynamischer Beeinträchtigung
 Merke
Zusammenfassung: Kritische Probleme bei einem Pneumothorax bzw. Hämatopneumothorax
  • Verlust des pleuralen Unterdrucks durch Luft beziehungsweise Luft und Blut im Pleuraspalt
  • Partieller oder vollständiger Kollaps der betroffenen Lunge
  • Reduzierte Ventilation und eingeschränkter Gasaustausch
  • Verminderte Oxygenierung des Blutes (Hypoxämie)
  • Dyspnoe und respiratorische Belastung infolge der eingeschränkten Lungenfunktion
  • Beim Hämatopneumothorax zusätzlich Kompression der Lunge durch die Blutansammlung
  • Beim Hämatopneumothorax zudem Gefahr einer kreislaufwirksamen Blutung mit möglicher Hypovolämie und hämodynamischer Instabilität bis zum hämorrhagischen Schock

Typische Zeichen

  • Akuter Thoraxschmerz: Plötzlich einsetzender, meist einseitiger, atemabhängiger und stechender Schmerz auf der betroffenen Seite
  • Dyspnoe und Tachypnoe: Ausdruck der eingeschränkten Ventilation und verminderten Oxygenierung
  • Asymmetrische Thoraxexkursion: Verminderte Atembewegung der betroffenen Thoraxseite
  • Reizhusten: Mögliche Folge einer pleuralen Reizung
  • Abgeschwächtes oder fehlendes Atemgeräusch: typischer Auskultationsbefund auf der betroffenen Seite
 Achtung
Auf Zeichen des Spannungspneumothorax achten → lebensbedrohliche Komplikation:

Typische Zeichen:

  • Zunehmende Dyspnoe mit rascher klinischer Verschlechterung
  • Einseitig fehlendes Atemgeräusch
  • Tachykardie und Hypotonie als Zeichen der hämodynamischen Beeinträchtigung
  • Gestaute Halsvenen durch Behinderung des venösen Rückstroms
  • Trachealverlagerung zur Gegenseite (Spätzeichen)
  • Zyanose und Bewusstseinseintrübung bei fortschreitender Hypoxie

Generalisierte Zeichen

  • Angst, Unruhe oder Panikgefühl
  • Blässe und Kaltschweißigkeit
  • Zyanose bei ausgeprägter Hypoxämie
  • Tachykardie als kompensatorische Reaktion auf Hypoxie oder Blutverlust
  • Kreislaufinstabilität bis hin zum Schock, insbesondere bei Spannungspneumothorax oder ausgeprägtem Hämatopneumothorax

Anamnese

  • S (Symptome): Plötzlich einsetzender, meist einseitiger und atemabhängiger Thoraxschmerz, Dyspnoe, Angstgefühl oder Unruhe, gegebenenfalls Tachykardie und Zyanose
    • Bei Blässe, Kreislaufinstabilität oder Schockzeichen besteht der Verdacht auf einen Hämatopneumothorax mit relevanter Blutung.
  • A (Allergien, Infektionen): bekannte Medikamentenallergien, Kontrastmittelreaktionen oder andere relevante Allergien zur Vorbereitung diagnostischer und therapeutischer Maßnahmen
  • M (Medikation): Einnahme von Bronchodilatatoren, Kortikosteroiden oder Antikoagulanzien (z.B. DOAK, Marcumar). Eine Antikoagulation erhöht das Risiko eines Hämatothorax oder Hämatopneumothorax
  • P (Patientengeschichte): Thoraxtrauma, kürzlich erfolgte medizinische Eingriffe, bekannte Lungenerkrankungen (z.B. COPD, Asthma bronchiale, Lungenfibrose, zystische Fibrose) sowie früherer Pneumothorax
    • Ein Trauma spricht für einen traumatischen Pneumothorax oder Hämatopneumothorax
    • Eine vorbestehende Lungenerkrankung für einen sekundären Spontanpneumothorax
    • Ein früherer Pneumothorax erhöht das Rezidivrisiko
  • L (Letzte …): Zeitpunkt, Menge und Art der letzten Nahrungsaufnahme, insbesondere im Hinblick auf mögliche operative oder anästhesiologische Maßnahmen
  • E (Ereignis): Thoraxtrauma, Sturz, Verkehrsunfall, Stichverletzung, interventionelle Eingriffe, Überdruckbeatmung oder Tauchen
    • Bei fehlendem Trauma kommt als Ursache insbesondere die spontane Ruptur von Pleuraanteilen oder Bullae infrage
  • R (Risiko): Raucherstatus, großer und schlanker Körperbau, bekannte Lungenerkrankungen, Tumorerkrankungen oder vorausgegangene Thoraxverletzungen
    • Junge, schlanke Männer und Raucher haben ein erhöhtes Risiko für einen primären Spontanpneumothorax
  • S (Schwangerschaft): Bei Patientinnen im gebärfähigen Alter Erhebung einer möglichen Schwangerschaft sowie des Zeitpunkts der letzten Menstruation. In seltenen Fällen kann ein Zusammenhang mit einem katamenialen Pneumothorax bestehen.
 Tipp
Nutze Schemata

Um die Anamnese strukturiert durchzuführen, bietet es sich an, Schemata, wie das SAMPLERS oder OPQRST-Schema zu nutzen. Am obigen Beispiel haben wir Fragen und Befunde dargestellt, die bei dem Verdacht auf einen (Hämato-) Pneumothorax abgefragt werden sollten und vorliegen könnten.

Körperliche Untersuchung

Inspektion:

  • Thoraxasymmetrie: Verminderte Thoraxexkursion der betroffenen Seite als Hinweis auf einen Lungenkollaps
  • Dyspnoe und Tachypnoe: Typische Zeichen einer respiratorischen Beeinträchtigung durch eingeschränkte Ventilation und Hypoxämie
  • Einsatz der Atemhilfsmuskulatur: interkostale Einziehungen, Nasenflügeln oder Kutschersitz als Ausdruck einer erhöhten Atemarbeit
  • Paradoxe Atmung: Möglicher Hinweis auf eine Rippenserienfraktur als Begleitverletzung eines traumatischen Pneumo- oder Hämatopneumothorax
  • Subkutanes Emphysem: Sichtbare Schwellung der Haut durch Luftansammlung im Unterhautgewebe

Palpation:

  • Abgeschwächter oder fehlender Stimmfremitus: Hinweis auf eine Luftansammlung im Pleuraspalt
  • Thoraxinstabilität: Möglicher Hinweis auf Rippenfrakturen oder eine Rippenserienfraktur
  • Subkutanes Emphysem: tastbare Luftansammlung im Unterhautgewebe mit typischer Krepitation („Schneeballknirschen“)

Perkussion:

  • Hypersonorer Klopfschall: Typischer Befund bei Pneumothorax durch vermehrten Luftgehalt im Thorax
  • Kombination aus Hypersonorität und Dämpfung: Hinweis auf einen Hämatopneumothorax mit gleichzeitiger Luft- und Blutansammlung im Pleuraspalt
  • Basale Klopfschalldämpfung: Möglicher Hinweis auf größere Blutmengen im Pleuraspalt

Auskultation:

  • Abgeschwächtes oder fehlendes Atemgeräusch: Typischer Befund eines Pneumothorax auf der betroffenen Seite
  • Deutlich vermindertes Atemgeräusch: Hinweis auf einen Hämatopneumothorax durch Luft- und Flüssigkeitsansammlung im Pleuraspalt
  • Pulssynchrones Klicken (Hamman-Zeichen): Seltenes Auskultationsphänomen bei Luftansammlungen im Thorax
  • Silent Chest: Vollständig fehlendes Atemgeräusch als Hinweis auf einen ausgeprägten Pneumothorax oder Spannungspneumothorax

Vitalparameter

ParameterBefundPathophysiologischer Hintergrund
AtemfrequenzTachypnoe
  • Kompensatorische Steigerung der Atemarbeit zur Verbesserung der Oxygenierung bei eingeschränkter Lungenfunktion und Hypoxämie
HerzfrequenzTachykardie
  • Sympathikusaktivierung als Reaktion auf Hypoxie, Stress und gegebenenfalls Volumenverlust
BlutdruckNormal bis erniedrigt, bei schwerem Verlauf Hypotonie
  • Verminderter venöser Rückstrom, hämodynamische Beeinträchtigung oder zusätzlicher Blutverlust beim Hämatopneumothorax
Sauerstoffsättigung Erniedrigt
  • Verminderte Ventilation der betroffenen Lungenabschnitte führt zu einer eingeschränkten Oxygenierung des Blutes
etCO₂Meist erniedrigt
  • Verminderte alveoläre Ventilation und gestörte Perfusion reduzieren die CO₂-Elimination
  • Nach erfolgreicher Entlastung bzw. Drainage typischerweise Anstieg
TemperaturMeist normal, gelegentlich subfebril oder febril
  • Mögliche Entzündungsreaktion bei Pleurareizung, Infektion oder traumatischer Ursache
BlutzuckerStresshyperglykämie, selten Hypoglykämie bei prolongiertem Schock
  • Freisetzung von Stresshormonen (Adrenalin, Noradrenalin, Cortisol) führt zur Mobilisierung von Glukose
  • Bei anhaltender Kreislaufinsuffizienz kann die Glukosebereitstellung erschöpfen

Bildgebung

Ultraschall:

Im Notfall zeigt ein Thorax-Ultraschall den sogenannten „Lung-Point“ oder fehlendes „Lung Sliding“

  • Lung Point: Punkt, an dem sich das kollabierte Lungengewebe von der Thoraxwand löst
  • Lung Sliding: Lungengleitbewegungen während der Atmung
  • Pleuraspalt: fehlender Nachweis des „Kometenschweif“
  • Barcode-Sign
 Tipp
Ultraschall in der Präklinik

Eine Ultraschalluntersuchung benötigt viel Übung. Daher ist die Diagnosesicherheit stark von dem jeweiligen Untersucher, der jeweiligen Untersucherin, abhängig.

In der Präklinik sollte keine unnötige Zeit verloren gehen, um eine zeitgerechte Weiterbehandlung und Diagnostik in der Klinik nicht zu verzögern.

 Info

Die dargestellten Maßnahmen orientieren sich an den Empfehlungen des Deutschen Berufsverbands Rettungsdienst (DBRD) und werden durch weitere spezifische, leitliniengerechte Maßnahmen ergänzt, um eine strukturierte und evidenzbasierte Versorgung von Patient:innen sicherzustellen.

 Merke

Der Pneumothorax stellt ein akutes Krankheitsbild dar, bei dem zunächst die Sicherung der Vitalfunktionen sowie die Stabilisierung der respiratorischen Situation im Vordergrund stehen.

Für den Rettungsdienst ist es entscheidend, zwischen einem interventionsbedürftigen Pneumothorax und einem klinisch stabilen Verlauf zu differenzieren. Auf dieser Grundlage wird die geeignete Therapie eingeleitet.

Ziel der Behandlung ist die Entfernung der Luft aus dem Pleuraspalt, um eine Wiederentfaltung der Lunge zu ermöglichen. Während bei stabilen Verläufen häufig eine konservative Therapie ausreichend ist, erfordert ein klinisch relevanter oder progredienter Pneumothorax eine interventionelle Entlastung, in der Regel durch Anlage einer Thoraxdrainage.

Basismaßnahmen

  • Lagerung: Oberkörperhochlagerung zur Erleichterung der Atmung und Reduktion der Atemarbeit
    • Bei hämodynamischer Instabilität individuelle Anpassung der Lagerung unter Berücksichtigung der Kreislauf- und Atemsituation
  • Sauerstoffgabe: Hochdosierte Sauerstofftherapie zur Verbesserung der Oxygenierung und Reduktion der Hypoxämie
  • Kontinuierliches Monitoring: EKG-, SpO₂-, Atemfrequenz- und wiederholte Blutdruckkontrollen zur frühzeitigen Erkennung respiratorischer oder hämodynamischer Verschlechterungen
  • Venöser Zugang: Anlage von mindestens einem großlumigen i.v.-Zugang zur Medikamenten- und ggf. Volumentherapie
  • Wärmeerhalt: Vermeidung einer Auskühlung durch Wärmeerhaltungsmaßnahmen 
  • Transport: Zügiger Transport in eine geeignete Klinik mit thoraxchirurgischer oder unfallchirurgischer Versorgungsmöglichkeit
 Achtung

Reevaluation: Regelmäßige Beurteilung von Atmung, Kreislauf und Bewusstseinslage zur frühzeitigen Erkennung eines Spannungspneumothorax oder einer hämodynamischen Verschlechterung

Spezifische Maßnahmen

  • Volumentherapie: Bei hämodynamischer Instabilität oder Verdacht auf Hämatopneumothorax bedarfsgerechte Gabe balancierter Vollelektrolytlösungen
  • Analgesie: Adäquate Schmerztherapie, z.B. mit Esketamin 0,125-0,25 mg/kgKG i.v. zur Reduktion von Atemeinschränkung, Stressreaktion und Schonatmung
  • Bei entsprechender Indikation → Anlage einer Thoraxdrainage
  • Bei drohender respiratorischer Insuffizienzeskalierendes Atemwegsmangement
 Tipp

Der Pneumothorax ist ein akutes, jedoch nicht immer lebensbedrohliches Krankheitsbild. Eine präklinische Thoraxdrainage erfolgt nur bei entsprechender Indikation.

Thoraxdrainage/ Pleuradrainage

Die Thoraxdrainage, genauer die Pleuradrainage, stellt beim behandlungsbedürftigen Pneumothorax die definitive Therapie dar. Dabei wird eine klein- oder großlumige Drainage in den Pleuraspalt eingebracht, um Luft und/oder Flüssigkeit abzuleiten. Ziel ist die Entlastung des Pleuraspalts und die Wiederausdehnung der betroffenen Lunge.

Die Anlage erfolgt in der Regel im Bereich der Bülau-Position im 4.–5. ICR in der mittleren bis vorderen Axillarlinie, bevorzugt im sogenannten Safe Triangle

Punktionshöhen beim Pneumothorax
 Merke
Indikationen für die präklinische Thoraxdrainage
  • Beidseitiger Pneumothorax
  • Drohende respiratorische Insuffizienz, z.B. ausgeprägte Dyspnoe oder relevante Hypoxämie
  • Pneumothorax unter maschineller Beatmung, wegen des erhöhten Risikos eines Spannungspneumothorax
  • Gesicherter oder hochgradig vermuteter Hämatopneumothorax
  • Klinische Verschlechterung trotz Basismaßnahmen

Präklinisches Drainagesystem: Heimlich Ventil

  • In der präklinischen Notfallmedizin wird häufig ein Heimlich-Ventil als Drainagesystem bei einem Pneumothorax eingesetzt
  • Es handelt sich um ein Einwegventil, das an eine Thoraxdrainage angeschlossen wird und das Entweichen von Luft aus dem Pleuraspalt ermöglicht
  • Gleichzeitig verhindert das Ventil, dass während der Inspiration Luft zurück in den Pleuraspalt gelangt, wodurch ein erneuter Kollaps der Lunge vermieden wird
  • Das Heimlich-Ventil funktioniert ohne Wasserschloss oder externe Sogquelle und kann daher mobil, lageunabhängig und einfach transportiert werden
  • Aufgrund seiner kompakten Bauweise und der unkomplizierten Handhabung eignet es sich besonders für den Einsatz im Rettungsdienst
  • Haupteinsatzgebiet ist die Behandlung eines Pneumothorax, insbesondere wenn eine kontinuierliche Luftableitung erforderlich ist
Funktionsprinzip eines Heimlich-Ventils
Funktionsprinzip eines Heimlich-Ventils

Klinisches Drainagesystem: Dreikammersystem

 Definition

Das Dreikammersystem ist ein klinisches Thoraxdrainagesystem zur Ableitung von Luft und/oder Flüssigkeiten aus dem Pleuraspalt. Es besteht aus einer Sekretkammer, einer Wasserschlosskammer und einer Sogkontrollkammer. Durch diese Anordnung wird die Drainage von Luft und Flüssigkeiten ermöglicht, während gleichzeitig ein Rückstrom von Luft in den Pleuraspalt verhindert und der angelegte Unterdruck kontrolliert wird.

Aufbau:

  1. Sekretkammer: sammelt abgeleitete Flüssigkeit oder Sekret
  2. Ventilkammer (Wasserschloss): wirkt als Einwegventil und verhindert den Rückfluss von Luft in den Pleuraspalt
  3. Sogkontrolkammer: Reguliert den angelegten Unterdruck und verhindert einen zu starken Sog
Pleuradrainage mit Dreikammergerät
Pleuradrainage mit Dreikammergerät
 Info

Das Dreikammersystem wird umgangssprachlich häufig als „Wasserschloss“ bezeichnet, da das Prinzip des Wasserschlosses ein zentraler Bestandteil dieses Drainagesystems ist.

Verschiedene Formen

SystemtypAufbauFunktionsweiseBesonderheiten
EinkammersystemKombination aus Sekretauffangbehälter und Wasserschloss in einer KammerErmöglicht die Ableitung von Luft und Sekret nach dem Rückschlagventilprinzip und verhindert deren Rückfluss in den PleuraspaltEinfacher Aufbau, jedoch ohne Möglichkeit der Druckregulation; regelmäßige Kontrolle und Anpassung der Eintauchtiefe erforderlich
ZweikammersystemSeparate Kammer für die Sekretaufnahme, sowie eine WasserschlosskammerDurch die Trennung von Sekret und Wasserschloss wird eine bessere Beurteilung der Drainagefunktion ermöglichtKein kontrollierter Sog einstellbar
DreikammersystemSekretkammer, Ventilkammer, SogkontrollkammerZusätzlich zur Ableitung von Luft und Flüssigkeit kann ein definierter therapeutischer Unterdruck im Pleuraspalt eingestellt und reguliert werdenKlinischer Standard, häufig auch als „Wasserschloss-System“ bezeichnet
VierkammersystemDreikammersystem mit zusätzlicher Messkammer bzw. ManometerErmöglicht neben der Sogregulation eine kontinuierliche Überwachung des intrapleuralen DrucksGeeignet für Situationen, in denen eine besonders präzise Druckkontrolle erforderlich ist
Elektronisches DrainagesystemMehrkammeraufbau mit integrierter elektronischer Saug- und ÜberwachungseinheitDigitale Steuerung des Unterdrucks sowie kontinuierliche Messung von Luftleckagen und DrainageparameternAutomatische Alarmfunktionen und präzise Überwachungsmöglichkeiten

Spannungspneumothorax

Spannungspneumothorax
Spannungspneumothorax

Ein Spannungspneumothorax entsteht durch einen Ventilmechanismus, bei dem Luft in den Pleuraspalt gelangt, aber nicht entweichen kann. Dies resultiert in einem Anstieg des intrathorakalen Drucks, welcher wiederum eine Kompression von Lunge, Herz und Gefäßen zur Folge hat. Zudem wird der venöse Rückstrom behindert, was potenziell zu einem obstruktiven Schock führen kann. Zu den charakteristischen Symptomen zählen einseitig fehlende Atemgeräusche, gestaute Halsvenen, akute Dyspnoe, Tachykardie, Zyanose, Hypotonie und Trachealverlagerung. Es liegt ein Notfall vor, der umgehend mittels Nadeldekompression und nachfolgender Thoraxdrainage behandelt werden muss.

Sonderform bilateraler Spannungspneumothorax: Hierbei ist der beidseitige Spannungspneumothorax gemeint, wobei beidseitig eine Nadeldekompression stattfinden muss. Standardisiert ist dieses Verfahren primär bei einer „Trauma-Reanimation.

 Info

Alle weiteren Details und die ausführliche Diagnostik findest du in dem Artikel zum Spannungspneumothorax (RD).

Weitere Komplikationen

Seropneumothorax
  • Hämatothorax, Serohämatothorax, Pleuraempyem: Ansammlung von Flüssigkeiten, Blut oder Eiter in dem luftgefüllten Pleuraspalt
  • Rezidive des Pneumothorax: abhängig von der Ursache treten in 30 % ein erneuter Pneumothorax auf
  • Bilateraler Pneumothorax: beide Lungenflügel sind betroffen → lebensbedrohlicher Notfall!

Zielkrankenhaus

Grundsätzlich sollte der Transport in ein Krankenhaus mit Schockraum, Intensivkapazität sowie 24-h-chirurgischer Versorgungsmöglichkeit erfolgen. Die Auswahl der Zielklinik richtet sich nach der Schwere der respiratorischen und hämodynamischen Beeinträchtigung sowie dem Vorliegen von Begleitverletzungen.

  • Pneumothorax mit relevanter Dyspnoe oder respiratorischer Insuffizienz → Klinik mit chirurgischer Versorgungsmöglichkeit 
  • Hämatopneumothorax → Traumazentrum oder chirurgische Klinik mit Intensivstation, Beatmungs- und Transfusionsmöglichkeiten
  • Offener Pneumothorax oder Spannungspneumothorax → schnellstmöglicher Transport in die nächstgelegene Klinik mit chirurgischer Notfallversorgung
  • Polytrauma oder schwere Thoraxverletzung → regionales oder überregionales Traumazentrum mit Schockraumversorgung

Transportbegleitende Maßnahmen

  • Sauerstofftherapie: hochdosierte Sauerstoffgabe zur Verbesserung der Oxygenierung
  • Monitoring: Kontinuierliche Überwachung von EKG, Blutdruck, SpO₂, Atemfrequenz und gegebenenfalls etCO₂
  • Wärmeerhalt: Vermeidung einer Hypothermie durch Decken und gegebenenfalls angewärmte Infusionslösungen
  • Volumentherapie: Bei Hämatopneumothorax oder hämodynamischer Instabilität → Weiterführen der bedarfsgerechten Volumentherapie
  • Absaugbereitschaft: Vorbereitung auf mögliches Absaugen von Blut, Sekret oder Erbrochenem zur Sicherung der Atemwege
  • Reanimationsbereitschaft: Insbesondere bei respiratorischer oder hämodynamischer Verschlechterung während des Transports
  • Angepasste Lagerung: Oberkörperhochlagerung bei Dyspnoe und stabilem Kreislauf
    • Flachlagerung, ggf. mit leicht erhöhtem Oberkörper bei Hypotonie oder Zeichen einer Kreislaufinsuffizienz

Übergabe in der Klinik 

  • Strukturierte Übergabe nach standardisierten Schemata wie SINNHAFT oder ISOBAR
  • Übergabe relevanter Informationen zu:
    • Unfallmechanismus bzw. vermutete Ursache
    • Klinischem Verlauf und Symptomatik
    • Vitalparametern und Monitoringwerten
    • Auskultations- und Untersuchungsbefunden
    • Durchgeführten Maßnahmen und verabreichten Medikamenten
    • Verlauf unter Sauerstoffgabe oder Volumentherapie
  • Kritische Patient:innen, z.B. Spannungspneumothorax, Hämatopneumothorax oder respiratorische Insuffizienz sollten direkt an das Schockraumteam übergeben werden

Definition

 Definition
Pneumothorax

Der Pneumothorax ist definiert als Luftansammlung in der Pleurahöhle zwischen dem Rippenfell (Pleura parietalis) und dem Lungenfell (Pleura visceralis).

 Definition
Hämatopneumothorax

Ein Hämatopneumothorax bezeichnet die gleichzeitige Ansammlung von Luft und Blut im Pleuraspalt. Liegt ausschließlich eine Blutansammlung ohne Luftbeteiligung vor, wird dies als Hämatothorax bezeichnet.

Ursachen

FormTypische Patient:innen / UrsacheWichtige Risikofaktoren
Primärer Spontanpneumothorax Betrifft vorwiegend junge, schlanke und meist männliche Personen ohne bekannte Lungenerkrankung
  • Rauchen
  • Männliches Geschlecht, großer Körperbau 
  • Genetische Syndrome wie Marfan- oder Ehlers-Danlos-Syndrom
Sekundärer Spontanpneumothorax Tritt überwiegend bei älteren Patient:innen mit vorbestehender Lungenerkrankung auf, beispielsweise COPD, Asthma, Lungenfibrose, Pneumonie, Tuberkulose oder Lungenkarzinom
  • Rauchen
  • Entzündliche oder maligne Lungenerkrankungen
Traumatischer PneumothoraxEntsteht infolge eines stumpfen oder penetrierenden Thoraxtraumas, beispielsweise bei Verkehrsunfällen oder Stichverletzungen
  • Polytrauma
  • Rippenfrakturen sowie Barotrauma, beispielsweise beim Tauchen oder durch Explosionen
Iatrogener PneumothoraxKomplikation medizinischer Maßnahmen, beispielsweise nach ZVK-Anlage, Pleurapunktion oder Lungenbiopsie
  • Eingriffe im Thorax- oder Schlüsselbeinbereich
  • Überdruckbeatmung
HämatopneumothoraxGleichzeitige Ansammlung von Luft und Blut im Pleuraspalt, meist infolge eines Thoraxtraumas oder seltener iatrogen bedingt
  • Penetrierende oder stumpfe Thoraxverletzungen
  • Rippenfrakturen mit Gefäßverletzung
  • Polytrauma
  • Thoraxchirurgische Eingriffe sowie Antikoagulation

Pathophysiologie

Pathophysiologischer AspektPneumothoraxHämatopneumothorax
Entstehungsmechanismus
  • Luft gelangt durch eine Pleuraläsion in den Pleuraspalt
  • Luft und Blut gelangen durch eine Pleura- und/oder Gefäßverletzung in den Pleuraspalt
Veränderungen im Pleuraspalt
  • Verlust des physiologischen Unterdrucks
  • Kollaps der betroffenen Lunge
  • Verlust des physiologischen Unterdrucks
  • Zusätzliche Raumforderung durch Blutansammlung
  • Kollaps der betroffenen Lunge
Respiratorische Folgen
  • Verminderte Ventilation
  • Eingeschränkter Gasaustausch
  • Hypoxämie
  • Verminderte Ventilation
  • Eingeschränkter Gasaustausch
  • Hypoxämie
Kardiovaskuläre Folgen
  • Je nach Ausdehnung mögliche hämodynamische Beeinträchtigung
  • Zusätzlicher intravasaler Volumenverlust durch Blutung
  • Gefahr einer Hypovolämie und hämodynamischen Instabilität
Klinische Konsequenz
  • Vorwiegend respiratorische Beeinträchtigung
  • Kombination aus respiratorischer und hämodynamischer Beeinträchtigung

Klinischer Eindruck

  • Typische Zeichen: akuter Thoraxschmerz, Dyspnoe, Tachypnoe, asymmetrische Atemmuster, Reizhusten
  • Generalisierte Zeichen: Angst, Unruhe, Panik, Zyanose, Kreislaufdysregulation

Diagnostik

Inspektion:

  • Thoraxasymmetrie: Verminderte Thoraxexkursion der betroffenen Seite als Hinweis auf einen Lungenkollaps
  • Dyspnoe und Tachypnoe: Typische Zeichen einer respiratorischen Beeinträchtigung durch eingeschränkte Ventilation und Hypoxämie
  • Einsatz der Atemhilfsmuskulatur: interkostale Einziehungen, Nasenflügeln oder Kutschersitz als Ausdruck einer erhöhten Atemarbeit
  • Paradoxe Atmung: Möglicher Hinweis auf eine Rippenserienfraktur als Begleitverletzung eines traumatischen Pneumo- oder Hämatopneumothorax
  • Subkutanes Emphysem: Sichtbare Schwellung der Haut durch Luftansammlung im Unterhautgewebe

Palpation:

  • Abgeschwächter oder fehlender Stimmfremitus: Hinweis auf eine Luftansammlung im Pleuraspalt
  • Thoraxinstabilität: Möglicher Hinweis auf Rippenfrakturen oder eine Rippenserienfraktur
  • Subkutanes Emphysem: tastbare Luftansammlung im Unterhautgewebe mit typischer Krepitation („Schneeballknirschen“)

Perkussion:

  • Hypersonorer Klopfschall: Typischer Befund bei Pneumothorax durch vermehrten Luftgehalt im Thorax
  • Kombination aus Hypersonorität und Dämpfung: Hinweis auf einen Hämatopneumothorax mit gleichzeitiger Luft- und Blutansammlung im Pleuraspalt
  • Basale Klopfschalldämpfung: Möglicher Hinweis auf größere Blutmengen im Pleuraspalt

Auskultation:

  • Abgeschwächtes oder fehlendes Atemgeräusch: Typischer Befund eines Pneumothorax auf der betroffenen Seite
  • Deutlich vermindertes Atemgeräusch: Hinweis auf einen Hämatopneumothorax durch Luft- und Flüssigkeitsansammlung im Pleuraspalt
  • Pulssynchrones Klicken (Hamman-Zeichen): Seltenes Auskultationsphänomen bei Luftansammlungen im Thorax
  • Silent Chest: Vollständig fehlendes Atemgeräusch als Hinweis auf einen ausgeprägten Pneumothorax oder Spannungspneumothorax

Therapie

Basismaßnahmen:

  • Lagerung: Oberkörperhochlagerung zur Erleichterung der Atmung und Reduktion der Atemarbeit
    • Bei hämodynamischer Instabilität individuelle Anpassung der Lagerung unter Berücksichtigung der Kreislauf- und Atemsituation
  • Sauerstoffgabe: Hochdosierte Sauerstofftherapie zur Verbesserung der Oxygenierung und Reduktion der Hypoxämie
  • Kontinuierliches Monitoring: EKG-, SpO₂-, Atemfrequenz- und wiederholte Blutdruckkontrollen zur frühzeitigen Erkennung respiratorischer oder hämodynamischer Verschlechterungen
  • Venöser Zugang: Anlage von mindestens einem großlumigen i.v.-Zugang zur Medikamenten- und ggf. Volumentherapie
  • Wärmeerhalt: Vermeidung einer Auskühlung durch Wärmeerhaltungsmaßnahmen 
  • Transport: Zügiger Transport in eine geeignete Klinik mit thoraxchirurgischer oder unfallchirurgischer Versorgungsmöglichkeit

Spezifische Maßnahmen:

  • Volumentherapie: Bei hämodynamischer Instabilität oder Verdacht auf Hämatopneumothorax bedarfsgerechte Gabe balancierter Vollelektrolytlösungen
  • Analgesie: Adäquate Schmerztherapie, z.B. mit Esketamin 0,125-0,25 mg/kgKG i.v. zur Reduktion von Atemeinschränkung, Stressreaktion und Schonatmung
  • Bei entsprechender Indikation → Anlage einer Thoraxdrainage
  • Bei drohender respiratorischer Insuffizienzeskalierendes Atemwegsmangement
 Tipp

Der Pneumothorax ist ein akutes, jedoch nicht immer lebensbedrohliches Krankheitsbild. Eine präklinische Thoraxdrainage erfolgt nur bei entsprechender Indikation.

Besondere Situationen

  • Spannungspneumothorax: Eintritt von Luft in Pleuraspalt, welche aufgrund des Ventilmechanismus nicht entweichen kann, intrathorakaler Druckanstieg → akut lebensbedrohlicher Notfall → Nadeldekompression schnellstmöglich durchführen
  • Bilateraler Spannungspneumothorax oder Pneumothorax: beide Lungenflügel sind betroffen → akut lebensbedrohlicher Notfall → Nadeldekompression schnellstmöglich durchführen
  • Weitere Komplikationen: rezidivierender Pneumothorax, Hämatothorax, Serohämatothorax, Pleuraempyem

Transport:

Grundsätzlich sollte der Transport in ein Krankenhaus mit Schockraum, Intensivkapazität sowie 24-h-chirurgischer Versorgungsmöglichkeit erfolgen. Die Auswahl der Zielklinik richtet sich nach der Schwere der respiratorischen und hämodynamischen Beeinträchtigung sowie dem Vorliegen von Begleitverletzungen.

  • Pneumothorax mit relevanter Dyspnoe oder respiratorischer Insuffizienz → Klinik mit chirurgischer Versorgungsmöglichkeit 
  • Hämatopneumothorax → Traumazentrum oder chirurgische Klinik mit Intensivstation, Beatmungs- und Transfusionsmöglichkeiten
  • Offener Pneumothorax oder Spannungspneumothorax → schnellstmöglicher Transport in die nächstgelegene Klinik mit chirurgischer Notfallversorgung
  • Polytrauma oder schwere Thoraxverletzung → regionales oder überregionales Traumazentrum mit Schockraumversorgung
 Tipp

Wenn ihr mehr Informationen und weitere therapeutische Maßnahmen erfahren möchtet, empfehlen wir euch die verlinkten Artikel aus dem klinischen Bereich.

  • Pneumothorax
  • Pneumothorax (Röntgen-Thorax)
Zuletzt aktualisiert am 06.07.2026
Inhalationstrauma (RD)
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